Bitte unbedingt zuerst den Text oben lesen! Danke.

und außerdem: Ein herzliches Willkommen an die anonymen Diskutanten "Exxtreme", "Beobachter", "sammelleidenschaft" und "Tommy (proFW)" aus dem Systemfehler-Forum, die sich wieder einmal hoffnungslos in einem Detail eines Beispiels verbisssen haben...

Damit sie beim nächsten Besuch auf dieser Seite erkennen können, worum es geht, habe ich ein paar Zeilen blau eingefärbt.


47 Fragen an Helmut Creutz, 47 Antworten von Helmut Creutz,
kritisch betrachtet und analysiert von Egon W. Kreutzer

 

Frage 1

Mit der ersten Frage versucht Helmut Creutz den Beweis anzutreten, dass nicht der Konflikt zwischen Lohnarbeit und Kapital, wie ihn Karl Marx beschrieben hat, die Hauptursache für die ungleichmäßige Verteilung der Vermögen sei, sondern die fehlende Stetigkeit des Geldumlaufes.

Die Frage, die er sich dazu stellen lässt, lautet:

Karl Marx hat einen elementaren Grundkonflikt zwischen Lohnarbeit und Kapital aufgezeigt. In Folge dessen würde es unaufhörlich zur Kapitalakkumulation - vor allem auch durch Konkurrenzdruck - mit Folge von Arbeitslosigkeit, Rationalisierung usw. kommen. Auch nach einer mir durchaus sinnvoll erscheinenden Geld- und Bodenreform wäre doch dieser originäre Konflikt nicht gelöst, sondern höchstens abgeschwächt?

Als Antwort formuliert Creutz folgende Erklärung:

Marx hat die problematischen Entwicklungen im Produktionsbereich richtig beschrieben, aber nicht genügend beachtet, welche Rolle die Vorgänge im Zirkulationsbereich dabei spielen. Dies gilt speziell für die dort ablaufenden und heute ständig zunehmenden zinsbedingten Umschichtungen von der Arbeit zum Geldkapital. Mit der Einführung einer Umlaufsicherung würden sich - als Folge des ungestörten Geldangebots und der damit sinkenden Zinssätze und Zinsbelastungen - diese Umschichtungen im Gleichschritt mit den Sättigungsprozessen ebenso abbauen, wie das bei den Knappheitsgewinnen im Unternehmensbereich der Fall ist. Rationalisierungen und Produktivitätssteigerungen würden zwar auch dann zu einem Rückgang der notwendigen menschlichen Arbeitsleistungen führen, diese könnten aber, ohne soziale oder ökonomische Spannungen, in kürzere Arbeitszeiten bzw. mehr Freizeit umgesetzt werden. Denn bei niedriger oder gar entfallender Kapitalverzinsung kommen Produktivitätssteigerungen zwangsläufig den Arbeitleistenden zu Gute.

 

Diese erste Antwort lohnt näherer Betrachtung.

Creutz behauptet, mit der Einführung einer Umlaufsicherung würden sich "die Umschichtungen im Gleichschritt mit den Sättigungsprozessen" abbauen. Diese These, die der zentralen Marx'schen Idee von der Aneignung des "Mehrwerts" durch das Kapital einzig die Creutz'sche Idee von der Aneignung des Zinses durch das Kapital entgegenstellt, wird nur in wenigen Andeutungen begründet, die es zu analysieren und verifizieren gilt.

Zunächst wird klar:

Die vorhandenen Ungerechtigkeiten in der Entlohnung (das Mehrwert-Problem) können auch von Helmut Creutz nicht einfach wegdefiniert werden. Folglich müsste diese Problematik (wenn er denn Recht haben sollte) durch eine Umlaufsicherung des Geldes ebenso vollständig gelöst werden, wie das Zinsproblem.

Da Creutz bei dieser ersten Frage nicht im Detail auf die von ihm favorisierte Ausprägung einer Umlaufsicherung eingeht, bietet sich an dieser Stelle die Möglichkeit, die vollkommene Wirkungslosigkeit jeder Art von Umlaufsicherung auf die "Vereinbarung gerechter Löhne" zu demonstrieren.

Unterstellen wir einen Markt, auf dem eine (fixe) Geldmenge X existiert, die zu Beginn der Betrachtung einigermaßen gleichmäßig auf die Marktteilnehmer verteilt ist. Die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel liegt bei 10 Prozent der Marktteilnehmer.

Diesen 10 Prozent steht es frei, die Preise für die von ihnen angebotenen Produkte/Leistungen frei zu bestimmen. Creutz geht offenbar davon aus, dass eine umlaufgesicherte Währung dazu führen wird, dass für alle Unternehmen die folgende Regel gilt:

Die Summe aus eingekauften Vorleistungen (Material, Waren, Investitionen, Energie, Kommunikation, Versicherung etc), gezahlten Löhnen, einbehaltenen und abgeführten Steuern und Versicherungsbeiträgen, sowie den Konsumausgaben der Eigentümer ist gleich der Summe der Umsatzerlöse des Unternehmens.

Folglich wird, in der gesamtwirtschaftlichen Betrachtung, von jedem Unternehmen/Unternehmer alles eingenommene Geld wieder ausgegeben, während alle Beschäftigten, der Staat, die Sozialkassen (und die Gläubiger ebenfalls) so agieren, dass alle ihnen zufließenden Einnahmen wieder vollständig über Einkäufe oder Darlehen an die am Markt befindlichen Unternehmen zurückfließen, usw. usw. usw. ...

Eine wunderschöne Annahme, mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass sie in keiner Weise dem Verhalten realer Marktteilnehmer und den realistischen Möglichkeiten zur Gestaltung einer Marktwirtschaft entspricht.

Ein einfaches Beispiel zeigt, was stattdessen in der Realität geschehen wird:

Unter den Eigentümern der Produktionsmittel befindet sich ein einziger Hersteller von Schuhen, der den gesamten Markt mit seinen Produkten bedient. Damenschuhe, Herrenschuhe, Kinderschuhe, Hausschuhe, Sportschuhe und sogar orthopädische Spezialschuhe, alles das kommt aus dem Hause "Schuh-Maier". Ein Monopolist bedient einen Teilmarkt. So etwas kommt in der Realität durchaus vor.

Der Monopolist ist sich dieser Position bewusst und nutzt sie aus. Statt sich mit einer umlaufsicherungskonformen Gewinnmarge zufrieden zu geben, also nicht mehr an Gewinn einzunehmen, als er auch für Konsum und Investitionen wieder ausgeben will, bildet er seine Preise so, dass ihm von jedem Schuhverkauf 60 Prozent des Umsatzes als Gewinn zur zunächst zweckfreien Anlage verbleiben. Außerdem gestaltet er die Qualität der Schuhe so, dass kein Paar länger als eine Saison, maximal aber 12 Monate getragen werden kann.

Wenn auch der Schuhmarkt nur 0,5 Prozent des Gesamtmarktes ausmacht, wird es dem Eigentümer von Schuh-Maier gelingen, im Laufe eines Jahres 0,3 Prozent der gesamten Geldmenge (falls Geldmenge und jährliches Transaktionsvolumen übereinstimmen, liegt die Geldmenge unterhalb des jährlichen Transaktionsvolumens natürlich einen noch viel höheren Anteil!) als Gewinn einzufahren. Selbst wenn darauf eine Umlaufsicherungsgebühr von 20 Prozent fällig würde, könnte er mit dieser Preispolitik ein erstaunliches Wachstum seines Geldvermögens erreichen.

Er braucht dazu nur die Umlaufsicherungsgebühr als Kostenfaktor (kalkulatorische Kosten) in seine Kalkulation einzusetzen. Schließlich muss der Unternehmer im Preis alle Kosten, Steuern und sonstigen Belastungen auf den Kunden überwälzen, folglich auch die zu erwartenden Belastungen aus einer Umlaufsicherungsgebühr - und das kann er ganz selbstverständlich auch dann, wenn das Finanzamt diese Kosten - zur Stützung der Umlaufsicherungsidee - nicht als betrieblichen Aufwand anerkennen würde.

Während sich so auf der einen Seite ganz allmählich und trotz Umlaufsicherung ein Vermögen anhäuft (wir unterstellen, ganz im Sinne von Helmut Creutz, dass das Geld von Schuh-Maier in einer Kiste im Keller liegt), stellt sich unter den übrigen Marktteilnehmern ein gewisser Geldmangel ein.

Dieser Geldmangel führt nun nicht etwa dazu, dass der Umsatz des Verursachers sinkt, weil weniger Schuhe gekauft werden, sondern dazu, dass der Umsatz an Schnitt- und Topfblumen, Geschenkpapier und Glückwunschkarten zurückgeht. Daran kann man schließlich leichter sparen, als am Schuhwerk.

Die Folge: Einer der drei Hersteller solcher Artikel muss sein Geschäft aufgeben, seine Mitarbeiter werden arbeitslos. Die Geldmenge stimmt vorübergehend wieder mit dem Transaktionsvolumen überein, weil kaufkräftige Nachfrage in dem Maße vom Markt verschwunden ist, wie Geld bei Schuh-Maier in die Kiste im Keller wanderte.

Bei unveränderter Geschäftspolitik und einer Umlaufsicherungsgebühr von 20 Prozent p.a. auf Geldbestände hat Schuh-Maier nach einem Jahr 0,24 Prozent der gesamten Geldmenge in seiner Kiste, nach zwei Jahren gehören ihm 0,43 Prozent der gesamten Geldmenge, nach drei Jahren sind es 0,59 Prozent der gesamten Geldmenge, nach vier Jahren 0,71 Prozent, nach fünf Jahren 0,81 Prozent, nach sechs Jahren 0,89 Prozent. Das Wachstum des gehorteten Geldes ist jedoch endlich. Wenn sich an den Rahmenbedinungen nichts ändert, die Kalkulation beibehalten und auch kein Geld gegen Zinsen verliehen wird , ist nach rund 40 Jahren das Maximum, in diesem Fall 1,5 Prozent der Geldmenge als private Geldhaltung erreicht. Diese Wachstumsgrenze ist eine tatsächlich eintretende Wirkung der Umlaufsicherungsgebühr.

Handelt es sich beim diesem durch die Umlaufsicherung anscheinend erreichten Endpunkt der Vermögensmehrung vielleicht um den von Creutz erhofften Wegfall des Anreizes durch die Kapitalverzinsung?
Ganz gewiss nicht!

Das Szenario betrachtet doch lediglich das Verhalten eines einzigen Marktteilnehmers. Es braucht weniger als 100 hartnäckiger Horter mit Ressourcen, die denen von Schuh-Maier ähnlich sind, um - trotz Umlaufsicherung - regelmäßig das gesamte umlaufende Geld in ihre Verfügungsgewalt zu bekommen.
Der Crash eines so konstruierten Systems ist vorprogrammiert. Umlaufsicherung wird Hortung nicht verhindern können.

Umlaufsicherung erzwingt auch nicht die Annäherung an den "optimalen Markt". Monopole, Oligopole und Kartelle, Patente und Urheberrechte werden von der Umlaufsicherung nicht berührt. Die zum Funktionieren eines optimalen Marktes erforderliche Transparenz wird durch Umlaufsicherung nicht begünstigt.


Trotz Umlaufsicherung mehrt sich das Vermögen von Schuh-Maier, ganz im Sinne der Marx'schen Aussagen zum Mehrwert - ohne dass, wie von Creutz vorhergesagt, auf dem Markt eine Senkung der durchschnittlichen Zinssätze zu erwarten wäre!

Die schwindende Geldmenge verteuert die Zinsen stattdessen.

Nun höre ich Herrn Creutz argumentieren, es würde sich in diesem Markt doch sicherlich jemand finden, der es wagt, ein Konkurrenzunternehmen zu Schuh-Maier zu gründen. Nun, jemand der es wagt, der fände sich schon, doch in der umlaufgesicherten Finanzwelt hat niemand das Geld, um die notwendigen Investitionen bezahlen zu können. Und wer sollte ihm das Geld leihen? Ausgerechnet Schuh-Maier? Schuh-Maier würde eher die beiden verbliebenen Geschenkpapier- und Grußkartenhersteller aufkaufen, als sein Kapital zur Gründung eines Konkurrenzunternehmens zur Verfügung zu stellen. Damit käme zwar zunächst wieder Geld in den Markt (zumindest theoretisch!), doch "Schuh-und-Präsent-Maier" hätte sein Monopol ausgeweitet und wäre in der Lage, sein Vermögen noch schneller und weiter zu steigern.

Die "fixe" Geldmenge, die zum Kern der Creutz'schen Argumentation gehört, verhindert die Gründung eines Konkurrenzunternehmens noch zuverlässiger, als es im real existierenden Kreditgeldsystem von den Banken zum Schutz eines wichtigen Großkunden verhindert werden könnte. Außerdem - Geldsystem hin, Geldsystem her - die Gründung eines Konkurrenzunternehmens gegen einen Monopolisten ist eine riskante Angelegenheit. Die Zinsen für den dafür erforderlichen Kredit sind grundsätzlich hoch, nicht niedrig, selbstverständlich auch im Einflussbereich einer umlaufgesicherten Währung. Schuh-Maier, der längst keine Zinsen mehr zahlen muss, hat damit einen erheblichen Wettbewerbsvorteil, er kann den Konkurrenten problemlos am ausgestreckten Arm verhungern lassen.

Marx behält letztlich eben doch recht.

Weil es jedem Unternehmer möglich ist, eine Umlaufsicherungsgebühr als Kostenbestandteil zu kalkulieren, können die Gewinne (und damit die Vermögen) auch mit Umlaufsicherungsgebühr genau so weiter wachsen, wie ohne. Auch unter einem Umlaufsicherungs-Szenario werden große, kapitalstarke Unternehmen mit relativ hohen Marktanteilen überhöhte Preise leicht durchsetzen, ohne den "Mehrwert" gerecht zu verteilen, während kleinere Unternehmen und die Beschäftigten - nicht anders als heute - trotz stetigerer Weitergabe der Zahlungsmittel unter einem sich verstärkenden Geldmangel leiden.

Die so ausgelöste Deflation führt, vollkommen unabhängig von Umlaufsicherungsgebühren, dazu, dass die Kaufkraft des umlaufenden Geldes stetig wächst.

Wenn also z.B. 10 Prozent der Geldmenge gehortet sind, muss die Kaufkraft der im Umlauf verbliebenen 90 Prozent mit der Zeit um 11 Prozent steigen, wenn bei unverändertem Angebot weiterhin Markträumung erfolgen soll. Sind 20 Prozent gehortet, steigt die Kaufkraft der restlichen 80 Prozent um 25 Prozent, sind 30 Prozent gehortet, wird die Kaufkraft der verbliebenen 70 Prozent irgendwann um 42,9 Prozent gestiegen sein.

Aber nicht nur die Kaufkraft der umlaufenden Geldmenge wächst, auch die Kaufkraft der gehorteten Geldmenge steigt im gleichen Maße und kann in weiten Teilen problemlos eingesetzt werden, weil die Preise viel zu träge reagieren, um im Augenblick des Umsatzes den durch das Geldmengenwachstum ausgelösten Kaufkraftverlust bereits zu realisieren. So ist es also auch mit Umlaufsicherung möglich, Geld zu horten, um Deflation zu erzwingen und dann Teile des gehorteten Geldes für den preiswerten Erwerb von Sachwerten einzusetzen, also Rohstoffe und Waren, vor allem aber auch Immobilien einzukaufen, aus deren Verwertung (Veredelung, Handel, Vermietung/Verpachtung) sich wiederum Gewinne erzielen lassen.

Fazit

Die Umlaufsicherung hat auf das Verhalten des Kapitals lediglich einen formalen, (kalkulations-)technischen, aber keinen substantiellen Einfluss. Die - in allen Umlaufsicherungsszenarien (zwangslogisch) relativ fixe - Geldmenge begünstigt Deflationsspekulationen sogar mehr, als die theoretisch unbegrenzt ausweitbare Menge des real existierenden Kreditgeldes.



Aber im Systemfehlerforum geilt man sich daran auf, dass es ein Schuhmonopol doch ganz sicher und ganz bestimmt niemals geben wird, und falls doch, dann nicht für lange.

Was, wenn ich das Stromerzeuger Oligopol im Beispiel benutzt hätte, ...?



Mehr in Kürze bei der Behandlung von Frage 2