Aus
dem Vorwort
Ein soziales Problem
Es haben sich im Laufe der Zeit
viele soziale Berufe entwickelt. Für Alte, Behinderte, psychisch
Kranke und ganz allgemein für Menschen in Krisen werden
immer neue Dienste angeboten, neue Institutionen errichtet, neue
Therapieformen entwickelt. Rückblickend erkennen wir, wie
prächtig sich der Sozialstaat entwickelt hat und dass die
Maschen des sozialen Netzes im Lauf der Zeit immer enger gezogen
werden konnten. Und doch hinken wir irgendwie der sozialen Problematik
hinterher. Auf der einen Seite sind wir zwar imstande, Lösungen
zu finden, auf der anderen Seite werden wir jedoch ständig
mit neuen Problemen konfrontiert - darunter auch solche, die
wir mit den von uns gefundenen Lösungen erst geschaffen
haben.
Die fortschreitende Entwicklung
im medizinischen, psychologischen und psychiatrischen Bereich
hilft uns, immer neue Möglichkeiten im Umgang mit Krankheiten,
psychischen Belastungen und ihren Folgen zu erkennen und eine
Veränderung in sozialpolitischen, ethischen Fragen herbeizuführen.
Es ist dies aber auch ein Teufelskreis, denn der gesamte Fortschritt
des Menschen in Wirtschaft und Technik - denken wir nur an die
rasende Entwicklung des Computerzeitalters - bringt gleichzeitig
neue Gefahren; ja man könnte durchwegs sagen, neue Krankheiten
mit sich.
Wir züchten uns Krankheiten,
um sie dann wieder zu behandeln.
Ist dies der Preis unseres Wohlstandes?
Sind dies die negativen Auswirkungen unseres forcierten Strebens
nach einer besseren, bequemeren und vermeintlich sichereren Zukunft?
Nun, der Mensch ist auf Erfolg ausgerichtet. Bereits jungen Leuten
werden enorme Leistungen abverlangt. Dabei entstehen Hektik,
Stress, Erfolgsdruck, Frustration und Überforderung. Der
psychische Druck nimmt zu. Die Folge ist oft ein seelisches Leiden,
das aber meist so gut es geht unterdrückt und verborgen
gehalten wird, nur um den erreichten Status nicht zu verlieren.
Wir haben große Angst davor, uns schwach und hilfsbedürftig
zu zeigen. Wir wollen mit allen Mitteln vorne mitmischen. Der
Preis dafür ist hoch und die Zahl der Menschen mit psychischen
Problemen nimmt rapide zu. Wir treiben Menschen zu Höchstleistungen
und bieten ihnen gleichzeitig Seminare zur Stressbewältigung
an.
Heute scheint das Motto nicht
mehr zu lauten: "Durch Fehler lernen wir", sondern,
"wir lernen, um keine Fehler mehr zu machen." Wir sind
in allen Belangen perfektionistisch geworden und das nicht zuletzt
auch im Anspruch an uns selbst. Der Mensch soll zur fehlerlosen,
immer funktionierenden, pflegeleichten Maschine umfunktioniert
werden. Er soll stets alle Erwartungen erfüllen, keinerlei
Abweichungen von gesellschaftlichen Normen aufzeigen und jeglichem
Druck standhalten.
Die sich daraus ergebenden psychischen
und somatischen Folgeerscheinungen gilt es nun zu behandeln.
Wir nehmen also dem Menschen keine Belastung, kein Gewicht'
weg, sondern wir helfen ihm, Belastungen auszuhalten. In diesem
Aushalten steckt wieder die Forderung, sich anzupassen, durch-
und mitzuhalten. Wer das nicht schafft, wird zum Pflegefall und
erhält eine 24-Stunden-Betreuung in der psychiatrischen
Abteilung. Aus dem vergeblichem Bemühen um Integration erwächst
so die gesellschaftliche Protektion.
Sind diese Menschen, die es nicht schaffen, der Preis dafür,
dass wir uns so prächtig weiterentwickeln? Liegt unser Schwerpunkt
in der Krankheitsprävention, oder richten wir unser Augenmerk
auf die notwendige Intervention?
Aus
dem Anhang - Heilende Geschichten
Motivation
Oma und die Blume
Michael, ein 12jähriger
Bub geht fast jede Woche mit seinen Eltern die Oma besuchen,
die mit ihren 85 Jahren in einem Altersheim wohnt. Sie hat schon
lange ihr Zimmer nicht mehr verlassen, obwohl sie es mit einer
Gehhilfe leicht schaffen würde. Der Besuch läuft immer
auf dieselbe Art und Weise ab. Die Eltern geben ihr Ratschläge,
versuchen sie aufzumuntern und sind dann, weil es nichts nützt,
wieder froh nach Hause fahren zu können. Auch Michael hält
es nie lange aus. Er geht lieber in den Hof zum Spielen.
Eines Tages fährt er mit dem Fahrrad alleine zur Oma. Auf
dem Weg dorthin pflückt er eine Blume und zeigt sie stolz
der Oma, die in ihrem Bett liegt. "Die ist für dich",
sagt Michael. Das Zimmer ist verdunkelt, obwohl draußen
die Sonne scheint. Michael zieht die Vorhänge auf und sogleich
murrt Oma: "Nicht aufmachen, ich will die Sonne nicht sehen."
"Freust du dich auch über die Blume nicht?", fragt
Michael. "Was soll ich dir sagen, leg sie einfach dort irgendwo
auf den Tisch."
"Und wo ist eine Vase?", erkundigt sich Michael.
"Lass nur, ich brauche keine Vase."
Michael ist verärgert. Er läuft aus dem Zimmer und
fährt nach Hause. Einige Tage später, Michael denkt
noch immer traurig an seinen letzten Besuch, fährt er aufs
Neue in das Altersheim. Auf dem Hinweg hebt er ein Stück
Holz vom Boden auf und bringt es Oma. "Hier, liebe Oma,
ist ein Stück Holz. Es braucht keine Vase, kein Wasser."
Noch bevor sie etwas sagen kann, ist Michael wieder fort.
Zwei Tage später läutet bei ihnen zu Hause unerwartet
das Telefon. Eine Krankenschwester ruft an und sagt: "Stellen
Sie sich vor, nach so langer Zeit ist Frau Gruber heute alleine
in den Garten gegangen und hat eine Blume gepflückt. "Eine
Blume hat sie gepflückt", fragt Michaels Vater. Michael,
der das Gespräch mitgehört hat, ruft entzückt:
"Ja, Vater eine Blume und ich besorge nun die Vase."