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Leseprobe aus

Egon W. Kreutzer,
Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre, Band II

Die Überbevölkerung,
eine Frage der Kaufkraft?

Die Frage, ob Überbevölkerung eine Frage der Kaufkraft sei, stützt sich auf die Erkenntnis, dass es sich mit der Überbevölkerung verhält, wie mit der relativen Luftfeuchtigkeit: So, wie der maximale Feuchtigkeitsgehalt der Luft mit steigender Temperatur wächst, darf die Bevölkerungsdichte solange zunehmen, wie die Wirtschaftskraft der betrachteten Region mithält.

Eine weit geringere Bevölkerungsdichte wird aber schon als Überbevölkerung bezeichnet, wenn die ausreichende Versorgung der Bevölkerung auf Grund unzureichenden wirtschaftlichen Erfolges nicht gewährleistet ist. Für eine ausreichende wirtschaftliche Betätigung braucht der Unternehmer den Anreiz eines möglichen Gewinnes. Um den Gewinn tatsächlich in die Bücher schreiben zu können, reicht es aber nicht aus, dass er ein exzellenter Unternehmer ist, der hervorragende, zielgruppengerechte Produkte zu konkurrenzfähigen Preisen auf den Markt bringt -- er braucht auch Käufer. Eine Region ohne ausreichende Kaufkraft ist daher für wirtschaftliche Betätigung wenig interessant, was dazu führt, dass dort auch eine sehr geringe Bevölkerungsdichte schon als "Überbevölkerung" bezeichnet wird.
Soviel zur Erinnerung an die Überlegungen, die uns bis zu der Frage geführt haben, ob Überbevölkerung eine Frage der Kaufkraft sei. Weil die einfache Frage bereits mit einem einfachen "Ja" beantwortet worden ist, folgt auch hier die etwas problematischere Frage danach, wo denn Kaufkraft herkommt und wie man Kaufkraft schaffen könnte. Es gibt eine bestimmte Sorte konservativer Vordenker, die sich an dieser Stelle mit Grausen abwenden, um den Rückmarsch vom Rande ihres Horizontes in vertrautere Regionen anzu-treten. Ihnen ist -- und sie machen uns -- klar, dass man arbeiten muss, um Lohn und damit Kaufkraft zu erhalten. Basta.


Ein völlig richtiger Gedanke, wenn man außer Betracht lässt, dass vielleicht gerade niemand Lust hat, Arbeit anzubieten, oder dass niemand Lust hat, für die erbrachte Arbeit so viel Lohn zu bezahlen, wie nötig wäre, um nach der Befriedigung der allerdringendsten Grundbedürfnisse noch nennenswerte Kaufkraft übrig zu behalten.
Aber genau diese "unternehmerische Unlust" ist das Problem der armen Länder. Greifen wir wahllos eines heraus und sehen uns die Situation etwas näher an. Was halten Sie z.B. von der Demokratischen Republik Kongo? Sie glauben, ein Staat, in dem so viel Bürgerkrieg und Unruhe herrscht, wie im Kongo, sei nicht geeignet, um grundsätzliche wirtschaftliche Fragestellungen zu klären? Bitte, wie sehen Sie dann die Situation in Vietnam? Da ist der Krieg schon seit geraumer Zeit vorbei, genauer gesagt seit 1975. Nach den Verhältnissen im Nachkriegsdeutschland sollte in Vietnam jetzt ein Wirtschaftswunder am Höhepunkt der Vollbeschäftigung angekommen sein -- die Realität sieht leider anders aus.
Die Landfläche Vietnams ist um knapp 10% kleiner, als die Fläche Deutschlands. Die Einwohnerzahl Vietnams ist um knapp 10% niedriger als die Deutschlands. Die Bevölkerungsdichte Vietnams entspricht folglich der Bevölkerungsdichte Deutschlands. Das Bruttosozialprodukt Vietnams erreicht gerade einmal 1/80 des deutschen BSP. Sie können das in erster Näherung durchaus so lesen, dass die Leistung von 80 Vietnamesen im internationalen Vergleich genau so viel wert ist, wie die Leistung eines Deutschen. Nehmen Sie diese Zahl aber bitte nicht als Beweis für die Überlegenheit des deutschen Arbeiters!

69% der erwerbstätigen Vietnamesen sind in der Landwirtschaft beschäftigt. Die Landwirtschaft erwirtschaftet aber nur 7,1 Milliarden US$, also 27% des Bruttosozialproduktes, davon gehen 5,1 Milliarden in den Export, verbleiben 2 Milliarden für den inländischen Verzehr, also 26 US$ pro Nase und Jahr!
Wer davon leben will, muss Einwohner eines Niedrig-Preis-Landes sein.


In Deutschland sind nur 3% der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft beschäftigt. Diese 3% erwirtschaften aber 24 Milliarden US$, daraus wird - nach Veredelung zu Ernährungsgütern - ein Exportvolumen von rund
35 Milliarden US$ erzeugt, im Gegenzug werden für rund 44 Milliarden US$ Ernährungsgüter importiert. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel macht aus alledem letztlich einen Umsatz in der Größenordnung von 200 Milliarden DM, was rund gerechnet einem Betrag von 1250 US$ pro Nase und Jahr entspricht. Setzen Sie diese 1250 Dollar ruhig in Relation zu den 26 Dollar, die der Vietnamese im Jahr zum Essen hat, nicht weil sich das so exakt und richtig vergleichen ließe, nicht weil man daraus einen gültigen Faktor errechnen könnte, nur damit Sie eine Vorstellung davon gewinnen, was ein Hochpreisland ist. Vielleicht vergleichen wir noch einmal anders: 3% der erwerbstätigen Deutschen schaffen in der Landwirtschaft einen Wert von 24 Milliarden US$; 69% der erwerbstätigen Vietnamesen schaffen in der Landwirtschaft einen Wert von 7 Milliarden US$. Im direkten Vergleich erwirtschaftet der in Deutschland landwirtschaftlich erwerbstätige Mensch ungefähr 20.000 US$ p.a., der Vietnamese aber nur 250 US$ und siehe da, schon wieder taucht das Verhältnis 1 : 80 auf.

Wir können uns den Vergleich der restlichen 30% erwerbstätiger Vietnamesen mit den restlichen 97% erwerbstätiger Deutscher guten Gewissens schenken. Wir werden dabei kaum zusätzliche Erkenntnisse gewinnen, die unserer Fragestellung nutzen. Unsere Fragestellung war, wo denn die Kaufkraft herkommt, und wie man Kaufkraft schaffen könnte. Wir haben herausgefunden, dass 50% der Vietnamesen mit einem Wirkungsgrad von 1,25% (im Vergleich zu deutschen Landwirten) für den Export landwirtschaftlicher Güter arbeiten, woraus Erlöse stammen, die nicht einmal ausreichen, um die Roh- und Brennstoff-Importe des Landes zu bezahlen. Da bleibt keine Kaufkraft übrig.
Würde Vietnam seine landwirtschaftliche Produktivität um den Faktor 80 steigern, wäre der Effekt höchstwahrscheinlich nur der, dass die Mehrproduktion zum überwiegenden Teil auf den Feldern verrotten müsste, weil der Weltmarkt voll ist mit den landwirtschaftlichen Produkten anderer Erzeugerländer. Vermutlich gäbe es darüber hinaus ein gewisses weiteres Absinken der Weltmarktpreise für landwirtschaftliche Erzeugnisse, was letztlich das leichte Mengenwachstum im vietnamesischen Export wertmäßig wieder ausgleichen könnte. Teuflisch, oder?
Andererseits hat Vietnam aber auch keine Chance, durch Verknappung des Angebotes die Preise nach oben zu treiben. Der Anteil landwirtschaftlicher Erzeugnisse aus vietnamesischer Produktion wäre sofort und ohne jegliche Verwerfung auf den Märkten durch Produkte anderer Staaten substituiert. Auch eine Boykottgemeinschaft aller armen Staaten, die landwirtschaftliche Güter exportieren, würde nicht weit helfen. Während einerseits die Industrienationen ein paar stillgelegte Äcker reaktivieren könnten, um auch nur den geringsten Anschein eines Mangels zu vermeiden, während die Weltmarktpreise tatsächlich einen leichten Aufwind bekämen, der auch die Bewirtschaftung von hochalpinen Weideflächen wieder lohnend erscheinen ließe, könnten die armen Staaten ihre Import-Rechnungen nicht mehr bezahlen. Abhängigkeit und Not würden sich verstärken, und wenn die landwirtschaftlichen Produkte wieder auf dem Weltmarkt in Erscheinung träten, gäbe es unmittelbar wieder einen Preisrutsch nach unten auf das alte Niveau oder noch darunter. Der einzige Weg, der einem solchen armen Land bleibt, ist es, sich Schritt für Schritt zur preiswerten Konkurrenz für die Industrie der reicheren Staaten zu entwickeln. Der Preis dafür sind niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen, hohe Arbeitszeitbelastung und hohe Umweltbelastung. Gelingt es dann, eine 12 V Autobatterie nach den Vorstellungen eines europäischen Herstellers in Vietnam zu fertigen und zu einem Preis anzubieten, der, Transport und Transportversicherung eingeschlossen, um 5% unter dem Preis des bisher günstigsten Anbieters liegt, dann kann es sein, dass eine vietnamesische Akkumulatorenfabrik 3000 Mitarbeiter einstellt, um jährlich 1 Million 12 V Batterien nach Europa zu verschiffen, womit ca. 20 Millionen Euro Exporterlöse generiert werden können. Der europäische Automobilbauer hat seine jährlichen Kosten damit um rund 1 Million Euro gesenkt. Vermutlich wird diese Million schlicht und einfach an die Aktionäre ausgeschüttet.
In Europa wird eine nicht mehr konkurrenzfähige Akkumulatoren-Fertigung geschlossen. Rund vierhundert Arbeitsplätze gehen verloren. Mit jedem weiteren Schritt der vietnamesischen Industrie auf den europäischen, japanischen Märkten und natürlich auch auf dem US-amerikanischen Markt verbessert sich die Kaufkraftsituation. Irgendwann bekommt Vietnam den Titel Schwellenland und steigt endlich zum Tiger-Staat auf. Der Preis, um den dies geschehen kann, sind viele lange Jahre freiwilliger Fronarbeit für die Industrienationen. Der Preis, den die Bevölkerung der Industrienationen dafür zahlt, ist eine wachsende Arbeitslosigkeit, nur gemindert durch ein allgemeines, weltwirtschaftliches Wachstum, was zum Beispiel heißt, dass noch öfter und noch schneller eine noch bessere Generation von Mobiltelefonen für noch mehr Nutzer auf den Markt muss, bis am scheußlichen Ende jeder Erdenbürger täglich zwei neue Mobiltelefone in Betrieb zu nehmen hat.
Japan hat diesen Weg geschafft. Schritt für Schritt. Wir haben jetzt mehr Fotoapparate und mehr Fernsehgeräte und mehr Videorecorder als wir brauchen, und sind gezwungen, uns alle Jahre mit einer neuen Generation von Videokameras auseinanderzusetzen. Die europäischen Hersteller von Unterhaltungselektronik sind im Zuge der japanischen Entwicklung weitgehend vom Markt verschwunden. Gleichzeitig hat sich Japan eine eigene Automobilindustrie aufgebaut, die den europäischen Automarkt immer wieder beunruhigt hat, ohne ihm allerdings je ernsthaft gefährlich zu werden und Japan hat erhebliche Kapazitäten im Bereich der Halbleiterindustrie und der Datenverarbeitung geschaffen. Europäische Manager haben ihren europäischen Mitarbeitern lange und ernst gemeinte Vorträge über die japanischen Tugenden gehalten und versucht, die für sie wichtige Seite dieser Tugenden auch bei uns zu etablieren. In Japan leben heute 335 Menschen auf dem Quadratkilometer, das Bruttosozialprodukt je Einwohner liegt bei 32.350 US$ und damit um mehr als 20% über dem deutschen Niveau. Nur noch 5,3% der erwerbstätigen Japaner arbeiten in der Landwirtschaft, die nur 1,8% des BSP erwirtschaftet. Japan gehört heute zu den großen Industrienationen.
Parallel dazu sind in Europa und in den USA Arbeitsplätze verschwunden oder haben sich in Arbeitsplätze im Billiglohnsektor zweifelhafter Dienstleistungsberufe verwandelt. Es tut mir Leid, aber ich muss die Binsenweisheit explizit verkünden:

Jedes überdurchschnittliche Wachstum einer Volkswirtschaft dieser Erde geht zwangsläufig zu Lasten des Wachstums anderer Volkswirtschaften.

Bitte bedenken Sie, wenn Sie Vietnam eine baldige, positive wirtschaftliche Entwicklung wünschen, dass Vietnam, auf dem Stand der Kunst, den wir heute in Deutschland haben, die komplette deutsche Wirtschaftsleistung substituieren könnte. Von daher wird die Frage nach der Kaufkraft als wesentlichem Kriterium bei der Beurteilung der Frage: "Überbevölkerung ja oder nein?" noch einmal hochgradig neu gestellt. Denn was bedeutete der zweite Weg, die Ankurbelung des wirtschaftlichen Wachstums, bis von Überbevölkerung nicht mehr die Rede sein kann, in der Konsequenz? Ich überlasse es Ihnen, die Grundrechenarten auf die wirtschaftlichen Basisdaten der Staaten dieser Erde anzuwenden. Auch ohne genau nachzurechnen, können wir davon ausgehen, dass die Aufrüstung der gesamten Weltbevölkerung zu ausreichend kaufkräftigen Konsumenten (so dass sie für die Wirtschaft interessant werden) nur in einer noch irrsinnigeren Wachstumsspirale aufgehen kann, als wir sie heute schon kennen. Wir alle müssten uns gegenseitig mit Waren und Leistungen derart überhäufen, dass wir mit dem Verschrotten nicht mehr nachkämen. Sie sehen, wir stoßen erneut mit der weichen Stirn gegen die harten Grenzen unseres Wirtschaftssystems und können nicht verstehen, warum eine so hochleistungsfähige Wirtschaft nur dann funktioniert, wenn sie einerseits überflüssigen Überfluss anhäuft und andererseits Regenwälder kahlschlägt. Lassen wir es vorläufig dabei bewenden.

Beschäftigen wir uns statt dessen mit einem weiteren Aspekt der Überbevölkerung, einem einigermaßen mess- und quantifizierbaren Aspekt, nämlich mit der Frage nach dem Ressourcenverzehr, der durch "Überbevölkerung" vorangetrieben wird.

 

Die Überbevölkerung,
ein Indiz für hohen Ressourcenverzehr?

Der Planet Erde, mit seinem Bauchumfang von rund 42.000 km, ist, gemessen am Universum, eine kaum wahrnehmbare und gewiss endliche Zusammenballung von Materie. Was für den einzelnen Menschen trotz Airbus und internationalem Luftverkehr immer noch gigantisch erscheint, ist für die Gesamtheit der Menschen nur noch ein sehr kleines Refugium, in dem sparsames und nachhaltiges Wirtschaften angesagt ist.
Lebensraum ist ja nur diese ganz "dünne" Schicht, die wir inzwischen Biosphäre nennen, der Bereich, in dem Asche zu Asche und Staub zu Staub wird, woraus bald neues Leben entstehen kann, um wieder zu vergehen. Wir vergessen, dass wir uns von der "Nährlösung" die uns umgibt nur strukturell unterscheiden, dass es nur unser genetischer Bauplan ist, der über unsere Gestalt, die Dauer und die wesentlichen Umstände unseres "autarken" Lebens entscheidet. Wir vergessen, dass auch die Biomasse auf dem Planeten endlich ist. Böden, Lebewesen, Wasservorräte und die Gashülle der Atmosphäre. Mehr ist nicht da. Das ist der Vorrat, aus dem wir schöpfen. Selbstverständlich ist diese Menge nicht vollständig konstant. Der Boden den wir heute kenne, ist erst durch Erosion und die Aktivitäten des Lebens entstanden, trotzdem ist er nur eine dünne Schicht auf der äußeren Erdkruste. Tiefer eingeschlossene Schichten organischen Materials, insbesondere Kohle und Erdöl werden von uns zurzeit in hohem Tempo unter Wärmeentwicklung in Gase verwandelt, hauptsächlich CO2 , und es finden Umwandlungen in Kunststoffe statt, die nur sehr langsam wieder in die Baustoffe der Biosphäre zerfallen werden.
Ein Blumentopf lässt uns das Grundprinzip erkennen. Irgendwann hat die Pflanze alles, was einmal Erde war, aufgenommen und in sich eingebaut. Wenn Sie den Wurzelballen aus dem Topf holen sehen Sie, dass der ganze Topf mit Pflanzenwurzeln ausgefüllt ist.
Theoretisch ist das auch das Szenario für das Ende einer ungebremst wachsenden Menschheit. Spätestens, wenn alles organische Material Mensch geworden ist, müssen alle verhungern. Wir wollen dieses Szenario nicht vertiefen, nicht über die grausamen Verteilungskämpfe und den notwendigerweise entstehenden Kannibalismus fantasieren. Wir wollen uns nicht die Frage stellen, ob die Züchtung kleinerer Menschen, die wir durch die Anwendung der Erkenntnisse der Genforschung vielleicht schon in der Hand haben, die Möglichkeit gibt, die Zahl der Individuen noch weiter zu steigern. Hauptsache ist, dass wir nie mehr auf die Idee kommen, die Erde sei eine Miniaturausgabe der Unendlichkeit. Ein bisschen unendlich gibt es nicht. Damit finden wir zu einer neuen Hypothese zur Überbevölkerung:

"Überbevölkerung liegt dann vor, wenn der Ressourcenverzehr einer Population auf einer bestimmten Fläche, innerhalb eines Zyklus, durch regenerative Systeme nicht wieder ausgeglichen werden kann."

Diese Hypothese eröffnet eine völlig neue Sichtweise, die sich erheblich von dem Gedanken der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, den wir bisher verfolgt haben, unterscheidet. Daher sollten wir hier eine Differenzierung einführen und zwei grundsätzliche Ausprägungen der Überbevölkerung annehmen:

a) die wirtschaftliche Überbevölkerung,
die erst dann eintritt, wenn die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit geringer
ist, als es von der Bevölkerungsdichte her notwendig wäre


b) die essenzielle Überbevölkerung,
bei der es zu einer Mangelversorgung auf Grund von Regenerations-
defiziten kommt.


Der Gegenstand dieses Kapitels ist die essenzielle Überbevölkerung. Dies ist kein Phänomen, das durch den Einfluss des menschlichen Geistes entstanden ist, wie die wirtschaftliche Überbevölkerung, sondern ein Phänomen, das als Kennzeichen eines Evolutionsprinzips verstanden werden muss, womit nicht behauptet werden soll, wir hätten keine Chance, uns damit vernünftig zu beschäftigen und die Problematik letztlich zu überwinden!
Sie kennen den Begriff der Industriebrache, Sie haben von der Landgewinnung der Niederländer durch Eindeichung gehört und Sie kennen aus diesen Zusammenhängen den Begriff der Pionierpflanzen. Sie haben von Ackerbau gehört und vom Wechsel der Fruchtfolge. Grundsätzlich steckt in allen diesen Bildern das Gleiche evolutionäre Prinzip. Eine Art, deren Eigenschaften besonders gut zu den Eigenschaften einer besiedelbaren Fläche passen, breitet sich dort aus, bis die ganze Fläche erobert ist. Damit haben sich die Eigenschaften der Fläche so verändert, dass dort jetzt andere Arten bessere Voraussetzungen finden und die Pionierpflanze zurück- oder ganz verdrängen. Ohne menschlichen Eingriff entsteht im Laufe der Zeit auf der Fläche eine Artengemeinschaft, deren Zusammensetzung sich möglicherweise kurzfristig zyklisch, insgesamt aber nur noch ganz langsam verändert. Eine solche Artengemeinschaft kann man als stabil bzw. selbst-stabilisierend bezeichnen. Eine stabile Artengemeinschaft bewegt sich am Rande der Leistungsfähigkeit ihres Systems, die gesamte im System enthaltene Materie und Energie befindet sich in einem ununterbrochenen regenerativen Kreislauf, dessen Ergebnis nichts anderes ist, als eine ständige Weiterentwicklung der Lebensformen, die in diesem Kreislauf gefangen sind. Die Grenzen zu anderen Lebensräumen mit anderen Artengemeinschaften sind meist fließend und an diesen Grenzen finden die wesentlichen Weiterentwicklungsprozesse statt, an diesen Grenzen können Mutanten ihre Tauglichkeit beweisen, neue Lebensräume zu erobern.

Das Eindringen einer fremden Art in eine funktionierende Artengemeinschaft bleibt nicht ohne Folgen. Besonders schlimm sind die Folgen dann, wenn damit die aufeinander abgestimmten regenerativen Zyklen, die Nahrungsketten oder beides gestört werden. Doch ganz grundsätzlich versucht jede Art, auch im allerstabilsten Öko-System, sich permanent gegenüber allen anderen Arten einen Vorteil zu schaffen, einen Vorteil, der nach und nach zur Dominanz dieser Art führt, und es ist denkbar, dass die Evolution, wenn man ihr nur genug Zeit gibt, irgendwann eine Art hervorbringt, die sich selbst als Artengemeinschaft genügt, die also in ihrem Lebensraum alleine und ohne Konkurrenz existieren kann und dabei alle(!) Ressourcen nutzt, einer zweiten Art also keinerlei Lebensgrundlage mehr bietet.
Der Mensch ist sicherlich weit fortgeschritten auf dem Weg zur Dominanz, aber er ist noch weit davon entfernt, sich selbst genug zu sein. Er lernt es zurzeit zwar, die Zahl der Arten, mit denen er seinen Lebensraum zu teilen hat, zu reduzieren, er nutzt seine Fähigkeit, zwischen Nützlingen und Schädlingen zu unterscheiden und er hat es noch immer geschafft, aus den Fehlern, die er dabei zwangsläufig gemacht hat, neue Erkenntnisse und verbesserte Handlungsweisen abzuleiten, aber er hat es noch nicht geschafft, seine Aktivitäten den Regenerationszyklen anzunähern. Noch schöpft er auf vielen Gebieten aus dem Vollen und hofft darauf, dass die Vorräte solange reichen werden, wie er braucht, um seine Systeme und Verfahren dem Wirkungsgrad der Natur anzunähern.

Wenn Sie den letzten Absatz für puren Zynismus halten, dann muss ich Ihnen an dieser Stelle sagen, dass er nicht zynisch gemeint ist, sondern nur eine sehr, sehr schmerzliche Einsicht zum Ausdruck bringen soll. Wir sind ein Teil der Evolution und können nicht so einfach aus dieser Haut heraus. Der Schaden, den wir an der von uns so genannten "Umwelt" anrichten ist der Wandlungsprozess eines Lebensraumes, die Veränderung von Artengemeinschaften, die Ausbildung eines menschendominierten Biotops.
Es ist alleine unser Experiment. Geht es gut, werden wir den biblischen Auftrag, uns die Erde untertan zu machen, endlich erfüllt haben. Geht es schief, werden seltsam anmutende Wesen irgendwann nach 60.000 oder 100.000 Jahren unsere Knochen betrachten und sich fragen, warum wir ausgestorben sind.
Wenn wir das Ziel des Lebens auf der Erde als eine ständige Weiterentwicklung, hin zu einer heute noch gar nicht zu beschreibenden Vollkommenheit, ansehen, dann kann es eine essenzielle Überbevölkerung nur aus dem schmalen Blickwinkel einer einzelnen Art geben -- die Biomasse, mit ihren fast unendlichen Möglichkeiten der Selbstorganisation, wird dadurch nicht nachhaltig beschädigt. Beziehen wir einen etwas egoistischeren Standpunkt, sehen wir also das Ziel des Lebens auf der Erde darin, dass es möglichst vielen Individuen der Spezies Mensch möglichst gut geht, dann bekommt die essenzielle Überbevölkerung eine andere Skalierung.
Noch diffiziler wird die Betrachtungsweise, wenn wir es als das Ziel des Lebens auf unserem Planeten ansehen, dass es möglichst vielen Menschen möglichst gleich gut geht! Zu Beginn der menschlichen Entwicklung hätte ein Weiser zur Lösung dieser Aufgabe feststellen müssen, welche Fläche ein Mensch braucht, um darauf alles zu gewinnen, was er für sein Leben (und seinen Genuss!) braucht. Dann hätte man die Landfläche gleichmäßig in Parzellen dieser Größe teilen und jedem Menschen eine dieser Parzellen zuweisen können. Weil eine größere Parzelle gar nicht hätte bewirtschaftet werden können, oder die zusätzlichen Erträge einfach "überflüssig" gewesen wären, eine größere Parzelle also keinen zusätzlichen Nutzen abgeworfen hätte, wäre damit die Frage nach der maximalen Zahl der Menschen das Ergebnis einer einfachen Division gewesen.
Heute ist das nicht so einfach. Heute geht es einem großen Teil der Menschheit besser, als es den damaligen Menschen gegangen ist. Die Ursache dafür liegt darin, dass die Menschen sich arbeitsteilig organisierten und sich mit technischen Mitteln in die Lage versetzt haben, das Ergebnis ihrer Arbeit zu vervielfachen. Produktivitätsfortschritt, eben. Die arbeitsteilige Organisation in Verbindung mit dem Ersatz von menschlicher Arbeit durch Technik, also durch Intelligenz und Kapitaleinsatz, führte dazu, dass der Lebensstandard eines kleinen Teils der Menschheit viel höher ist, als der Lebenstandard des größten Teils der Menschheit und über die Extremausprägungen wollen wir uns in diesem Zusammenhang gar nicht erst unterhalten. Wollte unser Weiser heute feststellen, was ein Mensch maximal für sein Leben und seinen Genuss braucht, dann wird er feststellen, dass die Möglichkeiten des einzelnen Menschen, sich mit Genuss und Luxus zu umgeben, praktisch nicht mehr begrenzt sind. Im ersten Iterationsschritt müsste er also zu der Erkenntnis kommen, dass "ein Mensch pro Welt" die optimale Bevölkerungsdichte darstellt, zwei Menschen pro Welt hingegen schon deutliche Züge von Überbevölkerung trügen. Im zweiten Iterationsschritt wird unser Weiser dann aber feststellen, dass dieses Maß an Luxus und Genuss, das ein Einzelner sich wünschen kann, durch die Arbeit dieses Einzelnen bei allem Produktivitätsfortschritt nicht dargestellt werden kann, auch deshalb, weil er sich für die Arbeit seines Kapitals selbst keine Zinsen zahlen könnte, was ganz am Rande die Frage aufwirft, ob Kapital wirklich arbeitet oder ob es in Wahrheit doch nur faul herumliegt. Weil ein Einzelner das Maß an Luxus und Genuss, das er sich wünscht, nicht erarbeiten kann, werden auch viele Einzelne es niemals schaffen, dass jeder von ihnen das vorstellbare Höchstmaß an Luxus und Genuss erreicht.
Dem Weisen wird jetzt klar, dass er vor einem Dilemma steht: Versucht er, auch nur einem einzigen Menschen das denkbare Höchstmaß an Lebensqualität zukommen zu lassen, müssen dafür sehr viele Menschen arbeiten und mit weit weniger Wohlstand zufrieden sein, wobei jeder dieser Menschen durch seine pure Existenz und die Erfüllung seiner Grundbedürfnisse (in einer endlichen Welt) die Möglichkeiten des einen Privilegierten zwangsläufig beschränken wird. Will unser Weiser dieses Problem lösen, muss er nach einer Optimierungsregel suchen, die ihm sagt, wie luxuriös dieser EINE höchstens leben kann, wenn die Zahl derjenigen, die für ihn arbeiten, nicht so groß werden soll, dass sie seinen Luxus schon wieder beeinträchtigen. Mit diesem Lösungsweg hat er zudem eine weitere Maßzahl für den Begriff der Überbevölkerung eingeführt. Denn die Zahl von Menschen, die den Luxus des einen Reichen schaffen, ohne ihn schon wieder zu beeinträchtigen, ist die Obergrenze dessen, was der Planet zum jeweiligen Stand der technischen Entwicklung hergibt. Auch wenn es sich 100 oder 1000 oder 10.000 Reiche teilen müssen.
Es wird sofort klar, dass niedrigste Löhne und längste Arbeitszeiten, insbesondere auch lebenslanges Arbeiten, sich bei diesem Optimierungsprozess vorteilhaft auswirken, weil dadurch der Reichtum der Reichen wächst, ohne dass dafür mehr (störende) Menschen gebraucht würden. Je mehr sich aber die reichtums-schaffenden Massen für sich selbst abzweigen, desto weniger bleibt für die eigentlichen Reichtumsempfänger übrig! Ein Ausgleich könnte nur über den Einsatz von zusätzlichen, hochgradig bescheidenen und pflegeleichten Menschen gelingen: 10.000 landwirtschaftliche Arbeiter in einem Barackenlager auf einem Hektar Fläche untergebracht, das ist doch übersichtlicher und stört den freien Blick weit weniger, als statt dessen 5000 Einfamilienhäuser auf einer Fläche von 500 Hektar betrachten zu müssen!
Versucht unser Weiser sich aus dieser Falle zu befreien und auf der anderen Denkschiene festzustellen, welcher Wohlstand gleichmäßig auf jeden Menschen entfallen könnte, wenn jeder sich mit allen Kräften an der Mehrung des allgemeinen Wohlstands beteiligen würde, dann muss ihm einfallen, dass das nicht funktioniert, weil der Mensch eben nicht nach Gleichheit und Brüderlichkeit, sondern nach Freiheit und Selbstherrlichkeit strebt, wofür im 20. Jahrhundert von den kommunistischen Parteien vieler Nationen der Beweis angetreten wurde. Ansonsten wäre es wieder nur eine einfache Divisionsaufgabe gewesen: Gesamtproduktion geteilt durch Weltbevölkerung.


Ist Überbevölkerung also eine Frage des Ressourcenverzehrs? Ja und nein! Die Endlichkeit der materiellen Ausstattung der Biosphäre ist wirkungsvolle Begrenzung für das Dominanzstreben einer Art. Es kommt dabei nicht darauf an, ob Reiche oder Arme die Ressourcen verbrauchen, ohne sie regenerativ wieder in den Kreislauf einspeisen zu können, und es ist eine Binsenweisheit, dass es die Reichen sind, die die Ressourcen verbrauchen und die Armen dazu veranlassen, Ressourcen zu vernichten. Das Maximum des Ressourcenverbrauches stellt sich dann ein, wenn das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Armen und Reichen mit dem Leistungsvermögen der jeweiligen technischen Hilfsmittel harmoniert, also ein Optimum an Lebensqualität für die herrschende Kaste erreicht ist. Jedes Mehr an Ressourcenverbrauch wird verhindert werden, weil es vom Optimum der Lebensqualität der Reichen wegführt. Jeder weitere Produktivitätsfortschritt wird die Zahl der Menschen, deren Arbeitskraft für die Herstellung dieses Optimums gebraucht wird, sinken lassen. Am Ende der Entwicklung steht dann wirklich ein Mensch pro Planet, eingesponnen in einen Kokon technischer Systeme, die lebenslang höchste Wonnen generieren, wie es in so mancher Sience Fiction Story schon angeklungen ist.

Damit bin ich mit der Suche nach einer gültigen Definition für den Begriff der Überbevölkerung am Ende. Vielleicht haben Sie einen besseren Ansatz gefunden, vielleicht wissen Sie schon präziser, was Überbevölkerung ist, wen sie bedroht, wie Überbevölkerung entsteht und wie sie mathematisch statistisch nachgewiesen werden kann, wenn nicht, dann sollten wir noch einmal gemeinsam zusammenfassen, was wir über die Überbevölkerung herausgefunden haben:

Überbevölkerung ist und bleibt, auch nach näherer Betrachtung, ein schillernder Begriff, der mehr zur Verwirrung beiträgt, als zur Verständigung über tatsächliche Sachverhalte.


Es ist offensichtlich, dass die Aufnahmefähigkeit unseres Planeten begrenzt ist, es ist aber genauso offensichtlich, dass sie noch nicht erschöpft ist.


Hohe Bevölkerungsdichte alleine macht noch keine Überbevölkerung, erst wenn das Verhältnis zwischen Einwohnerzahl und wirtschaftlicher Leistungskraft eines Staatsgebildes ungünstig wird, kann Überbevölkerung angenommen werden.


Es besteht eine Neigung, wirtschaftlich 'schwache Bevölkerungsteile' als Überbevölkerung auszugrenzen, was durch ausgeprägtes Klassenbewusstsein, Denken in hierarchischen Strukturen oder Kastensystemen unterstützt wird.


Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird von Überbevölke-rung in letzter Konsequenz immer dann die Rede sein, wenn es mehr Menschen gibt, als für die optimale Versorgung der Reichen gebraucht werden.

Lassen wir es vorläufig bei diesen Erkenntnissen. Sie sind wichtig, um die Strategien und Lösungsansätze zu verstehen, zu denen wir uns Seite für Seite mühsam hinarbeiten.


Mehr zu Überbevölkerung, Arbeitslosigkeit und Ebbe in den Sozialkassen - mehr zu der Frage, warum die Verheißungen des Kapitalismus, angefangen von der Formel "Wohlstand für alle!" einfach nicht eintreten wollen,
und einen Vorschlag, für eine vernünftige Gestaltung des Wirtschaftens auf dieser Welt

finden Sie in Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band II



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