Paukenschlag am Donnerstag
No. 44 /2011
vom 3. November 2011

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Phantasie - frei Erfundenes

Q!u
34 Nicht belegt
35 Jens Bergers Kritik an der Zinskritik
36 Weiter so, meint das Verfassungsgericht
37 Kassandra-Rufe aus den USA
38 Worum es wirklich geht
39 Das eigentliche Bankgeheimnis
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1 Angela Merkel
2 Innere Angelegenheiten
3 Werbung ist Krieg
4 Werbung ist Krieg - und wer geht hin?
5 Zwischen Schmerzgrenze und Hemmschwelle
6 Die Sache mit dem Zins
7 Schluss mit Lustig
8 Zins und Wachstumszwang
gehören zusammen
 9 Bananenrepublik
10 Dr. Petschow
Geld und Demokratie
11 Die freie demokratische Kopfpauschale
12 Progressive Benzinsteuer
13 nicht belegt
14 Volkswirtschaftlicher Gesamtschaden
15 Griechenland als Chance verstehen
16 Kurzarbeit - der Kombilohn durch die Hintertür
17 Die Mär vom gefährdeten Euro
18 Muttertagswahl
19 Europhrenie
20 Extremsparer - wie vom wilden Affen gebissen
21 Über den Verhältnissen
22 Die Würde des Amtes
23 Worum geht es?
24 Wahre Wirtschaftskriminalität
25 Au weia - Wohin mit dem Gold
26 Problematisches Goldverständnis
27 Woran man eine gute Regierung erkennt
28 Von Frau zu Frau Eva Scherrer
29 Ungarn - Irland - Deutschland ...
30 Alles Verbrecher
31 Das Staatsziel in drei Sätzen
32 Aktion Staatsziel
33 Die Geld-Hirn-Schranke
34 nicht belegt
35 Entschuldung per Vermögensabgabe
36 Besinnungslos fürs Grundeinkommen
37 Be- und Verdrossenheit
38 Schlagzeilen eines Tages
39 Die 10 Gebote, Nachtrag 2, Lohnabstandsgebot
40 Währungskrieg
41 Welt-Währungskrieg II
42 Auf dem Wachstumspfad
43 China - Macht und Ohnmacht
44 S21 und die aristotelische Lehre von der Handlung
45 Die Zeit der Narren
46 nicht belegt
47 Too big to fail
48 nicht belegt
49 Warum es fast allen immer schlechter geht
50 Jahresumbruch
1/2011 Rettung einer Illusion
2/2011 internes
3/2011 Diensleistungsgesellsch. 1
4/2011 Diensleistungsgesellsch. 2
5/2011 Diensleistungsgesellsch. 3
6/2011 Diensleistungsgesellsch. 4
7/2011 Warum es ist, wie es ist
8/2011 Der Untergang des Abendlandes
9 Theutschtest für Theutsche
10 Kam ein Wasserwerfer des Wegs
11 In jeder Hinsicht idiotengerecht
12 Aus den Tiefen des Bockshorns
13 Geld, das elende Missverständnis
14 Grundeinkommen à la Götz Werner
15 Dezentrale Energie / Speichertechnologie
16 Kernkraftwerksaktionäre
17 Dezentrale Energie /Speichertechnologie
18 Dezentrale Energieversorgung
19 Volks-
bewirtschaftungslehre
20 (nicht besetzt)
21 Die anonymen Wirtschaftskompetenzler
22 wieder nicht besetzt
23 Verschobene Spiele- verschobene Wahrnehmung 
24 Neues von Dr. Petschow
25 Fronleichnamsthema Steuersenkung
26 Empört euch!
27 Blick in leere Schädel - hilflos am Geld verzweifeln 
28 Die Billionenflut
29 Methylphenidat - die Wunderdroge
30 Die Gesundheit der Kinder
31 Die Gesundheit der Kinder II
32 Euro-Land ist abgebrannt
33 Internationaler Wettbewerb
34 Nicht belegt
35 Jens Bergers Kritik an der Zinskritik
36 Weiter so, meint das Verfassungsgericht
37 Kassandra-Rufe aus den USA
38 Worum es wirklich geht
39 Das eigentliche Bankgeheimnis
40 EUtopia
41 Wenn EFSF wirkt
42 Stiglitz 2011 - Kreutzer 2007
43 Schule in Bayern
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Phantasie - frei Erfundenes


Der heutige Paukenschlag ist frei erfunden.

Es kommt niemand darin vor, der tatsächlich und wahrhaftig existiert, nicht einmal in Andeutungen. Es kommt auch kein Missstand darin vor, der tatsächlich und wahrhaftig existiert, denn wiewohl es auf den Wochen- und Jahrmärkten mannigfache Arten von Ständen gibt, Gemüsestände, Bratwurststände, zur Weihnachtszeit auch Glühweinstände, so ist doch weltweit noch nirgendwo eine Platzgebühr für einen Missstandsbetreiber erhoben worden.

Es ist auch nicht sicher, ob, falls es auf einem Markt - oder bei den alles beherrschenden Märkten - einen Miss-Stand gäbe, die dort feilgebotene Misere auf Kaufinteressenten stoßen würde. Man müsste für den Missstand wohl besonders attraktive Miseren importieren, ein bisschen aufpeppen und verbrauchergerecht präsentieren - zumindest mit einer echten Blondine als Miserenfachverkäuferin. Blondinen sind bekannterweise sehr witzig und könnten unter Freunden des naiven Humors Lust - Kauflust - erregen, so dass unter Ausnutzung unbewusst ablaufender Triebsteuerungen - selbst mit der Vermarktung von Missständen noch fette Gewinne eingefahren werden könnten.

Missstände und Miseren gibt es zuhauf, sie liegen praktisch auf der Straße. Man braucht nur die clevere Geschäftsidee - und schon werden aus dem übelsten Missstand die schönsten Asset Backed Securitys, und die sind kein Missstand mehr, sondern eine wahre Geldmaschine für ihre Erfinder.

Womit wir bei dieser kleinen Rundreise durch die Innenwelt mitten im Zockerkasino gelandet sind. Doch davon wenden wir uns gleich wieder ab, denn das Spekulieren soll man jenen Spekulanten überlassen, die unter staatlichen Schirmen stehen und nur darauf warten, dass jeder Regentropfen, der oben auf den vom Staat geschenkten Schirm fällt, beim Durchdringen der wundersamen, vom Europäischen Patentamt geschützten Spezialschirmbespannung, im Nu in einen - bei größeren Tropfen auch in mehrere - 500 Euro-Scheine umgewandelt wird.

Unsereiner, der sich nach dem wonnevollen Aufenthalt am Glühweinstand von der Blondine nebenan verführen ließ, und darauf spekulierend, damit die Gunst der Dame zu gewinnen, einen mehr oder minder repräsentativen Missstand erworben hat, wird vergeblich nach einem staatlichen Schutz- oder Rettungsschirm suchen, wenn das damit einhergehende Risiko zuschlägt.

Und der Risiken dräuen da gar viele.

Vor hartnäckigen Infektionen und noch hartnäckigeren Zahlungsverpflichtungen nach intensivem Blondinenkontakt kann man sich schützen, es sei denn, es kommt das übelste aller Risiken hinzu - dass man nämlich den Kopf verliert.

Ohne Kopf wird vieles schwierig.

Nase, Ohren und Augen sind fest mit dem Kopf verbunden, also ebenfalls verloren, selbst Zunge und Gaumen, fehlen dem Kopflosen. Ein Jammer, nicht zuletzt für die um ihre Arbeit bangenden Hairstylisten.

Dass mit dem Verlust des Kopfes auch der Verlust des Hirns zu beklagen sei, wird von den ewig Gestrigen gerne behauptet. Doch wer ehrlich ist, wird zugeben müssen, dass der Luxus, ein eigenes Hirn mit sich herumzutragen, in Zeiten wie den unseren eine Torheit ist.

Was wir aktuell wissen müssen, sagen uns die Qualitätsmedien, und wenn es auch morgen noch aktuell ist, dann wiederholen sie es zuverlässig. Wir selbst können getrost alles vergessen, brauchen also den eigenen Speicher nicht mehr, denn selbst wenn an ein Ereignis der Vergangenheit zu erinnern ist, werden es die Qualitätsmedien rechtzeitig aufwärmen.

Ob nun die Uhren umgestellt werden, ob ein wichtiges Fußballspiel bevorsteht oder beendet wurde, ob sich ein Gipfel zusammensetzt oder mit einem Kommunique auseinandergeht, nichts entgeht uns - und nichts, was wir jemals erinnnern sollten, gerät in Vergessenheit.

Die "Cloud", jenes global zusammenwachsende, selbstkorrigierende Speichermedium der Menschheit, übertrifft jedes menschliche Hirn so weit an Kapazität, dass das fehlerbehaftete Selbermerken als Persönlichkeitsdefekt angesehen wird, der schon heute zum vorzeitigen Abbruch von Einstellungsgesprächen führt und in naher Zukunft die Einweisung in eine psychiatrische Anstalt zur Folge haben könnte.

Mit der Zweitfunktion der grauen Masse unter dem Schädeldach sieht es kaum anders aus.

Selberdenken ist inzwischen als desintegrativer, gesellschaftsspaltender Prozess kurz davor, in die Reihe der unheilbaren chronischen Krankheiten aufgenommen zu werden. Betroffene, sollen, so die Idee, wegen der massiven Ansteckungsgefahr, die von ihnen ausgeht, unverzüglich isoliert und in Quarantäne gesteckt werden, am besten so, wie man das Jahrtausende lang erfolgreich bei der Eindämmung der Lepra geübt hat.

Doch was reden wir so lange über die beklagenswerten Ausnahmen?

Kopf- und Hirnlosigkeit - ein glücklicher Einfall der Evolution - ist so weit verbreitet, weil sich Kopf- und Hirnlosigkeit im erbarmungslosen Ausleseprozess als massiver Vorteil erwiesen hat.

Kopf- und Hirnlose leben länger.

Wo früher bei noch schlagendem Herzen einfach der Hirntod festgestellt wurde, entfällt diese Möglichkeit des Organentnahmeteams nun, da die Diagnose Hirntod mangels Hirn nicht mehr gestellt werden kann.

Hirnlose brauchen weniger Nahrung.

Das Gehirn verbraucht einen großen Teil der durch die Nahrung aufgenommenen Energie. Ersetzt man das Hirn durch ein praktisches Energiesparvakuum, ist die Ernährungsgrundlage der wachsenden Menschheit auch für die nächsten drei Milliarden Erdenbürger gesichert.

Hirnlose können sich nicht irren.

Sie werden immer mit der Masse dahin schwappen, wo alle hinschwappen, weder vorauseilen, noch auf Abwege geraten, und dadurch erfahren sie Selbstbestätigung und die Gewissheit, ihr Leben und Handeln sei die Normalität, was es ja auch ist.

 

Nachhaltig und in der Breite der Bevölkerung herrschende Hirnlosigkeit ist der Königsweg zur wahren Demokratie.

Wissen und Denken aus der Cloud ermöglichen Einstimmigkeit in allen Entscheidungsfragen. Wahlen und Abstimmungen, jene aufwändigen Spektakel der Vergangenheit, samt der widerlichen Wahlkämpfe mit ihren Entgleisungen können entfallen.
Wir brauchen keine Parteien mehr, keine wortgewaltigen Dampfplauderer, es genügt, der Menschheit den Zugang zu den Qualitätsmedien zu öffnen und den Rezipienten das Rezipieren schmackhaft zu machen, zum Beispiel, indem alle Wortbeiträge von attraktiven Blondinen verlesen werden, was den Vorteil hat, dass auf diese Weise auch noch die letzten Eigenhirnnutzer den Kopf verlieren ...

 

Nun gut, wir sind weit abgekommen vom Thema.

Das Thema ist" Phantasie"

 

Als Qualitätsmedium lasse ich Sie an dieser Stelle wissen - und ich werde es so oft wiederholen, dass Sie immer, wenn sie das wissen müssen, daran erinnert werden - Fantasy, Phantasie und ein "Innenleben" sind für die menschliche Existenz auf diesem Globus noch schrecklichere Bedrohungen als eigenes Wissen und Denken.

Nicht zuletzt deshalb hat man an den öffentlichen Schulen bis vor kurzem noch strikt darauf hingewirkt, jegliches eigene Vorstellungsvermögen, jede Phantasie auszumerzen, zuerst durch unbarmherzige Strenge und Prügelstrafen, später durch die humanere Methode, Kinder so früh als möglich unter dem Einfluss von Psychopharmaka soweit ruhig zu stellen, dass sie sich willig jene Reflexe der unreflektierten Reproduktion der Lerninhalte antrainieren ließen, die gesamtgesellschaftlich den höchsten Nutzwert versprachen. Mit der ausreichenden Verbreitung der Hirnlosigkeit auch unter den jungen und jüngsten Mitmenschen wird nun zunehmend auch darauf verzichtet.

Die Schließung vieler dezentraler Schulen, wobei langweilig lähmende Lebens- und Unterrichtszeit zunehmend durch unterhaltsame Fahrten mit Schulbussen ersetzt wurde, die Einführung von kurzen Regelstudienzeiten, das G8 und nicht zuletzt der von den Hirnlosen lebhaft begrüßte, permanente Ausfall von Unterrichtsstunden wegen Lehrermangel waren nur der Anfang.

Eine Initiative aller staatstragenden Parteien hat - um gleich sieben Fliegen auf einen Streich zu erschlagen - zum Ziel, die Schulen vollständig abzuschaffen und die Schüler stattdessen auf Staatskosten per Chipimplantation permanent mit Facebook und Twitter, dem ZDF und der Online-Ausgabe der Bildzeitung zu verbinden, bei Aufnahme einer Erwerbstätigkeit kann der Arbeitgeber mühelos und per RFID-Technologie das für die Berufsausübung erforderliche Fachwissen beim Betreten des Firmengeländes auf diesen Chip aufspielen und beim Verlassen des Betriebsgeländes, zur Vermeidung von Industriespionage, wieder löschen.

Die technischen Voraussetzungen sind gegeben und die Vorteile sind immens:

 

  • Die vollständige Einsparung aller Staatsausgaben im Bildungssektor ermöglicht eine noch schnellere, vollständige Tilgung der Staatsschulden
  • Die auf Chip-Implantologie spezialisierten Privatkliniken erleben einen dauerhaften und nachhhaltigen Wachstumsschub, gleiches gilt für die Chip-Hersteller und Distributoren,
  • Staatlicherseits wird nur der preiswerte Standard-Chip bereitgestellt, der ein zufriedenes Leben im Hartz-VIII-Empfängerkreis garantiert, Eltern können jedoch durch entsprechende Zuzahlungen höherwertige Versionen auswählen, die den Kindern später einmal die Wege in höchste Managementpositionen und Staatsämter öffnen. So kann, über den kleinen Umweg Geld, der Erhalt der staatstragenden Elite auch bei vollständiger Hirnlosigkeit sichergestellt werden
  • Die Sendefunktion des Chips macht nicht nur eine sprach- und gedankenlose Kommunikation zwischen sich räumlich nahestenden Personen möglich, sie ermöglicht auch den vollständigen Verzicht auf jegliche weitere Überwachungsmaßnahmen.
    Vorratsdatenspeicherung, Video-Überwachung, Bundestrojaner, großer Lauschangriff, Postschnüffeleien, Verfassungsschutz und alle übrigen Inlandsdienste können ersatzlos aufgegeben werden. Der Zentralcomputer im zentralen Hauptquartier der Qualitätsmedien wird subversive Ideen jeglicher Art, wie sie trotz Hirnlosikeit gelegentlich aus dem lymbischen System aufsteigen, in Echtzeit erkennen und durch massive und gezielte Einspielung von Ablenkungsprogrammen eliminieren, bevor der davon heimgesuchte Mensch auch nur bemerkt, dass ein solcher Gedanke in ihm heranreifte.
  • Somit ist auch jegliches Verbrechen unmöglich geworden, und zwar nicht nur jene Verbrechen, die nach dem Strafgesetzbuch bereits verfolgt und geahndet werden, sondern auch all jene Verbrechenstatbestände, die festzulegen sich in der Zukunft noch als gesamtgesellschaftlich nützlich erweisen sollte.
  • Dies wiederum hat die Abschaffung der bisweilen lästigen, zeitraubenden und unzuverlässigen Institutionen der Justiz zur Folge. Amtsgerichte werden ebenso überflüssig wie das Bundesverfassungsgericht, was das Prinzip der Gewaltenteilung so vereinfacht, dass ganz darauf verzichtet werden kann, zumal Legislative und Exekutive über das probate Mittel des Fraktionszwangs sowieso längst innig verschmolzen sind.
  • Siebter Vorteil: Sobald der Durchdringungsgrad der Gesamtbevölkerung mit derartigen Implantatsträgern die Zwei-Drittel-Marke übersteigt, können auch jegliche Parlamente und sonstigen Bürgervertretungen getrost aufgelöst werden, da die Mehrheiten für jegliche Gesetzesänderungen von vornherein gegeben sind.
 
So gesehen ist die Befreiung vom Grundübel der Phantasie ein wesentlicher, wenn nicht gar der wesentliche Schritt zur endgültigen Befreiung der Menschheit von den Fesseln der Individualität und der individuellen Egoismen.
 
Wie ein riesiger Schwarm Fische werden wir uns durch die Weiten der Weltmeere bewegen, unbeschwert und frei, doch miteinander im Geiste verbunden und stets bereit, dem großen gemeinsamen Impuls zu folgen, der uns Richtung und Ziel vorgibt und uns, solange wir den Schwarm nicht verlassen, mit Streicheleinheiten und Blondinenwitzen reichlich versorgt, bis wir am Ende unsere Bestimmung erkennen und sie dankbar und beglückt annehmen.
 
Der phantasiebegabte Bertold Brecht hat das vor langer Zeit in der Kurzgeschichte
"Wenn die Haifische Menschen wären" aufs Verlockendste beschrieben:
 
 

 "Wenn die Haifische Menschen wären", fragte Herrn K. die kleine Tochter seiner Wirtin, "wären sie dann netter zu den kleinen Fischen?"

"Sicher", sagte er.

"Wenn die Haifische Menschen wären, würden sie im Meer für die kleinen Fische gewaltige Kästen bauen lassen, mit allerhand Nahrung drin, sowohl Pflanzen als auch Tierzeug. Sie würden sorgen, daß die Kästen immer frisches Wasser hätten, und sie würden überhaupt allerhand sanitäre Maßnahmen treffen. Wenn zum Beispiel ein Fischlein sich die Flosse verletzen würde, dann würde ihm sogleich ein Verband gemacht, damit es den Haifischen nicht wegstürbe vor der Zeit.

Damit die Fischlein nicht trübsinnig würden, gäbe es ab und zu große Wasserfeste; denn lustige Fischlein schmecken besser als trübsinnige.

Es gäbe natürlich auch Schulen in den großen Kästen. In diesen Schulen würden die Fischlein lernen, wie man in den Rachen der Haifische schwimmt.

Sie würden zum Beispiel Geographie brauchen, damit sie die großen Haifische, die faul irgendwo liegen, finden könnten.

Die Hauptsache wäre natürlich die moralische Ausbildung der Fischlein.

Sie würden unterrichtet werden, daß es das Größte und Schönste sei, wenn ein Fischlein sich freudig aufopfert, und daß sie alle an die Haifische glauben müßten, vor allem, wenn sie sagten, sie würden für eine schöne Zukunft sorgen.

Man würde den Fischlein beibringen, daß diese Zukunft nur gesichert sei, wenn sie Gehorsam lernten.

Vor allen niedrigen, materialistischen, egoistischen und marxistischen Neigungen müßten sich die Fischlein hüten und es sofort den Haifischen melden, wenn eines von ihnen solche Neigungen verriete.

Wenn die Haifische Menschen wären, würden sie natürlich auch untereinander Kriege führen, um fremde Fischkästen und fremde Fischlein zu erobern. Die Kriege würden sie von ihren eigenen Fischlein führen lassen.

Sie würden die Fischlein lehren, daß zwischen ihnen und den Fischlein der anderen Haifische ein riesiger Unterschied bestehe. Die Fischlein, würden sie verkünden, sind bekanntlich stumm, aber sie schweigen in ganz verschiedenen Sprachen und können einander daher unmöglich verstehen.

Jedem Fischlein, das im Krieg ein paar andere Fischlein, feindliche, in einer anderen Sprache schweigende Fischlein, tötete, würden sie einen kleinen Orden aus Seetang anheften und den Titel Held verleihen.

Wenn die Haifische Menschen wären, gäbe es bei ihnen natürlich auch eine Kunst. Es gäbe schöne Bilder, auf denen die Zähne der Haifische in prächtigen Farben, ihre Rachen als reine Lustgärten, in denen es sich prächtig tummeln läßt, dargestellt wären.

Die Theater auf dem Meeresgrund würden zeigen, wie heldenmütige Fischlein begeistert in die Haifischrachen schwimmen, und die Musik wäre so schön, daß die Fischlein unter ihren Klängen, die Kapelle voran, träumerisch, und in allerangenehmste Gedanken eingelullt, in die Haifischrachen strömten.

Auch eine Religion gäbe es da, wenn die Haifische Menschen wären.

Sie würde lehren, daß die Fischlein erst im Bauch der Haifische richtig zu leben begännen. Übrigens würde es auch aufhören, wenn die Haifische Menschen wären, daß alle Fischlein, wie es jetzt ist, gleich sind.

Einige von ihnen würden Ämter bekommen und über die anderen gesetzt werden. Die ein wenig größeren dürften sogar die kleineren auffressen. Das wäre für die Haifische nur angenehm, da sie dann selber öfter größere Brocken zu fressen bekämen.

Und die größeren, Posten-habenden Fischlein würden für die Ordnung unter den Fischlein sorgen, Lehrer, Offiziere, Ingenieure im Kastenbau usw. werden.

Kurz, es gäbe überhaupt erst eine Kultur im Meer, wenn die Haifische Menschen wären."

(Bertold Brecht)

 
 
 
... und das wars für heute.
 
Alle übrigen Themen, von der Euro-Krise über die Euro-Krise bis zur Euro-Krise,
werden von den Qualitätsmedien so ausführlich behandelt, dass ich liebend
gerne meinen Chip abschalten würde - doch das geht nicht, das kann, wie Sie wissen, niemand selbst, das kann nur der Zentralcomputer,
 
und so bleib ich halt weiter gut informiert von den
Qualitätsmedien und denk mir nichts dabei.
 
Und wenn mir demnächst am Missstand auf dem Weihnachtsmarkt eine
Blondine begegnet, werd ich nicht lange überlegen -
und auch den Kopf verlieren.
 
Ist schon lästig, so ein eigener Kopf,
das Gefühl, Außenseiter zu sein,
unverstanden,
nicht integrationsfähig im Heer der glücklichen Hirnlosen,
das hält auf Dauer niemand aus.
 
 

 

 

 

 

 

 

 

 
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Reaktionen auf diesen Paukenschlag

Hallo Herr Kreutzer,
ich habe gerade das zweite Mal den Paukenschlag von gestern gelesen. Ist das noch Sarkasmus oder schon der Zynismus des Hoffnungslosen. I
ch stelle mir jemanden vor, der kurz vor dem Entschweben ins Nirwana rückblickend auf sein Leben und die Welt blickt und sich vorstellt was hätte sein können.
Man muss schon mehrere Schritte zurücktreten, um den kollektiven Wahnsinn, der uns umgibt, zu betrachten und sich selbst zu fragen, welche Rolle man dabei spielt.
Vielleicht sind es eben einfach die kleinen Freuden und Sehnsüchte die einen immerfort im Hamsterrad weiterlaufen lassen. Bei der Betrachtung über die Selbstbetätigung im Leben und Handeln kommt mir unweigerlich die Frage in den Kopf: "Ist Normalität hier schon Schuld?" Das wäre eine Frage, die ich gerne mal von Ihnen erörtert hätte.
 
Schönes Wochenende
Bernd Peter
 
Antwort von EWK:
 
Hallo Herr Peter,
Normalität, also einfach mitschwimmen, im großen Schwarm, das ist keine Schuld.
Schuld entsteht - wie bei Adam und Eva im Paradies - erst durch das Essen der Frucht vom
Baum der Erkenntnis. Wer erkannt hat, dass diese Normalität eine Schein-Welt ist, wie sie z.B. auch inder MATRIX-Trilogie thematisiert wurde, und sich weiter einfach nur "normal" verhält, der trägt Mitverantwortung und Mitschuld.
Denn wir verantworten nicht nur das, was wir tun, sondern auch das, was wir nicht tun.
Die Schuld ist aber keine Schuld gegenüber irgendjemanden, sondern eine Schuld gegen sich selbst.
Die Instanz "Gewissen" macht unruhig, und umso unruhiger, je tiefer die Erkenntnis und je weniger
man tut, um an der notwendigen Änderung mitzuwirken.
So sehe ich das.
Ich hoffe, ich konnte Ihnen weiterhelfen.
Mit besten Grüßen
Egon W. Kreutzer


Hi, Wolfgang!
Vielen Dank für deine Gedanken, die mich heute Morgen nach dem Frühstück hier in New York erreichten. Dein Paukenschlag begleitete mich dann den ganzen Tag über. Und bei jeder Blondine, die mir begegnete, und das waren sehr viele, kreisten meine Gedanken um das, was du geschrieben hast. Ein Zeichen dafür, dass ich immer noch denke. Ich werde weiterhin denken und mitdenken ... :)
Ganz liebe Grüße aus New York
Manuela

Super, einfach super, bösartig super, danke, danke passt prima zu meiner jetztigen Lektüre:Bekenntnisse eines Economic Hit Man.
Genau auf diesem Wege ist unsere Gesellschaft, so wie Sie es in Ihren Paukenschlag sehen.
Mit solidarischen Grüßen

Ihre, noch Gehirnmasse benutzende, nicht gechipte Christine Fürstenfelder

hi, lieber Wolf,

hab zwar offiziell noch keine Meldung über den PaD aber habe ihn natürlich gelesen.

es gibt nur eines dazu zu sagen und das habe ich schon mal gesagt

"Mit leerem Kopf nickt es sich leichter"

ansonsten gehört der PaD zur Spitzenklasse - Mist, was mach ich bloß? meine Maus is hellbraun und nicht blond. Darf ich trotzdem ein bißchen Eigenhirn verlieren? öhm.....


mit lieben Grüßen

Ganz schön überheblich.
Elfi
Hallo Herr Kreutzer,

Sie müssen, glaube ich, für Ihre Standardwerke, mal wieder massiv die Werbetrommel rühren. Mir scheint dass einige Ihrer Stammreaktionäre Ihre dargestellten Alternativen noch nicht kennen…

Das tue ich doch glatt! Hau'n Sie drauf, mit der Maus, auf die Trommel!

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