Der Fluss des Geldes

Grundlagenwissen zum besseren Verständnis des Geldes und der vom Geldsystem hervorgerufenen Probleme


Teil 10

Irrtümer und Täuschungen im Umgang mit dem Geld

Der natürliche Zins
und das Notenbankgeld
- Ikonen volkswirtschaftlichen Aberglaubens -

Verfasser: Egon W. Kreutzer, Stand 8. Dezember 2003

 Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band III
Das Buch über das Geld
erscheint Mitte Juni 2005
Bis 31. Mai 2005 zum Subskriptionspres von 19,00 Euro
Informationen und Bestellmöglichkeit hier.

1. Der natürliche Zins

Seit langem hält sich an den volkswirtschaftlichen Fakultäten die aus Empirie und Hypothetik gleichermaßen abgeleitete Idee, es gäbe so etwas, wie einen natürlichen Zins. Die Idee ist so alt, dass sie unter einer dicken Staubschicht zur Gewissheit geronnen ist.

Der natürliche Zins, so heißt es, repräsentiert einen der "Liquidität innewohnenden" Wert und der wiederum soll - so ungefähr, ziemlich genau, circa - einem Zinssatz von drei Prozent pro Jahr entsprechen. Die Nationalökonomie hat weite Teile ihres Theorie-Gebäudes auf dem schmalen Fundament dieses natürlichen Zinses errichtet und fällt darauf letztinstanzlich immer dann zurück, wenn es darum geht die Phänome überschießender oder unzureichender Geldversorgung zu erklären und das kurzsichtig-egoistische Handeln der Verursacher als verantwortungsbewusste Reaktion im Rahmen naturgesetzlich ablaufender Prozesse zu rechtfertigen.

Mit Hilfe von vielen, oft seitenlangen, dem Laien unverständlichen, mathematisch jedoch zumeist vollkommen korrekt aufgestellten Formeln wird eine angebliche Wahrheit über Zins und Kapital begründet, die da heißt:

Immer dann, wenn der auf dem Kapitalmarkt angebotene Zinssatz unter den Satz des natürlichen Zinses sinkt, braucht der Kapitalist sein Geld nicht mehr zu verleihen, weil ihm der natürliche Zins durch den "Wert der Liquidität" eine ebenso große, oder gar noch höhere Rendite bringt, als durch Verleihen zu erwirtschaften wäre.

Diese angebliche Wahrheit ist völliger Quatsch.

Für nicht verliehenes Geld gibt es keinen Zins, hat es nie einen Zins gegeben und wird es nie einen Zins geben. Auch ein an den Haaren herbeigezogener "Wert der Liquidität" als Vater des natürlichen Zinses erweist sich bei genauem Hinsehen als Humbug. Was ist das denn, Liquidität?

Liquidität, das ist in aller Regel nicht mehr, als der Kontoauszug für ein sehr niedrig oder gar nicht verzinstes Guthaben, über das jederzeit verfügt werden kann. Liquidität kann sich ebenso im Besitz eines Packens (im Auftrag der Notenbank) bedruckten Papiers manifestieren. Dieses Notenbankpapier nimmt allerdings einigen Platz weg und muss mit nicht unerheblichem Aufwand gegen Diebstahl und Verlust geschützt werden.

Liquidität ist also eigentlich der Glaube daran, mit Hilfe eines Kontoauszugs (oder unter Verwendung des in einer bestimmten Weise bedruckten Altpapiers) Kaufkraft ausüben zu können. Liquidität mag ein schönes Gefühl vermitteln, aber Liquidität bringt nichts hervor.

Oder sollten die Banker vielleicht vorsätzlich lügen, wenn sie uns erklären, es sei ein absolutes Gebot der Vernunft, ihnen den unverzinsten, der Inflation rettungslos ausgelieferten Inhalt unserer Sparschweine anzuvertrauen?

Bräuchten wir vielleicht in Wahrheit nur geduldig abzuwarten, bis der natürliche Zins den Sparstrumpf unter der Matratze ganz von selbst bis zum Bersten anschwellen lässt?

 

Sehen Sie, es ist Quatsch.

Liquidität trägt keinen Zins, und schon gar keinen "natürlichen".

Der "natürliche Zins" ist so etwas wie ein modernes Rumpelstilzchen der Nationalökonomie. Genau wie das wunderliche Männlein aus dem Märchen hilft der "natürliche Zins" zwar dabei, aus dem Stroh wertlosen Papiers über Nacht Gold zu machen, aber niemand darf seinen wahren Namen, sein eigentliches Geheimnis kennen, sonst ist es mit der Zauberkraft vorbei.

Es ist doch nicht die Liquidität, die das Kapital des Kapitalisten mehrt. Es ist - so viel zu den empirischen Quellen des weit verbreiteten Irrtums - allenfalls so ähnlich:

Das Sammeln von Kapital entzieht dem Markt Liquidität. Folglich herrscht Geldmangel. Weil die Wirtschaft das Transfermedium Geld aber braucht, um arbeiten zu können, gelingt es, den Preis für das verknappte Gut Geld, also die Zinssätze, wieder in die Höhe zu schrauben. Je größer der Geldmangel, desto höher die erzielbaren Zinsen.

Der Wucherer mit seinen brutalen Geldeintreibern nimmt doch nicht etwa deshalb die höchsten Zinssätze, weil er das höchste Risiko trägt, oh nein. Dem stinknormalen peanuts-banker gehen weit mehr Kredite verloren, als dem kriminellen Wucherer.
Der Wucherer nimmt die höchsten Zinssätze, weil er sein Geld an diejenigen verleiht, bei denen der Geldmangel bereits lebensbedrohliche Formen angenommen hat.

Solange es möglich ist, dem Markt in erpresserischer Manier Geld zu entziehen, solange wird sich ein Mindestzinssatz für Ausleihungen durchsetzen lassen.

Dies ist aber kein Naturgesetz sondern ein brutales, egoistisches und nach meinem Verständnis verbrecherisches Kalkül, dem durch den weltweiten Abbau von Regularien (Globalisierung und Deregulierung) immer neue Gelegenheiten zur legalisierten, aber trotzdem durch nichts gerechtfertigten Bereicherung eröffnet werden.

Der "natürliche Zins" ist nichts anderes als die verharmlosende Umschreibung für ein Lösegeld, das erpresserische Kidnapper verlangen, um die von ihnen beiseite geschaffte Liquidität dem Markt wieder zur Verfügung zu stellen.

 

Aus einem anderen Blickwinkel lässt sich das Geschehen so interpretieren:

Wenn zu wenig Geld im Umlauf ist, kann das Produktions- und Leistungspotential einer Volkswirtschaft nicht optimal genutzt werden. Die marktferne Anhäufung ungenutzter Liquidiät erzeugt Geldmangel. Geldmangel bedeutet Illiquidität, Zahlungsunfähigkeit und Insolvenz. So wird über die Geldverknappung künstlich Arbeitslosigkeit hergestellt. Selbst dringend notwendige und wünschenswerte Arbeiten werden nicht mehr ausgeführt und die dazu befähigten und willigen Mitarbeiter werden entlassen, weil das verdammte Geld gerade mal wieder beim Kapitalisten gehortet wird, um das angemaßte Recht auf einen Mindestzins durchzusetzen.

Für Millionen von Menschen bedeutet die zurückgehaltene Liquidität nichts anderes, als ein rigoros durchgesetztes Arbeitsverbot. Erst mit der Ausreichung von Darlehen aus der vorenthaltenen Liquidität erteilt der Kapitalist dem Darlehensnehmer, der bereit ist, ausreichende Zinsen zu entrichten, eine durch die Höhe des Darlehens auf eine bestimmte Zahl von Arbeitnehmern beschränkte Betriebs- und Arbeitserlaubnis.

Nur wer bereit ist, Zins zu zahlen, darf arbeiten.

Hierin liegt die Ursache für die Massenarbeitslosigkeit. Alle anderen Behauptungen sind demgegenüber nahezu vollkommen bedeutungslos. Weil in unserem Wirtschaftssystem die alleinige Verfügungsgewalt über das Geld in der Hand des Kapitals und des Bankwesens liegt, bestimmt einzig das Kapital über das Mass der möglichen Beschäftigung in der Realwirtschaft.

Die offenen Stellen reichen heute bundesweit höchstens für ein Zehntel der Arbeitslosen. Selbst die Kirchen und die gemeinnützigen Vereine müssen inzwischen Mitarbeiter entlassen, weil es an Geld fehlt. In meinem Geburtsort, Neustadt bei Coburg, stehen bei einer Arbeitslosenquote von aktuell 12,9 Prozent gerade einmal 17 offene Stellen für 1.032 Arbeitslose zur Verfügung.

Das Geld ist beiseite geschafft. Aus dem Markt herausgenommen.

Für alle Zweifler die Gegenfrage: Wo ist das Geld denn sonst geblieben?

Warum sind der Staat, die Sozialkassen, die Länder und Gemeinden, die Unternehmen und die große Mehrzahl der Bürger in den letzten beiden Jahrzehnten Jahr für Jahr ärmer geworden? Die Arbeiter und Angestellten, die Rentner und Arbeitslosen, auch die Sozialhilfeempfänger haben das Geld nicht gebunkert. Die meisten sind froh, wenn das Bisschen, das man ihnen gibt, ausreicht, um die nötigsten Ausgaben bestreiten zu können.

 

2. Das Notenbankgeld

Bevor die Frage nach dem Verbleib des Geldes und der Liquidität beantwortet werden kann, gilt es jedoch noch die zweite Theorie zu entkräften, der die Volkswirtschaft ebenfalls in einer an Aberglauben grenzenden Naivität anhängt. Es ist dies die Frage, wie Liquidität eigentlich entsteht und wer sie wann hat.

Die große Naivität der konservativen Geldtheoretiker besteht darin, dass sie stur wie eine ganze Herde störrischer Esel darauf beharren, als wirkliches Geld dürfe nur angesehen werden, was als Münze oder Banknote körperlich existiert und wirkliche Liquidität sei an das Vorhandensein eben solchen Geldes gebunden.

Für die Puristen dieser Lehrmeinung ist schon der Haben-Saldo auf dem Girokonto weder Geld noch Liquidität, sondern lediglich ein (per Überweisung abtretbarer) Anspruch auf Geld. Ein solches, so genanntes Guthaben aber, so wird behauptet, verhalte sich zu richtigem Geld ungefähr so, wie das Foto eines Wasserfalls zu einem realen Wasserfall. So viel Geld, wie behauptet wird, könnten die Kapitalisten also gar nicht horten, weil es vom richtigen Geld nachweisbar gar nicht so viel gäbe. Schließlich - so behaupten die unbelehrbaren Anhänger dieser Theorie in aller Unschuld - stünde die Schöpfung allen Geldes und folglich auch die Entwicklung der Geldmenge ausschließlich im Ermessen der Notenbanken, wo sie auch in den besten Händen sei.

 

Auch das ist Quatsch.

Selbst wenn das ganze schöne Bargeld, das die EZB vor zwei Jahren über das Euroland ausgestreut hat, zum nächsten Ersten gegen Gutschrift auf den Girokonten der jeweiligen Besitzer vollständig eingezogen und körperlich vernichtet würde, änderte sich an der Geldmenge, an der Liquidität und an den Funktionen des Geldes nicht das Geringste.

Das schöne bunte Notenbankgeld wäre weg, aber unser "Geld", unser Tausch-, Wertaufbewahrungs- und Wertbestimmungsmittel wäre doch weiterhin verfügbar.

Klar, viele kleine Einzelhändler und einige wenige Supermärkte müssten technisch ein wenig nachrüsten, um am Electronic-Cash teilnehmen zu können. Aber das war's dann auch. Der ganze große Rest des Zahlungsverkehrs läuft doch längst schon per Lastschriftverfahren und Überweisung von Konto zu Konto.

Wer nach der Abschaffung des Bargeldes noch versuchen wollte, herauszufinden, welches Geld auf welchem Konto legitimer Abkömmling "richtigen" Geldes ist und welches nicht, dürfte schon bei der Formulierung der Untersuchungskriterien Schiffbruch erleiden. Wissenschaftler, die den Versuch dennoch hartnäckig fortsetzen und weiterhin die Geldschöpfungskraft des Bankensektors leugnen, müssten sich dann, ohne dass eigens Experten befragt werden müssten, ganz erhebliche Zweifel an ihrer Zurechnungsfähigkeit gefallen lassen.

Aber eigentlich könnte man in den Formulierungen des vorstehenden Absatzes auch schon heute auf den Gebrauch des Konjunktivs verzichten. In Wahrheit befinden wir uns doch längst in diesem Zustand. Die marginalen Bargeldbestände sind nichts anderes mehr, als "umlauffähige Kontoauszüge in normierter Stückelung".

Ansichten über ein Geld mit Warencharakter und innerem Wert, wie sie aus den Zeiten des Goldstandards in die Gegenwart mitgenommen wurden, sind untauglich, um unser gegenwärtiges Geldwesen zu erklären. Sie gehören, je nach Einstellung, entweder auf den Schrotthaufen oder auf den Heldenfriedhof der Wirtschaftsgeschichte.
In der Auseinandersetzung um das Geld der Gegenwart sind sie nichts als ärgerliche, immer wieder auftauchende Irrtümer.

 

Die heute gültigen Spielregeln sehen so aus:

 

  1. Alle Mitspieler haben Konten bei Banken.
  2. Banken sind Mitspieler, die sich Geld leihen, um es mit Gewinn weiter zu verleihen.
  3. Spieler, deren Konten Guthaben ausweisen, haben Geld übrig und bekommen dafür von der Bank Zinsen.
  4. Spieler, deren Konten Schulden aufweisen, haben nicht nur kein Geld, sie sind auch noch verpflichtet, der Bank Geld in Höhe ihrer Schulden zu beschaffen und sie müssen auf ihre Schulden Zinsen zahlen.
  5. Jedes Guthaben auf einem Konto berechtigt die Bank, Darlehen zu vergeben, die (in Euroland) bis zu 98 Prozent der Guthabensumme erreichen dürfen.
  6. Gelangt das Geld aus einem Darlehen auf ein Guthabenkonto, kann auch daraus sofort wieder ein neues Darlehen vergeben werden, eine Verpflichtung zur Darlehensvergabe besteht aber nicht.

 

Spielverlauf:

Die Salden von - ansonsten unbewegten - Guthabenkonten erhöhen sich alljährlich durch die Zinsgutschriften der Bank. Diese Erhöhung führt mit hoher Wahrscheinlichkeit jeweils innerhalb von 15 Jahren zu einer Verdoppelung der Guthaben. Auf der anderen Seite der Bilanz erhöhen sich zwangsläufig die Schulden um mindestens den gleichen Betrag, um den die Guthabenkonten gewachsen sind.

Spieler mit Guthabenkonten erhalten folglich mit der Zeit immer höher steigende - leistungsfreie - Einkünfte aus Zinsen, die von den leistungsgebundenen Einkünften aus Arbeit abgezweigt werden müssen.

Zwangsläufig sinkt die Kaufkraft der Reallöhne um den Betrag, der von der Kaufkraft der Zinseinnahmen beansprucht wird. Solange diese Verschiebung noch gering ist, wird sie nicht als Problem wahrgenommen, weil sie durch Wirtschaftswachstum und Produktivitätssteigerung überlagert wird.

Über die ersten Runden funktioniert dieses Spiel daher auch tadellos und bringt gelegentlich sogar eine echtes Wirtschaftswunder hervor, ein Phänomen, das aber überhaupt nur zu Spielbeginn möglich ist!

Doch neben der Verschiebung der Kaufkraft von leistungsgebundenen zu leistungsfreien Einkommen gibt es von Anfang an noch einen zweiten kleinen Schönheitsfehler:

Wachsende Guthaben auf den Konten der Banken bedeuten nämlich nicht, dass auch die am Markt vorhandene Liquidität wächst. Ganz im Gegenteil. In dem Maße, in dem sich die Relation der Einkünfte verschiebt, verschiebt sich auch die Verwendung der flüssigen Mittel aus neu ausgereichten Darlehen. Immer größere Anteile daraus müssen verwendet werden, um die Zinsen aus dem Schuldensockel bezahlen zu können.

Die eigentlich ganz vernünftige Idee, die unserem heutigen, immateriellen/virtuellen Geld zu Grunde liegt, dass Geld nämlich bedarfsabhängig durch Darlehensgewährung geschaffen und nach Gebrauch durch Tilgung wieder aus der Welt geschafft wird, ist durch die Notwendigkeit, alleine zur Bezahlung der Zinsen immer wieder und immer mehr zusätzliches Geld schaffen zu müssen, zu einer teuflichen Spirale geworden.

Das wäre allerdings immer noch erträglich und alleine durch Inflation beherrschbar, hätte diese Spirale nicht auch noch die Tendenz, die Bereitstellung neuer Darlehen mit fortschreitender Zeit immer mehr zu erschweren. Die Ursache dafür ist leicht zu erklären:

Sobald die Zahl der Individuen in einer Volkswirtschaft langsamer steigt, als der Schuldenstand, erhöhen sich die Schulden der Einzelnen und ihre Bonität sinkt. Das könnte durch eine ausreichende Inflation korrigiert werden, doch wenn der Geldwert genauso stabil bleibt, wie die Bevölkerungszahl, steigen die Schulden der einzelnen Individuen nicht nur nominal, sondern auch real an.

Dadurch sinkt die allgemeine Bonität vom unteren Einkommens-Rand der Bevölkerung her stetig, was wiederum eine vorsichtigere Kreditvergabe der Banken zur Folge haben muß.

Das daraufhin langsamer wachsende Volumen der Ausleihungen trifft auf einen weiter wachsenden, zumindest aber unveränderten Bestand an Guthaben mit ebenso unveränderten Zins- und Tilgungsforderungen. Daraus folgt eine Verkürzung der Verweilzeit des Geldes im Wirtschaftskreislauf. Immer häufiger kommt es zu direkten Kurzschlüssen, d.h., dass die Mittel aus neu ausgereichten Darlehen schon nach einer einzigen Transaktion wieder verloren sind.

Wenn z.B. ein Arbeitgeber zur Zahlung von Löhnen und Gehältern seinen Kreditrahmen in Anspruch nimmt und die ausgezahlten Netto-Gehälter auf überzogene Gehaltskonten treffen und die abgeführten Steuern und Sozialabgaben von den Empfängern unmittelbar für den Schuldendienst verwendet werden, ist das Geld - dank elektronischer Systeme - im Augenblick seiner Entstehung praktisch schon wieder vernichtet. Was sich verändert hat, ist lediglich die Bonität der Beteiligten. Der Zahlungsleistende hat seinen freien Kreditspielraum eingeschränkt, die Zahlungsempfänger dürfen ihre Konten wieder neu überziehen. Tun sie es nicht, fehlt Geld.

Weil die Schulden vieler (in der Endphase des Spiels: fast aller) Marktteilnehmer mit jedem Jahr wachsen, wird die Neigung sich zu verschulden bei den von Geldmangel und einem sowieso schon hohen Zinsanteil am volkswirtschaftlichen Gesamtertrag geplagten Schuldnern immer geringer. Schließlich lässt sich aus der weiteren Kreditaufnahme kaum noch eine zusätzliche Rendite errechnen.

Eine abstrakte Beispielrechung verdeutlicht, was passiert:

 

Setzen wir das Bruttosozialprodukt im Jahre Null der Betrachtung auf einen Basiwert von 100, die Summe der Guthaben in Relation dazu auf eine Basiswert von 50 und den Zinsaufwand auf den Ausgangswert 3, dann verändern sich diese Relationen bei einem jährlichen Wirtschaftswachstum von 3 % und einem durchschnittlichen Zinssatz von 6% im Laufe der Zeit alleine aus dem Zins- und Zinseszinseffekt wie folgt:

Jahr  BSP im aktuellen Jahr  Guthaben im aktuellen Jahr Zinsaufwand im aktuellen Jahr Zinsanteil am BSP in %
 0 100  50  3,00  3,00 
  10 134   90  5,40  4,03 

 20

 180

 160

 9,60

 5,33 

 30 242  287   17,22  7,12 
 40 326  514  30,84  9,46 
 50 438   921  55,26  12,62 
 60 589  1649  98,94  16,80 

Nach 40 Jahren hat sich die Höhe der Guthaben alleine aus dem Zinseszinseffekt mindestens verzehnfacht. Der Zinsanteil am Ergebnis der volkswirtschaftlichen Gesamtleistung hat sich mindestens verdreifacht.

Nur 10 Jahre später sind die Guthaben auf das 18-fache des Ausgangswertes angewachsen und der Zinsanteil am BSP hat sich gegenüber dem ersten Jahr vervierfacht.

Weil die Zuflüsse zu den Vermögen aber nicht nur aus Zins- und Zinseszinseffekten, sondern ebenso aus angesammelten Unternehmensgewinnen und nicht zuletzt auch aus Miet- und Pachteinnahmen gespeist werden und die wenigen Begünstigten auch bei noch so ausschweifendem und überbordendem Konsum nicht die geringste Chance haben, das sich akkumulierende Vermögen in den Wirtschaftskreislauf zurückzugeben, sieht die Realität noch viel verheerender aus, als das abstrakte Beispiel vermitteln kann.

Es wird für alle Teilnehmer der Realwirtschaft immer schwieriger, über die bereits hohen Zinsansprüche aus dem aufgehäuften Guthabensockel hinaus noch weitere Zinszahlungen aus der Arbeitsleistung abzuzweigen.

 

Es sind, darauf sei an dieser Stelle am Rande hingewiesen, eben keinesfalls alleine die Lohnnebenkosten, die den Standort Deutschland in die Knie zwingen, sondern mindestens im gleichen Maße ist es der überproportional wachsende Zinsanteil am BSP, dessen vorprogrammiertes Wachstum die Vorhersagen über die Veränderungen in der demografischen Zusammensetzung der Bevölkerung exorbitant übertreffen wird.

Bislang wird dieses Faktum den von der Materie offenbar überforderten Politikern von ihren an Aufklärung wenig interessierten Beratern wohl nicht zur Kenntnis gebracht.

 

Doch zurück zum Hauptthema.

Die Banken sind also, um überhaupt noch Geld verleihen zu können, gezwungen, die Verzinsung der Einlagen immer weiter zurückzufahren. Es ist paradoxerweise ein Zustand erreicht, in dem viel zu viel Geld da ist, das Anlage sucht, als dass es dafür im marktwirtschaftlichen Wettbewerb noch eine lohnende Anlage geben könnte, während die Realwirtschaft gleichzeitig am Geldmangel erstickt. Die Banken selbst verlieren zunehmend die Fähigkeit, einen ausreichenden Teil der ihnen zur Verfügung gestellten Einlagen zu verleihen. Dies erfordert, wollen die Banken selbst der Insolvenz entgehen, entweder die Erhöhung der Kreditzinsen oder die Absenkung der Guthabenzinsen. Ersteres ist nicht mehr durchsetzbar. Die zweite Möglichkeit scheitert an der Nichtexistenz des natürlichen Zinses.

Gäbe es nämlich die eingangs besprochene "natürliche" Verzinsung, könnten die Kapitalisten in diesem Stadium immer noch gut von ihrem "natürlichen" Zins leben und die Lage ließe sich vielleicht auf diesem Niveau stabilisieren. Weil Rumpelstilzchen aber ohne das Kreditstroh kein Gold zu spinnen vermag, wendet sich das Kapital von den Kreditinstituten ab und den durch Globalisierung und Deregulierung weit geöffneten globalen Spekulationsbörsen und Zockerstuben zu. Die Spirale der Grausamkeiten dreht sich eine Runde weiter.

Durch die Kapitalabwanderung in spekulative Anlagen sinkt zwangsläufig das Volumen der den Banken als Beleihungsgrundlage dienenden Einlagen. Das entlastet zwar die Gewinn- und Verlustrechnungen der Branche, weil der eigene Zinsaufwand sinkt, doch gerade diejenigen Banken, deren Kreditgeschäft bis dahin überdurchschnittlich gut gelaufen war, geraten als erste in bilanzielle Bedrängnis, weil die Höhe der (nicht ad hoc rückforderbaren) Ausleihungen droht, die Summe aus verbliebenen Einlagen und Eigenkapital zu übersteigen. Der Staat wird zum Eingreifen aufgefordert und es werden überdies - wie jüngst in der Bundesrepublik geschehen - in großem Maßstab Kredite aus den Bilanzen der Banken entfernt und an eigens gegründete "Verbriefungsgesellschaften" und andere, im Krisenfall zum Untergang bestimmte Risikoauslagerungsgesellschaften übertragen.

Die Geldgeber, Briefkäufer und Einlagenbereitsteller dieser Risikogesellschaften werden ihr Geld aber in aller Regel dafür nicht aus den spekulativen Anlagen zurückholen, sondern eher weitere, bisher niedriger verzinste Einlagen bei den Mutter-Instituten auflösen, was bei höheren Zinsaufwendungen in den Risikoanlagen wiederum zu einer Schmälerung der Kreditbasis der Mutterinstitute führen muß.

Wo ist also das Geld geblieben, was hat die Notenbank mit ihren bunten Papierchen damit überhaupt noch zu tun?


3. Liquidität und Zins

Geldprobleme entstehen nicht durch einen "bösen Geist des Geldes" oder vorgebliche Naturgesetzlichkeiten des monetären Bereichs, sondern ausschließlich durch die von Menschen geplanten und ausgeführten, legalen und illegalen Handlungen mit dem Ziel individueller Bereicherung, für die das Geld als wertübertragendes Medium geeignet ist.

Dem Geld selbst wohnt weder eine Leistungsfähigkeit inne, noch hat es einen eigenen Wert. Es ist eine Zahl auf einem Konto, die etwas über den Inhaber des Kontos aussagt. Geld kann aus eigenem Antrieb weder seinen Standort verändern, noch spurlos verschwinden.

Die reale Wirtschaft bedient sich der auf Dollar, Euro, Yen oder andere Währungen lautenden Zahlen, um zu notieren, dass Waren und Leistungen mit bestimmten Werten zwischen den Wirtschaftsteilnehmern hin und her gelaufen sind. Durch Saldierung wird festgestellt, wo für eine erhaltene Leistung noch der Ausgleich fehlt.

Das kann aber nur in dem Maße befriedigend funktionieren, in dem es gelingt, den Wert der Leistungen nach annähernd gleichen, korrekten und vor allem neutralen Maßstäben festzulegen.

Das ist in unserem Wirtschaftssystem nicht der Fall, im Gegenteil, unser Wirtschaftssystem setzt ein gegenteiliges Ziel. Es ist geradezu die Pflicht jedes Marktteilnehmers, den höchstmöglichen eigenen Gewinn anzustreben, was unter anderem auch heißt, dass stets versucht werden muss, den Wert der Leistungen zu manipulieren und zu verfälschen. Die eigene Leistung muß höher, die der übrigen Marktteilnehmer niedriger bewertet werden, als es bei korrekter und neutraler Bewertung der Fall wäre. Zudem ergibt sich die Notwendigkeit, Gesetze und Auflagen, die das Gewinnziel tangieren, nach sorgfältiger Risikoabwägung ebenso zu umgehen, wie jegliche Belastung durch Steuern und Abgaben.

Die Forderung nach Aufhebung des Kündigungsschutzes, nach dem Ende der Tarifautonomie, nach Deregulierung haben hier ihre Wurzeln, denn der rigorose, individuelle Egoismus ist der Kern der Marktwirtschaft.

Gewinner wird derjenige, der die Ausbeutung seiner Mitmenschen und der natürlichen Ressourcen so skrupellos und umfassend betreibt, wie kein anderer.

Ein Effekt aus dieser Geisteshaltung, aus dem Versuch, möglichst viele Marktteilnehmer nach Kräften um ihren Verdienst zu bringen und damit den eigenen Gewinn zu steigern, sind zunehmende Verwerfungen in der Struktur der Konten: Zwangsläufig geraten mit der Zeit immer mehr Marktteilnehmer in eine Verschuldungssituation, während eine kleine Zahl von Marktteilnehmern die wachsende Summe der Guthaben auf sich vereinigt.

Die Zahlen auf den Konten, haben aber deswegen immer noch keinerlei Wert. Man kann sie weder essen noch zur Beheizung einer Wohnung verbrennen.

Um den Nichtwert des Geldes klar zu erkennen, braucht man sich nur vorzustellen, zu einem bestimmten Stichtag würden alle Schuldner verhaftet und in den Hungerturm gesperrt.

Nach ein paar Wochen gäbe es - so oder so - keine Schuldner mehr. Doch das wäre nur eine Seite der zu erwartenden Veränderung. Die unausweichliche und fatale Folge des Aussterbens der Schuldner wäre der unmittelbar darauf folgende Zusammenbruch des Banken- und Geldsystems. Guthaben setzen das Vorhandensein von Schulden voraus. Außer einem zufälligen Endstand der Zahlen auf Kontoauszügen bliebe von den einstigen Guthaben nichts übrig.

Weder ein natürlicher Zins käme hilfreich daher, um die einsamen Habensalden weiter wachsen zu lassen, noch wäre das "echte" Notenbankgeld, das nach der Abschaffung von Schulden natürlich noch irgendwo herum liegt, auch nur annähernd in der Lage, die früheren Geldbesitzverhältnisse wieder herzustellen und den Zahlungsverkehr aufrecht zu erhalten.



Weil unsere Gesellschaft eine egoistische Gesellschaft ist, sammelt sich das Geld bevorzugt bei ihren egoistischsten Vertretern an.

Das wäre an und für sich nicht schlimm, gäbe es für die anderen eine Chance, diesen Verlust an Zahlungsmitteln zur Aufrechthaltung ihres Handels durch Ersatzbeschaffung auszugleichen. Aber genau diese Chance bietet unser Geldsystem nicht.

Unserer intelligente, leistungsfähige, kreative Gesellschaft hat die Fähigkeit, sobald nur genügend Geld bereitsteht, nahezu jeden bestehenden Mangel zu beseitigen. Aber sie scheint nicht in der Lage, den primär leistungsbeschränkenden Mangel an Geld zu beheben.

Lieber glauben wir in brünstiger Ergriffenheit an die Existenz eines natürlichen Zinses, als es für möglich zu halten, dass einfache Buchungen oder das Anwerfen der Druckmaschinen genügen würden, um Ersatz für das dem Markt entzogene Kapital herzustellen.

Lieber belohnen wir diejenigen, die sich mehr Geld verschafft haben, als sie verbrauchen können, durch immer weiter wachsende Zinszahlungen, als uns klar zu machen, auf welch schäbige Weise die Grundlage für die leistungsfreien Einkünfte der Zinsempfänger geschaffen wurde. Gewinner wird derjenige, der die Ausbeutung seiner Mitmenschen und der natürlichen Ressourcen so skrupellos und umfassend betreibt, wie kein anderer.

Bitte jetzt nicht voreilig die falschen Schlüsse ziehen und in das andere Extrem verfallen!

Es spricht nichts dagegen, Geld zu verdienen.
Es spricht auch nichts dageben, dass einzelne sehr viel mehr Geld, als andere verdienen.

Aber:

Geld, das sich aus sehr hohen Einkommen ansammelt und (vorsätzlich) nicht mehr benutzt wird, muss im Interesse der Gesamtwirtschaft ersetzt werden.

Wenn sich einzelne Mitglieder einer Gesellschaft durch ihre Praktiken des Wirtschaftens so große Vorteile verschaffen, dass dadurch bei vielen anderen Geldmangel entsteht, dann darf doch mit Fug und Recht von einer Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts gesprochen werden.

Staat und Notenbank sollten dann miteinander den Geldbedarf der Wirtschaft ermitteln und das fehlende Geld durch die Bereitstellung zusätzlichen Geldes ersetzen.

Es ist doch verrückt, dass sich Staat und Bürger das Geld heute ausgerechnet von denen leihen müssen, die es dem Markt aus egoistischen Motiven entzogen haben.

Es ist doch pervers, dass sich der Staat überhaupt Geld leihen muss. Ein Staat, der seiner Aufgabe gerecht werden will, muss Zahlungsmittel im erforderlichen Umfang herstellen und an den richtigen Stellen in den Kreislauf einspeisen, wenn er nicht in der Lage ist, ein Steuersystem zu installieren, das ihm ausreichende Einnahmen verschafft.

 

Es wäre z.B. durchaus zu rechtfertigen, die Unterstützung für Arbeitslose im Bedarfsfall für eine gewisse Zeit von der Zentralbank überweisen zu lassen, ohne dass dadurch auf irgend einem Konto eine Gegenbuchung vorgenommen werden müsste. Das ist in der Wirkung das Gleiche, wie Geld zu drucken und in Umlauf zu bringen, aber wer will heute so große Beträge noch in bar auszahlen?

Inflation stellt sich dabei übrigens nur ein, wenn gehortete Vermögen wieder aufgelöst werden. Dem kann aber durch eine verminderte Geldschöpfung der Notenbank begegnet werden und sollte das nicht ausreichen, könnte der Staat überflüssiges Geld bei Bedarf durch Steuern wieder abschöpfen. Wenn beide Optionen nur halbherzig genutzt werden, ist der Rest eben Inflation. Aber das ist eine Inflation, die sich alleine gegen ihre Verursacher wendet.

Deflation ist übrigens definitiv ausgeschlossen.

Notenbankgeld wäre - für jedermann erkennbar - nichts anderes, als jede andere Erscheinungsform des Geldes und der Mythos vom natürlichen Zins könnte sich, samt dem real existierenden, widernatürlichen Zins, endgültig von der Bildfläche verabschieden.

 

 

Die hier grob skizzierte Form bedarfsgerechter Geldversorgung ist ein zinsfreies Regelsystem mit hoher Geldwertstabilität. Sie erfüllt den gleichen Zweck, wie die von den Freiwirtschaftlern geforderten Umlaufsicherungsmaßnahmen, allerdings ohne dass deren Nachteile in der praktischen Umsetzung in Kauf genommen werden müssten.


a


* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg



Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
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