Paukenschlag am Donnerstag
No. 2 /2012
vom 12. Januar 2012

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Lebenslüge Freiheit

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Lebenslüge Freiheit


Wir leben in Freiheit.

Unser Grundgesetz trägt den schmückenden Beinamen
"Freiheitlich demokratische Grundordnung".

Doch wenn wir beginnen, das, was wir uns wünschen, mit dem zu vergleichen, was wir bekommen, dann stellen wir fest, dass wir eben nicht frei sind.

Wer von uns will ernsthaft einen neuen Krieg gegen den Iran? Wer von uns will ernsthaft neue, vollkommen unkontrollierbare europäische Machtzentren, wie das ESM? Wer von uns will ernsthaft die Vorratsdatenspeicherung?

Wer von uns will ernsthaft auch nur 10 Prozent von dem, was uns als alternativlos oder segensreich angekündigt und mit der Macht von scheinbar demokratisch legitimierten Mehrheiten durchgesetzt wird, die sich aber letztlich als die manipulative Macht einiger weniger Figuren entpuppt, deren Fähigkeit, Stimmungen zu erzeugen, Meinungen zu beeinflussen und damit letztlich Wahlen zu gewinnen, soweit geht, dass auch die herausragenden politischen Führungsfiguren letztlich wie Marionetten an den Fäden dieser Macht hängen?

 

Die sogenannte Finanz- und Eurokrise hat zum Sturz mehrerer europäischer Regierungen geführt. Ob Wulff Bundespräsident bleibt oder nicht ist wohl längst nicht mehr seine Entscheidung.

Die Freiheit ist allenthalben auf dem Rückzug.

An ihre Stelle sind Zwänge getreten, menschengemachte Zwänge, wohin wir schauen, Zwänge die uns weit mehr einengen, als sie - vorgeblich - unserem Wohl und unserer Sicherheit dienen.

Der Titel dieses Paukenschlages ist zugleich der Titel eines bemerkenswerten und wichtigen Buches, das Freimut Kahrs 2008 beim EWK-Verlag veröffentlich hat.

Der Untertitel lautet:

"Die ungeschriebenen Regeln einer liberalen Gesellschaft"

Und mit diesem Untertitel macht er deutlich, dass sich neben den allgemein akzeptierten Gesetzen und Regelungen, neben dem geschriebenen Recht ein ungeschriebenes und daher zugleich unantastbar und alternativlos erscheinendes Regelwerk etablieren konnte, das sich mehr und mehr über das geschriebene Recht erhebt.

Und dies ist das Recht einer liberalen, unserer neo-liberalen Gesellschaft.

Dieser Gedanke, einmal verstanden, öffnet das Verständnis für vieles, was uns unverständlich, widersinnig und oft genug auch unabwendbar erscheint. Und er öffnet das Verständnis für die Notwendigkeit, aktiv auf Veränderungen hinzuwirken, Schritt für Schritt, jeder an seinem Platz und nach seinen Fähigkeiten.

Ich habe das Buch, das inzwischen vergriffen war, neu drucken lassen, weil es seit dem Erscheinen der Erstausgabe an Aktualität eher zugenommen hat.

 Hier können Sie es bestellen:

Was Freimut Kahrs auf den letzten Seiten resümierend geschrieben hat, ist es wert, das Kernstück dieses Paukenschlags zu bilden:

12.3. Der wachsende Konflikt zwischen Kapitalismus und Demokratie

Im Kapitalismus entscheidet eine kleine Minderheit wohlhabender Investoren, welche Arbeiten während der Arbeitszeit ausgeführt werden dürfen und welche nicht.

Da die Arbeitszeit und die mit dem Arbeitsverhältnis verbundenen Tätigkeiten (z.B. Anfahrtsweg) oft einen Großteil der menschlichen Lebenszeit beanspruchen, bleibt die Zeit für andere, gesellschaftlich wünschenswerte ehrenamtliche Aktivitäten, für Kindererziehung und Hausarbeit notwendigerweise knapp.

In der spätkapitalistischen Wissensgesellschaft verfügen wohlhabende Investoren einerseits über viel Geld, große Macht und bedeutenden Einfluss,
andererseits fehlt den Investoren das Wissen, um schnelle und fehlerfreie
Entscheidungen von weitreichender Bedeutung zu treffen. Investoren
und deren angestellte Verwalter können sich zwar von Experten beraten
lassen, dies verursacht jedoch Kosten und Verzögerungen, die in einem
Projekt freier Mitarbeiter nicht anfallen würden.

Der Zwang zur „freiwilligen“ Unterwerfung unter das Diktat der projektfinanzierenden Investoren entsteht aus der Notwendigkeit, den Lebensunterhalt der Projektmitarbeiter durch Lohnzahlung zu finanzieren.

Die kapitalistische Lohnarbeit verbindet Arbeit und Kredit durch eine unauflösliche Beziehung: Kein Lohn ohne Arbeit, keine Arbeit ohne Lohn.

Der Lohn beruht wie jeder andere Kredit auf Vorleistungen, Erwartungen
und Renditeaussichten. Allein die Unsicherheit, ob Leistung und Gegenleistung den eigenen Erwartungen entsprechen, begründet im theoretischen Modell eine Erklärung der Arbeitslosigkeit.

Vorurteile der Arbeitgeber führen dazu, dass breite Bevölkerungsgruppen vom Erwerbsleben ferngehalten werden, weil ihre Arbeit zumindest kurzfristig keine sichere Rendite verspricht.

Arbeitgeber betrachten die Ausbildung ihrer Mitarbeiter in erster Linie als Kostenfaktor und übersehen dabei, dass die heutige Ausbildungsverweigerung zu einem zukünftigen Arbeitskräftemangel führen wird.

Diejenigen Bewerber, die nicht das Vertrauen der Arbeitgeber genießen, bleiben vom Arbeitsprozess ausgeschlossen. Hauptschüler erhalten keine Lehrstelle, weil man ihnen mangelnde Leistungsfähigkeit unterstellt, kranke und schwerbehinderte Bewerber werden ebenfalls aussortiert, und über 50 Jahre alte Bewerber werden ebenfalls ungern eingestellt.

Diese benachteiligten Gruppen werden im vollautomatisierten Arbeitsprozess
möglicherweise nicht mehr gebraucht, aber sie existieren weiterhin und haben Anspruch auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Das bedingungslose Grundeinkommen gewährt, bei Sicherstellung der Finanzierung, auch denjenigen, die keine profitable Tätigkeit ausüben können, das Recht auf ein existenzsicherndes Einkommen.

Schließlich beruht das langfristige Überleben einer Gesellschaft auch auf unprofitablen, aber unverzichtbaren Tätigkeiten, beispielsweise Kindererziehung oder Berufsausbildung.

Wer entscheidet in einer liberalen Gesellschaft darüber, welche Tätigkeiten
ausgeführt werden dürfen? Theoretisch darf jeder Einzelne selbst entscheiden, welche Tätigkeiten er ausführen möchte.

Die Entscheidungsfreiheit des Arbeitnehmers in der freiheitlichen Gesellschaft endet jedoch am Betriebstor. Arbeitslose werden durch ihren Fallmanager gezwungen, sich „freiwillig“ für diejenigen Arbeitsplätze zu bewerben, die sie nicht ausführen können oder wollen.

Harte Sanktionen drohen jedem, der nicht freiwillig, wenn auch gegen seinen Willen, die Vorgaben seines Förderers und Forderers erfüllt.

Klingt dieser Satz in den Ohren eines unbefangenen Lesers zu unverständlich, zu widersprüchlich oder zu verlogen?


Das ist der Zwang zur Freiheit,
das widersprüchliche Lebensmotto
einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft.


Der Zwang zur Freiheit wird durch Gesetze legitimiert, die von einem
demokratisch gewählten Parlament beschlossen und von einer demokratisch
gewählten Regierung durchgesetzt werden. Selbstverständlich könnte
eine neugewählte Regierung bestehende Gesetze und Regeln dahingehend
ändern, dass ein anderes Gesellschaftssystem entsteht.

Parteien, deren Programm einen Systemwechsel beinhaltet, gelten jedoch als extremistisch und verfassungsfeindlich, ihre Wähler werden gerne implizit als „Ratten“ bezeichnet, weil man ihnen vorhält, dass sie sich von „Rattenfängern“ einlullen lassen.


73 Prozent der Arbeitslosen, 61 Prozent der Ostdeutschen und 55 Prozent
der Nichtwähler beurteilen die demokratische Praxis mehrheitlich kritisch.
22 Prozent der Deutschen wünschen sich eine andere Gesellschaftsordnung.
Der Wunsch nach einem Systemwechsel ist bei Arbeitslosen
(54%), Hartz-IV-Empfängern (52%), Ostdeutschen (38%) und Arbeitern
(37%) besonders stark verbreitet.

Die Unzufriedenheit mit der Demokratie wird dabei in einer von der
Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie als Ausdruck eines
persönlichen Versagens gewertet und nicht mit dem politischen Handeln
der gewählten Volksvertreter in Verbindung gebracht.

Die gewählten Volksvertreter haben jedoch im Laufe der vergangenen
vierzig Jahre einen gigantischen Schuldenberg angehäuft, dessen vertragsgemäße Tilgung mit Zins und Zinseszins mittlerweile unmöglich geworden ist.

Die Summe der öffentlichen und privaten Schulden ist so stark
gestiegen, dass es für die weitere Entwicklung nur drei Möglichkeiten gibt:

Demokratie ohne Kapitalismus

Ein Teil der bestehenden Eigentums- und Vertragsordnung wird durch eine demokratische Mehrheitsentscheidung aufgehoben, um die Schuldner von drückenden Verpflichtungen zu entlasten. Ob diese Maßnahmen (progressive Besteuerung, Bodenreform, Mindestlöhne, Preisobergrenzen, Währungsreform) in jedem Fall ökonomisch vernünftig sind, sei dahingestellt. Lösungen, die soziale Gerechtigkeit und ökonomische Vernunft miteinander verbinden, werden sich langfristig als erfolgreiches Modell erweisen.

Kapitalismus ohne Demokratie

Ein Teil der Gesamtbevölkerung verliert einen Teil seiner demokratischen
Mitwirkungsrechte, um durch intensivere Arbeit die bestehenden
Schulden zu tilgen. Ein Parlament, das von einer Minderheit wohlhabender Bürger gewählt wird und ausschließlich die Interessen der Wohlhabenden vertritt, beschränkt die Handlungsfreiheit der Armen durch eine restriktive Gesetzgebung. Arbeitshäuser und Arbeitslager maximieren die Gesamtproduktion auf Kosten der Lebensfreude und der Lebenszufriedenheit.

Könnte ein solches Sklavenhaltersystem dauerhaft überleben oder würde es zusammenbrechen wie das Römische Reich?


Weder Demokratie noch Kapitalismus

Ein Teil der Gesamtbevölkerung verliert sowohl Eigentum als auch
demokratische Mitwirkungsrechte. Die Untertanen einer despotischen
Diktatur werden gegen ihren Willen zur Mitarbeit an ökonomisch
unsinnigen Projekten gezwungen, die allein den Größenwahn des Diktators befriedigen. Stalins Sowjetunion und Ceauiescus Rumänien, Nordkorea und Simbabwe gelten als Beispiele für Staaten, deren Wirtschaftspolitik weder durch demokratische Präferenzen noch durch ökonomische Vernunft gelenkt wird.


Das Gesetzgebungsrecht einer Demokratie und das private Gewaltmonopol
des Kapitalismus schließen sich gegenseitig aus. Die gegenwärtige Gesellschaftsordnung der westlichen Staaten beruht auf einer historisch gewachsenen Mischform von exklusiven Eigentumsrechten und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zur Einschränkung dieser Eigentumsrechte.

 


12.4. Die Ziele einer idealen Gesellschaft

Eine allein auf Maximierung der Kapitalrendite ausgerichtete Gesellschaft
kann die geistigen und seelischen Bedürfnisse des Menschen nicht erfüllen.
Wenn man die Menschen fragt, welche Wünsche sie haben, so würde
eine Wunschliste in etwa so aussehen:

  • Ein Leben ohne körperliche Einschränkungen: Jeder Mensch sollte
    von Krankheiten, Unfällen und Verfallserscheinungen verschont bleiben.
  • Ein Leben ohne geistige Einschränkungen: Jeder Mensch sollte alle
    seine Entscheidungen unter Berücksichtigung aller für ihn relevanten Informationen treffen können.
  • Ein Leben ohne seelische Einschränkungen: Das Zusammenleben
    zwischen Menschen wird durch negative Gefühle (z.B. Angst, Wut) beeinträchtigt. Jeder Mensch sollte seine zwischenmenschlichen Beziehungen so gestalten, dass bei anderen keine negativen Gefühle entstehen. Es sollte zur wichtigsten Aufgabe der zwischenmenschlichen Beziehungen werden, die Gefühle der anderen zu erkennen, sie ernst zu nehmen und in eine positive Richtung zu lenken.
  • Ein Leben ohne materielle Einschränkungen: Viele zwischenmensch- lichen Konflikte entstehen beim Verteilungskampf um knappe Ressourcen. Dennoch sind viele Güter, beispielsweise Lebensmittel, im Überfluss vorhanden und sollten daher nicht zum Gegenstand von Verteilungskämpfen gemacht werden.

Diese vier Forderungen erscheinen dem flüchtigen Leser auf den ersten
Blick als utopische Phantasie eines weltfremden Spinners. Sie sind jedoch
keine weltfremdes Gehirngespinst, sondern eine unverzichtbare Voraussetzung, um eine zukünftige Gesellschaft aufzurichten.

Zwischenmenschliche Beziehungen, die auf einem körperlichen, geistigen,
seelischen oder materiellen Ungleichgewicht aufgebaut sind, verführen die
überlegenen Personen oft zum Missbrauch ihrer Überlegenheit. Deshalb
sollte eine möglichst gleichmäßige Verteilung der materiellen Ressourcen,
ein ungehinderter Zugang zu allen Informationen und ein Abbau körperlicher
und seelischer Machtstellungen angestrebt werden.

Eine solche Idealgesellschaft lässt sich nicht sofort und vollständig verwirklichen, aber es gibt einige Staaten, Länder und Regionen, die auf dem Weg zu einer solchen Idealgesellschaft weiter vorangeschritten sind als ihre rückständigen Nachzügler.

Der Human Development Index vergleicht den unterschiedlich hohen Lebensstandard in verschiedenen Ländern und berücksichtigt dabei nicht
nur den materiellen Wohlstand (in Form des Bruttosozialproduktes), sondern
auch das Bildungsniveau und die durchschnittliche Lebenserwartung
(als Indikator für den Gesundheitszustand der Bevölkerung). Auch wenn
seelische Probleme nicht berücksichtigt werden, so zeigt der Human Development Index doch, ob die Menschen einer Region ein Leben führen,
dass im Vergleich mit anderen Regionen nicht durch körperliche, geistige
und materielle Benachteiligungen geprägt ist.

Der Human Development Index misst die durchschnittlichen Lebensbedingungen einer Region und vernachlässigt dabei diejenigen persönlichen Benachteiligungen, die sich nicht statistisch signifikant auf den Landesdurchschnitt auswirken.
 
Beispielsweise genießen die Bürger der wohlhabenden Industrieländer aufgrund der guten medizinischen Versorgung eine hohe Lebenserwartung. Die durchschnittliche Lebenserwartung vernachlässigt jedoch die Probleme, mit denen Alkohol- und Drogenabhängige, Obdachlose und Tablettensüchtige und deren Angehörige zu kämpfen haben. Deshalb müsste der Human Development Index eigentlich durch ein Menschliches-Entwicklungs-Konto ergänzt werden, das die persönlichen Anstrengungen dokumentiert und honoriert.
 
Dazu ein Vorschlag:

Die traditionelle, allein durch den Arbeitsmarkt bestimmte Wertschätzung
des einzelnen Menschen ist durch ein allgemeineres Wertschätzungs- verfahren zu ersetzen, damit Gesundheit, Wissen, Liebe und Leistung gleichberechtigt gewürdigt werden.

Um dies zu realisieren werden für jeden Menschen fünf Konten geführt.

Gesundheitskonto
Auf diesem Konto wird jede Aktivität zur Erhaltung der eigenen Gesundheit
aufgezeichnet und gewürdigt.

Wissenskonto
Für jede Stunde Lernen oder Lehren wird ein Wissenspunkt gutgeschrieben.
Selbstverständlich ist es problematisch, die Lerninhalte zu vergleichen
und zu bewerten. Soll eine Stunde Papierfalten (Origami) ebensoviel
wert sein wie eine Stunde Business Englisch? Sollte man alle Lerninhalte
gleich bewerten oder wird sich eines Tages ein Wechselkurs zwischen den
Lerninhalten ergeben? Durch die Aktivierung wird das Lernen nicht als
einzusparender Kostenfaktor, sondern als Investition in die Zukunft kalkuliert. Selbstverständlich stellt sich die Frage, wie veraltete Lehrinhalte
abgeschrieben werden.

Sympathiekonto
Wenn jedem Bürger pro Tag 10 Sympathiepunkte zur Verfügung stehen,
die er als Belohnung für positive Erlebnisse vergeben darf, dann können
die Urheber positiver Handlungen damit gezielt gefördert werden.

Aggressionskonto
Für jede unerwünschte Aggression (Beleidigungen usw.) darf der Geschädigte
pro Stunde Ärger einen Aggressionspunkt vergeben. Dadurch werden
Beleidigungen und Kränkungen, die in unserer liberalen Gesellschaft
oft ungestraft hingenommen werden, für jeden sichtbar dokumentiert und
möglicherweise sanktioniert. Kinder, die frühzeitig auf die Folgen ihrer
Einschüchterungsversuche hingewiesen werden, werden als Erwachsene
seltener mobben.

Leistungskonto
Für jede Stunde Arbeit wird ein Leistungspunkt gutgeschrieben. Dieses
Konto entspricht am ehesten dem gegenwärtig verbreiteten Leistungsprinzip.
Die Bezahlung des Mitarbeiters richtet sich in der real existierenden
Marktwirtschaft nicht nach der individuellen Leistung, sondern nach
den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Große Unternehmen zahlen
höhere Löhne als kleine und mittelständische Unternehmen, Arbeitsnehmer in den alten Bundesländern verdienen mehr als ihre Kollegen in den
neuen Bundesländern, Banker verdienen mehr als Briefträger. Ein Vorstandsvorsitzender verdient ebensoviel wie 300 Facharbeiter.
Diese Lohnunterschiede sind durch keine Leistungsunterschiede begründet. Daher sollte es einen Maßstab zur Vergleichbarkeit geben.
Erst wenn Gesundheit, Wissen und Liebe den gleichen Stellenwert wie das
Geld genießen, kann unsere Gesellschaft die wichtigen Herausforderungen
der Zukunft verstehen. Wer ein Problem verstanden hat, braucht nach
dessen Lösung nicht mehr lange zu suchen.
 
 

12.5. Die Zugangsgesellschaft
Die Zugangsgesellschaft, die von Jeremy Rifkin in seinem Buch „Access“
beschrieben wurde, ersetzt die früheren Gesellschaftsmodelle, die von
Heinsohn und Steiger als Stammesgesellschaft, Befehlsgesellschaft und
Eigentumsgesellschaft bezeichnet wurden:

    Heinsohn / Steiger / Rifkin Marx
    Stammesgesellschaft (H/S) Urgesellschaft
    Befehlsgesellschaft (H/S) Feudalismus
    Eigentumsgesellschaft (H/S) Kapitalismus
    Zugangsgesellschaft (Rifkin) Sozialismus

Die Zugangsgesellschaft gewährt jedem Menschen das Recht, materielle
und immaterielle Gütern nach Maßgabe der gesellschaftlich festgelegten
Regeln zu nutzen. Dieser gesellschaftlich kontrollierte Zugang zu materiellen
und immateriellen Gütern gehört schon heute zum Alltag des modernen
Menschen, wenn er beispielsweise mit dem Bus fährt oder ein Hotelzimmer
bucht.

Zugang zu materiellen Gütern
Der Markt als wichtigstes Verteilungsinstrument einer arbeitsteiligen Eigentumsgesellschaft dient vor allem dazu, knappe Güter an die zahlungskräftigsten Käufer zu verteilen. Wenn diese Güter nicht wirklich knapp sind, dann ergibt die marktwirtschaftliche Verteilung keinen Sinn.

Wenn ein Museum nur von wenigen Gästen besucht wird, dann bringt die Erhebung des Eintrittsgeldes keinen wirtschaftlichen Nutzen. Das gilt nicht
nur für kulturelle Attraktionen, sondern auch für den Öffentlichen Nahverkehr. In der belgischen Stadt Hasselt dürfen alle innerstädtischen Busse seit dem 1. Juli 1997 kostenlos benutzt werden, daraufhin stieg die Zahl der Fahrgäste rapide an. Vorher benutzten gerade einmal 1000 Fahrgäste täglich den Bus, nach der Abschaffung des Fahrscheins stieg deren Zahl auf rund 12.600 Fahrgäste pro Tag.
Durch geschickte Organisation kann der gesellschaftliche Nutzen eines
materiellen Gutes vervielfacht werden. Fluggesellschaften versuchen, ihre
teuren Flugzeuge durch lange Flüge und kurze Standzeiten so gut wie
möglich auszulasten. Privatjets und militärische Dienstflugzeuge, die lediglich einen einzigen Fluggast transportieren, verursachen ein Mehrfaches an Kosten und Treibhausgasen pro Person. Das gleichzeitige Auftreten von Mangel und Verschwendung, selbst bei lebenswichtigen Gütern, sollte in einer Zugangsgesellschaft durch marktwirtschaftliche und soziale Ausgleichsmechanismen so weit wie möglich verhindert werden.

Zugang zu Informationen
Der denkende Mensch ist auf Informationen angewiesen, um sein Leben
planmäßig gestalten zu können. Jede Frage offenbart ein menschliches Informationsbedürfnis, das auf eine passende Antwort wartet.
 
Manchmal gibt es keine Antwort auf die gestellte Frage, manchmal ist die Antwort abschweifend oder unverständlich. Wenn die gestellte Frage jedoch durch eine klare Antwort befriedigt werden kann, dann wäre es in höchstem
Grade unhöflich, die gewünschten Informationen zu verweigern.
Die bewusste Verweigerung derjenigen Informationen, die als lukrative
Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse gehütet werden, prägt den Charakter
der kapitalistischen Eigentumsgesellschaft und in noch viel stärkerem Maße
den Charakter der marxistisch-leninistischen Befehlsgesellschaft.

In einer kapitalistischen Marktwirtschaft bemühen sich Heerscharen von
Analysten, Beratern, Controllern und Wirtschaftsprüfern um Informationen,
mit deren Hilfe sie die Entwicklung eines Unternehmens abschätzen
können. Diese mühsam gewonnenen Informationen werden oft genug vor
dem Betriebsrat, vor den Mitarbeitern und von der Öffentlichkeit versteckt,
um Aktionen, Proteste oder Sonderwünsche zu verhindern. Der Zugang zu Informationen gilt als Privileg der Herrschenden, deren Stellung auf der Geheimhaltung des Wissens beruht.

Informationen können von vielen Menschen gleichzeitig genutzt werden,
ohne dass sie verloren gehen. Deshalb fordern Aktivisten der Open-Source-
Bewegung, dass Informationen nicht durch Eigentumsrechte blockiert
werden dürfen. Einen kleinen Etappensieg haben diese Aktivisten in den
USA erreicht: Informationen der amerikanischen Bundesregierung, die
von Staatsbeamten auf Kosten des Steuerzahlers erstellt wurden und nicht
als geheim eingestuft werden, beispielsweise Fotos, Grafiken, Karten, Musikaufnahmen, Tabellen, Texte und Videos, dürfen von allen amerikanischen Staatsangehörigen kostenlos und genehmigungsfrei genutzt werden.

Zugang zu Menschen
Einsamkeit und Beziehungsstress prägen die kapitalistische Gesellschaft.
Zwischenmenschliche Beziehungen stehen unter einem ständigen Erwartungsdruck, sei es im Beruf, in der Familie oder im Verein – bei jeder Begegnung geht es um unser Ansehen in der Öffentlichkeit.
In der Eigentumsgesellschaft werden die Menschen dazu erzogen, gegeneinander zu kämpfen. Dieser Kampf beginnt bereits im Kindergarten und in der Schule, wenn vermeintlich schwächere Mitschüler gemobbt oder verprügelt werden.
Während des Studiums versuchen rücksichtslose Studentinnen und Studenten, ihre eigenen Karrierechancen zu verbessern, indem sie wichtige Fachbücher vor ihren Kommilitonen verstecken.

Wenn es diesen Karrieristen gelingt, einen gutbezahlten Arbeitsplatz zu
ergattern, dann werden sie versuchen, ihre Position in der betriebsinternen
Hierarchie durch Intrigen zu sichern. Nach einer Scheidung werden sie
versuchen, durch einen „Rosenkrieg“ so viel Geld wie möglich vom Ex-
Partner zur erpressen.
 
Schildere ich hier ein völlig unrealistisches Menschenbild?

Glücklicherweise gibt es noch Menschen, die sich anders verhalten. Im Dschungel von Malaysia lebt ein kleiner Stamm von Ureinwohnern, die Senoi, bei denen die Traumarbeit seit vielen Jahrhunderten im Mittelpunkt
des täglichen Lebens steht. Jeden Morgen berichten Kinder und Erwachsene von ihren nächtlichen Träumen und versuchen, das Erlebte durch Gespräche und Schauspiel zu verarbeiten. Diese therapeutische Verarbeitung aggressiver Gefühle sorgt dafür, dass dieser Urwaldstamm weder Diebstahl noch Gewaltverbrechen kennt und seit mindestens 300 Jahren keinen Krieg mehr geführt hat.

Kann die gewaltlose Lebensweise dieses Urwaldvolkes unserer Gesellschaft
als Vorbild dienen? In einer dichtbevölkerten und hochtechnisierten
Gesellschaft lassen sich nicht alle, aber viele Streitfälle durch offene
Diskussionen beilegen. Motive und Interessen lassen sich durch einen
gleichberechtigten Austausch von Argumenten und Meinungen ermitteln.
Entscheidungen zur Durchsetzung eines bestimmten Projektes erfordern
gelegentlich den Einsatz von Macht.

Zugang zur Macht
Die oben beschriebenen Merkmale einer Zugangsgesellschaft lassen sich
nur dann vollständig verwirklichen, wenn deren Befürworter Zugang zur
(staatlichen) Gestaltungsmacht erlangen.

Die Demokratie ist eine Gesellschaftsform, in der wichtige Streitfragen
grundsätzlich von einer breiten Bevölkerungsmehrheit entschieden werden.
In der Schweiz dürfen die Wahlberechtigten über alle umstrittenen
Gesetze abstimmen, in Deutschland geben die Wählerinnen und Wähler
am Wahltag ihre Stimme ab und überlassen wichtige Grundsatzentschei- dungen den gewählten Parlamentariern. Je größer die Zahl der abstimmenden Teilnehmer, desto schwerer wird es, private Eigeninteressen gegen eine breite Bevölkerungsmehrheit durchzusetzen.
 
Diese breite Beteiligung am gesellschaftlichen Entscheidungsprozess begründet die wirtschaftliche Überlegenheit eines demokratischen Systems, verglichen mit korrupten Diktaturen.
Der offene Zugang zur Macht, zur Materie, zu Informationen und Gefühlen verwandelt die leere (negative) Freiheit, die man auch am Nordpol antreffen könnte, in die echte (positive) Freiheit, seine Wünsche innerhalb der menschlichen Gesellschaft verwirklichen zu können.
Ein modernes Gesellschaftssystem erfüllt die Bedürfnisse der Menschheit erst dann, wenn das persönliche Wahlrecht zur Ausübung der persönlich geeigneten und gewünschten Freiheit den von oben verordneten Zwang zur Freiheit ersetzt.
 
Freimut Kahrs

 

 

 

Dem möchte ich heute nichts weiter hinzufügen.

Sie müssen, glaube ich, für Ihre Standardwerke, mal wieder massiv die Werbetrommel rühren. Mir scheint dass einige Ihrer Stammreaktionäre Ihre dargestellten Alternativen noch nicht kennen…

Das tue ich doch glatt! Hau'n Sie drauf, mit der Maus, auf die Trommel!

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