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  Paukenschlag
am Donnerstag

der wöchentliche Kurzkommentar (No. 21)


Egon W. Kreutzer - 24. Mai 2007
 










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ORG-AN-SPEN
DER-MAN-GEL

Wieder einmal hat die Politik ein Problem entdeckt, das Politiker nichts, aber auch gar nichts angeht.
Die Organentnahme an Menschen, die anhand bestimmter - nach wie vor umstrittener - Kriterien für tot erklärt werden, soll möglicherweise zum grundsätzlich erlaubten Regelfall werden. Die Einstimmung des Opfers zur Entnahme soll so lange als gegeben angenommen werden, wie nicht mit "gerichtsfesten" Dokumenten nachgewiesen wird, dass der "Tote", dessen Herz in vielen Fällen noch kräftig schlägt, sich zu "Lebzeiten" die Organentnahme verbeten hat.
Dabei ist es schon eine kotzfreche Manipulation, das Problem überhaupt als "Spendermangel" zu bezeichnen, um sich durch die Verwendung dieses geschickt zurechtgebogenen Unworts die Rechtfertigung zu verschaffen, als Staat gesetzlich gegen den Mangel an Spendern vorzugehen, wenn das Organaufkommen auf freiwilliger Basis nicht ausreicht, um ...

Nicht ausreicht, um WAS ...? Woher nimmt sich der Staat das Recht, die Menge der für Transplantationen verfügbaren Organe einem Werturteil zu unterwerfen?
Die wieder einmal geforderte gesetzliche Regelung gegen den Spendermangel, die möglicherweise in der Hektik vor den Parlamentsferien noch irgendwo in einem Artikelgesetz versteckt durchs Parlament gewunken werden soll, läuft auf die Einführung der Organspendepflicht hinaus, nur vergleichbar mit der allgemeinen Wehrpflicht. (Verweigerer werden der Gewissensprüfung unterworfen.)
Und kommt es dazu, wird die faktische Organspendepflicht, die jeden einzelnen Menschen trifft, schnell als generelle Ermächtigung zur Organentnahme im Interesse des Medizinbetriebes aufgefasst und angewandt werden.

Bekommen die Befürworter einer solchen Regelung ihr Gesetz, wird jeder Mensch, der in einer lebensbedrohlichen Situation auf dem OP-Tisch landet, ganz automatisch zum potentiellen Ersatzteillager. Während der Unfallchirurg noch versucht, zu retten, was zu retten ist, sind die Organscouts schon alarmiert und checken, was noch zu brauchen ist, und zu wem es passen könnte. Die neue, ethische Entscheidungssituation, der sich der verantwortliche Arzt über kurz oder lang zu stellen haben wird, heißt - auf den Punkt gebracht - Selektion. Das Entscheidungskriterium ist die Wirtschaftlichkeit. Nicht für den Staat und die Krankenkassen, sondern für die Nutznießer des Medizinbetriebes.

Die Frage, von der das berufliche Fortkommen abhängt, wird künftig möglicherweise so lauten:

Lässt sich die Dividende unserer Aktionäre eher damit steigern, mehreren Organempfängern das Leben mit neuen Nieren, neuem Herzen, neuer Leber, neuer Lunge, neuen Inselzellen zu retten, und weiteren das Sehen mit neuen Hornhäuten zu verbessern -
oder ist es dem Shareholder Value zuträglicher, einen potentiellen Organspender ganz zu lassen und ihm ein langes, aber wenigstens behandlungsintensives Weiterleben vor dem Tode mit schweren und schwersten Beeinträchtigungen (Querschnittslähmung, Koma irreversible Gehirnschädigung) zu bescheren?
Die Entscheidung wird - es ist anders gar nicht möglich - immer öfter gegen den Spender fallen, der sich nicht wehren kann, ausgeschlachtet zu werden. Der sich "freiwillig" bereit erklärende Spender, wie wir ihn heute kennen, wird aus dem Bewusstsein verschwinden. Stattdessen taucht - in hellen Scharen - das "Freiwild" der Entnahmekandidaten auf.

Damit ist die Verschlechterung der Situation der rechtmäßigen Organeigentümer hinreichend beschrieben.

Völlig unzureichend beleuchtet ist die Frage, wer den Nutzen davon haben wird.
Es gibt mindestens zwei große Gruppen, die ein ganz erhebliches Interesse an der staatlich garantierten Entnahmeberechtigung haben, nämlich:

A) Die Patienten
Menschen, deren Tod sich durch eine Organspende für Monate oder Jahre, eventuell sogar Jahrzehnte hinauszögern ließe, deren Krankheit geheilt oder eingedämmt werden könnte, also Menschen, bei denen dem Aufwand für die Transplantation ein mehr oder minder großer "Lebens-Wert" gegenübersteht, der sich mit den Faktoren "gewonnene Lebensdauer" und "gewonnene Lebensqualität" sogar einigermaßen präzise und zweidimensional umschreiben ließe.
B) Die Beschäftigten und die Eigentümer (Aktionäre)
von transplantationstechnischen Einrichtungen

Transplantationsmedizin ist, wie fast alle Medizin, nicht nur Heilung und Linderung, sondern auch Geschäft. Große private Klinikkonzerne und die wenigen noch im Besitz der Öffentlichen Hand verbliebenen Krankenhäuser haben in teure Einrichtungen und spezialisiertes Personal investiert und sind gezwungen, diese Kapazitäten auszulasten, wenn sie nicht von den Wirtschaftlichkeitsvorgaben der Gesundheitspolitik in die Insolvenz getrieben werden wollen.

Patienten und der Transplantationsbetrieb sind also maßgeblich daran interessiert, dass stets eine ausreichende Anzahl von Organen entnommen werden kann. Die Lobbyarbeit - auch stellvertretend für die Patienten - betreibt der Medizinbetrieb.

Das Interesse der potentiellen Opfer wird von niemandem vertreten.
Es ist doch nur ein billiger Taschenspielertrick, zu behaupten, ein Spender könne ja jederzeit selbst in die Rolle des Patienten kommen, der eine Spende braucht. Wir reden hier nicht von Menschen, die einem nahen Verwandten eine von zwei Nieren, oder Knochenmark spenden, obwohl auch da die Chance, selbst im Gegenzug zum Organempfänger zu werden, relativ gering ist.

Für die große Mehrzahl der ins Auge gefassten Entnahmeopfer gilt:
Nach der Entnahme wird mit Mull ausgestopft und zugenäht.
Aus.

Warum also sollten sich unsere Parlamentarier von irgendwem (vielleicht von der Bertelsmann-Stiftung, vielleicht von den Sana-Kliniken?) ein Gesetz formulieren lassen, um es dann unter Fraktionszwang hurtig durchzuwinken?

Betrachten wir zunächst die Ist-Situation:
Heute erhält jeder Patient, der es benötigt, dann ein passendes Spenderorgan, wenn dieses verfügbar ist und der Patient auf der Warteliste ganz oben steht. Dies ist unabhängig davon, ob der potentielle Empfänger seine Krankheit durch die Art seiner Lebensführung hervorgerufen bzw. begünstigt hat, oder nicht. Die Säuferleber wird durch eine taufrische Leber ausgetauscht, die Raucherlunge wird entsorgt und ersetzt, das übergroße Sportlerherz wandert in den Klinikmüll - sobald das passende Spenderherz gefunden wird.
Es gibt dabei keine erkennbare Bevorzugung von Privatpatienten, dies vor allem deshalb, weil bei der zu geringen Zahl an Spenderorganen nur eine strikte medizinische Beurteilung darüber entscheiden darf, wer wann mit welchem Organ versorgt wird.

Die Soll-Situation wird etwas anders aussehen:
Viele Menschen werden die Mühe nicht auf sich nehmen, der Organentnahme zu widersprechen, sie werden auch vor der Peinlichkeit zurückschrecken, sich an mehreren Körperstellen die "Verweigerer-Raute" eintätowieren zu lassen, die man brauchen wird, um seinen Widerspruch nicht nur auf dem Papier, sondern auch bewusstlos auf dem OP-Tisch wirksam dokumentieren zu können. In der Folge einer vom Staat getroffenen Entscheidung, ein Volk von Organentnahmekandidaten zu schaffen, wird die Organentnahme innerhalb ganz kurzer Zeit als Regelleistung der Krankenversicherungen in den Routineablauf des Sterbens im Krankenhaus integriert sein.
Ein Überfluss an Organen wird über die Transplantations-Abteilungen hereinbrechen - und die Patienten auf den Wartelisten werden in die Situation geraten, dass sie nicht mehr um das einzige, passende Organ in Konkurrenz stehen, sondern dass die Frage im Raum steht, welcher der drei dreißigjährigen Kandidaten welches der drei für jeden passenden Herzen erhält. Spätestens dann werden Organe zur Ware werden und Preise haben.

Eine weitere Folge der jederzeitigen Verfügbarkeit passender Organe wird sein, dass die bestehenden Transplantatitions-Kapazitäten vollständig ausgelastet werden. Selbst Transplantationen mit nur geringen Erfolgsaussichten oder ohne zwingende medizinische Indikation werden durchgeführt werden, weil man sonst wertvolle Organe ungenutzt (also ohne sie gewinnbringend verwertet zu haben) entsorgen müsste. Gleichzeitig reißt der Boom der Transplantationsmedizine neue Milliardenlöcher in Kranken- und Rentenkassen.
Dies führt unausweichlich wieder zu Wartelisten. Diesmal aber nicht, weil keine Organe vorhanden sind, sondern weil es weder genug OP-Säle, noch genug Betten auf den Intensivstationen gibt - und schon gar nicht genügend viele ausreichend qualifizierte Chirurgen. Und wer dann auf den Wartelisten ganz nach hinten rutscht und - zur Freude seiner gesetzlichen Krankenkasse - statt vom Chef-, eben doch nur noch vom Assistenzarzt behandelt wird, kann man sich an fünf Fingern abzählen.

Die Verfügbarkeit zusätzlicher Organe führt also direkt zu einer vermehrten Umverteilung gesunder Organe von unten nach oben. Wenige Privatpatienten werden sehr viel früher und mit bestmöglich geeigneten Organen versorgt, welche - die statistische Wahrscheinlichkeit lässt keine andere Aussage zu - ganz überwiegend aus dem großen Potential der Biomasse "brauchbarer" Kassenpatienten entnommen werden. Kassenpatienten bekommen, falls ihre Kasse die Kosten trägt, das, was übrig bleibt, falls sie die ihnen zugemutete Wartezeit überleben.
Gleichzeitig sinkt voraussichtlich die Hemmschwelle zur Organentnahme. Die Kriterien für den Hirntod werden entweder lockerer gehandhabt, und dann von Ethik-Räten lockerer gefasst, oder gleich vom Gesetzgeber gelockert. Das Wirken krimineller Energien zur Organgewinnung wird geradezu herausgefordert, weil die Frage nach der Herkunft der Masse der Spenderorgane mit vertretbarem Aufwand gar nicht mehr zu beantworten sein wird.

Letztlich ist gegen all das nichts einzuwenden.
Auch Transplantationsmedizin ist nur ein Geschäft - und gute Geschäfte sind das Heiligste, was unsere Gesellschaft im breiten Konsens noch zu verehren bereit ist. Aber dann sollte dieses Geschäft nach fairen Regeln für beide Parteien abgewickelt werden.

Noch liegen allen Geschäften üblicherweise freiwillig abgeschlossene Verträge zu Grunde. Selbst dem Monopolisten kann man sich - mit etwas Aufwand und Mühe - noch verweigern. Warum soll dies ausgerechnet beim schwunghaften Transplantationsgeschäft nicht gelten, warum soll der eine spenden müssen, der andere empfangen dürfen?

Wenn schon eine neue gesetzliche Regelung gebraucht wird,
dann lautet mein Vorschlag dazu:

Nur derjenige, der sich eine ausreichend lange Zeit vorher selbst bereit erklärt hat, seine Organe zu spenden, hat im Bedarfsfall ein Anrecht auf ein Spenderorgan. Punkt, aus, fertig.

Wer selbst nicht bereit war, sich bei Zutreffen der jeweils gültigen Kriterien für den Hirntod in noch brauchbare Einzelteile zerlegen zu lassen, der hat auch kein Recht, sich über Organspendermangel zu beklagen.

Mit einer solchen Regelung müsste den Anklägern ihre Klage über den Spendermangel im Halse stecken bleiben. Niemand könnte mehr heucheln, seine Forderung nach mehr Organen, entspringe nur seiner Sorge um das Wohl der Patienten.
Wenn die Patienten - durch erklärte eigene Spendebereitschaft - nicht selbst für ihr Wohl eintreten, handelt es sich bei allen Forderungungen von Interessenvertretern, Funktionären und Politiker nicht mehr um Fürsorge, sondern um Bevormundung.

In diesem Lichte betrachtet, bekommt übrigens die alttestamentarische Lehre "Auge um Auge, Zahn um Zahn" eine völlig neue, gar nicht uninteressante Bedeutung.

Solange die gesamte Gesellschaft keinen anderen Wertekanon mehr gelten lässt, als den individuellen Egoismus mit allen Mitteln schamlos - und jeder gegen jeden - auszuleben, so lange ist ein Narr, wer - in Anlehnung an die neutestamentliche Aufforderung - "schlägt dich einer auf die linke Wange, so halte ihm auch die rechte hin" - bereit ist, seine Organe Stück für Stück und ohne Gegenleistung herzugeben.

Auch das habe ich aus Christine Bauer-Jelineks Buch "Die geheimen Strategien der Macht - und die Illusionen der Gutmenschen" herausgelesen http://www.bauer-jelinek.at/thema_1/shop/frame_shop.htm

und den Schluss gezogen:
Dass der Staat versucht, uns auf diese Weise per Gesetz zum Narren zu machen, sollte eigentlich auf mehr und kräftigeren Widerspruch stoßen.

 

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Es ist zwar nicht so, dass ich Aufsätze, Kommentare und Paukenschläge nur schreibe,
um Bücher zu verkaufen, aber so, dass ich Aufsätze, Kommentare und Paukenschläge
nur schreiben kann, weil ich Bücher verkaufe, so ist das schon.




 

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* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg

Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre weist Wege in eine gerechtere Zukunft.

Brandneu: Band IV - Kritik und Überwindung des aggressiven Eigentums.
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