Home alle Kommentare alle Leserbriefe  Stichwortsuche  Startseite Geld 

Impressum - Pflichtangaben - Copyright


  Paukenschlag
am Donnerstag

der wöchentliche Kurzkommentar (No. 18)


Egon W. Kreutzer - 3. Mai 2007
 










Druckversion

 

Nur zur Erinnerung


Die Freude
über die neuerlich gesunkenen Arbeitslosenzahlen
ist an sich eine gute emotionale Reaktion.

Ich freue mich mit jedem, der es geschafft hat, wieder eine befriedigende Arbeit, verbunden mit einem auskömmlichen Einkommen zu finden. Schließlich geht es mir in meiner ganzen Argumentation immer nur darum, dass die, nach den Anfängen in der Kohl-Ära, mit der Agenda 2010 und den Hartz-Gesetzen eingeleitete Phase einer forcierten Ausbeutung ein Ende findet und es wieder zu einer angemessenen Beteiligung der werteschaffenden Bevölkerung an eben diesen, von ihr geschaffenen Werten kommt.

Dass die Zahl der Arbeitslosen sinken wird, wenn man, wie von der Hartz-Kommission vorgeschlagen, die Definitionen für die Arbeitslosigkeit verändert, war schon klar, als Peter Hartz gerade den ersten Zipfel des Geheimnisses um seine Module gelüftet hatte.

Dass es länger dauerte, als damals angenommen, lag daran, dass die Arbeitgeber keine Chance versäumten, sich in dem günstigen Klima des von der Sozialdemokratie verantworteten Sozialabbaus, von so vielen Mitarbeitern wie möglich zu trennen, solange die verbliebenen, vor lauter Angst bereit und, am Rande der physischen und psychischen Kräfte, noch fähig waren, die Arbeit der Entlassenen, zumeist auch noch mit sinkenden Einkommen, zu übernehmen.


Nun holen sie allmählich die Entlassenen zurück. Als Leiharbeiter und Praktikanten, als Niedrig- und Kombilöhner, als 1-Euro-Jobber und als illegal Beschäftigte dubioser Subunternehmer - und entlassen gleichzeitig weiterhin diejenigen, deren Arbeitsverträge noch vernünftige Löhne und Arbeitsbedingungen vorsehen, um sie dann, als Leiharbeiter, Praktikanten, Ein-Euro-Jobber, Niedriglöhner und illegal Beschäftigte dubioser Subunternehmer wieder einzusetzen.

Hier nur das jüngste, eher zufällig öffentlich gewordene Beispiel.
http://www.sueddeutsche.de/muenchen/artikel/601/112489/4/

Ist es aber ein Grund zur Freude,

dass die Heerscharen der um Einkommen, Vermögen und Zukunftshoffnung gebrachten Menschen aus den ehemaligen Belegschaften nun -- in den unterschiedlichsten Formen des Prekariats -- zurück geholt werden, in die Werkhallen, um für Bruchteile des ehemaligen Lohnes mit Mühe die nackte Existenz zu sichern?

Nein. Das ist selbst dann kein Grund zur Freude, wenn gleichzeitig die Zahlen der als arbeitslos erfassten Menschen Monat für Monat nach unten korrigiert werden.

Sinkende Arbeitslosenzahlen kann man nämlich nicht essen.

 

Nachstehend,

nur zur Erinnerung,
einige in diesem Zusammenhang durchaus relevante Informationen.

 

Seit dem 1. Februar 2006

wird das Arbeitslosengeld (ALG I) für alle, die jünger als 55 Jahre sind, nur noch für 12 Monate gewährt. Für über 55-jährige besteht ein Anspruch auf maximal 18 Monate ALG I.

Vor dem 1. Februar 2006 war die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes abhängig vom Alter und den Beitragszahlungszeiten in den letzten 7 Jahren vor der Arbeitslosigkeit. Arbeitslosengeld wurde, je nach persönlicher Konstellation, mindestens 6, maximal 32 Monate lang gezahlt.


Seit dem ersten Februar 2007 sind die ersten Neu-Arbeitslosen mit 12-monatiger ALG-I-Bezugszeit aus dem Arbeitslosengeld I Bezug herausgefallen. Und zwar zusätzlich zu den Langzeitsarbeitslosen, die vor dem 1. Februar 2006 arbeitslos wurden und Anspruch auf eine Bezugsdauer von mehr als 12 Monaten hatten. Dieser vermehrte Rückgang der ALG I-Bezieher führt jedoch nicht in gleichem Maße zu einem Anstieg der ALG II - Bezieher, sondern in dem Maße zu einem zusätzlichen Sinken der Arbeitslosenzahlen, wie die Betroffenen noch Hoffnung und/oder Vermögen haben, oder einen 1-Euro-Job annehmen, oder in Maßnahmen geraten, oder über 55 sind und auf weitere Vermittlungen verzichten, oder einen Kombilohn-Job akzeptieren, oder sonst ein Umstand besteht, der es erlaubt, sie nicht als Arbeitslose zu zählen. Sie sind draußen, aus der Statistik - und es kommen keine mit längeren Bezugsdauern mehr nach. Die Kürzung der maximalen Bezugsdauer des ALG I wird noch für ungefähr anderthalb Jahre lang, Monat für Monat zu einer Verminderung der Zahl der gezählten Arbeitslosen führen, ohne dass sich deshalb an der realen Arbeitsmarktsitutation etwas verändern bräuchte.

So entstehen gleich drei positive Aspekte: Die Ausgaben für ALG I sinken, die Zahl der gemeldeten Arbeitslosen auch, und im untersten Segment des Arbeitsmarktes wächst die Zahl derjenigen, die bereit sind, auch für den niedrigsten Hungerlohn noch Arbeit anzunehmen. So wünscht sich die Wirtschaft einen Standort.

 

Was heißt hier Standort?

Der "Sonntagsblick", eine Schweizer Wochenzeitschrift, brachte jüngst in einer Serie mit dem Titel:
"Wie viele Deutsche verträgt die Schweiz?", den Artikel "Flucht aus dem Armenhaus" von Werner Vontobel.

Das "Armenhaus" in diesem Artikel ist Deutschland.

Das Fluchtziel ist die Schweiz und als Ursache benennt das Schweizer Blatt einen Hauptgrund:

"Deutschland hat sich innerhalb weniger Jahre mutwillig zum Billiglohnland und zum Armenhaus gemacht. Selbst im Boomjahr 2006 gingen die Löhne weiter zurück."

Im Laufe der letzten 10 Jahre seien die Reallöhne, also das, was als Kaufkraft beim Beschäftigten ankommt, in Deutschland um 5,1 Prozent gesunken, während die Reallöhne in den USA, England und Schweden um mehr als 20 Prozent, in Frankreich um 10 und in der Schweiz immer noch um 4,1 Prozent gestiegen sind.

Der gesamte, lesenswerte und informative Artikel findet sich hier: http://www.blick.ch/sonntagsblick/wirtschaft/artikel56773

Er endet mit der Feststellung:

"Deutschland wird wohl noch lange Zeit ein Auswanderungsland bleiben."

Es kann davon ausgegangen werden, dass Auswanderer und Auslandspendler die deutsche Arbeitslosenstatistik alleine in den letzten beiden Jahren um rund 500.000 Arbeitslose entlastet haben.
Auch dies ist nicht unbedingt ein Grund zur Freude, zumal unter den Auswanderern und Auslandspendlern viele von denen zu finden sind, an deren Qualifikation in Deutschland jetzt Mangel herrscht.


Nur zur Erinnerung:

Die Umsätze des deutschen Einzelhandels sind in den Monaten Januar bis März 2007 real um 1,2% gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres gesunken.

Damit, dass die Einkäufe der Auswanderer (geschätzt 150.000 in 2007) wegfallen, können höchstens die 0,2 Prozent erklärt werden, die hinter dem dem Komma stehen. Das volle Prozent vor dem Komma besagt, wenn man in diesem Bild bleibt, dass innerhalb von 12 Monaten auch die Kaufkraft von 750.000 Menschen, die im Lande geblieben sind, vollständig entfallen ist.

Ist es also ein Grund zur Freude, festzustellen, dass die Zahl der Arbeitslosen im gleichen Zeitraum um ungefähr den gleichen Betrag gesunken ist?

Nur zur Erinnerung:

Drei Zahlen Zahlen aus dem Monatsbericht April 2007 der Bundesagentur für Arbeit:

Im April 2007 erhielten


 1. Arbeitslosengeld I:

 1.189.919 Personen

 2. Arbeitslosengeld II:

 5.204.567 Personen

 3. Sozialgeld:

 1.919.509 Personen

   
   
 In Summe

 8.313.995 Personen

 Als arbeitslos gezählt wurden:

 3.966.648 Personen

und dass es Menschen gibt, die nicht als arbeitslos gezählt werden, obwohl sie Arbeit suchen,
aber weder ALG I, noch ALG II oder Sozialgeld empfangen,
soll bei dieser Gelegenheit ebenfalls
- nur zur Erinnerung -
erwähnt werden.

 

Und dass das Statistische Bundesamt feststellte, die tariflichen Stundenlöhne von Arbeitern seien
stärker gestiegen als die Inflation, sagt auch nichts darüber aus,

wie viele Stunden denn überhaupt und wie viele davon tariflich bezahlt wurden,
und ob die Lohnsumme, vor allem aber die Kaufkraft,
insgesamt gleich geblieben, gesunken, oder gestiegen ist.

Auch dass die Stundenlöhne der Angestellten weniger stark gestiegen sind als die Inflation,
ist im Grunde eine ziemlich irrelevante Information.

Eine Zahl über die Einkommensentwicklung
der Privaten Haushalte mit monatlichen Einkommen unter 20.000 Euro,
also ohne die überaus erfreulichen Erhöhungen der Gehälter der Ackermanns, der Pierers
und ihrer Direktoren und Bereichsfürsten,
wäre nützlich.

Aber die gibt es nicht.


nach oben ------- Kommentare zu diesem Paukenschlag



 

a


* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg

Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre weist Wege in eine gerechtere Zukunft.

Brandneu: Band IV - Kritik und Überwindung des aggressiven Eigentums.
Hier
"Ich freue mich sehr über Ihr Interesse und möchte Sie gerne auf weitere Angebote meiner Site aufmerksam machen - bitte sehen Sie sich um!" Mehr Aktuelles,
alle
Leserbriefe,
alle
Kommentare
die Statisitk zum
Stellenabbau in Deutschland
Grundlagenwissen Geld - "...Geld ist nicht einfach da!"
kontakt/feedback
Newsletter bestellen
Der Patient ist die Lösung
Ein radikal vernünftiges Konzept zum Gesundheitswesen