Paukenschlag am Donnerstag
No. 8/2011
vom 24.2.2011

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Der Untergang des Abendlandes (Dienstleistungsgesellschaft Teil 5)

 
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1 Angela Merkel
2 Innere Angelegenheiten
3 Werbung ist Krieg
4 Werbung ist Krieg - und wer geht hin?
5 Zwischen Schmerzgrenze und Hemmschwelle
6 Die Sache mit dem Zins
7 Schluss mit Lustig
8 Zins und Wachstumszwang
gehören zusammen
 9 Bananenrepublik
10 Dr. Petschow
Geld und Demokratie
11 Die freie demokratische Kopfpauschale
12 Progressive Benzinsteuer
13 nicht belegt
14 Volkswirtschaftlicher Gesamtschaden
15 Griechenland als Chance verstehen
16 Kurzarbeit - der Kombilohn durch die Hintertür
17 Die Mär vom gefährdeten Euro
18 Muttertagswahl
19 Europhrenie
20 Extremsparer - wie vom wilden Affen gebissen
21 Über den Verhältnissen
22 Die Würde des Amtes
23 Worum geht es?
24 Wahre Wirtschaftskriminalität
25 Au weia - Wohin mit dem Gold
26 Problematisches Goldverständnis
27 Woran man eine gute Regierung erkennt
28 Von Frau zu Frau Eva Scherrer
29 Ungarn - Irland - Deutschland ...
30 Alles Verbrecher
31 Das Staatsziel in drei Sätzen
32 Aktion Staatsziel
33 Die Geld-Hirn-Schranke
34 nicht belegt
35 Entschuldung per Vermögensabgabe
36 Besinnungslos fürs Grundeinkommen
37 Be- und Verdrossenheit
38 Schlagzeilen eines Tages
39 Die 10 Gebote, Nachtrag 2, Lohnabstandsgebot
40 Währungskrieg
41 Welt-Währungskrieg II
42 Auf dem Wachstumspfad
43 China - Macht und Ohnmacht
44 S21 und die aristotelische Lehre von der Handlung
45 Die Zeit der Narren
46 nicht belegt
47 Too big to fail
48 nicht belegt
49 Warum es fast allen immer schlechter geht
50 Jahresumbruch
1/2011 Rettung einer Illusion
2/2011 internes
3/2011 Diensleistungsgesellsch. 1
4/2011 Diensleistungsgesellsch. 2
5/2011 Diensleistungsgesellsch. 3
6/2011 Diensleistungsgesellsch. 4
7/2011 Warum es ist, wie es ist
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Der Untergang des
Abendlandes

 

Dienstleistungsgesellschaft - Utopie mit Charme Teil 5


Die Anrainer der südlichen Küsten des Mittelmeers erleben turbulente Zeiten.

Was in Tunesien begann, hat sich längst wie ein Flächenbrand ausgebreitet. Die arabische Welt - lauter ehemalige Kolonien und straff an der langen Leine gehaltene westliche Interessengebiete - emanzipiert sich endgültig. Ihre Völker befreien sich von den Herrschaftssystemen, wie sie im letzten Jahrhundert etabliert und stabilisiert wurden, um den Einfluss der "westlichen Welt" im "Nahen Osten" zu sichern und zu garantieren.

Mit Urgewalten brechen die Keimblätter einer Pflanze aus dem Wüstenboden, deren Ausbreitung, Wachstum und Gedeihen die Welt verändern wird.

Eine geistige Revolution, die der technischen Revolution folgt.

So wie die Erfindung von Feuerwaffen den entscheidenden Vorteil der in schweren Rüstungen steckenden Ritter zunichte machten, so wie die Erfindung von Flugzeugen und Raketen die hinter dicken Stadtmauern eingenisteten Bürger dem deckungslosen Feldsoldaten gleichsetzten, so wie der Geist der französischen Revolution einst Europa erschütterte, so wird die Große Arabische Revolution, die gerade beginnt und deren Zeugen wir sein dürfen, bzw. müssen, die ganze Welt verändern.

Der Prozess, der dort angelaufen ist, erscheint schon heute als unumkehrbar. Wenn es auch noch so manches Hin-und-Her, blutige Machtdemonstrationen der herrschenden Regime und endlos lang erscheinende Phasen des Stillstands geben wird:

Am Ende der Entwicklung werden wir von Marokko über Algerien, Tunesien, Libyen und Ägypten, vom Jemen über Oman, die Emirate und Kuwait, eine Staatenfamilie, einschließlich Syriens und des Libanons vorfinden, deren Völker sich - mit ähnlich gestalteten Verfassungen - zu Staaten mit starken bürgerlichen Freiheitsrechten entwickelt haben, die ähnlich locker und säkular auf dem Boden des Islam gegründet sein werden, wie die Staaten Zentraleuropas auf dem Christentum.

Ausgenommen bleiben zunächst

  • der Irak, der sich auf Jahrzehnte nicht von den Folgen des Krieges und der fortwirkenden Einflussnahme der USA und der internationalen Ölkonzerne wird befreien können,
  • der Iran, dessen islamische Revolution des Ayatollah Khomeini zu früh einsetzte, um seiner Bevölkerung als Ersatz für das Regime des Schahs eine andere Lösung als den fundamentalistischen Gottesstaat wünschenswert erscheinen zu lassen, was einer neuerlichen Kehrtwende stark bremsend im Wege steht,
  • die Türkei, deren Weg sich erst entscheiden wird, wenn das Schicksal der EU erkennbar ist,
  • Saudi Arabien, höchstwahrscheinlich,
    - und ganz bestimmt
  • Israel
Auch die Gesellschaften von Afghanistan und Pakistan werden sich unabhängig von der Großen Arabischen Revolution weiter entwickeln, grundsätzlich aber auf Annäherung setzen.
 
Dem stehen die Staaten des Abendlandes, das ja begrifflich weit über die Staaten Zentraleuropas hinausreicht, im Grunde die gesamte westliche Staatengemeinschaft einschließt, vollkommen hilflos gegenüber.
 
Die Ursachen dafür sind relativ schnell aufgezählt:
Abschottungsmentalität

Wo sich vermeintliche Überlegenheit über die Zeit zur geschichtlichen Gewissheit verdichten konnte, dass die Bodenschätze der arabischen Staaten den überlegenen Wirtschafts- und Militärmächten der Europäer und Amerikaner zur freien Ausbeutung zur Verfügung stehen, während man den eigenen Staat vor jeglicher Zuwanderung aus diesen Ländern - abgesehen von den Angehörigen kapitalkräftiger Familien - zu schützen hat, ist der glaubhafte Wechsel zu einem partnerschaftlichen Umgang mit den neuen, selbstbewussten, aber eben nicht mehr feudalistisch-diktatorischen sondern bürgerlich-freiheitlichen Staaten nicht so schnell zu vollziehen.
 
Die USA sind längst zur Festung ausgebaut. Wer nicht vor dem Abflug alles über sich preisgegeben hat, was die US-Administration zu wissen begehrt, wird den Boden der USA nicht betreten, gegen Mexiko ist eine Mauer errichtet, und eine gut ausgerüstete Heimatschutzorganisation kann wohl unterscheiden, zwischen nützlichen und schädlichen Illegalen und herausgreifen und abschieben, wen immer sie will.
 
Europa wird dem Beispiel folgen und seine schon bestehende Abschottung noch verstärken, die Mauer zwischen Griechenland und der Türkei ist schon längst in der Diskussion, Frontex-Einheiten kontrollieren die Küstengewässer und die Praxis des Umgangs mit Flüchtlingen und Asylbewerbern ist auf Abschreckung ausgerichtet.

Man wird daher die neuen Regierungen mit größter Skepsis und voller Misstrauen beobachten, statt mit offenen Armen auf sie zuzugehen, denn für die westliche Welt bedeutet die Große Arabische Revolution zunächst einmal nur die Bedrohung des Reichtums, durch Zuwanderung, die es zu verhindern gilt, und durch den Verlust des ungehinderten Zugangs zu den Ölquellen.
 
 
Größenwahn
 
Der Westen glaubt - und das ist ein größenwahnsinniger Glaube - er habe ein Anrecht auf den freien Zugang zu allen Ressourcen dieses Planeten ererbt. Wer auf Ressourcen sitzt, und sie nicht freiwillig hergibt, wird als Feind angesehen, und wer, wie der Westen selbst, danach strebt fremde Ressourcen auszubeuten, wird wirtschaftlich und - wenn es sein muss - auch militärisch bekämpft.
 
Die Erinnerungen der arabischen Welt an die kriegerische Unterwerfung ihrer Staaten durch Spanier, Portugiesen, Franzosen und Engländer, später auch Amerikaner, an die Ausbeutung ihrer Bodenschätze durch internationale Konzerne, und an die anti-islamische Grundstimmung des Westens wird mit der Gründung freier, nachrevolutionärer Gesellschaften ebensowenig vergessen sein, wie die Waffenlieferungen westlicher Staaten an despotische Herrscher und Diktatoren, die sich dieser Waffen gerne auch zur Sicherung ihrer Herrschaft gegen das eigene Volk bedienten.
 
Das wird eine selbstbewusste, ja im Grunde sogar ablehnende Haltung hervorrufen, die durch Beibehaltung der größenwahnsinnige Attitüde westlicher Staaten nur verstärkt wird.
 
In den Zentralen der militärischen Planung laufen die Computer fraglos bereits heiß, um die Strategien für einen präventiven Krieg gegen Gesamt-Arabien zu entwickeln, sollte die Ölversorgung des Westens verweigert oder doch erheblich eingeschränkt werden.
 
Der Größenwahn wird sich nehmen wollen, was er für sein Recht hält.
Doch das Säbelrasseln wird die neuen Staaten nur enger zusammenrücken und Verbündete suchen lassen.
 
Mit ein wenig Pech, entwickelt sich dann doch der militärisch stärkste Staat der Region, der Iran, zur Führungsmacht - und die Türkei wird nicht umhin können, die Nato-Mitgliedschaft aufzukündigen und sich der Panarabischen Verteidigungsgemeinschaft anzuschließen.
 
 
Profitgier
 
Egoismus ist der Oberbegriff, Profitgier ist die auf den homo oeconomicus gemünzte Ausprägung. Egoismus, der sich erfolgreich behauptet, macht reich, mächtig, groß.
Profitgier und Wachstumszwang sind untrennbar miteinander verbunden. Profitgier, also die zwanghafte Sucht nach immer mehr Profit, erzwingt Wachstum bis zum Umfallen.
 
Denn jedem Wachstum steht ein Naturgesetz gegenüber, das ich in Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band IV - Eigentum und Teilhabe beschrieben habe, nämlich das Gesetz der optimalen Größe:
 

Das Gesetz der optimalen Größe

Auf dieser Welt gibt es glücklicherweise noch andere Gesetzmäßigkeiten, als die stete Wiederkehr des Faustrechts. Es gibt zum Beispiel eine "evolutionäre" Gesetzmäßigkeit, nach der sich die Höhe von Bergen ebenso wie die Zahl der Bakterien in einer Petrischale, die Zahl der Bäume pro Hektar Wald ebenso wie das maximale Maß der Macht der Mächtigsten bestimmen lässt.

Diese Gesetzmäßigkeit bezieht sich auf das Verhältnis zwischen Last und Träger, zwischen der "Mächtigkeit" des akkumulierten Vermögens des Untersuchungsgegenstandes und der Mächtigkeit der Strukturen, die ihn tragen, sowie der Geschwindigkeit, in der sich die Assimilation zwischen dem Untersuchungsgegenstand und den tragenden Strukturen in beiden Richtungen vollzieht.


Zur Verdeutlichung ein Beispiel aus der Natur:

Ein einzelner Baum hat sein optimale Größe dann erreicht, wenn der von seinen Wurzeln erreichbare Boden ausgezehrt ist, aber der Zuwachs an Boden, den er durch die Verrottung der von ihm abfallenden Blätter und Äste selbst hervorruft, ausreicht, seine vitalen Funktionen - ohne weiteres Volumenwachstum - zu erhalten.

Die optimale Größe ist also dann erreicht, wenn die Stabilität der Umwelt des Untersuchungsgegenstandes davon abhängt, dass dieser im Kreislauf der Veränderung - wie eine stehende Welle am Wehr - ebensoviel an seine Umwelt abgibt, wie er davon aufnimmt, sich also neutral verhält.

Nimmt er mehr in Anspruch, bricht erst seine Umwelt, die Basis seiner Existenz zusammen, dann er selbst.

Die Umwelt kann sich mittelfristig regenerieren, weil die gesamte, im Laufe der Jahrzehnte im Baum konzentrierte Materie, über vielstufige Assimilationsprozesse an die Umwelt zurückfällt.


Diese Regel gilt für jede Organisationsform materieller Existenz, nicht nur für Lebewesen.

Berge, die sich aufgrund tektonischer oder vulkanischer Kräfte auftürmen, üben irgendwann aufgrund ihrer schieren Masse einen solchen Druck auf die Erdkruste aus, dass sie wieder darin versinken. Planeten, die ihre Masse durch das "Einsammeln" kleinerer Himmelskörper zu stark vergrößern, werden aus ihrer Umlaufbahn geworfen.

Ein einheitlich organisierter Wirtschaftsraum hat seine optimale Mächtigkeit dann überschritten, wenn er in einer Situation weltweiter Knappheit dauerhaft mehr importiert, als er exportiert.

Der Zusammenbruch wegen Überschreitens der optimalen Größe erfolgt nicht unmittelbar, genau wie ein hundertjähriger Baum nicht an dem Tag umstürzt, an dem er den Anfangsbestand an Nährstoffen aufgezehrt hat, ohne rechtzeitig das Gleichgewicht von Verbrauch und Rückführung herzustellen. So ein Baum ist schließlich eine stabile Struktur. Aber wenn es ihm nicht gelingt, mit seinem Umfeld in ein neutrales Gleichgewicht zu gelangen, werden Jahr für Jahr die Folgen der Unterversorgung deutlicher. Er selbst wird geschwächt und anfällig für Krankheiten und Parasiten, aber auch das Leben in seinem Umfeld verarmt zusehends, das Unterholz geht zurück, selbst für Farne und Gräser wird das Nährstoffangebot zu knapp, der Boden verliert mehr und mehr an Qualität, die Fähigkeit, Regenwasser zu speichern nimmt ab, der gefräßige Riese stirbt jeden Tag ein Stück mehr - und irgendwann wirft der Wind ihn um.

Zweifellos hat ein Staat mehr Möglichkeiten, über seine optimale Größe hinauszuwachsen, als ein an seinen Standort gebundener Baum. Doch selbst der Versuch, mit dem Einsatz militärischer Kraft den einseitigen Strom der Importe aufrecht zu erhalten, vermindert wegen der dafür erforderlichen Erhöhung des Energiebedarfs nur die insgesamt verfügbaren Ressourcen - und beschleunigt damit den Niedergang. Große parasitäre Reiche zerfallen zwangsläufig, weil die Mächtigkeit, die sie erreichen, wenn ihr Wachstum über die optimale Größe hinausgeht, die sie tragenden Strukturen zermalmt.

(...)

 
Die von Profitgier beherrschten, weil in ihren wirtschaftlichen und politischen Führungsriegen von Profitgierigen durchsetzten Staaten der westlichen Welt, stehen mit dem Erstarken freier Völker von Gibraltar bis zum Persischen Golf einem massiven Einbruch ihrer Versorgungssituation gegenüber, die unvermeidlich nicht nur das Ende des Wachstums sondern sogar ein drastisches Schrumpfen der Profite zur Folge hat.
 
So wie es den bisher dort Herrschenden nicht mehr gelungen ist, das Streben nach Freiheit und Selbstverwirklichung ihrer Völker länger einzudämmen, wird es den größenwahnsinnigen Egoisten nicht gelingen, diese erwachten Völker weiterhin mit bunten Glasperlen und bedrucktem Papier zur Herausgabe ihrer Bodenschätze zu bewegen.
 
Das Abendland muss sich
 
  • entweder auf einen fairen Handel mit der arabischen Welt einlassen, was nur mit der Aufgabe der Leitwährungsrolle des US-Dollar überhaupt denkbar ist, und weite Teile der bisherigen Profite aus dem Ölgeschäft in andere Kassen lenken würde, oder
  • einen neuen kalten Krieg vom Zaum brechen, der nur deshalb nicht heiß werden kann, weil der Gegner und Konkurrent um die Ressourcen (China), womöglich in neuer Eintracht mit Russland, den Arabern zweifellos zur Hilfe eilen und den Waffengang zu einem vollkommen unkalkulierbaren Risiko werden ließe.
 
 
Der Untergang des Abendlandes scheint also besiegelt.

Friedliches Zurückstecken nicht gerechtfertigter Ansprüche führt zu wirtschaftlichen Verwerfungen ungeheuerlichen Ausmaßes, ein kalter Krieg hat frostige Lähmungen zur Folge, die jahrzehntelang andauern können, getragen von nichts als der Hoffnung, auf "die günstige Gelegenheit" zum Zuschlagen, ein heißer Krieg wäre der Auslöser für den dritten Weltkrieg und von der westlichen Staatengemeinschaft nicht zu gewinnen.
 
 
 
Dies gilt, solange das Abendland als nichts anderes als nur die Festung der größenwahnsinnigen und profitgierigen Egoisten angesehen wird, zu der es sich in der jüngeren Vergangenheit immer stärker entwickelt hat.
 
Das Abendland, als Ort der wahren "Abendländischen Kultur", deren Ideale niemals die Raffgier und das Faustrecht waren, wenn auch die Geschichte des Abendlandes nie davon frei war, dieses Abendland abendländischer Ideale muss nicht untergehen, es könnte - ganz im Gegenteil - in einer neuen Symbiose mit den alten Kulturen im arabischen Raum zu einer neuen Blüte finden.
 
Gesetzt den Fall, auch wir in Zentraleuropa überwinden die Ära des Größenwahns und der Profitgier und wenden uns jener am Gemeinwohl orientierten Gesellschaftsform zu, die mit heiterer Gelassenheit den Wohlstand der Völker mehrt - dann ist auch eine erfreulichere Perspektive denkbar.
 
 
Dienstleistungsgesellschaft,
Utopie mit Charme, Teil 5
 
Was Dienstleistung ist, und wem sie zugute kommt
 

 

 

 

Die Unterscheidung wirtschaftlicher Tätigkeit in Produktion und Dienstleistung ist eine willkürliche - nur statistischen Zwecken dienliche Unterscheidung bestimmter Branchengruppen der arbeitsteiligen Gesellschaft.

Genau genommen ist alles, was von einem Individuum für ein oder mehrere andere Individuen getan wird, Dienstleistung.

Jede Tätigkeit, deren Produkt vom Tätigen nicht selbst genutzt wird, ist Dienstleistung. Der Bauer, der Kartoffeln erzeugt, leistet Dienste für die Ernährung seiner Mitmenschen, ebenso wie der Spediteur, der die Kartoffeln von der genossenschaftlichen Lagerhalle zur Kartoffelchip-Fabrik karrt und der Händler, der die Chips im Regal für den Endkunden bereitstellt.

Die gerne - und wertend - vorgenommene Unterscheidung in eine "wertvolle Produktion" und eine "wertlose Dienstleistung", die ihren Gipfel in so manipulativen Bemerkungen wie der folgenden findet: "Davon, dass wir uns alle gegenseitig die Haare schneiden, wird keiner satt!", hat keinerlei Berechtigung.

Eine am Gemeinwohl orientierte Gesellschaft wird zweifellos zuerst dafür sorgen, dass alle elementaren Grundbedürfnisse bestmöglich, also in hoher Qualität und der wünschenswerten Quantität befriedigt werden (wozu im Zweifelsfall sogar das Schneiden der Haare gehört), bevor sie die danach verbleibenden Ressourcen für immer luxuriösere Ansprüche verwendet.

Die Dienstleistung aller Beschäftigten wird also primär da ankommen, wo der Bedarf dafür besteht.

Die kapitalistisch-profitorientierte Gesellschaft hingegen wird zweifellos zuerst dafür sorgen, dass die Kapitalanleger größtmögliche Profite einfahren. Das Ergebnis ist ein komplett anderes, denn es führt dazu, dass die elementaren Grundbedürfnisse mit der geringstmöglichen Qualität aber höchstmöglichem Profit - und sollte dieser nicht erzielbar sein, nur in der allernotwendigsten Quantität - befriedigt werden, während für hochprofitable Bedürfnisse gehobener und luxuriöser Ansprüche stets die notwendigen Ressourcen geopfert werden.

Die Dienstleistung aller Beschäftigten wird also primär da ankommen, wo genügend Geld vorhanden ist, um über den Wert der Güter und Leistungen hinaus auch die Profiterwartungen des Kapitals zu befriedigen.

Die Dienstleistung in ihrer ursprünglichen und vollkommen ausreichenden Form wird also immer direkt da ankommen, wo der Bedarf dafür besteht. Die Dienstleistung in ihrer durch den Kapitalismus pervertierten Form kommt nur da an, wo es sich lohnt, wo also Leistungserbringer durch zu niedrige Löhne und Leistungsabnehmer durch zu hohe Preise miteinander zu Gunsten des Kapitals Verzicht leisten. Besonders pervers ist dies dort, wo Leistungserbringer und Leistungsabnehmer identisch sind, wo also die Masse der Berufstätigen für geringen Lohn das erzeugt, was sie als Masse der Konsumenten zu hohen Preisen erwirbt.

Mit der Privatisierung staatlicher Unternehmen, die in weiten Teilen einst der gemeinwohlorientierten Grundversorgung der Bevölkerung mit Wasser, Energie, Kommunikationsmitteln, Verkehrsmitteln und stationärer Gesundheitsversorgung dienten, hat unsere Gesellschaft ihren gewählten Vertretern gestattet, sich einen erheblichen Schritt von der Gemeinwohlorientierung zu entfernen.

Dieser Schritt ist umkehrbar und seine Umkehr sollte bei allen Wahlen der Zukunft von den um unsere Stimmen buhlenden Politikern verpflichtend eingefordert werden.

Es ist besser, den Konzernen, die uns diese Ressourcen abgehandelt haben, einmalig großzügige Entschädigungen für die Rücknahme zu zahlen, als auf alle Zeiten deren Preisdiktat ausgeliefert zu sein.

Wer lieber im Fernsehen zusieht, wie sich Libyer vom eigenen Militär in Straßenkämpfen niedermetzeln lassen, statt wenigstens diesen ersten harmlosen Schritt zur Wiedererlangung der Souveränität des Volkes zu gehen, wirkt mit am Untergang des Abendlandes, sieht zu, wie Europa insgesamt als Melkkuh des internationalen Kapitalismus bis auf den letzten Tropfen ausgemolken und dann dem Abdecker zur Verwertung überlassen wird.

Die Lage ist ernst.

Die notwendige Umkehr ist keine Utopie, sie ist das Gebot der Stunde, und wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!

 

Was Liquidität ist und wie sie zustande kommt

Den Märkten der Realwirtschaft die notwendige Liquidität zur Verfügung zu stellen, um ein gemeinwohlorientiertes Wirtschaften zu ermöglichen, wenn Banken und Kapital den Hahn zudrehen, erscheint ungleich schwieriger, ist es aber nicht.

Liquidität ist das in eine bestimmte, allgemein akzeptierte Form gebrachte Versprechen, für eine erhaltene Leistung eine Gegenleistung noch zu erbringen.

Dies erläutert recht gut ein Teil aus der Einführung zu Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band III - Über das Geld

 Vom Unterschied zwischen Tauschen und Bezahlen

"Zahlen, bitte!", mit diesen Worten nähert sich der Besuch im Restaurant dem Ende. Der Gast hat Speisen und Getränke erhalten und - so hoffen wir - mit Genuss verzehrt. Nun ist er bereit, die Gegenleistung zu erbringen. Kaum ist die Summe ermittelt, zückt er das Portemonnaie, rechnet sich überschläglich aus, wie weit er aufrunden sollte, damit die Bedienung ein angemessenes Trinkgeld erhält, holt dann den passenden Schein heraus, sagt gönnerhaft: "Stimmt so!", und verlässt gesättigt die gastliche Stätte.

Ein trivialer Vorgang? Keineswegs.

Hätten wir nicht verlernt, genau genug zu beobachten, käme uns das Geschehen höchst seltsam vor. Ganz objektiv betrachtet ist auf Wunsch des Gastes eine nützliche Ware - das Essen - hergestellt und zusammen mit dem gewünschten Getränk am hübsch gedeckten Tisch von einer freundlichen Bedienung serviert worden. Der Gast hat alles bis auf ein paar unbrauchbare Reste verzehrt und als Gegenleistung ein kleines Stückchen Altpapier abgeliefert. Ein ziemlich unausgewogener Tausch. Dagegen wirkt die hanebüchene Geschichte von "Hans im Glück", der seinen in sieben langen Jahren Arbeit verdienten Klumpen Gold auf dem Umweg über Pferd, Kuh, Schwein und Gans zwar mit herben Verlusten aber letztlich in einen immer noch nützlichen Schleifstein tauschte, noch ziemlich harmlos. Doch genau hier liegt auch der kleine, aber wichtige Unterschied.

"Hans im Glück" tauschte tatsächlich; wenn hingegen ein Gast die Rechnung für seinen Verzehr mit Geld bezahlt, ist das kein Tausch, sondern ein Zahlungsvorgang.

Diese Feststellung klingt trivial und wirkt haarspalterisch, doch die Klarstellung ist erforderlich, um das Wesen des Geldes erkennen und Irrtümer und Denkfehler vermeiden zu können, die oft genug damit beginnen, dass Geld eben nicht als Zahlungsmittel, sondern "gleich-gültig" auch als Tauschmittel bezeichnet wird. Es bedarf nur einer geringfügigen Änderung des vorherigen Beispiels, um den Unterschied zu verdeutlichen:

Der Gast trägt jetzt einen Zylinder, ein schwarzes Sakko, ein schwarzes Hemd, schwarze Hosen, schwarze Schuhe, und er hat vor dem Essen den Kamin des Gasthofes gefegt. Mit dem Wirt ist er sich darüber einig, dass sein "Kaminfegen" und das vom Wirt angerichtete und servierte Essen einen ungefähr gleichen Wert darstellen und dass man sich nach diesem Tausch, Kaminfegen gegen eine gute Mahlzeit, gegenseitig nichts schuldet.

Mit dem Verzehr der Mahlzeit wurde ein vollständiger Tausch abgeschlossen. Die Arbeit des Kaminfegers zeigt sich in einem veränderten Zustand des Kamins. Es ist dem Wirt unmöglich, diese Arbeit, die dem Wirkungsgrad seiner Heizung ebenso wie dem vorbeugenden Brandschutz dient, aus dem Kamin herauszulösen und als eigenständiges Gut weiterzugeben. Der Kaminfeger seinerseits hat Fleisch, Soße und Beilagen verzehrt, dazu ein Glas alkoholfreies Bier getrunken und ist auch beim besten Willen nicht in der Lage, den Zustand vor dem Verzehr wieder herzustellen. Beide sind zufrieden und haben aus ihrem Tausch keinerlei Ansprüche gegeneinander und schon gar nicht gegen irgendwelche Dritte erworben.
(Klar, es gibt auch Tauschvorgänge, bei denen handfestere, langlebigere Güter getauscht werden, z.B. Gas aus Sibirien gegen Pipelinerohre aus Deutschland, doch wenn ein Tausch vereinbart war, hat am Ende der eine das Gas, der andere die Rohre. Damit ist das Geschäft abgeschlossen und es existieren, soweit die Tauschgüter in Qualität und Menge den Vereinbarungen entsprechen, keine weiteren, über diesen Tauschakt hinausgehenden Ansprüche.)

Anders ist es, wenn nicht Gut gegen Gut, Leistung gegen Leistung getauscht werden, sondern der Erwerb eines Gutes, bzw. die Nutzung oder Inanspruchnahme einer Leistung mit Geld bezahlt werden. In solchen Fällen - und die sind die Regel - wird immer nur eine Hälfte des Handels vollzogen. Daraus folgt:

Wer mit Geld bezahlt, erbringt die im Tauschgeschäft übliche Gegenleistung nicht. Er bleibt sie schuldig.

Allerdings steht derjenige, der mit Geld bezahlt dem Handelspartner gegenüber nicht persönlich in der Schuld. Es ist vielmehr so, dass derjenige, der Geld als Entgelt für eine Leistung akzeptiert, dies im Vertrauen darauf tut, dass er - durch Verwendung eben dieses Geldes - bei nächster Gelegenheit auch selbst einem beliebigen Partner die eigentliche Gegenleistung schuldig bleiben darf. Geld kann also als der "papierene" Nachweis dafür betrachtet werden, dass der jeweilige Besitzer des Geldes in der Vergangenheit eine Leistung erbracht, eine Ware herausgegeben hat, ohne dass er dafür im Gegenzug die Gegenleistung erhalten hätte. Das alles klingt immer noch ganz trivial und manchem mag die Unterscheidung zwischen Tausch und Bezahlung nach wie vor als überflüssige Haarspalterei er-scheinen, doch ein Rest von Unbehagen lässt sich nicht verleugnen. Irgendetwas stimmt da nicht:

Wenn Geld kein Tauschgegenstand, sondern ein Zahlungsmittel ist, wenn Geld folglich immer derjenige in Besitz hat, der eine Leistung erbracht hat, für die ein anderer die Gegenleistung noch schuldig geblieben ist, stellt sich schnell die Frage, wann, wie und wo dieses Bezahlen mit Schuldscheinen seinen Anfang genommen hat.

Die Logik sagt:

Wenn die bisherigen Annahmen über das Wesen des Geldes wahr sind, dann muss sich, wenn der Weg des Geldes bis an seinen Ursprung zurückverfolgt wird, zwangsläufig ganz am Anfang der Kette ein Ur-Schuldner finden lassen. Einer, der - zu dem Zeitpunkt, als er das Geld in Umlauf brachte, zwar selbst (noch) nichts geleistet hatte, der aber dennoch in der Lage war, die Leistung des Zweiten in der Kette mit Geld zu bezahlen.

Alles Nachdenken über andere, eventuell zur Führung des Gegenbeweises nützliche Geldquellen wie Erbschaften und Lottogewinne ist müßig - irgendwann gelangt man an allen Einwänden vorbei zu der Erkenntnis, dass es mindestens einen allerersten Ur-Schuldner gegeben haben muss, der Waren und Leistungen angenommen hat, ohne dass er vorher selbst schon eine Leistung erbracht hätte.

Mit etwas Fantasie gelangt man zu einer zweiten Möglichkeit: Es könnte genau so gut auch ein Geldfälscher gewesen sein, der am Anfang der Kette steht. Es macht, zumindest für die Existenz und die Verwendbarkeit des Geldes als Zahlungsmittel, keinen Unterschied.

Wer diesen gedanklichen Schritt vollzogen hat, beginnt zu begreifen, dass das Geld tatsächlich keinen eigenen Wert besitzt, kein reales, materielles Gut ist, sondern immateriellen Charakter hat. Er wird auch feststellen, dass Geld "nur" ein Anspruch ist, "nur" ein Recht auf Leistung, und folglich - je nach Standpunkt - entweder als Schuldschein oder als Gutschein anzusehen ist. Daraus folgt zwingend, dass sich der Wert des Geldes nur über die Nutzung als Zahlungsmittel realisieren lässt, nicht aber durch seinen bloßen Besitz.

Allerdings widerspricht diese Erkenntnis der erlebten Realität, in welcher der bloße Besitz von Geld dem Besitzer durchaus großen und größten Nutzen verschafft - und wer darüber nicht einfach hinweggeht, sondern versucht, den Widerspruch zu begreifen, der wird auf der ansonsten so wunderbar glatten und glänzenden Oberfläche unseres Wirtschaftssystems bald einen blinden Fleck entdecken, der verbergen soll, wie es kommt, dass der Großteil der Menschen, trotz aller Arbeit und Mühen in immer tiefere Armut und Abhängigkeit stürzt, während wenige Superreiche ganz ohne Mühen allen Luxus und allen Besitz dieser Welt für sich gewinnen.


Geld hat keinen eigenen materiellen Wert. Geld existiert zusätzlich, "neben" den Gütern und Leistungen. Geld ist Nachweis von Schuld, auch wenn dem einzelnen Geldschein nicht anzusehen ist, wer ihn einst als erster Schuldner in die Welt gesetzt hat - von den Urhebern der Guthaben auf dem Girokonten noch ganz zu schweigen.

(...)

Wenn also das Geld nichts anderes ist, als eine bestimmte "Form" eines Versprechens, ein anonymisierter Schuldschein, der mit lächerlich geringen Kosten hergestellt und in Umlauf gebracht werden kann, warum soll es dann so schwer sein, dort Zahlungsmittel bereitzustellen, wo es an nichts anderem fehlt?

Mit der Privatisierung der Dienstleistung "Geldbereitstellung", die vom Staat vollständig den privaten Banken überlassen wurde und durch die Zentralbanken bestenfalls noch dokumentierend begleitet wird (es sei denn, Banken müssen gerade mal gerettet werden), hat unsere Gesellschaft die Möglichkeit, sich die benötigte Liquidität im richtigen Umfang und zum richtigen Zeitpunkt zu beschaffen, aus der Hand gegeben.

Auch dieser Schritt ist umkehrbar und seine Umkehr sollte bei allen Wahlen der Zukunft von den um unsere Stimmen buhlenden Politikern verpflichtend eingefordert werden.

Es ist besser, den Banken und ihren Kapitalgebern einmalig großzügige Entschädigungen für die Rücknahme zu zahlen als auf alle Zeiten deren Liquditätsentscheidungen ausgeliefert zu sein.

Experimente mit Komplementärwährungen sind gut und nützlich, vor allem zur Bewusstseinsschärfung im Geldbereich, aber leider nur von sehr beschränkter Wirkung auf die insgesamt verfügbare Liquidität.

Wir brauchen die gut gestaltete, der Realwirtschaft dienende, neutrale Primärwährung, um das Problem zu lösen.

Wer lieber im Fernsehen zusieht, wie sich Araber mühen, sich von ihren despotischen Regenten zu befreien, statt diesen wichtigen Schritt zur Wiedererlangung der Souveränität des Volkes einzufordern, wirkt mit am Untergang des Abendlandes, sieht zu, wie Europa insgesamt als Melkkuh des internationalen Kapitalismus bis auf den letzten Tropfen ausgemolken und dann dem Abdecker zur Verwertung überlassen wird.

Die Lage ist ernst.

Die notwendige Umkehr ist keine Utopie, sie ist das Gebot der Stunde, und wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!

 

Was Eigentum ist, und wie es zustande kommt

Eigentum ist Verfügungsgewalt.

Eigentum an sich ist nicht schlecht. Solange die Verfügungsgewalt über Gut und Geld den berechtigten Belangen der Erwerbs- und Zukunftssicherung dient, ist es gut und nützlich, friedlich, sozusagen. Wenn Eigentum aber zum Machtfaktor wird, der es ermöglicht, anderen die Teilhabe an den Ressourcen des Planeten, der doch unser aller gemeinsames Erbe ist, zu verwehren, dann ist Eigentum destruktiv, schädlich und wird aggressiv.

Hierzu noch einmal eine Passage aus der Einleitung zu Band IV - Eigentum und Teilhabe:

Zweck und Ziel des Wirtschaftens

... sollen daran erinnern, dass unser Wirtschaften, so wie es organisiert und durch Gesetze und Verordnungen, durch Verträge und Verabredungen geschützt ist, nicht primär darauf abzielt, den Menschen Nahrung, Kleidung und Wohnung zu schaffen, ihnen Kommunikation, Mobilität und Genuss zu ermöglichen - also darum, die Bedürfnisse aller Mitglieder der Gesellschaft zu befriedigen, sondern in erster Linie darauf, den Reichtum einzelner zu mehren. Dass dieses Ziel - derzeit auch noch - dadurch erreicht werden kann, dass Nahrung, Kleidung und Wohnraum für die Massen erzeugt wird, dass Telefone, Automobile und Saunaöfen produziert und verkauft werden, ändert nichts daran, dass der ganze Aufwand, der getrieben wird, Produktion und Handel zu organisieren, nur ein Mittel zum Zweck, aber keineswegs der Zweck selbst ist.


Das Streben nach Eigentum, zu dem wir von Kindesbeinen an erzogen werden, weil Eigentum Sicherheit gibt, Anerkennung verschafft und zusätzliche Chancen eröffnet, ist die Triebfeder unseres Wirtschaftens.

Mit diesem Buch habe ich den Versuch unternommen, eine Grenze zu ziehen, zwischen jenem guten und nützlichen Eigentum, das sich in einer Gesellschaft gleichberechtigter und gleichwerter Menschen - ohne Probleme auszulösen - erwerben und verwenden lässt, und seiner hässlichen und schädlichen Ausprägung, jener Form von Eigentum, dessen Anhäufung Ungerechtigkeit, Not, Aufruhr und Krieg hervorbringt und jede Gesellschaft - selbst eine bestmöglich demokratisch verfasste - unweigerlich in Privilegierte und Nichtprivilegierte, in Herrscher und Beherrschte spaltet.

Dazu war es erforderlich, den Eigentumsbegriff in allen seinen Facetten zu beleuchten und insbesondere jene Formen des Eigentums zu betrachten, die über die reine physische Gewalt
über Sachen hinausgehen, nämlich alle jene Rechtspositionen, die es ihrem "Inhaber" erlauben, die freie Entfaltung der Fähigkeiten anderer Menschen davon abhängig zu machen, dass sie sich bereit erklären, ihm, dem Rechte-Inhaber, einen Tribut, einen Zins, eine Lizenzgebühr zu zahlen.
Diese - über das reine physische Sich-Aneignen hinausgehende Eigentumsform - beginnt durchaus schon da, wo nach allgemeinem Verständnis doch nichts, als das ganz selbstverständliche Verfügungsrecht über den "eigenen" Grund und Boden ausgeübt wird, nämlich dann, wenn es sich dabei um Flächen handelt, die weder vom Eigentümer, noch von seinen Unternehmen und Organisationen selbst genutzt werden, was bedeutet, dass das Eigentumsrecht ganz explizit nicht der Ermöglichung einer eigenen "Produktion" dient, sondern ausschließlich zur Verhinderung bzw. Erschwerung der Produktion aller anderen ausgeübt wird, um dadurch schließlich eine parasitäre Teilhabe an der Leistung anderer zu gewinnen.

Ihre "Vollendung" finden diese Eigentumsformen dort, wo Patente und Schutzrechte missbraucht werden, wo in erpresserischer Absicht Geld gehortet wird und wo die Verfügungsgewalt über die Medien genutzt wird, um die Wahrheit zu unterdrücken.
Ich habe des Weiteren dargelegt, dass schon ein geringes Maß an "schlechtem, aggressivem" Eigentum zu seiner Wahrung Gewalt erfordert, dass eine leichte und schnelle Gewöhnung an solche Gewaltanwendung eintritt, die wiederum dazu verführt, Eigentum nicht nur gewaltsam zu bewahren, sondern es - der Einfachheit halber - mit Hilfe der aufgebauten Gewaltpotentiale auch gewaltsam zu mehren. Dabei wird erkennbar, dass Eigentum und Gewalt, Gewalt und Eigentum sich nicht nur bedingen, sondern sich gegenseitig verstärken und zuletzt nur noch ein Ziel haben können, nämlich allen vorhandenen Besitz auf einen Eigentümer zu vereinen.

Die Schlussfolgerung daraus ist bestürzend.

Der unbegrenzte Eigentumsbegriff, den die westlich- kapitalistischen Demokratien herausgebildet haben, läuft den Bemühungen, ein friedliches und harmonisches Miteinander der Menschen und der Völker zu erreichen, zuwider.

Die Sozialbindung des Eigentums, wie sie im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland zwar formuliert, aber in der gelebten und von Richtersprüchen geformten Verfassungswirklichkeit nicht existent ist, muss dringend normiert und eingeklagt werden.

Eigentumsverhältnisse haben sich im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder grundlegend geändert. So wird es zwar kaum möglich sein, bestehendes Eigentum durch Rückabwicklung bis in die Steinzeit soweit aufzulösen, dass dem Einzelnen nur noch soviel zur Verfügung steht, wie ihm an "friedlichem Eigentum" gerne zugemessen werden kann, doch sollten mögliche Schritte zu einer behutsamen Umwandlung des Eigentumsrechts angestrebt und zum Inhalt der längerfristigen Wahlprogramme aller dem Gemeinwohl verpflichteten Parteien werden.

Es ist besser, das uneingeschränkte und mit großer erpresserischer Kraft ausgestatte Privateigentum nicht länger nur deklamatorisch, sondern möglichst bald auch faktisch wieder der grundgesetzlich verankerten Sozialbindung zu unterwerfen, als auf alle Zeiten die Verweigerung der gerechten und aus den Menschenrechten ableitbaren Mindest-Teilhabe zu dulden.

Wer lieber im Fernsehen zusieht, wie sich arabische Potentaten von ihren Gütern und Palästen, Liegenschaften und Produktionsmitteln trennen, und neben dem eigenen Leben nur ein paar Tonnen Gold ins Flugzeug und ins Exil retten, statt diesen wichtigen Schritt zur Durchsetzung elementarer Menschenrechte einzufordern, wirkt mit am Untergang des Abendlandes, sieht zu, wie Europa insgesamt als Melkkuh des internationalen Kapitalismus bis auf den letzten Tropfen ausgemolken und dann dem Abdecker zur Verwertung überlassen wird.

Die Lage ist ernst.

Die notwendige Umkehr ist keine Utopie, sie ist das Gebot der Stunde, und wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!

 

Was Bewusstsein ist, und wie es zustande kommt

Bewusstsein ist nicht nur das Wissen um die eigene Existenz, wirkliches Bewusstsein geht weit darüber hinaus, bezieht die eigenen Wertungen über die gesamten Umwelt, ihre Strukturen, Abläufe und Ergebnisse mit ein und setzt sich daraus Ziele.

Wertungen sind unterschiedlich, weil Wissen und Erkenntnis, aber auch Charaktere unterschiedlich sind.

Ein Charakterschwein wird Chancen für die Ausbeutung anderer willkommen heißen und sich daran machen, sie wahrzunehmen.

Ein sozialer Charakter wird Chancen für die Ausbeutung anderer erkennen und alles daran setzen, deren Wahrnehmung zu verhindern.

So entstehen, je nach Mehrheitslage, Gesetze, die einmal in die eine und einmal in die andere Richtung wirken.

Bewusstsein scheidet sich auch daran, welche Seite jeweils aktuell als überwiegend wahrgenommen wird.

 

Mein Ziel ist es, durch meine - durchaus nicht unparteilichen - Aufsätze zur Bewusstseinsbildung beizutragen.

Es bedarf auch in der gesellschaftlichen Entwicklung einer (im doppelten Wortsinn) "kritischen Masse" um Veränderungen auf den Weg zu bringen.

Die Araber haben diese kritische Masse erreicht und auf die Beine gestellt.
Das kann - je nach Bewusstsein - als Gefährdung oder als Chance für das Abendland aufgefasst werden.

Wie wir, als Volk und Souverän, damit umgehen wollen, haben wir durch unsere Wahlentscheidungen der Vergangenheit in letzter Entscheidung Frau Dr. Merkel und Herrn Dr. Westerwelle überlassen.

Das stimmt mich nicht gerade fröhlich, doch halte ich es für vertretbar.

Es gilt allerdings darauf zu achten, dass die Thematik nicht letztlich doch bei den Entscheidungsgremien der Nato und dem Ministerium des Herrn zu Guttenberg landet.

 

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Die ersten vier Teile finden Sie hier:
 Teil 1 - Dienstleistunggesellchaft Grundsätzliches
 Teil 2 - Liquidität herstellen
 Teil 3 - Eigentumsrecht reformieren
 Teil 4 - Kritisches Bewusstsein bilden


Reaktionen auf diesen Paukenschlag


Hallo Herr Kreutzer,
wie wahr ;-)

"Kalle" brachte es weiland genau auf den Punkt:

"Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens." (Karl Marx, MEW, 23-788)

hier noch einige weitere Sprüche:

Wirklichen Fortschritt findet man meist dort, wo Menschen in einer bestimmten Situation beschließen, den Gehorsam zu verweigern. (Franz Kafka)

Nichts auf der Welt ist so mächtig, wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist. (Victor Hugo)

Immer, wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, ist es Zeit, sich zu besinnen. (Mark Twain)

Ein Banker ist jemand, der bei Sonnenschein einen Regenschirm verleiht und ihn bei Regen wiederhaben will. (Mark Twain)

Der müßte für die heutige Zeit sogar lauten: "Ein Bankster ist jemand, der dir bei Sonnenschein einen Regenschirm vorgaukelt und einen realen bei Regen wiederhaben will."

„Eigentlich ist es ganz gut, daß die Menschen der Nation unser Banken und Währungssystem nicht verstehen. Würden sie es nämlich, würden wir eine Revolution vor morgen früh haben, glaube ich." (Henry Ford)

Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht. (Paul Valery)

Mit freundlichen Grüßen


hallo Herr Kreutzer,

wieder mal mehr als treffend beschrieben. Leider sind wir als der bekannte "Bügerkriech" in der Mehrheit sehr kurzsichtig und leiden an schneller Vergesslichkeit, wie die bevorstehenden Wahlen sicher zeigen werden . Einfordern gehört nicht zu den Eigenschaften der Deutschen und schon gar nicht bei Wahlen. Die Poltik hat hier in nahezu 60 Jahren eine fast perfekte Arbeit abgeliefert, indem man dem sogenannten Volk eine Obrigkeitshörigkeit anerzogen hat die es so schnell nicht los wird, und gleichzeitig wurden auch Demokratie und Freie Marktwirtschaft zu einem Status angehoben, der nicht anzweifelbar sein darf. Soziale Verantwortung ist beseitigt oder so gut wie.

Den Millionären die Millionen - dem Wurm 5 oder 8 € (nach langem Überlegen und Verhandeln).

Demokratur Pur





Hallo Herr Kreutzer,

Sie müssen, glaube ich, für Ihre Standardwerke, mal wieder massiv die Werbetrommel rühren. Mir scheint dass einige Ihrer Stammreaktionäre Ihre dargestellten Alternativen noch nicht kennen…

Das tue ich doch glatt! Hau'n Sie drauf, mit der Maus, auf die Blechtrommel!

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