Paukenschlag
am Donnerstag
No. 47 /2013
vom 14. November 2013


Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Gewissheit geht anders ...

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Gewissheit geht anders ...
(eine sehr ausschweifende Anmerkung zum SPD-Parteitag)
 
 
Wir Menschen sind nun mal so gestrickt, dass wir die Gewissheit der Ungewissheit vorziehen.
.
Ungewissheit macht nervös, die kleinen grauen Zellen malen sich ein Szenario nach dem anderen aus, die meisten schrecklich und gefürchtet, wenige schön, doch scheinen gerade diese unerreichbar, während uns das Eintreffen der schrecklichen am wahrscheinlichsten erscheint.
 
Mir kommt es so vor, als hätten raffinierte Beratergehirne genau dieses Prinzip für sich entdeckt und - für teuer Geld - ihren Klienten daraus Nutzanwendungen gestrickt, deren Kernaussage lautet:
 
"Nach einer hinreichend langen Phase der Ungewissheit ist die Zielgruppe für jede Art von Gewissheit dankbar, selbst wenn es die Gewissheit der schlimmstmöglichen Entwicklung ist."
 
 
Vor fünfzig Jahren hatten die jungen Männer die Gewissheit, nach der Schule eine Lehrstelle zu finden, höchstwahrscheinlich im Wunschberuf, und nach der Bundeswehr (auch der Wehrdienst war eine Gewissheit) beim vorherigen Arbeitgeber mit offenen Armen wieder aufgenommen zu werden. Ja, sie hatten sogar die Gewissheit, wenn sie sich keine groben Schnitzer erlauben und nur ein Quentchen Glück haben, in dem Unternehmen, in dem sie ausgebildet wurden, bis zur Rente gutes Geld zu verdienen.
 
Junge Frauen hatten die Gewissheit, dass sie irgendwann den Mann fürs Leben finden, eine Familie gründen und Kinder bekommen würden. Dass sie Arbeit finden würden, wenn sie arbeiten wollten - dass es im Zweifelsfall auch so reichen würde, wenn sie wegen der Kinder zuhause bleiben würden.
 
Ja, natürlich, das Leben war damals ein bisschen weniger komfortabel als heute.
Zum Telefonieren ging man drei Straßen weiter in die Telefonzelle, zur Arbeit fuhr man mit dem Rad oder dem Moped, in der Wohnung stand womöglich noch ein Kohleofen und die Lieblingsmusik kam vom Plattenspieler.
 
Doch es war ein Leben voller Zuversicht und Gewissheit.
 
Heute sprechen wir von einer Generation "Praktikum", sehen hilflos zu, wie die immer produktivere Industrie immer weniger Arbeitsplätze benötigt, um immer mehr Waren zu produzieren, und die Ungewissheit über die eigene Zukunft reicht von denen, die als Langzeitarbeitslose bezeichnet werden, über die Reihen derjenigen, die in prekären Jobs kaum mehr das Geld für die Miete verdienen, noch über die hinaus, die nie wissen, ob ihre befristeten Arbeitsverhältnisse verlängert werden, bis zu jenen, die einen unbefristeten Job haben, aber schon lange nicht mehr ruhig schlafen können, weil das Gerücht von Insolvenz, Restrukturierung und Massenentlassungen umgeht.
 
Wenn die RWE heute verkündet, in den nächsten drei Jahren rund 7.000 Stellen streichen zu wollen, wird die Ungewissheit für weitere 7.000 Menschen und ihre Familien zum ständigen Begleiter. Die Hoffnung, vielleicht doch nicht zu den Überflüssigen zu zählen, wird sie zu vermehrter Anstrengung ebenso anfeuern, wie die Angst, unter Beobachtung zu stehen und wegen kleinster Fehler aussortiert zu werden.
 
Also werden die Ausfallzeiten wegen Krankheit zurückgehen und die unbezahlten, ja nicht einmal erfassten Überstunden werden zunehmen. Der Clou dabei: Diese Selbstausbeutung aus Ungewissheit macht einen Teil der geplanten Entlassungen erst möglich.
 
Und wenn sich die Beschäftigten dann ein Magengeschwür angeängstigt haben, wenn ihnen die Ungewissheit - nach einem oder zwei Jahren des hilflosen Wartens - endgültig den Schlaf geraubt hat, dann werden sie die Entlassung zwar nicht als Glück, aber als Erlösung wahrnehmen, bis sie dann in der Obhut des Fallmangagers die neue Ungewissheit kennenlernen. Die monatliche Ungewissheit, ob sie mit dem ihnen noch zugestandenen Geld auskommen werden, und die dauerhafte Ungewissheit, ob man ihnen nicht aus nichtigem Grund die Zahlungen kürzen wird.
Dann haben sie schnell wieder den Zustand erreicht, in dem sie vor der drohenden, aber noch nicht ausgesprochenen Entlassung schon einmal angekommen waren.
 
Nun ist es die Hoffnung, dass man ihnen, bei Wohlverhalten, vielleicht doch einmal einen Job anbieten wird, der sie wieder aus dem Armutsloch herausreißt, die sie antreibt, sich dem Fallmanager gefügig zu machen, und die Angst, einen Horrorjob annehmen zu müssen, wollten sie nicht endgültig unter der Brücke landen.
 
Am Ende ist es die von der Arge angestrebte Zwangsverrentung, die sie zwar nicht als Glück, aber doch als Erlösung empfinden - und in dem Zustand: Mini-Rente + Aufstockerleistungen, richten sie sich dann ein.
 

Froh, den schlimmsten Zwängen entronnen zu sein, und alle Hoffnung begraben, dass es noch jemals besser werden könnte.
 
So kann man, wenn die Ungewissheit nur lange genug aufrecht erhalten wird, jeden
eigenen Impuls der Menschen ersticken, ihren Willen soweit brechen, dass er nur noch auf den Zustand "endlich Gewissheit haben" ausgerichtet ist, und damit den Wandel einer ganzen, ehedem - bei aller Spreizung von Einkommen und Vermögen - doch noch homogenen Gesellschaft zu einer strikt getrennten Gesellschaft von Gewinnern und Verlierern, zu einem Apartheidstaat mit ausgeprägtem Niedriglohnsektor erzwingen.
 
Es bedurfte nur der Agenda 2010 und der Ideen des Herrn Hartz und seiner von der Bertelsmann Stiftung gesponserten Mitdenker, um genau diesen Zustand hervorzubringen.
 
Natürlich bedurfte es dazu auch der Zustimmung der Wähler, der Zustimmung der Gewerkschaften, der Zustimmung der Kirchen - doch die war leicht zu bekommen, und obwohl das alles so offensichtlich ist, ist die Zustimmung immer noch ungebrochen.
 
Halt - nein!
 
Am 22. September 2013 fanden die Wahlen zum Deutschen Bundestag statt. Das Wählervotum war eindeutig: Die schwarz-gelbe Koalition sollte durch eine rot-rot-grüne Koalition abgelöst werden. Das "Weiter-So", mit dem nach Schröder erst eine große, dann eine kleine Koalition angetreten waren, um vollends zu zerstören, was im Arbeits- und Sozialrecht dem Export und dem Aufschwung angeblich noch im Wege stand, war klar abgelehnt worden.
 
Nur die Partei, aus der die so genannten "Reformen" hervorgegangen waren, weigerte sich, dieses Wählervotum zu akzeptieren.
 
Nun leben wir in diesem Land - anstatt in der Gewissheit, der Wählerwille würde angenommen - in der vollkommenen Ungewissheit, was die da in Berlin aus unseren Stimmzetteln machen werden.
 
Wir wollten doch die hohen Einkommen und hohen Vermögen höher besteuern, wir wollten doch die Mütterrente verbessern, wir wollten doch einen flächendeckenden Mindestlohn, wir wollten keine Pkw-Maut und trotzdem Milliarden in die Infrastruktur stecken, und wenn wir das alles bekommen hätten, dann hätten wir zugunsten von mehr KiTa-Plätzen auch auf das Betreuungsgeld verzichtet.
 
Mit der gewählten Mehrheitskoalition wäre das alles nach wenigen Tagen Gewissheit geworden.
 
Nun schreiben wir den 14. November. Es ist mehr Zeit vergangen, als im Kirchenjahr zwischen Ostern und Pfingsten zu vergehen pflegt, doch von einem Heiligen Geist, der über die Wunschkoalitionäre gekommen wäre, ist weit und breit nichts zu erkennen.
 
Inzwischen beharkt man sich so kräftig, dass einzelne Arbeitsgruppen im Zorn vorzeitig auseinandergehen, doch der Wille, die Politik der Ungewissheit für das Volk fortzuführen, ist offenkundig so stark, dass man mit Gewalt einen Koalitionsvertrag aushandeln will, ganz gleich was da alles nicht drinsteht - Hauptsache die andere Seite bringt auch nichts durch.
 
So werden wir also wohl noch bis Weihnachten oder drüber hinaus in Ungewissheit gehalten, ob nun eine Pkw-Maut kommen wird, ob das Betreuungsgeld gestrichen, das Kindergeld erhöht, ob es einen Mindestlohn geben - und wie der aussehen wird, ob es Euro-Bonds und neue Rettungsschirme für Banken geben soll, ob die Energiewende fortgesetzt, oder zugunsten von RWE & Co. doch wieder zurückgedreht werden soll, ob es mehr Geld für die Schulen auch vom Bund geben wird, oder nicht,
und man könnte meinen, sie legen es darauf an, dass wir am Ende, auch wenn das bescheidenste Regierungsprogramm herauskommt, das man sich denken kann, nur noch froh sind, dass die Ungewissheit vorbei ist und wir uns auf das einstellen können, was man uns in den nächsten dreidreiviertel Jahren aufs Auge drücken wird.
 
 
Der SPD-Parteitag wird den Pegel der Ungewissheit noch einmal ansteigen lassen, die Hürden für den Koalitionsvertrag werden höher gehängt, wir werden die Ungewissheit drohender Neuwahlen oder einer ewig weiter geschäftsführenden Regierung unter Angela Merkel in unsere schlaflosen Nächte mitnehmen - und wir werden davon nur dann frei werden, wenn wir endlich auch resignieren und "Die-da-oben" machen lassen, was sie wollen, weil sie ja sowieso machen, was sie wollen.
 
Und dann kann uns auch wurst sein, was mit dem Geld passiert, wie sie es mit der Mietpreisbremse hinbiegen, ob demnächst Drohnen zur Terrorbekämpfung allüberall über Deutschland herumschwirren, ob uns nun die NSA oder der BND abhört...
 
Ja, auch die Resignation ist ein Ausweg aus der zehrenden Ungewissheit. Ein williges "Sich-Ergeben" ins unabwendbare Schicksal, wie die Ochsen vor dem Schlachthof, was soll's, die machen mit uns ja sowieso, was sie wollen!
 
 
Es bleibt dabei allerdings eine wichtige Frage offen:
 
Wodurch unterscheiden wir uns noch vom Schlachtvieh,
wenn wir in Scharen die Flucht in die Resignation antreten?
 
Wenn die Genossinnen und Genossen in Leipzig uns ein Vorbild geben, einen Ausweg aufzeigen wollten, dann gäbe es dafür den Königsweg, von ihrer Parteispitze den Abbruch der Verhandlungen mit Merkel und Seehofer zu fordern und stattdessen endlich an der Bildung einer rot-rot-grünen Regierungskoalition zu arbeiten und schon nächste Woche - mit der vorhandenen Mehrheit im Bundestag - den flächendeckenden Mindestlohn ins Gesetzbuch zu schreiben.
 
Aber vielleicht fehlt es den Delegierten dort ja sogar schon an der Erkenntnis, dass ihr Verhalten nicht aus ihren Wünschen und Zielen, nicht aus ihrem gemeinsamen Willen, wirklich Gutes für die Menschen zu erreichen entsteht, wie es Andrea Nahles nicht müde wird, den Kameras und Mikrofonen zu erzählen, sondern nur ein Zeichen vollendeter Resignation ist.
 
Auch Parteitagsdelegierte sind nicht gefeit davor, "Die-da-oben" als allmächtig anzusehen.
 
Shit happens.
 

 
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