Impressum
 Home Startseite Gesundheit Konzept Gesundheitswesen Stichwortsuche  Einmischen 

Auszug aus
"Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre, Band II"

Sie möchten das Buch ganz lesen? Bestellen Sie hier.


Direktnavigation im Text:

Das Gesundheits- und Sozialwesen,
- ein unsinniger, verwirrender und irreführender Begriff?
- eine Sünde wider die Evolution?
- eine deutsche Ungeschicklichkeit?
- ein weltweiter Mangel?
- ein Motor für die positive Veränderung der Sterbetafeln?
- eine Frage der Kaufkraft?
- ein nichtkommunistisches System außerhalb marktwirtschaftlicher Regeln.


zum Seitenanfang
Das Gesundheits- und Sozialwesen,
ein unsinniger, verwirrender und irreführender Begriff
?

Es macht wenig Sinn, über die Anfänge der gesetzlichen Sozialversicherung, über das Entstehen der Krankenkassen, der Arbeitslosen- und der Rentenversicherung nachzudenken. Was von Bismarck angestoßen wurde, war für die damalige Zeit revolutionär gut und ist im Kern auch heute noch das wichtigste Bollwerk gegen unverschuldete Not, das wir in Deutschland kennen.

Doch anstatt eine sinnvolle, den Forderungen unserer Zeit entsprechende, Renovierung der Systeme durchzuführen, wird das alte, morsche Schifflein jetzt auf die Prüfstände der Materialforschungsanstalt gespannt, um herauszufinden, wo die Grenzen seiner Belastbarkeit liegen. Die Verantwortlichen wissen, wie wir alle, daß dieser Belastungstest in der vollständigen Zerstörung enden wird, trotzdem wird die Last, nämlich die Zahl der Nutznießer -- schon beinahe wollüstig -- stetig vergrößert. Da geht es nicht nur um die sogenannten versicherungsfremden Leistungen, nicht nur um diejenigen Leistungsempfänger, die nie zur Finanzierung beigetragen haben, es geht genauso um die Explosion der Leistungsanbieter und ihrer Leistungen, und um das Ansteigen der für jede Leistung geforderten und gezahlten Preise.
Die wirkliche Reform der Systeme ist trotz aller Anläufe noch lange nicht gelungen.

Das Gesundheits- und Sozialwesen hat sich von seinen christlich-barmherzigen Grundgedanken und der Idee der "Hilfe zur Selbsthilfe" weiter entfernt, als die Raiffeisenbanken vom Genossenschaftsgedanken. Wir stehen mit offenen Augen vor Systemen, die sich soweit verselbständigt haben, daß korrigierende Eingriffe mit vorhersagbarer Wirkung nicht mehr möglich sind. Systeme, die nur noch dazu zu taugen scheinen, fragwürdige Wahlkampfmunition zu liefern, und denjenigen, die sich im System eingerichtet haben, ein gutes Auskommen zu garantieren. Im Gesundheitswesen geht es nicht mehr primär um die Herstellung und Bewahrung der Gesundheit der Bevölkerung, sondern um die Finanzierung des Medizinbetriebes. In der Rentenversicherung wird nur noch darum gestritten, mit welchen Argumenten die unvermeidlichen Kürzungen der staatlich zugesicherten Leistungen erklärt werden sollen, ohne dabei gleich die ganze Wahrheit zu sagen. Auch Arbeitslosenversicherung und Pflegepflichtversicherung dienen nur noch einem Zweck, nämlich der Verhinderung von sozialen Unruhen. Der Verteilungskampf hat mitten in den sozialen Sicherungssystemen eine Front eröffnet, und die letzte Widerstandslinie der Politik heißt "Wahrung des inneren Friedens". Die Aufbruchstimmung und die Visionen der ersten zwanzig Nachkriegsjahre sind verflogen. Wir sehen deutlich, daß der Höhepunkt der realen Leistungsfähigkeit unserer sozialen Sicherungssysteme weit überschritten ist. Wir haben aber nicht den Mut, die wahren Ursachen dafür zu suchen, sondern mühen uns mit hilflosen Reparaturversuchen ab.

Eine Bevölkerung, deren Schrumpfungsprozeß zu langsam(!) ist, um den kapitalfinanzierten Produktivitätsfortschritt auszugleichen, kann über die relativ sinkenden Lohnsummen der Beschäftigten die aus den sozialen Systemen erwachsenden Lasten bei weitem nicht mehr tragen. Beitragserhöhungen, bei gleichzeitigem Ausstieg der Arbeitgeber aus der hälftigen Kostenbeteiligung und Leistungskürzungen bilden den materiellen Hintergrund für ein zunehmendes Klima sozialer Kälte, in dem den Betroffenen schnell ein eigenes Verschulden, Faulheit und die kriminelle Ausnutzung der Systeme vorgehalten wird.

Reformen sind nötig, vielleicht sind sogar völlig neue Systeme erforderlich. Einige Aspekte dessen, was bei diesen Reformen zu bedenken ist, um die heute erkenn- und überschaubaren Fehlentwicklungen zu vermeiden, ist in den folgenden Kapiteln ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne Rücksicht auf noch ungelöste Widersprüche zusammengetragen.

zum Seitenanfang
Das Gesundheits- und Sozialwesen,
eine Sünde wider die Evolution?

Ein krankes Kitz überlebt den ersten Sommer nicht. Es wird die Beute des Fuchses oder der Mähmaschine. Ein Igel, der immer noch glaubt, die Autos hätten Angst vor seinen Stacheln, wird überfahren. Störche, die auf Hochspannungsleitungen sitzen und ausgerechnet dort ihre Flügelspannweite messen wollen, werden zum Feuervogel. Der altersschwache Tiger, dem die Zähne ausfallen, wird verhungern müssen. So könnte man endlos fortfahren.
Aber ein Mensch, der sich mit Influenza infiziert, bekommt Penicillin und wird wieder gesund. Ein Mensch, der sich im Hochgebirge den Knöchel bricht, wird per Hubschrauber in die nächste Klinik geflogen, zum Überleben. Ein Mensch, der glaubt, dem Leben durch eine klassische Steißlage schon bei der Geburt entgehen zu können, wird per Kaiserschnitt ans Licht der Welt geholt. Die alten Leute, die nicht mehr arbeiten können, leben auskömmlich von den Zahlungen der Rentenversicherung. Wo soll sich da noch eine evolutionäre Auslese abspielen? Werden wir nicht zwangsläufig von Generation zu Generation immer kränker, immer degenerierter, immer schwächer immer weniger überlebensfähig?
Nein, das ist es natürlich nicht. Evolution ist ja nicht nur körperliche Entwicklung, nicht nur die Überlegenheit des Schnelleren, Kräftigeren, sondern auch die Entwicklung des Intelligenteren, die Weiterentwicklung des Erfolgreichen. Was nützt aber der ganze schöne Erfolg, wenn er durch Krankheit und frühen Tod ein jähes Ende findet, wenn er nicht über möglichst lange Lebensjahre genossen werden kann? Die Fähigkeit einer Art, einen großen Teil ihrer Population über die Zeit der biologisch notwendigen, arterhaltend reproduktiven Funktionen hinaus am Leben zu erhalten, wirkt sich ja auf die Weiterentwicklung der Art nicht negativ aus - vorausgesetzt, die Über-Lebenden sind fit und versorgen sich selbst. Das ist die Bedingung, die für die Entwicklung eines Gesundheits- und eines noch darüber hinaus reichenden Sozialsystems maßgeblich war. Ein Prozeß, bei dem das Henne - Ei - Problem wie selten sonst gelöst ist. Wer war zuerst da, der Langzeitkranke oder der Arzt? Da gibt es keinen Zweifel, oder?

Und zu welchem Zeitpunkt trat der Arzt auf? Er kann erst aufgetreten sein, nachdem sich eine arbeitsteilige Gesellschaft so weit entwickelt hatte, daß die angemessene Honorierung eines fachkundigen Heilers auch sichergestellt werden konnte. Das war gar nicht einfach, denn die Gesunden brauchten den Arzt nicht, sahen also auch keinen Anlaß, diesen mit Nahrung, Kleidung und Wohnung zu versorgen und wer krank war, hatte ganz schnell selbst nichts mehr zum Beißen. So blieb es über lange Zeit dabei, daß die Frauen das Wissen um die heilkräftigen Pflanzen und den Umgang damit bewahrten und weitergaben und versuchten, innerhalb der Familie, da wo man aufeinander angewiesen war, die Krankheit soweit möglich im Schach zu halten. Männer lernten im Krieg die Kunst, Verwundeten erste Hilfe zu leisten, und wenn die Verwundung nicht allzu schlimm war, auch das Leben von Verstümmelten zu bewahren. Eine große ärztliche Kunst konnte sich aber erst entwickeln, als ein breites, zahlungskräftiges Bürgertum in den aufstrebenden Städten nach mehr verlangte, als der Bader mit Aderlaß und heißem Wickel zu bieten hatte.

Wenn Sie so wollen, war die ganze ärztliche Kunst bis vor 70, 80 Jahren die reinste Kurpfuscherei. Sie glauben das nicht? Dann versuchen Sie doch einmal, einen Arzt dazu zu bewegen, Ihnen nach dem Stand der ärztlichen Kunst des Jahres 1930 eine Diagnose zu stellen und eine Therapie zu verordnen, ohne dabei auf die seither neu gewonnenen medizinischen Erkenntnisse zurückzugreifen. Er wird Sie für verrückt erklären und fragen, ob Sie lebensmüde sind. Fragen Sie dann aber nicht danach, wie es kommt, daß die Menschheit insgesamt mit so primitiven medizinischen Kenntnissen überleben konnte. Ein für heutige Verhältnisse unglaublicher Kinderreichtum ließ eine hohe Todesrate der Lebendgeborenen vor dem Erreichen ihrer Fortpflanzungsfähigkeit zu. Die Sterblichkeit nach der aktiven Reproduktionsphase, also etwa nach dem vierzigsten Lebensjahr war (und ist) für die Arterhaltung sowieso nicht relevant.
Außerdem lebten die Menschen nicht so dichtgedrängt wie heute und bewegten sich nicht in so großer Zahl über so weite Distanzen. Seuchen blieben also, auch ohne wirksame Gegenmittel, von alleine regional begrenzt und mußten letztlich an sich selbst ersticken.

Pfuschen wir also mit unseren wenigen, verhätschelten, um jeden Preis jede Gefahr überlebenden Nachkommen doch der Evolution ins Handwerk? Ja, aber nicht wegen der Sozialsysteme. Die Menschen könnten genausogut auf andere Weise für Alter und Krankheit vorsorgen, sie könnten -- und sie werden bald -- viel Geld in neue, die bekannten Schutzimpfungen weit übertreffende, prophylaktische Verfahren stecken, um Krankheit nicht nach Ausbruch bekämpfen zu müssen, sondern schon vor Ausbruch verhindern zu können, sie werden alt und älter werden und länger leistungsfähig bleiben. Die Manipulation an der Evolution ist die, daß die menschliche Spezies den natürlichen Variantenreichtum und die natürliche Auslese innerhalb der eigenen Art nach und nach aufgibt. Jedes Kind muß ein perfekter Treffer sein, diese Notwendigkeit ist es, die uns die Fortschritte in der Fortpflanzungsmedizin beschert, die uns dazu verleitet, mit der Präimplantationsdiagnostik die natürliche Auslese weit in den pränatalen Bereich hinein zu verlagern. Wir können nicht mehr zulassen, daß die Auslese im Messen der persönlichen Fähigkeiten mit den Umweltbedingungen getroffen wird, und vertrauen daher darauf, daß die "Elterntiere" am besten wissen werden, was ihre Kinder im Leben so an Eigenschaften brauchen könnten.
Der Unterschied zum Klon wird damit immer kleiner, was die Hemmschwelle für das Klonen weiter senken wird. Die kleinen Probleme mit den geklonten Nachkommen werden gelöst werden können, und irgendwann wird der Inhalt des Chips, der unmittelbar nach der Geburt als Backup Speicher in das menschliche Gehirn implantiert wird, per Kopierbefehl auf den Klon übertragen werden können, so daß das junge Abbild des gealterten Menschen nicht nur dessen genetischen Code, sondern auch seine gesammelten Lebenserfahrungen übernehmen kann. Endlich unsterblich!

Unsterblichkeit bringt zwangsläufig das Rad der Evolution zum Stillstand. Es braucht keine Nachkommen mehr, ja es darf sogar keine mehr geben, weil die Zahl der Lebenden irgendwann zur Vermeidung von Versorgungsmängeln konstant gehalten werden muß. Wenn dieses Szenario den Sience-fiction-Status verloren haben und reale Lebenswirklichkeit geworden sein wird, sind alle bekannten Versorgungs- und Sozialsysteme nichts mehr wert.
Es gibt keinen Generationenvertrag mehr, weil es keinen Generationenwechsel mehr gibt. Der -- wie auch immer-- unsterblich gewordene Mensch wird seinen Unterhalt dauerhaft selbst bestreiten müssen. Oder er organisiert technische und biologische Systeme von großer Dauerhaftigkeit so, daß sie ihm für unendliche Zeiten höchsten Komfort gewähren.

Mit Erstaunen erkennen wir an dieser Stelle, daß die "Ein-Mensch-pro-Planet-Utopie", die wir schon im Abschnitt zur Überbevölkerung kennengelernt haben, auch mit fortschreitender Perfektion der Fähigkeiten zur Gesundheits- und Überlebens-Sicherung wieder auftaucht. Ist es wirklich so, daß alles menschliche Streben auf die Vereinsamung im höchsten Luxus hinausläuft? Es scheint so.
Einer pro Planet ist vielleicht zu wenig. Es könnten auch hundert sein, oder zehntausend. Aber niemals 10 Milliarden auf dieser Erde.

Nehmen wir als Erkenntnis aus diesem Kapitel mit, daß die zunehmende Lebenserwartung des einzelnen Individuums, die durch medizinische Versorgung und materielle Sicherung entsteht, zwangsläufig dazu führt, daß das einzelne Individuum einen immer größeren Teil der endlichen Ressourcen an sich bindet, damit zunächst die Vergrößerung der Population hemmt und in fortgeschrittenerem Stadium sogar einen Rückgang der Bevölkerungsdichte erzwingt. Sie können diesen Prozeß im Wald beobachten, wo aus einer Fichtenschonung, deren einzelne Jungpflanzen dicht an dicht gesetzt wurden, nach und nach diejenigen verdorrten Bäume herausgeschlagen werden müssen, die es nicht geschafft haben, sich den notwendigen Anteil des Himmels zu erobern, denen also das Licht für die Entwicklung fehlte, weil es die "Gewinner" für sich beanspruchen. Sie werden im gleichen Wald beobachten, daß die "Siegerbäume" aufgrund ihres Wachstums weiterhin so dicht stehen, daß sie alle Ressour-cen des Waldes beanspruchen. Sie bilden zwar Blüten und Fruchtstände aus und werfen Samen ab, aber sie lassen keinen Nachkommen aufkommen, solange der Wald steht.
Sie können diesen Prozeß auch beobachten, wenn Sie sich in Ihrer Region, in Ihrer Gemeinde, unter Ihren Bekannten und Verwandten umsehen. Es gibt die Sieger, die sich immer breiter machen. Es gibt die Verlierer, die aufgeben müssen.

Gerade in den reichen Ländern wachsen manche Bäume in den Himmel und machen verdammt viel Schatten für die anderen. Gerade in den reichen Ländern beobachten wir stagnierende und rückläufige Bevölkerungszahlen bei wachsendem Gefälle zwischen Arm und Reich. Natürlich fällt einmal ein Baum um, weil er von innen heraus verfault ist. Natürlich finden wir immer wieder einmal eine Schneise im Hochwald, weil ein Sturm sich ausgetobt hat, aber das Prinzip "Nutzwald in Monokultur" hat überlebt. Das Prinzip "Nutzwald in Monokultur" ist die Bevorzugung der wirtschaftlich Starken durch Manipulation der Spielregeln. Eine gepflegte, erntefreundliche Fichtenmonokultur mit optimaler Flächennutzung kann ohne manipulative Eingriffe weder entstehen, noch überleben. Die Wälder der Evolution sind artenreiche, experimentierfreudige Urwälder, deren Gattungen den Bedingungen der Standorte entsprechen. Auch hier gibt es Riesen, aber zwischen diesen Riesen ist nicht Ödnis, sondern pralles, überbordendes Leben in wunderbarer Vielfalt.

Sind wir noch beim Thema? Was haben unsere sozialen Sicherungssysteme mit dem Wald zu tun?

Unsere Sicherungssysteme helfen dem bereits existierenden Individuum in seinem Streben nach Lebensverlängerung und Genußsteigerung. Je stärker, perfekter und leistungsfähiger die Sicherheit unserer körperlichen Gesundheit organisiert ist, je größer unsere materiellen Reserven sind und je schneller sie durch Zins und Zinseszins wachsen, desto länger und genußreicher lebt der einzelne Mensch, womit er zwangsläufig die Lebensbasis aller anderen Menschen in Raum und Zeit(!) verringert und damit von einem Kulminationspunkt aus zwangsläufig einen Rückgang der Bevölkerungszahlen verursacht.
Sind wir also bereits hoffnungslos verloren? Hat die Menschheit den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreicht? Gibt es keine Chance, aus dem "Nutzwald-Spiel" auszusteigen?
Wenn wir uns unter den Förstern der Republik umhören, dann wird erkennbar, daß die Monokultur inzwischen umstritten und mehr und mehr auf dem Rückzug ist. Sie wird abgelöst von einem forstwirtschaftlich nutzbaren Mischwald, bei dem sich sogar unterschiedliche Altersgruppen von Bäumen ein Waldareal teilen, aus dem auch immer nur einzelne, reife Stämme herausgeschlagen werden. Es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, daß Monokulturen Schädlinge begünstigen, dem Sturm weniger Widerstandskraft entgegensetzen und so durch immer wieder auftretende Bruchholz-Schwemmen die Holzpreise ruinieren.
Der Förster überwacht auch im Mischwald die Gesundheit der Bäume und nutzt die zur Gesunderhaltung des Bestandes verfügbaren Budgets, aber die epidemischen Erkrankungen und die daraufhin einsetzende massenhafte akute Notfallmedizin sind weitgehend einer prophylaktischen Gesundheitsvorsorge gewichen. Natürlich hat der Förster noch Rücklagen, mit denen "Ernteausfälle" überbrückt werden können, aber seit sich im Wald nicht mehr Neupflanzung mit Kahlschlag abwechseln, sondern eine jährlich gleichbleibende Holzmenge aus dem Wald entnommen werden kann, ist auch der Bedarf an materiellen Sicherheiten erheblich geschrumpft. Es können jetzt insgesamt wieder mehr Bäume auf der Fläche stehen, weil junge und alte, große und kleine in einer fast natürlichen Mischung nebeneinander existieren können. Es muß viel weniger Totholz herausgeschlagen werden, es geht dem Wald gut und es sind viele Pflanzen und Tierarten in den Wald zurückgekehrt, die vorher dort kein Auskommen mehr hatten.

Die Monokultur der Geldanhäufer, die in jeder Hinsicht zu einer Verarmung unserer Gesellschaft führt, ist jetzt ebenso kritisch zu diskutieren, wie die Fichtenmonokultur. Die Demokratie sollte es uns ermöglichen, die Spielregeln so umzugestalten, daß wieder eine Vielzahl von Bäumen nebeneinander existieren kann. Man wird dazu regulierend in die Monokulturen eingreifen müssen und sie nach und nach in Mischwälder umbauen. Ein Kahlschlag ist nicht erforderlich, ja sogar kontraproduktiv.
Nur besonders einsichtige Fichten werden damit einverstanden sein, aber ich glaube, wir könnten die weniger einsichtigen überstimmen. Daß wir damit gleichzeitig auch viele Probleme unseres Gesundheits- und Sozialsystems abschütteln könnten, wäre ein angenehmer Nebeneffekt.


zum Seitenanfang

Das Gesundheits- und Sozialwesen,
eine deutsche Ungeschicklichkeit?

Erleben wir noch eine Krise der Sozialsysteme, oder schon eine Krise der Gesellschaft? Eine Sturzflut von Horrormeldungen, von Ankündigungen, Versprechungen, Reformideen, Dementis und Rücktrittsforderungen wälzt sich seit vielen Jahren wütend durch das Land. Mit tagesaktueller Hektik werden in immer schnellerer Folge Fallstricke für den politischen Gegner ausgelegt, aber kein Beitrag für die Erarbeitung wirklich seriöser, langfristiger Pläne geleistet. Sozialpolitik in Deutschland ist ein einziger Schaukampf, bei dem versucht wird, die Angst vor Alter, Krankheit und Siechtum in Stimmung gegen den politischen Gegner zu verwandeln.

Gerade das Gesundheitswesen, die gesetzliche Krankenversicherung, ist hierzulande ein magisches Quadrat, dessen Eckpunkte "Staat", "Versicherungen", "Medizinische Leistung" und "Patient" heißen. Nach alter Überlieferung ist es in einer solchen Konstellation schwierig, alle Wünsche, Ziele, Vorstellungen und Pläne in einen allgemein akzeptierten Kompromiß zu gießen. Es wird im Gegenteil so sein, daß eine Partei nach langem Kampf eine Koalition mit einer zweiten Partei zu schließen hat, um überhaupt zu handlungsfähigen Mehrheiten zu gelangen. Lange Zeit sah es so aus, als hätten die Organe der medizinischen Leistungserstellung und die Krankenversicherungen sich zu einer solchen Koalition zusammengeschlossen, die von einem schwachen Staat und unmündigen Patienten weder zu durchschauen, noch zu knacken war. Durch kleine und größere Krisen hindurch funktionierte dieses Geldsammlungs- und Verteilungskartell entlang eines scheinbar endlosen Wachstumspfades immer so, daß die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Ärzte und der Pharma-Industrie, der Heilmittelhersteller und der Physiotherapeuten mehr als befriedigt wurden.
Warum ist das heute nicht mehr so? Warum wird ein steigender Beitragssatz bei der Krankenkasse zum ernst genommenen Politikum, das mehr Resonanz findet, als die gleichfalls steigenden Energiekosten, der rapide Verfall des Außenwertes unserer Währung oder der desolate Zustand der Bundeswehr? Kalamitäten, die uns in absoluten Zahlen doch weit mehr belasten, als der Anstieg des Krankenversicherungsbeitrages, und deren Entwicklung sich in viel steileren Kurven darstellen läßt, als das Bißchen Gesundheitskosten. Es mag daran liegen, daß eine fortschreitende Aufklärung der Patienten mit einer fortschreitenden Kultur des individuellen Egoismus dort zuerst kulminieren muß, wo nicht individuell, sondern kollektiv Vorsorge-Sparen statt Konsum verlangt wird. Nach einigen Jahrzehnten des Auslebens "deutscher" Tugenden, in denen Disziplin und Sparsamkeit und vorsorgliches Planen, gepaart mit Zuverlässigkeit und Fleiß zuerst Autobahnen, dann Panzer und Stukas und dann den VW-Käfer und Waschmaschinen für alle möglich gemacht haben; nach diesen Zeiten der Mühe haben wir einen langsam beginnenden Wandel der Werte erlebt. Ob die Namen dafür nun "Null-Bock-Generation" oder "Spaßgesellschaft" heißen, der Mensch hat auch in Deutschland herausgefunden, daß seine eigentliche Bestimmung darin liegt, in vollen Zügen das JETZT zu genießen. Aus einer aktuellen, gegebenen Situation heraus einen direkten persönlichen Nutzen ziehen zu können, das ist nicht nur die Fähigkeit, die bei Intelligenztests zu hohen IQ-Werten führt, nein, es ist auch das, was wir meinen, wenn wir den Sinnspruch "frisch gewagt ist halb gewonnen" zitieren, es ist die Denkweise, die per Wahlplakat verbreitet wird, weil Wahlen mit dem Versprechen für den Tag nach der Wahl viel leichter gewonnen werden, als mit dem Versprechen der "...Wiederherstellung der Ozonschicht im Jahre 2049 - falls alle anderen auch mitmachen, wofür wir uns einsetzen werden... "

Jede kollektive Vorsorgeeinrichtung steht heute im Widerspruch zu dieser Grundhaltung, die uns übrigens ganz souverän durch die Evolution begleitet hat. Sich heute um Morgen oder Übermorgen zu sorgen, das sagen uns die Ärzte(!), macht Streß. Streß, der im Übermaß das Immunsystem beeinträchtigt, so daß wir letztlich krank werden können, weil wir uns, in steter Sorge um unsere zukünftige Gesundheit, unter anderem auch den Zugang zur Kraft des gesunden Lachens so vermauert haben, daß am Ende der Grieß in der Niere schon am griesgrämigen Gesichtsausdruck halbwegs sicher diagnostiziert werden kann. Woher kommt denn nun aber im Weltkulturerbe die Fabel von Ameise und Grille? Muß dieses eindringliche Gleichnis pro Sammlung und Sparsamkeit, contra Zerstreuung und Verschwendung verworfen werden?

Sind Vorsorgeeinrichtungen wie die Rentenversicherung, die Arbeitslosenversicherung, die Krankenversicherung und die Pflegepflichtversicherung nach nur 100 Jahren seit den Anfängen der Sozialversicherung schon obsolet?

Die Fabel von der Ameise und der Grille beschreibt zwei Tiere, die - seit ihre Arten im Almanach der Evolution verzeichnet sind - ihr artspezifisches Leben führen. Erst der naiv vergleichende Mensch projizierte Eigenschaften und vermeintliche Tugenden der eigenen Spezies auf diese unschuldigen Insekten, um damit ein erzieherisches Ziel zu unterstreichen. Es handelt sich dabei um die Proklamation einer Philosophie des vorsorglichen Verzichts, ja der Askese, die es dem Ameise-Menschen in der Konsequenz erlaubt, aus der Position des moralisch Überlegenen heraus, den Hungrigen bei vollem Speicher guten Gewissens verhungern zu lassen. Der Grille-Mensch proklamiert nicht, er lebt. Er nimmt das, was nicht zu verhindern ist, hin z.B. den Abzug des Krankenversicherungsbeitrages vom Lohn, und vor allem nimmt er alles, was sich ihm anbietet, an z.B. so viele neue Brillengestelle pro Jahr wie möglich, Pillen für jedes Leiden, und, sooft es geht, ein paar Stunden frei, für den Besuch beim Arzt, und ein paar Tage frei, wegen der vom Arzt attestierten Arbeitsunfähigkeit; alles umsonst, versteht sich.

Er verhält sich damit in bezug auf die eigene, egoistische Position völlig richtig. Im Intelligenztest wird ihm für dieses Verhaltensmuster ein hoher IQ attestiert und im täglichen Leben erlebt er nur Vorteile. Je höher das Niveau materiellen Wohlstandes, je verblaßter die Erinnerung an wirklich existentielle Not, desto mehr setzt sich die Devise des "Lebe jetzt" durch und die nimmt sich, was sie bekommen kann und wo sie es bekommen kann und das möglichst ohne jede Gegenleistung. Die Grille unserer Tage raubt die Ameise hemmungslos aus. Das ist einer der Gründe für die mißliche Lage der gesetzlichen Krankenversicherung und für die daraus folgenden Klagen der Sprecher des Heilwesens und für die Sorge der Arbeitgeber, durch ihre hälftige Beteiligung am Beitrag noch mehr Medizin finanzieren zu müssen. Es ist ein Grund für die berechtigte Frage des Patienten, ob sich vielleicht irgend jemand wirklich für seine Krankheit und ganz besonders für seine Heilung interessiert, und es ist ein Grund für die mißliche Lage der Regierung, die abzuwägen hat, mit welcher Lösungsankündigung der nächste Wahlsieg wohl am wahrscheinlichsten sei.
Betrachten wir uns dagegen das Idyll, das sich uns dort bietet, wo der omnipotente Chefarzt im großen, hellen und freundlich ausgestatteten Einzelzimmer seinen Privatpatienten persönlich betreut, wo freundliche Schwestern alles tun, was dem Wohlbefinden und damit der schnellen Genesung dienlich ist, wo die Private Krankenversicherung einen im Vergleich zum Mehrbettzimmer unvergleichlichen Luxus finanziert, dann zweifeln wir ernsthaft an der Misere des Gesundheitswesens. Denn: Die Private Krankenversicherung schreibt gute Gewinne und zahlt ordentliche Dividenden an ihre Aktionäre. Der Chefarzt wäre glücklich, bestünde seine Kundschaft ausschließlich aus Privatpatienten. Der Privatpatient erfreut sich der bestmöglichen Behandlung und Betreuung und zahlt dafür u.U. sogar weniger, als er der gesetzlichen Krankenversicherung an Beiträgen zu leisten hätte.

Da fragt man sich doch allen Ernstes: Wozu brauchen wir gleichzeitig noch dieses absolut marode, ständig in Finanzproblemen steckende System der gesetzlichen Krankenversicherung, das noch nicht einmal in der Lage ist, zu definieren, was denn die medizinische Grundversorgung sei, die zu bezahlen es angeblich angetreten ist?

Nun, wir ahnen irgendwie, daß unser Gesundheitswesen sofort und nachhaltig zusammenbräche, würde man die gesetzliche Krankenkasse ersatzlos abschaffen. Schließlich trägt sie die Bürde der "Volksgesundheit", während die privaten Kassen sich nur die Rosinen, die "guten Risiken" herauspicken. Wir ahnen damit auch, daß der Wechsel zur privaten Kasse auch nichts anderes ist, als das Stück Entsolidarisierung auf dem Weg zur Spaßgesellschaft der Egoisten, das der Staat, wäre er stark genug, verbieten müßte, um der gesetzlichen Kasse ihren Auftrag zu erleichtern; ihr genau die beitragsstarken, gesunden Mitglieder zu erhalten, die in einer Art Generationenvertrag, wie bei der Rentenversicherung, jetzt für die Krankheitskosten der Älteren aufkommen, mit dem Versprechen, eine nachwachsende Generation werde dereinst auch für ihre Krankheitskosten im Alter aufkommen. Doch wer mag an eine nachwachsende Generation glauben, wenn er selbst deren Zeugung und Aufzucht aus wirtschaftlichen Gründen verweigert?

Die Krise der gesetzlichen Krankenversicherung kann aber mit dem Wegbrechen der hochinteressanten Beitragszahler aus dem Kreis der guten Risiken alleine nicht erklärt werden. Hinzu kommt das Bestreben, dem gesetzlich Versicherten ein Höchstmaß an medizinischer Versorgung zu bieten, was einerseits beinharte wirtschaftliche Interessen befriedigt und andererseits der Politik die Gelegenheit gibt, den bösen und sozialen Unfrieden stiftenden Parolen wie: "weil Du arm bist, muß Du früher sterben" oder "diese Regierung führt uns in eine Zweiklassenmedizin" möglichst überzeugend und nachweisbar zu begegnen.
Das Vorbild für diese medizinische Bestversorgung finden wir ausgerechnet dort, wo sich wohlsituierte Privatpatienten behandeln lassen, womit der Privaten Krankenversicherung zu allem Überfluß auch noch die Ehre zufällt, den medizinischen Fortschritt voranzutreiben. Diese Entwicklung ist wohl noch lange nicht abgeschlossen, eine Lösung muß aber die Einflüsse von Weiterentwicklungen mit einbeziehen. Können wir uns die Konsequenzen ausmalen?

Im Detail und mit einer halbwegs zuverlässigen Aussage zu den zeitlichen Abfolgen ist das sicherlich nicht möglich. Die Komplexität des Systems steht dem entgegen. Wir können aber in einem Gedankenexperiment Konsequenzen und Grenzen sichtbar machen, wenn wir nur die bekannten Tendenzen beschleunigen und bis an den Rand des Widersinnigen ausweiten.

Verbessern wir also in Gedanken die medizinische Versorgung der gesamten Bevölkerung stetig (wöchentlich eine prophylaktische Untersuchung im Computertomographen wäre z.B. ein sehr schöner Fall, der im Verbund mit weiteren ähnlichen Maßnahmen die Entwicklungsrichtung verdeutlicht), dann werden sinkender Mehrnutzen und steigende Mehrkosten diesen Trend recht schnell ad absurdum führen, auch wenn sich die Argumente der Medizinmänner für noch mehr teure Apparatediagnostik zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht geändert haben dürften. Die beste Krankenkasse wird nicht in der Lage sein und auch nicht in der Lage sein müssen und schon gar nicht in der Lage sein sollen, ein Verhältnis von 1 Arzt pro 1 Einwohner herzustellen, selbst wenn alle Einwohner krankheitsbedingt dauerhaft und durchgängig ärztlicher Hilfe bedürften, GAU-halber, zum Beispiel.
Es kann also nicht das Ziel der Krankenversicherung sein, jedem Wunsch nach medizinischer Behandlung, gleichgültig ob er nun vom Patienten oder vom Mediziner geäußert wird, mit der Bereitstellung des erforderlichen Geldes mehr oder weniger automatisch zu entsprechen und das nicht etwa, weil wir wissen, daß im Katastrophenfall die medizinisch notwendige Versorgung der Erkrankten trotzdem nicht sichergestellt werden kann, sondern schon alleine deshalb, weil ein solches ruinöses Verhalten mit keinem vernünftigen Argument zu rechtfertigen ist und daher entweder als Ausdruck geistiger Verwirrtheit oder als Beweis schamloser Bereicherung angesehen werden muß. Beides Tatbestände, die nach unseren Gesetzen eigentlich die sofortige und vollständige Unwirksamkeit aller in diesem Umfeld geschlossenen Verträge und Vereinbarungen bewirken müßten. Aber wir sind noch nicht ganz dort angekommen. Wir haben nur die Entwicklungslinien extrapoliert, um die Grenzen des exzessiven Wachstums unseres Gesundheitswesens zu finden.
Wenn nicht vorher gebremst wird, wird die Entwicklung erst dann zum Stillstand kommen, wenn die Krankenhausbetten voll sind (auch die auf den Gängen und die aus den Luftschutzbunkern) und wenn alle Ärzte, Schwestern, Apotheker, Zahnlaboranten und Physiotherapeuten täglich 16 Stunden im Einsatz sind und vom Rest der Bevölkerung niemand mehr gesund genug ist, um sein Heil in einem der Heilberufe suchen zu können. Da hilft dann auch eine Pharma-Industrie nichts mehr, die vielleicht noch Reserven in der Herstellung von Pillen und Tropfen hätte, wenn kein Arzt mehr Zeit hat, diese zu verordnen. Aus diesen bitterbösen Szenarien heraus wird deutlich, daß es vorher einer Grenzziehung bedarf, daß dem wuchernden Krebsgeschwür und seinen Metastasen Einhalt geboten werden muß.
Es taucht die Hoffnung auf, daß es eine marktwirtschaftliche Gesetzmäßigkeit geben könnte, die das Wachstum des Gesundheitsbetriebes genauso begrenzen könnte, wie sich das Wachstum von Schuh- oder Schokoladefabriken am Markt begrenzt. Eine marktwirtschaftliche Gesetzmäßigkeit, die ein allgemeines Wachstum bis zur Marktsättigung und danach einen Wettbewerb um Marktanteile durch Qualität, Preis oder Substitution erzeugen könnte. Doch wir müssen feststellen, daß diese marktwirtschaftliche Gesetzmäßigkeit im Gesundheitswesen soweit außer Kraft gesetzt ist, daß wir eher den Staatsbankrott erleben, als das Ende der Begehrlichkeiten der Heiler und ihrer Helfer, denen es bisher noch immer gelungen ist, jede echte Reform im Keim zu ersticken und sich damit den Zugriff auf den Topf der Sozialkassen zu erhalten. Dummerweise wächst der Zustrom der Mittel in den Topf langsamer, als das Produkt aus Menge und Begehrlichkeit derer, die sich daraus bedienen. Ist es also überhaupt möglich, das Gesundheitswesen gegen den Widerstand dieser mächtigen Interessengruppe nach marktwirtschaftlichen Gesetzen neu zu organisieren? Sind die tief in der Struktur der Republik und im Unterbewußtsein der Bevölkerung verankerten Helden und Halbgötter in Weiß überhaupt noch einer Reform zugänglich, die über einen wirkungsvollen Automatismus den volkswirtschaftlichen Gesamtaufwand begrenzt?
Wer jetzt schnell und laut erklärt, daß das nicht funktioniert, und daß wir es uns auch gar nicht wünschen sollten, weil damit der Idealismus der Mediziner untergraben würde, der muß sich auf eine Diskussion einlassen, in der die Frage nach der heute real existierenden Selbstlosigkeit der Marktteilnehmer (niedergelassene Ärzte, Apotheker, Pharma-Industrie, Dental-Labors, Physiothera-peuten, private Kliniken, Chefärzte "öffentlicher" Kliniken) beantwortet wird. Wir werden ohne große Mühe feststellen, daß, außer den im Gesundheitswesen "versklavten" Zivildienstleistenden, Krankenschwestern und Assistenzärzten, alle Beteiligten in aller Konsequenz nach den Gesetzen der Marktwirtschaft angetreten sind und Profitmaximierung nicht als unanständig oder zumindest anrüchig auffassen, sondern als Lebenszweck des homo capitaliensis hippokraticus. Danach stellen wir, wieder ohne besondere Mühe, fest, daß alle, die da verkünden marktwirtschaftlich zu arbeiten, nur die Vorteile der Marktwirtschaft annehmen, sich dem Markt aber verweigern und somit in Wahrheit nur die feisten Einwohner des Schlaraffenlandes "gesetzliche Krankenversicherung" sind, welches ihnen das gebratene Huhn liefert, sooft sie nur danach verlangen.
Den entsetzten Aufschrei höre ich wohl, daß das ja in Wirklichkeit ganz anders sei, daß schon so mancher Einschnitt habe verkraftet werden müssen, daß so mancher Gesundheitsminister tiefer geschnitten habe, als es dem Gesundheitswesen gut getan habe, und daß nun wahrhaft keine Zustände des Überflusses mehr zu beklagen seien, sondern eher Zustände der Not und des Elends und dies insbesondere in den Krankenhäusern und in den Praxen der praktischen Ärzte. Die Wahrheit ist subjektiv. Meine Wahrheit findet sich im Produkt aus Menge und Begehrlichkeit derer, die sich aus dem Topf bedienen.
Wenn wir uns lediglich auf die großen Rahmenbedingungen konzentrieren, wissend, daß der Umfang medizinischer Versorgung irgendwann definitiv auf Grenzen stößt, jedoch glauben, diese Grenzen seien hier genausowenig erreicht wie sie bei der Belastung unserer Straßen noch nicht erreicht sind, daß sich also durch immer feinere Steuerungen noch Reserven darstellen ließen und uns aus dieser Überlegung heraus zwangsläufig die Frage beschäftigt, ob wir vielleicht ein Problem in der strukturellen Verteilung der Mittel haben, dann...

Sie kennen das Resultat. In voller Übereinstimmung mit der herrschenden Geldethik und Analysten-Moral ist ein Narr, wer sich ohne lauten Protest, Widerstand und Boykott von einer guten Pfründe und im Weiteren vom shareholder value nur um des Gemeinwohls willen trennen läßt. In der Welt der Schuh- und Schokoladefabriken kennen wir die Tafel Schokolade zum Preis von 0,69 DM und das Paar Schuhe zum Preis von 19,90 DM. Es gibt aber auch Schokolade für 4,99 DM pro 100 g und ein Paar Schuhe für 898,90 DM steht auch im Schaufenster.

Wir haben Schokoladenimperien kommen und gehen sehen und wir wissen von Schuhfabriken im Konkurs. Der Anbieter wirbt um Kunden, per Qualität, per Service, per Preis.

Ärzte dürfen nicht werben und rechnen gegenüber der gesetzlichen Krankenkasse nach einer Honorartafel fixe Honorarsätze ab.

Das ist schon deshalb gerecht, weil der Patient wenig Möglichkeiten hat, festzustellen, ob er für diesen Standardpreis nun medizinischen Standard, eine medizinische Spitzenleistung oder einen ärztlichen Kunstfehler erhalten hat, denn bei weitem nicht jeder ärztliche Kunstfehler verläuft tödlich und so manche Behandlungsweise könnte eher am kontinuierlich sprudelnden Umsatz des Arztes orientiert sein, als an der für den Arzt aus wirtschaftlicher Sicht eher "unglücklichen" Genesung des Patienten.
Weil auch endlose(!) Diskussionen zwischen Lobbyisten und Gesundheitspolitikern nicht zu einem Ausweg führen werden, der über Positivlisten für Medikamente und Behandlungsmethoden die finanzielle Krise der Krankenkassen so lösen könnte, daß nicht der nächste Minister den selben Quark erneut umrühren müßte, erscheint die Frage nach den Möglichkeiten marktwirtschaftlicher Orientierung der Nachfrageseite, also der Patienten auf der Tagesordnung.

Lassen wir diejenigen Patienten außer acht, die sich in der Privaten Krankenversicherung auch nicht gerade als marktwirtschaftliche Nachfrager von medizinischen Leistungen hervortun, sondern im Gegenteil, in weidlicher Ausnutzung der Zahlungsfreude ihrer Kasse das hehre Bild von Angebot und Nachfrage eher verfälschen und damit die beste Werbung für das Neukundengeschäft der Privaten Krankenversicherung sind. Schaffen wir statt dessen einen marktwirtschaftlichen Anreiz für das Mitglied der gesetzlichen Krankenkasse.

Eine Überlegung dazu:

Was wäre, wenn der Versicherte regelmäßig nur einen geringen monatlichen Mindestbeitrag zu bezahlen hätte, der sogar zum größeren Teil vom Arbeitgeber zu tragen wäre? Was wäre, wenn alle Bürger unseres Landes ohne Ausnahme pflichtversichert wären, bei einer einzigen gesetzlichen Krankenversicherung?
Was wäre, wenn der Patient in diesem Modell bei Inanspruchnahme medizinischer Leistungen von seiner Krankenkasse die Kosten in der Form erstattet bekäme, daß ihm "ein Darlehen" gewährt wird, das in erträglichen Raten zurückzuzahlen ist?

Die Versicherungsmathematiker werden schnell ausgerechnet haben, wie hoch der monatliche Mindestbeitrag für jeden einzelnen Bürger zu bemessen sei, damit aus ihm eine Reihe von Pflicht-Vorsorge-Untersuchungen bezahlt werden können und die Grundrisiken abgedeckt würden, die darin bestehen, daß einzelne Patienten nicht in der Lage sein werden, ihre Darlehen (vollständig) zurückzuzahlen, weil der Aufwand so hoch, oder die restliche Lebenserwartung zu kurz ist.
Die Politik wird festzulegen haben, wie sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Beamte und öffentliche Arbeitgeber, Kinder, Rentner, nicht berufstätige Ehefrauen, Sozialhilfeempfänger usw. in diesem System an den Start begeben und unter welchen Voraussetzungen der Staat eigene Leistungen zur Einzahlung der Mindestbeiträge erbringt. Die Politik wird auch Festlegungen zu treffen haben, bezüglich der notwendigen medizinischen Versorgung derjenigen, von denen zum Zeitpunkt des Behandlungsbeginns klar ist, daß sie ihr Darlehen nicht zurückzahlen können - denn alle anderen haben die freie Wahl des Arztes, der Behandlungsmethode, der Goldplombe usw. usw.
Was wäre also, wenn die Krankenversicherung die Rolle wechselte? Von der Sparkasse zum Kreditverein mit Auszahlungsverpflichtung.

Richtig: Die Ärzte müßten gleichzeitig von einigen standesrechtlichen Schutzvorschriften befreit werden, also z.B. für ihre Leistungen und Preise werben dürfen (die Kasse muß eintreten, wenn der Arzt die geforderte Qualifikation nachweisen kann). Der Patient käme so erstmals zu der ihm zustehenden Nachfragemacht und sein ureigenes Interesse, eine gute (schnell wirkende, keine Folgeschäden) Therapie zu einem günstigen Preis nachzufragen, würde sicherlich von Verbraucher- respektive Patientenberatungsstellen mit Empfehlungen und Warnungen vor schwarzen Schafen gut unterstützt. Außerdem hätte niemand mehr ein Interesse, von der Kasse etwas "herausholen" zu wollen, denn alles was er bekäme, wäre der zweckgebundene Kredit für eine bereits erfolgte medizinische Leistung oder der Kredit, mit dem er - als Krankengeld - seinen Unterhalt bestreitet, bis zu Wiederherstellung der Gesundheit und Arbeitsfähigkeit.
Die unausweichliche Ausnahme sind Langzeit-Patienten und insbesondere alte Menschen, die wissen, daß sie die erhaltenen Kredite nie mehr werden zurückzahlen können (und brauchen).
An dieser Stelle wird eine leistungsbegrenzende Formel zu finden sein, die für den Patienten den Anreiz bietet, eine gute oder zumindest ausreichende Behandlung zu suchen, die vielleicht doch noch mehr bietet, als die ihm auf jeden Fall zustehende, medizinisch korrekte Mindestbehandlung, die es ihm aber genauso ermöglicht, freiwillig aus eigenen Mitteln eine entsprechende Zuzahlung zu leisten. Genau das ist übrigens dann der Bereich, in dem die Private Krankenkasse noch eine Berechtigung hätte, als Zusatzversicherung. Genau für solche Fälle kann die Private Krankenversicherung dann in die Leistung gehen, nachdem dafür über viele Jahre die entsprechenden Vorsorgebeiträge angesammelt wurden.
Der aufgezeigte Weg hat den Vorteil, daß er den Egoismus der "Patienten" aktiviert und damit ein Gegengewicht schafft, zu den Egoismen im Gesundheitswesen. Damit hat die Lösung eine gute Chance, denn Egoismus findet immer breitere Akzeptanz.

Mit einer einfachen Änderung des Versicherungsgedankens könnte eine Marktmacht auf der Nachfrageseite geschaffen und damit ein Mißstand nachhaltig beendet werden!

Verzeihen Sie diesen etwas einseitigen Ausflug in die Problematik des deutschen Gesundheitswesens. Letztlich steht die gesetzliche Krankenversicherung hier aus Gründen der Aktualität stellvertretend für die Probleme und die Notwendigkeit weitgehender Reformen im gesetzlichen Sozialwesen überhaupt. Ein nennenswertes privates, nicht gewinnorientiertes Sozialwesen gibt es in Deutschland nicht. Darüber können auch die ehrenamtlichen Helfer des Roten Kreuzes nicht hinwegtäuschen.

Nur Krise der Sozialsysteme, oder schon Krise der Gesellschaft, das war die Eingangsfrage. Das eiserne Festhalten der wirtschaftlich Starken an den bestehenden Verhältnissen, trotz krisenhafter Zuspitzung der wirtschaftlichen Situation, ist ein Indiz für eine Krise der Gesellschaft, die Krise ließe sich jedoch innerhalb der Sozialsysteme lösen, könnte man sich wieder darauf einigen, daß die Sozialkassen primär der sozialen Absicherung ihrer Mitglieder dienen sollten, und nicht der sozialen Absicherung der Leistungsanbieter.


zum Seitenanfang
Das Gesundheits- und Sozialwesen,
ein weltweiter Mangel?

Erinnern Sie sich noch an den Namen Albert Schweitzer, haben Sie von ihm gelesen, von seiner Krankenstation in Lambarene? Ich habe als Kind diese beeindruckenden Geschichten von heroischer Bescheidenheit und leuchtender Selbstlosigkeit, von übermenschlichem Einsatz und vom schmalen Lohn für ein vorbildliches, einem klaren Ziel gewidmetes Leben gelesen und stand lange in ihrem Bann.

Als Mutter Theresa in Indien zu Ehren und zu Ruhm kam, konnte mich ihre Geschichte bei weitem nicht mehr so anrühren. Das Leben hatte viel vom kindlichen Idealismus und der kindlichen Naivität in der Wahrnehmung von Zeitgeist-Idolen weggehobelt. Übrig geblieben ist doch nur die Erinnerung an verzischte Tropfen auf heißen Steinen, an Erfolge die sich nur als Erfüllung des Gebotes christlicher Nächstenliebe werten lassen, die aber in den Statistiken des menschlichen Leidens keine Spuren hinterlassen haben. Sie haben beide eigentlich nichts erreicht und kaum etwas verändert.

Dummheit, Raffgier und Machtstreben zerstören in jedem Augenblick mehr, als Albert Schweitzer und Mutter Theresa zusammen im ganzen Leben geheilt haben. Kriege und Bürgerkriege wogen kaum beachtet von der Weltöffentlichkeit durch den ganzen afrikanischen Kontinent. Hunger und Seuchen raffen die dahin, die ihr Heil in der Flucht suchen. Die Säuglingssterblichkeit liegt in Indien bei 6,9%, das sechste Lebensjahr erreichen 10 von 100 Lebendgeborenen Indern nicht!
Kann man da mit missionarischem Eifer und allerhöchstem persönlichen Einsatz wirklich etwas erreichen, wäre es nicht besser, die ganze Kraft in den Aufbau funktionierender Vorsorgesysteme zu investieren, anstatt hilflos an einzelnen Exemplaren der Gattung Mensch herumzudoktern, wodurch in der weltweiten Statistik noch nicht einmal der Hauch eines Ausschlages zum Guten ausgelöst werden kann?

Letztlich braucht die Welt solche Beispiele von unbeirrbarem Festhalten an der Menschlichkeit doch, denn sie sind gut und wichtig, wenn es darum geht, mehr Nachahmer zu finden, damit wirklich etwas besser wird, auf der Welt. Es sollten zugleich aber auch Anstrengungen unternommen werden, um solche Formen sozialer Sicherungssysteme zu konzipieren, die auch in armen Ländern funktionieren können.
Der Zyniker muß nun die Frage stellen, warum Zeit und Geld darauf verwendet werden sollten, gerade den Menschen zu langem und sorglosen Leben zu verhelfen, die wir Europäer, wenn überhaupt, dann doch nur als Teil der Sprengladung wahrnehmen können, der wir den Begriff Bevölkerungsexplosion verdanken. Wir können doch die Asylanten und illegalen Einwanderer, vor denen wir unsere Länder schützen müssen, nicht dadurch noch vermehren, daß wir ihre natürliche Sterblichkeit vermindern, daß wir mithelfen, ihre hohe Geburtenrate vollständig in Bevölkerungswachstum umzusetzen.

Hat der Zyniker nicht recht? Wäre die Welt nicht heute schon mit 30 Milliarden Menschen voll, wenn alle Neugeborenen der letzten hundert Jahre so lange gelebt hätten, wie es der Lebenserwartung eines heute geborenen Mitteleuropäers entspricht?
Die Antwort ist hochspekulativ, weil sie ihre Gültigkeit nicht alleine aus der angewandten Mathematik beziehen kann, sondern Erfahrungen mit einbeziehen muß, deren vollständige und lineare Übertragbarkeit zwar zu bezweifeln ist, die nicht zu berücksichtigen aber unmöglich ist. Die Antwort steht im klaren Widerspruch zur Auffassung des Zynikers. Sie stützt sich ab auf die real abgelaufenen Prozesse im Europa des 20. Jahrhunderts.
Die Antwort lautet: Nein.
Die Weltbevölkerung wäre heute wahrscheinlich deutlich niedriger und ihr Wachstum erheblich langsamer, wenn nicht gar zum Stillstand gekommen, wenn funktionierende soziale Sicherungssysteme vor hundert Jahren weltweit eingeführt und bis heute gepflegt worden wären. Daß wir damit heute weltweit auch vor einem Zusammenbruch dieser Systeme stünden, ist kaum in Abrede zu stellen, aber die Welt hätte einige andere Probleme nicht.

Der Zyniker wird nach kurzem Nachdenken in der Lage sein, dieser Argumentation zu folgen und trotzdem dabei bleiben, daß es keinen Sinn mache, die Angehörigen der weniger entwickelten Völker zu unterstützen. Den Grund dafür nennt er möglicherweise nur hinter vorgehaltener Hand, und wenn er ganz geschickt ist, formuliert er ihn so: "Warum hätten unsere Vorfahren sich in der Evolution so perfekt entwickeln sollen, doch nicht um den ganzen Vorsprung am Ende freiwillig an die weniger Erfolgreichen zu verschenken, oder?" Da ist er wieder, der Sieger, der im k.o.-System einen Konkurrenten nach dem anderen geschlagen hat, der die glücklichen Umstände, die dazu führten, für sein eigenes Verdienst hält, weil er sie ja erkannt und ausgenutzt hat. Der einsame Sieger und Genießer, der die gesamte genetische Information, die das Leben selbst gesammelt und in seinem Körper materialisiert hat, für sein alleiniges Eigentum hält.

Der Narr, der in sich selbst schon Ziel und Endpunkt der Entwicklung des Universums sieht, und nicht begreifen kann, daß die notwendige Weiterentwicklung, hin zu einem noch völlig nebulösen Endpunkt des Lebens und der Zeit, nur aus der Vielfalt und Unterschiedlichkeit gespeist werden kann, die unser Planet hervorgebracht hat.
Der Vorwurf macht den Zyniker böse und wütend, und er bricht in ein schauerliches Gelächter aus. Er wird versuchen, seine Gene ganz alleine und möglichst unverändert in das Ziel zu tragen. Er hält die, die sich als Individuum zurücknehmen und die Entwicklung der Art in den Vordergrund stellen für "entartet". Radikaler Eigennutz, so seine Erkenntnis, hat die Evolution am schnellsten und am besten vorangebracht. Mephisto fällt ihm ein, und plötzlich hält auch er sich für einen Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Lassen wir den Zyniker bei seiner Auffassung.
Er vertritt die dickste Fichte in der Monokultur. Er hatte offenbar nur Vorteile von der bisherigen Entwicklung und er will diese Vorteile behalten, solange es ihm möglich ist. Wir kleineren Bäume sollten nicht aufhören vom Mischwald zu träumen. Und wenn schon Mischwald, dann aber auch gesunder Mischwald. Da sollen nicht nur die Fichten, sondern auch die Eichen und die Birken und die Erlen und die Gingko Bäume gesund sein und sich zu voller Reife entwickeln können. Das ist das Bild, von dem aus eine gute Gesundheitsvorsorge überall auf der Welt einen Sinn macht. Das ist das Bild, von dem aus eine gute materielle Altersvorsorge überall auf der Welt einen Sinn macht. Das ist das Bild, von dem die Hoffnung ausgeht, daß der Strom entwurzelter Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen aufbrechen, um ihr Glück in den reichen Ländern zu suchen, aufhört, weil das Leben in der Heimat wieder erträglich wird. Das ist das Bild, in dem wir die ersten Anzeichen für das Ende der Bevölkerungsexplosion erkennen können.

Warum ermuntern wir nicht nur einen kleinen Teil der Ärzte, die sich bei uns gegenseitig die Patienten im Kreise zuweisen müssen, um mit ihrer Praxis überleben zu können, sich dort niederzulassen, wo sie wirklich gebraucht werden?
Wir könnten ihnen aus den Sozialkassen dauerhaft 50% ihrer bisherigen Honorare überweisen, so daß sie in den meisten Ländern mit diesem Einkommen alleine fürstlich leben könnten.
Die anderen 50% könnten wir sparen und zur Senkung der Beitragssätze verwenden!
Warum schicken wir nicht alle Ärzte einmal im Leben für 2 Jahre zum Entwicklungsdienst ins Ausland, wenn der vorgeschlagene freiwillige Weg nicht funktioniert. Wäre das nicht ein gerechter Ausgleich für viele Jahre kostenlosen Studiums an unseren Universitäten? Es macht keinen Sinn, daß wir unser Pflegepersonal und Teile der Ärzteschaft dort rekrutieren, wo die Not am größten ist! Wir könnten medizinische Hilfe exportieren und in den Empfängerländern die Strukturen aufbauen, besser und effektiver als Albert Schweitzer und Mutter Theresa. Natürlich ist das Gesundheitswesen nicht alles, eine Altersversorgung ist ebenso erforderlich. Sie könnte, als Generationenvertrag sofort und ohne Probleme installiert werden, überall auf der Welt. Geburtsfehler unserer Systeme (z.B. die Einschränkung des Kreises der Versicherten und Beitragszahler) könnte man vermeiden. Wir bräuchten noch nicht einmal Geld mitbringen, nur unser Know-how!

Es gibt so viele lohnende Aufgaben auf dieser Welt, solange niemand versucht, aus ihrer Erledigung einen ungerechtfertigten Gewinn zu erzielen.
Vielleicht müssen wir doch noch daran denken, den Wucherparagraphen nicht nur auf Zinserträge, sondern auch auf die Eigenkapitalverzinsung im Unternehmen anzuwenden -- ein Gedanke aus dem ersten Band von Wolf's wahnwitziger Wirtschaftslehre, dessen Umsetzung das Aufkommen des Mischwaldes stark begünstigen würde.


zum Seitenanfang
Das Gesundheits- und Sozialwesen,
ein Motor für die positive Veränderung der Sterbetafeln?

Bevölkerungsstatistiker und Versicherungsmathematiker geben in Sterbetafeln an, wie hoch der Anteil der Menschen ist, die in jedem einzelnen Lebensjahr versterben. Was die Versicherungsmathematiker in unseren Tagen quält, ist die Tatsache, daß immer weniger Menschen früh versterben, und sich die durchschnittliche Lebensdauer (der Deutschen!) immer mehr verlängert. Die Qual rührt daher, daß wir uns darauf eingerichtet haben, de jure mit 65 Jahren, de facto im Durchschnitt um das 60. Lebensjahr herum, eher etwas früher, aus dem Erwerbsleben auszuscheiden und uns anschließend darauf zu verlassen, daß die Jüngeren uns schon versorgen werden.
Die Rentner werden ja nicht deshalb mehr, weil Jahr für Jahr mehr Menschen in den Ruhestand treten, sondern hauptsächlich deshalb, weil immer weniger sterben. Als Ursache dafür kann unzweifelhaft überwiegend unser Gesundheits- und Sozialsystem ausgemacht werden, das trotz aller Fehlleistungen und Probleme eben doch vielen Menschen ein längeres Leben beschert, als es bei schlechterer Versorgung und mehr Sorgen um den nächsten Tag zu erwarten wäre. Fatalerweise ist es genau dieser eigentlich zu begrüßende Effekt unserer sozialen Sicherungssysteme, der sie an die Grenze des Zusammenbruchs führt.

Krankenversicherung, Rentenversicherung und Pflegeversicherung sorgen durch ihr erfolgreiches Wirken gemeinsam dafür, daß sich die von ihnen zu erbringende Leistung stetig erhöht. Es ist kein Geheimnis, daß ältere Menschen im Durchschnitt erheblich mehr medizinische und pflegerische Leistungen in Anspruch nehmen, als jüngere und es ist klar, daß jeder Monat, den das Leben länger währt, eine zusätzliche Zahlung aus der Rentenkasse nach sich zieht.
Die für die Zukunftserwartung des einzelnen Menschen also durchaus positive Entwicklung der Sterbetafeln informiert gleichzeitig über den drohenden Ruin der Systeme, die diesen Effekt hervorgebracht haben.

"Das pendelt sich doch alles wieder ein", sagt der hoffnungsvoll-optimistische Pragmatiker, der darauf vertraut, daß wir die Probleme schon lösen werden, wenn sie erst wirklich da sind.
"Das pendelt sich ganz schnell wieder ein", sagt der hoffnungslos-pessimistische Analytiker, der weiß, daß die Sachzwänge, wenn sie erst einmal entstanden sind, genügend selbstregulierende Kräfte entfalten werden, um ein neues Gleichgewicht herzustellen.
"Das habt ihr jetzt davon", sagt der Zyniker "und das wollt ihr auch noch überall auf der Welt durchsetzen. Ihr habt sie doch nicht mehr alle!"

Wir sind alle erwachsene Menschen und brauchen uns nichts vorzumachen, wir wollen nicht wieder gewählt werden und wir haben nichts versprochen, was wir jetzt nicht halten können. Was tun wir also jetzt?

Die Rentenreform des Jahres 2000 hat das Ende der umlagefinanzierten Rente eingeläutet und den Einstieg in den persönlichen Kapitalstock des Rentners geschaffen. Die Folge sind völlig überflüssige Zinsaufwände, die letztlich kontraproduktiv wirken werden und den anfänglichen Nutzen, den sich die Versicherten aus der neu gewonnen Verfügungsfreiheit über ihre Altersrückstellungen erwarten, schnell wieder aufzehren. Darüber hinaus ist nichts passiert und weit und breit ist kein Silberstreif am Horizont zu sehen. Die Geburtenzahlen stagnieren auf unzureichend niedrigem Niveau, Befürworter von Zuwanderung und Gegner von Zuwanderung können sich nicht einigen, die Alten werden älter und älter, die Kassen leerer und leerer, und die Fortsetzung und Verschärfung der Entwicklung ist für die nächsten fünfzig Jahre vorhersehbar. Daß diese Problematik im bisherigen System nicht zu lösen ist, hatten viele schon längst begriffen, als Norbert Blüm noch lauthals tönte: "die Rente sinn sische!"

Ist eine Lösung außerhalb des Systems in Sicht?

Aber natürlich, mit genügend Abstand betrachtet gibt es überhaupt kein Problem. Die Leistungsfähigkeit unserer Bevölkerung reicht völlig aus, um jedem Bürger ein durchaus angenehmes Leben zu ermöglichen. Sie reicht sogar aus, um überdeutlich differenzieren zu können, und dem engagierten Leistungsträger viel mehr vom Segen zukommen zu lassen, als dem Schwachen. Trotzdem ließe sich für die Letzten in der Rangreihe noch eine reichliche Alimentation darstellen. Die Tatsache, daß es heute so nicht funktioniert, ist kein Beweis dafür, daß die vorstehenden Aussagen falsch sind. Es ist höchstens der Beweis, daß es uns nicht gelungen ist, die Verteilung richtig zu organisieren.
Es muß noch einmal darauf hingewiesen werden, daß es der Mehrheit der Demokraten in unserem Lande durchaus gelingen könnte, Gesetze zu verabschieden, die die Einkommen aus Kapitalerträgen, aus Wertpapier- und Währungsspekulation genauso der Steuer unterwerfen würden, wie die Einkommen aus unselbständiger Arbeit. Es könnte der Mehrheit der Demokraten in unserem Lande durchaus gelingen, die Steuerhinterziehung, mit entsprechender Stärkung der Aufsicht, auf einen Bruchteil ihres heutigen Umfanges zurückzuführen. Es könnte der Mehrheit der Demokraten in unserem Lande durchaus gelingen, Gesetze zur Eindämmung von gewaltigen Spekulationen in globalem Umfang durchzusetzen, weil diese Spekulationen gegen das Gemeinwohl gerichtet sind.

Die Mehrheit der Demokraten in unserem Lande könnte es schaffen, alle gegen das Gemeinwohl gerichteten Aktivitäten der wenigen Absahner zu ächten und zu verbieten.
Aber die Mehrheit der Demokraten hat es aufgegeben, sich einzumischen. Die Mehrheit der Demokraten hat sich abgefunden damit, daß sie am Ende für alles aufkommen muß. Die Mehrheit der Demokraten hat sich damit eingerichtet, daß sie nur alle paar Jahre einmal gefragt wird, welche Farbe ihr besser gefällt. Die Mehrheit der Demokraten schluckt ungerührt die dümmsten, plattesten Parolen, das unwichtigste und unsinnigste Gezänk der Polit-Elite und vergißt darüber die eigenen Interessen.

Gewählt wird, wenn überhaupt noch zur Wahl gegangen wird, das kleinere Übel. Eine Aussage, die die deutschen Wahlen schon seit langem begleitet, ohne daß sich jemand darüber aufregen würde. Wenn Sie etwas ändern wollen, dann sollten Sie etwas mehr tun, als alle vier Jahre zwei Kreuzchen malen. Was halten Sie davon, wenn Sie den Kandidaten der Partei, die Sie immer wählen, einmal anrufen, ihm einen Brief, eine e-mail schreiben und ihn fragen, was er tun will, um die anstehenden Probleme zu lösen? Was hält Sie davon ab, in eine Partei einzutreten und dort nach Kräften frischen Wind zu verbreiten?
Es ist nicht wichtig, ob CDU/CSU oder SPD, ob Freie Demokraten oder Grüne oder die PDS die Themen nach vorne bringen. Es kommt darauf an, daß die Themen nach vorne gebracht werden. Die Tatsache, daß es eng wird in den Systemen der sozialen Sicherung, könnte mithelfen, daß wirklich einmal die Lösung da gesucht wird, wo sie liegt und nicht immer nur in den Kassen, die aus den Löhnen gespeist werden. Politiker werden Wahlen in naher Zukunft nur noch dann gewinnen, wenn sie gegen die Auswüchse des Turbo-Kapitalismus antreten, anstatt zuzusehen, wie ihre Wähler um Lohn, Arbeit und Gesundheit gebracht werden, weil es die "Umstände" so erfordern. Bleiben diese Themen unter der Decke, wird sich jemand außerhalb der etablierten Parteien finden, der sich ihrer annimmt.
Wie immer wir es drehen und wenden wollen, eine vernünftige Sozialpolitik und funktionierende Systeme der sozialen Sicherung haben segensreiche Auswirkungen.
Natürlich haben solche Systeme auch ihre Grenzen. Im Medizinbetrieb ist es eher die Vielzahl derer, die antreten um mit Heilen und Helfen ihr Auskommen zu finden, in der Alterssicherung ist es eher die Vielzahl derer, die nach einer bemerkenswerten Entwicklung der Altersstruktur jetzt eine ausreichende Rentenzahlung erwarten, die uns auf die Grenzen der Systeme und die Ungereimtheiten innerhalb und außerhalb der Systeme stoßen. Steigende Lebenserwartung und gute Gesundheit sind noch für eine lange Zeit erstrebenswerte Ziele. Wir müssen uns daher bemühen, einerseits eine breitere Basis für die Finanzierung zu finden und andererseits die herrschende Verschwendungsmentalität nach Kräften einzudämmen.


zum Seitenanfang
Das Gesundheits- und Sozialwesen,
eine Frage der Kaufkraft?

Wir haben uns in diesem Buch schon die Frage gestellt, ob Überbevölkerung eine Frage der Kaufkraft sei. Der Versuch, herauszufinden, ob auch das Gesundheits- und Sozialwesen etwas mit Kaufkraft zu tun hat, kommt nicht von ungefähr.

Ist nicht eine steigende Lebenserwartung unmittelbar auch ein Parameter, der die Bevölkerungsdichte erhöht, ein Parameter, der die Welt oder den Staat, in dem er auftritt der Überbevölkerung näher bringt? Wir haben im letzten Kapitel herausgefunden, daß ein funktionierendes Gesundheits- und Sozialwesen durchaus zu einem Anwachsen der durchschnittlichen Lebenserwartung führt, und wir haben im vorletzten Kapitel beklagt, daß es auf unserem Planeten nicht überall ausreichende medizinische Betreuung und ausreichende materielle Absicherung des Alters gibt. So scheint die Frage schon beantwortet: Einen Medizinbetrieb muß man sich leisten können und eine vernünftige Altersvorsorge auch. Ohne Kaufkraft führt da kein Weg hin.

Wir haben den Gedanken auch schon einmal verfolgt, als wir uns fragten, wann denn der Arzt als Berufsstand und Erwerbszweig erstmals massiv in Erscheinung getreten ist und sind zu dem gleichen Schluß gekommen: Solange eine ausreichende Honorierung nicht gesichert ist, solange gibt es keinen guten Medizinbetrieb. Ist das aber wirklich schon die ganze Wahrheit? Die Wahrheit für das Gesundheitswesen jedes Staates auf dieser Welt?

Nur so lange, wie die Notwendigkeit besteht, notwendige Medikamente, notwendige Heil- und Hilfsmittel sowie notwendige medizinische Geräte teuer aus dem Ausland zu importieren und nur solange, wie es nicht gelingt, ausreichend viele einheimische Ärzte auszubilden und sie dazu zu animieren, im eigenen Lande zu praktizieren. Natürlich ist es bei hoher Arbeitslosigkeit und geringem Einkommen der Beschäftigten immer noch schwer, eine Krankenversicherung auf die Beine zu stellen, aber andererseits ist eine Krankenversicherung eine vertrauensbildende Maßnahme, eine Institution, die selbst Arbeitsplätze schafft und die durch die Zusicherung der Bezahlung auch Ärzte und Apotheker und Optiker und die Hersteller orthopädischer Hilfsmittel dazu bewegen wird, in Praxis und Werkstatt zu investieren und mit steigenden Umsätzen zusätzliche Mitarbeiter einzustellen. Damit investieren wir nicht nur in die Gesundheit der Menschen, sondern auch in ein gesundes Wirtschaftswachstum. Das Geld für die Anschubfinanzierung kann und muß der Staat zur Verfügung stellen. In Landeswährung -- und die darf dafür im notwendigen Maße gedruckt werden. Schließlich findet die Gesundheitsversorgung bis dahin nicht statt, weil das Geld fehlt. Ist das Geld da, ist es unmittelbar auch durch die damit ermöglichte volkswirtschaftliche Leistung begründet. Wie begründen wir denn das Wachstum unserer Geldmenge? Auch wenn wir sie staatlicherseits kaum mehr unter Kontrolle haben, muß doch immer genug Geld geschaffen werden, um die wachsende Menge von Waren und Dienstleistungen bezahlen zu können. Wer will es also einem Entwicklungsland ernsthaft verbieten, zum Aufbau einer gesamtwirtschaftlich ausgesprochen nützlichen Funktion die Notenpresse in Gang zu setzen? Der Außenwert der Währung kann dadurch kaum beschädigt werden, und im Vergleich zu dem Schaden und der Schadenswahrscheinlichkeit, die von der Spekulation an internationalen Finanzmärkten ausgeht, ist diese Gefahr sogar völlig zu vernachlässigen. Warum sollte ein Staat das für den Aufbau seines Gesundheitswesens erforderliche Geld im Ausland -- vielleicht auch von der Weltbank -- leihen und Zins und Tilgung erwirtschaften müssen? Das ist doch völlig überflüssig! Es ist wirklich völlig überflüssig, weil die Geldmenge sowieso erhöht werden muß, sonst ist nach Zins und Tilgung ja wieder nichts da! Oder soll dann ein neuer Kredit angestrebt werden? Es ist weitaus sinnvoller, zu versuchen, ohne Fremdmittel auszukommen, was natürlich bedeutet, daß größtmögliche Autarkie angestrebt werden muß, was wiederum bedeutet, daß die Zahl der zu importierenden Computertomografiegeräte sehr klein bleiben wird, was aber nichts ausmacht, weil die ganze Welt bis vor wenigen Jahren noch völlig ohne diese Geräte ausgekommen ist.
Außerdem bleibt die gesamte Wertschöpfung auf diese Weise im Lande, was für die weitere Entwicklung weitaus günstiger ist, als müßten über die Behandlungshonorare auch noch die Tilgung von Auslandsschulden und die daraus entstehende Zinslast finanziert werden. Es reicht doch, wenn der Arzt und die Schwester von den Honoraren leben können, oder?

Etwas schwieriger ist es, in einem armen Staat eine funktionierende Altersvorsorge auf die Beine zu stellen. Wir können zwar davon ausgehen, daß die Leistungsfähigkeit der Bevölkerung auch in einem armen Land völlig ausreichen würde, um jedem einzelnen Bürger ein Leben ohne Not und Mangel zu erlauben, aber wir wissen, daß die Leistungsfähigkeit in den armen Ländern noch weit weniger genutzt wird. Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung schließen viele vom Erwerbsleben aus. Das Lohnniveau der Beschäftigten orientiert sich an der Armuts- und Hungergrenze, weil der Großteil der volkswirtschaftlichen Leistung an die Bevölkerung und die Konzerne der reichen Staaten zu Spottpreisen abgeliefert wird, als hätte die Kolonialherrschaft nie ein Ende gefunden.

Was passiert da eigentlich? Wie kann man aus diesem schmalen Rinnsal an Kaufkraft noch den Topf füllen, der für eine regelmäßige Rentenzahlung an die Alten gebraucht würde? Der Weg zu mehr Kaufkraft wird nicht zu erreichen sein, wenn sich diese Länder noch mehr dem globalen Wettbewerb stellen!
Im Gegenteil. Der Wettbewerb darum, wer die Tonne Kakaobohnen am billigsten auf dem Weltmarkt anbieten kann, führt doch nur zu weiter sinkenden Löhnen im eigenen Lande, entweder weil die Zahl der benötigten Arbeiter zurückgeht, oder weil die Löhne sinken, oder - weil es so praktisch ist - gleich beides. Außerdem führt dieser ruinöse Wettbewerb zu einem weiteren Preisverfall auf dem Weltmarkt.
Auch hier stellt sich die Frage, ob es in diesen Ländern noch die Regierungen sind, ob es die Mehrheiten der Demokraten sind, die die Spielregeln aufstellen und ihre Einhaltung überwachen, oder ob es die Profiteure des Kakaohandels sind, die das Land und das Kapital besitzen, und die deshalb unter dem Mäntelchen demokratischer Strukturen die ungeteilte Staatsgewalt ausüben. Es ist doch nicht nur beim kolumbianischen Drogenhandel so, daß vertikale Kartelle von der Erzeugung über die Veredelung bis zum Einzelhandel die gesamte Wertschöpfungskette in der Hand halten! Der Großgrundbesitzer in Bolivien, der über die niedrigen Weltmarktpreise für Soja jammert und seinen Arbeitern deshalb nur Hungerlöhne zahlt, kann doch gleichzeitig an dem Handelsunternehmen beteiligt sein, das seine Soja-Samen in Bolivien so billig einkauft, um sie mit ungeheurem Profit in Europa, Japan und USA als Cholesterinkiller zu Apothekenpreisen in die Lebensmittel einzubauen.
Solange es die Entwicklungs- und Schwellenländer nicht schaffen, sich bei der Vermarktung ihrer überwiegend landwirtschaftlichen Exportgüter zu Kartellen zusammenzuschließen, und auf diese Weise die Preise zu erzielen, die sie brauchen, um ihre Volkswirtschaften im globalen Verbund angemessen zu positionieren und weiterzuentwickeln, solange wäre es besser, diesen Volkswirtschaften zu raten, eine radikale Rückbesinnung zu beginnen, die falschen Wege einer desaströsen Exportpolitik zu verlassen, die Außenwirtschaft streng und restriktiv zu überwachen und die Kräfte darauf zu konzentrieren, erst einmal eine lebensfähige Binnenwirtschaft zur Blüte zu bringen. Wenn zum Aufbau der Binnenwirtschaft eine Landreform nötig ist, dann muß über Entschädigungen nicht lange nachgedacht werden. Es stellt sich eher die Frage, ob die bisherigen Grundbesitzer nicht zu Entschädigungsleistungen verpflichtet wären. Wenn zum Aufbau der Binnenwirtschaft die Verstaatlichung von Fabriken, Banken und anderen Unternehmen notwendig sein sollte, es spricht nichts dagegen! Wenn andererseits staatliches Eigentum die wirtschaftliche Entwicklung hemmt, dann soll privatisiert werden. Die Wirtschaftsgeschichte der reichen Industriestaaten führt vor, welche Startvoraussetzungen die Entwicklung einer gesunden Volkswirtschaft braucht. Und wenn zum Ausbau der Binnenwirtschaft Geld gebraucht wird, dann muß es eben gedruckt werden. Bedächtig und nicht im Übermaß, aber eben auch nicht zu wenig!
Wir können und wollen den Entwicklungsländern nicht raten, sich in kolonialistischer Bereicherung zu üben, was den Industrieländern sicherlich einen guten Schub nach vorne gegeben hat, aber ansonsten... ?

Es gibt nicht viel mehr zu sagen, zu der Frage, ob ein Gesundheits- und Sozialwesen eine Frage der Kaufkraft sei. Daß Arbeitskraft und Kaufkraft weltweit in höchst unterschiedlichen Paritäten auftreten, das wissen wir. Daß das so nicht unbedingt gerecht oder auch nur gerechtfertigt ist, vermuten wir mit gutem Grund.

Kaufkraft fehlt da, wo Menschen ihre gesamte Arbeitsleistung abliefern müssen, um sich vom Lohn das nackte Überleben leisten zu können. Solche Abhängigkeiten entstehen überall da, wo ein Oligopol weniger Reicher die Verfügung über den gesamten Grundbesitz erlangt hat, wo also kein Landarbeiter ein eigenes Feld bearbeiten kann, niemand ein eigenes Haus auf einem eigenen Grundstück errichten kann, und wo jeder verhungern muß, der nicht im Laden des Grundbesitzers einkaufen will.
Diese Beschreibung klingt mittelalterlich und grausam, wir können uns solche Zustände kaum vorstellen, doch sollten wir nicht vergessen, daß auch der Grundbesitz in Europa höchst seltsam verteilt ist. Die meisten Menschen haben keinen Platz, an dem sie sich aufhalten könnten, ohne dafür Miete oder Pacht zahlen zu müssen. Die meisten Menschen haben kein Grundstück, auf dem sie Kartoffeln und Getreide anbauen könnten, wenn ihnen niemand mehr das Geld gibt, um Lebensmittel im Supermarkt zu kaufen.

Unser System sozialer Sicherheit funktioniert noch. Dauerhaft hohe Arbeitslosigkeit und ein schleichender Verfall der realen Löhne bei gleichzeitiger Inflation und gleichzeitigem Verfall des Außenwertes der gemeinsamen Währung lassen jedoch daran zweifeln, daß es seinen Zweck noch lange erfüllen kann.
Die Kaufkraft schwindet. Ein Prozeß, der so ähnlich abläuft wie die Verarmung des Waldbodens vonstatten geht, wenn sich die gesamte Biomasse eines Lebensraumes nach und nach in den großen Bäumen der Fichten-Mono-Kultur konzentriert.

Die Fichten werden gefällt, das Holz fernab vom Wald verwertet. Der Boden bleibt arm zurück.

Jede Regierung tut gut daran, ihre Wirtschaftspolitik am Bild des gesunden Mischwaldes auszurichten, jede Regierung tut gut daran, die Kaufkraft ihrer Bevölkerung zu stärken, denn ein funktionierendes Gesundheits- und Sozialsystem steht und fällt mit der Kaufkraft der Bevölkerung.


zum Seitenanfang
Das Gesundheits- und Sozialwesen,
ein nichtkommunistisches System außerhalb marktwirtschaftlicher Regeln.

Die Überschrift dieses Kapitels ist keine Frage, sondern eine Feststellung. Eine Feststellung, an der niemand ernstlich Zweifel anmelden wird, die aber eine Sicht auf einen gewaltigen Teil des Wirtschaftssystems unserer Republik eröffnet, die völlig ungewohnt ist und von daher ein gewaltiges Potential für neue, kreative Ideen birgt.

Die Statistiken sind schwer zu lesen und die ausgewiesenen Zahlen weisen vielerlei Überschneidungen auf, sie sind schlecht abgegrenzt, oder geben gerade nicht die Antwort, die man sucht --trotzdem machen sie aufmerksam. Es würde den Rahmen dieses Buches sprengen, wollte ich hier eine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung aufmachen und die einzelnen Geld- und Werteströme zweifelsfrei verfolgen. Es geht nicht. Auch das Statistische Bundesamt ist in vielen Fragen auf Schätzungen angewiesen, genauso wie die Bundesbank und andere Auguren, von denen wir schlüssige Aussagen zur gesamtwirtschaftlichen Lage erwarten. Wenn ich hier mit einigen wenigen, ausgesuchten Kennzahlen hantiere, dann dient das hauptsächlich dem Grundverständnis der Situation, dann sollen damit Gewichtungen aufgezeigt und Abhängigkeiten erklärt werden. Jedem, der tiefer in die Materie einsteigen will, empfehle ich die detaillierte Beschäftigung mit den öffentlich zugänglichen statistischen Informationen. Auf der Basis gesicherter statistischer Informationen wird es dann nämlich möglich, von den hier skizzierten grundsätzlichen Handlungsmöglichkeiten zu konkreten Maßnahmen zu gelangen.

Vorab gestatten Sie mir aber noch eine Anmerkung zur Überschrift:

Mit der Wahl der Begriffe "nichtkommunistisch" und "außerhalb marktwirtschaftlicher Regeln" will ich Unterschiede bewußt machen, die von interessierter Seite gerne verwischt werden. Wir müssen uns, wenn wir weiterkommen wollen, von der Polarisierung des kalten Krieges lösen, dessen Strategen und Feindbildkonstrukteure die Welt in Schwarz und Weiß, Richtig und Falsch, Kapitalismus und Kommunismus, Marktwirtschaft und Planwirtschaft aufgeteilt haben und keinerlei Zwischentöne zuließen.

Ist unsere Krankenversicherung kommunistisch oder kapitalistisch? Funktioniert die gesetzliche Rentenversicherung nach marktwirtschaftlichen Regeln oder nach planwirtschaftlichen Vorgaben? Sie können stundenlang grübeln, die vorgegebenen Antwortmöglichkeiten sind alle falsch. Die richtige Antwort liegt auch nicht in dem Begriff der "Sozialen Marktwirtschaft" des Ludwig Erhard und nicht in der "neuen Marktwirtschaft" der Angela Merkel. Sozialsysteme sind eigenständige Konstruktionen, die geeignet sind, die Schwächen und Fehlfunktionen der Wirtschaft, unabhängig von ideologischen Zwängen, zu korrigieren. Sozialsysteme sind Schöpfungen der Politik und Ausdruck einer dem Gemeinwohl verpflichteten Willensbildung, die weit über kurzfristige Nutzenüberlegungen hinausweist. Sozialsysteme sind vom Ansatz her weise, unabhängig davon, wie ausgegoren und effektiv ihre Regularien dem eigentlichen Zweck genügen mögen. Sozialsysteme und deren finanzielle Mittel sind von daher immer Gegenstand von Begehrlichkeiten, weil die Aufwendungen für die Sozialsysteme in den heute üblichen kurzfristigen Kosten-Nutzen-Szenarien die Erträge belasten und Wettbewerbspositionen verschlechtern.

Die Kraft, mit der eine Gesellschaft ihre Sozialsysteme vor diesen Begehrlichkeiten in Schutz nimmt, ist ein wichtiger Indikator für die Überlebenschance eben dieser Gesellschaft. Gerade wenn die Konjunkturdaten weltweit nach unten zeigen, ist es falsch, die Sozialsysteme zu plündern. Gerade wenn die Arbeitslosigkeit wächst, ist es falsch, die Renten zurückzufahren und die Lebensarbeitszeit zu verlängern. Wer nach diesen naheliegenden (und daher auch von Kurzsichtigen wahrnehmbaren) Lösungen greift, wird mit dem Strohhalm untergehen.

Regierungen und Parteien, die das Wohl des Volkes nicht aus den Quartalsberichten der großen Aktiengesellschaften herauslesen wollen, sondern alle an sie gestellten Forderungen mit der Frage nach dem Motiv, dem "cui bono?" - "wem nutzt es?" untersuchen, und dann die Vorschläge unterstützen und sich zu eigen machen, die den breitesten allgemeinen Nutzen versprechen, werden auf lange Sicht gesehen die bestmöglichen Entwicklungen einleiten. Wenn wir von der Kraft der Sozialsysteme sprechen, und damit den Mut und die Weitsicht derer loben, die sie installiert und erhalten haben, dann wird es Zeit, eine Aussage über ihre wirtschaftliche Bedeutung zu machen.

Die Sozialleistungen erreichten nach Angaben des statistischen Bundesamtes im Jahre 1998 die Gesamthöhe von knapp 1,3 Billionen DM. Die Sozialleistungsquote, d.h. der Anteil der Sozialleistungen am Bruttosozialprodukt betrug damit 33,5%.

Die Puristen mögen mir verzeihen, wenn ich diese Daten vereinfachend zu dem Satz zusammenfasse:

"Ein Drittel der Wirtschaftsleistung Deutschlands hängt direkt vom Funktionieren unserer Sozialsysteme ab."
Natürlich wird es nicht an Stimmen fehlen, die diese Aussage für einen Trugschluß, für eine Verfälschung der Tatsachen, für die isolierte Betrachtung einer gesamtwirtschaftlichen Größe halten werden. Das Hauptargument wird lauten, daß die Mittel für die Sozialsysteme ja doch erst einmal verdient werden müßten, bevor sie dem Sozialsystem zur Verfügung gestellt werden könnten. Man wird weiter folgern, daß jede Mark, die nicht über die Umverteilungsmühlen der Sozialsysteme läuft, die Wettbewerbsfähigkeit erhöht, Arbeitsplätze schafft, den Wohlstand mehrt und dazu beiträgt, daß sich Leistung wieder lohnt, und am Ende wird man die Behauptung aufstellen: "Wir können nicht länger ein Drittel der Wirtschaftsleistung für die Auspolsterung der sozialen Hängematte verwenden."

Diese Argumentation hat einen kleinen Haken, den man gerne übersieht. Wenn die Mark, die man dem Sozialsystem vorenthalten will, die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen soll, dann muß sie zur Preissenkung verwendet werden. Weil diese Mark somit also weder als Gewinn beim Unternehmer, noch als Lohn beim Arbeiter, noch beim Rentner als Kaufkraft erscheint, wird im Binnenmarkt dadurch allenfalls eine Verschiebung von Marktanteilen zwischen konkurrierenden Unternehmen begünstigt, aber kein Mehrumsatz und kein volkswirtschaftlicher Nutzen erzielt.
Hilft der niedrigere Preis beim Export, dann exportieren wir -- bei stark steigenden Gewinnen für den Unternehmer -- mit dem Produkt auch einen Teil unserer Binnenkaufkraft. Dies kann nur der wollen, der sich soweit entsolidarisiert hat, daß er zwischen sich und seinem Nutzen auf der einen Seite, und seinem Staat und der Bevölkerung auf der anderen Seite keinen Zusammenhang mehr sehen mag.

Die Argumentation hat einen zweiten Haken:
Sozialleistungen gehen in hohem Maße direkt in den Konsum, ein Großteil des Geldes steht der Wirtschaft also sofort wieder zur Verfügung. Dies ist nach wie vor einer der größten Vorteile der Umlagefinanzierung und des Generationenvertrages! Soll die vom Unternehmer und vom Arbeitnehmer gemeinsam eingesparte Mark zur Eigenvorsorge verwendet werden, verschwindet sie zuerst vollständig vom Markt und muß (am gleichen Tag!) als Darlehen mit Zins und Zinseszins wieder hervorgeholt werden, wenn die Binnenkaufkraft nicht darunter leiden soll. Die Kaufkraft leidet aber auch unter der Zinslast, und deshalb ist es besser, eine umlagefinanzierte, kollektive Vorsorge zu betreiben, als mit einer kapitalfinanzierten individuellen Vorsorge das Geschäftsvolumen der Banken und Versicherungen überflüssigerweise auszuweiten.

Die Argumentation hat aber nicht nur den einen oder anderen Haken, sie ist insgesamt falsch und folgt man ihren Zielsetzungen so erkennt man ihre desaströsen Wirkungen.

Die Argumentation ist Ausdruck von Begehrlichkeiten. Hier wollen die großen Fichten der Monokultur dem aufkeimenden Mischwald die Lebensgrundlage entziehen. Wir müssen das begreifen und uns gegen diesen Zugriff verteidigen -- zumindest sollten wir jede Korrektur an den Sozialsystemen ganz kritisch daraufhin durchleuchten, ob mit der Korrektur wirklich ein Auswuchs korrigiert, und damit mehr Verteilungsgerechtigkeit hergestellt werden soll, oder ob es schlicht um die Subvention des Exports durch Demontage von Binnenkaufkraft geht, in deren Gefolge sich die wirtschaftliche Situation auf dem Binnenmarkt insgesamt verschlechtert, obwohl es den Unternehmen gut beziehungsweise sogar besser geht!
Kluge Strategen kommen in ihren Begründungsnöten noch auf die rechnerisch richtige Idee, daß eine Mehrproduktion, auch wenn sie in den Export geht, so doch ein Mehr an Beschäftigung mit sich bringt und damit die Lohnsumme und die Kaufkraft insgesamt stärke, was den Verlust der Sozial-Mark unter dem Strich mehr als ausgleichen würde.
Das stimmt, wie gesagt rechnerisch, mit der Einschränkung, daß es sich dabei nicht nur um die Verschiebung von Marktanteilen inländischer Konkurrenten auf dem gleichen Exportmarkt handeln darf, was gar nicht so selten ist.
Das stimmt, wie gesagt rechnerisch, solange die Mehrleistung tatsächlich und dauerhaft durch Lohnarbeit erbracht wird und das größere Volumen nicht angestrebt wird, um den Investitionsaufwand für leistungsfähigere Maschinen begründen zu können, was in absoluten Zahlen höhere Produktivität, höhere Unternehmensgewinne und eine rückläufige Lohnsumme gleichzeitig bedeutet, was gar nicht so selten ist.
Das stimmt, wie gesagt rechnerisch, wenn wir unterstellen, daß der wieder beschäftigte Arbeitslose die mehr verdiente Mark direkt an seine Großmutter weitergibt, die damit ihren bisherigen Konsum aufrecht erhalten kann.
Die Realität sieht aber ganz anders aus:
Der wieder beschäftigte Arbeitslose wird nämlich auf seinem Lohnzettel unter der Rubrik "Bruttoverdienst" nur die halbe Sozialmark finden, denn die andere halbe Mark spart sich der Arbeitgeber. Von dieser halben Mark hat der Beschäftigte -- geschätzt -- rund 15 Pfennige Steuern zu bezahlen und nur die restlichen 35 Pfennige kann er der Großmutter in die Hand drücken, wenn er das überhaupt vorhat.
Erst wenn sich durch eine Kürzung der Beitragssätze mindestens eine Verdreifachung der Beschäftigung und damit der Löhne ergäbe, könnte sich die ursprüngliche Kaufkraft (3 x 0,35 = 1,05) am Markt wieder darstellen lassen.

Weil wir wissen, daß die Sozialbeiträge ziemlich genau bei 40% der Brutto-Lohnsumme liegen, können wir weiterrechnen und kommen zu dem Ergebnis, daß jeder Prozentpunkt, um den die Sozialbeiträge sinken sollen, zum Ausgleich der dadurch verlorenen Binnenkaufkraft ein Anwachsen der Beschäftigung um mehr als 1,2% erfordert, und das entspricht rund 400.000 Arbeitsplätzen, die zusätzlich zu schaffen wären.

Es werden sich viele finden, die diese Wirkung versprechen, aber niemand, der dafür eine seriöse Garantie übernehmen könnte. So war es richtig, daß die Regierung Schröder die Senkung der Sozialbeiträge mit der Öko-Steuer als Gegenfinanzierung abgesichert hat, anstatt sich darauf zu verlassen, daß alleine die Senkung der Sozialbeiträge ausreichen könnte, die notwendigen zusätzlichen Arbeitsplätze aus dem Boden zu stampfen.

Diese Überlegungen zeigen, welchen immensen Anteil die Sozialleistungen im volkswirtschaftlichen Gesamtrahmen inzwischen einnehmen und welchen wichtigen Einfluß die Sozialsysteme auf die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes haben, weil über das Umlageverfahren Kaufkraft freigesetzt wird, die sonst in Sparstrümpfen schlummern würde und nur über den Weg teurer Kredite wieder aktiviert werden könnte.

Diese Erkenntnis muß uns noch weiter zu denken geben.
Erstens sollten wir im übergeordnetem Rahmen schnell zu der Einsicht gelangen, daß die Bildung von Rücklagen und großen, ruhenden Geldvermögen gesamtwirtschaftlich eigentlich nur unerwünscht sein kann, und zweitens sollten wir im engeren Rahmen der Sozialsysteme die Verwendung der Mittel darauf überprüfen, ob der so lobend erwähnte, konsumptive Aspekt auch tatsächlich besteht, beziehungsweise ob es noch Chancen gibt, ihn zu verstärken.

Wenn Rentenzahlungen von gesunden Rentnern, bei Nutzung der eigenen Immobilie, Monat für Monat für Essen und Trinken, Kino und Zeitung, Fernsehen und Telefon und für den Betrieb des Autos mehr oder weniger vollständig ausgegeben werden, ist das-- im Sinne unserer Überlegungen -- ein vorbildliches Verhalten, weil die Rentenmark dadurch in Bewegung bleibt und sehr schnell erneut zum Bezahlen einer Leistung verwendet werden kann.
Wenn die Rentenmark zur Hälfte für die Miete hingelegt werden muß, ist die Verwendung schon zweifelhaft, denn mit höchster Wahrscheinlichkeit landet die Mietmark im Kapitalmarkt und kommt nur als Kredit gegen Zinszahlung wieder in den Umlauf.
Landet die Rentenmark beim privaten Betreiber eines Seniorenheimes, der sich seine damit noch lange nicht vollständig honorierte Leistung durch Zuzahlungen des Sozialamtes abrunden läßt, kann man sie getrost abschreiben. Der Aufwand für Verpflegung und die Löhne für ein paar preiswerte Pflegekräfte bleiben als Kaufkraft am Markt, der Rest verschwindet dort, wo der Betreiber des Seniorenheimes seine Kapitalkosten abträgt und seine Gewinne ansammelt. Von dort aus kommt das Geld nur gegen Zinsen wieder in den Umlauf.

Auch die Leistungen der Krankenversicherung gehen unterschiedlichste Wege. Die klassische Leistung, die sofort wieder als Kaufkraft zur Verfügung steht, ist das Krankengeld. Im übrigen ist der Wert für die wirtschaftliche Belebung um so höher, je weniger der Empfänger in der Lage ist, Geld zu horten. Das Honorar für den Facharzt mit der wenig frequentierten Praxis in der Straße, in der es noch fünf weitere Ärzte der gleichen Fachrichtung gibt, ist also wichtiger für die Binnennachfrage, als das viel höhere Chefarzthonorar, das die Privatpatienten auf das Konto des Herrn Professor überweisen. Der steckt sein Geld doch wieder nur in eine steuersparende Anlage im Ausland.

Die Krankenkassen sollten sich also überlegen, ob sie die Mittel ihrer Mitglieder lieber für Apparatemedizin oder für "heilende Hände" ausgeben. Jeder zusätzlich beschäftigte Physiotherapeut, jeder Heilgymnast und jeder Heilpraktiker, die kleine Landarztpraxis und die personalintensive Reha-Klinik sind eine gewisse Gewähr für eine Stärkung der Volkswirtschaft. Die Therapie mit frischen Heilkräutern, die von heimischen Kräuterweiblein gesammelt und getrocknet wurden, ist günstiger für die Vollbeschäftigung, als die standardisierte, geruchsreduzierte Knoblauchpille des großen internationalen Pharmakonzerns.

 

Wir haben es zugelassen, daß ein Teil unseres Sozialsystems an seinen Kosten zu ersticken droht, weil es weder den Regeln der Marktwirtschaft unterliegt, noch den Festsetzungen einer Planwirtschaft folgt. Genau hier, im Gesundheitswesen, könnte etwas mehr Marktwirtschaft durch die Stärkung der Nachfrage-macht der Patienten heilsam sein. Wie das funktionieren könnte ist unter der Überschrift "... eine deutsche Ungeschicklichkeit?", schon einmal angerissen worden.

 

 

Zum Schluß noch eine Anmerkung zum Thema Pflegeheim:

In der Süddeutschen Zeitung vom 10.September 2001 habe ich im Bayernteil ein Interview mit einem Sozialarbeiter gelesen, der gegen die Mißstände in den deutschen Pflegeheimen kämpft. Auslöser war die offizielle Kritik eines UN-Ausschusses über die in Deutschland vorgefundenen Zustände.
Die Überschrift zum Interview spricht für sich:

"In unseren Heimen kostet Verdursten 6.000 DM"

zum Seitenanfang

 Home Startseite Gesundheit Konzept Gesundheitswesen Buch bestellen  Einmischen