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Auszugsweise Leseprobe aus:

Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre
Band II

ein Buch für Durchblicker und solche, die es werden wollen; für Globalisierungsgegner und
Globalisierungsbefürworter, für Volkswirte, Außen-, Wirtschafts- und Finanzminister, 
für aufgeklärte Verbraucher, für Rentner und geringfügig Beschäftigte, Schüler, 
Studenten, Professoren und Weltverbesserer.

von Egon W. Kreutzer 

Die Überbevölkerung,
eine Frage der Kaufkraft?

Die Frage, ob Überbevölkerung eine Frage der Kaufkraft sei, stützt sich auf die Erkenntnis, dass es sich mit der Überbevölkerung verhält, wie mit der relativen Luftfeuchtigkeit: So, wie der maximale Feuchtigkeitsgehalt der Luft mit steigender Temperatur wächst, darf die Bevölkerungsdichte solange zunehmen, wie die Wirtschaftskraft der betrachteten Region mithält.

Eine weit geringere Bevölkerungsdichte wird aber schon als Überbevölkerung bezeichnet, wenn die ausreichende Versorgung der Bevölkerung auf Grund unzureichenden wirtschaftlichen Erfolges nicht gewährleistet ist.

Für eine ausreichende wirtschaftliche Betätigung braucht der Unternehmer den Anreiz eines möglichen Gewinnes. Um den Gewinn tatsächlich in die Bücher schreiben zu können, reicht es aber nicht aus, dass er ein exzellenter Unternehmer ist, der hervorragende, zielgruppengerechte Produkte zu konkurrenzfähigen Preisen auf den Markt bringt -- er braucht auch Käufer. Eine Region ohne ausreichende Kaufkraft ist daher für wirtschaftliche Betätigung wenig interessant, was dazu führt, dass dort auch eine sehr geringe Bevölkerungsdichte schon als "Überbevölkerung" bezeichnet wird.
Soviel zur Erinnerung an die Überlegungen, die uns bis zu der Frage geführt haben, ob Überbevölkerung eine Frage der Kaufkraft sei. Weil die einfache Frage bereits mit einem einfachen "Ja" beantwortet worden ist, folgt auch hier die etwas problematischere Frage danach, wo denn Kaufkraft herkommt und wie man Kaufkraft schaffen könnte. Es gibt eine bestimmte Sorte konservativer Vordenker, die sich an dieser Stelle mit Grausen abwenden, um den Rückmarsch vom Rande ihres Horizontes in vertrautere Regionen anzutreten. Ihnen ist -- und sie machen uns -- klar, dass man arbeiten muss, um Lohn und damit Kaufkraft zu erhalten. Basta.
Ein völlig richtiger Gedanke, wenn man außer Betracht lässt, dass vielleicht gerade niemand Lust hat, Arbeit anzubieten, oder dass niemand Lust hat, für die erbrachte Arbeit so viel Lohn zu bezahlen, wie nötig wäre, um nach der Befriedigung der allerdringendsten Grundbedürfnisse noch nennenswerte Kaufkraft übrig zu behalten.
Aber genau diese "unternehmerische Unlust" ist das Problem der armen Länder. Greifen wir wahllos eines heraus und sehen uns die Situation etwas näher an. Was halten Sie z.B. von der Demokratischen Republik Kongo? Sie glauben, ein Staat, in dem so viel Bürgerkrieg und Unruhe herrscht, wie im Kongo, sei nicht geeignet, um grundsätzliche wirtschaftliche Fragestellungen zu klären? Bitte, wie sehen Sie dann die Situation in Vietnam? Da ist der Krieg schon seit geraumer Zeit vorbei, genauer gesagt seit 1975. Nach den Verhältnissen im Nachkriegsdeutschland sollte in Vietnam jetzt ein Wirtschaftswunder am Höhepunkt der Vollbeschäftigung angekommen sein -- die Realität sieht leider anders aus.
Die Landfläche Vietnams ist um knapp 10% kleiner, als die Fläche Deutschlands. Die Einwohnerzahl Vietnams ist um knapp 10% niedriger als die Deutschlands. Die Bevölkerungsdichte Vietnams entspricht folglich der Bevölkerungsdichte Deutschlands. Das Bruttosozialprodukt Vietnams erreicht gerade einmal 1/80 des deutschen BSP. Sie können das in erster Näherung durchaus so lesen, dass die Leistung von 80 Vietnamesen im internationalen Vergleich genau so viel wert ist, wie die Leistung eines Deutschen. Nehmen Sie diese Zahl aber bitte nicht als Beweis für die Überlegenheit des deutschen Arbeiters!

69% der erwerbstätigen Vietnamesen sind in der Landwirtschaft beschäftigt. Die Landwirtschaft erwirtschaftet aber nur 7,1 Milliarden US$, also 27% des Bruttosozialproduktes, davon gehen 5,1 Milliarden in den Export, verbleiben 2 Milliarden für den inländischen Verzehr, also 26 US$ pro Nase und Jahr!
Wer davon leben will, muss Einwohner eines Niedrig-Preis-Landes sein.

In Deutschland sind nur 3% der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft beschäftigt. Diese 3% erwirtschaften aber 24 Milliarden US$, daraus wird - nach Veredelung zu Ernährungsgütern - ein Exportvolumen von rund
35 Milliarden US$ erzeugt, im Gegenzug werden für rund 44 Milliarden US$ Ernährungsgüter importiert. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel macht aus alledem letztlich einen Umsatz in der Größenordnung von 200 Milliarden DM, was rund gerechnet einem Betrag von 1250 US$ pro Nase und Jahr entspricht. Setzen Sie diese 1250 Dollar ruhig in Relation zu den 26 Dollar, die der Vietnamese im Jahr zum Essen hat, nicht weil sich das so exakt und richtig vergleichen ließe, nicht weil man daraus einen gültigen Faktor errechnen könnte, nur damit Sie eine Vorstellung davon gewinnen, was ein Hochpreisland ist. Vielleicht vergleichen wir noch einmal anders: 3% der erwerbstätigen Deutschen schaffen in der Landwirtschaft einen Wert von
24 Milliarden US$; 69% der erwerbstätigen Vietnamesen schaffen in der Landwirtschaft einen Wert von 7 Milliarden US$. Im direkten Vergleich erwirtschaftet der in Deutschland landwirtschaftlich erwerbstätige Mensch ungefähr 20.000 US$ p.a., der Vietnamese aber nur 250 US$ und siehe da, schon wieder taucht das Verhältnis 1 : 80 auf.

Wir können uns den Vergleich der restlichen 30% erwerbstätiger Vietnamesen mit den restlichen 97% erwerbstätiger Deutscher guten Gewissens schenken. Wir werden dabei kaum zusätzliche Erkenntnisse gewinnen, die unserer Fragestellung nutzen. Unsere Fragestellung war, wo denn die Kaufkraft herkommt, und wie man Kaufkraft schaffen könnte. Wir haben herausgefunden, dass 50% der Vietnamesen mit einem Wirkungsgrad von 1,25% (im Vergleich zu deutschen Landwirten) für den Export landwirtschaftlicher Güter arbeiten, woraus Erlöse stammen, die nicht einmal ausreichen, um die Roh- und Brennstoff-Importe des Landes zu bezahlen. Da bleibt keine Kaufkraft übrig.
Würde Vietnam seine landwirtschaftliche Produktivität um den Faktor 80 steigern, wäre der Effekt höchstwahrscheinlich nur der, dass die Mehrproduktion zum überwiegenden Teil auf den Feldern verrotten müsste, weil der Weltmarkt voll ist mit den landwirtschaftlichen Produkten anderer Erzeugerländer. Vermutlich gäbe es darüber hinaus ein gewisses weiteres Absinken der Weltmarktpreise für landwirtschaftliche Erzeugnisse, was letztlich das leichte Mengenwachstum im vietnamesischen Export wertmäßig wieder ausgleichen könnte. Teuflisch, oder?
Andererseits hat Vietnam aber auch keine Chance, durch Verknappung des Angebotes die Preise nach oben zu treiben. Der Anteil landwirtschaftlicher Erzeugnisse aus vietnamesischer Produktion wäre sofort und ohne jegliche Verwerfung auf den Märkten durch Produkte anderer Staaten substituiert. Auch eine Boykottgemeinschaft aller armen Staaten, die landwirtschaftliche Güter exportieren, würde nicht weit helfen. Während einerseits die Industrienationen ein paar stillgelegte Äcker reaktivieren könnten, um auch nur den geringsten Anschein eines Mangels zu vermeiden, während die Weltmarktpreise tatsächlich einen leichten Aufwind bekämen, der auch die Bewirtschaftung von hochalpinen Weideflächen wieder lohnend erscheinen ließe, könnten die armen Staaten ihre Import-Rechnungen nicht mehr bezahlen. Abhängigkeit und Not würden sich verstärken, und wenn die landwirtschaftlichen Produkte wieder auf dem Weltmarkt in Erscheinung träten, gäbe es unmittelbar wieder einen Preisrutsch nach unten auf das alte Niveau oder noch darunter. Der einzige Weg, der einem solchen armen Land bleibt, ist es, sich Schritt für Schritt zur preiswerten Konkurrenz für die Industrie der reicheren Staaten zu entwickeln. Der Preis dafür sind niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen, hohe Arbeitszeitbelastung und hohe Umweltbelastung. Gelingt es dann, eine 12 V Autobatterie nach den Vorstellungen eines europäischen Herstellers in Vietnam zu fertigen und zu einem Preis anzubieten, der, Transport und Transportversicherung eingeschlossen, um 5% unter dem Preis des bisher günstigsten Anbieters liegt, dann kann es sein, dass eine vietnamesische Akkumulatorenfabrik 3000 Mitarbeiter einstellt, um jährlich 1 Million 12 V Batterien nach Europa zu verschiffen, womit ca. 20 Millionen Euro Exporterlöse generiert werden können. Der europäische Automobilbauer hat seine jährlichen Kosten damit um rund 1 Million Euro gesenkt. Vermutlich wird diese Million schlicht und einfach an die Aktionäre ausgeschüttet.
In Europa wird eine nicht mehr konkurrenzfähige Akkumulatoren-Fertigung geschlossen. Rund vierhundert Arbeitsplätze gehen verloren. Mit jedem weiteren Schritt der vietnamesischen Industrie auf den europäischen, japanischen Märkten und natürlich auch auf dem US-amerikanischen Markt verbessert sich die Kaufkraftsituation. Irgendwann bekommt Vietnam den Titel Schwellenland und steigt endlich zum Tiger-Staat auf. Der Preis, um den dies geschehen kann, sind viele lange Jahre freiwilliger Fronarbeit für die Industrienationen. Der Preis, den die Bevölkerung der Industrienationen dafür zahlt, ist eine wachsende Arbeitslosigkeit, nur gemindert durch ein allgemeines, weltwirtschaftliches Wachstum, was zum Beispiel heißt, dass noch öfter und noch schneller eine noch bessere Generation von Mobiltelefonen für noch mehr Nutzer auf den Markt muss, bis am scheußlichen Ende jeder Erdenbürger täglich zwei neue Mobiltelefone in Betrieb zu nehmen hat.
Japan hat diesen Weg geschafft. Schritt für Schritt. Wir haben jetzt mehr Fotoapparate und mehr Fernsehgeräte und mehr Videorecorder als wir brauchen, und sind gezwungen, uns alle Jahre mit einer neuen Generation von Videokameras auseinanderzusetzen. Die europäischen Hersteller von Unterhaltungselektronik sind im Zuge der japanischen Entwicklung weitgehend vom Markt verschwunden. Gleichzeitig hat sich Japan eine eigene Automobilindustrie aufgebaut, die den europäischen Automarkt immer wieder beunruhigt hat, ohne ihm allerdings je ernsthaft gefährlich zu werden und Japan hat erhebliche Kapazitäten im Bereich der Halbleiterindustrie und der Datenverarbeitung geschaffen. Europäische Manager haben ihren europäischen Mitarbeitern lange und ernst gemeinte Vorträge über die japanischen Tugenden gehalten und versucht, die für sie wichtige Seite dieser Tugenden auch bei uns zu etablieren. In Japan leben heute 335 Menschen auf dem Quadratkilometer, das Bruttosozialprodukt je Einwohner liegt bei 32.350 US$ und damit um mehr als 20% über dem deutschen Niveau. Nur noch 5,3% der erwerbstätigen Japaner arbeiten in der Landwirtschaft, die nur 1,8% des BSP erwirtschaftet. Japan gehört heute zu den großen Industrienationen.
Parallel dazu sind in Europa und in den USA Arbeitsplätze verschwunden oder haben sich in Arbeitsplätze im Billiglohnsektor zweifelhafter Dienstleistungsberufe verwandelt. Es tut mir Leid, aber ich muss die Binsenweisheit explizit verkünden:

Jedes überdurchschnittliche Wachstum einer Volkswirtschaft dieser Erde geht zwangsläufig zu Lasten des Wachstums anderer Volkswirtschaften.

Bitte bedenken Sie, wenn Sie Vietnam eine baldige, positive wirtschaftliche Entwicklung wünschen, dass Vietnam, auf dem Stand der Kunst, den wir heute in Deutschland haben, die komplette deutsche Wirtschaftsleistung substituieren könnte. Von daher wird die Frage nach der Kaufkraft als wesentlichem Kriterium bei der Beurteilung der Frage: "Überbevölkerung ja oder nein?" noch einmal hochgradig neu gestellt. Denn was bedeutete der zweite Weg, die Ankurbelung des wirtschaftlichen Wachstums, bis von Überbevölkerung nicht mehr die Rede sein kann, in der Konsequenz? Ich überlasse es Ihnen, die Grundrechenarten auf die wirtschaftlichen Basisdaten der Staaten dieser Erde anzuwenden. Auch ohne genau nachzurechnen, können wir davon ausgehen, dass die Aufrüstung der gesamten Weltbevölkerung zu ausreichend kaufkräftigen Konsumenten (so dass sie für die Wirtschaft interessant werden) nur in einer noch irrsinnigeren Wachstumsspirale aufgehen kann, als wir sie heute schon kennen. Wir alle müssten uns gegenseitig mit Waren und Leistungen derart überhäufen, dass wir mit dem Verschrotten nicht mehr nachkämen. Sie sehen, wir stoßen erneut mit der weichen Stirn gegen die harten Grenzen unseres Wirtschaftssystems und können nicht verstehen, warum eine so hochleistungsfähige Wirtschaft nur dann funktioniert, wenn sie einerseits überflüssigen Überfluss anhäuft und andererseits Regenwälder kahlschlägt. Lassen wir es vorläufig dabei bewenden.

Beschäftigen wir uns statt dessen mit einem weiteren Aspekt der Überbevölkerung, einem einigermaßen mess- und quantifizierbaren Aspekt, nämlich mit der Frage nach dem Ressourcenverzehr, der durch "Überbevölkerung" vorangetrieben wird.

Mehr über Arbeitslosigkeit, Hunger, Überbevölkerung, Globalisierungsgewinner und
Globalisierungsverlierer in WWW II, dem Sachbuch für die ersten Jahre des dritten Jahrtausends.

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Beschreibung Band II

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