Posse in Possenhofen
Ein heißer Sommertag
am Starnberger See. In Possenhofen, zwischen Sissi-Schloss und
dem See, herrscht reges Treiben von Spaziergängern, Radfahrern
und Menschen jeden Alters, die den See zum Baden nutzen. Die
Wiesen am Seeufer liegen zum Teil im prallen Sonnenlicht und
erfreuen die Menschen in Badekleidung, die dort ihre Decken und
Tücher und sich selbst ausgebreitet haben. Aber die hohen
alten Bäume spenden auch Schatten, und so entsteht ein lebhaftes
Licht- und Schattenspiel, das zu dem bunten Treiben der Menschen
passt.
Drei Spaziergänger, die mit dem Auto aus München gekommen
sind, suchen einen ruhigen und angenehmen Platz. Sie möchten
etwas essen und trinken und eine Unterhaltung führen. Diese
drei Personen sind ein älterer Herr, der in der Nähe
Münchens eine Ferienwohnung besitzt, und sein Besuch, ein
älteres Ehepaar, das aus Hamburg kommt und bei ihm zu Gast
ist. In jungen Jahren haben diese beiden in München gelebt.
Der Mann hat dort studiert, seine jetzige Frau kennen gelernt,
die beiden haben geheiratet und sind in den Norden gezogen, woher
sie auch stammen. Nach einigen Jahren haben sie sich scheiden
lassen. Der Mann hatte eine andere Frau kennen gelernt, er konnte
einer reizvollen Verlockung nicht widerstehen. Er lebte einige
Jahre mit dieser Frau und trat mit ihr bei Veranstaltungen, in
Gesellschaften und in Hotels als Ehepaar auf. Diese Beziehung
endete mit einer Trennung, deren Grund darin lag, dass die Gefährtin
bereits Kinder aus ihrer geschiedenen Ehe betreute, der Mann
aber an Familiengründung dachte.
Nachdem also diese Partnerschaft gescheitert war, setzte sich
der Mann sofort mit seiner früheren Frau, der Monika, in
Verbindung und fragte sie, ob sie nicht ein zweites Mal heiraten
und nach Möglichkeit bald ein Kind haben sollten. Monika
sagte schnell ja.
Ihrer Schilderung nach hatte sie in der Trennungszeit frei und
ungebunden gelebt, fern von allen Männerbekanntschaften,
ganz Dame und gute Christin. Die zweite Eheschließung der
beiden wurde vollzogen, ein Sohn stellte sich ein, der zum Zeitpunkt
dieses Aufenthaltes am Starnberger See zwanzig Jahre alt war.
Monikas äußere Erscheinung passt zu dem Bild, das
sie von sich vermittelt. Groß und schlank, dezent-elegant
gekleidet. Sie trägt einen sommerlichen Strohhut, der ihr
Gesicht damenhaft erscheinen lässt und weicher, als es ist.
Der Gastgeber dieses Paares ist nicht besonders elegant gekleidet,
aber er gehört zu den Menschen, die auch im Polohemd eine
gute Figur machen. Und so fühlt sich Monika sehr gut, eingerahmt
von den beiden Herren, blendend unterhalten und bestens von ihnen
beschirmt, in diesem Trubel. Nach einigem Suchen finden die drei
ein kleines Strandcafe, eine Mischung aus Kiosk und Ausflugsgaststätte.
Sie bestellen etwas zu Trinken, sitzen, zufrieden mit der Ruhepause,
auf ihren Stühlen und blicken auf das Wasser, das Ufer und
den vom Wasser heraufführenden Weg.
Von dort kommt eine Gestalt näher, ein Mann, der offensichtlich
mit Füßen und Beinen im kühlenden Wasser war
und sich nun ebenfalls ein erfrischendes Getränk wünscht.
Er ist nicht mehr jung, etwas beleibt, hat die Hosenbeine hochgekrempelt
und trägt Sandalen und Socken in der einen Hand. Die andere
hat er unter den linken Hosenträger geklemmt. Er hat, da
er einen Bauch vor sich herträgt, ein weites Hemd an und
darüber breite, bunte Hosenträger. Ein älterer,
gemütlicher Bayer also, mit gerötetem Gesicht, schütterem
Haar, einem Bauch, barfuß mit Sandalen in der Hand und
einem breiten Hosenträger, den er etwas lupft, um sich Abkühlung
zu verschaffen. Und dieses überhaupt nicht attraktive, eher
etwas zu belächelnde Mannsbild stößt einen Ruf
aus, der besonders die Frau zusammenzucken lässt, er ruft
nämlich: "Monika! -Ja, bist du's denn wirklich, mein
Gott, ich kann's kaum glauben, wir haben uns lange nicht gesehen
- ja, wie geht's dir denn?"
Monika kann nichts anderes tun, als ihren Begleitern diesen Mann
als einen Bekannten aus ihrer ehelosen Zwischenzeit' vorzustellen.
Sie ist so peinlich berührt, dass sie kaum die richtigen
Worte findet, um diese Begegnung, wie sie es gern hätte,
schnell und elegant zu beenden. Und der Mann mit den Hosenträgern',
wie er in späteren Erzählungen immer wieder genannt
werden wird, merkt auch, dass er in diesem Augenblick der Unterlegene
und nicht allzu willkommen ist. Er gibt noch ein paar markante
Sätze von sich und geht davon, um möglichst woanders
ein kühles Bier zu trinken. Als er außer Sichtweite
ist, kann Monikas Ehemann nicht mehr an sich halten, er schlägt
sich auf die Schenkel und lacht, lacht dröhnend.
"Das also ist das Geheimnis deiner männerlosen Zeit",
stößt er glucksend hervor. Auch der Freund und Gastgeber
muss zeigen, dass er sich amüsiert. Fast kann Monika einem
leid tun - aber - wo liegt das Aber'?
Es ist schwer, künstliche
Kulissen ein Leben lang unversehrt aufrecht zu erhalten.