Der Fluss des Geldes

Grundlagenwissen zum besseren Verständnis des Geldes und der vom Geldsystem hervorgerufenen Probleme


Teil 9

Irrtümer und Täuschungen im Umgang mit dem Geld

Währungsstabilität und Haushaltsdefizit
Verfasser: Egon W. Kreutzer, Stand 12. September 2003



 Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band III
Das Buch über das Geld
erscheint Mitte Juni 2005
Bis 31. Mai 2005 zum Subskriptionspres von 19,00 Euro
Informationen und Bestellmöglichkeit hier.

Mit der Haushaltsdebatte im Deutschen Bundestag rückte auch die Frage der Währungsstabilität, die wir in dieser Schärfe erst kennen, seit uns der Euro die Stabilitätskriterien von Maastricht beschert hat, wieder in die Reihe der gern genutzten Kampfargumente der Opposition auf. Ein Grund mehr, sich der Frage zu widmen, ob ein Haushaltsdefizit von mehr als 3% des BIP nun wirklich zwingend die Währungsstabilität beeinträchtigt und, falls ja, welchen "eigenen" Wert eine stabile Währung überhaupt hat.

Am 10. September 2003 veröffentlichte dpa eine Meldung zum Euro-Stabilitätspakt und über die erneut zu erwartenden Regelverletzungen durch Frankreich und Deutschland. Um den folgenden Ausführungen einen passenden und aktuellen Hintergrund zu geben, zitiere ich zunächst kurz und sinngemäß aus diesem Artikel, der im Original unter anderem hier aufzufinden ist.

Wim Duisenberg ist enttäuscht darüber, dass Frankreich und Deutschland die Regeln des Stabilitätspaktes verletzen, denn er sieht dadurch das langfristige Wachstum in der Euro-Zone in Gefahr. Frankreich erwartet für dieses Jahr ein Etatdefizit von 4 Prozent, Deutschland von 3,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Auch für 2004 gehen viele Ökonomen davon aus, dass beide das Ziel verfehlen werden. «Im Bereich der Fiskalpolitik haben wir einen Prozess gesehen, in dem Verpflichtungen wiederholt nicht eingehalten wurden», sagte Duisenberg in diesem Zusammenhang und erklärte: «Ich sehe die jüngsten fiskalen Entwicklungen und die Diskussionen über den Stabilitäts- und Wachstumspakt mit großer Sorge, Der Mangel an fiskaler Disziplin - und besonders der Mangel an irgendeiner klaren, mittelfristig ausgerichteten Konsolidierungsstrategie - ist ein Faktor, der auf den langfristigen Wachstumsaussichten der Eurozone lastet.»

Gerhard Schröder hingegen verteidigte die Verletzung der Neuverschuldungsgrenze durch Deutschland und Frankreich. Es könne Situationen geben, in denen die Defizit-Grenze nicht um den Preis eines Abwürgens der Konjunktur eingehalten werden dürfe.

Pedro Solbes, der Währungskommissar ließ durch seinen Sprecher Gerassimos Thomas verlauten, die Kommission sei bereit, den Stabilitätspakt «intelligent» anzuwenden. Die Regeln müssten mit höchstmöglicher Flexibilität erfüllt werden, wozu die Zusammenarbeit mit den Mitgliedstaaten unabdingbar sei.

Nout Wellink, der niederländische Zentralbankchef, forderte, Deutschland und Frankreich bei einem erneut zu hohen Haushaltsdefizit 2004 mit milliardenschweren Bußen zu bestrafen. Wellink, Mitglied im Rat der Europäischen Zentralbank, sagte dem Hamburger Nachrichtenmagazin «Stern»: «Strafen sind Teil des Systems, auf das wir uns alle geeinigt haben.»

 

Experten, Fachleute und Veranwortliche sind sich also wieder einmal uneins, die Debatte verkommt zur politischen Schaumschlägerei im Range eines währungspolitischen Religionskrieges. Dabei ist gerade die Prognose des Notenbankpräsidenten, eine Verschuldung oberhalb der willkürlich festgelegten 3 Prozent-Grenze gefährde das langfristige Wachstum, vor dem Hintergrund aller bisher gehörten Theorien die absurdeste. Doch dazu später mehr.

 


Sicherlich ist es so, dass die Maastricht-Kriterien in einer Zeit zweifelnd-skeptischer Annäherung von den vorsichtig agierenden Hütern der europäischen Landeswährungen aufgestellt wurden, um zu verhindern, dass zuerst einzelne, später unweigerlich alle Länder der Währungsunion, in eine nicht mehr zu bremsende Inflationsspirale gerieten. Schließlich gab und gibt es in der EU immer noch zu viele einzelstaatliche Interessen, die von einzelstaatlichen Finanz-, Wirtschafts- und Sozialpolitikern auch durchgesetzt werden können, wogegen die gemeinsamen, gesamteuropäischen Interessen, auch das Interesse an der Stabilität einer gesamteuropäischen Währung, im Zweifelsfall immer noch zurückstehen.

Der Stabilitätspakt ist also in Wahrheit eine Versicherung auf Gegenseitigkeit, mit der verhindert werden soll, dass einzelne Mitgliedsstaaten sich durch ausufernde Ausgaben- und Schuldenpolitik auf Kosten der Gemeinschaft unrechtmäßig bereichern. Aus dieser Denkweise heraus hat Theodor Waigel nimmermüde nach den schärfstmöglichen Stabilitätskriterien und nach harten Strafen für die Sünder verlangt und am Ende beides durchgesetzt. Aus dieser Denkweise heraus argumentiert offensichtlich heute noch der niederländische Zentralbankchef Nout Wellink, wenn er die Strafen als einen unverzichtbaren Teil des Systems verteidigt und der Androhung auch Urteil und Exekution folgen lassen will.

 

Heute hat sich die Situation aber längst gewandelt, die Währungsstabilität stellt derzeit überhaupt kein Problem dar, aber das Wachstum ist spärlich geworden und allenthalben fehlt es an Liquidität. Daraus haben die deutsche und die französische Regierung (endlich) abgeleitet, dass dem Abfluss liquider Mittel aus dem Kreislauf der Realwirtschaft nicht ausschließlich durch Sparsamkeit, sondern in einem gewissen Maße auch durch Zufuhr frischen Geldes begegnet werden muß, soll die Wirtschaft nicht vollständig stranguliert werden.

Weil sich aber immer noch die gleichen nationalen Sonderinteressen um die gemeinsame Währung scharen, wäre der völlige Verzicht auf die Maastricht-Kriterien ein schwerwiegender Fehler, weil damit der radikalen Durchsetzung egoistischer Nationalinteressen sofort eurozonen-weit Tür und Tor geöffnet wären und die Währungsgemeinschaft innerhalb kürzester Zeit zur Inflationsgemeinschaft verkäme. Die größtmögliche Flexibilität der Handhabung, wie es der Währungskommissar formuliert, ist ebenfalls riskant, weil die allgemeine Lebenserfahrung lehrt, dass jede einmal gewährte Ausnahme dazu neigt, sich für alle Zukunft als neue Regel zu etablieren, der Prozess der Auflösung der Stabilitätskriterien würde damit ebenfalls unaufhaltsam voranschreiten.

Die Situation ist verfahren und das offenkundige Dilemma der europäischen Währungspolitik macht deutlich, dass letztlich doch diejenigen Recht behalten haben, die eindringlich davor warnten, eine gemeinsame Währung zu installieren, bevor es tatsächlich zu einer umfassenden gemeinsamen Politik (Verfassung, Parlament, Regierung, Justiz) und zu einer weit gehenden Angleichung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in den Mitgliedsstaaten gekommen sei.

Die währungspolitische Verhaltensweise von Frankreich und Deutschland, so wie wir sie heute erleben, ist nichts anderes, als die Einführung des Faustrechts in der Währungsgemeinschaft. So wichtig es ist, dass zusätzliches Geld in die Wirtschaft kommt, so erschreckend ist es, dass dies offensichtlich nur dadurch gelingen kann, dass sich die Großen zusammentun und sich, getrieben von der nationalen Notwendigkeit, einfach über alle Vereinbarungen und Verträge hinwegsetzen.

(Gerne lasse ich mich daran erinnern, genau dieses Verhalten selbst gefordert zu haben, ich halte es zur Wahrung deutscher Interessen auch nach wie vor für unumgänglich, die Hoheit über die eigene Währung zurückzuerlangen, aber ich kann nicht umhin, an dieser Stelle die Tünche von der so hochgehaltenen europäischen Einigkeit abzukratzen und auf die unverändert hochgehaltenen nationalen Interessen hinzuweisen.)

Bedenklich stimmt zudem, dass offenbar niemand bereit ist, aus der verfahrenen Situation zu lernen und entsprechende Konsequenzen zu ziehen. Ganz im Gegenteil: Dieses Kartenhaus aus weitgehend inkompatiblen Partikularinteressen soll in diesem Jahr im Eiltempo auch noch von einer gemeinsamen Verfassung gekrönt werden, wobei es wiederum die Großen sind, die jede inhaltliche Debatte zum jetzt erreichten Stand des Konventsvorschlages mit fadenscheinigen Eilbedürftigkeitsbegründungen abwürgen wollen.

So viel zur europäischen Politik.

 

Wenden wir uns nun der Frage zu, ob und inwieweit europäische Währungsstabilität und nationalstaatliche Haushaltsdefizite überhaupt in einem nachprüfbaren Wirkungszusammenhang stehen und wie groß der zu befürchtende Einfluss von Haushaltsdefiziten auf die Preisentwicklung im Binnenmarkt tatsächlich ist. Dazu ist es nützlich, sich - zumindest im Gedankenexperiment - von der real existierenden Konkurrenz-Situation der Europäer zu lösen und ein tatsächlich einheitliches, einem gemeinsamen politischen Gestaltungswillen folgendes Europa zu unterstellen.

Damit verliert die europäische Währungsunion nämlich die Aura des Besonderen und der Konflikt wird zur ganz normalen, in jedem Staat immer wieder zu lösenden Aufgabe, Wirtschaft und Währung in einem guten Zustand zu halten und die im Augenblick so schwerwiegenden Belange der Nationalstaaten fallen im Gewicht auf den (immer noch absolut angemessenen) Rang der Belange deutscher Bundesstaaten, wie Bayern oder Brandenburg zurück.

Wirtschaft und Währung in einem guten Zustand zu halten ist einfach in einer Situation, in der sich der

Viel schwieriger wird es in einer Situation, in der vom Strom der Liquidität beständig kleine Geldmengen abgezweigt und als Geldvermögen angelegt werden. Bleiben Nachfrage, Produktion und Preise unverändert, wird die auf der Nachfrageseite vorhandene Liquidität nämlich nicht ausreichen, um die Produkte und Leistungen der Angebotsseite vollständig abzunehmen.

Es entsteht - im Verhältnis zur verfügbaren Kaufkraft, aber völlig unabhängig vom realen Bedarf - ein unverkäuflicher Leistungsüberschuss. Versuche einzelner Marktteilnehmer, den Leistungsüberschuss im Denkrahmen betriebswirtschaftlichen Kalküls durch Preissenkungen zu beherrschen, verlieren ihren Reiz schnell, spätestens dann, wenn die Rendite des betriebsnotwendigen Kapitals unter die Renditeerwartung des Geldvermögens sinkt. Aus volkswirtschaftlicher Sicht bleiben solche partiellen Preissenkungen jedoch wirkungslos, ein neues Gleichgewicht kann nur hergestellt werden, wenn eine (oder mehrere in Kombination) der folgenden Strategien angewendet wird:


a) Der Leistungsüberschuss wird vernichtet, die Kapazitäten werden angepasst.

b) Der Leistungsüberschuss wird exportiert.

c) Der Leistungsüberschuss wird im Binnenmarkt abgesetzt. Die erforderliche Liquidität wird durch Kredite zur Verfügung gestellt.


Nun ist es aber die existenzielle Grundlage unserer kapitalistischen Wirtschaftsordnung, dass die umlaufende Liquidität beständig um kleine Beträge vermindert wird, die dann als Geldvermögen nicht mehr am Warenhandel teilnehmen können.

Diese kleinen Verminderungen der Liquidität werden verursacht durch


Es gibt kein Ausweichen vor der Tatsache: Alle in "Geldvermögen" umgewandelte Liqudität fehlt im Kreislauf der Realwirtschaft.

Um dem abzuhelfen, erbieten sich die Banken, auf der Basis der ihnen als Einlagen anvertrauten Geldvermögen - nach kritischer Prüfung der Bonität des Bittstellers - gegen Zins neue Kredite auszureichen und so wieder Geld in den Kreislauf einzuspeisen.

Sparsamkeit kann, das bestätigt sich auch hier wieder, nur dann Zinsen tragen, wenn sich jemand findet, der sich verschuldet. Die Ursachen für die Verschuldung sind vielfältig, sie beginnen dort, wo ein Unternehmer mit dem Einsatz von Fremdkapital die Chance sucht, einen Gewinn zu erwirtschaften und sie enden dort, wo die blanke Not dazu zwingt, die letzte Habe in die Pfandleihe zu tragen, um sich überhaupt am Leben zu erhalten.

Jeder zusätzliche Kredit führt aber zwangsläufig zu einer Steigerung der Zinslast, in der Folge zu einer Vergrößerung des Geldvermögens und in der Folge zu neuerlicher Geldknappheit und zur Notwendigkeit neuerlicher Verschuldung.

Das ist unser System.

 

Und weil unser System so ist, wird der Staat, wenn er seine Aufgaben wahrnehmen und die Abgabenlast nicht steigern will, auch ohne jegliche bestehende Staatsschuld innerhalb kurzer Zeit finanzpolitisch scheitern müssen.

Bitte denken Sie das Problem am folgenden Beispiel durch:

Ein ganz einfacher, kleiner Staat, der nur einen einzigen Bediensteten, nämlich den Kanzler hat, und in dem die Aufsführung aller Staatsaufgaben, bis auf die vom Kanzler zu treffenden Entscheidungen, privatisiert ist, stellt seinem Kanzler einen jährlichen Etat von 500.000 Euro zur Verfügung. Stellen wir uns nun vor, die Wirtschaft hätte im ersten Jahr der Regentschaft des Kanzlers Einnahmen von 10 Millionen Euro erzielt, wovon 5% als Umsatzsteuer abgeführt wurden. Das ist exakt jene Summe von 500.000 Euro, die dem Kanzler am Ende des ersten Jahres zur Verfügung gestellt wurde, um sie im zweiten Jahr nach und nach für sich und die Ausgaben des Staates zu verwenden. Stellen wir uns weiter vor, dass von den 10 Millionen Einnahmen der Wirtschaft 9 Millionen an Löhnen bezahlt wurden und dass die gesamte Unternehmerschaft in diesem ersten Jahr nicht mehr Gewinn erwirtschaftet hätte, als jene fünf Prozent, die man auch dem Kanzler und seinem Staat zu geben bereit war, so stellte sich doch schon im zweiten Jahr heraus, dass nur noch 9.6 Millionen umgesetzt werden konnten, weil nämlich die Unternehmer aus dem Gewinn des ersten Jahres 400.000 Euro als Rücklage aus ihrem Gewinn zur Bank getragen hatten.

Dem Kanzler standen daher zu Beginn des dritten Jahres seiner Regentschaft nur noch 5% aus 9,6 Millionen, also 480.000 Euro zur Verfügung und als ihm kurz vor Weihnachten das Geld ausging, lieh er sich die fehlenden 20.000 von der Bank, in der festen Absicht, den Betrag in spätestens vier Wochen, gleich nach Eingang der Umsatzsteuer für das ablaufende Jahr, zurückzuzahlen.

Das Prinzip ist klar, oder?

Es läßt sich auch durch andere Formen der Besteuerung nicht verändern. Sobald Gewinne (oder Zinsen) aus dem Kreislauf herausgenommen werden, müssen Schulden gemacht werden, um die stillgelegte Geldmenge zu ersetzen.

In der viel komplexeren Wirklichkeit wird diese einfache Kette aus Ursache und Wirkung bis zur Unkenntlichkeit in Millionen von scheinbar unabhängigen Einzelereignissen zerschlagen. Ein Unternehmen macht Gewinne im Inland, ein anderes exportiert erfolgreich, ein drittes wird verkauft und zerschlagen. Grundstücke werden beliehen, um Häuser zu errichten, hier werden durch Rationalisierung ein paar Arbeitsplätze vernichtet, dort entstehen im Bereich der Genforschung neue, die Renten werden erhöht, oder auch nicht, die Krankenkassenbeiträge steigen, die Menschen nehmen ihre Dispo-Kredite mehr in Anspruch, sparen aber gleichzeitig für die Rente und für die Aussteuer und für den Hausbau. Die Müllabfuhr wird privatisiert, die Schule nicht renoviert, das Theater geschlossen. Die Steuereinnahmen steigen kaum noch, aber die Staatsausgaben steigen noch mehr, es gibt eine schwache Inflation und es gibt Kapitalflucht ins Ausland - doch ein Effekt bleibt zuverlässig gleich:

Das Geldvermögen wächst, die Zinseinnahmen aus Geldvermögen und Grundbesitz wachsen, das aus dem Kreislauf herausgewonnene Geld muss durch neue Schulden ersetzt werden, oder die Wirtschaft stürzt in die Deflation.

Will der Staat also seine Leistungen weiterhin ungeschmälert erbringen, muss er entweder die Steuern erhöhen, oder sich verschulden. Es geht gar nicht anders.

Erhöht er die Steuern da, wo er Kaufkraft vom Markt nimmt, wird sich die gesamtwirtschaftliche Situation verschlechtern.

Schränkt er seine Leistungen ein, vergibt also weniger Aufträge an die Wirtschaft, wird sich die gesamtwirtschaftliche Situation ebenfalls verschlechtern.

Senkt er hingegen die Steuern,in der Hoffnung damit die Bürger zu entlasten, und wird diese Steuersenkung nicht im vollen Umfang verwendet, um die Nachfrage zu erhöhen, wird sich die gesamtwirtschaftliche Situation verschlechtern, ganz abgesehen davon, dass sich die staatlichen Leistungen verschlechtern müssen, was sich auch niemand wünschen kann.

Nimmt der Staat aber zusätzliche Schulden auf, verbessert sich die gesamtwirtschaftliche Situation. Doch angeblich droht damit erhebliches Ungemach für die Zukunft.

Sind Staatsschulden ein Risiko für zukünftige Generationen?

Entgegen eines weit verbreiteten und wohlgehegten Irrglaubens entsteht Wachstum in unserem System nicht durch mehr Arbeit, sondern einzig und alleine durch die Verfügbarkeit von mehr Geld. Nur wenn Geld da ist, das als Gewinn abgeschöpft (und in Geldvermögen umgewandelt werden kann), lohnt es sich im Kapitalismus ein Unternehmen zu betreiben.

So lange der Staat nicht wagt, aus dem Wirtschaftskreislauf herausgenommenes Geld, das durch sein Fehlen die Einnahmen des Staates mindert, direkt per Vermögenssteuer und/oder per Steuern auf Zins- und Spekulationserträge dort abzuholen, wo es gehortet wird und von wo aus es nur als Darlehen gegen Zinsen wieder auf den Markt kommt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich eben genau dieses Geld zu leihen, oder den Offenbarungseid zu leisten.

Aber das aus dem Wirtschaftskreislauf herausgenommene Geld mindert ja nicht nur die Einnahmen des Staates, es fehlt der Wirtschaft und der Masse der privaten Haushalte eher noch mehr, als dem Staat. Wer die Statistiken richtig liest, erkennt, dass der Staat (Deutschland) nur etwa 25Prozent der in unserer Volkswirtschaft existierenden Schulden auf sich gezogen hat. Die restlichen 75 Prozent verteilen sich auf Wirtschaft und private Haushalte.

Der weitaus größte Anteil an der Gesamtverschuldung und damit die hauptsächliche Gefahr für die Währungsstabilität geht also von der Veränderung der Schuldenkonten der nichtstaatlichen Markteilnehmer aus. Das lässt sich ohne Zweifel an den erreichten Schuldenständen ablesen und es spricht alles dafür, daß sich dieses Verhältnis auch in Zukunft kaum verändern wird.

Vor den Risiken für die Währung, die von der - im Verhältnis zu den Staatschulden - viel größeren Verschuldung der übrigen Marktteilnehmer ausgehen, warnt aber keine EZB und kein internationaler Währungsfond. Ist das nicht verwunderlich? Oder weiß man dort ganz genau, dass Schulden und Geld nur die unterschiedlichen Seiten der gleichen Medaille sind, und dass ein stetiges Wachsen der Geldmenge (incl. Geldvermögen) unabdingbare Voraussetzung dafür ist, daß Handel und Wandel florieren?

Entsteht die negative Haltung zu konjunkturbelebender Staatsverschuldung vielleicht aus ganz anderen Ursachen, die jedoch - im Gegensatz zu den öffentlich vorgetragenen Argumenten - weitaus weniger selbstlosen und altruistischen Interessen entspringen?

Fragen wir uns also, welche Gewinn- und Vermögensinteressen werden durch Staatsschulden beeinträchtigt und schon finden wir zumindest zwei hochinteressante Motive, sich mit Macht gegen die Staatsverschuldung einzusetzen:


1. Die Höhe der Zinserträge

Der Staat, als AAA-Schuldner, mit bestmöglichem Rating, zahlt die niedrigsten
Zinsen. Die gleiche Geldmenge lässt sich an Wirtschaft und Private mit deutlich
höherem Gewinn verleihen. Je größer also der Anteil des Staates an der zur Geldbereitstellung unvermeidlichen Verschuldung ist, desto geringer die Zinserträge.

2. Gemeinwirtschaftliche Aufgaben

Der Staat nimmt (immer noch) vielerlei Aufgaben in eigener Regie wahr, aus denen sich Unternehmer bei Privatisierung hohe Gewinne und Kapitalanleger hohe Renditen versprechen.
Aber nur, wenn man dem Staat den Gürtel so eng schnallt, daß er der Not gehorchend sein Tafelsilber verkauft, wird der Weg frei, diese Aufgaben zu privatisieren. Je mehr die zulässigen Schulden des erstklassigen Schuldners Staat durch Gesetze und Verträge beschränkt werden, desto weniger kann er gemeinwirtschaftliche Aufgaben wahrnehmen, desto größer der Marktanteil der gewinnortientierten Unternehmer.


Wo liegt also die reale Gefahr der Staatsverschuldung für die Währung?

Die düstere Prognose, Staatsschulden wirkten sich langfristig negativ auf das Wachstum aus, die Wim Duisenberg in diesen Tagen ausgesprochen hat, ist falsch. Das Wachstum ist abhängig von der verfügbaren Geldmenge. Die EZB unter Duisenbergs Führung versucht, die jährliche Inflationsrate bei mindestens(!) 2% zu halten. Weniger, das hat die EZB begriffen, bedeutet allerhöchste Deflationsgefahr! Wieso soll also ausgerechnet die Staatsverschuldung, mit ihrem 25%-Anteil an der Gesamtverschuldung bei einer sowieso tendenziell zu niedrigen Inflation eine Gefahr für die Währungsstabilität und zukünftiges Wachstum darstellen?

Nur wenn der Staat den zum Scheitern verurteilten Versuch unternimmt, sich der finanzmathematisch unausweichlichen, Jahr für Jahr steigenden Mehrverschuldung zu entziehen, wirkt sich das als Wachstumsbremse aus.

Ansonsten ist alles nur ein Spiel, in dem die Werte der von der Realwirtschaft bewegten Güter und Leistungströme mit immer größer werdenden Zahlen ausgedrückt werden, ohne daß sich die Relationen der Werte untereinander verändern müßten. Ob ein Neuwagen 10.000 oder 100.000 Euro kostet ist gleichgültig, solange die Durchschnittseinkommen im ersten Fall bei jährlich 50.000 Euro liegen und im zweiten Fall bei 500.000.

Gigantische Zahlen erreichter Schuldenstände mögen Besorgnis erregen. So lange unser System aber so funktioniert, wie es funktioniert, ist der Versuch, die Geldvermögen durch Inflation zu entwerten, während Löhne und Preise sich auf steigendem Niveau ungefähr die Waage halten, der einzige Weg, die Realwirtschaft gesund zu erhalten. Dies ist wichtiger, als eine Währungsstabilität, die nur dem Erhalt gehorteter Vermögen dient und damit als Umlaufbremse wirkt.

Die andere Möglichkeit bestünde darin, dass der Staat selbst - ohne Inanspruchnahme der Banken, also ohne Schulden zu machen - in dem Maße frisches Geld schafft, wie es der Wirtschaft durch Hortung entzogen wird und dass er dieses Geld an geeigneten Stellen in den Kreislauf der Realwirtschaft einspeist.

Man könnte Renten damit bezahlen, oder Geburtsprämien, oder Universitäten bauen, oder Projekte des Umweltschutzes bezahlen, oder, oder, oder.

Die ausführliche Begründung dafür findet sich in
Grundlagen des Geldes 7

a


* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg



Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
Viele grundsätzliche Einsichten und Forderungen finden Sie in
"Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre".
Packender, spannender, verständlicher ist Wirtschaft kaum zu beschreiben. Informieren Sie sich hier.
"Ich freue mich sehr über Ihr Interesse und möchte Sie gerne auf weitere Angebote meiner Site aufmerksam machen - bitte sehen Sie sich um!" Mehr Aktuelles, alle Leserbriefe, alle Kommentare
die Statisitk zum Stellenabbau in Deutschland

Grundlagenwissen Geld - "...Geld ist nicht einfach da!"
kontakt/feedback
Newsletter bestellen
Der Patient ist die Lösung
Ein radikal vernünftiges Konzept zum Gesundheitswesen
..und weil die Ratio nicht immer weiterhilft: Besuchen Sie bitte auch die magische Welt der Zauberstabmanufaktur. Wir fertigen auusschließlich individuelle, handgearbeitete Einzelstücke für höchste Ansprüche.

nach oben