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 Gastbeitrag  
 




Freimut Kahrs

Autor des kritischen Sachbuchs
"Lebenslüge Freiheit"
ISBN 978-3-938175-44-6 EWK-Verlag, Kühbach 2008

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Freimut Kahrs geht mit seinen Ausführungen ein gutes Stück über die Kritik an der aktuellen Krise und deren Verursacher hinaus. Er setzt direkt bei den Wirtschaftswissenschaften an, denen es weder gelungen ist, Modelle zu entwickeln, die über die beiden, erkennbar untauglichen Modelle "Liberalismus" und "Marxismus" hinausreichen, noch aus dem Versagen dieser Modelle die notwendigen Erkenntnisse zu extrahieren, die als Basis für neue, zuverlässige Regeln des Wirtschaftens dienen könnten.

Hier sein aktueller Gastbeitrag für www.egon-w-kreutzer.de

Wirtschaftstheorie
in der Krise

Mit den fallenden Aktienkursen sollte eigentlich auch das Selbstbewusstsein der führenden Ökonomen immer neue Tiefstände erreichen. Jean-Philippe Bouchaud, ein französischer Wirtschaftswissenschaftler, brachte das Problem in der Zeitschrift Nature (Bd. 455 S. 1181) so auf den Punkt:

"Im Vergleich zur Physik kann man durchaus sagen,
dass die quantitativen Ergebnisse der Wirtschaftswissenschaften enttäuschend sind."

Raketen fliegen zum Mond, aus Atomen kann man Energie gewinnen und die Satelliten des GPS-Systems weisen Millionen Menschen den Weg. Im Gegensatz dazu erscheinen die Konjunkturprognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute und die Kursziele der Investmentbanken als realitätsfremde Kaffeesatzleserei. Diese enttäuschenden Ergebnisse beruhen auf einer Fehlkonstruktion des gegenwärtigen Wirtschaftsmodells, das den Wirtschaftsteilnehmern zu viele Freiheiten gewährt.


Zu viele Freiheiten


Nur zwei einfache Beispiele:

  • Wir betrachten es als Selbstverständlichkeit, jederzeit über den Kauf oder Nichtkauf eines beliebigen Gutes entscheiden zu können, und übersehen dabei, dass der Hersteller dieses Gutes durch unsere Entscheidungsfreiheit möglicherweise in die Insolvenz getrieben wird.
  • Wir genießen das Recht, jederzeit den Arbeitsplatz wechseln zu dürfen, und müssen letztendlich feststellen, dass nicht genügend Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, um jedem arbeitslosen Bewerber eine Erwerbsarbeit zu ermöglichen.

Seit rund 30 Jahren predigen Ökonomen, der Königsweg zum wirtschaftlichen Wachstum führe über mehr Deregulierung und mehr Flexibilisierung zu wirtschaftlichem Wachstum. Seit rund 30 Jahren übersehen sie dabei die Gefahren dieser hemmungslosen Deregulierung.

Analogie Straßenverkehr

Überträgt man diese Deregulierungswut auf den Straßenverkehr, so wird der Irrsinn grenzenloser Freiheiten für alle Verkehrsteilnehmer unmittelbar erkennbar. Sowohl das Verhalten im Straßenverkehr, wie auch Abmessungen, Ausrüstung und Sicherheitsstandards der Fahrzeuge sind weitgehend vorgeschrieben. Doch selbst die verbliebenen kleinen Freiräume reichen aus, um unerfahrenen Fahrern die Gelegenheit zu geben, die Grenzen ihrer Fahrfertigkeiten und zugleich die Grenzen der Fahrphysik auszuloten.

Zahlreiche Manager verhalten sich in der Wirtschaftskrise wie leichtsinnige Autofahrer bei Nebel und Glatteis: Sie versuchen rücksichtslos, allen erkennbaren Gefahren zum Trotz, den Aktienkurs ihres Unternehmens zu steigern und versäumen es, ihre "Fahrweise" den "Straßenverhältnissen" anzupassen. Sie geben Gas, statt zu bremsen, und sind überrascht, wenn sie mit hoher Geschwindigkeit aus der Kurve fliegen.

 

Gesellschaft und Gesetze

Auf fast allen Feldern des gesellschaftlichen Zusammenlebens hat die Politik per Gesetzgebung Grenzen gesetzt und Bremsen eingebaut. Viele Gesetze sind zwar unbeliebt, dennoch sind sie ebenso notwendig und für das störungsfreie Miteinander ebenso beachtenswert wie Verkehrsampeln. Auch für die Wirtschaft wurden einige sichtbare und unsichtbare Bremsen gesetzlich vorgeschrieben. Bilanzierungsvorschriften, geldpolitische Instrumente wie Leitzins und Mindestreservesatz, Rückstellungen zur Risikovorsorge, um nur einige zu nennen, sollen übermäßiges Wachstum verhindern. Leider sind diese Bremsinstrumente zu schwach, um dem Gasfuß profitgieriger Spekulanten und Glücksritter ausreichende Bremskräfte entgegenzustellen.

Seit uralten Zeiten suchen Politiker und Wissenschaftler nach Möglichkeiten, um die Konjunktur zu steuern und das Wirtschaftswachstum zu steigern. In meinem jüngst im EWK-Verlag erschienen Buch "Lebenslüge Freiheit" beschreibe ich unter anderem ein Steuerungsmodell, mit dem die optimale Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts einer Volkswirtschaft zielgenau erreicht werden kann (ab Seite 160).

 

Das Scheitern der Wirtschaftswissenschaften

Die Technik hat es mittlerweile geschafft, die Naturkräfte zielgenau zu steuern, während die auf der menschlichen Entscheidungsfreiheit aufgebauten Gesellschaftswissenschaften immer noch Rätsel aufgeben. Wenn die mächtigsten Führer der Welt sich in Davos versammeln, um andere Persönlichkeiten zu treffen, die genauso ratlos sind, dann fragt sich der gewöhnliche Zuschauer:

"Sind die mächtigsten Führer der Welt einfach nur dumm?"

Die Vorstellung, dass der stolze, raketenbauende Mensch seine selbstgeschaffenen Institutionen nicht überblickt, erscheint uns unvorstellbar. Gleichwohl erlauben wir uns den Luxus einer Wirtschaftstheorie, die in all ihrer Hilflosigkeit eher dazu beiträgt, wirtschaftliche Zusammenhänge aus dem menschlichen Bewusstsein zu verdrängen, als sie aufzuklären.


Vernachlässigte Faktoren

Überlegt man, was unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhält, findet man bald heraus, dass es sich dabei im Wesentlichen um unsichtbare immaterielle Einflussgrößen handelt. Wissen, Vertrauen, Schuld und Macht sind die ausschlaggebenden Faktoren, die jedoch aufgrund unzureichender Mess- und Beschreibungssysteme in der öffentlichen Debatte gerne ausgeblendet werden.

Die Folge ist ein Menschenbild, das vom tiefen Glauben an eine Gesellschaft von ausnahmslos klugen, gerechten, tapferen und unbeirrbaren Individuen geprägt ist.

Von daher widerstrebt uns die Vorstellung, diese scheinbar perfekten Wesen durch Regeln in ihrer Entscheidungsfreiheit einengen zu wollen.

Das menschliche Gehirn sehnt sich andererseits nach eindeutigen Regeln, um die Komplexität eines modernen Gesellschaftssystems auf ein nachvollziehbares Maß zu reduzieren. Deshalb hat der Mensch im Laufe der Geschichte immer wieder neue Institutionen und Regeln erfunden und weiterentwickelt. Banken wurden zum Beispiel geschaffen, um das Risiko privater Kreditverträge zu begrenzen. Ursprünglich als Instrument zur Risikovermeidung geplant, entwickeln sich die Banken aufgrund ihres immer komplexer erscheinenden Derivatehandels mittlerweile selbst zum Bedrohungsfaktor der wirtschaftlichen Stabilität.

Wird es nicht allmählich Zeit, neue Institutionen und Regeln zu entwickeln?

Solange die Wirtschaftswissenschaft sich damit begnügt, dem eigennützigen Handeln einzelner Wirtschaftsteilnehmer hinterherzulaufen, wird sie die Gestaltungsfähigkeit der Ingenieure und Techniker nicht erreichen.

Die Aufgabe der Wirtschaftswissenschaft sollte es sein, Regeln zu entwerfen, um die komplexen Risiken der modernen Gesellschaft auf ein berechenbares Maß zu reduzieren und den Wirtschaftsteilnehmern somit eine verlässliche langfristige Planung zu ermöglichen.

Die Ideen dazu sind vorhanden.

 

Freimut Kahrs
im Februar 2009


 

 

 

 

Wirtschaftstheorie
in der Krise

 

 

Mit den fallenden Aktienkursen sollte eigentlich auch das Selbstbewusstsein der führenden Ökonomen immer neue Tiefstände erreichen. Jean-Philippe Bouchaud, ein französischer Wirtschaftswissenschaftler, brachte das Problem in der Zeitschrift Nature (Bd. 455 S. 1181) so auf den Punkt:

"Im Vergleich zur Physik kann man durchaus
sagen, dass die quantitativen Ergebnisse der Wirtschaftswissenschaften enttäuschend sind."

Raketen fliegen zum Mond, aus Atomen kann man Energie gewinnen und die Satelliten des GPS-Systems weisen Millionen Menschen den Weg. Im Gegensatz dazu erscheinen die Konjunkturprognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute und die Kursziele der Investmentbanken als realitätsfremde Kaffeesatzleserei.

Diese enttäuschenden Ergebnisse beruhen auf einer Fehlkonstruktion des gegenwärtigen Wirtschaftsmodells, das den Wirtschaftsteilnehmern zu viele Freiheiten gewährt.
Wir betrachten es als Selbstverständlichkeit, jederzeit über den Kauf oder Nichtkauf eines beliebigen Gutes entscheiden zu können, und übersehen dabei, dass der Hersteller dieses Gutes durch unsere Entscheidungsfreiheit möglicherweise in die Insolvenz getrieben wird.
Wir genießen das Recht, jederzeit den Arbeitsplatz wechseln zu dürfen, und müssen letztendlich feststellen, dass nicht genügend Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, um jedem arbeitslosen Bewerber eine Erwerbsarbeit zu ermöglichen.

Seit rund 30 Jahren predigen Ökonomen, der Königsweg zum wirtschaftlichen Wachstum führe über mehr Deregulierung und mehr Flexibilisierung zu wirtschaftlichem Wachstum. Seit rund 30 Jahren übersehen sie dabei die Gefahren dieser hemmungslosen Deregulierung.

Überträgt man diese Deregulierungswut auf den Straßenverkehr, so wird der Irrsinn grenzenloser Freiheiten für alle Verkehrsteilnehmer unmittelbar erkennbar. Sowohl das Verhalten im Straßenverkehr, wie auch Abmessungen, Ausrüstung und Sicherheitsstandards der Fahrzeuge sind weitgehend vorgeschrieben. Doch selbst die verbliebenen kleinen Freiräume reichen aus, um unerfahrenen Fahrern die Gelegenheit zu geben, die Grenzen ihrer Fahrfertigkeiten und zugleich die Grenzen der Fahrphysik auszuloten.

Zahlreiche Manager verhalten sich in der Wirtschaftskrise wie leichtsinnige Autofahrer bei Nebel und Glatteis: Sie versuchen rücksichtslos, allen erkennbaren Gefahren zum Trotz, den Aktienkurs ihres Unternehmens zu steigern und versäumen es, ihre "Fahrweise" den "Straßenverhältnissen" anzupassen. Sie geben Gas, statt zu bremsen, und sind überrascht, wenn sie mit hoher Geschwindigkeit aus der Kurve fliegen.

Auf fast allen Feldern des gesellschaftlichen Zusammenlebens hat die Politik per Gesetzgebung Grenzen gesetzt und Bremsen eingebaut. Viele Gesetze sind zwar unbeliebt, dennoch sind sie ebenso notwendig und für das störungsfreie Miteinander ebenso beachtenswert wie Verkehrsampeln.
Auch für die Wirtschaft wurden einige sichtbare und unsichtbare Bremsen gesetzlich vorgeschrieben. Bilanzierungsvorschriften, geldpolitische Instrumente wie Leitzins und Mindestreservesatz, Rückstellungen zur Risikovorsorge, um nur einige zu nennen, sollen übermäßiges Wachstum verhindern. Leider sind diese Bremsinstrumente zu schwach, um dem Gasfuß profitgieriger Spekulanten und Glücksritter ausreichende Bremskräfte entgegenzustellen.

Seit uralten Zeiten suchen Politiker und Wissenschaftler nach Möglichkeiten, um die Konjunktur zu steuern und das Wirtschaftswachstum zu steigern. In meinem jüngst im EWK-Verlag erschienen Buch "Lebenslüge Freiheit" beschreibe ich unter anderem ein Steuerungsmodell, mit dem die optimale Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts einer Volkswirtschaft zielgenau erreicht werden kann (ab Seite 160).

Die Technik hat es mittlerweile geschafft, die Naturkräfte zielgenau zu steuern, während die auf der menschlichen Entscheidungsfreiheit aufgebauten Gesellschaftswissenschaften immer noch Rätsel aufgeben. Wenn die mächtigsten Führer der Welt sich in Davos versammeln, um andere Persönlichkeiten zu treffen, die genauso ratlos sind, dann fragt sich der gewöhnliche Zuschauer:

"Sind die mächtigsten Führer der Welt einfach nur dumm?"

 

Die Vorstellung, dass der stolze, raketenbauende Mensch seine selbstgeschaffenen Institutionen nicht überblickt, erscheint uns unvorstellbar. Gleichwohl erlauben wir uns den Luxus einer Wirtschaftstheorie, die in all ihrer Hilflosigkeit eher dazu beiträgt, wirtschaftliche Zusammenhänge aus dem menschlichen Bewusstsein zu verdrängen, als sie aufzuklären.

Überlegt man, was unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhält, findet man bald heraus, dass es sich dabei im Wesentlichen um unsichtbare immaterielle Einflussgrößen handelt. Wissen, Vertrauen, Schuld und Macht sind die ausschlaggebenden Faktoren, die jedoch aufgrund unzureichender Mess- und Beschreibungssysteme in der öffentlichen Debatte gerne ausgeblendet werden. Die Folge ist ein Menschenbild, das vom tiefen Glauben an eine Gesellschaft von ausnahmslos klugen, gerechten, tapferen und unbeirrbaren Individuen geprägt ist. Von daher widerstrebt uns die Vorstellung, diese scheinbar perfekten Wesen durch Regeln in ihrer Entscheidungsfreiheit einengen zu wollen.

Das menschliche Gehirn sehnt sich andererseits nach eindeutigen Regeln, um die Komplexität eines modernen Gesellschaftssystems auf ein nachvollziehbares Maß zu reduzieren. Deshalb hat der Mensch im Laufe der Geschichte immer wieder neue Institutionen und Regeln erfunden und weiterentwickelt. Banken wurden zum Beispiel geschaffen, um das Risiko privater Kreditverträge zu begrenzen. Ursprünglich als Instrument zur Risikovermeidung geplant, entwickeln sich die Banken aufgrund ihres immer komplexer erscheinenden Derivatehandels mittlerweile selbst zum Bedrohungsfaktor der wirtschaftlichen Stabilität.

Wird es nicht allmählich Zeit, neue Institutionen und Regeln zu entwickeln?

Solange die Wirtschaftswissenschaft sich damit begnügt, dem eigennützigen Handeln einzelner Wirtschaftsteilnehmer hinterherzulaufen, wird sie die Gestaltungsfähigkeit der Ingenieure und Techniker nicht erreichen.

Die Aufgabe der Wirtschaftswissenschaft sollte es sein, Regeln zu entwerfen, um die komplexen Risiken der modernen Gesellschaft auf ein berechenbares Maß zu reduzieren und den Wirtschaftsteilnehmern somit eine verlässliche langfristige Planung zu ermöglichen.

Die Ideen dazu sind vorhanden.

 

Freimut Kahrs