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Nicole Engbers
Hexen hexen heimlich
Ein Zeugnis, eine Limousine und ein Geheimnis
Nie würde ich diesen Sommer vergessen. Hätte ich
vorher gewusst, was alles passieren würde, ich wäre
grölend, wie Papa bei einem Sieg der deutschen Nationalelf,
über den Schulhof gerast. Den Ferien entgegen...
So aber schleppte ich mich schlurfenden Schrittes in Richtung
Fahrradständer. Die Mundwinkel hingen bis zum Kinn, die
Arme bis zu den Knien. Ich war das Elend in Person. Ein Trauerkloß
von den Haarwurzeln bis zu den Zehenspitzen. Vor Selbstmitleid
zerfließend. Wer jemals sitzen geblieben ist, wird es mir
nachfühlen können.
Wie in neunundneunzig Prozent aller Fälle, waren auch bei
mir einzig und allein die Lehrer schuld. An allem. An jeder Fünf.
Und erst recht an jeder Sechs. Nicht, dass mir der Wille fehlte.
Nein, nein! Doch keiner der Lehrer nahm Rücksicht auf all
meine nachmittäglichen Aktivitäten. Ich konnte einfach
nicht jeden Tag Hausaufgaben machen. Es gab Wichtigeres zu tun.
Mein Mathelehrer, Herr Eisenbrecher, sagte einmal: "Tim,
du musst lernen, Wichtiges von weniger Wichtigem zu unterscheiden."
"Genau aus diesem Grund habe ich die Hausaufgaben gestern
nicht gemacht", erklärte ich, worauf ich den Rest des
Unterrichts im Lehrerzimmer verbringen und die Schulordnung handschriftlich
vervielfältigen durfte. Verstehe einer die Lehrer!
Eines verstand ich auf jedenfalls ganz genau: Die siebte Klasse
hatte ich nicht zum letzten Mal besucht. Wenigstens waren meine
Eltern vorgewarnt. Sie rechneten mit dem Schlimmsten...
Ich schnallte meinen Rucksack auf den Gepäckträger
und radelte los. Es war nicht weit bis nach Hause. Unser Dorf
war klein, so dass ich bereits zwei Minuten später in die
"Kirchstraße" einbog, in der unser Haus stand.
Die "Kirchstraße" hieß "Kirchstraße",
weil sie in einem Halbkreis um die Kirche herumführte. So,
wie Schulen häufig an der "Schulstraße"
liegen und eine "Bergstraße" meistens einen Berg
hinaufführt. Unser trautes Heim befand sich in nächster
Nachbarschaft zur Kirche und dem dazugehörigen Gemeindehaus.
Das war nicht zufällig so. Mein Vater war der Pastor hier
im Ort. Als er damals seinen Dienst antrat, zog er mit Mama ins
Pfarrhaus. So, wie es seit 200 Jahren alle Pfarrer getan haben,
die in diesen Ort gekommen sind.
Das Haus war aus rotem Stein gemauert und an der Vorderseite
ganz mit Efeu bewachsen. Klar, Fenster und Türen waren natürlich
frei geschnitten. Schon von weitem sah ich den fremden Wagen,
was an und für sich nichts Besonderes war. Oft standen irgendwelche
Autos vor unserem Haus. Irgendjemand hatte immer etwas mit Paps
zu besprechen. Sei es wegen einer Hochzeit, einer Taufe oder
zur Vorbereitung des nächsten Gottesdienstes.
Doch diesmal war es anders. Es war nicht nur ein fremdes, sondern
ein besonders fremdes Auto: Eine große, schwarze Limousine
mit getönten Scheiben. Das Chrom war blitzblank geputzt
und der Lack glänzend poliert, wie Opas Glatze. So eine
Nobelkarre hatte ich hier noch nie gesehen. Das Kennzeichen auf
dem Nummernschild machte mich stutzig: B - PJ - 200. Aus dem
Unterricht wusste ich, dass "B" für "Berlin"
stand. (Ich hatte also doch was gelernt!) Berlin lag mindestens
sechs Autostunden von hier entfernt. (Noch was gelernt!) Berlin
war unsere Hauptstadt. (Wenn doch jetzt meine Erdkundelehrerin
hier wäre!)
Warum stand ein Luxuswagen aus Berlin in unserer Einfahrt? Vielleicht
fragte der Fahrer nur nach dem Weg. Doch wie hatte er sich in
diese Einöde verirrt? Die nächste größere
Stadt lag hundertfünfzig Kilometer weit weg.
Ich schob mein Rad langsam an dem fremden Auto vorbei und warf
durch das Fenster der Fahrertür einen neugierigen Blick
in das Innere des Wagens. Ich sah einen Mann in blauer Uniform
und einer Schirmmütze auf dem Kopf. Er war ganz vertieft
in eine Zeitung. Ich pfiff staunend durch die Zähne. Sogar
mit einem echten Chauffeur waren die unterwegs. Das war ja wie
im Film! Nun war ich vor Neugier nicht mehr zu halten. Ich machte
mir nicht mehr die Mühe, das Rad in den Schuppen hinterm
Haus zu stellen. Ich schmiss es in die Hecke, stürzte die
kleine Treppe zur Haustür hinauf und klingelte Sturm. Um
sicher zu gehen, dass man mich auch wirklich hörte, untermalte
ich mein Klingelkonzert, indem ich mit der Faust gegen die Tür
hämmerte.
Es wirkte. Die Tür wurde nach exakt vier Komma fünf
Sekunden aufgerissen, jemand packte mich am Arm und zog mich
unsanft in den Flur.
"Bist du wahnsinnig geworden?!" zischte Jule und tippte
mit dem Zeigefinger an die Stirn. "Du hast doch gesehen,
dass Besuch da ist!"
"Ich halt 's vor Neugier kaum aus!" rief ich. "Wem
gehört die Karre in der Einf..."
"Psst!" Jule hielt mir den Mund zu. "Die wollen
nicht gestört werden."
"Wen meinst du mit "die"?"
Meine Schwester verdrehte die Augen. "Komm mit in mein Zimmer,
du neugierige Nase. Ich erzähl dir alles."
Als wir auf Jules Bett saßen, machte diese ein äußerst
geheimnisvolles Gesicht. Ganz besonders langsam strich sie sich
eine blonde Locke aus dem Gesicht und zupfte ihr T- Shirt zurecht.
"Also", begann sie und räusperte sich umständlich.
"Mach 's nicht so spannend", drängelte ich. "Ich
platze!"
"Wenn du mich dauernd unterbrichst, dauert es nur noch länger."
Jule machte dieses hochnäsige "ich-bin-hier-die-Ältere-Gesicht",
mit dem sie mich zur Weißglut bringen konnte. Was die sich
einbildete! Nur weil sie ein Jährchen älter war als
ich. Außerdem kam es auf die innere Reife an. Und da war
ich ihr um einiges voraus. Fand ich.
"Also", startete sie einen zweiten Versuch. "Das
fremde Auto kommt aus Berlin."
"Ach, nee!' dachte ich, verkniff mir aber den Kommentar.
Nicht, dass sie es sich anders überlegte und alles für
sich behielt.
"In dem Wagen sind eine Frau und ein Mädchen gekommen.
In unserem Alter, schätze ich. Mama hat die Frau "Barbara"
genannt. Erinnerst du dich, dass Papa manchmal von seiner Cousine
aus Berlin erzählt hat?"
"Meinst du die mit dem reichen Fabrik-Heini?"
Jule nickte aufgeregt. "Ja, das muss sie sein. Den Namen
des Mädchens habe ich vergessen." Jule kräuselte
nachdenklich die Stirn. "Irgendwas mit "K"..."
"Ist doch egal", unterbrach ich ihre Gehirndurchsuchung.
"Erzähl weiter. Was wollen die denn so plötzlich
hier?" Ich hatte so viele Fragen.
"Das weiß ich nicht." antwortete Jule. "Barbara
hatte auf jeden Fall ganz rote Augen. So, als hätte sie
stundenlang geweint. , Ich wusste nicht, an wen ich mich sonst
wenden sollte', hat sie zu Mama gesagt. Dann ist sie zusammengesackt,
so dass wir sie stützen mussten. Das Mädchen hat die
ganze Zeit auf ihre Füße gestarrt und geschwiegen.
Mama ist mit beiden im Wohnzimmer verschwunden, damit Barbara
in Ruhe erzählen kann, was passiert ist."
"Und?" hakte ich nach. "Was ist passiert?"
"Tja, die Wohnzimmertür wurde leider direkt vor meiner
Nase geschlossen. ,Juliane' hat Mama gemeint. , Bitte sei ein
braves Mädchen und sorge dafür, dass uns niemand stört.'
" Jule schnaubte verächtlich. "Ich dachte, ich
spinne. Mama spricht doch sonst nicht so geschwollen."
Das kam auch mir komisch vor. "Und wann hat sie dich das
letzte Mal "Juliane" genannt!"
"Auf jeden Fall sitzen sie schon seit geschlagenen zwei
Stunden im Wohnzimmer. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen,
was die da so Geheimnisvolles zu bereden haben."
"Vielleicht ist jemand gestorben." überlegte ich.
Jule schüttelte den Kopf. "Dann hätte Barbara
schwarze Kleidung getragen."
"Stimmt."
Wir schwiegen eine Weile und grübelten.
"Vielleicht ist etwas mit ihrer Tochter" meinte Jule.
"Wer sagt, dass es Barbaras Tochter ist?"
"Dafür wette ich! Sie ist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten."
Wieder Grübeln.
"Oder die Firma ist Pleite." schlug ich vor.
Jule lachte. "Und was wollen die dann gerade von uns? Knete
ist bei uns ja wohl nicht zu holen."
Das war allerdings ein Argument.
"Es nutzt nichts", seufzte ich. "Es bleibt uns
wohl nichts anderes übrig als abzuwarten, bis wir eingeweiht
werden."
"Wenn wir eingeweiht werden."
"Ich stemmte die Hände in die Hüften. "Ich
finde, wir haben ein Recht darauf. Schließlich wohnen wir
auch hier."
"Das sehe ich auch so." Jules Augen funkelten begeistert.
"Und wenn man uns ausschließt, müssen wir uns
die Informationen eben selbst besorgen." Sie legte eine
Hand hinters Ohr.
Ich wusste gleich, was sie damit sagen wollte. "Du meinst,
wir sollen lauschen?"
Jule nickte aufgeregt.
"Für gewöhnlich gehört sich das aber nicht",
gab ich zu bedenken.
"Erstens ist dies keine gewöhnliche Situation"
entgegnete meine Schwester bestimmt, "und zweitens gehört
es sich auch nicht, Kinder bei wichtigen Familienangelegenheiten
auszuschließen."
Wir waren uns noch nie so einig! Auf Zehenspitzen schlichen Jule
und ich die Treppe hinab zum Wohnzimmer. Na ja, genau genommen
hatten wir das nur vor. Mitten auf der Treppe blieb Jule abrupt
stehen, so dass es zwischen uns beinahe zu einer Karambolage
gekommen wäre.
"Kannste nicht aufpassen, du Trottel?" fluchte ich.
Dann sah ich jedoch, dass der Trottel ohne Vollbremsung über
eine Gestalt gefallen wäre, die auf der untersten Treppenstufe
hockte.
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