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Wie Geld funktioniert

auch dies ist eine Leseprobe aus
Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band II

Alle Rechte bei Egon W. Kreutzer

Wir haben uns bereits klar gemacht, daß

ein einziger, einzelner Mensch in der Lage ist, auch ohne besondere technische Hilfsmittel, ohne Kunstdünger und ohne EU-Richtlinien soviel Land zu bewirtschaften, daß von seiner Ernte 20 Menschen satt werden könnten.
Damit ist dieser Mensch aber noch nicht einmal das ganze Jahr beschäftigt. Zwischen dem Einbringen der Ernte und der nächsten Aussaat hat er ein paar Monate Zeit, um Bäume zu fällen, Bretter zu schneiden und Möbel zu bauen, mit denen er ebenfalls den Bedarf von 20 Menschen befriedigen kann.

Um ein einfaches Modell für das Funktionieren des Geldes zu konstruieren, lassen wir "diese" 20 Menschen in 4 Familien mit je 5 Mitgliedern organisiert sein, von denen jeweils nur ein Mitglied für Arbeiten frei ist, die nicht direkt den Bedürfnissen der eigenen Familie dienen. So können wir neben dem Tischlerbauern vielleicht auch noch einen Weberschneider, einen Maurerfischer und einen Töpferschmied installieren, von denen jeder in seinen Gewerken soviel hervorbringt, daß der jeweilige Bedarf der ganzen 20-köpfigen Gemeinschaft gedeckt werden kann.

Solange man sich untereinander einig ist, braucht es überhaupt kein Geld, um die Ernährungsgrundlage zu sichern und darüber hinaus in arbeitsteiligem Wirtschaften einen immer größeren Vorrat an Möbeln, Töpfen und Bekleidung anzusammeln, der in immer neuen Anbauten an die Häuser aufbewahrt werden kann.

Und mit Geld?

Selbst wenn die vier Familien untereinander eine Währung einführen würden, um damit immer wiederkehrende Ärgernisse des Tauschens zu überwinden, dann müßte man nichts tun, als jeder Familie einmalig einen Geldbetrag von vielleicht 1000 Einheiten zur Verfügung zu stellen. Das könnten zum Beispiel 1000 Zettelchen sein, auf denen alle 20 Bürger dafür unterschrieben haben, daß das ein Original-Geld-Zettel mit dem Wert 1 ist. Solche Zettel kann man überall in Umlauf bringen. Es müssen keine Dollars dafür herangeschafft oder gesammelt werden, es reicht, wenn dieses Zettel-Geld von denen akzeptiert wird, die mit diesem Geld ihren Tauschhandel modernisieren wollen. Dieser einmal in das System eingespeiste Geldbetrag von insgesamt 4000 Einheiten sollte eigentlich, wenn der Tauschhandel mit den Erzeugnissen der vier Familien weiterhin einen ausgeglichenen Verlauf nimmt, auf ewige Zeiten ausreichen. Mit diesen 4000 Einheiten können sich die 20 Menschen über hundert Jahre und länger ernähren, kleiden, ein Dach über dem Kopf schaffen, und sich die Häuser mit Möbeln voll stellen. Schließlich kann man doch das gleiche Geld, das man gestern für eine neue Hose an die Familie Weberschneider weggeben hat, und das man heute für den Verkauf eines großen Tontopfes von den Weberschneiders zurückbekommen hat, morgen schon wieder benutzen, um damit Brot und Wurst vom Tischlerbauern zu kaufen.

Erst wenn dieser Austausch gestört ist und in der Folge bei mindestens einer Familie das Geld regelmäßig zu knapp wird, dann muß das als Hinweis darauf angesehen werden, daß das Preisgefüge nicht stimmt, oder daß eine Familie begonnen hat, zu sparen.

Nehmen wir den schlimmsten Fall: Die Gattin des Tischlerbauern hat ein ganzes Jahr kein Stück Bekleidung gekauft, weder für sich, noch für ihre Kinder, noch für den Tischlerbauern selbst. Sie hat auch keinen neuen Topf geholt und keine Pfanne, und sie hat den Bauern dazu überredet, auf den von ihm so geliebten Fisch zu verzichten, und lieber die eigenen Kartoffeln zu essen, und auch den Anbau am Stall noch ein Jahr hinauszuschieben.

Auf diese Weise hat sie es geschafft, daß nach einem Jahr alle 4000 Zettelchen, auf denen geschrieben stand, daß es sich um 1 Stück Geld handele, im Besitz der Tischlerbauers waren. Sie dürfen sich die Geschichte selbst weiter ausmalen.
Für das Ende gibt es die unterschiedlichsten Möglichkeiten:

Wenn Sie die zuletzt genannte Lösung bevorzugen, weil die nach allem, was wir wissen, am besten funktionieren sollte, dann können Sie aus dem Fortgang der Geschichte unserer kleinen, überschaubaren Wirtschafts- und Währungsunion ermessen, wo die Reise hingehen wird:

Das Geld, das bis vor Kurzem noch nichts anderes war, als 4000 gemeinschaftlich hergestellte Zettel, hatte eine neue Qualität gewonnen. Aus vorgefertigten Merkzetteln, die man sich zur Erinnerung und zum Nachweis darüber gab, daß zu einer Leistung noch die Gegenleistung fehlte, weil beispielsweise die zwei Tauschgüter nicht gleichzeitig am gleichen Ort zur Verfügung standen, war ein eigenständiger, unabhängiger Wert entstanden, dessen Besitz plötzlich genauso wichtig war, wie der Besitz von Brot.

Seit alles Geld im Besitz und Eigentum der Tischlerbauern steht, hat sich die Welt verändert. Aus vier Familien mit gleichem Wohlstand und Lebensstandard ist in kürzester Zeit ein Szenario entstanden, in dem eine Familie, die mit ihrem Geldbesitz alles kaufen kann, drei Familien gegenübersteht, die verhungern müssen, wenn sie nicht schnellstens zu Geld kommen, obwohl sich am Arbeitsverhalten und der Produktivität nichts verändert hat. Aber sehen wir weiter zu. Das Geld ist verliehen, jede Familie fängt wieder mit 1000 Einheiten an, alle wirtschaften wieder vernünftig, so wie vor jenem schwarzen Jahr, das drei Familien an den Rand des Abgrundes getrieben hatte. Nach einem weiteren Jahr besten Einvernehmens und regen Handels hat auch wieder jede Familie 1000 Scheine im Kasten. Dummerweise kann damit am Ende des Jahres zwar der geliehene Betrag zurückgegeben werden, aber für die Zinsen ist kein Geld da. Wo hätte es auch herkommen sollen?

Es haben also alle ein Jahr lang vernünftig gewirtschaftet, und die Situation ist prekärer als zuvor. Daß einfach zusätzliche neue Zettelchen geschrieben werden sollten, wollten die Tischlerbauern nicht mitmachen. Warum denn auch. Es sind ja genug da. Es wäre ja noch schöner, wenn man einfach neue Zettel schreiben könnte, wenn man alle ausgegeben hat.
Weil nun zusätzliches Geld nicht beschafft werden und die Zinsen nicht bezahlt werden konnten und sich jede Familie für das nächste Jahr sowieso wieder 1000 Scheine von den Tischlerbauern leihen mußte, sah sich die Tischlerbauerfamilie gezwungen, ein Schuldenbuch zu erfinden, in dem jede Familie eine eigene Seite bekam, auf der aufgeschrieben wurde, wieviel Geld sie den Tischlerbauern schuldete und wann das zurückzuzahlen sei und wie hoch die Zinsen inzwischen sind, die auch zu zahlen wären und wieviel Zinsen auf die ausstehenden Zinsen angefallen sind.
Und schon wieder erleben wir eine Revolution. Zuerst war aus harmlosen Merkzetteln ein neuer, zusätzlicher Wert entstanden, der alle anderen Werte ersetzte. Jetzt war die Geldmenge gewachsen, ohne daß man neue Scheine geschrieben hätte, nur durch die Einführung eines Schuldbuches, in das Zinsforderungen eingetragen werden konnten, für die die im Umlauf befindlichen Zettel nicht ausreichten. Obwohl es nach wie vor nur 4000 Einheiten Geld gab, hatten die Tischlerbauern ein Vermögen, das nach dem ersten Jahr auf 4300 Einheiten angewachsen war und mit jedem weiteren Jahr dieses Systems weiter wuchs.

Die Frau des Maurerfischers wurde nervös, sie hat sich lange mit ihrem Mann besprochen, und beide haben begriffen, daß dem Tischlerbauern auf diese Weise heute schon ein Teil der Fische gehörte, die erst noch zu fangen waren, und daß dem Tischlerbauern auch schon jetzt ein Teil des Hauses zustand, das noch gar nicht errichtet war. In größter Sorge vor dem Fortgang dieser Entwicklung, die doch nur dazu führen konnte, daß in wenigen Jahren der Punkt erreicht sein würde, an dem alle Fische, die der Maurerfischervater in seinem ganzen Leben noch fangen würde, und alle Häuser, die er noch bauen könnte, schon dem Tischlerbauern gehörten, noch bevor er auch nur einen dieser Fische gefangen und nur eines dieser Häuser gebaut hätte, suchten sie verzweifelt einen Ausweg.

Endlich haben Sie dem Tischlerbauern angeboten, ihm ihr Haus und den Hof und das Fischerboot zu übereignen, wenn er dafür die Schulden im Schuldenbuch löschen würde.
Natürlich müßten sie vorerst weiterhin dort wohnen bleiben, bis der Maurerfischervater ein Stück weit weg vom Dorf ein neues Haus gebaut haben würde, aber sie wollten ihm für dieses Wohnrecht einen monatlichen Zins bezahlen, ganz gewiß.

Damit der Plan aufging, und die Maurerfischer nicht wieder ins Schuldbuch einzuschreiben waren, fing jetzt die Maurerfischerin an zu sparen und kaufte ein Jahr lang weder Topf noch Pfanne noch Tuch noch Kleid, und als das Jahr um war, war das neue Haus fertig, die Miete war bezahlt, und im Kasten lagen 1500 Zettel. Beim Tischlerbauern aber weinten der Töpferschmied und der Weberschneider, weil sie diesmal weder die Zinsen, noch die Tilgung bezahlen konnten, was der Tischlerbauer mit großem Stirnrunzeln in dem Schuldenbuch vermerkte, und vorsorglich schon einmal darauf hinwies, daß er im nächsten Jahr das Risiko, die 1000 Zettel zu verleihen, wohl nicht mehr eingehen könne, wo doch immer deutlicher zu erkennen wäre, daß die beiden Versager ihre Schulden niemals würden abtragen können. Man müsse gemeinsam darüber nachdenken, ob nun nicht die Häuser übereignet werden müßten.....



So, und jetzt sollten Sie kurz darüber nachdenken, was unser reales Geldsystem von der Zettelwirtschaft unserer Maurerfischer und Töpferschmiede unterscheidet.
Sollten Sie wichtige Unterschiede herausfinden, bitte ich um Nachricht.

Wenn Sie Lust auf mehr haben:
Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre besteht inzwischen aus drei Bänden - eine ausführliche Inhaltsangabe und weitere Leseproben finden Sie beim Verlag.

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