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  Paukenschlag am
Grün-Donnerstag

der wöchentliche Kurzkommentar (No. 14)


Egon W. Kreutzer - 5. April 2007
 










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Einstürzende Luftschlösser
Glaube fordert Opfer.

Politiker wissen das.

Die Rente mit 67 ist das Opfer von zwei Lebensjahren (oder, häufiger, das ersatzweise gewählte Opfer von längst verdienten Rentenansprüchen) auf dem Altar des Wirtschaftsgottes. Wer dieses Opfer bringt, darf glauben, damit einen Beitrag zur Vollbeschäftigung der kommenden Generationen zu leisten.
Der 1-Euro-Job ist das Opfer aller bis dahin erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten, aller erworbenen Besitzstände und der Herrschaft über die eigenen Zeit auf dem Altar des Arbeitslosenstatistikgottes. Wer dieses Opfer bringt, darf mit Inbrunst daran glauben, dass ihm sein Opfer den direkten Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt öffnet.
Die Steuermittel zur Finanzierung der Auslandseinsätze der Bundeswehr sind das Opfer auf dem Altar des Großmachtgottes, das erbracht werden muss, um daran glauben zu dürfen, dass Deutschland schon wieder so groß ist, dass es am Hindukusch verteidigt werden kann, ohne dass deshalb auch nur ein Soldat den Geltungsbereich des Grundgesetzes verlassen müsste.

"Die glauben doch selbst nicht, was sie uns da weiß machen wollen",

ist einer der häufigsten Kommentare, den der gemeine*) Bürger von sich gibt, wenn ihm Politiker die Welt - und ihre Absichten erklären. Dass er sie dann letztlich doch wieder wählt, liegt daran, dass die Auswahl beschränkt und das Wahlrecht das letzte Bürgerrecht ist, das den Kampf gegen den Terror bisher unbeschadet überstanden hat. So eine Kostbarkeit gibt der mündige Bürger nicht ohne Not aus der Hand.

*)
("gemein" hier nicht im Sinne von "hundsgemein" sondern von "allgemein")

 

Genug der Vorrede.

Der von Hans Eichel, Peer Steinbrück und Roland Koch aufgerichtete Glaubenssatz, das Glück aller zukünftigen Generationen, der schon geborenen, wie auch der noch ungeborenen hinge davon ab, heute ein Opfer auf dem Altar des Gottes der Geldwertstabilität zu bringen, also gute, kaufkräftige Zahlungsmittel nicht im Wirtschaftskreislauf zu belassen, sondern sie stattdessen für die Tilgung von Staatsschulden zu verwenden, setzt ebenfalls auf die glaubensverstärkende Kraft des Opfers.
Dabei sind zu allen Zeiten alle den Göttern dargebrachten Opfer durch die Opferung entweder vollständig zerstört worden, oder, weit häufiger, in den Besitz der Priester und der von ihnen abhängigen Gewerbetreibenden gelangt - während ebenfalls festzustellen ist, dass Priester und Götter die Erfüllung ihrer Verheißungen - von wenigen*) Ausnahmen abgesehen - zu allen Zeiten schuldig geblieben sind.
*) Die katholische Kirche hat zum Beispiel in Lourdes seit der ersten Marienerscheinung im Jahre 1858 bis heute nur 67 Wunderheilungen offiziell anerkannt. In Anbetracht der Zahl von 6 Millionen Pilgern, die derzeit alljährlich das Opfer der Wallfahrt mit Übernachtung und Frühstück auf sich nehmen, ist das keine berauschende Zahl - die Wahrscheinlichkeit für 6 Richtige im Lotto 6 aus 49 liegt in der gleichen Größenordnung.


Der neuerliche Versuch,


die Zusammenhänge von Beschäftigung, Wachstum, Staatsverschuldung, Zinslasten und Tilgung noch einfacher und klarer darzustellen, war überfällig. Dabei auf alle überflüssigen technischen Details, ja sogar auf alle geldtheoretischen Erkenntnisse zu verzichten, ist mir schwergefallen. Ob er gelungen ist, mögen die Leser beurteilen.



Tilgung von Staatschulden,
eine Form des wirtschaftspolitischen Opferglaubens

Die Schuldenuhr des Bundes der Steuerzahler zeigt, bei einem Zuwachs von derzeit 1.056 Euro pro Sekunde, einen Gesamtbetrag von rund 1,5 Billionen Euro an. Der Bund der Steuerzahler fordert ganz entschieden dazu auf, den Schuldenberg abzutragen. Die Mehrzahl der Politiker gibt vor und/oder ist aktiv damit beschäftigt, dieser Forderung nachzukommen.

Die jüngsten Steuerschätzungen für einen Zeitraum von vier Jahren verheißen einen Anstieg der Steuereinnahmen gegenüber den letzten Langzeitschätzungen um etwa 3,5 Prozent. Diese Schätzungen bilden erneut den Nährboden für eine maßlose Aufschwungpropaganda und Selbstbeweihräucherung der Regierung, veranlassen die gleiche Regierung, allen voran den Finanzminister, aber auch, den von den Schätzern vorhergesagten Segen der Volkswirtschaft gleich wieder zu entziehen, um durch forcierte Tilgung den Abbau der Staatsverschuldung weiter voranzutreiben. Die dem zugrunde liegende Annahme, dass bei sinkenden Schulden auch die Ausgaben für Zinsen sinken, dass der Staat folglich jeden Euro, den er an Zinsen spart, statt ihn den Gläubigern zukommen zu lassen, wieder für seine eigentlichen Aufgaben verwenden kann, scheint vollkommen klar und logisch. Doch auch die Annahme, dass sich die Sonne um die Erde dreht, scheint so lange vollkommen klar und logisch, wie man nicht versucht hat, eine andere, plausiblere Erklärung zu finden, die sowohl das täglich wiederkehrende Phänomen von Sonnenauf- und untergang, wie auch die scheinbaren Bewegungen der Planeten und der übrigen Sterne befriedigend erklärt.

Den Nachweis zu führen, dass die Staatsverschuldung ein wichtiger Beitrag zur Geldversorgung einer Volkswirtschaft ist, dass Staat, Wirtschaft und Bevölkerung durch den Versuch, Staatsschulden zu tilgen, ganz massiv geschädigt werden, ist glücklicherweise einfacher und leichter nachzuvollziehen, als die Analyse der Planetenbahnen. Das einfachste und daher verständlichste, noch "wahre" Modell, an dem die Realität verzerrungsfrei dargestellt werden kann, unterscheidet innerhalb eines volkswirtschaftlichen Ganzen lediglich fünf Kategorien von beteiligten Wirtschaftssubjekten:

1. Die privaten Haushalte ohne nennenswertes Vermögen
Das sind die Haushalte von Arbeitern und Angestellten, Soldaten, Beamten, Rentnern, Pensionären sowie die Haushalte der Bezieher staatlicher Unterstützungsleistungen.
Die erwerbsfähigen Mitglieder dieser privaten Haushalte tragen die Hauptlast der volkswirtschaftlichen Leistungserstellung. Aus den Brutto-Löhnen der erwerbstätigen Personen werden rund 50 Prozent der Aufwendungen für die Sozialsysteme, rund 90 Prozent des gesamten Steueraufkommens und der eigene Konsum finanziert.

2. Die privaten Haushalte mit nennenswertem Vermögen
Das sind Haushalte von Unternehmern, Ärzten, Freiberuflern, von leitenden Angestellten, hochrangigen Politikern und Beamten, sowie sogenannten "Privatiers", soweit es ihren Mitgliedern gelungen ist, durch Erbschaft oder eigene Aktivitäten so viele "Ersparnisse" zu bilden, dass die daraus fließenden, leistungsfreien Einkünfte (Zinsen, Dividenden, Mieten, Pachten) trotz laufender Entnahmen für den standesgemäßen Konsum ausreichen, ein stetiges Anwachsen ihres Kapitalstocks zu bewirken.
Die Mitglieder dieser privaten Haushalte tragen zur volkswirtschaftlichen Leistungserstellung nur einen geringen Teil bei. An den Aufwendungen für die Sozialsysteme sind sie nicht beteiligt, vom Steueraufkommen des Staates stammen etwa 5 Prozent aus diesen Haushalten.

3. Die Wirtschaft (im Allgemeinen)
Die Wirtschaft stellt die Produkte und Leistungen bereit, die von den privaten Haushalten, vom Staat und von ausländischen Interessenten nachgefragt werden.
Aus den Umsatzerlösen der Wirtschaft werden die Löhne und Gehälter ihrer Beschäftigten, rund 50 Prozent der Aufwendungen für die Sozialsysteme, rund 5 Prozent der Steuereinnahmen des Staates, der Großteil der eigenen
Investitionsaufwendungen, die Gehälter der leitenden Angestellten und die Nebeneinkünfte von Politikern sowie die Gewinne der Eigentümer bzw. Anteilseigner erwirtschaftet.

4. Der Staat
Der Staat stellt den Bürgern ganz überwiegend Dienstleistungen bereit, die als hoheitliche Aufgaben nur vom Staat wahrgenommen werden können und solche, die sinnvollerweise nicht dem Gewinnstreben der privaten Wirtschaft unterliegen sollten.
Der Staat finanziert sich aus den Steuereinnahmen und in geringem Umfang aus direkt erhobenen Entgelten für die von ihm erbrachten Dienstleistungen.
Aus den Steuereinnahmen des Staates werden die Löhne, Gehälter und Pensionen der Beschäftigten des Staates sowie die Aufwendungen für deren Sozialfürsorge finanziert. Der Staat tritt außerdem als (Groß-)Kunde der Wirtschaft auf.

5. Die Banken (als Teil der Wirtschaft im Besonderen)
Die Banken organisieren den Zahlungsverkehr zwischen allen Beteiligten, sammeln die Geldreserven der privaten Haushalte und stellen dem Staat, der Wirtschaft und den privaten Haushalten bei Bedarf und Bonität Kredite zur Verfügung.

Ansonsten gilt für die Banken, was auch für die Wirtschaft im Allgemeinen gilt.

Das Zusammenspiel der Wirtschaftssubjekte
im Zahlungsmittelkreislauf

Natürlich hat ein Kreis(-lauf) weder einen Anfang, noch ein Ende. Natürlich vollziehen sich die nachfolgend beschriebenen Abläufe nicht alle im gleichen Takt hintereinander, sondern weitgehend parallel in vielen kleinen, eigenen, untereinander vernetzten Kreisläufen, doch wird das Geschehen besonders deutlich, wenn man den Wirtschaftskreislauf einmal idealisiert, also tatsächlich als einen geschlossenen Kreis betrachtet.

Startsituation
Als Startsituation soll die Idealsituation eines geräumten Marktes dienen.
Das gesamte in der letzten Periode erzeugte Waren- und Leistungsangebot ist verkauft. Gleichzeitig ist die gesamte (kaufkräftige) Nachfrage befriedigt. Alle Zahlungsmittel befinden sich daher in den Kassen und auf den Girokonten der Wirtschaft.

Schritt 1 - Primärverteilung
Aus der Startsituation heraus entwickelt sich das Wirtschaften einer neuen Periode. Das beginnt notwendigerweise damit, dass die Wirtschaft die als Umsatz eingenommenen Zahlungsmittel benutzt, um ihre eigenen Verpflichtungen zu erfüllen.

(Die nachfolgend verwendeten Relationen entsprechen übrigens in etwa den realen Verhältnissen in der Bundesrepublik Deutschland.)

 100 Prozent  Umsatz = 100 Prozent Zahlungsmittel stehen zur Verfügung
 29 Prozent  fließen als Netto-Löhne und Gehälter an die Beschäftigten
 7 Prozent  fließen als Lohnsteuer an den Staat
 18 Prozent  fließen als Beiträge (AG+AN) an die Sozialversicherungsträger
 22 Prozent  fließen als Investitionen in die Produktionsanlagen
 23 Prozent  fließen als Gewinn, Zins, Miete, Pacht an private Haushalte mit nennenswertem Vermögen
 1 Prozent  fließt als Unternehmens-Steuern der Wirtschaft an den Staat

Es mag zunächst verwundern, dass in dieser Betrachtung keinerlei Materialkosten vorkommen. Das resultiert daraus, dass hier die Wirtschaft insgesamt betrachtet wird. Dabei stellt sich heraus, dass der Planet Erde und alles was darauf wächst, kreucht und fleucht, zunächst einmal vollständig kostenlos vorhanden ist. Wer Material kauft, bezahlt damit immer nur Löhne (für die Urerzeugung und Veredelung) und Gewinne (der Unternehmer und Grundeigentümer), das "Material" selbst, ist - solange es vorhanden ist - immer kostenlos vorhanden.

(Lebten wir nicht im Zeitalter der grenzenlosen Globalisierung, müsste für Im- und Exporte einer speziellen Volkswirtschaft diesbezüglich eine gesonderte Betrachtung erfolgen. Da jedoch praktische alle Grenzen gefallen sind, kann auch diese gesonderte Betrachtung entfallen.)

Schritt 2 - Umverteilung

Im zweiten Schritt geht es sehr viel turbulenter zu. Um die Übersicht zu behalten ist ein hoher Abstraktionsgrad erforderlich. Die hier gewählte Darstellung von Teilschritten der Umverteilung soll das Verständnis erleichtern.

Teilschritt a) Vervollständigung der Staatseinnahmen
Dem Staat stehen bereits 8 Prozent der gesamten Zahlungsmittel aus Lohn- und Unternehmensbesteuerung zur Verfügung. Es fließen ihm weitere 7 Prozent aus der Erhebung der Mehrwertsteuer auf den Konsum der privaten Haushalte (ohne nennenswertes Vermögen) und zusätzliche 7 Prozent aus weiteren indirekten Steuern, die ebenfalls aus dem Budget der Haushalte ohne nennenswertes Vermögen stammen, zu.
Ein weiteres Prozent der Zahlungsmittel fließt dem Staat aus der Besteuerung des Einkommens und des Konsums der privaten Haushalte mit nennenswertem Vermögen zu.
Der Staat verfügt nach diesem Teilschritt über 23 Prozent der Zahlungsmittel.

Teilschritt b) Hinzurechnung der Sozialversicherungsbeiträge
Die Sozialversicherung muss realistisch dem Staat zugerechnet werden, zumal der Staat letztlich aus den Steuermitteln auch die Ausfallhaftung übernimmt. Incl. Sozialversicherungsbeiträgen stehen dem Staat nun 41 Prozent der Zahlungsmittel zur Verfügung.

Teilschritt c) Ausgaben des Staates
Der Staat gibt die eingenommenen Zahlungsmittel regelmäßig vollständig wieder aus, ein erheblicher Teil fließt als Personalkosten an die eigenen Mitarbeiter, ein weiterer erheblicher Teil als Transferleistung an Rentner, und Arbeitslose - insgesamt macht das etwa ¾ der Gesamteinnahmen, also knapp 31 Prozent der Zahlungsmittel aus.

Schritt 3 Sparen

Nach Durchlaufen der Umverteilungsschritte a) bis c) ist die Zahlungsmittelmenge bei den Haushalten ohne nennenswertes Vermögen von anfänglich 29 Prozent durch (hauptsächlich indirekte) Steuern um 14 Prozentpunkte auf 15 Prozent gesunken, dann aber um 31 Prozentpunkte auf 46 Prozent wieder angehoben worden. Dem Staat verbleiben 10 Prozent, die Wirtschaft hat 22 Prozent zur Finanzierung geplanter Investitionen, das sind insgesamt 78 Prozent der Zahlungsmittel, die mit hoher Wahrscheinlichkeit im nächsten Schritt der Wirtschaft wieder als Umsätze zufließen.
Unklar ist, welcher Anteil der Einkünfte aus Vermögen und Unternehmensgewinnen in Konsum umgesetzt werden. Fest steht, dass die Sparquote der privaten Haushalte in Deutschland mit mindestens 10 Prozent angesetzt werden muss.
Übertragen wir diese Sparquote auf unser Modell, so folgt daraus, dass rund 8 Prozent der Zahlungsmittel gespart werden, dem Wirtschafts- und Zahlungsmittelkreislauf also entzogen bleiben.
(Die Gesamteinkünfte der privaten Haushalte liegen in unserem Modell bei 78 Prozent der Zahlungsmittel, davon 10 Prozent Sparquote ergibt, aufgerundet, 8 Prozent)

Schritt 4 Umsatz

Der Kreislauf schließt sich. Allerdings gelingt es nicht, die von der Wirtschaft bereitgestellten Produkte und Leistungen vollständig abzusetzen. Der Bedarf ist zwar da, aber das für eine wirksame Nachfrage erforderliche Geld fehlt. Es ist gespart - und zwar ganz überwiegend von den privaten Haushalten mit nennenswertem Vermögen.
8 Prozent des Angebots der Wirtschaft bleiben ungenutzt in den Regalen, weil eben auch 8 Prozent der Zahlungsmittel ungenutzt im Safe oder bei der Bank liegen.

 

 Vorläufiger Erkenntnisgewinn

Die Menge der in einer Volkswirtschaft verfügbaren Zahlungsmittel vermindert sich in dem Maße, wie Sparguthaben gebildet werden.

Wird die Menge der verfügbaren Zahlungsmittel vermindert, vermindern sich auch die Umsätze der Wirtschaft.

Sinken die Umsätze der Wirtschaft, entsteht ein Verteilungsproblem bereits in der Primärverteilung. Es können nicht mehr in gleicher Höhe Löhne, Sozialbeiträge, Steuern, Investitionen und Gewinne ausgezahlt werden.

Es sei denn, die fehlenden Zahlungsmittel werden wieder in den Kreislauf eingespeist.

Die einzige legale Möglichkeit, dies zu bewerkstelligen, besteht nach derzeitiger Rechtslage darin, Kredite aufzunehmen, also eine "Neuverschuldung" einzugehen.

 

Die Rolle des Bankensystems

In den bisherigen Betrachtungen war es nicht erforderlich, das Bankensystem gesondert zu erwähnen, weil es keine andere Funktion zu erfüllen hatte, als den Fluss der Zahlungsmittel zwischen den einzelnen Beteiligten zu organisieren und zu administrieren.

Mit der Existenz von Sparguthaben, also von Zahlungsmittelbeständen, die von deren Eigentümern nicht benötigt werden, spätestens aber mit der Notwendigkeit, den Zahlungsmittelbestand im Wirtschaftskreislauf durch Kredite wieder aufzufüllen, wird das Bankensystem zu einem wichtigen, eigenständigen Faktor, ohne den der Wirtschaftskreislauf in einer beständigen Abwärtsspirale der Erstarrung zustreben müsste, weil nur das Bankensystem die ausreichende Geldversorgung der Volkswirtschaft herstellen kann.

Als erste Maxime für eine vernünftige Wirtschaftspolitik ließe sich also formulieren:

Die dem Wirtschaftskreislauf durch Sparen entzogene Zahlungsmittelmenge muss ihm, bei ansonsten unveränderten Bedingungen, in gleicher Höhe durch Kredite wieder zugeführt werden, wenn die wirtschaftliche Gesamtleistung nicht abnehmen soll.

Da im hier beschriebenen Modell noch keine Kredite existieren, kann selbstverständlich auch noch keine Tilgung stattfinden. Doch ist offensichtlich, dass zusätzliches "Sparen des Staates" (und das ist schließlich die Voraussetzung für dieTilgung von Staatsschulden), das Problem nicht lösen, sondern verschärfen würde.

Die Argumente der Tilgungsbefürworter

Das Wachstumsargument
Die Mittel für die Tilgung entstehen aus dem wirtschaftlichen Wachstum. Durch Anreize für Investoren kann "Spargeld" mobilisiert und in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt werden. Wachsende Umsätze führen zu wachsenden Staatseinnahmen, wodurch die für die Tilgung der Staatsschulden erforderlichen Mittel ganz von alleine in die Kassen fließen.
Diese Wachstumsargumentation ist hanebüchen.

Investoren verfolgen nämlich nicht das Ziel, ihr investiertes Geld auf ewige Zeiten im Wirtschaftskreislauf zu belassen. Sie verfolgen das Ziel der schnellstmöglichen Armortisation und der höchstmöglichen Rendite, was nichts anderes heißt, als dass sie der Wirtschaft über die Lebenszeit Ihres Investments mehr Geld entziehen wollen, als sie anfänglich einbringen. (Den meisten gelingt das übrigens auch.)

Der anfängliche effektive Zuwachs an Zahlungsmitteln wird, wenn die Investition rentabel ist, innerhalb kurzer Zeit wieder aus dem Kreislauf verschwinden (dann hat sich die Investition amortisiert). Danach werden massiv Zahlungsmittel als Gewinne an private Haushalte mit nennenswertem Vermögen fließen, also potentiell zu einem Ansteigen der Sparquote und damit wiederum zu wachsendem Kreditbedarf führen. Wer glaubt, man könne, wie Wechselreiter oder Scheckbetrüger durch Anwerben immer neuer Investoren immer neue Zahlungsmittel anwerben, also alte Löcher dadurch stopfen, dass immer schneller neue aufgerissen werden, der geht einen gefährlichen, zumindest selbstbetrügerischen Weg. Das Problem wird so möglicherweise für eine gewisse Zeit kaschiert; gelöst wird es nicht.

Aber es gibt auch ein anderes, natürliches Wachstum, das beginnen kann, ohne dass dafür Investoren angeworben werden müssen.
Frau von der Leyen strebt mit ihren familienpolitischen Bestrebungen zum Anstieg der Geburtenzahlen ein derartiges "natürliches" Wachstum an. Hat sie Erfolg, dann ist das der Start für eine Entwicklung, bei welcher zunächst die Zahl der Personen pro Haushalt und später auch die Zahl der privaten Haushalte selbst wächst. Dieses Wachstum beginnt zwangsläufig mit einer Zunahme der Geburten und vermehrten Aufwendungen für Windeln, Wiegen und winzigen Wolljäckchen. Der Konsument, der persönlich zu diesem Wachstum beigetragen hat, kann seine Euros aber nur einmal ausgeben. Entweder für Babywäsche oder für Skistiefel. Haben sich die Eltern für Babywäsche entschieden, geht es zwangsläufig mit den Sportschuhherstellern bergab. Gibt der Staat, um diesen Effekt zu vermeiden, mehr Geld für Eltern und Kinderkrippen aus, werden die Eltern aus der Finanzierungsfalle entlassen, können also gegebenenfalls auch wieder Skistiefel kaufen, doch der Staat muss dieses Geld an anderer Stelle einsparen - und damit ist das Problem wieder nur verlagert, aber nicht gelöst.

Selbst ein so natürlicher Prozess, wie das Wachstum der Bevölkerung, erfordert also eine ausreichende Menge zusätzlicher Zahlungsmittel und schafft keinen Spielraum für neue Sparsamkeit des Staates.

Wachstum jeder Art, auch reines und ganz natürliches Bedarfswachstum, führt also prinzipiell zu Geldmangel, wenn es nicht gelingt, die verfügbare Zahlungsmittelmenge zu erhöhen. Dazu allerdings ist Neuverschuldung erforderlich. Tilgung ist kontraproduktiv.

Das Produktivitäts-Argument

Weil die Produktivität der Wirtschaft stetig wächst, weil also Produkte und Leistungen mit geringerem Aufwand hergestellt werden können, muss, nach Ansicht vieler Tilgungsbefürworter, genügend Geld übrig bleiben, um Schulden tilgen zu können.
Noch ein Irrtum.

Um im vorherigen Beispiel zu bleiben: Gelingt es, die wegen des Anstiegs der Geburtenzahlen vermehrt nachgefragte Babywäsche durch bessere Verfahren/Maschinen (und einfachere Strickmuster) in den nachgefragten Mengen herzustellen, ohne dass deshalb im gleichen Maße zusätzliche Löhne gezahlt werden müssen, ist die Produktivität gewachsen. Der dadurch entstehende Gewinn wird in den Preisen allerdings erst - und nur dann - weitergegeben, wenn die Nachfrage nach Babywäsche wieder kleiner wird als die vorhandene Produktionskapazität, was dann dazu führt, dass der erste Wettbewerber die Preise senkt, um seine Kapazitäten auszulasten. Das kann sehr lange dauern.

Das Geld, das der Branche bis dahin als Produktivitätsgewinn zufließt, wird von den Unternehmen an ihre Eigentümer ausgeschüttet. Soweit diese zu den Haushalten ohne nennenswertes Geldvermögen zählen, was unwahrscheinlich ist, wird der Gewinn im Konsum landen, also auch dem Sportschuhfabrikanten wieder einen Umsatz bescheren. Soweit die Empfänger der Gewinne jedoch zu den Haushalten mit nennenswertem Geldvermögen zählen, wird das Geld zunächst einmal auf einem Konto liegen und keinen Umsatz auslösen, sondern die Sparquote in die Höhe treiben. Das wiederum hat zur Folge, dass an anderer Stelle im System Geld fehlt.

Auch Produktivitätswachstum führt also prinzipiell zu Geldmangel, weil es dazu führt, dass weniger Löhne gezahlt werden müssen, was primär zu höheren Gewinnausschüttungen und damit zum Anstieg der Sparquote führt.

Doch selbst wenn der Produktivitätsgewinn in den Preisen vollständig an die Kundschaft weitergegeben würde, könnten dadurch keine Mittel freigesetzt werden, die dem Staat erlauben, zu sparen bzw. zu tilgen. Es wäre lediglich der Kaufkraftverlust der durch den Produktivitätsfortschritt arbeitslos gewordenen Beschäftigten ausgeglichen.

Das Zinseszinsargument

Wenn die Befürworter der Tilgung nicht mehr wissen, wo das Geld für die Tilgung herkommen soll, verfallen sie auf die Idee, das Gespenst der ins Unermessliche steigenden Zinslasten an die Wand zu malen, die der Zinseszinseffekt zwangsläufig hervorbringt. Uns und die zukünftigen Generationen genau davor zu bewahren, das sei das Gebot der Stunde und dafür müsse man eben auch bereit sein, ein Opfer zu bringen.

Diese Argumentation ist ein Stück weit richtig.

Geliehenes Geld hat die unangenehme Eigenschaft, dass dafür, so lange es geliehen ist, eine Leihgebühr, der Zins, entrichtet werden muss. Gehen wir - ganz realistisch - davon aus, dass Geld nicht von denen verliehen wird, die selbst keines haben, sondern von denen, die soviel davon haben, dass sie sich freuen, wenn einer kommt, um es zu leihen, dann ist der Schluss berechtigt, dass ein Großteil aller gezahlten Zinsen nicht in den Konsum fließt, sondern den Kapitalstock, also die Geldbestände der Haushalte mit nennenswertem Geldvermögen, erhöht.Damit hat der Zins die gleiche Wirkung wie die Gewinne aus dem Produktivitätszuwachs, er führt nämlich geradewegs zu neuerlichem Geldmangel - und damit könnte er tatsächlich ein Anreiz sein, schnellstmöglich zu tilgen. Diesen Anreiz zu entdecken, ist jedoch die Konsequenz eines kardinalen Denkfehlers.

Tilgung behebt den Geldmangel doch nicht!
Im Gegenteil, der Geldmangel wird durch Tilgung ganz erheblich verschärft.

Das Tilgungsproblem

Wenn der Staat, der Steuern und Sozialbeiträge einnimmt und umverteilt, Ausgaben einspart - und mit dem ersparten Geld bestehende Schulden tilgt, dann mindert er die der Wirtschaft verfügbare Geldmenge um den Betrag der Tilgung. Denn so, wie der ehemals aufgenommene Kredit die Menge umlaufenden Geldes erhöhte, wird die Rückzahlung des Kredits die Menge des umlaufenden Geldes zwangsläufig wieder reduzieren. Die Folgen eines Geldmengenschwundes lassen sich hinreichend präzise prognostizieren:

Zwischen Zahlungsmittelmenge und Bruttoinlandsprodukt besteht eine annähernd direkte, mittelfristig stabile Abhängigkeit. Wenn die im Wirtschaftsraum der Bundesrepublik Deutschland existierenden Zahlungsmittel (Bargeld + Sichtguthaben) in Höhe von insgesamt rund 700 Milliarden Euro benötigt werden, um ein Bruttoinlandsprodukt von rund 2,3 Billionen Euro zu erstellen, dann ergibt sich ein Verhältnis von Zahlungsmitteln zu BIP von etwa 1 : 3.

Das potentielle BIP der Volkswirtschaft wird also um das dreifache des Betrages verfehlt werden, um den die Zahlungsmittelmenge durch Tilgung gemindert wird. Konkret: 1 Milliarde Euro Tilgung kostet 3 Milliarden Euro mögliches BIP.

Wer also Wachstum fordert und gleichzeitig die Staatsschulden senkt, verfolgt eine schizophrene Strategie.

Wer Personal entlässt und Investitionen unterlässt, um ausgeglichene Haushalte zu erreichen, der wird im Binnenmarkt keinen Aufschwung hervorrufen können - und, gestatten Sie an dieser Stelle die Wiederholung einer in diesem Aufsatz bereits gemachten Randbemerkung: Lebten wir nicht im Zeitalter der grenzenlosen Globalisierung, müsste für Im- und Exporte einer speziellen Volkswirtschaft diesbezüglich eine gesonderte Betrachtung erfolgen. Da jedoch praktische alle Grenzen gefallen sind, kann auch diese gesonderte Betrachtung entfallen.

Tilgung reduziert die verfügbare Geldmenge. Eine reduzierte Geldmenge reduziert die Zahl der möglichen Transaktionen und führt in die Krise.

Und die Zinsen, die stetig wachsenden Zinsen?
Führen die nicht auch in die Krise?

Doch. Natürlich. Aber es dauert sehr viel länger. Hier ein Vergleich:

Die Schadwirkung der Tilgung von Staatsschulden
Damit der Staat 1 Milliarde Euro tilgen kann, muss er eine Milliarde Euro aus seinen Einnahmen an die Gläubiger übergeben. Diese Milliarde ist weg und kann vom Staat nicht mehr ausgegeben werden. Weder für Personalkosten, noch für laufende Betriebskosten, noch für Investitionen. Daher wird die fehlende Milliarde das mögliche BIP, wie soeben erläutert, um volle drei Milliarden senken. Bei ca. 2,3 Billionen BIP und rund 500 Milliarden Steuereinnahmen pro Jahr bildet jede Milliarde BIP aber auch die Basis für 217 Millionen Euro Steuereinnahmen. Fehlen 3 Milliarden BIP, fehlen dem Staat folglich auch rund 650 Millionen Steuereinnahmen.
(Von den Beiträgen zur Sozialversicherung, die ebenfalls in einer ziemlich direkten Abhängigkeit zum BIP stehen, ganz zu schweigen. Weil es sich hierbei aber immer noch um Umlagesysteme handelt und der Staat nur mit Zuschüssen dazu beitragen muss, wollen wir diesen Teil der Negativentwicklung bei Erzeugung von Geldmangel durch Tilgung unter den Tisch fallen lassen.)

Doch die 650 Millionen Euro, um die sich die möglichen Steuereinnahmen vermindern, wenn die Volkswirtschaft durch den Entzug einer Milliarde Zahlungsmittel gedrosselt wird, die fehlen nicht nur im Jahr der Tilgung, sondern in alle Ewigkeit, so lange bis irgendjemand irgendwo die Milliarde wieder in den Geldkreislauf einbringt, bis also wieder jemand Schulden macht.

Einer Zinsersparnis von 50 Millionen (im ersten Jahr) steht ein Steuerausfall von 650 Millionen gegenüber. Jede Milliarde Tilgung reißt folglich ein Loch von 600 Millionen Euro in das Staatsbudget - es sei denn, es verschuldet sich jemand in dem Umfang, wie es die unsinnige Tilgung erfordert.

Die Schadwirkung des Zinseszinseffektes
Natürlich liegt die Zinsbelastungen für eine Milliarde Euro nur im ersten Jahr bei 50 Millionen Euro. Wenn die Geldmenge stabil gehalten werden muss, müssen auch zur Darstellung der Zinsen Jahr für Jahr neue Schulden aufgenommen werden. Die Höhe der Schulden wächst folglich exponentiell, und damit auch die Höhe der Zinsforderungen. Der Zinseszinseffekt schlägt zu.

Doch es dauert mehr als 50 Jahre, bis die Zinsforderung durch den Zinseszinseffekt auf jenen Betrag von 650 Millionen Euro angewachsen ist, der bei Nicht-Tilgung als jährliche Steuer-Mehreinnahme gegenüber dem Zustand bei Tilgung zu verzeichnen ist.


Was ist also günstiger?
Es dauert ein halbes Jahrhundert, bis der Zinseszinseffekt die jährlichen Zinslasten auf die Höhe der jährlichen Steuermehreinnahmen anwachsen lässt. Während dieses halben Jahrhunderts summiert sich der Überschuss für den Staatshaushalt - wenn 1 Milliarde nicht getilgt wird - auf mehr als 23 Millliarden Euro. Danach dauert es noch einmal rund 30 Jahre, bis dieser Überschuss durch die weiter steigenden Zinsforderungen wieder aufgezehrt ist.

Noch einmal, ganz langsam und zum Mitdenken:
Mehr als 50 Jahre lang baut sich ein stetig wachsender Nutzen aus nicht ausgefallenen Steuern auf, wenn nicht getilgt wird. Insgesamt beträgt der Vorteil nach rund 50 Jahren bei 1 Milliarde Euro, die im Markt belassen wird, statt zu tilgen, über 23 Milliarden Euro. Erst dann schlägt der Zinseszinseffekt tatsächlich zu, es dauert aber weitere 30 Jahre, bis der kumulierte Nutzen wieder aufgezehrt ist.

Erst dann, nach über 80 Jahren, steht der tilgende Finanzminister besser da, als der Nichttilger.

Doch auch diese letzte, dem Tilgungstrieb scheinbar noch einen Sinn verleihende Annahme, steht unter dem Vorbehalt, dass der Geldwert über volle 80 Jahre völlig stabil bleibt.
Schon bei einer durchschnittlichen Inflation von nur 2 Prozent pro Jahr, dauert der Prozess nicht 80, sondern 120 Jahre - bei einer durchschnittlichen Inflation von 4 Prozent ist ein Ende erst nach 300 Jahren abzusehen und - wenn es gelänge, über die Jahre Zinssatz und Inflation ungefähr gleich hoch zu halten (was gar kein so schlechtes Ziel wäre) dann bleibt das Verhältnis zwischen Zinslasten und Steuermehreinnahmen auf alle Zeiten gleich.

Der Nichttilger ist bei ausreichender Inflation der Sieger auf Ewigkeit.

Und so, wie das Feuer den Sturm, der es verbreitet, selbst erzeugt, so nährt der sich verschuldende Staat die Inflation.

Der sich verschuldende Staat ermöglicht wachsenden Wohlstand der Bevölkerung, weil er ihr Leistungsvermögen freisetzt - und er trägt dazu bei, das Wachstum der realen Kaufkraft der großen Vermögen zu begrenzen.

Der tilgende Staat hingegen erhält den Wert der großen Vermögen und opfert dafür den Wohlstand der Bevölkerung, weil er die Erstellung der potentiell möglichen Gesamtleistung durch die Unterversorgung der Wirtschaft mit Zahlungsmitteln verhindert.

Die Regierung hat sich für die Tilgung, für die Geldwertstabilität und für die Eigentümer der großen Vermögen entschieden.

Die große Mehrheit der dadurch nicht begünstigten Wahlberechtigten sollte sich irgendwann für eine andere Regierung entscheiden. Noch hat der Kampf gegen den Terror das Wahlrecht nicht beschädigt.

Aber vielen genügt es offenbar, im Fernsehen dem Treiben der Reichen und Schönen zusehen zu dürfen, während ihre eigenen Lebensträume unter den Trümmern der einstürzenden Luftschlösser der Tilgungs-Opfer-Prediger begraben werden.

 

Frohe Ostern.

 

a


* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg

Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre weist Wege in eine gerechtere Zukunft.

Brandneu: Band IV - Kritik und Überwindung des aggressiven Eigentums.
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