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47 Fragen an Helmut Creutz, 47 Antworten von Helmut Creutz,
kritisch betrachtet und analysiert von Egon W. Kreutzer

 

Frage 10

Mit der zehnten Frage versucht Creutz nachzuweisen, dass bestehende Schulden keinen relevanten Einfluss auf die aktuellen Vorgänge der Geldbeschaffung ausüben.

Die Frage, die er sich stellen lässt, lautet:

Erläutern Sie bitte angesichts der Größenverhältnisse zwischen in Umlauf gegebenem Bargeld (270 Mrd DM in 2000) und Kreditpotential der Banken (9.200 Mrd DM in 2000), wie die Rückführung von rund 1/3 des dem Umlauf entzogenen Bargeldes über eine Geldumlaufgebühr zu einer nennenswerten Absenkung des Marktzinsniveaus führen soll.

Die Antwort Creutz's sieht so aus:

Die Umlaufsicherungsgebühr führt zu verstärkten Einzahlungen bei den Banken und damit zu einer Vergrößerung des Geldangebotes. Damit verschiebt sich das aktuelle Kräfteverhältnis zur Kreditnachfrage mit der Folge sinkender Zinsen. Die bereits bestehenden Guthaben und Kredite und deren Konditionen spielen bei diesen sich täglich neu bildenden Zinsübereinkünften keine Rolle. Das heißt, die niedrigeren Zinsen, die sich durch die Umlaufsicherung ergeben, wirken sich nur auf die neuen Kreditabschlüsse aus, auf die bestehenden nur nach Auslaufen der jeweiligen Vertragszeiträume.


Der Erklärungsversuch fußt jedoch auf einem Irrtum.

Der Irrtum besteht darin, zu glauben, das Kreditgeschäft der Banken bestünde darin, Geld, das von Sparern zur Bank getragen wurde, an Schuldner zu verleihen.

Allerdings ist dies ein weit verbreiteter und von den Banken nicht ungern gesehener Irrtum.

In Wahrheit trennen die Banken fein säuberlich zwischen zwei originären Geschäftsbereichen.

Da ist auf der einen Seite das Kreditgeschäft.

Wer will, und über entsprechende Bonität verfügt, erhält von der Bank "gleichzeitig" a) Geld und b) eine Schuld in die Bücher geschrieben. Diesen Service, die Bereitstellung von Geld, das es vorher nicht gab, lässt sich die Bank durch Zinsen und Gebühren reichlich honorieren. Schafft es der Schuldner, den Kredit zu tilgen, sind sowohl die Schuld, wie auch das Geld wieder verschwunden.

Auf der anderen Seite steht das Anlagegeschäft.

Kunden, die über Geld verfügen, für das sie keine akute Verwendung haben, bringen dieses Geld zur Bank. Die Bank verspricht, das Geld nach einer vereinbarten Frist - zuzüglich Zinsen - wieder zurückzuzahlen.
Dieses Geld ist zunächst stillgelegt, und bleibt es so lange, bis die Bank eine Verwendung dafür hat.

In aller Regel setzt die Bank dieses Geld zu mehr oder minder spekulativen Zwecken an den Finanzmärkten ein und erwirtschaftet damit Gewinne, aus denen auch der mit dem Anleger vereinbarte Zins genommen wird. Der spekulative An- und Verkauf von Wertpapieren und Derivaten ist jedoch - von Neu-Emissionen abgesehen - nicht Kreditvergabe, sondern pure Spekulation, also Glücksspiel. Kein Unternehmer hat etwas davon, wenn eine Bank seine Aktie kauft und wieder verkauft. Auch der Staat hat nichts davon, wenn seine Schuldverschreibungen unter Banken gehandelt werden.

Einen verschwindend kleinen Teil der Einlagen verwendet die Bank zur Dotierung der Mindestreserven. Für alle kurzfristig fälligen Guthaben (Laufzeiten bis 2 Jahre) muss die Bank einen Anteil von 2 Prozent als verzinsliche Mindestreserve bei der Zentralbank halten.

Diese mindestreservepflichtigen, kurzfristig fälligen Guthaben entstehen jedoch zu einem großen Teil durch die frisch ausgereichten Kredite!

Das durch neue Kredite von den Banken geschaffene Geld taucht ja stets zunächst auf Girokonten auf und wird in aller Regel von Girokonto zu Girokonto so lange überwiesen, bis es einer Tilgung zum Opfer fällt. Nicht täglich, aber immer noch kurzfristig benötigte Gelder werden von Girokonten häufig auf Tagesgeldkonten überführt und - mit täglicher Fälligkeit - wieder zurück transferiert.

Das Instrument der Mindestreserve könnte also, wäre der vorgeschriebene Satz derzeit nicht so lächerlich niedrig, durchaus genutzt werden, die Kreditvergabe einzudämmen. Für eine normale Bank spielt der Mindestreservesatz von 2 Prozent heute aber nur eine geringe Rolle. Er bindet einen kleinen Teil der Einlagen, die deshalb nicht für spekulative Geschäfte der Bank eingesezt werden können.

Aber die Kreditspielräume sind bei weitem nicht ausgereizt. Zusätzliche Einzahlungen von Anlegern haben auf die Kreditvergabe praktisch keine Bedeutung.

Daher geht Creutz's vorstehende Argumentation vollkommen ins Leere.

Im Gegenteil:

Geld, das von Anlegern zur Bank gebracht wird, mindert die in der Realwirtschaft umlaufende Geldmenge, es erhöht sie nicht! Erst wenn sich an den Finanzmärkten keine lukrativeren Anlagemöglichkeiten mehr finden lassen, können wachsende Einlagen zu sinkenden Zinsen führen. Das liegt jedoch außerhalb des Einflussbereiches einer wie auch immer gearteten Umlaufsicherungsgebühr.

Zudem muss bedacht werden, dass die bestehenden Alt-Schulden, egal zu welchem Zinssatz sie aufgenommen wurden, beständig Geld erfordern, das für Tilgung und Zinszahlungen benötigt wird. Ganz selbstverständlich ist dieser Geldbedarf um so größer, je höher die Gesamtverschuldung aus der Vergangenheit ist. Es besteht also durchaus ein ganz erheblicher Einfluss der Altschulden auf die Konditionen der Neuverschuldung. Je höher die Altschulden und der zu ihrer Bedienung laufend erforderliche Geldbedarf, desto höher ist automatisch das Risiko der Neuverschuldung, desto geringer die Bonität der Schuldner.

Das ist das Dilemma!

Die Bedienung der Altschulden erfordert Geld, das durch Neuverschuldung hergestellt werden müsste. Die Banken verweigern jedoch wegen der Höhe der vorhandenen Gesamtschulden zunehmend neue Kredite, weil auch für sie absehbar ist, dass die Bedienung der Schulden immer schwieriger wird.




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