Paukenschlag
am Donnerstag
No. 4 /2013
24. Januar 2013


Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Vermiet-Nomaden im Häuserkampf

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Vermiet-Nomaden
im Häuserkampf
.
Die FAZ befasste sich am Montag in einem sehr langen Artikel ziemlich besorgt mit der Situation am deutschen Wohnungsmarkt. Die reißerische Schlagzeile lautete:
 
"Der neue Häuserkampf"
 
Ohne darauf direkt eingehen zu wollen, möchte ich die Situation aus meinem Blickwinkel beleuchten, die Ursachen für die Mietkostensteigerung analysieren und am Ende nachweisen,
 
dass niemand in Deutschland bei Erstbezug einer Neubauwohnung freiwillig mehr als 4,50 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete zahlen müsste,
 
erlebten wir nicht auch hier das Totalversagen der Politik, die es nicht mehr wagt, die Grundversorgung mit Wohnraum als eine der wichtigsten Aufgaben des Staates wahrzunehmen.
 
 
 
1. Der maximale Mietertrag
 
Natürlich werfen Mietwohnungen, so sie denn einigermaßen gut bewirtschaftet werden und nicht gerade - zwischen Hochspannungsleitung, Bahngeleisen und der Autobahn eingeklemmt - in unmittelbarer Nachbarschaft zum nächsten AKW liegen, einen laufenden Ertrag für den Vermieter ab.
 
Doch die Knappheit an Wohnraum alleine garantiert noch nicht die Vermietbarkeit zu jedem geforderten Preis.
 
Den Wunschvorstellungen der Immobilieneigentümer stehen nämlich als nicht beliebig vermehrbare Größe die Netto-Einkommen der potentiellen Mieter gegenüber.
 
Und wenn auch "Wohnen" in der Bedürfnispyramide weit vorne steht, den ersten Platz nimmt immer noch die Ernährung ein, und danach folgt die Notwendigkeit, hin und wieder Ersatz für Bekleidung zu schaffen, und dann kommen erst die sogenannten "Werbungskosten", die unabhängig von ihrer steuerlichen Behandlung schlicht anfallen, um überhaupt ein Einkommen zu erzielen.
 
Dass es, angefangen von der Urlaubsreise bis hin zum gelegentlichen Einkauf beim Buchhändler noch einige Posten in der Kalkulation der Mieter gibt, die einen Einfluss darauf haben, welche Wohnung zu welchen Kosten angemietet - oder im Sanierungsfall behalten werden kann, sei nur am Rande erwähnt.
 
Unter allen Strichen meine ich, dass das Mietaufkommen in diesem unseren Lande letztlich doch vom Anstieg der verfügbaren Netto-Einkommen begrenzt wird, zumal an diesem Netto-Einkommen auch viele andere in der Absicht knabbern, ihren Anteil zu erhöhen. Das, was z. B. das Energieversorgungsoligopol an überdurchschnittlichen Preissteigerungen von den Konten abbucht, steht anderweitig nicht mehr zur Verfügung.
 
In der Gesamtsicht auf den Wohnungsbestand kann also davon ausgegangen werden, dass die durchschnittliche Mietpreissteigerung nicht nur durch die diversen Mieterschutzgesetze in Grenzen gehalten wird, sondern - vermutlich in noch viel stärkerem Maße - von der verfügbaren Kaufkraft der Mieter.
 
Exorbitante Mietsteigerungen in den boomenden Metropolen, von Hamburg bis München, sind nur die eine Seite der Medaille.
 
Betrachtet werden dabei ja zunächst einmal nur die für Erstvermietungen in Neubauten und Sanierungsprojekten erzielbaren Mieten, sowie die diesen folgenden Neuvermietungen von Bestandswohnungen.
 
Es ist also primär der "umzugwillige" Teil der Bevölkerung, dessen Bereitschaft, hohe Mieten zu akzeptieren, am Markt sichtbar wird.
 
Und dieser "umzugswillige" Teil der Bevölkerung, weiß, worauf er sich einlässt, wenn er sich für eine neue Wohnung entscheidet und ist zuversichtlich, die geforderte Miete nicht nur im Moment, sondern auch in absehbarer Zukunft aufbringen zu können.
 
Der Wechsel in eine teurere Wohnung setzt also auch hier schon ein entsprechend hohes Einkommen voraus - und es sind nicht zuletzt die Vermieter, die sich über Gehaltsbescheinigungen davon überzeugen, bevor sie die Wohnung vergeben.
 
Abgesehen von jenen, die erstmals das "Hotel Mama" verlassen und einen eigenen Hausstand gründen, wird bei allen übrigen Neuvermietungen in der Hochpreiskategorie eine kleinere oder billigere Wohnung frei und kann neu auf den Markt gebracht werden. Natürlich achtet jemand, der unbedingt in München eine Wohnung braucht, weil er aus Kleinmachnow weggezogen ist, um in der bayerischen Metropole zu arbeiten, nicht unbedingt auf den Mietspiegel und die ortsübliche Vergleichsmiete.
 
Auch hier müssen zuerst das erwartete oder zugesicherte Einkommen und die Miete zusammenpassen. Gute innerstädtische Lagen ermöglichen evtl. sogar den Verzicht auf das eigene Auto, und damit höhere Quadratmetermieten. Wer mehr Platz zum Wohnen braucht, muss weiter raus, in die weniger begehrten Lagen und die älteren Häuser - ist dafür aber wieder auf den eigenen fahrbaren Untersatz angewiesen.
 
Unbestreitbar ist es aber so, dass die aufgegebene Wohnung in Klein-Machnow, wenn sie nicht besonders günstig liegt und besonders preiswert angeboten wird, für lange Zeit, wenn nicht für immer, leerstehen wird.
 
Der Mehrertrag der immer teurer werdenden Wohnungen in den Metropolen wird also zu einem nicht unerheblichen Teil dadurch kompensiert, dass anderswo Wohnungen nur noch schlecht oder gar nicht mehr zu vermieten sind.
 
Das Gesamtaufkommen der Mieteinnahmen steigt also weit langsamer als die pro Quadratmeter geforderten Mieten in den bevorzugten Großstädten.
 
 
2. Die Sachwertspekulation
 
Das Preisniveau auf dem Immobilienmarkt zeigt einen noch deutlicheren Aufwärtstrend als das Mietniveau - und auch das mit starken regionalen Unterschieden.
 
Grund und Boden ist nun mal von vielen unsicheren Anlagemöglichkeiten immer noch eine der sichersten, und ist im Grunde nur von fiskalischen Begehrlichkeiten in Form von Sonderabgaben bedroht. Diese wiederum lassen sich jedoch mit Hinweis (Drohung) auf die zwangsläufig zu erhöhenden Mieten zumindest im Rahmen halten, so dass Vermögensverluste, wie sie durch eine Währungskrise in vollkommen unabsehbarer Weise bis zum Totalverlust drohen, doch zumindest stark eingegrenzt werden können.
 
Allerdings hat es für den Anleger, der in der Regel potentieller Vermieter ist, wenig Sinn, sich da einzukaufen, wo die Landflucht in vollem Gange ist und trotz allgemein beklagten Wohnungsmangels reihenweise Mietwohnungen leerstehen.
 
Die Anleger eilen also ihren potentiellen Mietern voraus und kaufen sich da ein, wo die Nachfrage nach Mietraum jetzt und in absehbarer Zukunft hoch ist.
 
Das sind - neben einer Handvoll Großstädte - leider nur noch ein paar wenige Flecken in Deutschland, die sich durch landschaftliche Schönheit und ein bereits angesiedeltes zahlungskräftiges Publikum auszeichnen.
 
Also schnellen die Immobilienpreise genau da in die Höhe, wo noch mit dauerhafter Vermietbarkeit zu möglichst hohen Quadratmetermieten gerechnet werden kann, während die Immobilienpreise von Bremerhaven bis Sonneberg durchaus eher sinken, als nur zu stagnieren.
 
Die Sachwertspekulation trennt also sehr gewissenhaft - nach ausschließlich eigennützigen Kritierien - die Spreu vom Weizen, macht die einen Immobilienbesitzer arm - und die anderen reich.
 
Die langanhaltende Phase des billigen Geldes macht es dabei denen, die schon ein Vermögen als Sicherheit vorweisen können, sehr leicht, die Investition in Mietraum zu finanzieren. Die steuerliche Absetzbarkeit der Schuldzinsen und die immer noch mögliche Wertabschreibung (auf die immer teurer werdenden Immobilien) beteiligt zudem die Gesamtheit der Steuerzahler am Eigentumserwerb während der Rest nach Möglichkeit von den Mietern aufgebracht werden soll.
 
Jene, deren einziges Vermögen in der nun nicht mehr vermieteten Wohneinheit auf dem flachen Lande steckt, können jedoch unangenehme Briefe von der Bank erwarten, die ein ungesundes Verhältnis zwischen gesunkenem Beleihungswert und der noch offenen Restschuld feststellt - und das Darlehen daher mit sofortiger Wirkung fällig stellt, sollten nicht weitere Sicherheiten verpfändet werden.
 
So kann sich so manche sicher geglaubte private Altersversorgung schneller als geglaubt in Luft auflösen, was letztlich dazu führt, dass die weniger prosperierenden Gegenden noch schneller ausbluten und sich die Gegensätze zwischen den bevorzugten Metropolen und dem flachen Land weiter vergrößern.
 
Die Absicht der Spekulanten, die sich ihr Vermögen an der Börse und an den Terminmärkten, also im Finanzsektor - ohne eigene realwirtschaftliche Leistung - erspielt haben, dieses aufgeblasene Geldvermögen nun in Sachwerten zu sichern, beschert uns eine sehr selektive Immobilienblase, deren massives Aufblähen, neben der Angst vor der Inflation auch auf der Hoffnung beruht, die erzielbaren Mieten würden wenigstens annähernd mit den Immobilienpreisen Schritt halten.
 
Dies ist - in Anbetracht der seit Jahren stagnierenden Realeinkommen - auf's Ganze betrachtet, ein frommer Traum - im konkreten Einzelfall geht die Rechnung allerdings auf.
 
 
3. Die Schere zwischen Arm und Reich
 
Dass die Reichen immer reicher werden, wäre zu verkraften. Selbst dass die Armen immer ärmer werden, ist zwar ausgesprochen unangenehm für die Betroffenen und eine Schande für die Gesellschaft, würde den Mietmarkt aber nicht nachhaltig beschädigen.
 
Dass Problem ist, dass der Raum zwischen den beiden Schenkeln der Schere zunehmend zum kalten Vakuum verkommt. Die breite Mitte der Gesellschaft, mit guten und überdurchschnittlichen Einkommen, weit entfernt von wahrem Reichtum, aber auch weit entfernt von der Idee, arm zu sein, schwindet dahin.
 
Einige wenige entschweben in die Reihen der Reichen, viele, zu viele, rutschen ab ins trostlose Tal der Armut.
 
Die im Tal der Armut angekommen sind, haben Anspruch auf Wohngeld bzw. auf die vollständige Übernahme der Kosten für eine angemessene Wohnung.
 
Hier greift der Staat massiv in den Markt ein und erhält den Eigentümern (meist) heruntergekommener Kleinwohnungen ihre Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung. Und durch die Maßgabe, sich eine angemessen große und angemessen preiswerte Wohnung suchen zu müssen, sobald "das Amt" die Miete übernimmt, wird im untersten Segment es Mietmarktes eine starke Barriere gegen das Abrutschen des gesamten Mietniveaus errichtet, indem die nicht mehr existente private Nachfrage durch eine staatlich garantierte Nachfrage ersetzt wird.
 
Da diese Häuser in der Mehrzahl längst amortisiert sind, was heißt, dass die Mieter über die Jahre nicht nur die Herstellungskosten, den Erhaltungs- und Renovierungsaufwand sowie eine angemessene Eigenkapitalverzinsung für den Eigentümer erwirtschaftet haben, ist ein Großteil der jetzt noch fließenden Mieten, vermindert um die laufenden Unterhaltskosten, ein ohne jegliche Gegenleistung sprudelnder Quell für die Eigentümer.
 
 
Jede größere, besser ausgestattete, besser gelegene Wohnung als diese Hartz-IV-Bleiben, wird am Markt auch teurer angeboten, weil der qualitative Unterschied eben seinen - auch für den Nachfrager erkennbaren - höheren Wert hat.
 
Und in diese - etwas besseren - Wohnungen, rutschen nun die nach, bei denen sich die Einkommensentwicklung gemäß der Planung des politisch-finanzindustriellen Komplexes vollzieht, also den eigenen Hoffnungen und Plänen zuwider, Jahr für Jahr einen Schritt näher an die individuelle Fiskalklippe.
 
 
4. Dennoch Gewinne einfahren
 
Die geplante und politisch von SPD, CDU-CSU und FDP - unter stillschweigendem Einverständnis der Grünen - gewollte Umwandlung Deutschlands in einen flächendeckenden Niedriglohnsektor, stellt "Investoren" und "Spekulanten", die sich im Mietgeschäft goldene Nasen verdienen wollen, ebenfalls vor eine neue Situation. Doch so kritisch, wie es aussehen mag, ist die gar nicht.
 
4.a Der Staat als Hauptmieter
 
Hedge-Fonds und andere große, vor allem ausländische Investoren, haben sich rechtzeitig und vielerorts in Deutschland die kommunalen Wohnungsbestände ebenso unter den Nagel gerissen, wie die Firmenwohnungsbestände großer Unternehmen (z.B. auch die Wohnungsbestände der Bahn).
 
Für Quadratmeterpreise, die weit, weit unterhalb dessen lagen, was ortsüblicher Verkehrswert gewesen wäre, verscherbelten Stadtkämmerer und Controller ihre Immobilien, verlockt von der Aussicht, durch diese "Privatisierung" schuldenfrei zu werden. Die in die Verträge geschriebenen Sozialklauseln werden trickreich umgangen oder schlicht missachtet und - soweit mir bekannt - nirgends eingeklagt.
 
Abriss, Leerstand und Sanierung ermöglichen den Investoren nun, die Wohnungsknappheit fast nach Belieben zu steuern, die ortsüblichen Vergleichsmieten zu "manipulieren" und damit auch die Mindestmieten, die von ARGEn und JobCentern bezahlt werden, hoch zu halten.
 
In vielen Quartieren ist der Staat auf diese Weise vom ehemaligen Eigentümer zum Hauptmieter des Wohnungsbestandes geworden und gewährleistet so eine höhere und - in punkto Sicherheit - deutschen Staatsanleihen ebenbürtige Rendite.
 
 
4.b Neubau und Luxussanierung
 
Wo die einen arm werden, werden die anderen reicher. Und weil die wirklich Reichen nichts wären, ohne eine Schar treu ergebener Helfer, fällt auch für die ein Stück vom Kuchen ab. Mit Jahreseinkommen ab 100.000 Euro wird der Traum von der schönen Wohnung im angesagten Viertel erfüllbar, vor allem, wenn es sich um Single-Haushalte oder die sogenannten DINKs (double income, no kids) handelt.
 
Auch hier ist zu beobachten, dass Grundstücke oder Altwohnungsbestände in großem Maßstab zunächst einmal billig eingekauft werden, bevor ganze Straßenzüge plötzlich ihr Gesicht wandeln und quasi über Nacht zur Top-Lage werden.
 
An den Baukosten ändert sich nichts, egal ob der Handwerker in einer Top-Lage arbeitet oder in einer minder guten Lage.
 
Die exorbitanten Preisunterschiede sind Folge gezielter "Bodenspekulation" und die daraus erzielten exorbitanten Mieten stellen von Anfang an eine hervorragende Rendite dar, die allerdings sofort "unsichtbar" wird, wenn nach ein paar Jahren (wenn die Reparaturen anfangen) die Umwandlung in Eigentumswohnungen erfolgt und der Erwerber dann den von ihm geforderten Kaufpreis und die erzielbare Netto-Miete gegenüberstellt.
 
Denn im Kaufpreis ist der Spekulationsgewinn der Erst-Investoren eingepreist, Makler, die zumeist mit den Investoren zusammenarbeiten, stecken hohe Innenprovisionen ein und verzichten in den seltensten Fällen darauf, auch vom Käufer ihre Provision zu fordern. Die Grunderwerbssteuer, Notariate und Grundbuchämter schlagen zu und auch die finanzierenden Banken freuen sich auf höhere Zinseinnahmen.
 
Und die Mär von der niedrigen Rendite im Vermietungsgeschäft findet wieder einmal auf wundersame Weise ihre Bestätigung.
 
 
4.c Die Mogelpackung
 
Weniger drin, gleicher Preis. Das ist nicht nur das Geschäft jener Verpackungskünstler, deren Kreationen uns in den Supermarktregalen anlachen, es ist auch ein Geschäftsmodell, das auf dem Mietmarkt anzutreffen ist.
 
Die Frage, warum eine Wohnung mit 38 m² Wohnfläche durchweg eine höhere Kaltmiete pro m² erzielt als eine gleich ausgestattete Wohnung mit 85 m² Wohnfläche, warum 21 m² im privaten Studentenwohnheim bezogen auf den Quadratmeterpreis mehr als doppelt so viel kosten wie eine wunderschön sanierte 120 m² Altbauwohnung in guter Lage, ist mit den etwas höheren Herstellungs- und Betriebskosten alleine bei weitem nicht zu beantworten.
 
Die "kleine Wohnung" wird ja nicht von denen bezogen, die nicht gerne auch ein bisschen mehr Platz hätten, sondern von denen, die sich die Gesamtmiete gerade eben noch leisten zu können glauben, bzw. denen die größere Wohnung aufgrund der Regelungen des Sozialgesetzbuches nicht erlaubt ist.
 
Mit der Abschaffung der Wehrpflicht und der Einführung des G8 hat übrigens der Staat erneut einen großen Beitrag zur Ertragssteigerung - gerade bei den Eigentümern kleinerer Wohnungen geleistet. Und auch hier ist es wieder der Staat, der einen nicht unerheblichen Anteil dieser von ihm nach oben gedrückten "Marktmiete" bezahlt.
 
4.d Der sichere Bestand
 
Über den dicken Daumen gepeilt, haben die Mieter nach etwa 20 Jahren nicht nur die Herstellkosten des Gebäudes bezahlt, sondern auch alle in diesen 20 Jahren angefallenen Betriebskosten und darüber hinaus mit einer Verzinsung (zwischen etwa 2 und 5 Prozent des ursprünglich eingesetzten Kapitals) zum Einkommen des Vermieters beigetragen.
 
Danach hat der Vermieter sein eingesetztes Kapital zurück und es fallen nur noch geringe Beträge an Betriebskosten an, die nicht als Nebenkosten auf die Mieter umgelegt werden, und natürlich werden nach und nach größere Reparatur- und Instandhaltungsaufwendungen erforderlich, die aber in aller Regel nie die Größenordnung erreichen, die für die ursprüngliche Amortisation der Herstellungskosten erforderlich war.
 
Zugleich hat der Vermieter in aller Regel die Miethöhe beständig nach oben angepasst, im Rahmen der gesetzlichen Begrenzungen, versteht sich, und das Mietshaus ist zu einer ständig sprudelnden Geldquelle geworden, die eine Rendite einbringt, die sich vor den 25% Kapitalrendite der Deutschen Bank zu Josef Ackermanns Zeiten nicht verstecken braucht.
 
4.e Der unsichere Bestand
 
Es bleibt das "Restrisiko Leerstand".
 
Das Vakuum zischen den beiden Schenkeln der Schere zwischen Arm und Reich hinterlässt natürlich auch eine Schleifspur im Mietmarkt. Wo diese Spur verläuft, ist zwar nicht hundertprozentig abzusehen, aber doch mit einiger Sicherheit vorausschauend zu erkennen.
 
Es schlägt überwiegend da zu, wo sich die Arbeitslosigkeit vermehrt, massiv da, wo große Unternehmen in die Pleite gehen oder Standorte schließen.
 
Es schlägt nicht da zu, wo gerade luxussaniert wird - und es schlägt nicht da zu, wo Hartz-IV-Bezieher ganze Straßenzüge besiedeln.
 
Großinvestoren haben sich da längst zurückgezogen. Die Objekte wurden weitergereicht, einen ganzen Wohnblock hat der mittelständische Unternehmer erworben, der sich aus den Mieteinnahmen eine gute Alterssicherung erwartete, einzelne Wohnungen sind in den Händen von Gutverdienern gelandet, die eine sichere Anlage suchten. Einige wurden auch an Eigennutzer verkauft.
 
Und in jedem Fall überstieg der Erlös aus Vermietungsphase und Verkauf das ursprünglich eingesetzte Kapital - und in den meisten Fällen deutlich.
 
 
5. Das Versagen der Politik
 
 
Mit massiver Privatisierung, Einstellung der Wohnungsbauförderung und Einstellung der Neubautätigkeit der Kommunen wurde ein wesentliches und überaus wichtiges Element der Grundversorgung innerhalb kurzer Zeit fast vollständig dem Markt überlassen.
 
Gleichzeitig hat die Politik jedoch mit der Sozialgesetzgebung den "gesetzlichen Mindestertrag" für Mietwohnungen quasi garantiert - und damit auch die Erträge aller qualitativ höherwertigen und attraktiveren Wohnungen gestützt.
 
Die Rechtssprechung ist diesem Trend gefolgt und hat nach Jahrzehnten der Stärkung der Mieterrechte nun Partei für die Vermieter ergriffen, zuletzt mit der Kündigungsmöglichkeit des Vermieters ab einem Monat Mietrückstand.
 
Die Mietwohnung hat ihren Status als überwiegend realwirtschaftliches Gut verloren und ist mehrheitlich zur Finanzanlage verkommen.
 
 
Neubau-Wohnungen könnten - überall in Deutschland - bei Erstbezug für
Kaltmieten*) pro Quadratmeter
 
zwischen
      4,50 Euro bei einfacher Ausstattung,
      6,30 Euro bei guter Standardausstattung und
      7,50 Euro bei hochwertiger Ausstattung
       

 

vermietet werden,
 
würden die Gemeinden
auf eigenem Grund bauen,
die Wohnungen selbst bewirtschaften und
den Bau von den kommunalen Sparkassen zinsfrei finanzieren lassen.

 

 
 
Das alles wäre möglich.
 
Doch offenbar ist es nicht erwünscht,
dass Wohnen keinen Cent mehr kostet, als für die Herstellung, den Unterhalt und die Verwaltung der Wohnungen erforderlich ist.
 
Wo bliebe denn da die Gewinnerwartung des Kapitals?
 
 
 
 
 
 
 
 
*) Annahmen für die Mietpreisberechnung:
 
Nutzungsdauer 50 Jahre,
Bau- und Baunebenkosten incl. MwSt. je m²: 1.200 - 1.500 - 1.800 Euro,
jährliche Kosten für Bewirtschaftung, Renovierung/Instandhaltung,
Versicherung etc. je m² 32,00 - 45,50 - 54,00 Euro
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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Reaktionen auf diesen Paukenschlag
 

Hallo Herr Kreutzer,
Sie haben wie immer die Fehlentwicklungen gut beschrieben und ich teile ihre Einschätzung weitgehend. Dennoch möchte ich hier das Versagen nicht ausschließlich bei der Politik sehen. Trotz der zunehmenden Spreizung zwischen Arm und Reich wäre es noch vielen Menschen möglich Eigentum zu erwerben und damit von Mietpreissteigerungen unabhängig zu werden. Mir scheint jedoch dass sich die Bedürfnispyramide um etliche, wie ich finde verzichtbare Posten, verschoben hat und dieser Umstand auch einen Grund für die erschreckend niedrige Eigentumsquote in Deutschland von ca. 50% einen Grund liefert. Währende die Eltern- und Großelterngeneration noch unter hohen Entbehrungen für den Traum vom Haus gearbeitet hat, hat die heranwachsende Generation oft schon die halbe Welt gesehen, kann nur schwer auf Konsum verzichten und wird wohl zeitlebens das vermeintliche Risiko vom Immobilienerwerb nicht eingehen.
 
Grüße, Bernd Peter

Hallo Herr Kreutzer,
ein kleiner Tatbestand zu Ihren wieder vortrefflichen Ausführungen:
 
Menschen im Hartz IV Bezug werden aus zu teuren/zu großen Wohnungen von Amts wegen verdrängt. Sie suchen Billigere/Kleinere. Hier gibt es ein neues Problem:
 
Wenn Hartzer sanktioniert werden, so besteht die Möglichkeit, dass sie die Miete nicht mehr zahlen können. Vermieter wissen das. Seitdem ist die Möglichkeit, als ALG II Empfänger eine Wohnung anmieten zu können, eingeschränkt. Vermieter lassen die Wohnung oft lieber leer stehen als jemanden mühevoll ´ausklagen zu müssen.
Dies ist mit einer der Gründe, warum immer mehr Menschen obdachlos werden trotz leer stehender Wohnungen.
 
Gruß von Eva Scherrer
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