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  Paukenschlag am
Grün-Donnerstag

der wöchentliche Kurzkommentar (No. 14)


Egon W. Kreutzer - 5. April 2007
 










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Einstürzende
Luftschlösser

Glaube fordert Opfer.

Politiker wissen das.

Die Rente mit 67 ist das Opfer von zwei Lebensjahren (oder, häufiger, das ersatzweise gewählte Opfer von längst verdienten Rentenansprüchen) auf dem Altar des Wirtschaftsgottes. Wer dieses Opfer bringt, darf glauben, damit einen Beitrag zur Vollbeschäftigung der kommenden Generationen zu leisten.

Der 1-Euro-Job ist das Opfer aller bis dahin erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten, aller erworbenen Besitzstände und der Herrschaft über die eigenen Zeit auf dem Altar des Arbeitslosenstatistikgottes. Wer dieses Opfer bringt, darf mit Inbrunst daran glauben, dass ihm sein Opfer den direkten Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt öffnet.

Die Steuermittel zur Finanzierung der Auslandseinsätze der Bundeswehr sind das Opfer auf dem Altar des Großmachtgottes, das erbracht werden muss, um daran glauben zu dürfen, dass Deutschland schon wieder so groß ist, dass es am Hindukusch verteidigt werden kann, ohne dass deshalb auch nur ein Soldat den Geltungsbereich des Grundgesetzes verlassen müsste.

"Die glauben doch selbst nicht, was sie uns da weiß machen wollen",

ist einer der häufigsten Kommentare, den der gemeine*) Bürger von sich gibt, wenn ihm Politiker die Welt - und ihre Absichten erklären. Dass er sie dann letztlich doch wieder wählt, liegt daran, dass die Auswahl beschränkt und das Wahlrecht das letzte Bürgerrecht ist, das den Kampf gegen den Terror bisher unbeschadet überstanden hat. So eine Kostbarkeit gibt der mündige Bürger nicht ohne Not aus der Hand.

*) ("gemein" hier nicht im Sinne von "hundsgemein" sondern von "allgemein")

 

Genug der Vorrede.

Der von Hans Eichel, Peer Steinbrück und Roland Koch aufgerichtete Glaubenssatz, das Glück aller zukünftigen Generationen, der schon geborenen, wie auch der noch ungeborenen hinge davon ab, heute ein Opfer auf dem Altar des Gottes der Geldwertstabilität zu bringen, also gute, kaufkräftige Zahlungsmittel nicht im Wirtschaftskreislauf zu belassen, sondern sie stattdessen für die Tilgung von Staatsschulden zu verwenden, setzt ebenfalls auf die glaubensverstärkende Kraft des Opfers.

Dabei sind zu allen Zeiten alle den Göttern dargebrachten Opfer durch die Opferung entweder vollständig zerstört worden, oder, weit häufiger, in den Besitz der Priester und der von ihnen abhängigen Gewerbetreibenden gelangt - während ebenfalls festzustellen ist, dass Priester und Götter die Erfüllung ihrer Verheißungen - von wenigen*) Ausnahmen abgesehen - zu allen Zeiten schuldig geblieben sind.

*) Die katholische Kirche hat zum Beispiel in Lourdes seit der ersten Marienerscheinung im Jahre 1858 bis heute nur 67 Wunderheilungen offiziell anerkannt. In Anbetracht der Zahl von 6 Millionen Pilgern, die derzeit alljährlich das Opfer der Wallfahrt mit Übernachtung und Frühstück auf sich nehmen, ist das keine berauschende Zahl - die Wahrscheinlichkeit für 6 Richtige im Lotto 6 aus 49 liegt in der gleichen Größenordnung.


Der neuerliche Versuch,


die Zusammenhänge von Beschäftigung, Wachstum, Staatsverschuldung, Zinslasten und Tilgung noch einfacher und klarer darzustellen, war überfällig. Dabei auf alle überflüssigen technischen Details, ja sogar auf alle geldtheoretischen Erkenntnisse zu verzichten, ist mir schwergefallen. Ob er gelungen ist, mögen die Leser beurteilen.



Tilgung von Staatschulden,
eine Form des wirtschaftspolitischen Opferglaubens

Die Schuldenuhr des Bundes der Steuerzahler zeigt, bei einem Zuwachs von derzeit 1.056 Euro pro Sekunde, einen Gesamtbetrag von rund 1,5 Billionen Euro an. Der Bund der Steuerzahler fordert ganz entschieden dazu auf, den Schuldenberg abzutragen. Die Mehrzahl der Politiker gibt vor und/oder ist aktiv damit beschäftigt, dieser Forderung nachzukommen.

Die jüngsten Steuerschätzungen für einen Zeitraum von vier Jahren verheißen einen Anstieg der Steuereinnahmen gegenüber den letzten Langzeitschätzungen um etwa 3,5 Prozent. Diese Schätzungen bilden erneut den Nährboden für
eine maßlose Aufschwungpropaganda und Selbstbeweihräucherung der Regierung, veranlassen die gleiche Regierung, allen voran den Finanzminister, aber auch, den von den Schätzern vorhergesagten Segen der Volkswirtschaft gleich wieder zu entziehen, um durch forcierte Tilgung den Abbau der Staatsverschuldung weiter voranzutreiben.

Die dem zugrunde liegende Annahme, dass bei sinkenden Schulden auch die Ausgaben für Zinsen sinken, dass der Staat folglich jeden Euro, den er an Zinsen spart, statt ihn den Gläubigern zukommen zu lassen, wieder für seine eigentlichen Aufgaben verwenden kann, scheint vollkommen klar und logisch.

Doch auch die Annahme, dass sich die Sonne um die Erde dreht, scheint so lange vollkommen klar und logisch, wie man nicht versucht hat, eine andere, plausiblere Erklärung zu finden, die sowohl das täglich wiederkehrende Phänomen von Sonnenauf- und untergang, wie auch die scheinbaren Bewegungen der Planeten und der übrigen Sterne befriedigend erklärt.

Den Nachweis zu führen, dass die Staatsverschuldung ein wichtiger Beitrag zur Geldversorgung einer Volkswirtschaft ist, dass Staat, Wirtschaft und Bevölkerung durch den Versuch, Staatsschulden zu tilgen, ganz massiv geschädigt werden, ist glücklicherweise einfacher und leichter nachzuvollziehen, als die Analyse der Planetenbahnen.

Das einfachste und daher verständlichste, noch "wahre" Modell, an dem die Realität verzerrungsfrei dargestellt werden kann, unterscheidet innerhalb eines volkswirtschaftlichen Ganzen lediglich fünf Kategorien von beteiligten Wirtschaftssubjekten:

1. Die privaten Haushalte ohne nennenswertes Vermögen

Das sind die Haushalte von Arbeitern und Angestellten, Soldaten, Beamten, Rentnern, Pensionären sowie die Haushalte der Bezieher staatlicher Unterstützungsleistungen.

Die erwerbsfähigen Mitglieder dieser privaten Haushalte tragen die Hauptlast der volkswirtschaftlichen Leistungserstellung. Aus den Brutto-Löhnen der erwerbstätigen Personen werden rund 50 Prozent der Aufwendungen für die Sozialsysteme, rund 90 Prozent des gesamten Steueraufkommens und der eigene Konsum finanziert.

2. Die privaten Haushalte mit nennenswertem Vermögen

Das sind Haushalte von Unternehmern, Ärzten, Freiberuflern, von leitenden Angestellten, hochrangigen Politikern und Beamten, sowie sogenannten "Privatiers", soweit es ihren Mitgliedern gelungen ist, durch Erbschaft oder eigene Aktivitäten so viele "Ersparnisse" zu bilden, dass die daraus fließenden, leistungsfreien Einkünfte (Zinsen, Dividenden, Mieten, Pachten) trotz laufender Entnahmen für den standesgemäßen Konsum ausreichen, ein stetiges Anwachsen ihres Kapitalstocks zu bewirken.

Die Mitglieder dieser privaten Haushalte tragen zur volkswirtschaftlichen Leistungserstellung nur einen geringen Teil bei. An den Aufwendungen für die Sozialsysteme sind sie nicht beteiligt, vom Steueraufkommen des Staates stammen etwa 5 Prozent aus diesen Haushalten.

3. Die Wirtschaft (im Allgemeinen)

Die Wirtschaft stellt die Produkte und Leistungen bereit, die von den privaten Haushalten, vom Staat und von ausländischen Interessenten nachgefragt werden.

Aus den Umsatzerlösen der Wirtschaft werden die Löhne und Gehälter ihrer Beschäftigten, rund 50 Prozent der Aufwendungen für die Sozialsysteme, rund 5 Prozent der Steuereinnahmen des Staates, der Großteil der eigenen
Investitionsaufwendungen, die Gehälter der leitenden Angestellten und die Nebeneinkünfte von Politikern sowie die Gewinne der Eigentümer bzw. Anteilseigner erwirtschaftet.

4. Der Staat

Der Staat stellt den Bürgern ganz überwiegend Dienstleistungen bereit, die als hoheitliche Aufgaben nur vom Staat wahrgenommen werden können und solche, die sinnvollerweise nicht dem Gewinnstreben der privaten Wirtschaft unterliegen sollten.

Der Staat finanziert sich aus den Steuereinnahmen und in geringem Umfang aus direkt erhobenen Entgelten für die von ihm erbrachten Dienstleistungen.

Aus den Steuereinnahmen des Staates werden die Löhne, Gehälter und Pensionen der Beschäftigten des Staates sowie die Aufwendungen für deren Sozialfürsorge finanziert. Der Staat tritt außerdem als (Groß-)Kunde der Wirtschaft auf.

5. Die Banken (als Teil der Wirtschaft im Besonderen)

Die Banken organisieren den Zahlungsverkehr zwischen allen Beteiligten, sammeln die Geldreserven der privaten Haushalte und stellen dem Staat, der Wirtschaft und den privaten Haushalten bei Bedarf und Bonität Kredite zur Verfügung.

Ansonsten gilt für die Banken, was auch für die Wirtschaft im Allgemeinen gilt.

 

Das Zusammenspiel der Wirtschaftssubjekte
im Zahlungsmittelkreislauf

Natürlich hat ein Kreis(-lauf) weder einen Anfang, noch ein Ende. Natürlich vollziehen sich die nachfolgend beschriebenen Abläufe nicht alle im gleichen Takt hintereinander, sondern weitgehend parallel in vielen kleinen, eigenen, untereinander vernetzten Kreisläufen, doch wird das Geschehen besonders deutlich, wenn man den Wirtschaftskreislauf einmal idealisiert, also tatsächlich als einen geschlossenen Kreis betrachtet.

 

Startsituation

Als Startsituation soll die Idealsituation eines geräumten Marktes dienen.
Das gesamte in der letzten Periode erzeugte Waren- und Leistungsangebot ist verkauft. Gleichzeitig ist die gesamte (kaufkräftige) Nachfrage befriedigt. Alle Zahlungsmittel befinden sich daher in den Kassen und auf den Girokonten der Wirtschaft.

Schritt 1 - Primärverteilung

Aus der Startsituation heraus entwickelt sich das Wirtschaften einer neuen Periode. Das beginnt notwendigerweise damit, dass die Wirtschaft die als Umsatz eingenommenen Zahlungsmittel benutzt, um ihre eigenen Verpflichtungen zu erfüllen.

(Die nachfolgend verwendeten Relationen entsprechen übrigens in etwa den realen Verhältnissen in der Bundesrepublik Deutschland.)

 100 Prozent  Umsatz = 100 Prozent Zahlungsmittel stehen zur Verfügung