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Leseprobe aus

Egon W. Kreutzer,
Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre, Band II


Die Arbeitslosigkeit,

eine einzigartige Chance und ein paradiesischer Zustand

Als die ersten sesshaften Bauern den Pflug erfanden, und später noch einmal, als es erstmals gelang, ein Zugtier vor den Pflug zu spannen, da müssen diejenigen, die an diesen epochalen Erfindungen teilhatten, das nahe bevorstehende Ende des Hungers, der Armut und der schweren Arbeit mit der gleichen Sicherheit und Überzeugung vorhergesagt haben, wie heutzutage gelegentlich noch der nahe Weltuntergang von fanatischen Sektierern verkündet wird.

Eine Basistechnologie war geboren.

Die bisher wochenlange Arbeit der gesamten Dorfgemeinschaft wurde jetzt von 2 Männern und einem Tier mit Hilfe des Pfluges in weniger als einer Woche bewältigt. Kurz darauf wurde die Sense erfunden, zumindest eine Frühform derselben. Das mühsame Halmezupfen hatte sich erübrigt, ein Mann mit der Sense schaffte an einem Morgen die Arbeit, die früher 20 Frauen beschäftigte.

Und so ging es weiter.

Heute kann ein Farmer mit einem computergesteuerten, GPS-kontrollierten Mähdrescher vom Wohnzimmer aus, mit hochgelegten Füßen ein Feld in der Größe von 50 Hektar, das sind 500.000 Quadratmeter, an einem Tag ratzeputz abernten.

 

Nun ja, jemand muss die Lkws fahren, die die Ernte wegschaffen, und jemand muss auch mal ein paar Liter Diesel nachfüllen, aber die Maschine macht die Arbeit in 12 Stunden, für die früher 100 Männer und Frauen ungefähr drei Wochen gebraucht haben. Ein Simplicius Simplicissimus käme auf die Idee nachzufragen, was denn die vielen satten Menschen vor Langeweile jetzt treiben, den lieben langen Tag und er wird zur Antwort bekommen, dass es immer noch Arbeit in Hülle und Fülle gäbe und manche Arbeit gar nicht gemacht würde, weil es keiner mehr bezahlen könne, und dass die meisten Menschen einen großen Teil ihres Lebens in finsteren Fabriken verbringen, um dann zuhause die Hausarbeit zu machen und die Steuererklärung, bevor sie den Rasenmäher reparieren, dass diese Leute Tag für Tag todmüde ins Bett fallen, in aller Herrgottsfrühe wieder vom Wecker herausgeklingelt werden um es letztlich zu schaffen, zwei oder drei Wochen im Jahr faul an einem Strand zu liegen, bevor sie sich wieder in die unerbittliche Fron stürzen.

"Ei, wie?", würde unser Simplicius nachfragen, "wo war denn diese Arbeit früher, als dafür keine Zeit war, weil alle noch den Boden mit der Hacke aufreißen und die Halme einzeln zupfen mussten?"

Sie wissen es, lieber Leser, denn so wird es uns erklärt: "Die Arbeit, die wir jetzt den ganzen Tag über verrichten, die uns fast zermalmt, wenn wir Arbeit haben und die wir uns sehnlich wünschen, wenn wir arbeitslos sind, dient nicht mehr in erster Linie der Ernährung, sondern im allerhöchsten Maße unserer Bequemlichkeit".

Entschuldigen Sie, wenn ich hier einhake und laut: "So ein Blödsinn!" ausrufe. Glauben Sie wirklich, dass wir wie die Verrückten arbeiten, weil das unserer Bequemlichkeit dient?

Wo sind denn diese atemberaubenden Fortschritte in der Produktivität der letzten 5000 Jahre geblieben. Wenn am Anfang ein Mensch an jedem Tag seines Lebens 16 Stunden arbeiten musste (112 Wochenstunden) und 8 Stunden Schlaf brauchte, um zu überleben, dann war aus dieser Sicht betrachtet der Fortschritt eher marginal.

Denn heutzutage ist der Mensch, der Arbeit hat, mindestens 10 Stunden am Tag durch seinen Arbeitsplatz beansprucht. Die 37,5 Stunden sind doch nur die Netto-Zeit.

Denken Sie daran, wo und wie Sie ihre Zwangspausen verbringen, wie lange Sie brauchen, um den Arbeitsplatz zu erreichen und wieder nach Hause zu kommen, denken Sie an die Besprechungen, die über den Feierabend hinaus dauern und an die Überstunden, die immer wieder gefordert werden, denken Sie an die Zeit, die Sie für Ihre Steuererklärung brauchen, wie oft Sie an der Tankstelle stehen, weil Sie für den Arbeitsweg Benzin brauchen, welche Bücher und Zeitschriften Sie zuhause lesen, weil Sie die Informationen am Arbeitsplatz brauchen, denken Sie an die Dienstreisen, die am Abend vorher beginnen und an das Vergnügen, dass die Übernachtung im Hotelbett macht, und Sie wissen, dass 10 Stunden eher zu niedrig gegriffen sind.

Außerdem haben wir jeden Tag mindestens 2 Stunden zu tun, um das zu erledigen, was heute nicht mehr Arbeit heißt, aber deswegen doch immer noch Arbeit ist. Das trifft für die so genannten Werktage zu, und es ist an den so genannten arbeitsfreien Tagen nicht viel anders. Wer einen Haushalt und vielleicht noch einen Garten zu betreuen hat, wer ein Auto und ein Fahrrad besitzt, sich weiterbildet und ein berufsnahes Hobby pflegt, der kommt auf vergleichbare 84 Wochenstunden, wobei die berühmten drei Wochen Urlaub am Strand im Durchschnittswert schon berücksichtigt sind.

Wer darüberhinaus auch noch Frau ist, und verheiratet und/oder mit Kindern gesegnet, kann für sich in Anspruch nehmen, auch heute noch deutlich über 100 Wochenstunden zu arbeiten.

 


Wie sieht es nun mit dem Arbeitslosen aus, hat der die 50 - 60 Stunden in der Woche übrig, die sich rein rechnerisch ergeben sollten?

Wenn er nicht nur arbeitslos gemeldet, sondern wirklich geldlos und arbeitssuchend ist, dann nicht. Die Unterstützung die der Arbeitslose bekommt, reicht nämlich absolut nicht aus, um den gewohnten Lebensstandard zu sichern. Laufende Verpflichtungen aus Krediten und Ratenkaufverträgen und die Kosten des laufenden Unterhaltes waren vorher so austariert, dass man über die Runden kommen, im günstigsten Fall sogar noch etwas sparen konnte - kaum ist der Job weg, bricht dieses ganze fragile Gebäude finanzieller Ausgewogenheit zusammen. Der Arbeitslose rennt zum Arbeitsamt, er kauft sich die dicken Wochenendausgaben der Tageszeitungen mit den Stellenanzeigen. Er schreibt Bewerbungen, er stellt sich vor. Dazwischen der Besuch bei der Schuldnerberatungsstelle, die Gespräche mit der Bank, das Abwimmeln des Gerichtsvollziehers. Nach einiger Zeit die Räumungsklage vom Vermieter, die Einweisung in eine städtische Wohnung, der Abschied von vielen Möbeln, der Abschied vom Auto.........


Mit zunehmender Aussichtslosigkeit, eine reguläre Stelle zu bekommen, erhöht sich die Anfälligkeit für Schwarzarbeit, Gelegenheitsjobs und den Einstieg in die Kriminalität. Alles zeitraubende Beschäftigungen. Mit immer schneller schmelzenden Geldmitteln erhöht sich die Zeit, die dafür aufgewendet werden muss, die billigsten Sonderangebote ausfindig zu machen, und die Zeit, die man braucht, um mit den Einkaufstaschen von Supermarkt zu Supermarkt zu laufen, denn alles unter einem Dach zu kaufen, das können sich nur die leisten, die das auch bezahlen können, die nicht auf die Sonderangebote angewiesen sind. Die wenigsten Arbeitslosen gönnen sich die Pause, die die Arbeitslosigkeit sein könnte. Die wenigsten Arbeitslosen genießen es, wochen- oder jahrelang nur dem nachzugehen, was sie selbst tun möchten, weil sie es sich schlicht nicht leisten können.

Erst wer sich auf einem neuen, niedrigen Existenzniveau eingerichtet hat, wer seine Bedürfnisse an seinen Möglichkeiten ausrichten konnte, kann sich die Pause nehmen. Um diese Pause aber auszufüllen, fehlt das Geld. Das einzige Freizeitvergnügen das nichts kostet, ist es, im öffentlichen Park spazieren zu gehen. Dies zumindest solange, wie Bekleidung und Frisur noch in Ordnung sind, lässt das Outfit allzu sehr nach, wird der Penner vertrieben.

Lesen, Fernsehen, Kino, Schach, Kreuzworträtsel, Radfahren, alles kostet Geld und diese Kosten sind in den 500 Euro, die der Langzeit-Arbeitslose zur Verfügung hat einfach nicht enthalten. Wenn wir uns die Aussagen dieses Kapitels insgesamt vor Augen halten, dann führt das zwangsläufig zu der Erkenntnis, dass der ganze technische Fortschritt -- von Adam und Eva bis zu uns -- nur einen ganz geringfügigen Rückgang der Arbeitslast hervorgebracht hat, ein Rückgang, der wahrscheinlich auf Null zusammenschmilzt, oder gar negativ wird, wenn man sich die Zustände von vor 5000 Jahren etwas realistischer und damit freundlicher vorstellt. Fragen Sie sich selbst, ob die Arbeit damals nicht doch eher so war, wie wir es aus den Tierfilmen von den Gorillas kennen: Nahrung suchen, essen, Nest bauen, schlafen, Spaß haben, Nahrung suchen, essen, Feinde vertreiben, Nest bauen, schlafen...


Daraus lässt sich unwiderlegbar folgern, dass der technische Fortschritt, die Rationalisierung, die Arbeitsvereinfachung nicht dazu dient, die Menschheit von der Bürde der Arbeit zu befreien. Daraus folgt der Schluss, dass Rationalisierung und Arbeitslosigkeit entgegen landläufiger Annahme in Wahrheit überhaupt nichts miteinander zu tun haben können, und zu diesem Schluss sind bisher noch nicht viele gekommen.

Der Mensch hat ein Kräfte- und Energiepotenzial, das ausreicht, um ihm das Überleben in einer vorsteinzeitlichen Situation zu ermöglichen. Genau dieses Potenzial wird der durchschnittliche Mensch Tag für Tag irgendwie sinnvoll einsetzen wollen, weil sein Unterbewusstsein ihn dazu anhält. Daher ist die Menge der Arbeit, die wir uns so aufhalsen, und die wir als Rentner dann gerne auch noch durch allerlei Ehrenämter und innerfamiliäre Nebenbeschäftigungen wieder zu erreichen versuchen, vermutlich über die letzten 5000 Jahre auf den Punkt genau gleich geblieben. Es hat damals Faule gegeben und besonders Fleißige, wie heute auch, und man hat sich damals dem Vergnügen erst dann mit ruhigem Gewissen hingegeben, wenn die Ernte in der Scheuer war, wie heute auch, und man war damals vor Überraschungen genauso wenig sicher, wie heute auch.

 

Aber es hat sich trotzdem eine katastrophale Veränderung ergeben:

Der Nutzen der Arbeit, den in der Steinzeit und davor zuerst und ziemlich unmittelbar der Arbeitende selbst hatte, ist aus dieser engen, direkten Beziehung überall da verschwunden, wo für Arbeit Geld gezahlt wird. Im Garten die Äpfel vom Baum pflücken und in der Küche einen Apfelkuchen backen, da liegen Arbeit und Nutzen ganz eng beieinander, auch heute noch. Da stehen der Lohn (satt von wohlschmeckendem Kuchen) und die dafür aufzuwendende Arbeit auch noch in einem überschaubaren Verhältnis und genau deshalb wird es vermieden, solche Art von Beschäftigung als Arbeit zu bezeichnen, schon alleine deshalb, damit niemand auf die Idee kommt, Vergleiche anzustellen und dabei zu dem Ergebnis gelangt, dass selbst gebackener Apfelkuchen nicht nur besser schmeckt, sondern -- auch bei Annahme hoher Lohnkosten für die eigene Arbeit -- weitaus weniger kostet, als der beim Bäcker gekaufte.

Ganz anders ist es, wenn der Beschäftigte Löcher in Bleche bohrt, Spanplatten aus der Presse holt und auf Wägelchen verlädt, ein Buchführungsprogramm mit Buchungssätzen füttert, oder den Kindern fremder Leute Lesen und Schreiben beibringt; Beschäftigungen, deren Wert von dem Nutzen abhängt, den ihnen ein Dritter beimisst.

Beschäftigungen, von denen der Arbeiter nur satt wird, wenn er jemanden findet, der bereit ist, ihm für diese Verrichtungen, Handgriffe und sonstigen Anstrengungen Geld zu geben, und wenn er dann außerdem noch jemanden findet, der sich einen Nutzen davon verspricht, das Geld in eine ausreichende Menge Lebensmittel einzutauschen. Aber nicht nur in Lebensmittel!

Denn wenn wir davon ausgehen, dass die Menschen zu allen Zeiten ungefähr die gleiche Arbeitsleistung erbracht haben, wenn der Aufwand für Ernährung, Kleidung und Wohnung aber durch den technischen Fortschritt stark zurückgegangen ist, dann sollten sich doch aus der überschießenden Leistung eigentlich in jeder Familie (von notorischen Spielern, Säufern und anderen Süchtigen abgesehen) ganz erhebliche Vermögen angesammelt haben. Wo sind die?

Alles auf dem Müll? Alles verbraucht, alles kaputt, alles aus der Mode? Auto, Fernseher, Langlauf-Ski, Moonboots und die Super8-Kamera, ja sogar das stabile 700-Euro-Kickboard aus der letzten Saison? Alles verkonsumiert, ohne dass etwas übrig geblieben wäre? Die große Schrankwand? Auch nur Pressspan?

Machen Sie die Augen auf und erkennen Sie:

Das Paradies der arbeitenden Bevölkerung ist nichts als die jeweils oberste Schicht einer Müllhalde von Konsumschrott, die unaufhörlich wächst, die die gesamte Arbeitsleistung aufzehrt, um ein immer neues Produzieren, auch Wachstum genannt, möglich zu machen.

Der Gewinn, der zwangsläufig entsteht, weil der allergrößte Teil der Produktion aus gewinnorientierten, marktwirtschaftlich agierenden Unternehmen kommt, die ohne Gewinn nicht denkbar sind, der Gewinn häuft sich auch auf, aber nicht bei der arbeitenden Bevölkerung! Solange es zwischen 8 und 12% Arbeitslosigkeit gibt, wird es nichts, mit dem Anteil am Paradies. Da muss man zufrieden sein, mit dem was man bekommt. Sonst hat ein anderer den Job. Dabei geht es uns noch gut. Es könnte schlimmer sein. Viel schlimmer.

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