Der Fluss des Geldes

Grundlagenwissen zum besseren Verständnis des Geldes und der vom Geldsystem hervorgerufenen Probleme

Teil 3

Teuerung und Inflation
die "natürlichen" Feinde des Geldes

Verfasser: Egon W. Kreutzer, Stand 27. März 2003

 Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band III
Das Buch über das Geld
erscheint Mitte Juni 2005
Bis 31. Mai 2005 zum Subskriptionspres von 19,00 Euro
Informationen und Bestellmöglichkeit hier.

 

Geld ist nicht nur Tauschmittel, sondern auch Wertaufbewahrungsmittel und Wertmaßstab zugleich, so verkünden es Volkswirte und Geldtheoretiker, doch nirgends auf der Welt gibt es ein Eichamt, an dem der Wert des Geldes mit hochpräzisen Instrumenten überprüft, reguliert und mit Stempel und Plombe bestätigt werden könnte.

Ganz im Gegenteil: Alle Welt liegt in stetem Streit um den wahren Wert des Geldes und schon aus winzigen Wertunterschieden, die zwischen New York und Tokio, London und Frankfurt im Handel mit Geld auftreten, machen Spekulanten in gierigem Gezerre ein großes Spiel um aberwitzig hohe Gewinne.

Das Geld hat zwei natürliche Feinde, die ständig daran arbeiten, die Funktionen Wertmaßstab und Wertaufbewahrung zu stören. Diese "natürlichen" Feinde treten auf, ohne dass es dazu der Einflussnahme von Spekulanten bedürfte, aber abgesehen von diesen natürlichen Feinden ist das Geld beständig Tausenden von Gefahren ausgesetzt, weil Menschen, deren Hauptgeschäft der mehr oder minder legalisierte Betrug ist, unentwegt und mit großem Erfolg überall auf der Welt daran arbeiten, den "Wert" vom "Geld" zu trennen.

 

 

Die natürlichen Feinde des Geldes sind Teuerung und Inflation.

Die Wirkung dieser Prozesse erscheint auf den ersten Blick gleich: Die Preise der Waren steigen. Aber die Ursachen dafür sind grundverschieden. Teuerung ist die Folge einer Verknappung des Waren-Angebots und kann nur von der Warenseite her erfolgreich bekämpft werden. Inflation hingegen ist die Folge der Ausweitung der nachfragewirksamen Geldmenge und vernünftige Gegenwehr ist hier nur mit Maßnahmen im monetären Bereich möglich.

 

Befassen wir uns zunächst mit der Teuerung.

Spargel.

Ein edles, sehr empfindliches und arbeitsintensives Gemüse, das nicht auf jedem Boden gedeiht, aber allgemein gerne verzehrt wird, wird zu stark schwankenden Preisen angeboten, je nachdem, ob die Ernte reichlich ausfällt oder ob nur wenig geerntet werden kann. Spargel ist also in einem Jahr billig, in einem anderen Jahr teuer.

Kommen zu einer schlechten Spargelernte noch weitere Ernteausfälle hinzu, z.B. bei Getreide, Kartoffeln und Kohl, dann werden Lebensmittel - auch Fleisch und Wurst wegen der Futterpflanzen - teuer. Wird dann eventuell auch noch das Angebot an Rohöl auf dem Spotmarkt in Rotterdam knapp, dann entwickelt sich aus einzelnen steigenden Preisen langsam aber sicher das Phänomen einer allgemeinen Teuerung. Schließlich sind alle Wirtschaftsprozesse eng miteinander verflochten und was als Kostenerhöhung an einer Stelle in das System eingespeist wird, hat die Neigung, sich innerhalb des Systems möglichst gleichmäßig zu verteilen. Teure Nahrungsmittel führen über Kurz oder Lang zu steigenden Löhnen und schon steigen alle Preise....

Teuerung ist also ein Zustand, bei dem es weniger Ware für das gleiche Geld gibt.

Die teuerungsförderliche Verknappung des Angebots muss aber nicht zwangsläufig natürliche Ursachen haben. Jahrelang war z.B. das Phänomen des Schweinezyklus in der Landwirtschaft zu beobachten, und das ging so:

Schweinefleisch ist gefragt und bringt gute Preise. Das spricht sich in der Landbevölkerung herum und mehr und mehr Bauern stellen mehr und mehr Schweine in die Ställe, und schon nach kurzer Zeit werden die Schlachtviehmärkte von einem Angebot überschwemmt. Der Preis für Schweinefleisch bricht zusammen.
Dumm gelaufen, denkt der Herr Ökonomierat und schwört sich, so schnell kein Schwein mehr aufzuziehen. Das Angebot an Schweinefleich wird bald geringer, es treten Engpässen auf, die Hausfrauen zahlen zähneknirschend Höchstpreise für Koteletts und Schinken und die Metzger überbieten sich beim Schlachtvieheinkauf. Unter den Bauern spricht es sich herum, dass mit Schweinen verdammt viel Geld zu verdienen ist...

Durch regelnde Eingriffe von Menschen, welche die Funktionen des Regelkreises aber über lange Jahre einfach nicht einzuschätzen wussten, kam es zu periodischen Schwankungen im Angebot von Schweinefleisch, was mit der Zeit von denen, die den Schweinzezyklus entschlüsselt hatten, mit antizyklischem Verhalten ausgenutzt wurde.
Die Dummheit einer Vielzahl kleiner Bauern wurde durch raffinierte Manipulationen am Angebot in Gewinne weniger großer Bauern umgewandelt, woraufhin der Schweinezyklus scheinbar verschwunden ist.

Geblieben ist die Erkenntnis, dass ein Überangebot an Waren für den Anbieter ungünstig ist, ein knappes Angebot hingegen in mehrerer Hinsicht günstig:

1. Wer nur 80 Schweine aufzieht, hat um 20% niedrigere Kosten, als derjenige,
der 100 Schweine aufzieht.

2. Wenn nur 80 Schweine am Markt angeboten werden, auf dem eigentlich ein Bedarf an 100 Schweinen besteht, ist es durchaus zu erwarten, dass für das knappe Gut ein Preis erzielt wird, der so hoch liegt, dass der Gesamterlös aus dem Verkauf von 80 Schweinen sich vom Gesamterlös aus dem Verkauf von 100 Schweinen nicht nennenswert unterscheidet.

3. Weil von 80 Schweinen weniger Menschen satt werden, als von 100 Schweinen, müssen diese Menschen sich mit einem Ersatznahrungsmittel versorgen, es wird also insgesamt mehr Geld für die Ernährung aufgewendet, für andere Produkte bleibt weniger Geld übrig, das bisherige Angebot an z.B. Damenoberbekleidung trifft also auf eine nicht mehr ausreichende Kaufkraft. Um nicht auf Röcken und Kleidern sitzen zu bleiben, muss der DOB-Sektor die Preise senken.

Gattin und Töchter des Herstellers von nur 80 Schweinen, können sich nun aus der Kostenersparnis, die sich aus der Nichtaufzucht von 20 Schweinen ergeben hat, eine ganze Menge zusätzlicher Klamotten zu sehr günstigen Preisen einkaufen.

Oder

4. Die Kostenersparnis bei der Schweineaufzucht und die Kostenersparnis beim Einkauf von Bekleidung werden verwendet, um Geldvermögen zu bilden.

 

Schön, wenn es damit schon zu Ende wäre, doch jetzt beginnt der Hexentanz erst richtig:

Weil beim 80-Schweine-Bauern und seinen Artgenossen jede Menge Geld gebunkert wird, das damit dem Wirtschaftskreislauf fehlt, und niemand mehr Lust verspürt, 100 Schweine zu züchten, sondern im Gegenteil bereits die ersten Ställe mit nur noch 60 Schweinen bestückt werden, weil also immer mehr Geld in Richtung Vermögensbildung bei den Schweinezüchtern läuft, ergibt sich ein Szenario, das als Deflation bekannt ist.

Weil zu wenig Geld im Umlauf ist, wird diesem wenigen Geld ein höherer Wert zugemessen, den niedrigen Preisen für Klamotten folgen niedrige Löhne in der Textilindustrie, der gesamte Markt einigt sich darauf, dass das verbliebene Geld mehr Wert repräsentiert, wodurch der Tauschhandel aufrecht bleiben kann.

Die höchst angenehme Folge für den 80-Schweine-Bauern ist, dass er für sein gehortetes Geld immer mehr Waren kaufen kann, ja dass er, ohne reale Einkommensverluste hinnehmen zu müssen, sogar die eigenen Preise ein ganzes Stück weit senken kann, so dass ihm niemand mehr den Vorwurf machen darf, er sei Auslöser und Nutzniesser, im Gegenteil, mit etwas schauspielerischem Talent werden wir ihn sehr schnell in der Opferrolle vorfinden.

Dieses Schweinebeispiel sollte dazu dienen, die Prinzipien zu verdeutlichen und die Augen dafür zu öffnen, wo überall in der Wirtschaft über den Weg künstlicher Warenverknappung Preiserhöhungen durchgesetzt werden, die eben nicht nur den Gewinn aus dem aktuellen Verkaufsvorgang erhöhen, sondern auch den Aufwand für die Leistungserstellung mindern und das damit gehortete Geld auch noch wertvoller machen.

Der weltweite Diamantenmarkt wird von einer einzigen Firma in Südafrika kontrolliert. Es kommt nicht mehr kristalliner Kohlenstoff auf den Markt, als zu den gewünschten Preisen abgenommen wird.

Beim Öl teilen sich die OPEC und eine Handvoll großer Fördergesellschaften den Markt. Immer wieder wird versucht, das Angebot so knapp zu halten, dass der erwünschte Preis pro Barrel erzielt werden kann. Ein riesiges, weltumspannendes Kartell, das nur gelegentlich auf Grund innerarabischer Uneinigkeiten nicht ganz perfekt funktioniert.
Medikamente. Ja, Medikamente. Es gibt zwar Zigtausende von Apotheken und Hunderte von Pharmaherstellern, doch die sind sich alle einig, dass man in Deutschland nur hochpreisige Medikamente verkauft. Niedrigpreisige Angebote werden künstlich verknappt, indem man ihnen die Zulassung versagt, indem man für viele Medikamente und sogar für viele Nahrungsergänzungsmittel per Apothekenpflicht die Hochpreisigkeit kontrolliert und zugleich über die staatlichen Stellen und über Desinformationskampagnen versucht, den Betrieb von preisgünstigen Internetapotheken zu verbieten und wenn das nicht gelingt mit Gruselgeschichten über die Qualität der Versandhändler herzieht. In den Krankenkassen wird zudem durch geschickte Einflußnahme ein Klima geschaffen, dass die Kostenerstattung für im Ausland und/oder über den Versandhandel erworbene Produkte erschwert.

Man kann also im Wettbewerb teuer sein und bleiben, wenn man es nur schafft, das preiswerte Angebot knapp zu halten.

Das ist auch bei den Automobilherstellern zu beobachten, der Reimport von sehr viel billigeren, aus dem Ausland zurückgeholten Neufahrzeugen, die in Deutschland hergestellt wurden, wird nach Kräften behindert. Mit eigenen Händlernetzen, mit Garantiebedingungen und mit der Straßenverkehrszulassungsordnung wird das Angebot an preiswerten Fahrzeugen der eigenen Marke auf dem Binnenmarkt so gering gehalten, dass dem Verbraucher praktisch nichts anderes übrig bleibt, als teuer einzukaufen.

Lassen wir es dabei bewenden. Die Ausschaltung der Konkurrenz, die Herrschaft auf einem (Teil-)markt, das ist es, was Geschäfte erst richtig schön macht. Jeder Monopolist, jedes funktionierende Oligopol, jedes Kartell verspricht mit der Marktführerschaft nicht nur höhere Gewinne aus dem Handel, sondern auch einen überproportionalen Anteil am im Umlauf befindlichen Geld und damit eine Werterhöhung eben dieses Geldes.

Inzwischen ist der Kampf um die Marktanteile zu einem branchenübergreifenden Phänomen geworden. Die Telekommunikationsanbieter stehen in der Konkurrenz um die knappe Kaufkraft im direkten Wettstreit mit den Brauereien und den Ölmultis. Nahrungsmittelkonzerne verhindern mit dem überteuerten Absatz von Lebens- und Genußmitteln den Verkauf von Kühlschränken und Schnittblumen. Eine wirkungsvolle Verkaufsoffensive von VW trifft heutzutage nicht nur die Konkurrenz von Opel und Mazda, sondern ebenso die Reiserveranstalter und die Möbelindustrie.

So führt die anfängliche Teuerung auf direktem Wege zu einer Unterversorgung der Wirtschaft mit dem Tauschmittel Geld und in der Folge zu sinkenden Preisen, also zur Deflation und damit zum Niedergang der Wirtschaft. Denn die Wirtschaft hat bei "nominal" stetig sinkenden Preisen auch mit stetig sinkenden Umsätzen und Gewinnen zu kämpfen, aber die Kapitalkosten (Zinsen und insbesondere Tilgung!) bleiben nahezu unverändert. Zins rückwärts geht nicht! Das vertreibt die Lust auf Investitionen und so führt die durch Teuerung ausgelöste Deflation über kurz oder lang zum totalen Stillstand des Wirtschaftslebens.

 

Der zweite natürliche Feind des Geldes, die Inflation


Die Inflation hat mit der Warenversorgung zunächst überhaupt nichts zu tun. Inflation beginnt damit, dass zu viel Geld da ist. Mehr Geld jedenfalls, als Waren. Wir haben bei der Betrachtung der Teuerung gesehen, dass das Geld im Zuge der Teuerung in Geldvermögen umgewandelt wurde, also vom Markt verschwunden ist. Theoretisch könnte eine Inflation also auch dadurch ausgelöst werden, dass ein erstaunlich preiswertes Angebot auf den Markt kommt, mit dessen Hilfe der Bedarf mit deutlich weniger Geld gedeckt werden könnte, als Kaufkraft im Markt vorhanden ist. Dies verhindern aber die Gesetze des Marktes zuverlässig. Niemand wird Tomaten billiger verkaufen, nur weil es zu viele gibt, da kippt man die Ernte lieber ins Meer.

Niemand wird auch auf die Idee kommen, preiswerte Importe so günstig abzugeben, dass dadurch eine Inflation ausgelöst werden könnte, da hat man andere Möglichkeiten. Eine große Handelskette wird z.B. einfach ausschließlich importierten Salat und den wiederum zu hohen Preisen anbieten, wenn der Einkaufspreis für importierten Salat niedriger ist, sich also mehr damit verdienen lässt, als mit einheimischem. Dass dem einheimischen Salatzüchter die Köpfe im Gewächshaus verfaulen, juckt die Handelskette nämlich gar nicht. Wer nicht konkurrenzfähig anbietet, muss sehen wo er bleibt. So einfach ist das.

Es kommt also als Auslöser für die Inflation nur eine Überversorgung mit Geld in Betracht. Geht das überhaupt? Ja, das geht.

Wie wir wissen, kommt es nur darauf an, möglichst viele neue Kredite auszureichen und damit den Verlust nachfragewirksamen Geldes durch Tilgung und Umwandlung in Geldvermögen soweit überzukompensieren, dass mehr Kaufkraft auf den Markt kommt, als dieser an Gütern und Leistungen gegenübersteht.

Ob dies nun durch eine forcierte Staatsverschuldung in die Wege geleitet wird, um damit Rüstungsprogramme zu finanzieren, was Arbeitsplätze in den heimischen Waffenschmieden sichert, oder ob die Regeln für die Obergrenze von Dispositionskrediten gelockert werden, ob massiv verbilligte Darlehen für den Wohnungsbau zur Verfügung gestellt werden, oder ob man schlicht die Bewertungsmaßstäbe für Beleihungsobjekte lockert - immer wird in der Konsequenz eine Ausweitung des Kreditvolumens und damit eine Ausweitung der Geldmenge einhergehen und soweit diese Geldmenge als Nachfrage in der realen Wirtschaft ankommt, wird sie dazu führen, dass die Anbieter in Vorahnung der Inflation ihre Preise erhöhen, also nehmen, was sie bekommen können, was bedeutet, dass der Wert des Geldes sinkt.

Es muß also für die gleiche Ware mehr Geld aufgebracht werden.

Die Inflation neigt dazu, sich selbst zu nähren und immer schneller und steiler zu wachsen. Es sei denn, jemand bekämpft sie erfolgreich.

Den Banken z.B. ist es ein Ärgernis, heute einen Kredit mit der Kaufkraft von 100 m² Eigentumswohnung in München auszureichen und im Laufe von 25 Jahren Tilgung nur noch die Kaufkraft von 50 m² Eigentumswohnung in München zurückzuerhalten. Das zwingt schließlich dazu, hohe Zinsen zu nehmen, die den Inflationsausgleich sichern und damit wird die Inflation genährt. Der Bankenwelt hat es daher schon immer gefallen, nach ausreichendem, inflationsgetriebenen Wirtschaftswachstum die Kaufkraft wieder vom Markt zu nehmen und damit stabilere Verhältnisse zu schaffen.

Zuletzt haben wir in Deutschland erlebt, wie ein tilgungsbesessener Finanzminister einerseits Geldmengenvernichtung im großen Stil betrieben hat, während gleichzeitig von der Finanzwelt das berauschende Märchen von der uferlos sprudelnden Reichtumsquelle Börse so lange erzählt wurde, bis für eine nennenswerte Inflation in der realen Wirtschaft einfach nicht mehr genug Kaufkraft vorhanden war, weil sich am Ende auch noch der letzte Sparstrumpfbesitzer überzeugen ließ und mit der Feststellung: "Ich bin doch nicht blöd" seine Groschen aus dem Fenster direkt in ein Aktiendepot warf. Die Inflation war besiegt, der nach wie vor vermeldete geringe Preisanstieg ist der Teuerung anzulasten, nicht der Inflation.

Die andere Lösung zur Beherrschung der Inflation wäre der Währungsschnitt gewesen, was nichts anderes bedeutet, als sich darauf zu einigen, einfach wieder kleinere Zahlen zu schreiben, so wie man sich auch auf die Zeitumstellung im Frühjahr und Herbst einigt, ohne dass man damit in irgendeiner Weise wirklich etwas ändern würde. Man schreibt nur andere Zahlen.

Man darf allerdings nicht vergessen, dass jede solche willkürliche Veränderung zu Gewinnern und Verlierern führt. Gewinner sind diejenigen, die sich auf die Veränderung richtig vorbereiten können, weil sie reich genug sind, um den größten Teil des künftig wertlosen Geldes rechtzeitig in Sachwerte einzutauschen. Verlierer sind diejenigen, die das nicht können und deshalb abwarten müssen, bis sie am Tag danach mit dem abgewerteten Geld in der Tasche vor übervollen Schaufensteren staunend lernen, welche Preise in der neuen Währung gefordert werden.

Insofern war natürlich auch die Euro-Umstellung ein Eingriff in den Wert der Währung. Ein geringfügiger zwar, dessen Wirkung zwischen der tatsächlichen Einführung der Einheitswährung und der viel späteren Ausgabe des einheitlichen Bargeldes über die Jahre klug verwischt wurde, aber inzwischen haben es die Spezialisten ausgerechnet: Der Zwangsumtauschkurs für die Mark war wohl doch nicht ganz richtig. Was nichts bedeutet. Niemand hätte den richtigen Kurs bestimmen können. Aber die Chancen, die ein Währungsschnitt so bietet, die wurden genutzt.

Warum wird aber überhaupt Inflation zugelassen?
Könnte man dieses negative Phänomen durch restriktive Geldpolitik nicht von vornherein auf ein erträgliches Maß mindern?

 

An dieser Stelle ist nun endgültig der Punkt erreicht, an dem die Beschäftigung mit dem Geld zum blanken Horror wird.

Die wichtigsten Thesen zur Inflation:

1. Inflation entsteht schon bei gleich bleibender Wirtschaftsleistung automatisch und zwar in dem Maße, wie aus der Wirtschaftsleistung heraus Zinsen gezahlt werden müssen, weil das Geld für die Zinsen additiv in den Markt kommt und die Geldmenge vergrößert.

Das ist richtig, solange die Zinsen als Kaufkraft auf den Markt drängen, und es ist falsch, sobald die Zinsen überwiegend sofort wieder zu Geldvermögen gerinnen, also auch keinen Einfluss auf die Kaufkraft haben. Weil niemand, der Geldvermögen hält, ein Interesse an Inflation haben kann, wird der überwiegende Teil der Zinsen daher nicht als Kaufkraft auf den Markt drängen.

2. Inflation entsteht, wenn das Wirtschaftswachstum überhitzt ist, wenn also bei steigenden Löhnen und sinkenden Kosten (Produktivitätszuwachs) ein Mehr an erzeugter Produktion - auch wegen der Konkurrenzsituation - so preiswert angeboten wird, dass die Kaufkraft der Löhne und die Kaufkraft der öffentlichen Kassen den Warenwert übersteigen und sich die Nachfrager gegenseitig überbieten, was sich als Inflation bemerkbar macht.

Das ist richtig, solange man in der grauen Theorie verharrt. Aber es ist falsch, wenn man einen ganz kleinen Blick auf die Realität wirft. In der Praxis haben Löhne und Staatseinnahmen den Wert des Brutto-Inlandsproduktes noch nie überstiegen, aus dieser Quelle war also noch nie so viel Kaufkraft auf dem Markt, dass sich daraus eine Inflation herleiten ließe. Die aus dem Lohnüberschuss gespeiste Inflation scheint also unmöglich, zumal sie, wenn man nur einen Augenblick richtig denkt, zur sofortigen Pleite aller Einzelunternehmen führen würde, weil nämlich kein Unternehmer lange existieren kann (und will), wenn Löhne und Steuern die Einnahmen übersteigen.

3. Inflation entsteht, wenn die Nettokreditaufnahme steigt, wenn also die verfügbare Kaufkraft von Unternehmen, Staat und Konsumenten soweit steigt, dass sie die verfügbare Wirtschaftsleistung übertrifft und die erhöhte Nachfrage dadurch zwangsläufig Preissteigerungen auslöst.

Dies scheint richtig.

Es stellt sich die Frage, wer hat etwas davon?

Die Banken?

Das ist richtig, solange die Banken damit rechnen können, dass das ausgereichte Darlehen auch als Tilgung wieder zurückgeführt wird. Denn solange können die Banken auf sichere Zinserträge vertrauen. Es ist aber falsch, sobald die Banken fürchten müssen, dass die Gesamtsumme der Schulden in absehbarer Zeit aus der Wirtschaftsleistung nicht mehr getilgt werden kann und dass es ihnen von daher davor graut, die Neuverschuldung im erforderlichen Maße auszuweiten. Paradoxon: Eine Tilgungsoffensive der Öffentlichen Haushalte macht die Rückzahlung neuer Darlehen unwahrscheinlicher, weil dadurch viel zu viel Geld aus dem Markt genommen wird.

Die Halter von Geldvermögen?

Das ist richtig, solange die ihnen gezahlten Guthabenzinsen die Substanzverluste aus der Inflation deutlich übersteigen. Es ist jedoch dann falsch, wenn nur niedrige Guthabenzinsen zu erzielen sind, die Notenbanken also eine Niedrigzinspolitik fahren und gleichzeitig der Geldwert sinkt.

De facto gibt es gute Gründe für folgende Annahme:

Die Inflation wird von den Marktteilnehmern auf der Kapitalseite konsequent gebremst, wenn die Situation für die Substanz des Vermögens brenzlig wird. Die Inflation über diesen Punkt hinaus aufrecht zu erhalten, kann nur dem Staat gelingen, wenn ihm die Notenbank ständig frisches Geld gegen ständig neue Schuldscheine in die Hand gibt.


Wie und warum kommt es dann aber gegen die Allmacht des Geldes doch zur Inflation?

4. Inflation entsteht, wenn die Geldvermögen aufgelöst und in großem Stil in Sachwerte umgewandelt werden.

Das stimmt. Je mehr Geldvermögen zu Geld wird, um insbesondere Grundbesitz zu erwerben und je mehr von dem so geschaffenen Geld zunächst im konsumptiven Bereich verweilt, desto schneller wird das Geld entwertet. Die Verkäufer von Häusern und Grundstücken erhalten heute allerbeste Preise, doch sie müssen inzwischen auch schon fast einen Euro für ein Vollkornbrötchen zahlen, das vor zwei Jahren noch für ganze 45 Pfennig zu haben war und sie ahnen nicht, dass der Preis für die Schrippe schon in gar nicht so ferner Zukunft den Betrag überschreiten könnte, der vor zehn Jahren noch ausreichte, um eine kleine Eigentumswohnung zu bezahlen. Kein Schauermärchen! Das ist alles schon einmal dagewesen.

Wer hat etwas davon?

Zweck allen Wirtschaftens ist es, die Verfügungsgewalt über möglichst viele Sachwerte zu erwerben.

Geld ist nicht allmächtig, es ist nur ein mächtiges Mittel zum Zweck.


Geldvermögen aufzulösen und sie in Sachwerte umzuwandeln ist daher immer wieder eine sehr wichtige und sinnvolle Übung. Niemand kann wirklich in Geld baden. Dazu braucht es den Pool. Niemand hängt sich Geldscheine um den Hals, dafür sind Diamanten weitaus besser geeignet. Niemand isst Münzen. Kaviar schmeckt besser.

Wenn also die Geldvermögen so angeschwollen sind, dass man damit eine wunderschöne Inflation anheizen kann, dann kommt die Inflation auch, denn die Angst der Geldvermögenden, nicht rechtzeitig in die Sachwerte zu kommen, treibt die Preise wie von selbst in die Höhe, sobald die Hatz erst einmal begonnen hat.

Immer mehr Papier, mit dem Aufdruck "Geld" gelangt in die Hände der Bevölkerung und immer mehr Sachwerte wandern in die Hände der Reichen.

Während die einen noch versuchen, mit dem Fünf-Millionen-Euro-Schein ein Pfund Schweinefleisch zu kaufen, kalkulieren die anderen schon in aller Ruhe, zu welchen Preisen man die Wohnungen in den Mietshäusern vermieten kann, wenn der Währungsschnitt endlich gekommen sein wird.

 

 

So viel zu den natürlichen Feinden des Geldes, deren Wirkung sich praktisch noch in naturgesetzlicher Selbstverständlichkeit entfaltet. Demnächst mehr zu den Möglichkeiten, den Wert des Geldes rein spekulativ massiv zu beeinflussen.

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