Paukenschlag
am Donnerstag
No. 41 /2013
vom 3. Oktober 2013


Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Frankreich beschneidet Unternehmerrechte - bravo!

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Frankreich beschneidet Unternehmerrechte - bravo!
 
 
Gegen den Widerstand der Wirtschaftsverbände wurde vom französischen Parlament ein Gesetz verabschiedet, das Fabrikschließungen erschweren soll.
 
Wer einen als wirtschaftlich tragbar eingestuften Betrieb mit mehr als 1.000 Beschäftigten schließt und nicht intensiv nach einem Käufer gesucht hat, muss mit ganz erheblichen Bußgeldern rechnen: Pro entlassenem Mitarbeiter bis zu knapp 30.000 Euro.
 
Francois Hollande hatte das - noch etwas schärfer - im Wahlprogramm stehen und hat nun einen ersten Schritt getan, um die "Eigentümer-Willkür" zu beschneiden.
 
 
Mit dieser Maßnahme bin ich voll und ganz einverstanden. Weil sie einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung darstellt.
 
Zur Erläuterung folgt ein längerer Ausschnitt aus meinem Buch:
 
"Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre - Band IV - Eigentum und Teilhabe"
 
in dem ich neben allgemeineren Überlegungen zur Frage des Eigentums an Organisationen, und ein Unternehmen ist nun mal eine Organisation, die aus mehr besteht als aus dem Eigentümer, auch einen Vorschlag für ein "Erhaltungsverfahren" gemacht habe, dass in von der Schließung bedrohten Unternehmen zur Anwendung kommen sollte.
 
Hier der Textauszug:
 
 
Zusammenschlüsse von Menschen zur gemeinschaftlichen Zielerreichung gibt es viele, beginnend beim Brieftaubenzüchter- und Gesangsverein, über die Freiwillige Feuerwehr und den freien Wohlfahrtsverband bis hin zu den kleinen und mittleren Unternehmen der Privatwirtschaft und letztlich den international agierenden Großunternehmen, den Ämtern und Behörden des Staates, einschließlich Katastrophenschutz und Armee.
 
 
Wir haben uns daran gewöhnt, dass ein Verein von seinen Mitgliedern gegründet, finanziert, verwaltet und erhalten wird, um Brieftauben zu züchten, Briefmarken zu sammeln, Fußball zu spielen, Volkslieder zu singen, Theater aufzuführen, Baudenkmäler zu erhalten oder gar die Dresdner Frauenkirche aus Ruinen wieder auferstehen zu lassen.
 
Die Mitglieder bringen ihre Leistungen in Form von Arbeit, Mitgliedsbeiträgen und guten Ideen ein - und freuen sich, wenn der Vereinszweck Jahr für Jahr besser erreicht wird. Und wenn der Verein nach dem 100jährigen Stiftungsfest aus dem Verkauf von Anstecknadeln und Erinnerungspostkarten ein paar Groschen übrig behält, dann werden die von den Vereinsmitgliedern gemeinsam verplant und ausgegeben.
 
Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir, als Bürger, einer Gemeinde, einem Landkreis, einem Bundesland und letztlich der Bundesrepublik angehören
und haben uns auf Basis der geltenden Verfassungen handlungsfähige Organe eingerichtet, welche die Belange der einzelnen Körperschaften und ihrer Bürger bestmöglich vertreten. Sie sorgen für den Straßenbau, für Schulen und Lehrer, für Gewerbeaufsicht und Verbraucherschutz, für den öffentlich rechtlichen Rundfunk und für die Landesverteidigung.
 
Wir zahlen in Form unserer Steuern unsere staatsbürgerlichen "Mitgliedsbeiträge", arbeiten selbst mit und tragen mit guten Ideen dazu bei, dass die Ziele von Bund, Ländern und Gemeinden möglichst gut - und zum Nutzen aller Bürger erreicht werden. Und wenn eine Behörde am Ende des Haushaltsjahres Geld übrig hat, dann wird das in den großen Topf zurückgeführt - und derjenige, der mit den vorgeplanten Etatmitteln nicht ausgekommen ist, braucht weniger Schulden zu machen.
 
 
Seltsamerweise haben wir uns aber auch daran gewöhnt, dass es Organisationen gibt, die - nicht anders als Vereine oder Behörden - gegründet wurden, um einen bestimmten realen Zweck zu verfolgen, also zum Beispiel Automobile, Hustensaft oder Hemdenknöpfe herzustellen, Mobilfunknetze, Handelsketten oder Schifffahrtslinien zu betreiben, bzw. Gebäude, Drehbücher oder Steuersparmodelle zu entwerfen, die aber noch einen zweiten, eigentümlichen Nebenzweck verfolgen, nämlich ihren Eigentümern einen "Gewinn" zu verschaffen.
 
 
Warum, so fragt man sich, wenn man erst einmal gelernt hat, Eigentumsverhältnisse zu hinterfragen, muss ein Unternehmen mit dem Umsatz nicht nur seine Kosten decken, also Material, Löhne, Abschreibungen auf Investitionen, Miete, Telefon usw. bezahlen, sondern auch noch einen Gewinn erwirtschaften, den der Eigentümer für sich behält?
 
Was ist das überhaupt, der Eigentümer eines Unternehmens, wie ist er es geworden, was hat er Besonderes geleistet, um aus der Arbeit der Beschäftigten einen Gewinn für sich beanspruchen zu dürfen?
 

Tatsächlich ist das Eigentum an Organisationen ein seltsamer und in höchstem Grade fragwürdiger Eigentumsbegriff, was sich am besten dadurch verdeutlichen lässt, wenn man sich eine der extremsten Ausprägungen betrachtet.
 

 

    Den Verkauf der katholischen Kirche durch den Papst halten wir für vollkommen ausgeschlossen. "Das" geht doch nicht!
     
    Aber was unterscheidet diese Fiktion von dem folgenden, abstrakt beschriebenen, aber absolut realen Szenario?
     
    Und warum geht "Das" ganz selbstverständlich?
     
     
    Herr Y hat 100.000 Euro geerbt, daraufhin bei der zuständigen Gemeinde einen Gewerbeschein beantragt, mit einem Notar einen Gesellschaftsvertrag aufgesetzt und denselben als Alleingesellschafter unterschrieben, seine GmbH nach Einzahlung der 100.000 Euro als Gesellschaftskapital im Handelsregister eintragen lassen - und einen Geschäftsführer bestellt. Das ist nun zehn Jahre her.
     
    Der Geschäftsführer hat Räume angemietet, Mitarbeiter eingestellt, Waren eingekauft und mit Gewinn verkaufen lassen, er hat die Buchführung überprüft und die Bilanzen unterschrieben. Das Unternehmen ist gewachsen und beschäftigt nun 250 Mitarbeiter, die ursprünglichen 100.000 Euro sind längst als Gewinnausschüttungen wieder bei Herrn Y gelandet, das Vermögen der GmbH wird auf rund 15 Millionen Euro beziffert - und alles gehört jenem Herrn Y, der im Grunde überhaupt nichts dazu getan hat.
     
    Dieser Herr Y kann nun jederzeit das komplette Unternehmen verkaufen, er kann es schließen, er kann es verlagern, er kann den Geschäftsführer entlassen und durch einen anderen ersetzen, kurz er kann damit verfahren, wie mit jeder beliebigen Sache aus seinem sonstigen Eigentum.
     
    Die 251 Menschen, welche die Organisation geschaffen haben und nach wie vor im Zusammenwirken bilden und erhalten, haben außer den ihnen gezahlten Löhnen und Gehältern keinerlei Anteil daran - im Gegenteil, Herrn Ys Eigentum geht so weit, dass er diese Menschen - als vertraglich gebundene Teile jener Organisation, die niemand anders geschaffen hat, als sie selbst - jederzeit an einen anderen Eigentümer verkaufen kann. Der Mitarbeiter wird auf diese Weise und in diesem Zusammenhang zum Inventar, und dieses Inventar hat für Käufer und Verkäufer ebenso einen Wert, wie ein zum Unternehmen gehörendes Grundstück.
     
    Da stellt sich dann schon die Frage, warum der Papst nicht auch die Kirche verkaufen können soll.
 
 
Bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, dass es zwei Arten von Eigentümern von Organisationen gibt. Solche, die mit ihrem gesamten Vermögen für das haften, was ihr Unternehmen tut, und solche, die nur mit dem Geld, dass sie dem Unternehmen als Kapital zur Verfügung gestellt haben für das haften, was das Unternehmen tut.
 
Der persönlich haftende Unternehmer
 
Der persönlich haftende Unternehmer ist potentiell der "friedliche Eigentümer" im Unternehmerlager. Er hat zu Beginn seines Unternehmertums diese Rolle gewählt und sich seitdem nicht für eine andere Rolle entschieden. Er ist sich folglich seiner Verantwortung bewusst - und er hat, zumindest den größten Teil seines Eigentums aktiv in Nutzung. Die Beweisführung für diese Behauptung gelingt nur indirekt, bleibt aber überzeugend:
 
Wer die Wahl hat, entweder als Einzelkaufmann, bzw. als haftender Gesellschafter einer Personengesellschaft aufzutreten, oder als nur mit dem eingesetzten Kapital haftender Gesellschafter bzw. Anteilseigner einer Kapitalgesellschaft zu agieren, wird sich für die Kapitalgesellschaft entscheiden, wenn er damit Eigentum, das nicht produktiv im Unternehmen eingesetzt ist, vor dem Zugriff von Gläubigern bzw. Geschädigten schützen kann. Gibt es solches (aggressives) Eigentum nicht, besteht kein Anlass, eine Kapitalgesellschaft zu betreiben, bzw. Anteile einer Kapitalgesellschaft zu erwerben.

Natürlich gibt es auch unter den voll haftenden Unternehmern solche, die in großem Maßstab aggressives Eigentum ansammeln, doch sind diese - mengenmäßig - in der Unterzahl.
 
Der Anteilseigner
 
Der Anteilseigner ist der Prototyp des aggressiven Eigentümers. Obwohl er - de jure - als Eigentümer bzw. Miteigentümer eines Unternehmens gilt und nach unserer Definition damit eigentlich über ein selbst und produktiv genutztes Eigentum gebietet, ist er de facto das genaue Gegenteil.
 
Er nutzt nicht selbst.
 
Er gestattet dem Vorstand bzw. den Geschäftsführern eines Unternehmens, unter tatkräftiger Mithilfe der von ihnen angestellten und angeleiteten Mitarbeiter, produktiv tätig zu sein - und er kann es ihnen ebenso gut wieder verwehren, wenn ihm danach ist. Er ist nicht Nutzer, sondern lediglich Nutznießer der kompletten Organisation, die ohne ihn ganz genau so, womöglich noch besser arbeiten könnte, die ohne ihn am Markt bessere Chancen hätte, weil sie nicht gezwungen wäre, über entsprechend hohe Preise das zu erwirtschaften, was er als seinen Profit ohne jede Gegenleistung aus dem Unternehmen herausziehen will.
 
Anteilseigner von Kapitalgesellschaften sind die "Großgrundbesitzer" der Industrienationen.
 
Keiner braucht sie wirklich, und wäre es nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Unternehmensentwicklung erforderlich gewesen, Geld zu investieren, das die Banken, deren Job es gewesen wäre, nicht schöpfen wollten, es gäbe auch keine.
 
Nur weil es die Nationalökonomen bis heute nicht verstehen wollen, wie wichtig es ist, die ausreichende Versorgung der Realwirtschaft mit Zahlungsmitteln sicherzustellen, konnten die Blutsauger- und Heuschrecken-Imperien der Anteilseigner entstehen.
 
Es stellt sich die Frage, ob im Bereich des Eigentums an Organisationen wirksame Veränderungen möglich sind.
 
Die Antwort kann auch hier nur lauten: "Ja, Veränderungen sind möglich und wünschenswert - die dazu erforderlichen Schritte sind einfach."
 
Mit dem deutschen Mitbestimmungsrecht wurde vor langer Zeit bereits ein wesentlicher Schritt unternommen, um die Organisation als solche vor der Willkür des eigentümelnden Kapitals zu schützen. Nur ist dieser Schritt nie vollendet worden. Stets behielt das Kapital die letzte entscheidende Stimme - und alles Reden und Argumentieren, alles Bitten und Betteln hat nichts geholfen.
 
Einigen Kleinkram haben die Betriebsräte und die Arbeitnehmervertreter in den Aufsichträten für die Belegschaften gestalten dürfen - aber im Großen und Ganzen stehen sie bei jeder Auseinandersetzung von vornherein als Verlierer da. Wen wundert es, wenn die Resignation bei dem einen oder anderen Arbeitnehmervertreter dazu geführt hat, dass er sich, des lieben Friedens willen, die beschleunigte Einsicht in seine Ohnmacht vom Kapital vergolden lässt.

Der gangbare Ausweg liegt in der Änderung des Rechts der Kapitalgesellschaften.
Die Rechtsnormen für die Gesellschaftsformen GmbH und AG müssen grundlegend geändert werden; beginnend damit, dass jeder Anteilseigner gesamtschuldnerisch für alle Schulden und Haftungsfälle des Unternehmens herangezogen werden kann. Natürlich muss der Anteilseigner im Rückgriff auch die Möglichkeit haben, die tatsächlich Verantwortlichen in Regress zu nehmen, aber nur, soweit diesen ein vorsätzliches schuldhaftes Handeln nachgewiesen werden kann, insbesondere dann, wenn sie gegen klare Anweisungen der Anteilseigner verstoßen haben - nicht, wenn sie diese, wie es heute üblich ist, als gut bezahlte, potentielle Sündenböcke blindlings befolgt haben.
 
Was ist nun aber mit denjenigen Eigentümern, denen eine solche Haftung zu weit geht?
 
Nun, auch für diese ist eine einfache und befriedigende Lösung denkbar:
Jeder Anteilseigner, dem diese Haftung zu weit geht, darf ganz selbstverständlich seinen Anteil am Unternehmen in ein Darlehen umwandeln, das mit festgesetzten Zins- und Tilgungsraten über einen festgesetzten Zeitraum (z.B. zehn, oder zwölf Jahre) zur Rückzahlung fällig wird, wobei wiederum alle verbleibenden Anteilseigner mit ihrem gesamten Geschäfts- und Privatvermögen dafür haften, dass diese Darlehen auch tatsächlich zurückgezahlt werden.

Der daraus resultierende, schlagartige Zusammenbruch der Aktienbörsen ist von der Volkswirtschaft ebenso mühelos zu verkraften, wie die Schließung aller Spielcasinos zu verkraften wäre. Gesunde Unternehmen werden wegen solcher Änderungen nicht zusammenbrechen. Im Gegenteil!

Aber die Neuordnung in den Haftungsverhältnissen, die sich in jeder Hinsicht positiv auswirken wird, ist nur der eine Teil der Lösung - der andere Teil ist die Stärkung der Rechte der Belegschaft, also der eigentlichen Träger des Unternehmens, und dies unabhängig von der Rechtsform des Unternehmens. Denn auch Unternehmen, die von Einzelkaufleuten oder als Personengesellschaft geführt werden, bieten alleine deshalb noch keinen ausreichenden Schutz vor der Willkür der Eigentümer.
 
Die produktive Organisation als solche ist, auch wenn das in unserer Gesellschaft insbesondere von den Besitzenden ganz anders gesehen wird, ein schützenswertes Gut. Insbesondere ist sie vor den negativen Folgen der Ausübung so genannter Eigentümerrechte zu schützen.
 
Mit welcher sachlichen Begründung (juristisch gibt es Begründungen zu Hauf) soll ein Eigentümer, oder die Mehrheit der stimmberechtigten Eigentümer, die Aufgabe eines Unternehmens oder eines Unternehmensteils beschließen dürfen und damit, ganz nebenbei, die Existenzgrundlage der Mitarbeiter vernichten können?
Sind Unternehmer denn gottgleiche Wesen, die das Unternehmen für ihre Schöpfung halten, mit der sie nach Belieben umgehen können, wie Kinder am Strand mit ihren Sandburgen?

Nein, sie sind es nicht. Es sind Menschen, die sich das Recht herausnehmen, nur ihren persönlichen Vorteil suchend, ein funktionierendes Unternehmen zu schließen, oder ein kränkelndes Unternehmen ohne "ärztliche" Hilfe verrecken zu lassen.
Dass die Belegschaften mit ihren Betriebsräten keine wirkliche Macht haben, dass auch die Arbeitnehmervertreter in den Aufsichtsräten letztlich vom Kapital überstimmt werden, wurde bereits dargelegt - und es wird von der Wirklichkeit tagtäglich bewiesen.

Dass ein Mehr an Mitbestimmung und Demokratie im Betrieb wünschenswert wäre, würde ich unterschreiben; dass die Belegschaften einen Betrieb in jedem Fall besser, effektiver und effizienter führen würden, als die vom Kapital eingesetzten und kontrollierten Vorstände, wage ich allerdings zu bezweifeln.
 
Demokratie hat den unbestreitbaren Makel, dass automatisch die Dummen in der Mehrheit sind. Nun wäre eine Mehrheit der Dummen an sich noch nicht problematisch, würden sie mit ihren bescheidenen Mitteln versuchen, das Bestmögliche zu erreichen. Das Problem entsteht erst dadurch, dass die Mehrheit der Dummen von den Vorschlägen der Klügeren kaum jemals zu überzeugen ist, dass die gleiche Mehrheit dafür aber umso leichter und bei jeder Gelegenheit auf die Verführungen der Gerissenen hereinfällt.
 
Im Staat, wo die schlimmsten Auswüchse ungehemmter Demokratie durch Gewaltenteilung, durch Wahlen und Abstimmungen, und durch die Spielregeln des Parlamentarismus vermieden werden, sind die fatalen Folgen der Mehrheit der Dummen auf ein erträgliches Maß abgemildert. Im Betrieb, der in einem viel kleineren Maßstab mit viel unausgewogeneren Gruppierungen zu tun hat, wären sie womöglich katastrophal.
 
Wie also könnte die erforderliche Stärkung der Belegschaft aussehen? Auch hierfür bietet sich eine relativ einfache und leicht zu handhabende Lösung an:
 
Das Erhaltungsverfahren
 
Jede von der Eigentümerseite beabsichtigte Einschränkung im Betrieb eines Unternehmens, die im Laufe eines Jahres einen bestimmen Schwellenwert überschreitet, die also z.B. innerhalb von 12 Monaten zur Freistellung von mehr als 5 Prozent der Beschäftigten führt, bzw. jeder Verkauf von Unternehmen, Unternehmensteilen oder Anteilen an Unternehmen an ausländische Investoren, der fünf Prozent der Gesellschaftsanteile übersteigt, ist möglicher Auslöser eines "Erhaltungsverfahrens" das auf Antrag der Mitarbeiter vom Insolvenzgericht betrieben wird.
 
Dieses "Erhaltungsverfahren" ist ein dreistufiges Verfahren, dessen Ziel die Erhaltung von lebensfähigen, produktiven Organisationen ist.
 
Stufe 1 - Option Risikokapital
 
In der ersten Stufe wird den Eigentümern angeboten, Risikokapital zur Verfügung zu stellen, mit dessen Hilfe notwendige Maßnahmen zur Modernisierung und Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit realisiert werden können. Ist der Verkauf von Anteilen an ausländische Investoren beabsichtigt, kann ein grundsätzlich bestehendes Vorkaufsrecht durch eine mit Risikokapital des Staates ausgestattete Übernahmegesellschaft der Mitarbeiter ausgeübt werden. Damit sind alle Ursachen, die aus mangelndem Kapital hergeleitet werden, ausgeschaltet.
 
Lehnen die Eigentümer das Angebot von Risikokapital ab, bzw. liegt der mit dem ausländischen Investor vereinbarte Kaufpreis deutlich über dem realistisch ermittelten Wert, so dass der Versuch eines Missbrauchs dieses Erhaltungsverfahrens vermutet werden kann, leitet das Insolvenzgericht die Stufe 2 des Verfahrens ein.
 

Stufe 2 - Option Verkauf
 
Das Unternehmen wird öffentlich zur vollständigen Übernahme durch inländische Bieter ausgeschrieben. Bieter können sowohl bestehende Unternehmen aus dem Wettbewerb, aber auch aus fremden Branchen, oder auch reine Kapitalgeber sein. Selbstverständlich können sich auch Gewerkschaften und Staatsunternehmen als Bieter beteiligen.
 
Der Mindest-Kaufpreis wird durch Sachverständige unter Berücksichtigung der in der Phase 1 von den Eigentümern vorgetragenen Argumente zur Rentabilität festgesetzt. Der Höchstbietende erhält (soweit das Gebot über dem Mindestkaufpreis liegt) den Zuschlag. Er führt das Unternehmen mit der gleichen Belegschaft und dem gleichen Management (Alteigentümer mit Managementfunktionen können ersetzt werden) weiter und erhält ggfs. die in Phase 1 angebotenen Hilfen (Risikokapital).
 
Die Alteigentümer erhalten den Kaufpreis abzüglich der Kosten des Erhaltungsverfahrens ausbezahlt.
 
Findet sich kein Bieter, der bereit ist, den Mindestkaufpreis zu zahlen, wird das Erhaltungsverfahren in ein Insolvenzverfahren überführt. Dies allerdings nach interessanten, neuen Regeln.
 
Stufe 3 - Option Belegschaftseigentum
 
Der Belegschaft wird angeboten, das Unternehmen zu übernehmen. Lehnt die Belegschaft ab, ist das Erhaltungsverfahren gescheitert, die produktive Organisation offensichtlich nicht erhaltenswert. Die Eigentümer können die Betriebseinschränkung oder den geplanten Verkauf durchführen.
 
Nimmt die Belegschaft das Angebot jedoch mehrheitlich an, beträgt der Kaufpreis für jeden Mitarbeiter, gleichgültig in welcher Position, zwei volle Brutto-Jahresgehälter einschließlich aller Sonderzahlungen.
 
Jeder Mitarbeiter ist dann mit einer Stimme und einem Gewinnanteil am Unternehmen beteiligt. Der Kaufpreis und die für den Betrieb erforderlichen liquiden Mittel werden vom Staat vorgeschossen. Zur Tilgung wird der von der Gesellschaft ausgeschüttete Gewinn eingesetzt. Mitarbeiter, die nach zehn Jahren noch nicht vollständig getilgt haben, werden zu Zuzahlungen aus dem laufenden Einkommen verpflichtet.
 
Da jeder Mitarbeiter den gleichen Stimm- und Gewinnanteil erhält, werden Mitarbeiter mit niedrigem Einkommen schneller tilgen, als Mitarbeiter mit hohem Einkommen. Dies ergibt eine vielschichtige Motivationslage, die zu durchdenken sich lohnt, aber den Rahmen dieser Ausführungen sprengen würde.
 
Im Fortgang dieses Insolvenzverfahrens werden aus dem Kaufpreis die noch bestehenden Verbindlichkeiten abgelöst. Reicht der Kaufpreis zur vollständigen Abdeckung der Verbindlichkeiten aus, erfolgt die Ablösung zu 100 Prozent. Die ehemaligen Eigentümer bekommen das, was übrig bleibt.
 
Reicht der Kaufpreis nicht aus, um alle Verbindlichkeiten zu befriedigen, werden zunächst ggfs. ausstehende Löhne und Sozialbeiträge im Verhältnis ihrer Höhe gezahlt. Können diese vollständig bezahlt werden, werden vom Rest die Rechnungen von Lieferanten, Handwerkern und Subunternehmern, ebenfalls im Verhältnis der Höhe, bezahlt. Können diese vollständig beglichen werden, erhalten nun Berater, Lizenzgeber und Versicherungen im Verhältnis der Höhe ihrer Forderungen Befriedigung.
 
Bleibt ein Rest, werden Bankkredite im Verhältnis ihrer Höhe abgelöst. Ein dann noch verbleibender Rest steht den Alteigentümern zu. Steuerschulden des Unternehmens werden gestrichen.
 
 
Vorteile des Erhaltungsverfahrens
 
Die Vorteile dieses dreistufigen Erhaltungsverfahrens liegen klar auf der Hand:
 
Hat die Belegschaft Zweifel an der Notwendigkeit von Betriebseinschränkungen oder Verkauf, wird zunächst versucht, den Alteigentümern durch Finanzmittel zu helfen. Lehnen diese ab, weil sie darin nicht die Lösung der Probleme erkennen können, wird finanzkräftigen Dritten die Möglichkeit geboten, durch die Übernahme eine Chance wahrzunehmen - und die Organisation zu erhalten. Die Alteigentümer werden dafür ganz automatisch angemessen entschädigt.
 
Findet sich niemand, der das Unternehmen fortführen will, ist die Belegschaft selbst gefordert - und es wird ihr ermöglicht, das Schicksal ihrer Organisation selbst in die Hand zu nehmen. Ist das Vertrauen in die eigene Kraft, in Kollegen, Mitarbeiter und Vorgesetzte groß genug, bestehen gute Chancen, das Unternehmen tatsächlich zu retten.
 
Haben die Mitarbeiter selbst nicht den Mut, ihr Unternehmen, so wie es ist, fortzuführen, dann ist - so gut es möglich ist - erwiesen, dass das Unternehmen so keine Chance mehr hat. Es wird folglich in dem von den Alteigentümern vorgesehenen Maße zurückgefahren.
 
Da ein solches Erhaltungsverfahren mehrere Monate dauern kann, empfiehlt es sich, von Seiten der Eigentümer möglichst frühzeitig auf Stilllegungs- oder Verkaufspläne hinzuweisen. Sie gewinnen damit selbst die notwendige Zeit, um zu einem guten Ergebnis zu gelangen, ganz gleichgültig, bis zu welcher Stufe das Erhaltungsverfahren getrieben wird. Auch das ist erhaltungsfördernd.
 
Der drohende Verlust des Unternehmens an Konkurrenten oder gar der Eintritt in ein Insolvenzverfahren, das mit dem Totalverlust des eingesetzten Kapitals enden kann, wird die Eigentümer ermutigen, als Unternehmer lieber etwas zu unternehmen, eventuell auch einen Rückgang des Gewinns in Kauf zu nehmen, anstatt alles zu verlieren.
 
Dieses Verfahren wird ebenfalls dazu führen, dass zur Verhinderung eines für die Eigentümer "gefährlichen Personalabbaus" die Verkürzung der Arbeitszeiten - mit weitgehendem Lohnausgleich - zum Mittel der Wahl wird. Rationalisierungsinvestitionen kommen somit nicht nur dem Eigentümer, sondern auch denjenigen zugute, welche die Investitionsmittel mit ihrer Leistung erst erwirtschaftet haben.
 
 
Extremfälle des neuen
Unternehmensrechts
 
Die empfohlenen Regelungen zur Haftung von Anteilseignern an produktiven Organisationen können im Extremfall dazu führen, dass alle Eigner ihre Anteile in Darlehen umwandeln. Dann kann die Verantwortung für das Unternehmen niemandem mehr zugeordnet werden. Hierbei treten drei Aspekte auf, die einzeln zu behandeln sind:
 

1. Die Haftung für Entscheidungen und Handlungen der
Vergangenheit.
 
Selbstverständlich erlischt die Haftung der ehemaligen Eigentümer nur für solche Aktionen des Unternehmens, die nach dem Ausscheiden eingetreten sind, bzw. nach deren Ausscheiden beschlossen worden sind.
 
2. Das Fehlen der Richtlinienkompetenz der Eigentümer
 
Hauptversammlungen bei Aktiengesellschaften und Gesellschafterversammlungen bei GmbHs entscheiden ja nicht nur über die Gewinnverteilung, sie geben - im Zusammenwirken mit Aufsichtsrat oder Beirat - dem Management auch bestimmte Zielsetzungen vor, bzw. beschließen über die Durchführung bestimmter Vorhaben.
Ein Vorstand bzw. ein Geschäftsführer wird das Fehlen dieser Institutionen möglicherweise nicht als Mangel empfinden, jedoch sollte ihm nicht automatisch die Gesamtbefugnis der ehemaligen Eigentümer zufallen, ohne dass er deren Haftungsrisiko gleichermaßen zu tragen hätte. Auch solche Unternehmen sind also zu dem Zeitpunkt, an dem der letzte Anteilseigner seinen Anteil abgibt, zwangsläufig vom Staat zu übernehmen.
 
3. Die Frage nach der Risikohaftung
 
Mit der Übernahme durch den Staat muss ein hohes Interesse der Frage gelten, aus welchen Gründen (drohende Risiken) die Anteilseigner ausgestiegen sind, und der Frage, wie diese Risiken beherrscht, bzw. ihre Verursacher in Regress genommen werden können.

Gelingt dies nicht, oder handelt es sich bei dem drohenden Risiko um eine Art nicht vorhersehbarer und bei ordentlicher Geschäftsführung üblicherweise auch nicht durch Versicherungen abzudeckende "Höhere Gewalt", tritt auch hier der Staat als letztinstanzliche Rückversicherung in das Risiko ein.
 
So wird das Prinzip der Teilhabe, von der Teilhabe am Eigentum und am Nutzen, auf die Teilhabe am Verlust ausgeweitet. Damit erfährt die häufig "gewinnbegründende" Argumentation vom "unternehmerischen Risiko" eine wichtige und sinnvolle Relativierung, die umso bedeutender ist, als die Entscheidung darüber in jedem Einzelfall dem Eigentümer überlassen bleibt.
 
 
Soweit der Text aus Band IV.
 
Nun wünsche ich Ihnen noch einen schönen Feiertag.
Mit besten Grüßen
 
Egon W. Kreutzer
 

 Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre, Band IV - Eigentum und Teilhabe

 
 
GLOCALIS ist ein recht umfangreiches Buch geworden, doch jeder Satz in diesem Buch sitzt und ist aufrüttelnd und hilfreich für alle, denen daran gelegen ist, dass bald das geschieht, was der Untertitel ausdrückt:
 
"Die Welt fair ändern".
 
Ich würde mich freuen, wenn Sie mehr von Karl Waldeckers Gedanken kennenlernen möchten.
 
Einfach die Abbildung anklicken ...
 
 
 

 

 

 
Neu im Programm des EWK-Verlags:
 
 
"Das Euro-Schlachtfest - Die Logik der Krise",
 
.....sowie in den Interviews, die ich Michael Poost und
.....Frank Meyer anlässlich der Buchveröffentlichung
.....gegeben habe.
 
 Das Euro-Schlachtfest - Hardcover-Buch
 Das Euro-Schlachtfest - Ebook (Epub-Format)
Rezension von Roman Baudzus auf Dirk Müllers CASHKURS
 Interview Frank Meyer - Metallwoche
 Interview Michael Poost - Aristo-Blog
 
 
 
 
 
 
"Die Sternenpflückerien"
 
.....eine besonders schöne Geschichte in einem
.....besonders schönen Buch, für Mädchen und Jungen
.....ab 8 Jahren, das mir persönlich sehr am Herzen
.....liegt.
 
 
 Buchvorstellung
 Buchbestellung
 
 
 
 
 
Herbstzeit ist Lesezeit.
 
 
 
 
 
 

 

 

 

 

 
 
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