Der Auftrag des Traumwandlers

Leseprobe aus dem ersten Kapitel



Der Traum

Die zebragestreifte Ratte schaute mich herausfordernd an. Sie sagte: "Guck nicht so, sonst gibt es was auf die Nuss!"

Ich blinzelte verwirrt, konnte aber nicht aufhören, die aufrecht gehende Ratte anzustarren, die auf einmal vor mir stand. Sie hatte Streifen, und sie sprach!
Mein Kopf schmerzte, und alles drehte sich. Wo war ich, und vor allem, wie war ich hierhergekommen?

Die Gasse, in der ich stand, war schmal, gerade breit genug, um einem Menschen Platz zu gewähren. Die steinernen Wände der Häuser ragten mehrere Stockwerke hinauf. Ein paar beschädigte Holzläden schlugen unregelmäßig mit jeder Windböe gegen die Wände. Es klang unheimlich. Eine einzige alte Laterne beleuchtete schwach den Weg. Der Rest der Gasse war in Dunkelheit gehüllt.

Ich war derart tief in die Betrachtung meiner Umgebung versunken, dass ich die Ratte für ganz kurze Zeit vergessen hatte. Doch nun war sie einen Schritt näher an mich herangetreten - und ich konnte ihr in der engen Gasse nicht ausweichen. Mit dem Rücken zur Wand stand ich da. Ich konnte ihren Atem auf meinem Arm spüren. Ihre Schnurrbarthaare vibrierten, als sie an mir roch. Ihre kleine, rosafarbene Nase bewegte sich unablässig hin und her.

Aufrecht stehend ging sie mir fast bis zur Brust. Ihre kleinen Ohren waren von vielen goldenen Ohrringen geschmückt, und eine schwarze Klappe, wie sie die Piraten in den Märchenbüchern tragen, verdeckte eines ihrer Augen. Sie trug ein zu großes, weißes Hemd mit weiten Ärmeln und eine dunkle Pluderhose. Ein kleiner brauner Lederbeutel hing an ihrer Seite. Irgendwie erinnerte mich diese Ratte an die guten alten Freibeuter aus den Abenteuerfilmen.

Ja, meine Träume waren immer schon sehr einfallsreich gewesen, aber so echt hatte sich bisher keiner angefühlt. Langsam, wie in Trance, streckte ich meine Hand nach dem rechten Ohr der Ratte aus. Ich wollte das Fell zwischen meinen Fingern spüren, um mich von der Echtheit dieses Geschöpfes zu überzeugen. Mit einer schnellen Bewegung zog die Ratte jedoch ein kleines Stilett aus dem Gürtel und huschte damit flink und drohend vor mir herum. Meine Hand verharrte bewegungslos in der Luft.

Die sprechende Ratte sagte: "Wenn du mich angreifen willst, musst du früher aufstehen! Nicht mit Knisper! Nein, nein, zu schlau, zu schnell!"

Argwöhnisch warf sie das Stilett von einer Pfote in die andere. Man mochte meinen, auch sie hätte zu viele Piratenfilme gesehen. Mir wurde bewusst, dass ich mit der Hand in der Luft ziemlich lächerlich aussehen musste und ließ meinen Arm wieder sinken. Ich versuchte sie zu fragen, wer sie sei und was sie von mir wollte, brachte aber nur ein Stottern heraus: "Wa - Wa - Wa ..."

"Also, ich dachte immer, dass ihr Menschen der Sprache des zivilisierten Bundes mächtig seid, aber da habe ich mich wohl geirrt. Wo hat man dich denn rausgelassen?"
Die schwarz-weiß gestreifte Zebra-Ratte legte den Kopf schief und starrte mich aus ihrem einen schwarzen Knopfauge an. Der lange, helle Schwanz vollführte seinen eigenen Tanz, und ich ertappte mich dabei, dass ich seinen Bewegungen folgte.
Dann sammelte ich mich und versuchte es erneut: "Wo - bin ich? Und - was bist - du?"

Dieser sonderbare Traum schien doch realer zu sein als ich zugeben wollte. Hatte ich vor dem Zu-Bett-Gehen etwas Komisches gegessen, vielleicht eine Tiersendung geschaut? Irgendwoher musste die Fantasie mit der gestreiften Ratte doch kommen!

"Na, wenn du das nicht weißt! Du bist hier in Ihrai", antwortete das Tier. Ich kicherte - jetzt schon ein wenig hysterisch - bis ich das erneute Aufblitzen von Stahl im fahlen Laternenlicht sah.

"Was grinst du denn so blöd? Häh?"

"Ach nichts! Wirklich, es ist nichts. Ihrai sagst du? Ist das eine Stadt? Oder heißt das Land so? Gibt es hier noch mehr von deiner Sorte? Könnt ihr alle sprechen?"

Die Ratte wich vor der Flut meiner Worte erstaunt einen Schritt zurück. Immer noch mit argwöhnischem Blick antwortete sie: "Das hier ist die glänzende, prächtige Stadt Ihrai, Hauptstadt von Termwall und Regierungssitz der Menschen und Rarrs. Ich bin eine Rarr. Jawohl! Und natürlich können wir Rarrs sprechen. Was für eine dämliche Frage!"

Augen rollend, zumindest empfand ich es so, gab die Ratte mir das Gefühl, der dümmste Mensch auf dem Planeten zu sein. Moment, das hier war ein Traum! Was machte ich mir eigentlich einen Kopf um irgendein Rattenvolk? Memo an mich, morgen einen Termin mit dem Psychiater vereinbaren! Mit ihm über diesen Traum und eine mögliche Rattenphobie reden! Ich notierte mir in Gedanken, was ich nach dem Aufwachen alles machen wollte, doch als ich fertig war, stand das Zebrading immer noch vor mir! Mit gezogener Waffe!
Das blitzende Messer hüpfte von einer zierlichen Pfote in die andere. Aber die Ratte war scheinbar nur neugierig, sonst hätte sie mir doch schon längst etwas getan. Ich versuchte mich zu beruhigen. Keiner hatte sie daran gehindert, aus der Gasse zu verschwinden, aber sie stand immer noch dort.

"Ich - ich tu dir nichts! Versprochen! Aber nimm bitte den Zahnstocher runter, sonst passiert noch ein Unglück, und ein Auge hast du ja scheinbar schon eingebüßt."

Ha! Langsam gewann ich meine Fassung wieder. Ich träumte ja, und in Träumen kann einem bekanntlich nicht wirklich etwas Schlimmes passieren. Dachte ich.

Was dann kam, hatte ich keineswegs erwartet. Das Stilett schoss vor und ritzte mir die Haut am Unterarm auf. Ein paar dunkelrote Tropfen Blut fielen zu Boden. Die Wunde war nicht tief, aber es ziepte schon ungemein, und als dann der richtige Schmerz einsetzte, schrie ich: "Autsch! Was soll denn das? Ich habe dir doch gar nichts getan!"

Ich schimpfte wie ein Rohrspatz und hielt mir den Arm. Die Ratte fuchtelte mit ihrer Waffe vor meinem Gesicht herum und antwortete: "Hab' dir doch gesagt, mit mir ist nicht zu spaßen, und lustig kannst du dich über andere machen!"

"Das mit deinem Auge war nur ein gut gemeinter Rat!", erklärte ich ihr mit schriller Stimme. Plötzlich sah die Ratte sich um und prüfte schnüffelnd die Luft.

"Shsss, Shsss! Wir sollten hier nicht länger bleiben. Etwas Schlimmes ist heute Nacht unterwegs! Komm mit!", flüsterte sie. Kleine, aber erstaunlich starke Pfoten zogen mich einfach hinter sich her. Na ja, vielleicht noch eine oder auch zwei Stunden, dann würde ich eh wach werden. Also warum nicht mitspielen?
Nur schwach protestierend ließ ich mich von der Zebra-Ratte durch die Gassen zerren. In diesem Labyrinth von kleinen Straßen und Gässchen wäre ich alleine verloren gewesen. Mal ging es links herum, mal rechts herum. Erst nach knapp zwanzig Minuten hielt das Geschöpf das erste Mal an und sog wieder prüfend die Luft ein. Ich roch - gar nichts.

"Die Luft ist rein. Komm, du scheinst ja wirklich nicht von hier zu sein. Und du stinkst wie ein wildes Gok!"

Unauffällig schnupperte ich unter meinen Achseln. Okay, vielleicht hielten die Deos wirklich nicht immer, was sie versprachen, aber bestimmt "stank" ich auch nicht wie ein wildes Gok, was zum Teufel das auch immer sein mochte!
Kurz darauf erreichten wir einen großen, freien Platz, der von Häusern umgeben war. Ich sah nun, dass schmale Gassen aus allen vier Himmelsrichtungen auf diesen Platz führten. Die Architekten waren wohl beim Bau recht zuversichtlich gewesen, dass ihre Konstruktionen schon halten würden. Der schiefe Turm von Pisa war gar nichts gegen den Anblick, der sich mir hier bot. Alle Häuser standen ganz dicht - Wand an Wand - beieinander. Aber es gab keines, das nicht aussah, als könne es jeden Moment nach vorne oder hinten umkippen. Jedes Fenster war anders schief, und an keinem einzigen waren die Fensterläden noch vollständig und heil. Quer über die Gassen waren Leinen gespannt, an denen bunte Wäschestücke verschiedenster Art hingen; und so leer die Gasse gewesen war, aus der wir kamen, so voller Leben war nun dieser Platz.

Eine große Menschentraube und ein wahrer Heerzug von Ratten strömten zielstrebig auf ein ganz bestimmtes Gebäude zu und verschwanden darin. Es war das größte Haus an diesem Platz, wie mir schien. Gedämpftes Licht drang aus den Fenstern, Gesang und Trubel wehte zu uns herüber. Über allem lag ein Geruch, der mich daran erinnerte, dass ich zwar träumte, aber auch in meinem Traum einen Magen besaß. Mit lautem Grummeln verkündete dieser, dass es an der Zeit wäre, mal was zu essen. Die Ratte schaute mich grinsend an. "Na, du hast ja wohl lange nix mehr gegessen. Ich lad' dich ein, und du erzählst mir, wo du herkommst."


Ich nickte nur und folgte der Ratte mit glänzenden Augen in das Gebäude.

Knisper

 

Wir drängelten uns durch eine große Menge Menschen und Ratten hindurch. Es roch nach schalem Bier und anderen undefinierbaren Dingen. Ein offenbar ganz schön betrunkener Mann drehte sich zu mir um und musterte mich mit unverhohlener Neugier. Dreck und Schweiß bildeten eine ziemlich ekelige Kruste auf seinem Gesicht, und seine Haare hätten auch mal wieder eine Wäsche vertragen. Aus heiterem Himmel grinste er mich an und entblößte damit eine Reihe - sagen wir, eine halbe Reihe - gelber, zum Teil ganz schwarz angelaufener Zahnstümpfe. Schnell schaute ich in eine andere Richtung und versuchte, im Weitergehen möglichst niemanden anzurempeln. Eine Schlägerei wäre so ziemlich das Letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte. Der Kratzer an meinem Arm hatte mir ja zur Genüge bewiesen, dass eine Wunde in Träumen genauso wehtut wie in der Realität. Ein blaues Auge, oder gar noch Schlimmeres, musste ich mir dann ja nicht antun.

Fünfzehn Schritte und gefühlte fünf Stunden später hatten wir die riesige, dunkle Theke erreicht. Ich konnte von dort sogar einen flüchtigen Blick in die Küche werfen, in der fünf Ratten in Rekordzeit die unterschiedlichsten Speisen zusammenbrutzelten. Sie piepsten einander aufgeregt mir unverständliche Befehle zu. Eine recht dicke, schwarze Ratte mit einer großen, weißen Mütze schien der Küchenchef zu sein.

"Was willst du denn trinken?" Die Ratte stieß mir ihren spitzen Ellenbogen in die Hüfte, um meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. "Gok-Milch? Sijan-Saft oder vielleicht etwas Härteres? Bel-Schaum?"

Sie musste ziemlich laut sprechen, damit ich sie in dem Getöse verstehen konnte, aber weil ich keines der Getränke kannte, die sie vorschlug, entschied ich mich für das Übliche.

"Ich nehme eine Cola. Kann auch Pepsi sein, ich bin da nicht so wählerisch."

Verständnislos schaute die Ratte mich an, aber ich war schon wieder ganz vertieft in den Anblick der Taverne. War es eine? Ich kannte Tavernen nur aus Filmen und Büchern, aber so schien mir eine auszusehen, wenn es sie in echt gäbe. Das Mobiliar glich der Farbe von Teer, so dunkel war das Holz, aus dem Tische, Stühle und Bänke gefertigt waren. Die jahrelange Benutzung hatte die Oberfläche der Möbel so glatt geschmirgelt, dass sie das schummrige Licht der Kerzen widerspiegelten. Ein paar Tische, die auch allesamt besetzt waren, standen seitlich an den Wänden. Zwielichtige Gestalten hockten in den dunkleren Ecken und schauten sich immer wieder einmal argwöhnisch um. Kerzenschein ließ ihre Gesichter düster und hart wirken. Einmal dachte ich, man beobachtete mich von einem der Tische, aber ich tat es als Einbildung ab.

Ratten und Menschen saßen getrennt voneinander. Tiere verschiedenster Größen und Fellfarben hatten sich hier versammelt. Manche hatten einfaches, graues Fell, andere komplizierte Zeichnungen und Flecken. Eine Ratte fiel mir ganz besonders auf. Sie war die Kleinste von allen, und sie war gänzlich weiß. Ihre Augen leuchteten glutrot. Eine Albino-Ratte! Als ich länger als ein paar Sekunden mit meinem Blick auf ihr verweilte, drehte sie sich langsam zu mir um und sah mich an. Es standen mindestens ein halbes Dutzend Männer zwischen uns, aber sie sah genau zu mir rüber. Schnell drehte ich mich weg und musste ein paar Mal schlucken. Irgendwie war diese Ratte unheimlich. Doch bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, zog mich "meine" Ratte zu einem der wenigen leeren Tische und setzte sich dorthin.

"Hier, ein Bel-Schaum! Von Cola oder Pepsi hab ich noch nix gehört."

Das Gebräu schäumte stark, wie sein Name schon vermuten ließ, und es schien - lebendig zu sein. Es blubberte und schmatzte leise. Ein bisschen blauer Schaum lief an dem Holzbecher hinunter und schlug fröhlich Blasen auf dem Tisch.

"Das soll ich trinken?", fragte ich die Ratte angewidert.

"Na, wenn du nix willst, ich nehme es auch!"

Sie machte Anstalten, die Pfote um den Becher zu legen, aber ich war schneller, schnappte mir den Becher und setzte ihn an die Lippen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt ...
Angenehme Kühle erfrischte meinen Mund, aber als ich das Gebräu hinuntergeschluckt hatte, wärmte es überraschend meinen Magen. Die Blasen kitzelten etwas am Gaumen, aber es schmeckte gar nicht übel. Etwas herb, würzig und eigenartig cremig.

"Na bitte, geht doch. So, und nun sagst du mir mal deinen Namen, sonst muss ich dich immer Langer Lulatsch nennen. Ich bin übrigens Knisper. Knisper Käsebart. Und du?"

Interessiert wackelte Knisper mit den Barthaaren und blinzelte einmal mit dem verbliebenen rechten Auge.

"Louis Dreiberger, du darfst mich aber Lou nennen", antwortete ich bereitwillig.
"Und du mich Knisper", grinste sie breit. Fröhlich stieß Knisper mit mir an und nahm einen tiefen Schluck. So einen Traum hatte ich wirklich noch nie. Wenn ich das nachher Nina erzähle, die glaubt mir niemals!

"Nun lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Wo kommst du her, und wie alt bist du?"

Die Ratte war neugierig.

"Ich bin gerade elf Jahre alt geworden. Ich komme aus einer Stadt namens Wanne-Eickel. Meine Schwester heißt Nina und ist sieben, meine Eltern sind Jack und Lisa. Wir wohnen alle zusammen in einem kleinen Haus mit einem Garten. Mein Kater heißt Bilbo, wie der aussieht - ach vergiss es, nicht so wichtig."

Grinsend überlegte ich, wie man wohl einer Fantasiefigur erklären soll, dass man eine Katze nach einer anderen Fantasiefigur benannt hat. Besser gar nicht ...

"Kater? K a t e r ? Du hast einen Kater zuhause? Ist das nicht gefährlich? Hier traut sich keiner, einen Kater zu halten." Knisper schaute mich ungläubig an.

"Na ja, Bilbo ist harmlos und noch ganz klein. Er schmust gerne und schnurrt, wenn man ihm den Bauch krault."

"Den Bauch krault ...?", flüsterte Knisper fassungslos. "Du bist schon komisch Lou. Tauchst einfach in meiner Gasse auf und erzählst, du hast einen Kater zu Hause. Erwähn' das hier ja nicht, und woanders auch nicht! Das ist besser für dich und besser für mich!"

"Okay, wenn du meinst", versprach ich ihr. Dann hatte ich noch eine andere Frage auf dem Herzen, die mir aber ziemlich peinlich war. Ich stellte sie trotzdem: "Knisper, sag mal, ich sehe zum ersten Mal - Rarrs, so hattest du euch glaub ich genannt. Bist du nun, äh, - ein Junge - oder ein Mädchen?" Ich lief so rot an wie eine Tomate.

Glockenartiges, freches Kichern erfüllte die Luft. Knisper lachte mich aus.

"Hi hi hi. Ich bin e i n e Knisper. Ein Mädchen, wie du gesagt hast."

"Ja, ja. Schon gut! Lach nicht über mich. Aber sag mir bitte, woran man es erkennen kann? Bei uns haben die Mädchen - ähm ..."

Mein Gesicht hatte wahrscheinlich schon das Tomaten-rot verworfen und sich gleich zu dunklem Scharlachrot hin verfärbt.

"... ähm - naja. Brüste. Meistens sind sie kleiner und haben hellere Stimmen."

Knisper schien sich gerade sehr zu amüsieren und nahm noch einen kräftigen Schluck.
"Bei uns Rarrs kann man es am Gesicht sehen. Für Menschen ist es aber schwer, uns zu unterscheiden. Unsere Brüste sind meistens nicht viel größer als die unserer Männchen, da hast du Recht. Außerdem riechen wir es."
Sie demonstrierte das eben Gesagte mit einem großen Nasenwackler.

"Du riechst wie ein Männchen. Willst du auch mal an mir schnuppern?" Dabei hielt sie mir einen pelzigen Arm unter meine Nase.

"Nein, danke! Ich glaube dir auch so!" Peinlich berührt nahm ich wieder meinen Becher und schaute mich um. Eine kleine Ratte mit grauem Fell kam in unsere Richtung und balancierte ein großes Tablett mit etlichen Holzschüsseln voller Essen auf ihren kleinen Pfoten. Mit einem lauten Klappern stellte sie es auf unserem Tisch ab und sagte, mit einer überraschend tiefen Bass-Stimme: "Macht dann zwei Silber, und wehe du kannst heute wieder nicht zahlen, Knisper!"

Mit einem entschuldigenden Grinsen wühlte Knisper in ihrem Beutel herum und legte zwei silbrig glänzende Münzen auf den Tisch. Prüfend biss der Kellner auf die Münzen und grunzte zufrieden: "Wohl bekommt's!"
Schon war er wieder in der Menge verschwunden.

"Hau rein! Das ist was ganz Köstliches. Gok-Leber und Herz." Mit flinken Fingern schaufelte Knisper einen ansehnlichen Berg Essen auf ihren Teller. Oben drauf legte sie noch etwas, das wie eine Kartoffel aussah. Ein wenig widerwillig nahm ich mir auch eine Portion und suchte nach einer Gabel. Als ich keine fand, nahm ich die Finger, wie Knisper. Das Fett lief triefend mein Kinn hinunter, als ich in die Leber biss.

"Hey! ... dasch ischt ja gar nischt schlescht."

Tischmanieren? Zum Teufel damit! Es war keiner hier, der mich dafür hätte bestrafen können, mit vollem Mund zu sprechen. Nachdem wir beide mehrere Minuten lang schweigend gegessen hatten, lehnten wir uns zurück und ächzten zufrieden. Mit einem runden Bauch sah die Welt gleich viel freundlicher aus.

Da saß ich nun. Louis Dreiberger, 11 Jahre alt, aus Wanne-Eickel, und fiel hier auf wie ein bunter Hund. Mein Haar glich nämlich einem güldenen Sonnenuntergang. So sagte man mir zumindest immer. Kurzum, es war rot und ziemlich struppig. Vergleiche mit kleinen, frechen, rothaarigen Kobolden war ich gewohnt. Hier jedoch hatte keiner eine Haarfarbe wie ich.
Letztes Jahr bin ich ziemlich "geschossen", wie meine Mutter immer zu sagen pflegt. Eins-fünfundsechzig wäre schon stolz für mein Alter. Natürlich kam ich kaum mit den Muskeln hinterher, also war einer meiner Spitznamen "Bohnenstange". Meine grünen, von Sommersprossen umrahmten Augen schauten sich gerade müde um, als Knisper unsere Unterhaltung wieder aufnahm.

"Und, wie lange gedenkst du zu bleiben?"

"Ach, nicht lange, nur bis ich wieder aufwache", antwortete ich ihr.

"Aufwachen?" Man sah deutlich, wie Knisper nachdachte.

"Ja, aufwachen. Ich träume ja gerade, und um sieben Uhr muss ich wieder raus, zur Schule. Da weckt mich meistens meine Mutter."

Knispers Reaktion gefiel mir irgendwie gar nicht.

"Oh weh!"

"Oh weh? Was meinst du mit oh weh?"

Ich hatte eine Augenbraue hochgezogen und starrte Knisper an. Unbehaglich rutschte die Ratte auf der Bank herum und wich meinem Blick aus.
"Nun rück schon raus mit der Sprache! Das ist doch nur ein Traum - ein Traum wie viele andere - ein harmloser Traum ..."

Meine Stimme wurde leiser, bis sie zu einem Flüstern erstarb. Knisper schaute mich wehmütig an. Sie nahm vorsichtig die Augenklappe ab und hob den Kopf, sodass man im Kerzenschein ihr ganzes Gesicht sehen konnte. Das bisher verborgene Auge schimmerte milchig-weiß im fahlen Licht. Knisper war blind auf diesem Auge.

"Das hier ...", Knisper seufzte und deutete auf ihr blindes Auge, "das hab ich von jemandem, den ich niemals wieder sehen will! In ihm wohnt das Böse! Aber nun muss ich dir von ihm erzählen."

Ein paar Sekunden verstrichen, bis sie weitersprach. "Ich meine, du solltest unbedingt wissen, was mit dir gerade passiert. Es gibt nur wenige wie dich. Junges Volk, aus einer anderen Welt. Viele bleiben für immer hier. Manche sterben auf der Suche nach dem Weg nach Hause, finden ihn einfach nicht. Nur einige wenige haben Glück und kehren zurück.

E r ist es, der euch holt. Er macht die Träume, und er sucht nach dem Einen, der ihm den Weg zu eurer Welt zeigt."

"Zu meiner Welt?", fragte ich fassungslos. "Was will er dort?"

Knisper senkte bedrohlich ihre Stimme, bis sie nur noch ein Hauch der frechen Quiek-Stimme war, die ich bisher von ihr kannte.

"Er will schreckliche Träume schicken, damit kein Junge, kein Mädchen, überhaupt kein Mensch mehr in Ruhe schlafen kann und Angst die Nächte regiert. Noch ist seine Kraft begrenzt. Er schafft es nicht, jede Nacht böse Träume zu schicken. Aber wenn er dich bekommt, dann kann er mit deiner Kraft den Übergang öffnen."
Wieder seufzte Knisper und trank einen Schluck. Ich war noch verwirrter als zuvor.

"Wie bin ich dann hierher gekommen, wenn das keiner meiner normalen Träume ist?"

"Oh, das ist einfach!", antwortete sie. "Viele Kinder kamen, weil sie krank waren. Schliefen schon lange in ihrer Welt und wachten nicht wieder auf. Irgendwann wurde er auf sie aufmerksam und schickte ihnen einen verlockenden Traum. Auch dich hat er so geholt. Er spürt die Traumkinder auf und sucht nach dem einen, ganz besonderen Kind, das in den Geschichten beschrieben wird. Das Kind mit Haaren wie Feuer und dem Zeichen! Durch dieses Kind kann er alles gewinnen, oder alles verlieren. Untergang oder Herrschaft. Bisher hat er alle seine Energie auf dieses Ziel konzentriert."

Kaum hatte Knisper zu Ende gesprochen, nahm sie meinen Arm und drehte ihn um. Mein Magen machte einen Hüpfer, und mir wurde schlecht.

"Sieh selbst!" Knisper zeigte mit ihrer Pfote auf eine Ansammlung von Leberflecken. Sie formten mit Fantasie den Buchstaben "W" auf meinem Arm. Das war das "Zeichen", von dem sie gesprochen hatte?

"Der Wandler", flüsterte sie.


Das war gar kein Traum? Gefangen in einer fremden Welt? Wie konnte dieser Schurke mich finden? Ich war nicht krank, kann mich ganz genau an den letzten Abend erinnern. Nina und ich hatten zusammen gekocht, ...


Tja, und nun geht es erst richtig los ...



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