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  Paukenschlag
am Donnerstag

der wöchentliche Kurzkommentar (No. 19)


Egon W. Kreutzer - 10. Mai 2007
 










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"Beschluss über die Abwehr von Sabotage"

So lautet der Titel der offiziellen Gründungsurkunde der Stasi, die vom Politbüro der SED am 24. Januar 1950 verabschiedet wurde. Damit begann für die Bürger der DDR für lange 40 Jahre ein Leben im immer perfekter werdenden Überwachungsstaat.

In der damaligen "Sowjet-Zone" fand damit die Überwachungstätigkeit der Gestapo, unter der ganz Deutschland von 1933 bis 1945 zu leiden gehabt hatte, ihre Fortsetzung.

 

 

Wer nichts zu verbergen hat,
braucht auch nichts zu befürchten.

Wer hat diesen makabren Satz wohl zum ersten Male ausgesprochen?

 

War es ein Anführer der Hl. Inquisition zur Rechtfertigung der Methoden der peinlichen Befragung? War es Napoleons Geheimpolizist Fouché, das Mitglied der 'Gesellschaft der Verfassungsfreunde', der immerhin alleine in Lyon zur vorsorglichen Verhinderung einer Gegenrevolution 1.600 Menschen auf die Guillotine schickte und damit, lange vor Klaus Barbie, den Beinamen 'Schlächter von Lyon' zu tragen hatte?

Sicher ist, dass es diese Formel "Wer nichts zu verbergen hat, der ..." schon lange vor Heydrich und Mielke gegeben haben muss.

 

Doch so dumm und kurzsichtig dieser Satz auch ist, er dient immer wieder aufs neue als Argument, wenn es darum geht, den Überwachungsstaat zu perfektionieren. Und, als ob die Menschheit in 1.000 Jahren nichts dazu gelernt hätte, funktioniert die verführerische Lüge immer noch. Es reicht, eine ausreichend erschreckende Gefahr an die Wand zu malen, und schon finden sich brave und ehrliche Bürger genug, die dem zustimmen und sich freiwillig in eine Gefangenschaft begeben, aus der sie sich aus eigenen Kräften nicht mehr befreien können.

In der Bundesrepublik Deutschland findet derzeit eine verworrene Debatte um die Abschaffung von Bürgerrechten statt, in der es darum geht,

ob der Staat,
wenn er nur will,

alles was er will,
mit allen Mitteln

über jeden seiner Bürger in Erfahrung bringen darf.

 

Die Debatte ist so weit gediehen, dass ein Grundsatz des Rechtsstaats, nämlich die Unschuldsvermutung, unter die Räder gekommen und zugrunde gerichtet worden ist.

Herr Schäuble, der Innenminister aus dem schwarzen Lager, bei dessen Anblick ich mich jedesmal unwillkürlich nach jenen Zeiten zurücksehne, als Gerhart Baum, ein besonnener und liberaler Innenminister von Format, noch für die Innere Sicherheit verantwortlich war, - dieser Herr Schäuble, Nach-Nach-Nachfolger im Amt, will die Unschuldsvermutung für Terroristen nicht gelten lassen.

Wie praktisch.

Wenn es eine Unschuldsvermutung für Terroristen nicht gibt, jeder also zunächst einmal pauschal des Terrorismus verdächtig ist, ist die Tür zum Überwachungsstaat über den Generalverdacht des Terrorismus, der alle Bürger trifft, so weit aufgestoßen, wie seit 1949 nicht mehr.

Und während Herr Schäuble nach vielen Ankündigungen nun ein Gesetzespaket geschnürt hat, macht sich die Polizei daran, die neuen Freiheiten schon einmal zu üben. Mit einer Großrazzia gegen Globalisierungskritiker, wurde ein 'Terrorismusverdacht' zum Anlass genommen, Stärke zu zeigen. Dabei ging es, wie ein Offizieller verlautbarte, gar nicht darum, konkrete Straftaten zu vereiteln, man wollte nur besseren Einblick in Strukturen und Beziehungen gewinnen.

Dass der Sozialdemokrat Wiefelspütz das Argument ausgegraben hat, jeder Jura-Student lerne schon im zweiten Semester, dass die Unschuldsvermutung sowieso nur im Strafrecht gelte - nicht aber, wenn es um die Bekämpfung von Terrorismus gehe, und sich koalitionstreu dem Wunsch nach mehr Staat und mehr Überwachung anschließt, macht die Angelegenheit nicht erfreulicher, letztlich stehen wir nun nämlich in der Situation,

dass einem Mörder, einem Kinderschänder, einem Bankräuber, einem Bilanzfälscher

unter Achtung seiner Freiheitsrechte,
nachgewiesen werden muss, dass er gemordet, vergewaltigt, geraubt oder betrogen hat.
Sonst verlässt er das Gericht als freier Mann.

Und das selbst dann, wenn die Tat zweifelsfrei bewiesen,
der Beweis aber unrechtmäßig erlangt wurde.

Für den Straftäter gilt: Ein unrechtmäßig erlangter Beweis darf nicht berücksichtigt werden.

 

Ein unbescholtener Bürger aber,
der vom bösen Nachbarn, vom befreundeten Geheimdienst,
vom Geliebten seiner Ehefrau oder vom Chef des Konkurrenzunternehmens
als terrorverdächtig denunziert wird,
büßt damit unverzüglich alle bürgerlichen Freiheitsrechte ein, wird zum Gegenstand dauernder Observation in allen, auch intimsten Angelegenheiten.

Wer zu ihm Kontakt hält, dem droht das gleiche Schicksal,

und wer Pech hat,
der lernt vielleicht sogar Guantanamo von innen kennen.

 

 

Dasch isch eben das Rischiko, das isch der Preisch der Sicherheit.

 

Quats.

Die Welt im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen werden davon nicht ein Fitzelchen sicherer.

Die Neurose, die hinter dem Bestreben steht, stets über jeden alles wissen zu müssen, selbst jedes Gerücht kennen zu müssen, das in Umlauf ist, und sich schon fünf Minuten später erneut versichern zu müssen, dass man auch tatsächlich alles weiß, hat einen Namen: "Kontrollzwang".

Für einsichtige Patienten gibt es eine Heilungschance, die anderen brauchen passende Jobs.

 

Obwohl die Organisationen früherer Überwachungsstaaten auf deutschem Boden, Gestapo und Stasi, ihre Schatten bis in unsere Gegenwart werfen, obwohl ihre Akten noch heute Gefahr für Schuldige und Unschuldige bedeuten, sind wir - im Gefolge der psychotischen Terrorangst unserer Verbündeten - auf dem besten Weg dazu, in Deutschland erneut eine geheime Überwachungsorganisation zu installieren, deren technische Mittel nicht nur qualitativ höherwertig sind als alles bisher Dagewesene, sondern auch eine nie vorher bestehende Fähigkeit zur Sammlung und vor allem zur mühelos-schnellen Auswertung gigantischer Datenmassen bereitstellen.

Das wohlfeile Argument:

"Die beiden früheren Überwachungsorganisationen sind von verbrecherischen Regimen errichtet und betrieben worden, um jeden Widerstand des Volkes gegen die Diktatur im Keim ersticken zu können.
Die jetzt etablierte Überwachungsmaschinerie darf damit nicht verglichen werden, denn sie dient ausschließlich dem Ziel, jeden Anschlag auf die Demokratie im Keime zu ersticken",

ist zwar schön anzuhören, aber letztlich doch nur das Zeugnis einer fatalen Selbsttäuschung.

Selbst die allerbeste Regierung kann morgen durch Putsch, Neuwahlen oder den Einmarsch einer fremden Armee aus dem Amt gejagt werden.

Dann übernimmt die neue Herrschaft die Datenbestände und wütet damit unter dem Volk.


Welche der gespeicherten Informationen in welcher Kombination dann wen verdächtig machen, ist heute überhaupt nicht absehbar. Aber die Daten werden heute gesammelt und stehen zur Auswertung bereit - und diese Datenberge werden Fragen beantworten helfen, die die heutige Regierung (hoffentlich) noch nicht einmal denkt, geschweige denn stellt.

Die Selbsttäuschung der Schöpfer von Überwachungsinstrumenten besteht darin, dass sie glauben, sich mit Hilfe dieser Instrumente auch die Herrschaft über diese Instrumente bewahren zu können - und sie besteht darin, dass sie sich selbst offenbar für unsterblich, unabsetzbar, unersetzlich halten -

und sich im alleinigen Besitz der Verfassungs-Wahrheit wähnen.

Die Selbsttäuschung der Schöpfer von Überwachungsorganisationen besteht nämlich auch darin, dass sie sich zwar einerseits als Hüter und Bewahrer der Verfassung ansehen, aber andererseits nicht zögern, die Verfassung bei Bedarf so zu verändern, dass die einstige Schutzburg der Bürger, in der sie vor machtgierigen und Macht missbrauchenden Staatsdienern Sicherheit finden sollten, Schritt für Schritt in ein Gefängnis umgebaut wird. Dass sich immer wieder Mehrheiten von Abgeordneten finden, die solche schwerwiegenden Veränderungen mittragen, ohne das Volk, um dessen Verfassung es sich handelt, an der Diskussion zu beteiligen, macht betroffen.

Es wird manchen erbosen, aber es muss festgehalten werden:

Wilhelm Tell wäre womöglich nie in die Geschichtsbücher geraten, Martin Luther hätte es wahrscheinlich nie geschafft, seine Thesen an die Klostertüre zu nageln, Russland würde vermutlich heute noch von Zaren regiert und in den USA wäre die Sklaverei vielleicht immer noch nicht abgeschafft, hätte die jeweils herrschende Obrigkeit damals schon die heute verfügbaren Überwachungsmöglichkeiten nutzen können.

Noch schlimmer, und ohne Restzweifel:

Millionen und Abermillionen anderer, ganz normaler Menschen aus allen Schichten des Volkes, hätten ihre Lebensziele niemals erreichen können, weil sie mit unterschiedlichsten Mitteln aufgrund der Datenlage vorsorglich daran gehindert worden wären.

Es gilt: Wer keine Gefahr vermutet, ist gefährdet.

 

Tell, Lincoln, Luther und auch die Aufständischen in Russland wussten um die Gefahren und konnten ihre Gedanken, Ziele und Pläne lange genug geheim halten. Sie hätten es heute schwerer, aber es wäre ihnen eben auch heute nicht unmöglich, ihren Beitrag zur Geschichte zu leisten.

Das gleiche gilt natürlich auch für alle diejenigen, die wir heute nicht als Freiheitshelden, Befreier, Reformer oder Neuerer, sondern als Terroristen, Verfassungsfeinde, Umstürzler und Ketzer ansehen.

Wer als "Terrorist" eine Gesellschaft bedroht, wird,

gleichgültig, wie frei er sich dort unter Freien - oder wie unfrei er sich dort unter Unfreien bewegen kann,

Wege finden, seine Ziele zu erreichen.

Wer sich der Überwachung nicht entziehen kann, kann doch zumindest dafür sorgen, dass das über ihn gespeicherte Datenbild so aussieht, wie er es wünscht.

Wer etwas zu verbergen hat, muss vom Überwachungsstatt alles Mögliche befürchten - nämlich alles, was jeder andere Bürger, der nichts zu verbergen hat, auch zu befürchten hat, aber er muss nicht fürchten, dass seine speziellen Gedanken, Ziele und Pläne vorzeitig entdeckt werden.

Die Mittel der Überwacher sind ja beschränkt und sie greifen nur, soweit es jeder einzelne zulässt. Weniger Überwachung zuzulassen kann unbequem werden, es kann auch Zeit kosten, aber das sind doch keine Argumente! Wer lässt sich von Unbequemlichkeiten und zeitaufwändigen Umwegen abhalten, wenn er "um jeden Preis" etwas erreichen will?

 

Die Mittel des technisierten Überwachungsstaates sind schnell aufgezählt:

1. Mittel zur Feststellung des Aufenthalts und von Bewegungen:

Video-Überwachung

an stärker frequentierten öffentlichen Straßen und Plätzen, an allen Haltepunkten öffentlicher Verkehrsmittel, in und um öffentlichen Gebäuden und Einrichtungen, ebenfalls in und um Unternehmen und Privatwohnungen.

Der Bereich der Video-Überwachung kann jedoch immer noch mühelos verlassen werden, für ggfs. notwendige konspirative Treffen sind nicht überwachte Anlaufwege und Treffpunkte immer noch leicht zu finden.

Mautbrücken-Fotografie

Noch sind nur die Autobahnen mautpflichtig und mit Mautbrücken ausgerüstet. Niemand ist auf die Benutzung von Autobahnen angewiesen - Motorradhelme und nur hinten angebrachte Kennzeichen können schützen.

Handy-Ortung

Man muss das Handy nur ausschalten.

Man kann nicht registrierte Handys erwerben, gestohlene Handys mit Prepaid-Karten im Bedarfsfall einmalig verwenden. Man kann das Handy eingeschaltet zu Hause lassen. Der Möglichkeiten gibt es viele. (Das gilt sinngemäß auch für den Laptop, wenn unterwegs online)

Aufklärungsflugzeuge - Satelliten

Technische Möglichkeiten, die durchaus zur Verfolgung bereits identifizierter Verdächtiger im Inland genutzt werden können. Für eine reine Vorratsdatensammlung sind sie aber vollkommen ungeeignet. Wer einen Hut oder auch nur eine Baseball-Kappe trägt, ist zumeist schon ausreichend davor geschützt, zufällig auf einem zufällig aufgenommenen Luftbild erkannt zu werden und er verstößt dabei noch nicht einmal gegen das Vermummungsverbot.

 

2. Zur Feststellung von Kontakten und Kommunikationsinhalten

Festnetztelefon, Fax, Handy, Internet, Briefpost

Alle per Telefon, Mobiltelefon und Internet geknüpften Kontakte können vollständig aufgezeichnet und ausgewertet werden. Briefe lassen sich mit entsprechenden Einrichtungen auch ohne sie zu öffnen, lesen, kopieren, speichern.

Zumeist genügt aber im offenen und unverschlüsselten Austausch die Verwendung sehr einfacher Codeworte innerhalb eines unverdächtigen Kontextes, um keinerlei Aufmerksamkeit zu erwecken. Wer sich über den Hauptverband der deutschen Geflügelzüchter kennt und sich über die Erfolge bei der Nachzucht von Nackthalshühnern austauscht, sollte auch Nackthalshühner züchten, damit ist dann schon alles gegessen.

Wenn man sich außerdem immer nur auf den Orts- und Bezirksvereinstreffen begegnet (man kann solche Vereine übrigens zur Not auch selbst gründen und die Treffen bei Bedarf anberaumen), kann man sogar mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf der Autobahn anreisen und braucht keinen Hut zu tragen. Nie gesehen, fotografiert, erkannt zu werden, ist ja schließlich auch verdächtig.

Für sensiblere Kontakte und Kommunikationsinhalte empfiehlt es sich jedoch, den elektronischen Übertragungswegen und dem öffentlichen Postdienst fern zu bleiben. Größere Datenbestände werden vom PC auf ein geeignetes Speichermedium - z.B. USB-Stick - übertragen und dann über geeignete Zwischenstationen weitergegeben.

Ist es erforderlich, Briefe zu schreiben, dann so, dass beim Durchleuchten für ein Zeichenerkennungssystem nichts - oder nur Sinnloses zu erkennen ist. Absender ist sinnvollerweise ein lebender Mensch aus dem Ort, wo der Brief auch in den Kasten geworfen wird, Empfänger ist der Bote, der den Brief über die letzte schmutzige Meile zum eigentlichen Empfänger transportiert.

Wo ist das Problem?

Dass die Möglichkeiten des Internets, insbesondere Netzwerke zwischen Menschen zu knüpfen, und Kommunikation zwischen Menschen zu ermöglichen, die sich nie vorher persönlich kennengelernt haben, und damit "Bewegungen" ins Leben zu rufen, noch nie frei von Überwachung waren - im Netz ist schon immer alles öffentlich - wurde womöglich vom einen oder anderen Naiven nicht wahrgenommen. Ändert aber nichts daran, dass die Kommunikation über das Internet nie sicher war und folglich von Profis in sensiblen Angelegenheiten auch nie genutzt worden ist.

Online-Untersuchung

Wer etwas zu verbergen hat, braucht einen zweiten PC, der nicht am Netz hängt und muss seine sensiblen Daten auf Datenträgern spazieren tragen, statt sie als Dateianhang per E-Mail zu verschicken. Das ist alles. Ein bisschen unbequem, ein bisschen zeitraubend, aber nicht wirklich hinderlich.

Bank - Kreditkarte - sonstige öffentlich zugängliche Datenbestände

Ein durchschnittlich ordentlich geführtes Konto ist kein Problem, eine Kreditkarte da - oder nur da - zu benutzen, wo man seine Anwesenheit zu einem bestimmten Zeitpunkt dokumentieren will, ist auch kein Problem. Bargeld gibt es am Bankautomaten und wird in Deutschland auch noch überall gerne angenommen.

Man kann sogar die EC-Karte eines Fremden (Finanziers) besitzen und sich, nach dessen Freigabe, von seinem Konto das benötigte Geld abheben. Da führt keine Spur zum Geldempfänger, man muss nur aufpassen, nicht voll in die Überwachungskamera am Geldautomaten zu grinsen.

Strafzettel, Ampelblitze, Auffahr-Blitz-Fallen
und was sonst so in den Bereich der Verkehrsüberwachung fällt sollte man vermeiden. Aber ganz ohne Punkt in Flensburg fällt man irgendwann auch auf. Also gezielt punkten - und alles ist o.k.

Überhohe Lebensversicherungssummen und ein Abo der Zeitschrift "Der Sprengmeister" machen verdächtig, also kauft man die Fachzeitschrift am Kiosk und bleibt bei der LV bescheiden. Eine Mitgliedschaft beim ADAC kann nicht schaden, sie zeigt, dass man in die Gesellschaft integriert ist... usw.

 

Wer ein paar einfache Vorsichtsregeln beachtet, wird gar nicht erst in die Verlegenheit kommen, einen Agenten abschütteln, die eigene Wohnung nach Wanzen durchsuchen oder vor Richtmikrofonen flüchten zu müssen - denn davon gibt es noch weniger, als Überwachungskameras, und der aufwendige Einsatz wird selten zur Vorratsdatensammlung angeordnet.

Wer wirklich einen Anschlag plant, und sich an die Vorsichtsregeln hält, muss auch nicht fürchten, vom bösen Nachbarn, vom befreundeten Geheimdienst, vom Geliebten seiner Ehefrau oder vom Chef des Kokurrenzunternehmens als terrorverdächtig denunziert zu werden. Ohne Ehefrau, freundlich und nachgiebig zum Nachbarn und auch nicht wirklich als Konkurrent zur Konkurrenz aufzutreten, ist gar nicht so schwer. Das sind Gefahren, die nur verheirateten Platzhirschen mit großen beruflichen Ambitionen drohen. Ein Attentäter hat damit kein Problem.

 

Der ganze übergroße Überwachungsstaat produziert also nichts als gläserne Bürger, zwischen denen gläserne Terroristen, Umstürzler, Freiheitskämpfer, Revolutionsführer, Reformatoren und Querdenker ungehindert ihre Ziele verfolgen können.

Es besteht keine Notwendigkeit, zur Planung von Anschlägen nach Afghanistan zu reisen.

Das ist - ganz im Gegenteil - eher unprofessionell. Jeder, der ein bisschen Vorsicht walten lässt, könnte auch mitten in Deutschland einen großen Anschlagsplan bis zur Ausführungsreife erarbeiten, ohne Gefahr zu laufen, entdeckt zu werden. Diese Feststellung darf jedoch nicht als Aufforderung zur Errichtung von noch mehr Überwachungsstaat verstanden werden. Nein! Mit dem Nachweis, dass die frühzeitige Entdeckung von Attentätern nicht möglich ist, verbindet sich die Aufforderung, die Überwachung der Bürger baldmöglichst und in großen Schritten wieder aufzugeben.

Wir sind doch nicht die Meerschweinchen der Regierung.

Wir bilden uns unsere Meinung und unseren Willen immer wieder neu und immer wieder anders und erwarten von der Regierung, die wir uns wählen, dass sie für uns, mit den von uns an sie abgetretenen Rechten freier Bürger, unseren demokratisch geformten Willen durchsetzt, statt unser Denken und Wollen zu kontrollieren, um ihren, von unserem abweichenden Willen durchsetzen zu können.

 

Was für Planung und Vorbereitung von Verbrechen gilt, gilt übrigens ebenso für die Umsetzung und Ausführung der Pläne wirklicher Terroristen, Freiheitskämpfer, Revolutionäre und Reformer.

Sie sind erst zu erkennen, wenn es zu spät ist.

Erst das Fliegen zu lernen, dann ein Passagierflugzeug zu kapern und damit über eine weite Strecke in ein Hochhaus zu steuern, das ist der pure Dilettantismus. Ein solch komplexer Plan kann eigentlich gar nicht funktionieren - und die Vorbereitung sollte eigentlich genügend Auffälligkeiten mit sich bringen, um ihn vereiteln zu können.

Dass es in New York trotzdem gekracht hat, ist also keinesfalls der größenwahnsinnigen Genialität von Plan und Ausführung zuzuschreiben, sondern, solange man sich weigert, an die Vorsehung zu glauben, einer besonderen, einmaligen Konstellation von Umständen, die das Zustandekommen dieses Ergebnisses begünstigten.

Wer so umständlich und mit so großem Aufwand arbeitet, hat nie etwas von den Hebelgesetzen gehört.

Wer einen großen Schaden anrichten will, den Tod vieler Menschen anstrebt oder in Kauf nimmt, findet das Material und die Energie, die er benötigt, überall fix und gebrauchsfertig vor, es kommt nur darauf an, an der richtigen Stelle einen kleinen Hebel anzusetzen.

Wenn Flugzeuge nicht starten, nur weil erst eine Maus gefangen werden muss, die ein Kabel anknabbern könnte, dann wird doch klar:

Die Welt ist voll von Gefahren, die sich ein Terrorist praktisch jederzeit zu Nutze machen kann. Er braucht dazu nicht mehr als eine Portion gesunden Menschenverstand, den Blick für die Schwachstellen und ein bisschen technisches Geschick.

Alles was benötigt wird, kann man sich in Drogerie und Baumarkt beschaffen. Wer braucht eine Ladung Dynamit, um einen Kran umstürzen zu lassen? Wer braucht ein Präzisionsgewehr mit Spezialmunition, um einen Tanklastwagen in Brand zu setzen? Wer braucht schweres Gerät und umfangreiche "Bauarbeiten", um einen Zug aus den Schienen springen zu lassen?

Solche Annahmen sind doch alles nur Ausgeburten von Bürokratengehirnen ohne den geringsten Hauch von Fantasie. Kein Wunder, dass Verschwörungstheoretiker immer wieder auf abwegige Ideen über die wahre Urheberschaft von Anschlägen kommen.

Nein. Unsere komplexe Welt ist bis an den Rand vollgestopft mit potentiellen Gefahren, und in ihren Nerven- und Energiebahnen so verletzlich, dass jeder, der es sich ernsthaft vornimmt, innerhalb weniger Wochen vollkommen unbemerkt einen großen Anschlag planen, vorbereiten und ausführen kann.

 

Dass es die Vielzahl großer Anschläge nicht gibt, hat nichts mit dem Erfolg der präventiven Überwachung zu tun, sondern nur damit, dass es das behauptete Ausmaß der Gefahr offenbar nicht gibt.

Je enger aber die Schlinge um den Hals der Bürger zugezogen wird, je weniger es möglich wird, in diesem Land noch frei zu atmen, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass jemand glaubt, er müsste ein Zeichen setzen.

Muss es soweit kommen?

Die Absicht kann es ja wohl nicht sein.

 

PS

Bei den in diesem Aufsatz angedeuteten Szenarien und Schlussfolgerungen handelt es sich weder um einen Aufruf, noch um die Anleitung zur Planung und Ausführung von Anschlägen. Alle Informationen sind daher absichtlich so unvollständig und unpräzise gehalten, dass sie gerade noch aufschlussreich genug und geeignet sind, um beim freien Bürger die Erkenntnis reifen zu lassen, dass zwischen der Rückkehr des Überwachungsstaates und dem damit vorgeblich verfolgten Ziel längst nicht der zwingende Zusammenhang besteht, der von den Befürwortern behauptet wird.

Auch wer heute glaubt, nichts verbergen zu müssen, wird - wenn den Forderungen der Baumeister des Überwachungsstaates nachgegeben wird - bald alles verbergen müssen.

Ist unser kollektives Gedächtnis wirklich so kurz?
Haben wir aus den Epochen von Gestapo und Stasi wirklich nichts gelernt?

Wollen wir wirklich wieder dahin kommen, dass jeder voller Misstrauen gegen jeden sein muss? Muss erst wieder der Sohn dem Vater, die Schwester dem Bruder, der Nachbar dem Nachbarn, der Lehrer dem Schüler misstrauen, bevor wir die Arme der Krake erkennen? Muss erst wieder jener kollektive Autismus ausbrechen, in dem alle alles für sich behalten, alles was sie wissen, was sie haben, denken, wünschen, hassen, lieben, weil niemand mehr weiß, was, wann, in welcher Weise gegen wen verwendet werden könnte, aber klar ist, dass über jeden irgendwelche im Geheimen gewonnene Informationen gespeichert sind und bei Bedarf von der Staatsgewalt wie die Trumpfkarten des Falschspielers aus dem Ärmel gezogen werden?

Muss es wirklich erst soweit kommen?

 

Wenn man Schäuble zuhört, könnte man glauben, es geht nicht anders.


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* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg

Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre weist Wege in eine gerechtere Zukunft.

Brandneu: Band IV - Kritik und Überwindung des aggressiven Eigentums.
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