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 Nicole Engbers


geboren am 1. September 1973 in Nordhorn, einer Kleinstadt in der Grafschaft Bentheim, hat schon geschrieben, bevor sie schreiben konnte.
Ihre Mutter erzählt immer wieder schmunzelnd, dass sie schon als 5-Jährige Ihrem Opa Geschichten diktiert hat, die dieser dann an seiner alten, klapprigen Schreibmaschine für sie tippte.

Nach dem Abitur absolvierte sie eine Ausbildung zur Erzieherin und arbeitete vier Jahre in einer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung. Im Sommer 2001 zog sie in das bezaubernde Wien, wo sie eineinhalb Jahre in einem sonderpädagogischen Hort tätig war.

Anfang 2003 entschloss sich Nicole Engbers zu einer beruflichen Weiterentwicklung. Um ihrer Freude am Schreiben einen beruflichen Hintergrund zu geben, begann sie das Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft.
In dieser Zeit fielen ihr beim Aufräumen einige handgeschriebene Seiten in die Hände, die sie schon fast vergessen hatte: Es waren die ersten beiden Kapitel ihres Romans "Hexen hexen heimlich".

Nun hat sie die Geschichte zu Ende geschrieben und darin viele Erlebnisse aus ihrer eigenen Kindheit eingebracht, die sie auf dem Land verbringen durfte.

Die Freiheit der ländlichen Natur bot ihr den Raum, den sie brauchte, um ihre Phantasie auszuleben und die Welt mit allen Sinnen zu erfahren.

Es ist das Glück ihrer Kindheit, das sie mit der Geschichte von Tim und seinen verhexten Ferien an möglichst viele Kinder weiterverschenken will.




Gerne informieren wir Sie per E-Mail, sobald die Werke unserer Sieger als Buch verfügbar sind.

Lassen Sie sich hier als InteressentIn vormerken!


Leseprobe



Nicole Engbers




Hexen hexen heimlich




Ein Zeugnis, eine Limousine und ein Geheimnis

Nie würde ich diesen Sommer vergessen. Hätte ich vorher gewusst, was alles passieren würde, ich wäre grölend, wie Papa bei einem Sieg der deutschen Nationalelf, über den Schulhof gerast. Den Ferien entgegen...
So aber schleppte ich mich schlurfenden Schrittes in Richtung Fahrradständer. Die Mundwinkel hingen bis zum Kinn, die Arme bis zu den Knien. Ich war das Elend in Person. Ein Trauerkloß von den Haarwurzeln bis zu den Zehenspitzen. Vor Selbstmitleid zerfließend. Wer jemals sitzen geblieben ist, wird es mir nachfühlen können.

Wie in neunundneunzig Prozent aller Fälle, waren auch bei mir einzig und allein die Lehrer schuld. An allem. An jeder Fünf. Und erst recht an jeder Sechs. Nicht, dass mir der Wille fehlte. Nein, nein! Doch keiner der Lehrer nahm Rücksicht auf all meine nachmittäglichen Aktivitäten. Ich konnte einfach nicht jeden Tag Hausaufgaben machen. Es gab Wichtigeres zu tun.

Mein Mathelehrer, Herr Eisenbrecher, sagte einmal: "Tim, du musst lernen, Wichtiges von weniger Wichtigem zu unterscheiden." "Genau aus diesem Grund habe ich die Hausaufgaben gestern nicht gemacht", erklärte ich, worauf ich den Rest des Unterrichts im Lehrerzimmer verbringen und die Schulordnung handschriftlich vervielfältigen durfte. Verstehe einer die Lehrer!

Eines verstand ich auf jedenfalls ganz genau: Die siebte Klasse hatte ich nicht zum letzten Mal besucht. Wenigstens waren meine Eltern vorgewarnt. Sie rechneten mit dem Schlimmsten...
Ich schnallte meinen Rucksack auf den Gepäckträger und radelte los. Es war nicht weit bis nach Hause. Unser Dorf war klein, so dass ich bereits zwei Minuten später in die "Kirchstraße" einbog, in der unser Haus stand. Die "Kirchstraße" hieß "Kirchstraße", weil sie in einem Halbkreis um die Kirche herumführte. So, wie Schulen häufig an der "Schulstraße" liegen und eine "Bergstraße" meistens einen Berg hinaufführt. Unser trautes Heim befand sich in nächster Nachbarschaft zur Kirche und dem dazugehörigen Gemeindehaus. Das war nicht zufällig so. Mein Vater war der Pastor hier im Ort. Als er damals seinen Dienst antrat, zog er mit Mama ins Pfarrhaus. So, wie es seit 200 Jahren alle Pfarrer getan haben, die in diesen Ort gekommen sind.

Das Haus war aus rotem Stein gemauert und an der Vorderseite ganz mit Efeu bewachsen. Klar, Fenster und Türen waren natürlich frei geschnitten. Schon von weitem sah ich den fremden Wagen, was an und für sich nichts Besonderes war. Oft standen irgendwelche Autos vor unserem Haus. Irgendjemand hatte immer etwas mit Paps zu besprechen. Sei es wegen einer Hochzeit, einer Taufe oder zur Vorbereitung des nächsten Gottesdienstes.

Doch diesmal war es anders. Es war nicht nur ein fremdes, sondern ein besonders fremdes Auto: Eine große, schwarze Limousine mit getönten Scheiben. Das Chrom war blitzblank geputzt und der Lack glänzend poliert, wie Opas Glatze. So eine Nobelkarre hatte ich hier noch nie gesehen. Das Kennzeichen auf dem Nummernschild machte mich stutzig: B - PJ - 200. Aus dem Unterricht wusste ich, dass "B" für "Berlin" stand. (Ich hatte also doch was gelernt!) Berlin lag mindestens sechs Autostunden von hier entfernt. (Noch was gelernt!) Berlin war unsere Hauptstadt. (Wenn doch jetzt meine Erdkundelehrerin hier wäre!)

Warum stand ein Luxuswagen aus Berlin in unserer Einfahrt? Vielleicht fragte der Fahrer nur nach dem Weg. Doch wie hatte er sich in diese Einöde verirrt? Die nächste größere Stadt lag hundertfünfzig Kilometer weit weg.

Ich schob mein Rad langsam an dem fremden Auto vorbei und warf durch das Fenster der Fahrertür einen neugierigen Blick in das Innere des Wagens. Ich sah einen Mann in blauer Uniform und einer Schirmmütze auf dem Kopf. Er war ganz vertieft in eine Zeitung. Ich pfiff staunend durch die Zähne. Sogar mit einem echten Chauffeur waren die unterwegs. Das war ja wie im Film! Nun war ich vor Neugier nicht mehr zu halten. Ich machte mir nicht mehr die Mühe, das Rad in den Schuppen hinterm Haus zu stellen. Ich schmiss es in die Hecke, stürzte die kleine Treppe zur Haustür hinauf und klingelte Sturm. Um sicher zu gehen, dass man mich auch wirklich hörte, untermalte ich mein Klingelkonzert, indem ich mit der Faust gegen die Tür hämmerte.


Es wirkte. Die Tür wurde nach exakt vier Komma fünf Sekunden aufgerissen, jemand packte mich am Arm und zog mich unsanft in den Flur.
"Bist du wahnsinnig geworden?!" zischte Jule und tippte mit dem Zeigefinger an die Stirn. "Du hast doch gesehen, dass Besuch da ist!"
"Ich halt 's vor Neugier kaum aus!" rief ich. "Wem gehört die Karre in der Einf..."
"Psst!" Jule hielt mir den Mund zu. "Die wollen nicht gestört werden."
"Wen meinst du mit "die"?"
Meine Schwester verdrehte die Augen. "Komm mit in mein Zimmer, du neugierige Nase. Ich erzähl dir alles."
Als wir auf Jules Bett saßen, machte diese ein äußerst geheimnisvolles Gesicht. Ganz besonders langsam strich sie sich eine blonde Locke aus dem Gesicht und zupfte ihr T- Shirt zurecht.
"Also", begann sie und räusperte sich umständlich.
"Mach 's nicht so spannend", drängelte ich. "Ich platze!"
"Wenn du mich dauernd unterbrichst, dauert es nur noch länger." Jule machte dieses hochnäsige "ich-bin-hier-die-Ältere-Gesicht", mit dem sie mich zur Weißglut bringen konnte. Was die sich einbildete! Nur weil sie ein Jährchen älter war als ich. Außerdem kam es auf die innere Reife an. Und da war ich ihr um einiges voraus. Fand ich.


"Also", startete sie einen zweiten Versuch. "Das fremde Auto kommt aus Berlin."
"Ach, nee!' dachte ich, verkniff mir aber den Kommentar. Nicht, dass sie es sich anders überlegte und alles für sich behielt.
"In dem Wagen sind eine Frau und ein Mädchen gekommen. In unserem Alter, schätze ich. Mama hat die Frau "Barbara" genannt. Erinnerst du dich, dass Papa manchmal von seiner Cousine aus Berlin erzählt hat?"
"Meinst du die mit dem reichen Fabrik-Heini?"
Jule nickte aufgeregt. "Ja, das muss sie sein. Den Namen des Mädchens habe ich vergessen." Jule kräuselte nachdenklich die Stirn. "Irgendwas mit "K"..."
"Ist doch egal", unterbrach ich ihre Gehirndurchsuchung.
"Erzähl weiter. Was wollen die denn so plötzlich hier?" Ich hatte so viele Fragen.
"Das weiß ich nicht." antwortete Jule. "Barbara hatte auf jeden Fall ganz rote Augen. So, als hätte sie stundenlang geweint. , Ich wusste nicht, an wen ich mich sonst wenden sollte', hat sie zu Mama gesagt. Dann ist sie zusammengesackt, so dass wir sie stützen mussten. Das Mädchen hat die ganze Zeit auf ihre Füße gestarrt und geschwiegen. Mama ist mit beiden im Wohnzimmer verschwunden, damit Barbara in Ruhe erzählen kann, was passiert ist."
"Und?" hakte ich nach. "Was ist passiert?"
"Tja, die Wohnzimmertür wurde leider direkt vor meiner Nase geschlossen. ,Juliane' hat Mama gemeint. , Bitte sei ein braves Mädchen und sorge dafür, dass uns niemand stört.' " Jule schnaubte verächtlich. "Ich dachte, ich spinne. Mama spricht doch sonst nicht so geschwollen."
Das kam auch mir komisch vor. "Und wann hat sie dich das letzte Mal "Juliane" genannt!"
"Auf jeden Fall sitzen sie schon seit geschlagenen zwei Stunden im Wohnzimmer. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, was die da so Geheimnisvolles zu bereden haben."
"Vielleicht ist jemand gestorben." überlegte ich.
Jule schüttelte den Kopf. "Dann hätte Barbara schwarze Kleidung getragen."
"Stimmt."
Wir schwiegen eine Weile und grübelten.
"Vielleicht ist etwas mit ihrer Tochter" meinte Jule.
"Wer sagt, dass es Barbaras Tochter ist?"
"Dafür wette ich! Sie ist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten."
Wieder Grübeln.
"Oder die Firma ist Pleite." schlug ich vor.
Jule lachte. "Und was wollen die dann gerade von uns? Knete ist bei uns ja wohl nicht zu holen."
Das war allerdings ein Argument.
"Es nutzt nichts", seufzte ich. "Es bleibt uns wohl nichts anderes übrig als abzuwarten, bis wir eingeweiht werden."
"Wenn wir eingeweiht werden."
"Ich stemmte die Hände in die Hüften. "Ich finde, wir haben ein Recht darauf. Schließlich wohnen wir auch hier."
"Das sehe ich auch so." Jules Augen funkelten begeistert. "Und wenn man uns ausschließt, müssen wir uns die Informationen eben selbst besorgen." Sie legte eine Hand hinters Ohr.
Ich wusste gleich, was sie damit sagen wollte. "Du meinst, wir sollen lauschen?"
Jule nickte aufgeregt.
"Für gewöhnlich gehört sich das aber nicht", gab ich zu bedenken.


"Erstens ist dies keine gewöhnliche Situation" entgegnete meine Schwester bestimmt, "und zweitens gehört es sich auch nicht, Kinder bei wichtigen Familienangelegenheiten auszuschließen."
Wir waren uns noch nie so einig! Auf Zehenspitzen schlichen Jule und ich die Treppe hinab zum Wohnzimmer. Na ja, genau genommen hatten wir das nur vor. Mitten auf der Treppe blieb Jule abrupt stehen, so dass es zwischen uns beinahe zu einer Karambolage gekommen wäre.

"Kannste nicht aufpassen, du Trottel?" fluchte ich. Dann sah ich jedoch, dass der Trottel ohne Vollbremsung über eine Gestalt gefallen wäre, die auf der untersten Treppenstufe hockte.



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