Das Gesundheits- und Sozialwesen,
eine Sünde wider die Evolution?

Ein krankes Kitz überlebt den ersten Sommer nicht. Es wird die Beute des Fuchses oder der Mähmaschine. Ein Igel, der immer noch glaubt, die Autos hätten Angst vor seinen Stacheln, wird überfahren. Störche, die auf Hochspannungsleitungen sitzen und ausgerechnet dort ihre Flügelspannweite messen wollen, werden zum Feuervogel. Der altersschwache Tiger, dem die Zähne ausfallen, wird verhungern müssen.

So könnte man endlos fortfahren.

Aber ein Mensch, der sich mit Influenza infiziert, bekommt Penicillin und wird wieder gesund. Ein Mensch, der sich im Hochgebirge den Knöchel bricht, wird per Hubschrauber in die nächste Klinik geflogen, zum Überleben. Ein Mensch, der glaubt, dem Leben durch eine klassische Steißlage schon bei der Geburt entgehen zu können, wird per Kaiserschnitt ans Licht der Welt geholt. Die alten Leute, die nicht mehr arbeiten können, leben auskömmlich von den Zahlungen der Rentenversicherung. Wo soll sich da noch eine evolutionäre Auslese abspielen? Werden wir nicht zwangsläufig von Generation zu Generation immer kränker, immer degenerierter, immer schwächer immer weniger überlebensfähig?

Nein, das ist es natürlich nicht. Evolution ist ja nicht nur körperliche Entwicklung, nicht nur die Überlegenheit des Schnelleren, Kräftigeren, sondern auch die Entwicklung des Intelligenteren, die Weiterentwicklung des Erfolgreichen. Was nützt aber der ganze schöne Erfolg, wenn er durch Krankheit und frühen Tod ein jähes Ende findet, wenn er nicht über möglichst lange Lebensjahre genossen werden kann? Die Fähigkeit einer Art, einen großen Teil ihrer Population über die Zeit der biologisch notwendigen, arterhaltend reproduktiven Funktionen hinaus am Leben zu erhalten, wirkt sich ja auf die Weiterentwicklung der Art nicht negativ aus - vorausgesetzt, die Über-Lebenden sind fit und versorgen sich selbst.


Das ist die Bedingung, die für die Entwicklung eines Gesundheits- und eines noch darüber hinaus reichenden Sozialsystems maßgeblich war. Ein Prozess, bei dem das Henne - Ei - Problem wie selten sonst gelöst ist. Wer war zuerst da, der Langzeitkranke oder der Arzt? Da gibt es keinen Zweifel, oder?


Und zu welchem Zeitpunkt trat der Arzt auf? Er kann erst aufgetreten sein, nachdem sich eine arbeitsteilige Gesellschaft so weit entwickelt hatte, dass die angemessene Honorierung eines fachkundigen Heilers auch sichergestellt werden konnte. Das war gar nicht einfach, denn die Gesunden brauchten den Arzt nicht, sahen also auch keinen Anlass, diesen mit Nahrung, Kleidung und Wohnung zu versorgen und wer krank war, hatte ganz schnell selbst nichts mehr zum Beißen. So blieb es über lange Zeit dabei, dass Frauen das Wissen um die heilkräftigen Pflanzen und den Umgang damit bewahrten und weitergaben und versuchten, innerhalb der Familie, da wo man aufeinander angewiesen war, die Krankheit so weit möglich im Schach zu halten.

Männer lernten im Krieg die Kunst, Verwundeten erste Hilfe zu leisten, und wenn die Verwundung nicht allzu schlimm war, auch das Leben von Verstümmelten zu bewahren. Eine große ärztliche Kunst konnte sich aber erst entwickeln, als ein breites, zahlungskräftiges Bürgertum in den aufstrebenden Städten nach mehr verlangte, als der Bader mit Aderlass und heißem Wickel zu bieten hatte.


Wenn Sie so wollen, war die ganze ärztliche Kunst bis vor 70, 80 Jahren die reinste Kurpfuscherei. Sie glauben das nicht? Dann versuchen Sie doch einmal, einen Arzt dazu zu bewegen, Ihnen nach dem Stand der ärztlichen Kunst des Jahres 1930 eine Diagnose zu stellen und eine Therapie zu verordnen, ohne dabei auf die seither neu gewonnenen medizinischen Erkenntnisse zurückzugreifen. Er wird Sie für verrückt erklären und fragen, ob Sie lebensmüde sind. Fragen Sie dann aber nicht danach, wie es kommt, dass die Menschheit insgesamt mit so primitiven medizinischen Kenntnissen überleben konnte. Ein für heutige Verhältnisse unglaublicher Kinderreichtum ließ eine hohe Todesrate der Lebendgeborenen vor dem Erreichen ihrer Fortpflanzungsfähigkeit zu. Die Sterblichkeit nach der aktiven Reproduktionsphase, also etwa nach dem vierzigsten Lebensjahr war (und ist) für die Arterhaltung sowieso nicht relevant. Außerdem lebten die Menschen nicht so dicht gedrängt wie heute und bewegten sich nicht in so großer Zahl über so weite Distanzen. Seuchen blieben also, auch ohne wirksame Gegenmittel, von alleine regional begrenzt und mussten letztlich an sich selbst ersticken.


Pfuschen wir also mit unseren wenigen, verhätschelten, um jeden Preis jede Gefahr überlebenden Nachkommen doch der Evolution ins Handwerk? Ja, aber nicht wegen der Sozialsysteme. Die Menschen könnten genauso gut auf andere Weise für Alter und Krankheit vorsorgen, sie könnten - und sie werden bald - viel Geld in neue, die bekannten Schutzimpfungen weit übertreffende, prophylaktische Verfahren stecken, um Krankheit nicht nach Ausbruch bekämpfen zu müssen, sondern schon vor Ausbruch verhindern zu können, sie werden alt und älter werden und länger leistungsfähig bleiben.

 

Die Manipulation an der Evolution ist die, dass die menschliche Spezies den natürlichen Variantenreichtum und die natürliche Auslese innerhalb der eigenen Art nach und nach aufgibt. Jedes Kind muss ein perfekter Treffer sein, diese Notwendigkeit ist es, die uns die Fortschritte in der Fortpflanzungsmedizin beschert, die uns dazu verleitet, mit der Präimplantationsdiagnostik die natürliche Auslese weit in den pränatalen Bereich hinein zu verlagern. Wir können nicht mehr zulassen, dass die Auslese im Messen der persönlichen Fähigkeiten mit den Umweltbedingungen getroffen wird, und vertrauen daher darauf, dass die "Elterntiere" am besten wissen werden, was ihre Kinder im Leben so an Eigenschaften brauchen könnten.
Der Unterschied zum Klon wird damit immer kleiner, was die Hemmschwelle für das Klonen weiter senken wird. Die kleinen Probleme mit den geklonten Nachkommen werden gelöst werden können, und irgendwann wird der Inhalt des Chips, der unmittelbar nach der Geburt als Backup Speicher in das menschliche Gehirn implantiert wird, per Kopierbefehl auf den Klon übertragen werden können, so dass das junge Abbild des gealterten Menschen nicht nur dessen genetischen Code, sondern auch seine gesammelten Lebenserfahrungen übernehmen kann. Endlich unsterblich!


Unsterblichkeit bringt zwangsläufig das Rad der Evolution zum Stillstand. Es braucht keine Nachkommen mehr, ja es darf sogar keine mehr geben, weil die Zahl der Lebenden irgendwann zur Vermeidung von Versorgungsmängeln konstant gehalten werden muss. Wenn dieses Szenario den Sience-fiction-Status verloren hat und reale Lebenswirklichkeit geworden sein wird, sind alle bekannten Versorgungs- und Sozialsysteme nichts mehr wert.

Es gibt keinen Generationenvertrag mehr, weil es keinen Generationenwechsel mehr gibt. Der -- wie auch immer-- unsterblich gewordene Mensch wird seinen Unterhalt dauerhaft selbst bestreiten müssen. Oder er organisiert technische und biologische Systeme von großer Dauerhaftigkeit so, dass sie ihm für unendliche Zeiten höchsten Komfort gewähren.
Mit Erstaunen erkennen wir an dieser Stelle, dass die "Ein-Mensch-pro-Planet-Utopie", die wir schon im Abschnitt zur Überbevölkerung kennen gelernt haben, auch mit fortschreitender Perfektion der Fähigkeiten zur Gesundheits- und Überlebens-Sicherung wieder auftaucht. Ist es wirklich so, dass alles menschliche Streben auf die Vereinsamung im höchsten Luxus hinausläuft? Es scheint so.

 

Einer pro Planet ist vielleicht zu wenig. Es könnten auch hundert sein, oder zehntausend. Aber niemals 10 Milliarden auf dieser Erde.


Wohlstand für alle

Dieses Ziel findet umso mehr Zustimmung, je pauschaler es formuliert ist. Wenn wir aber beginnen, uns ernstlich zu fragen, wen wir denn meinen, wenn wir "alle" sagen, dann geraten wir doch unwillkürlich zu Einschränkungen, die in einer blitzschnellen Assoziationskette hervorquellen, und sich im Bierdunst über dem Stammtisch ungefähr so anhören:


Alle, das können natürlich nur die fleißigen Menschen sein, die sich ihren Wohlstand auch erarbeiten, nicht die Faulenzer und Drückeberger. Außerdem kann und soll der Wohlstand auch nur für die ehrlichen Menschen da sein, nicht für Gauner und Betrüger. Auch regionale Unterschiede muss man beachten. Wohlstand muss für die Europäer anders sein, als für Afrikaner, für Deutsche anders als für Portugiesen und für Bayern anders als für Preußen! Wohlstand sollte natürlich auch nicht denen zustehen, die sich die Basis für den Wohlstand ständig selbst zerstören, also nicht denen, die sich wie die Verrückten vermehren ohne zu fragen, wo das Geld für die Kinder herkommen soll. Man kann doch nicht jedem Neger einen Mercedes vor die Wellblechhütte stellen und dann noch Kindergeld für 10 kleine Negerlein hinterherschicken...

Richtig, oder?


Die Befürchtung, die das Denken in diesem Augenblick bestimmt ist nicht die Sorge darum, etwas vom eigenen Wohlstand abgeben zu müssen. Eine solche Überlegung erfordert mehrere Schritte des Nachdenkens und kann so spontan gar nicht entstehen. Die archaische Angst, die uns packt, kommt daher, dass wir "Wohlstand für alle" hören und "Gleichen Wohlstand für alle" verstehen, was wir als existenzielle Bedrohung empfinden. Gleicher Wohlstand für alle zerrüttet die Grundfesten unserer Identität, weil wir uns doch alle inzwischen mehr oder weniger stark über die Symbole definieren, mit denen wir unserer Umwelt den Grad unseres Wohlstandes signalisieren.


Ohne diese Chance zur Differenzierung über materielle Symbole bleibt vom Selbstwertgefühl des modernen Menschen wenig übrig, weil er sein Wertesystem in erster Linie auf materielle Dinge ausgerichtet hat.
Schon alleine die Wirksamkeit des formelhaften Vorwurfes der "Gleichmacherei", mit dem Arbeitgeber ihren Arbeitnehmern helfen wollen, sich von der gewerkschaftlichen Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit zu emanzipieren, zeigt unser Bedürfnis nach Unterscheidung überdeutlich.

Kann "Wohlstand für alle" aber überhaupt etwas anderes bedeuten, als "gleicher Wohlstand für alle"?

Vielleicht ist die Antwort auf diese Frage eine der wesentlichsten Entscheidungen, die die Menschheit in naher Zukunft zu treffen hat. Dass die Antwort "JA" lauten muss, steht völlig außer Frage. Die Schwierigkeiten beginnen erst, wenn festzulegen ist, wie ungleich Wohlstand verteilt sein darf, um noch im allgemeinen Konsens als "Wohlstand für alle" bezeichnet werden zu können.

Niemand wird heute ernsthaft behaupten wollen, dass auf unserem Planeten das Ziel "Wohlstand für alle" schon erreicht sei.

Es ist dies vielleicht die einzige Wahrheit über den Zustand unserer Gesellschaft, der sowohl die Superreichen, wie auch die Allerärmsten uneingeschränkt zustimmen können. Diese Übereinstimmung ist bei allen sonstigen Gegensätzen kaum wahrnehmbar, aber es ist die einzige Basis, auf der die notwendige Diskussion aufsetzen kann.

Vielleicht lässt sich diese schmale Basis ausbauen, zu einem gemeinsamen Credo der Vernunft, das unseren weiteren Weg in der Evolution erleichtert.

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