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Auszugsweise Leseprobe aus:

Installatorische Allegorien

ein Spaßbuch für Heim- und Handwerker und alle jene, die das niemals 
werden wollen, für deren Freunde und Kollegen, Mitarbeiter, Lieferanten und
Kunden, sowie natürlich für jeden Installateur, der auf sich hält

von Egon W. Kreutzer 
mit vielen schönen Illustrationen 
lesen Sie hier aus dem dritten Zyklus: "Die Unartigen" das Kapitel "Der Gewindeschneider"

1. Der GewindeschneiderGewindeschneider

Der Gewindeschneider ist der Änderungsschneiderei zuzurechnen.
Feine Damenschneider in Paris, Potsdam und in 17168 Pohnstorf bei Jödenstorf rümpfen das Näschen ob der Angehörigen solchen Standes.



Der Gewindeschneider ist schon deshalb als unartig zu deklarieren, weil er zu den wenigen unbelebten, vom Menschenhirn ersonnenen und von Menschenhand er(!)zeugten Gegenständen gehört, die in einer männlichen und in einer weiblichen Variante auftreten, sich aber nicht, und das ist das Besondere, wie Nonne und Mönch auf dem Dach es tun, untereinander in nützlicher Eintracht verbinden, sondern ihre unersättliche Libido grundsätzlich und immer in sodomistischer Perfidie und unter Auslebung de Sade' scher Gelüste auf die Angehörigen fremder Arten kaprizieren.

Da werden dem armen Opfer in wollüstig sich steigernder Raserei erst streichelnd, dann ritzend und kratzend und zuletzt tief einschneidend und spanabhebend im glitschigen Ölbad Wunden geschlagen und bis zur orgiastischen Erfüllung Runde um Runde weiter und tiefer ins Fleisch getrieben, daß die, die die Tortur überstehen, lebenslänglich von tiefen Narben als Zeichen der Hingabe an den Gewindeschneider gebrandmarkt bleiben.

Es ist wohl Scham, was Opfer dazu zwingt, in kleinsten Selbsthilfegruppen sich eins und eins zusammenzufinden um dann - die Narben gegenseitig überdeckend - im dumpfen Dämmer ausgeträumter Träume und im In- und Miteinander ihres Rostes kraftschlüssig zu verharren, während Gewindeschneider und Gewindeschneiderin, da gibt es keinen Unterschied im frevlerischen Tun, sich längst an neuen Opfern ihre Schneiden wetzen.

Wer sagt denn, daß Eisen keinen Schmerz verspürt und wenn schon Schmerz, dann doch zuerst auch Lust?

Entdeckt der forschende Geist des Menschen doch immer aufs Neue das Schmerzempfindungsvermögen immer weiterer Mitgeschöpfe.
Waren es anfangs nur die Sklaven, die - seelenlos zwar - aber trotzdem Schmerzen litten, ein Wissen, das wie jede wissenschaftliche Erkenntnis schon bald zum Vorteil der Wissenden, in diesem Fall der Sklavenhalter, sich verwenden ließ, so wurden doch nur wenig später auch Hund und Pferd und Katze den schmerzempfindungsfähigen Wesen zugeschlagen. Gegenwärtig fragt man sich nicht ohne Grund, ob nicht Kaninchen und Schimpansen vielleicht auch Schmerz verspürten, wenn man versucht herauszufinden, ob sich das Auge des Kaninchens rötet, wenn man's zwei Tage lang mit stetem Laugentropfen malträtiert und ob das EEG des Affen gar vom Schmerz der in das Hirn gestoß'nen Elektroden selbst gezeichnet sei, wodurch erneut bewiesen wäre, daß jede Messung ihr Ergebnis zwangsläufig auch verfälscht. Nun ja, die fortgeschritt'nen Geister sind viel weiter und billigen der Flora schon Gefühle zu, ja sogar Schmerz, wie von der Mimose her sich ebenso vermuten lasse, wie von dem Pheromon der Warnung, das sich die Bäume senden, wenn sich die Raupen eines Schmetterlings schmarotzend an die Blätter machen.

Der Schritt scheint mutig noch, doch ist er nichts als konsequent, in dieser Zeit davon zu spekulieren, daß Stein und Eisen nicht nur brechen, sondern auch beim Brechen leiden könnten.
Wer mag bei diesem starken Trend noch ernsthaft Zweifel daran hegen, daß in fünfzig Jahren oder hundert ein Steinschutzbund ganz selbstverständlich sein Steinheim neben jedes Tierheim stellt, bis dann am Ende endlich klar ist, auch wir sind nur ein schützens-wertes Teil von eben dieser Welt, aus deren Elementen alles stammt, so auch Dein hirnstromchemisches Befinden, daß sich als bestes Besserwissen beim Lesen dieser Zeilen in diesem Augenblick an jenes Fenster schiebt, das wir Bewußtsein nennen, um schon im nächsten Augenblick nur noch als Kopie in graugewundnen Wülsten eingekerbt zu liegen, wo es auf das Erinnern wartet, um genau dies Original-Gefühl - sei's nötig oder nicht - aufs Neue zu entfachen.
Was ist Silizium anderes, als Stein? Und war nicht dieses Buch elektrisch im Silizium eingegraben, bevor es auf Papier erschien?

Entschuldigen Sie die Unart, so weit vom Thema weg zu kommen mit so wenig Worten.

Der Gewindeschneider, ohne jede unsachliche Überhöhung, ohne jede metaphysische Anmaßung ist nichts weiter als ein Werkzeug, das es ermöglicht, Rohre an jeder beliebigen Stelle abzuschneiden und mit anderen, beliebig abgeschnittenen Rohren per Schraubverbindung wieder zu verlängern, so daß auf der Baustelle immer ein emsiges Arbeiten des Kürzens und Verlängerns zu sehen ist, das es nicht bräuchte, wären alle Rohre auf voller Länge ab Fabrik mit Innen- und Außengewinde versehen, was übrigens nur eine der möglichen Problemlösungen andeutet, die den Gewindeschneider auf der Baustelle überflüssig werden lassen könnten.

Den, der uns - nur zu unserem eigenen Besten - in unserem Selbstsein mal beschneidet, mal verformt, der körperliche Züchtigung und jede Form von Psychoterror nutzt, um uns nach seinem Ideal zu kneten, der sich erfreut, wenn ihm gelingt, was er sich vorgenommen und wir von seinem Wirken durch manches Zeichen Kunde geben, den kennen wir und fürchten ihn in hundert Namen und Gesichtern.

Doch der, der uns erlaubt und auch ermuntert, nach einem vorgelebten Ideal aus freien Stücken uns zu orientieren, dem wir aus Liebe folgen könnten, der ist so rar und selbst wo Kirche Liebe predigt kaum zu finden im Heer der finstren, selbsternannten Racheengel und Strafgerichtsvollzieher.

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Beschreibung Installatorische Allegorien

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