Paukenschlag am Donnerstag
No. 9/2011
vom 3.3.2011

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Theutschtest für Theutsche - Analphos-Outen

 
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Paukenschläge 2010 (ältere)
1 Angela Merkel
2 Innere Angelegenheiten
3 Werbung ist Krieg
4 Werbung ist Krieg - und wer geht hin?
5 Zwischen Schmerzgrenze und Hemmschwelle
6 Die Sache mit dem Zins
7 Schluss mit Lustig
8 Zins und Wachstumszwang
gehören zusammen
 9 Bananenrepublik
10 Dr. Petschow
Geld und Demokratie
11 Die freie demokratische Kopfpauschale
12 Progressive Benzinsteuer
13 nicht belegt
14 Volkswirtschaftlicher Gesamtschaden
15 Griechenland als Chance verstehen
16 Kurzarbeit - der Kombilohn durch die Hintertür
17 Die Mär vom gefährdeten Euro
18 Muttertagswahl
19 Europhrenie
20 Extremsparer - wie vom wilden Affen gebissen
21 Über den Verhältnissen
22 Die Würde des Amtes
23 Worum geht es?
24 Wahre Wirtschaftskriminalität
25 Au weia - Wohin mit dem Gold
26 Problematisches Goldverständnis
27 Woran man eine gute Regierung erkennt
28 Von Frau zu Frau Eva Scherrer
29 Ungarn - Irland - Deutschland ...
30 Alles Verbrecher
31 Das Staatsziel in drei Sätzen
32 Aktion Staatsziel
33 Die Geld-Hirn-Schranke
34 nicht belegt
35 Entschuldung per Vermögensabgabe
36 Besinnungslos fürs Grundeinkommen
37 Be- und Verdrossenheit
38 Schlagzeilen eines Tages
39 Die 10 Gebote, Nachtrag 2, Lohnabstandsgebot
40 Währungskrieg
41 Welt-Währungskrieg II
42 Auf dem Wachstumspfad
43 China - Macht und Ohnmacht
44 S21 und die aristotelische Lehre von der Handlung
45 Die Zeit der Narren
46 nicht belegt
47 Too big to fail
48 nicht belegt
49 Warum es fast allen immer schlechter geht
50 Jahresumbruch
1/2011 Rettung einer Illusion
2/2011 internes
3/2011 Diensleistungsgesellsch. 1
4/2011 Diensleistungsgesellsch. 2
5/2011 Diensleistungsgesellsch. 3
6/2011 Diensleistungsgesellsch. 4
7/2011 Warum es ist, wie es ist
8/2011 Der Untergang des Abendlandes
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Theutschtest für Theutsche -
das große Analphos-Outen

 

Ein grauer Schavan zog seine Bahn, im Windschatten des Rücktritts des Allerbeliebtesten, gekränkt vom Mangel an Bevölkerungszuneigung entfuhr der netten Anette vorzeitig die Idee, die vermutlich für die Ansprache zur heutigen Weiberfastnacht vorgesehen war:

Verbindlich vorgeschriebene Sprachtests, nicht nur für Migranten, sondern auch für Deutsche, seien das Gebot der Stunde, sagt sie und unterstreicht es mit einer etwas unglücklichen Metapher:

"In Anbetracht von 7,5 Millionen Analphabeten müssen alle Wege, die helfen, gegangen werden"

Nun, "helfende Wege" (hier werden Sie geholfen?) mag moderner klingen als "helfende Hände", von großartigem Sprachverständnis zeugt diese Formulierung nicht. Auch logisch mangelt es dieser Erkenntnis erheblich. Alle (helfenden) Wege zu gehen, heißt doch, dass man entweder an den unterschiedlichsten Orten herauskommen wird, oder, dass man, falls man rückwärts geht - wie seit dem Altertum angenommen wird - unweigerlich nach Rom gelangt.

Nur: Was wollen wir bei Be&Be, Berlusconi und Benedetto?

Wenn denn schon das Begehen von Wegen angezeigt scheint, dann sollte man doch gezielt denjenigen Weg wählen, der sicher, bequem und schnell ans Ziel führt.

O.K., sie hatte wahrscheinlich nicht lange Zeit, über ihre eigenen Sätze nachzudenken. Lag doch ein taufrisches Gutachten auf dem Tisch, das sie die Ehre hatte, vorzustellen.

Sie hat ja, als Vorsteherin jenes Ministeriums, das allenfalls als autonom existierender Wurmfortsatz der Kultusministerkonferenz unserer per Föderalismus-Reform jüngst frisch betonierten bildungspolitischen Kleinstaaterei gelten kann, sonst kaum einmal die Ehre etwas vorzustellen. Nun lag es also da, das Gutachten, die von der Universität Hamburg vorgelegte Studie - und forderte heraus. Die Worte folgten, nicht die Taten - Lerchen, statt Nachtigallen.

Und so blieb von der großspurigen Forderung nach dem ersten Hinschauen erst einmal nichts anderes übrig, als der Refrain des Faschingsschlagers:

Wer soll das bezahlen? Wer hat soviel Geld? Wer hat soviel Pinke, Pinke, wer hat das bestellt?

Daher strebt die nette Anette den frisch erfunden "Grundbildungspakt" an. Die Länder, die Unternehmen, die Kammern und "andere Partner (haha, andere ...)" sollen diesen Pakt schließen, und dann soll sich, so formulierte es der sprachverständige Autor des Artikels in der Welt, der abschließend verlinkt ist, dann soll sich "der Pakt des Problems annehmen".

Ob der Pakt beim Annehmen des Problems auch helfende Wege um Unterstützung bitten soll, bleibt vorerst noch offen, wiewohl der von der CDU gestellte Chef der Kultusministerkonferenz mit seinem Drängen nach einer "nationalen Kraftanstrengung" direkt auf eine derartige Komplizenschaft von Wegen und Pakten hinarbeitet.

Was aber war der Anlass für den Sturm im Wasserglas?

Warum schert sich die Elite der bildungspolitischen Kampftruppen der Republik plötzlich um die niederste der Niederungen? Welche aufrüttelnden Erkenntnisse bietet die Studie?

Die Mitglieder des Studienteams teilten die deutsche Bevölkerung - nachdem Infratest über 8.000 Menschen befragt hatte - in Kohorten unterschiedlichen Analphabetisierungsgrades auf und gelangten zu erschreckenden Erkenntnissen:

 300.000 Bürger können nicht einmal ihren Namen schreiben
 2.000.000 Bürger verstehen nur einzelne Wörter
7.500.000 Bürger  beherrschen das im Alltag Notwendige, können Schilder entziffern, Unterschriften leisten, wissen aber oft nicht, was sie unterschreiben. (Dissertationen sind da sicher nicht gemeint)
13.300.000 Bürger haben große Probleme mit der Rechtschreibung.
23.100.000 Bürger   sind mehr oder minder Analaphabeten

 

Mein Gott!

Wo kämen wir denn hin, wenn alle immer wüssten, was sie unterschreiben? Wird im Bundestag nicht nur deshalb per Handzeichen oder Stimmkärtchen zugestimmt, weil das Unterschreiben von Gesetzen, für die man einsteht, dem einen oder anderen Abgeordneten schwer fallen könnte? Oder hängt es eher damit zusammen, dass gar nicht so leicht zu verstehen ist, was man da (ohne es unterschreiben zu müssen) auf den Weg bringt?

Und wo kommen die großen Probleme mit der Rechtschreibung her? Hätte man auf die überflüssigste aller Reformen der letzten Jahre verzichtet, wenigstens die Älteren, die in der Schule noch Rechtschreibung erlernt haben, könnten es noch, und hätte man den Schulen die personelle und materielle Ausstattung zur Verfügung gestellt, die erforderlich wäre, um Kindern das Denken und Sprechen, und darauf aufbauend die notwendigen Fertigkeiten im Lesen und Schreiben beizubringen, die Jüngeren könnten es auch!

Was ist das denn für ein Schulsystem, das mit Abschluss versehene Hauptschüler, Mittelreife und Abiturienten hervorbringt, die der deutschen Sprache nur noch bedingt mächtig sind?

Und da soll jetzt der "hilfreiche Weg" des Zwangs-Sprachtests weiterhelfen?

Was passiert denn, wenn die Arbeitgeber verpflichtet werden, wie sich Rita Süßmuth das vorstellt, ihre Mitarbeiter einem Deutschtest zu unterziehen?

Sollen für entdeckte Analphabeten dann die Kündigungsschutzregeln gelockert werden?
Soll man entdeckte Analphabeten in niedrigere, sogenannte A-Lohngruppen einstufen dürfen? Gibt es einen Eintrag in Personalausweis und Führerschein? Werden erkannte Analphabeten bei Androhung von Gefängnisstrafen verpflichtet, ihre Behinderung durch ein deutlich sichbares äußeres Zeichen jedermann warnend zur Kenntnis zu bringen?

Jeder vierte Deutsche müsste, nach den Ergebnissen dieser Studie, mit dem Kainsmal des Analphabeten herumlaufen. Und wer weiß, vielleicht sind es noch viel mehr, wenn man nur noch genauer nachschaut.

Nach meinen Erkenntnissen gibt es womöglich überhaupt niemanden mehr, der eine Folge mehrerer, etwas komplexerer deutscher Sätze richtig bilden kann. Hören Sie doch einfach mal hin, im Fernsehen und im Radio! Überall, wo nicht vom Teleprompter abgelesen wird, häufen sich die Peinlichkeiten. Und das längst nicht nur bei den verheerenden Trainer- und Sportler-Interviews nach der Live-Übertragung. Jede Talkshow bringt ihre Sprachblüten hervor und auch Nachrichtensendungen sind beileibe nicht fehlerfrei.

Der Genitiv ist faktisch abgeschafft.

Es heißt: der Bart von dem Witz, die Frau von dem Mann, das Gesetz von der EU, und man bemerkt gerne, sein Sprachwissen zur Schau stellend: das ist ein "s" vom zweiten Fall, nicht von der Mehrzahl.

Das ist schlimm, aber es gibt noch viel Schlimmeres.

Wer kennt zum Beispiel noch den Unterschied zwischen hin und her? Fällt der Apfel vom Baum hinunter oder herunter? Kommt die Post zu mir her oder zu mir hin?

Einerseits wird dann erklärt: "Die Sprache lebt! Und das ist gut so."
Andererseits macht man 23 Millionen Deutsche per definitionem zu Analphabeten.

 

So lange es dem Deutschen Volk an der Kraft fehlt, sich ein einheitliches, die Kleinstaaterei endlich überwindendes Schul- und Bildungssystem zu schaffen und der Finanzierung dieses Systems gegenüber anderen Staatsaufgaben die höchste Priorität einzuräumen, so lange blödsinnige Ideen, wie die Einführung eines Pflicht-Sprachtests für alle Deutschen nicht von einem teutonischen Gelächter vom Tisch gefegt werden, so lange muss man, Heinrich Heine fehlerhaft, ja irreführend zitierend, sagen und schreiben:

"Denk' ich an Deutschland in der Nacht ..."

Brauchen wir wirklich ein Bundesministerium, das als hilfloser Bittsteller der Gnade der Landesfürsten ausgeliefert ist und nichts anderes hervorbringt als solche Hirngespinste?

Es ist Fasching, in der Nacht.

 

Alaaf und Helau!
Anal und Phabet ...


und so stand es in der WELT geschrieben

 


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Reaktionen auf diesen Paukenschlag


Hallo Herr Kreutzer,

wenn es nicht so Ernst wäre ( die Angelegenheit...), dann wäre es einfach zum Totlachen (das Thema...).
Wiedermal ein absoluter gelungener Paukenschlag. Aber als ein schlechtdenkender Mensch kommt mir direkt ein Plan dahinter in den Sinn:

Jetzt wird eine Weile dieses Thema breitgetreten, bis es auch der letzte BILD-(Zeitungs)-Leser mitbekommen hat, dann ein wenig das schlechte Gewissen der Leute gesucht und aufgerüttelt. Dann wird der Test eingeführt....Bertelsmann wird sich freuen.
Die Kollektion - Deutsch für Deutsche- oder - Besser leben mit gutem Deutsch in 4 Schritten, ........Oder noch besser, ---Neue Folge in der BamS --- Deutsch lernen wie die Elite in 12 Teilen....

Naja, ich spinn wahrscheinlich ( aber wenigstens hab ich das nirgends abgeschrieben )
Boah eh, krass...

Grüsse aus Rodgau


Hallo Herr Kreutzer,

„…der Deutsche ist dem Genitiv sein Feind.“, oder wie war das…?

Ich habe ja auch so meine Probleme mit der Rechtschreibung und Grammatik. Das hält mich aber nicht davon ab, ab und zu etwas von meinen Gedanken zum Besten zu geben. Wenn ich die letzten Berichte auf Ihren und den Nachdenkenseiten(und anderen kritischen Medien) so lese, beschleicht mich wieder so ein Gefühl…

Es erscheint mir wie ein großes Konzept. Stück für Stück werden die einzelnen Fragmente eines Bildes, eines Planes aufgedeckt, der offensichtlich zur völligen Verblödung der Bevölkerung führen soll. Ungebildete Menschen sind einfach leichter zu unterdrücken. Die Degenerierungsmaschinerie der Massenmedien greift unentdeckt in das Bewusstsein der Menschen ein. Die scheinbare Informationsvielfalt und Freiheit der global vernetzten Systeme, verschleiert in faszinierender Art und Weise, den immer größer werdenden inneren Verfall des Gewissens (Bewusstseins oder wie auch immer man es nennen mag).

Wie in einem Puzzle passen die einzelnen Teile aneinander. Einerseits werden die Kontrollmechanismen verstärkt, andererseits wird die Kontrolle durch die Bevölkerung, z.B. durch die Abschaffung der Wehrpflicht, weiter geschwächt.

Wenn ich mir unsere Ministerien und die davor stehenden Ministerinnen und Minister dazu ansehe, reagiere ich nicht nur mit Kopfschütteln und Gelächter, sondern gerate auch regelmäßig ins Schwärmen. Das ist nicht nur Comedy! Das ist schon der feine, gespielte Witz in Tüten! Das hätte nicht einmal Loriot in seinen besten Tagen hinbekommen!

Da werden Leute ohne Qualifikation und Reputation als Helden der Nation inszeniert, die noch nicht einmal in der Lage sind, ihre (gekauften?) Arbeiten Korrektur zu lesen. Darüber hinaus werden diese Leute noch hoch gelobt und mit „sortierten“ Umfragen zu Rettern der Politikverdrossenheit erkoren, und die eigenen Politik Kollegen nehmen noch nicht einmal wahr, dass dies alles nur ein Kampagnenhoch ist und halten auch noch nach dem Fall die verrotteten Fahnen hoch im Wind. Das ist schon beinahe alles ein bisschen zuviel des Guten. Soviel Humor hab ich dann auch nicht mehr…auch wenn es der ist, über den man dann trotzdem lacht!

Bildung ist wichtig. Wir brauchen Bildung in allen Bereichen. Bildung muss uns das wichtigste und teuerste aller Güter sein. Egal was es kostet! Aber nicht die Art von Bildung, die uns im Augenblick bevorsteht.

Wir müssen wieder Menschen bilden und keine Konsumenten. „Bilden“ bedeutet ja nicht nur, auf Archive zugreifen und vorhandenes Wissen auswendig lernen!„Bilden“ bedeutet einen Prozess in Gang bringen, in dem der Mensch „sich heraus bildet“. Mit seiner Art und seinen Erkenntnissen. Wenn das entsprechende Umfeld da ist, dann geht das ganz automatisch. Aber genau dieses Umfeld wird fortlaufend mit riesigen Abrissbirnen zertrümmert!

Wissen ist Macht! Aber in den Händen einer überwiegend unredlichen Führungsriege ist diese Macht eine verheerende Waffe zur Unterdrückung der Massen.

„Die“ sind gerade dabei ein neues Herrschaftssystem zu schaffen. Eine Scheindemokratie in der die Menschen nicht mehr wahrnehmen können, was wirklich passiert. Und wenn auch dieser Begriff schon abgenutzt scheint: wir werden in eine Orwellsche Gesellschaft gesteuert. Das Schiff auf dem wir sitzen, kommt immer weiter ab vom Kurs. Des Nachts, wenn der Wind heult, werden leise die ersten Rettungsboote losgemacht und über Bord geworfen. Niemand hört es, niemand regt sich. Die Nacht ist ruhig – die Träume sind laut und bunt!

Bis die Tage





Hallo Herr Kreutzer,

Sie müssen, glaube ich, für Ihre Standardwerke, mal wieder massiv die Werbetrommel rühren. Mir scheint dass einige Ihrer Stammreaktionäre Ihre dargestellten Alternativen noch nicht kennen…

Das tue ich doch glatt! Hau'n Sie drauf, mit der Maus, auf die Blechtrommel!

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