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Egon W. Kreutzer
Der Goldesel

Leseprobe


Ausschnitt 1

Die Zeiten waren schlecht für die Verfolger des organisierten Verbrechens. Das Interesse der Regierung am Kampf gegen die Mafia hatte erkennbar nachgelassen. Die finanziellen Mittel der Staatsanwaltschaften und der Sonderermittlungseinheiten wurden drastisch gekürzt. Das führte schnell dazu, dass die Mitarbeiterzahlen nicht gehalten werden konnten, dass an Ersatz und Erneuerung der Ausrüstung kaum noch zu denken war, dass getarnte Wohnungen und Häuser aufgegeben und der Personenschutz - auch für die prominentesten Mafia-Jäger der Staatsanwaltschaft - in geradezu fahrlässiger Weise zurückgenommen werden musste.

Marco, der nach intensiver Ausbildung zum Undercover-Agenten vor etwas mehr als zwei Jahren als Betreiber der Videothek in Cefalù eingeschleust worden war, hätte die veränderten Prioritäten der italienischen Strafverfolgung fast mit seinem Leben bezahlen müssen. Das Boot mit dem starken Außenbordmotor und den Zusatztanks, das bis vor ein paar Wochen noch als sein ‚Fluchtfahrzeug' im Hafen lag, war abgezogen worden. Die zusätzliche Wohnung, die offiziell von einem österreichischen Ehepaar als Ferienwohnung angemietet worden war und ihm als relativ sicheres Versteck wenigstens einige Stunden, vielleicht sogar zwei bis drei Tage Schutz geboten hätte, war aufgegeben worden. Es war ihm nichts geblieben, als die falschen Papiere und seine Reisekasse mit immerhin 10.000 US Dollar. Beides war im Laden versteckt gewesen und er hatte Geld und Papiere innerhalb von Sekunden an sich nehmen können. Doch erst nachdem er sich ziellos flüchtend ein Stück weit vom Laden entfernt hatte, wurde er sich der Problematik seiner Lage vollständig bewusst. Die falschen Papiere halfen gar nichts. Die Männer, die zweifellos schon unterwegs waren, um ihn aufzugreifen, kannten sein Gesicht und würden sich nicht damit aufhalten, nach dem Ausweis zu fragen.
"Also runter von der Straße, da vorne, die Bar von Antonio." Mit ein paar schnellen Schritten war er am Eingang und stellte erleichtert fest, dass das Lokal, bis auf Antonio, der sich in seine Zeitung vertieft hatte, völlig leer war. "Mit etwas Glück kann ich von hier aus sogar erkennen, wer Jagd auf mich macht und wohin sie sich wenden, sobald sie festgestellt haben, dass der Vogel ausgeflogen ist."

"Ciao Antonio"
"Ciao Marco, Expresso?"
"Si, einen Doppelten und gib mir einen Grappa, vom Guten!" Die Kaffeemaschine knirschte und fauchte und spuckte ihr Tröpfchen Kaffee mit einer wundervoll schaumigen Crema in die kleine, dickwandige Tasse, während Antonio die Literflasche mit dem guten Schwarzgebrannten vom Regal holte und das schlanke Glas großzügig füllte. Marco nahm ein bisschen Zucker, rührte ihn leicht in den Espresso ein und leerte das Tässchen mit einem Schluck. Dann, es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, sah er durch das nikotinbraune Gitter der Gardinen vor dem trüben Fenster der kleinen Bar einen großen, dunkel lackierten Fiat vorbeirasen. Doch dieser Augenblick genügte Marco, um zwei der drei Personen in dem Auto einwandfrei als Angehörige des Personals der Villa Mari Luminosi zu identifizieren, beides ehemalige Kollegen von Giuseppe, der jetzt angeblich nicht mehr unter den Lebenden weilte.
Marco nahm das Glas Grappa in die Hand, stand auf, und lehnte sich in den Rahmen der Eingangstür. Ungefähr 100 Meter entfernt stand der dunkle Fiat quer vor seinem Laden und versperrte die enge Gasse so, dass höchstens noch ein Radfahrer daran vorbei gekommen wäre. Zwei der Männer waren offenbar schon im Laden, der Fahrer stand, sich nach allen Richtungen umsehend, beim Wagen.

In der Straße, die noch vor wenigen Augenblicken ziemlich belebt war, wurde es ruhig. Die Fußgänger verschwanden in den Hauseingängen, Türen und Fenster schlossen sich.


"Sie wollen dich, oder?"
"Ja, Antonio, Sie wollen mich und sie sind sehr wütend auf mich."
"Caro mio, du musst weg! Spätestens in zehn Minuten sind sie hier und fragen mich, ob ich dich gesehen habe. Was soll ich ihnen dann sagen? Dass du in aller Ruhe einen Espresso und einen Grappa getrunken hast, während sie deinen Laden auf den Kopf gestellt haben und dass du erst, als sie ihre Köpfe vorne durch die Tür gesteckt haben, hinten durch die Küche verschwunden bist? Nein, du musst etwas mehr Respekt zeigen, mein Junge, sonst werden sie erst richtig wütend!"


Marco konnte jetzt sehen wie die beiden Männer, die den Laden durchsucht hatten, wieder auf die Straße traten. Einer hielt die eine Hand an den Kopf, wahrscheinlich telefonierte er, so genau war das auf die Entfernung nicht zu erkennen. Endlich stiegen alle drei wieder ein. Dem Fahrer gelang es erstaunlich schnell, das große Fahrzeug in der engen Gasse zu wenden. Dann kam der Wagen langsam die Straße wieder herauf. Offenbar hatten sie telefonisch Anweisungen eingeholt und irgendein guter Geist hatte dem Gesprächspartner am anderen Ende die Erkenntnis eingegeben, dass Marco mit einem Aufgebot von nur drei Mann im Gewirr der Gassen und Treppen der Altstadt nicht gefunden werden könne.

"Ich glaube, ich gehe jetzt doch mal kurz in die Küche." Als der Wagen näher kam verließ Marco seinen Beobachtungsplatz am Eingang, wand sich hinter dem Tresen durch die handtuchschmale Türöffnung in die winzige Küche und öffnete das von dort in den Hinterhof führende Fenster. Vorne hörte er, wie Antonio aus dem fahrenden Wagen heraus gefragt wurde, ob er diesen Marco mit den scharfen Kassetten in der letzten Stunde gesehen habe und aus dem Augenwinkel konnte er noch sehen, wie Antonio die Arme hob und verneinend den Kopf schüttelte. Dann war der Fiat vorbei und Marco verließ die Bar durch den Notausgang. Antonio war zufrieden, als er in den Gastraum zurücktrat und seinen Gast nicht mehr antraf.


Ausschnitt 2

Pierre van Niem war nach dem Treffen in Cefalù - einem raffiniert ausgeklügelten Plan folgend - von der Bildfläche verschwunden und zwei Tage später als Monsieur Jacques Varigaud mit einer Maschine der Air France in Brüssel angekommen. Bei Sixt war ein unauffälliger Leihwagen für ihn reserviert. Seine Maschine war pünktlich gelandet und so hatte Pierre, oder Jacques, wie er sich jetzt nannte, mehr als drei Stunden Zeit, um den vereinbarten Treffpunkt in Brügge zu erreichen. Weil er nach dem langen und anstrengenden Flug einen gewaltigen Bewegungsdrang verspürte, hatte er die Autobahn schon nach wenigen Kilometern verlassen, den Wagen am Ortsrand eines kleinen Dorfes abgestellt und war mit großen, schnellen Schritten einem Weg zwischen den Feldern gefolgt. Er lief bis er spürte, dass seine Lungen wieder frei wurden und sein Kreislauf auf Touren kam.
Bei Anbruch der Dämmerung setzte er seine Fahrt fort und als er Brügge erreichte, spiegelten sich die warmen Lichter der engbrüstigen Häuser in den Pfützen des leichten Regens. Er hatte sich den Stadtplan gut eingeprägt, fand die Einfahrt zur Tiefgarage, und parkte auf die Minute pünktlich wie verabredet auf dem Stellplatz A 118.
Er brauchte nicht zu warten. Die große Limousine stoppte nur kurz, Pierre nickte dem Fahrer zu und stieg hinten ein. Die Trennscheibe zum Fahrer und alle Fenster im Fond waren nicht nur dunkel getönt, sondern von außen und innen gleichermaßen undurchsichtig. Pierre hörte das Klacken der Zentralverriegelung. Er war jetzt, nicht zuletzt auch zu seiner eigenen Sicherheit, vollständig von der Außenwelt abgeschottet. Als nach einer endlos scheinenden Fahrt die Türen wieder entriegelt wurden stieg Pierre aus und direkt in den Lift, vor dessen geöffneter Tür der Wagen gehalten hatte.

"Hallo Pierre, schön Sie wieder einmal persönlich zu treffen!"
Dick Lavalles hatte Pierre am Lift erwartet und geradezu überschwänglich begrüßt. Nach ein paar Schritten gelangten sie in das fensterlose Besprechungszimmer, das Lavalles für das Treffen reserviert hatte.
"Sie müssen hungrig, sein, Pierre, ich habe uns ein paar Canapees herrichten lassen, bedienen Sie sich!"
Und tatsächlich spürte Pierre jetzt einen gewaltigen Appetit und widmete sich erst einmal den verlockend dekorierten Häppchen. Dick Lavalles ließ ihm Zeit, aber als Pierre gesättigt schien, ging er schnell und direkt auf das Thema los, das ihn am meisten interessierte.
"Ihre Nachricht war sehr kurz, Pierre und sie entsprach keineswegs den formalen Erfordernissen, so dass wir einige Zweifel hatten, ob der Funkspruch tatsächlich von Ihnen abgesetzt worden war. Nun, es ist alles gut gegangen, Sie sitzen mir in bester Gesundheit gegenüber, erzählen Sie Ihre Geschichte!"
"Gleich, Dick, aber lassen Sie mich doch zuerst wissen, ob Sie dem Italiener helfen konnten, schließlich bin ich erhebliche Risiken eingegangen, um unserem Freund den Rückzug zu ermöglichen."
"Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht, Pierre. Wir hatten glücklicherweise ein Boot in der Nähe und konnten ihm helfen, das Festland zu erreichen. Er hat keinerlei Verdacht geschöpft. Unsere Spezialisten sind bei ihm glatt als einfache Fischer durchgegangen. Dann ist es ihm gelungen, per Anhalter nach Rom zu kommen. Noch gestern Abend hat er sich bei seiner Dienststelle gemeldet."
"Und die schlechte Nachricht?"
"Sie haben ihn die ganze Nacht über verhört und ihm heute Morgen erklärt, dass er für sie jetzt wertlos geworden ist. Er steht auf der Straße, die Mafia hat seine Spur längst wieder aufgenommen. Wir können ihm nicht helfen, ohne uns selbst zu gefährden. Sein Gehalt werden sie ihm bis zum Jahresende weiterzahlen, aber er wird kaum noch dazu kommen, etwas abzuheben, denn seine Lebenserwartung ist dramatisch gesunken. Fragen Sie mich jetzt nur nicht, woher ich das weiß, Pierre, ich wollte, ich hätte bessere Nachrichten."
Pierre schwieg betroffen. Dann begann er mit der Schilderung der Ereignisse, die er erlebt hatte:

"Die ganze Besprechung in Cefalú hatte nur einen Zweck. Die kritische Phase des Handels, die Übergabe von Geld und Ware soll neu geregelt werden. Ein Deutscher, Fred Marohn, ich habe ihn jetzt kennengelernt, hat den Plan entwickelt. Marohn ist, wie wir ja wissen, schon seit Jahren der Logistik-Spezialist, doch mit seiner jüngsten Idee verschafft er sich maßgeblichen Einfluss auf den europäischen Märkten. Es wird nicht mehr lange dauern und jedes Gramm Heroin, das irgendwo in Europa gedealt wird, ist durch die Hände seiner Organisation gegangen. Produzenten und Großdealer werden sich künftig bei den Übergaben nicht mehr begegnen. Alle beabsichtigten Transaktionen werden bei Marohn angemeldet. Er sorgt dafür, dass Ware und Geld gleichzeitig, aber an unterschiedlichen Orten übergeben werden. Er vertuscht damit die Beziehung zwischen Käufer und Verkäufer, das Risiko für beide Seiten sinkt ganz erheblich, aber er bekommt einen gewaltigen Einfluss, den er früher oder später ganz skrupellos nutzen wird. Don Rimerco unterstützt ihn, ich weiß noch nicht, was der alte Fuchs vor hat, denn zunächst einmal sieht es so aus, als gäbe er damit einen erheblichen Teil seines Einflusses auf das Geschäft auf. Ich konnte nicht viel entgegensetzen. Es ist mir lediglich gelungen, die Verwendung von SMS-Nachrichten zu verhindern, was uns immerhin noch die Möglichkeit gibt, die Stimmen der an den Übergaben direkt Beteiligten festzuhalten und zu analysieren. Das sind zwar ausschließlich Marohns Männer, aber wir haben wahrscheinlich keine andere Chance mehr, als einen dieser Leute zu identifizieren und zur Mitarbeit zu bewegen, wenn wir überhaupt noch brauchbare Informationen über das Netz der Drogenverteilung bekommen wollen."
Dick Lavalles hatte sich die Schilderung des Mannes, für den in mühsamster Kleinarbeit die Legende des ehemaligen Sicherheitschefs einer südafrikanischen Diamantenmine aufgebaut worden war, mit wachsender Besorgnis angehört:

"Verdammt Pierre, wir haben nicht jahrelang daran gearbeitet, Sie in den inneren Zirkel der von der sizilianischen Mafia gesteuerten Geschäfte einzuschleusen, damit ein lumpiger kleiner Boché daherkommt und alles wieder zunichte macht. Ihre Informationen waren uns bisher überaus nützlich. Sind Sie wirklich sicher, dass die Fäden künftig bei Marohn in Deutschland zusammenlaufen werden? Und wenn, gibt es dann wirklich keine Möglichkeit mehr, die wichtigen Informationen aus den Kontakten zu den Produzenten zu erhalten?"

"Was heißt sicher? Wenn Fred Marohn nur einen Funken Verstand hat - und daran besteht kein Zweifel - wird er seinen Laden so abschotten, dass nur noch er alleine weiß, wann welche Mengen und welche Qualitäten zu welchen Preisen von wem an wen abgegeben werden. Er hat sich das Vertrauen der Bosse dadurch gekauft, dass er das Verlustrisiko übernommen hat. Er wird in den nächsten Tagen und Wochen hohe zweistellige Millionenbeträge als Sicherheiten hinterlegen. Undichte Stellen kann er sich nicht leisten, sonst sind die Sicherheiten futsch. Ich fürchte, dass wir den Überblick über den Drogenhandel bald verlieren werden. Und was das heißt, das wissen Sie, Dick, viel besser als ich."
"Einen Moment Pierre, Sie sagen, dass dieser Deutsche Sicherheiten hinterlegen wird? Hohe zweistellige Millionenbeträge? Ist das nicht unsere Chance?"
Und dann entwickelte er einen Plan, der auf der Überlegung basierte, dass hohe zweistellige Millionenbeträge nicht auf der Straße liegen. Dass Fred Marohn deshalb einige Anstrengungen zu unternehmen hätte, um das Kapital flüssig zu machen und dass genau dieser Prozess, solange er nicht abgeschlossen war, den wunden Punkt in den Plänen des Deutschen darstellte.

 

Ausschnitt 3

Es war schon später Nachmittag und der Himmel verfinsterte sich zunehmend. Von allen Seiten wuchsen gewaltige Gewitterwolken in die Höhe und während unten im Tal die schwülwarme Luft des Sommertages noch regungslos über dem Land stand, sanken die Temperaturen hier oben sehr schnell und der aufkommende Wind kam mir beim Aussteigen unangenehm frisch vor.
Fred bat mich schnell herein.

"Ist Ihnen jemand gefolgt?", wollte er wissen und als ich gleichgültig mit den Schultern zuckte, war ihm einen Augenblick lang anzumerken, dass er kurz vor der Explosion stand. Aber er hatte sich schnell wieder im Griff, führte mich durch den geräumigen Flur in ein vollständig holzvertäfeltes Zimmer und forderte mich auf, an einem der mächtigen Tische Platz zu nehmen.

"Was will dieser van Niem von Ihnen?", eröffnete ich ziemlich unfreundlich das Gespräch. Ich glaubte, das Recht zu haben, diese Frage zu stellen und als Fred nicht gleich antwortete, hakte ich nach: "Sie haben doch mit ihm telefoniert, oder?"
"Nein," sagte Fred, "ich habe nicht mit ihm telefoniert. Er wird Gisela nichts tun. Er wollte nur wissen, wo er mich finden kann und er dachte, er könnte Sie mit dieser Entführung beeindrucken. Gisela ist wahrscheinlich längst wieder auf freiem Fuß, sie wird ihm meine Telefonnummer verraten haben. Damit ist es für ihn ein Kinderspiel, den Weg hierher zu finden und deshalb werden wir uns jetzt hier einigeln. Zuerst holen wir Ihren Wagen. In der Garage ist noch genug Platz."
Als der Daimler in der Garage stand, ließ Fred das Einfahrtstor zufahren und prüfte, ob es auch sicher eingerastet und verriegelt war. Als wir wieder im Haus waren, verschloss er die schwere Eichentür, öffnete einen in die Wand eingelassenen Schrank. Einige leuchtende LEDs, Uhren und viele Schalter deuteten darauf hin, dass sich hier die Zentrale der Alarmanlage befand und je länger Fred in diesem Schrank hantierte, desto mehr LEDs begannen zu leuchten.
Er verschloss auch den Schrank wieder und während wir zurück in den großen Hauptraum gingen erklärte er mir: "Van Niem wird uns zwar finden, weil Gisela sicherlich geplaudert hat, aber er wird draußen vor der Tür bleiben müssen, und wenn er nicht freiwillig abzieht, holt ihn die Polizei. Sie werden es sehen, Herr Wilhelm. Gar kein Grund zur Panik. Haben Sie Hunger? Ich lasse Sibylle etwas für uns herrichten. Sibylle kommt jeden Tag für ein paar Stunden vorbei, wenn das Haus bewohnt ist und sie ist eine perfekte Köchin."
Er nahm eines der drahtlosen Telefone, von denen gleich mehrere auf einem kleinen Anrichtetisch lagen und drückte eine Taste: "Sibylle, können Sie kurz zu uns kommen, Herr Wilhelm, mein Gast, hätte gerne etwas zu essen!"
Ein paar Augenblicke später öffnete sich die Wandvertäfelung im hinteren Bereich des Raumes und eine ziemlich füllige Frau mit einem bäuerlich runden Gesicht, aschblonden, übermäßig stark dauergewellten Haaren, bekleidet mit einer Art Dirndl und einer großen weißen Schürze schob sich in den Raum, und begrüßte mich: "Grüaß Gott, Herr Wilhelm, was möchten'S denn?"
Wir einigten uns auf einen großen Brotzeitteller, mit allerlei Geräuchertem, Käse Wurst und Schinken, dazu frisch aufgeschnittenen Rettich, Tomaten und ein paar Paprikaschoten. Wir saßen am Tisch und aßen schweigend. Als ich mir ein zweites Bier bringen ließ, erinnerte mich Fred daran, dass ich morgen Frau Mnachnik nach Sonthofen bringen sollte: "Sie müssen heute noch nach München zurück, besser, Sie halten sich mit dem Alkohol etwas zurück, Herr Wilhelm."

Ich bin eigentlich kaum aus der Ruhe zu bringen und schon gar nicht aufbrausend, aber nach all den Aufregungen des Tages, nach allem, was ich für ihn getan hatte, während er sich stur weigerte, für die Rettung Giselas auch nur einen Finger zu rühren, brachte mich diese vollkommen überflüssige und respektlose Ermahnung in Rage: "Jetzt hören Sie mir einmal zu, Herr Marohn!" Meine Stimme hallte förmlich in dem großen Raum. "Wann ich wie viel Bier trinke, das ist allein meine Angelegenheit und wann und wohin ich fahre, ist auch meine Angelegenheit. Ich sitze doch nicht hier, um mir den Kopf darüber zu zerbrechen, wie Ihre Geliebte am Besten nach Sonthofen kommt! Ich habe Sie aufgesucht, weil ich endlich wissen will, was für ein Spiel hier gespielt wird. Weil ich wissen will, wer dieser gemeingefährliche van Niem ist und weil ich wissen will, was Sie, Sie, mein Chef, mit solchen Leuten zu schaffen haben!"

Fred schaute mich unverwandt an und zeigte mir mit minimalem Minenspiel, eine Mischung aus gespielter Überraschung und verächtlicher Überlegenheit. Als ich eine Pause machte, um Luft zu holen, wurde sein Gesicht hart und das Lächeln erstarb.

"Fertig?", fragte er leise und höhnisch, "fertig, Herr Wilhelm? Ich werde Ihnen jetzt sagen, was Sie so dringend wissen wollen und noch einiges mehr. Aber ich warne Sie! Wenn Sie auch nur ein Wort, von dem, was Sie jetzt erfahren, ausplaudern, sind Sie ein toter Mann. Pierre van Niem ist einer der gefährlichsten Mafiosi. Er ist ein Killer und der Chef einer Killerorganisation. Er ist Don Rimerco, dem Paten von Palermo für die Sicherheit seiner Rauschgiftgeschäfte verantwortlich. Pierre fackelt nicht lange. Jede Bedrohung wird ausgeschaltet. Systematisch. Pierre ist ein misstrauischer Mensch. Alles, was sich ihm nicht sofort erschließt, jeder, der mit einer Antwort einen Tick zu lange zögert, wird von ihm als Bedrohung eingestuft. Pierre van Niem traut niemandem. Er hat keine Freunde. Wer mit ihm zusammenarbeitet, darf sich keinen Fehler leisten. Vor vier Wochen stand ich daneben, als er einen Mann kaltblütig und ohne Vorwarnung aus nächster Nähe erschoss. Sie dachten, ich sei in Sizilien unterwegs, um neue Angebote für das Reisebüro zu gestalten. Das war nur ein Vorwand. Ich war zwar auf Sizilien, aber als Hauptreferent einer Konferenz wichtiger Mafiagrößen. Ich habe meinen Plan für eine neue Methode der Distribution großer Mengen Heroin vorgestellt. Ich habe die Bosse überzeugt. Ich habe den Job, und das, Herr Wilhelm, macht mich in wenigen Monaten zum uneingeschränkten Herrscher über das gesamte europäische Drogengeschäft. Niemand wird sich mehr einen Schuss setzen zwischen Lissabon und Moskau, ohne dass ich daran verdiene. Niemand wird sich mehr einen Joint drehen, zwischen Oslo und Messina, ohne dass das Gras vorher durch die Hände meiner Organisation gelaufen ist. Das ist der größte Deal, den das alte Europa je gesehen hat und in den Staaten hat es keiner der Jungs je geschafft, eine solche Position zu erobern. Pierre van Niem weiß davon. Pierre van Niem misstraut mir. Er hat mir bereits eine kleine Niederlage beigebracht, ich musste ein Detail meines Planes ändern, weil er als Chef der Sicherheit es wollte. Dabei ist seine Variante weitaus unsicherer als die meine, aber ich bin noch nicht stark genug, um mich wegen solcher Kleinigkeiten auf die große Auseinandersetzung einzulassen. Pierre van Niem hat mir außerdem vor wenigen Tagen in München auf offener Strasse mehrere Millionen stehlen lassen. Nur er kann es gewesen sein, denn nur er hat das Wissen und ein Interesse daran, meine Methode zu sabotieren. Ich muss bis spätestens 31. Oktober rund 60 Millionen Dollar flüssig machen, Geld, das ich als Sicherheit für künftige Geschäfte hinterlegen muss. Anders hätte ich die Zustimmung nicht bekommen. Ich weiß nicht, was van Niem will. Vielleicht will er sich in das Geschäft hineindrängen, vielleicht will er mein Partner werden, vielleicht will er aber auch verhindern, dass sich zu viel Macht in einer Hand konzentriert. Er könnte sonst leicht überflüssig werden und er kann sich ausrechnen, dass meine zukünftige Machtposition die alte Hierarchie total verändern wird.
Ich allerdings kann mich nicht aufhalten lassen. Ich muss das Geld besorgen. Erst wollte ich Immobilien verkaufen, aber als mir van Niem den Geldkoffer gestohlen hat, kam mir eine andere Idee. Ich habe schon viel Geld besorgt. Der Kredit für unseren Neuanfang, nach dem Tod meines Vaters, glaubten Sie wirklich, es hätte sich irgendeine Bank finden lassen, die mir zur Rettung eines heruntergekommenen Reisebüros eine halbe Million anvertraut? Nein, Herr Wilhelm, das Geld kam von der Mafia, es war ein Kredit, den ich als Vorschuss für viele, viele Kurierdienste erhalten habe. Sie können sich nicht vorstellen, wie viel Koks und Heroin ich über die österreichische Grenze nach München gebracht habe, bis die Schuld abbezahlt war. Aber Sie wissen, ich mache keine halben Sachen. Ich habe mich zum Finanzier entwickelt, immer neue Wege gesucht, wie Drogengeld gewaschen und gewinnbringend angelegt werden kann. Ich habe mir die raffiniertesten Fallen ausgedacht, um geldgierige Abenteurer dazu zu bewegen, für uns Risiken einzugehen, die selbst ich freiwillig niemals eingegangen wäre. Danach habe ich neue Chancen wahrgenommen. Als Reisebürochef hatte ich nie ein Problem, Begründungen für Reisen auch in die abgelegensten Gebiete der Welt zu finden. Niemand hat Verdacht geschöpft. Sie saßen im Büro Tür an Tür neben mir, wir haben uns eine Sekretärin geteilt und Sie hatten nie den Schimmer einer Ahnung, dass ich in Wahrheit damit beschäftigt war, sichere Transportwege auszuklügeln, kleine Zöllner und höchste Regierungsbeamte zu bestechen, ein Heer von Kurieren anzuwerben und bei Laune zu halten und dabei immer dafür zu sorgen, dass niemand außer mir einen Einblick in dieses feingesponnene Netz bekam.

Heringstorff und Wemthaler haben keine Ahnung voneinander. Beide brauche ich, um in ein paar Wochen rund 60 Millionen Dollar Drogengelder aus Mittelamerika nach Deutschland zu holen. Gelder die sich jemand leihen wird, den ich heute noch nicht kenne, ein Mensch der alles tun wird, um jedes Hindernis, das sich zwischen ihm und dem Geld auftut zu überwinden. Den Mann bringt mir Heringstorff und er wird sich dabei eine gute Provision verdienen. Wemthaler wird dafür sorgen, dass der Mann in Venezuela betreut wird, Wemthaler wird ihn von Caracas aus auf eine Reise schicken, auf der er in einer Woche mehr Flugmeilen zurücklegen wird, als vorher in seinem ganzen Leben. Er wird es bis nach Singapur schaffen und dort das ganze schöne Geld aus den Augen verlieren. Ich übernehme das Geld in Singapur und er wird den Killern, die man auf ihn ansetzen wird, nicht entfliehen können. Sind Sie scharf auf Details, Herr Wilhelm? Die können Sie bekommen, die werden Sie bekommen, wenn es soweit ist. Auch Sie sollten nicht mehr wissen, als unbedingt nötig. Vielleicht eines noch: Raiza ist verheiratet, ihr Mann ist der Sohn eines außerordentlich wagemutigen kurdischen Freiheitskämpfers, er selbst ist schlau und grausam und geradezu krankhaft eifersüchtig, er kauft in großem Stil Rohopium auf und verfügt im ehemaligen Kurdengebiet zwischen Türkei, Irak und Iran über mehr Macht und Einfluss , als jeder PKK-Führer! Sollte er je erfahren, dass Sie ohne sein Wissen länger als drei Minuten mit seiner Frau alleine in einem geschlossenen Raum verbracht haben, wird er an Ihnen Rache nehmen, egal, was Sie zu Ihrer Verteidigung vorbringen."
Während des letzten Satzes ertönte ein leises Summen, ein Stück der Wandvertäfelung schwang auf und gab den Blick auf mehrere Bildschirme frei, die gestochen scharfe Bilder von der Umgebung der Jagdhütte lieferten.

"Ein Mensch ist in den äußeren Überwachungsbereich eingedrungen, Herr Wilhelm, wir werden ihn gleich in voller Schönheit auf dem Hauptbildschirm haben. Es geht doch nichts über eine hochintelligente Elektronik."
Tatsächlich zeigte der Hauptbildschirm nach zwei drei Sekunden im grünen Licht einer Infratrotkamera einen schlanken Mann, der vom Überwachungssystem erfasst worden war. Er bewegte sich geschmeidig und jede Deckung nutzend dicht neben der Straße, die zur Jagdhütte führte durch das Unterholz. Als er den hohen Metallzaun erreicht hatte, der dem Anwesen von drei Seiten Schutz gegen Eindringliche bot, sagte Fred: "Jetzt wollen wir dem netten Herrn eine kleine Überraschung bereiten, sehen Sie genau hin, es wird lustig." Dann griff er wieder nach einem jener Geräte, die ich alle für Telefone gehalten hatte, und verfügte damit offenbar über eine Fernbedienung für die Alarmanlage. Auf der Brust des Mannes erschien ein kleiner, kreisrunder Fleck, der auf dem Bildschirm in gleißendem Weiß zu erkennen war. Fred hob das Gerät an seine Lippen und sagte: "Das ist der Laserzielpunkt eines Präzisionsgewehrs". Seine Stimme schallte von Außenlautsprechern lautstark in den Wald. "Machen Sie keine hastige Bewegung, erschrecken Sie nicht, wenn ich jetzt ein bisschen Licht mache. Der Hauptbildschirm wurde kurz vollständig weiß, und wechselte dann zu dem Bild einer anderen Kamera, die offenbar im Wellenlängenbereich des normalen Tageslichtes arbeitete.
"Das ist er," sagte ich, denn obwohl ich nur die Figur des Mannes erkennen konnte, war es doch ganz eindeutig der Mann, den ich heute Vormittag vor dem Reisebüro gesehen hatte. "Woher kennen Sie van Niem?", fragte Fred erstaunt und fluchte leise, als auch diese Frage laut in den Wald schallte.
Vom Bildschirm her kam die Antwort. Es waren also mit der Kamera nicht nur der starke Laserpointer sondern auch Richtmikrofone gekoppelt.
"Ich kenne van Niem nicht. Ich bin van Niem. Lassen Sie mich hinein, Marohn, ich habe eine Nachricht für Sie."

Ausschnitt 4

"So, Sie kommen also direkt aus dem Gefängnis?" Berta klang skeptisch, höhnisch und abweisend. Sie ließ sich so leicht nicht um den Finger wickeln. Das Leben hatte sie gelehrt, niemandem vorschnell Glauben zu schenken, schon gar nicht, wenn Hilfe angeboten wurde, um die sie nicht gebeten hatte, noch dazu von einer völlig fremden Person. Die Dame, deren erlesene Garderobe überhaupt nicht in die rauchige Kneipe passte, die ‚Bertas Eck' nun einmal war, hatte offenbar irgendwo irgendetwas aufgeschnappt und wollte sich jetzt wichtig machen , wenn sie nicht gar ein Spitzel war, ein Lockvogel, den ihr die Polizei geschickt hatte, um sie auszuhorchen.
"Ja, direkt aus dem Gefängnis." Raizas Antwort kam kurz, knapp, trocken und ließ keine andere Reaktion zu, als weiter zuzuhören, aber Raiza ließ sich Zeit. Bedächtig sah sie sich im Gastraum um. Zwei Jugendliche versuchten mit Ausdauer und einem großen Vorrat an Münzen den nervtötend piepsenden, pfeifenden und klappernden Spielautomaten zu überlisten. Sie waren die einzigen Gäste.
"Ja ", wiederholte sie, "vor nicht ganz drei Stunden saß ich noch auf einem alten Drehstuhl, mit ungepolsterter hölzerner Sitzfläche im Besucherraum des Gefängnisses in Kempten, ich glaube, ich soll Sie grüßen."
"Grüßen von wem?" Berta reagierte gereizt und unwirsch. Sie hasste solche Geheimnistuerei. Warum konnte die Frau nicht klipp und klar sagen, was los war?
"Ich bin mir nicht sicher, Berta, entschuldigen Sie, aber ich kenne leider nur ihren Vornamen..."
Berta schüttelte den Kopf: "Macht nichts, so nennen mich alle, was heißt das: Sie sind sich nicht sicher?"
"Ich heiße Raiza."
Raiza streckte Berta die Hand hin. Berta zögerte, dann streckte auch sie die Hand aus: Gut Raiza, ich sage auch lieber ‚du', als ‚Sie'. Was ist los? Wenn du wirklich was zu sagen hast, dann lass es raus!"
Hinten am Spielautomaten klapperten Münzen in die Auffangschale, der Segen wollte gar nicht aufhören. Einer der Jungen kam nach vorne an den Tresen, zu den beiden Frauen. die Hand voller Markstücke: "Da, ich denke das reicht für unsere zwei Bier. Wir müssen weiter. Aber solange hier noch der alte ATON-III steht, kommen wir gerne immer wieder." Berta nahm das Geld. "Danke Jungs, aber hier braucht ihr nicht wieder vorbeizukommen. Letzte Woche haben sie das Werk da drüben dichtgemacht. Meine Kneipe ist bald auch geschlossen. Endgültig, das Haus wird abgerissen. Finito."
Die letzten Sätze hatte sie mehr für sich selbst gesprochen, der Junge war längst mit seinem Kollegen aus der Tür, aber Raiza hatte sehr interessiert zugehört: "Ist Guido deswegen nach Südamerika, weil das Lokal nicht mehr genug abwirft?"
Raiza war das Aufflackern in den Augen der Frau nicht entgangen, aber Berta dachte nicht daran, sich einwickeln zu lassen und ging mit abfälligem Lachen zum Generalangriff über: "Ich weiß nicht, wer du bist und was du willst. Ich weiß auch nichts von einem Guido in Südamerika. Glaubst du nicht langsam selbst, dass du dich in der Haustür geirrt hast, Süße? Such dir 'ne andere, wenn du unbedingt jemanden brauchst, um dummes Zeug zu quatschen, aber lass mich in Ruhe!"
Raiza blieb ruhig: "Meinen Kaffee darf ich aber noch austrinken, oder? Zahlen muss ich auch noch. Sei nicht so misstrauisch Berta. Es wäre besser gewesen, Guido wäre misstrauischer gewesen, bevor er zu Osterfeld nach Prag gegangen ist."
"Du spinnst ja. Gib's doch auf. Ich kenn' keinen Guido, weder in Südamerika, noch in der Tschechei und wahrscheinlich heißt du in Wahrheit Sonja oder Doris und bist bei der Kripo und willst nichts anderes, als mich aushorchen. Ich weiß nix. Es war nett, mit dir zu plaudern, aber jetzt geh! Der Kaffee geht aufs Haus."
"Dann kann ich wohl nichts machen. Ach ja, noch eines soll ich ausrichten: Eine Lebensversicherung hilft nichts, wenn niemand da ist, um die Leistung zu kassieren, noch weniger, wenn sich ein Fremder bedient. Mein Freund sagt, an deiner Stelle würde er schnellstmöglich hinterherfliegen und Guido rausholen, bevor es zu spät ist, aber das ist mir jetzt egal. Mach doch, was du willst - vielleicht bin ich ja tatsächlich an der falschen Haustür."


Raiza stand auf, drehte sich auf dem Absatz um und ging zum Ausgang. Das war gründlich misslungen, ging es ihr durch den Kopf, aber sie wusste nicht wo der Fehler lag und wer ihn gemacht hatte. Hatte sie Richard missverstanden oder verstand diese Berta einfach nicht, worum es ging? Gab es vielleicht ein Geheimnis, das Berta um jeden Preis bewahren wollte? Sie würde es morgen noch einmal versuchen. Sich telefonisch melden, nachfragen, ob Berta inzwischen eingefallen sei, welcher Guido gemeint war.
Dann beeilte sie sich, die lange Straße, an deren Ende Bertas Eck lag, hinter sich zu bringen, denn seit der Schließung der Kupre Werke war die Gegend wie ausgestorben. Kein Auto, kein Fahrrad war unterwegs, nur ein paar aufgeregte Spatzen stritten sich laut zeternd um ein Stück trockene Brezel, das sie im Rinnstein entdeckt hatten. Das Wetter hatte sich seit gestern nicht verändert. Schwere dunkle Wolken hingen am Himmel und es wurde schnell dunkel. Dreihundert Meter weiter, vorne an der Haupt-straße, deren Lichter jetzt schon zu sehen waren, würde sie sich wieder sicherer fühlen und auch ein Taxi finden.
Sie hörte, dass der Wagen, der von hinten kam, langsamer wurde, und begann zu laufen, aber sie hatte keine Chance. Schon war sie vom voll aufgeblendeten Scheinwerferlicht erfasst, dann war das Auto neben ihr, fuhr ein paar Meter weiter und kam kurz vor ihr zum Stehen. Raiza war auf das Schlimmste gefasst, und total erleichtert, als die Beifahrertür aufging und Berta, die sich dazu quer über den Beifahrersitz strecken musste, ihr zurief: "Steig ein Raiza. Ich fahr dich nach Hause."
Als Raiza dann neben ihr saß und sich den Angstschweiß von der Stirn wischte, erklärte Berta: "Es ist mir jetzt egal. Ich weiß doch auch nicht mehr weiter. Wahrscheinlich willst du uns tatsächlich helfen, und selbst wenn du von der Polizei kommst, irgendjemand muss etwas unternehmen - können wir zu dir? Mir fällt zuhause die Decke auf den Kopf." Raiza nannte ihre Adresse und zwanzig Minuten später war der Wagen vor dem großzügigen Anwesen, halb auf der Straße, halb auf dem Gehweg geparkt. Raiza schloss auf und bat Berta hinein. Stundenlang berichteten sich die beiden Frauen, was ihnen in den letzten Tagen und Wochen widerfahren war. Als Berta von Guidos Reise nach Prag erzählte, kam bei Raiza erneut die Frage auf, die sie seit dem Besuch bei Richard beschäftigte: "Prag. Prag? Wo und in welchem Zusammenhang habe ich zuletzt etwas über Prag gehört?"

Und plötzlich erinnerte sie sich: ‚Sie waren am 5. September in Prag, Herr Wilhelm. Haben Sie den Goldesel gefunden?'

Das hatte Marco gesagt und Richard hatte nicht widersprochen. Kann es sein, dass diese Fahrt nach Prag am 5. September stattgefunden hat?" Berta begann nachzurechnen: "Ja, genau, das war ein Dienstag. Guido war ebenfalls an einem Dienstag in Prag, das muss der 5. September gewesen sein. Was bedeutet das, Raiza, ‚einen Goldesel finden'?"