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Leseprobe aus

Egon W. Kreutzer,
Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre, Band II





Arbeitslosigkeit,

eine Folge der Rationalisierung

Als junger Mann, noch nicht ganz 30 Jahre alt, habe ich begeistert mitgeholfen, Arbeitsplätze zu vernichten. Ich war stolz darauf, mein Handwerk als Organisator, als Organisationsplaner zu beherrschen, die Stellen in den Fabriken und Verwaltungen zu erkennen, an denen sich Geld einsparen ließ, durch Vereinfachungen, Verbesserungen, Rationalisierung...
Ich stehe dazu und will mich dafür nicht entschuldigen, ich bedaure nur, dass ich diesen Job für so wenig Geld gemacht habe, denn der Nutzen war immens, nur nicht für mich. Seitdem sind 20 Jahre vergangen und immer noch wird überall wie wild rationalisiert. Es ist augenfällig, dass immer neue Erkenntnisse, neue Möglichkeiten immer schneller in die Welt gesetzt und genutzt werden, um die Arbeit zu reduzieren.

Warum hat denn inzwischen fast jeder Europäer ein Mobiltelefon? Weil es sich trotz seiner unglaublichen technischen Komplexität fast vollautomatisch herstellen lässt, und im einzelnen Handy kaum mehr menschliche Arbeit steckt (Entwicklungsaufwand nicht berücksichtigt), als in einem Stück Apfelkuchen. Wir brauchen nicht spekulieren, wir müssen nur 15 Jahre zurückblicken, da war das Autotelefon noch der blanke Luxus und viel zu teuer für den Normalverbraucher, weil es die damalige Technik noch nicht ermöglichte, preiswerte Mobiltelefone herzustellen.

Hier müssen wir uns nun näher mit der Theorie des abnehmenden Ertragszuwachses beschäftigen, von der es unterschiedliche Ausprägungen gibt.

Ein Beispiel:

Mit 50 kg Kunstdünger lässt sich der Ertrag eines Feldes verdoppeln. Statt 50 Doppelzentner Kartoffeln ohne Düngung können so 100 Doppelzentner geerntet werden.

Werfen Sie 100 kg Kunstdünger auf das gleiche Feld ernten Sie 120 Doppelzentner.

Streuen Sie 150 kg Kunstdünger aus, bleibt es trotzdem bei einer Ernte von 120 Doppelzentnern,

...und steigern Sie die Düngung auf 200 kg Kunstdünger, kann es sein, dass Sie überhaupt keine geniessbare Kartoffel mehr ernten können.


Das war die eine Ausprägung der Theorie des abnehmenden Ertragszuwachses. Die andere Ausprägung sagt:

Der Nutzen eines Wirtschaftsgutes sinkt proportional zum Maß seiner allgemeinen Verfügbarkeit.

Sie verstehen das sofort, wenn Sie sich vorstellen, Sie hätten in Deutschland, mit all seinen wunderbar ausgebauten Straßen und Autobahnen das einzige Auto, und es gäbe auch sonst keine vergleichbar schnellen und komfortablen Verkehrsmittel. Sie könnten in wenigen Tagen ein Vermögen verdienen, nur damit, dass Sie als Taxifahrer für die Reichen und Superreichen unterwegs wären. Tatsächlich ist der Nutzen Ihres Autos auf unseren überfüllten Straßen inzwischen mehr als fragwürdig geworden, weil es mit dem Auto -- wenn überhaupt -- nur noch mit Glück oder mit viel Ausdauer gelingt, näher an das eigentliche Ziel heranzukommen, als mit der Bahn oder mit dem Flugzeug. Es ist nicht ganz richtig, Herankommen geht schon, aber Aussteigen geht nicht, weil alle Parkplätze, auch die verbotenen, dauernd von den Autos besetzt sind, die im Stau keinen Platz mehr gefunden haben.

Warum erzähle ich Ihnen das?

Eigentlich nur, damit Sie verstehen, dass das Navigationssystem in Ihrem Auto, die Videocamera für Ihre Urlaubsfilme und auch die Teflonpfanne in Ihrer Küche nur noch ziemlich nutzlose Kopien der Originale darstellen.

Bitte, natürlich funktionieren alle diese Dinge ganz prima, weitaus besser noch, als die ersten erstaunlichen Exemplare, aber sie haben nur noch einen ganz geringen Nutzen. Die meisten haben sogar gar keinen Nutzen mehr, nur der Verbraucher bemerkt das gar nicht. Er ist glücklich in der Gewissheit, sich diese teure Fotoausrüstung leisten zu können und dann knipst er mit der ganzen Intelligenz seiner 32 verschiedenen Belichtungsprogramme seine Diafilme voll, kauft sich auch noch die Rähmchen dazu und die Schlitten und den Projektor und denkt, dass er sich die vielen schönen Bilder als Rentner gerne immer wieder ansehen wird.

Die Wahrheit ist, dass Milliarden von Dias und Papierabzügen nach einmaligem Ansehen und jahrzehntelangem Herumliegen bei der Wohnungsauflösung von den Entrümpelungsfirmen auf den Müllberg gekippt werden. Zusammen mit den haarsträubend altmodischen Kameras und Projektoren, die heute niemand mehr geschenkt haben will, obwohl sie doch vor noch nicht allzu langer Zeit das Beste vom Besten waren.

Die ersten Autotelefone waren hochrangigen Politikern, Militärs und Geschäftsleuten vorbehalten. Die Technik konnte kosten, was immer sie wollte, der Nutzen war unendlich. Der Informationsvorsprung, die Möglichkeit aus dem fahrenden Auto heraus in der eigenen Firma präsent zu sein: Der Wahnsinn!


Genau dieser Nutzen lockt das gemeine Volk an und mit den Zuhältern und Buchmachern in vorderster Front stoßen neue Nutzer in dieses teure Marktsegment vor und fühlen sich damit genauso privilegiert wie der amerikanische Präsident oder der Chef der Commerzbank oder wie ein hochdekorierter General der russischen Armee, die inzwischen aber schon mit einer neueren Technologie bedient werden.

Die bei dieser ersten Welle von Zweitnutzern erzielten Gewinne sollten im Allgemeinen ausreichen, um die Fertigungsstraßen für die Massenproduktion zu finanzieren. Das Mobiltelefon, um im Beispiel zu bleiben, wird danach zum absoluten Massenartikel, mit dem globusweit die gleichen stereotypen Unterhaltungen geführt werden (Beispiele: "Wie geht es dir - mir geht es gut." , "Ich liebe dich" - "Ich dich auch." , "Ich komme später nach Hause" - "Aber beeil dich bitte." , "Bei uns scheint die Sonne" - "Bei uns nicht", "Ich muss auflegen, weil mein Akku leer ist").

Warum ein zwölfjähriger Schüler ohne Handy nicht mehr auskommt, ist nicht nachzuvollziehen, aber er hat es, und er wirft von jetzt an alle zwei Jahre ein veraltetes Modell weg, und jedes Mal macht jemand einen Gewinn dabei. Und unsere Politiker stehen an allen Straßenecken und schreien "Wachstum, Wachstum" in die Mikro- und Megafone, als wüssten Sie, warum. Bei dieser Schlacht um die schnelle allgemeine Verfügbarkeit neuer Technologien, deren Wert gering geworden ist, wenn Sie beim Bürger allgemein verfügbar sind, entsteht das, was heutzutage als "strukturelle Arbeitslosigkeit" bezeichnet wird.

Stellen Sie sich einfach vor, Ferngespräche wären bis 1990 ausschließlich über die Buschtrommel geführt worden und seit 1990 ausschließlich per Mobiltelefon.

Da ist es doch klar, dass alle Buschtrommelfabriken und die darin Beschäftigten auf einen Schlag nutz- und arbeitslos sind, während die Mobiltelefonfabriken und die Basisstationshersteller und die Softwarefirmen für die Telefonie plötzlich händeringend nach den ausländischen Spezialisten rufen.

Auch der beste Buschtrommelbauer wird seinen Arbeitsplatz zwangsläufig und unvermeidlich verlieren, wenn keine Buschtrommel mehr gebraucht wird. Dieses blöde Beispiel habe ich gewählt, weil ich gleichzeitig darauf aufmerksam machen will, dass sich die Veränderungsgeschwindigkeit so stark erhöht hat, dass man auch beim besten Willen um diese strukturelle Arbeitslosigkeit gar nicht mehr herumkommt.

Sehen Sie sich doch einfach um: Vom Volksempfänger über den UKW-Standard zum Stereoradio und zum Digitalen Radio, das waren 60 Jahre in denen sich die Basistechnologie viermal gewandelt hat. Damit aber nicht genug. Fortschritte in der Entwicklung der Bauteile ließen die Röhren auf einen Schlag aus den Radios verschwinden, Leiterplatten ersetzten Drähte und Sensoren ersetzten komplizierte feinmechanische Schalter. In der weiter detaillierten Betrachtung finden wir jetzt auch noch die Modell- und Ausstattungspolitik der Hersteller und damit eine immense Zahl von Veränderungsprozessen, von denen oft und oft ganze Fabriken, ja Unternehmen betroffen waren.


Sehen Sie sich an, wie sich die Druckgeräte der Datenverarbeitung entwickelt haben:

Von krachenden Monstern (Ketten- und Nadeldruck) zu flüsternden Tintenspritzern und Laserdruckern. Jedesmal wurden dabei aus Spezialisten wieder Laien, weil ihr Spezialwissen über Nacht entwertet worden war. Dies umso mehr, als die Unternehmer verstärkt darauf setzen, eine neue Entwicklungslinie auch mit neuen Mitarbeitern hochzuziehen. Auch dafür gibt es einen praktischen Sachzwang: Die Produktlebenszyklen müssen sich überlagern, wenn man das Tempo des Marktes mithalten will.


Der Typus Entwickler, der mehrere Generationen eines Produktes aufeinander folgend betreut, ist damit praktisch ausgestorben. Statt dessen wird er eine "Generation A" und später noch einmal eine "Generation C" oder "D" vom Start weg bis zur Marktdurchdringung begleiten. Gehen wir davon aus, dass ein Mensch, wenn er gut ist, drei Technologiesprünge mitmachen kann, bevor er einfach nicht noch einmal von vorne anfangen will, gehen wir davon aus, dass ein Produktlebenszyklus noch kein Technologiesprung ist, dass wir also von einem Nutzungszeitraum bestimmter Spezialkenntnisse in der Größenordnung von immer noch fünf Jahren ausgehen können, dann muss der Spezialist, der mit knapp 30 Jahren von der Hochschule gekommen ist, sich ein paar Jahre lang orientiert hat um dann erstmals richtig einzusteigen, spätestens als Fünfzigjähriger erkennen, dass ihn keiner mehr braucht, und dass ihm keiner (er selbst i.d.R. eingeschlossen) mehr zutraut, noch einmal vorne mit dabei zu sein.

Wer es bis dann nicht geschafft hat, eine mehr akquisitorische, administrative oder leitende Funktion zu erreichen, der muss sehen, wo er bleibt, das Angebot zur Frühverrentung annehmen, oder auf die Entlassung und den Sozialplan warten. Bitte, was wollen Sie heute noch mit dem Mann, der zwar zwischen 1972 und 1981 29 Patente rings um den Nadeldrucker angemeldet hat, der sich aber heute ständig fragt, wo um alles in der Welt im Laserdrucker die Nadeln versteckt sind. Der ist doch reif für die Klapse, oder? Und so ist es uns am Ende doch noch gelungen, einen Zusammenhang zwischen technischem Fortschritt und Arbeitslosigkeit zu finden, wenn auch ganz anders, als anfänglich vermutet.

Das, was strukturelle Arbeitslosigkeit genannt wird, hat seine Wurzeln im qualifikationsvernichtenden Fortschritt. Wer auf Grund solchen Fortschritts arbeitslos geworden ist, wird kaum jemals wieder eine gleichwertige Anstellung finden. Ist eine ganze Region vom technischen Fortschritt sitzen gelassen worden, dann kann allenfalls dafür gesorgt werden, dass die ganz Jungen durch strukturellen Umbau noch eine Chance bekommen. Die Älteren haben verloren. Natürlich könnte immer noch irgendwo ein Buschtrommelwerk betrieben werden, solange bis die letzten Buschtrommler pensioniert sind. Mit dem richtigen Marketing ließen sich dafür sogar Abnehmerkreise erschließen. Wie ist denn die Swatch-Uhr vermarktet worden? Wie eine Briefmarke, von Anfang an als Sammlerstück, warum sollte das mit Buschtrommeln nicht möglich sein?

Nun, es wäre möglich, es wäre vielleicht sogar sinnvoll, es könnte sich durchaus auch rechnen, aber die Karawane zieht weiter. Ein Kamel, wer zurückbleibt. Und ein paar Arbeitslose brauchen wir doch, am besten so zwischen 8 und 12 %.


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