Vertiefender E-Mail-Wechsel
zum Tageskommentar
vom 6. Juli 2012

Bankenunion, Leitzinssenkung,
Ökonomenaufstand, Schäuble

 

 

 Sehr geehrter Herr Kreutzer,

seit einiger Zeit finde ich immer wieder kleine logische Ungereimtheiten bei Ihnen und diesmal steht es sogar ganz nahe zusammen. Heute auf Ihrer Homepage:

Ob die Bank diese Mittel verwendet, um Kredite auszureichen, oder ob sie es verwendet, um ihr eigenes Anlage und Spekulationsgeschäft zu betreiben, bleibt der Bank überlassen.
Sie ist lediglich verpflichtet, eine minimale Reserve von 2% der Einlagen vorzuhalten, und diese auch nur für Einlagen die kurzfristig (im Laufe von 2 Jahren) wieder fällig werden.

Im Kreditgeschäft vergeben Banken, vollkommen unabhängig von den vorhandenen Einlagen, Kredite. Geld braucht die Bank dafür nicht.
Geld braucht sie nur, wenn von den aus ihren Krediten entstandenen Kundenguthaben mehr in Richtung anderer Banken abfließt, als ihr im ganz normalen Überweisungsverkehr von anderen Instituten zufließt - und sie braucht auch nie alles, was abfließt, sondern immer nur den Saldo aus Zu- und Abflüssen.

Warum die Banken Einlagen annehmen, ist eine ziemlich harte Nuss. Mit "Finanzsphäre" haben Sie mich damals auf eine Spur gebracht. Heute nenne ich es Finanzkartell.

Entscheidende Voraussetzung ist dabei, dass die Zentralbank kein schuldloses Geld druckt, sondern nur eine repräsentative Funktion hat. In Deutschland ist das seit 1957 so. Nimmt man weiterhin an, das nach einer Übergangszeit Bargeld wirklich nur noch kurzfristig umgewandeltes Giralgeld ist, kommt man zu einer verblüffenden Bilanz:

Das Finanzkartell erzeugt mit der Kreditvergabe Giralgeld bei den Kreditnehmern und, über die Gebühren, auch über die zeitabhängigen Gebühren (Schuldzinsen), Giralgeld auf dem eigenen Konto. Wenn der Kreditvertrag durch Tilgung und Zahlung der Gebühren bedient wurde, dann ist diese Giralgeld wieder verschwunden. Bei einem Giralgeldsystem sind alle offenen Forderungen zwangsläufig gleich mit allen offen Einlagen!

Weiter von Ihrer Homepage:

Das Geschäft mit den Kundeneinlagen heißt für die Banken, dass sie mit allem Geld, das Kunden ihnen anvertrauen, tun und lassen können, was sie wollen, solange sie in der Lage sind, die vereinbarten Zinsen auszuzahlen (Zinsen gutschreiben geht immer ...) und das Geld am Ende der vereinbarten Laufzeit zurückzugeben.

Für das Finanzkartell gibt es kein Geschäft mit den "Kundeneinlagen" – Kundeneinlagen sind die Antimaterie. Das Finanzkartell kann wie ein Teilchenbeschleuniger immer nur Materie - Schulden schaffen und gleichzeitig die Antimaterie - Einlagen verbuchen. Mit der Tilgung löst sich alles wieder auf!

Warum zahlen die Banken Guthabenzinsen?
Die meisten Banken zahlen zur Zeit Guthabenzinsen unterhalb der Inflation die Kaufkraft der Guthaben sinkt.

Warum haben die Banken früher hohe Guthabenzinsen gezahlt?
Es gab die ernste Gefahr durch Konsum und Bargeld. Wenn die Menschen einfach konsumiert hätten, wären ja die Schulden getilgt worden. Wären Bargeldhorte attraktiv gewesen, dann hätte die Zentralbank wieder eine Machtposition.

Wie hält das Finanzkartell zusammen?
Gegenseitige Unternehmensanteile sind der Schlüssel. Der Interbankenkredit ist der tägliche Interessenausgleich bei den Zahlungsströmen, aber die Verbrüderung sind die gegenseitigen Aktienanteile. Alle Banken haben von anderen Banken Aktien und bekommen Dividenden, und zahlen selbst Dividenden. Eigentlich ein Nullsummenspiel aber im Sinne des Kartell der ungeschriebene Nichtangriffspakt. Die Tinte für den Nichtangriffspakt sind die Einlagen, denn jede Bank hat maximal nur Fremdbankenaktien in Höhe ihrer Einlagen. Will eine Bank da nicht mitmachen, dann kann das Kartell den Interbankenkredit teuer machen. Ich kann das nicht beweisen, da ich keine Aufstellung der Aktiendepots von Banken habe, aber gerade der Betrug mit dem Libor (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/manipulation-des-libor-kritik-an-britischer-finanzaufsicht-fsa-waechst-a-842893.html) zeigt doch nur die Spitze vom Eisberg. Normalerweise geht ein Bauernopfer und kein Spitzenmann, da passiert was. Das Kartell verändert sich.

Gute Nacht Ulf Erben

 Lieber Herr Erben,

gut aufgepasst.

Doch wenn Sie den Text ganz genau lesen, werden Sie feststellen, dass die Ungereimtheit sich in Wohlgefallen auflöst.

Ich komme gleich drauf.

Es gehört zu den Schwierigkeiten aller, die verständlich über Geld schreiben wollen, dass man nie weiß, wie weit die Leser, die man anspricht, schon in der Materie drin sind.

Natürlich hat es mich gejuckt, zu sagen, die Banken nehmen Einlagen hauptsächlich herein, um die Liquidität aus dem Markt abzuziehen, weil das die Grundlage für ihr Kreditgeschäft ist. Doch damit anzutreten ruft weit mehr und vor allem weniger qualifizierte Kritik hervor als die Ihre.

Also schreibe ich, es bleibt der Bank überlassen, was sie mit den Einlagen macht, und schreibe weiter, und komme damit dem Verständnis vieler Zeitgenossen entgegen: "Ob sie Kredite ausreicht oder damit spekuliert ..."

Und das ist ja nicht falsch.

Wir haben ein Kundenkonto - Girokonto - bei irgendeiner Bank.


Die Überweisung von diesem Kundenkonto auf ein Konto bei einer anderen Bank, löst eine Verschiebung in den Zentralbankkonten beider Banken aus, das ZB-Guthaben der empfangenden Bank wächst um diesen Betrag.

Damit steht dieser Betrag, diese Einlage, zur Verfügung, um z.B. das für die Barauszahlung eines Kredits erforderliche Bargeld von der ZB abzurufen, ohne sich bei der ZB verschulden zu müssen.

Hypothekenbanken, die sich durch eigene Pfandbriefe refinanzieren, betreiben dieses Geschäft recht intensiv.

Sie verkaufen Pfandbriefe, erhalten damit brieflich gesicherte Einlagen, Einlagen, die bei der Bank verbleiben, unabhängig davon, wer im Laufe der Zeit durch den Pfandbriefhandel der Eigentümer des Pfandbriefs wird.

Der Erlös aus der Pfandbriefemission wandert auf das ZB-Konto der emittierenden Bank. Damit können Überweisungen der Hypothekenschuldner dieser Bank an fremde Institute durch ZB-Geld hinterlegt werden.

Das kann die Bank so machen.

Sie muss aber nicht, je nach Geschäftsmodell und Zahlungsströmen, nach Risikobereitschaft und jeweiliger Konstitution der Finanzmärkte einschließlich ZB, kann sie auch sämtliche Einlagen spekulativ verjuxen.

Die Bereitschaft dazu ist seit Gründung der Bundesrepublik ganz erheblich gewachsen.
Heute gehört es zum "guten Ton" möglichst viel Eigenhandel zu betreiben und die eigenen Reserven so niedrig wie möglich zu dotieren.

Ihre Argumentation mit "offenen Einlagen" und "gegenseitigem Aktienbesitz" hat mich verwirrt.

Richtig ist, dass Geld, das zur Schuldentilgung verwendet wird, nicht mehr existent ist.
Richtig ist, dass zu diesem Zeitpunkt auch die getilgte Schuld nicht mehr existent ist.

Übrig bleibt zunächst einmal eine Schuld in Höhe der geforderten Zinsen, der nach Tilgung der ursprünglichen Schuld kein "Geld" mehr gegenübersteht. Dieses Geld kann nur durch eine neuerliche Kreditaufnahme verfügbar gemacht werden.

So kommt es, dass Schulden und Guthaben (Einlagen) zwar stets gleich sind, während die Liquidität (Giral- und "Giral-"Bargeld) immer weiter unter die Summe der Guthaben (Einlagen) sinkt.

Jede Bank kann Fremdbankenaktien in jeder beliebigen Höhe, unabhängig von der Höhe der
Einlagen halten.

Das beginnt mit dem Kurswert dieser Aktien.
Steigt er, steigt der Wert der Aktiva dieser Bank, was zu einem Gewinn führt, der, sofern er nicht ausgeschüttet wird, das Eigenkapital erhöht.

Ich unterscheide dabei zwischen Einlagen und Eigenkapital, weil das aus Sicht der einzelnen Bank so korrekt ist.

Keine Bank muss aber Aktien einer anderen halten - und da gibt es ja auch noch die Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die wiederum gar keine Aktien emittieren.

Aus Sicht der gesamten Finanzsphäre (Banken, Finanzdienstleiser, Großanleger) nähern sich die Begrifflichkeiten Einlage und Eigenkapital aufgrund der vielfachen Verflechtungen zwar einander an, kommen aber deswegen noch nicht zur Deckung.

Da bleibt immer noch das übrig, was jeweils auf den Konten der Normalbürger, der nicht der Finanzsphäre zuzurechnenden Wirtschaft und des Staates als Guthaben vorzufinden ist.

Dies alles stellt für die Banken ebenfalls eine Einlage dar, also eine Schuld der "Finanzsphäre" die eindeutig Fremdkapital ist.
Dass dieser im Finanzsystem wieder Forderungen an Kreditnehmer gegenüberstehen, darf hier nicht saldiert werden.

Diese Forderungen können sich nämlich als uneinbringlich erweisen, was zurzeit in ganz großem Maße der Fall ist.

Und da kann das Finanzsystem nicht einfache eine Gegenbuchung zu Lasten, der Einlagen durchführen. Es muss einen Verlust - und damit die Minderung des Eigenkapitals hinnehmen.

Die ganze Banken-, Euro- und Staatenrettung zielt darauf ab, genau diesen Verlust auszugleichen, indem schlechte Schulden durch gute, schlechte Schuldner durch noch gute Schuldner ausgetauscht werden.


Zwangsweise.

Und dieser Zwang wird von den Parlamenten und Regierungen und den nicht
demokratisch legitimierten Kommissaren und bald vom Direktorium
einer dubiosen Einrichtung namens ESM ausgeübt.



Mit besten Grüßen
Egon W. Kreutzer

 

zurück