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Nach dem Studium bildete Marion Bialloblotzky ausländische Germanistikstudenten aus. 1983 wechselte sie zur Akademie für Gesellschaftswissenschaften und unterrichtete Deutsch als Fremdsprache für Aspiranten aus Entwicklungsländern. Als Nicht-Genossin an einer Parteiinstitution bewegte sie sich während ihrer Unterrichtstätigkeit auf einer Gratwanderung zwischen Toleranz und erwarteter Engstirnigkeit. Seit 1990 arbeitet Marion Bialloblotzky freiberuflich als Sprachlehrerin in Berlin und Brandenburg. In auftragsarmen Zeiten schreibt sie Kurzgeschichten, in denen sich ihr Leben als Zugvogel widerspiegelt. Sie führt zurzeit ein Leben ohne Auto und ohne Fernsehapparat und versucht sich an neuen Ideen und Plänen, über die sie noch nichts verrät. |
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Marion Bialloblotzky
Prolog Ich war in meinem Leben ein Mal in Vietnam. Drei kurze, lange Wochen. Jeden Tag habe ich mir einige Notizen gemacht. Seit fast vier Jahren liegt dieses winzige Tagebuch irgendwo in einem Regal und wartet auf mich, auf meine Hände, auf meine Erinnerung, auf meine Überwindung. Dieser, mein Anfang ist schon so falsch, wie ein Anfang nur
falsch sein kann. Das Ich ist falsch. So wenig geben wie einen abgelaufenen Tag, wie Wochen ohne Sonnenschein, wie Monate ohne einen Drachen. Vietnam, eine Möglichkeit nach elf Jahren Ehe- und Familienseins für Glück und Neubeginn. Verpasst. Mein winziges Tagebuch - falsch. Es ist nur ein kleiner Block
mit losen Zetteln. Und auf diesen stehen alle Buchstaben für
meine aufregendste und hoffnungsvollste Lebenszeit. So wenig,
wo es doch so viel war. Ich hoffe, dass ich genug Bilder gemalt
habe und sie beim Lesen der mageren Notizen in mir wach werden.
Mein guter Vietnamblock ist vor zwei Jahren auf eine große
Reise gegangen, auf die Reise zu mir. 15. Dezember 1999 Erfolg in Rosaweiß Wir beginnen unseren sechsundzwanzigstündigen Flug von Berlin nach Hanoi. Wenn ich mir heute sechsundzwanzig Stunden vorstelle, erscheinen sie mir wie eine kleine Unendlichkeit. Aus meinen Erfahrungen nach Vietnam können natürlich sieben Stunden von Berlin nach New York durchaus länger sein als dieser abwechslungsreiche Katzensprung in ein schmales Land, Gästehandtuch auf der Badewanne dieser Welt. Zuerst mussten wir in der üblichen kleinen Maschine von Tegel nach Paris. Hans war hoch motiviert, weil er noch niemals geflogen war. Und dann waren doch wider Erwarten Skandal und Theater angesagt. Schon beim Rollen auf die Startbahn entwickelte er Panik und völlig unkontrollierte Ängste. Mein Gott, wie alt war mein Sohn damals? Elf Jahre, noch ein kleines Sparpaket beim Flugpreis. "Ich will hier raus! Wir stürzen ab! Ich werde sterben! Ich will nicht sterben! Es stürzt schon ab! Lasst mich hier raus!" Die Stewardess hatte keine kreativen Ideen zur Beruhigung meines Sohnes, ich auch nicht. Ich konnte nur zu ihm reden, so dumm-logische Texte, die Erwachsenen einfallen, wenn sie ihr Kind nicht verstehen. "Es kann gar nichts passieren. Alles ist normal. Es muss so laut sein. Es wird schön sein, wenn wir oben sind. Guck doch einfach mal aus dem Fenster!" Erst, als ich Hans' Kopf in meinen Schoß gelegt hatte, seine Haare und seinen Rücken streichelte, wurde er leiser. Und die Maschine startete. Pünktlich vor der nächsten Panikattacke. "Hänschen, du wirst noch das Beste verpassen. Wie schön die Welt jetzt wird, immer kleiner. Guck doch mal kurz vor den Wolken ein einziges Mal aus dem Fenster. Wir sind doch schon gestartet. Wir sind gleich ganz weit oben und uns kann gar nichts passieren." Es hat geholfen. Er sah aus dem Fenster. Er war ruhig, schrie nicht mehr, plapperte nur über etwas, was er erkannte oder auch nicht erkannte. Nicht wichtig. Die Ängste fielen von ihm ab. Er wurde sehr langsam wieder das Kind, das wir vermeintlich ausreichend gründlich auf eine Asienreise vorbereitet hatten. Das Landen in Paris scheint Hans nichts ausgemacht zu haben. Ich bin aber nicht sicher. Bis Paris ist es nicht weit und vielleicht hat der kleine Körper diese Zeit einfach gebraucht, um von Hochleistung auf Normal runterzuschalten. Umsteigen in den Riesenflieger Richtung Dubai. In meinem Kopf gab es nur den kleinen Überleger, ob das überhaupt möglich sei, dass so ein Wahnsinnsteil in die Lüfte steigen könne. Es konnte. Süße, ganz in rosaweiß gekleidete vietnamesische Stewardessen begannen ihr Verwöhnprogramm mit heißen Tüchern und bezauberndem Lächeln. Vietnam-Airlines - eine Erfolgsstory. Noch nicht wirklich oben über den Wolken Landegefühle in den Ohren. Was wird das? Schon wieder runter? Ja. In Brüssel wird getankt, hier ist es billiger. Wieder starten. Kurz danach wieder landen. Was nun? Enteisungsanlage! Das kannte ich auch noch nicht, sehr spannend. Riesige Kräne fahren an unser Flugzeug, wir werden mächtig eingeseift, es schäumt und spritzt. Ich lache innerlich bei dem Gedanken an Autowaschanlagen. Hans lacht auch. Fliegen ist schön, Landen ist schön, Starten ist schön. Wo sind die Ängste hin? Seine Ängste? Sie sind beim Fliegen weggeflogen. Es war das Rosaweiß der vietnamesischen Feen. So viel Sanftmut, so viel Eleganz gepaart mit Herzlichkeit. So viel Aufopferung, liebevoller Fleiß. Rosaweiß immer, überall. Rosaweiß brachte uns Decken, Essen, Trinken, Freude. Sie waren eine rosaweiße Wolke in den Wolken auf dem Weg nach Vietnam, unsere vietnamesischen Stewardessen. Jede von ihnen wunderschön, sanft und immer in Bewegung. Flugstunde um Flugstunde. Industrie des Fliegens. Fliegen bis Dubai. Wir die mechanischen Rädchen im Getriebe von rosaroter Überlegenheit. In meinem Tagebuchblock steht: Sechsundzwanzig Stunden im Flieger und auf Flughäfen. Viermal starten und viermal landen, alles eine Frage der Übung. Nein, meine Bilder zeigen mir mein panisches Hänschen und rosaweiße schwebende Stewardessen. Das ist die Wahrheit unseres Hinfluges. Und Dubai war schrecklich. Arabisch klares Weiß und unter dem Weiß Gewehre. Mysteriöse Toiletten, unheimliche Menschen. Ich fühlte mich unwohl und war glücklich, als wir wieder in unserem Flieger saßen. Alles sauber, neue Besatzung und frisches Rosaweiß für unser Wohlsein. Kurz vor Hanoi diktatorisches Rosaweiß. Die Fensterklappen werden auch bei Protest heruntergelassen. Ich wollte in meinem Buch weiterlesen und nicht schlafen. Nein, keine Widerrede. Jetzt wird geschlafen und die aufgehende Sonne über Hanoi hätte uns wohl erblinden lassen. Sie wissen, was sie tun. Das Rosa zwingt zum Schlaf, das Weiß behütet die Sonne und unser aller Augenlicht. Guten Tag, Hanoi! Schlaft schön, ihr erfolgreichen Stewardessen und träumt euren Traum von Rosa und in Weiß! |