Paukenschlag am Donnerstag
No. 4/2011
vom 27.1.2011

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Dienstleistungsgesellschaft - Utopie mit Charme (2)

 
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Paukenschläge 2010 (ältere)
1 Angela Merkel
2 Innere Angelegenheiten
3 Werbung ist Krieg
4 Werbung ist Krieg - und wer geht hin?
5 Zwischen Schmerzgrenze und Hemmschwelle
6 Die Sache mit dem Zins
7 Schluss mit Lustig
8 Zins und Wachstumszwang
gehören zusammen
 9 Bananenrepublik
10 Dr. Petschow
Geld und Demokratie
11 Die freie demokratische Kopfpauschale
12 Progressive Benzinsteuer
13 nicht belegt
14 Volkswirtschaftlicher Gesamtschaden
15 Griechenland als Chance verstehen
16 Kurzarbeit - der Kombilohn durch die Hintertür
17 Die Mär vom gefährdeten Euro
18 Muttertagswahl
19 Europhrenie
20 Extremsparer - wie vom wilden Affen gebissen
21 Über den Verhältnissen
22 Die Würde des Amtes
23 Worum geht es?
24 Wahre Wirtschaftskriminalität
25 Au weia - Wohin mit dem Gold
26 Problematisches Goldverständnis
27 Woran man eine gute Regierung erkennt
28 Von Frau zu Frau Eva Scherrer
29 Ungarn - Irland - Deutschland ...
30 Alles Verbrecher
31 Das Staatsziel in drei Sätzen
32 Aktion Staatsziel
33 Die Geld-Hirn-Schranke
34 nicht belegt
35 Entschuldung per Vermögensabgabe
36 Besinnungslos fürs Grundeinkommen
37 Be- und Verdrossenheit
38 Schlagzeilen eines Tages
39 Die 10 Gebote, Nachtrag 2, Lohnabstandsgebot
40 Währungskrieg
41 Welt-Währungskrieg II
42 Auf dem Wachstumspfad
43 China - Macht und Ohnmacht
44 S21 und die aristotelische Lehre von der Handlung
45 Die Zeit der Narren
46 nicht belegt
47 Too big to fail
48 nicht belegt
49 Warum es fast allen immer schlechter geht
50 Jahresumbruch
1/2011 Rettung einer Illusion
2/2011 internes
3/2011 Dienstleistungsges. Teil 1
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Dienstleistungsgesellschaft

Utopie mit Charme (Teil 2)


Da machen wir sie uns halt, die Liquidiät.
Dieser Satz darf gerne als Aufruf zum Ungehorsam verstanden werden.


Menschen, die ihren Frieden gefunden haben, weil sie in ihrer Eigenschaft als "staatstragende Elemente" mit allem, was von oben kommt, ohne je auch nur den geringsten Zweifel zuzulassen vollkommen einverstanden sind, wird dieser Satz furchtbar aufregen.

Alle übrigen sollte er anregen.
Erst zum Denken, dann zum Überzeugen und zuletzt zum Handeln.

Es soll ermutigend sein, sich vor einer großen Herausforderung zu versichern, dass andere sie bereits gemeistert haben. Dafür gibt es Beispiele im Sport - die 10 Sekunden auf 100 Meter, die als unerreichbar galten, bis Armin Hary am 21. Juni 1960 den Beweis erbrachte. Inzwischen verzeichnet die Weltbestenliste 71 Läufer, die Harys Zeit noch unterboten haben.

Es gibt aber auch Beispiele die beweisen, dass es die auf Gemeinsinn basierende Dienstleistungsgesellschaft in Teilen bereits gibt.

Es ist erst 10 Jahre her, dass Jimmy Wales (sinngemäß) aufrief:

Dann machen wir sie uns halt,
die frei zugängliche Bibliothek des Wissens der Menschheit

Der Name ihres Gründers ist weit weniger bekannt, als das Ergebnis von Denken, Überzeugen und Handeln, das sich die meisten von uns gar nicht mehr wegdenken können.
Trotz aller Zweifel und Skepsis - und auch ich war anfangs sehr skeptisch - ist Wikipedia über alles hinausgewachsen, was es je vorher an enzyklopädischen Werken gab - und dabei ist dieser gigantische, immer noch weiter in die Breite und in die Tiefe wachsende Wissensberg dank der Internettechnologie so schnell und direkt anzuzapfen, wie es vorher niemals möglich war.

Eine revolutionäre Idee wurde umgesetzt.

Doch das eigentliche Wunder, oder besser: die wunderbare Erkenntnis, die durch Wikipedia ganz nebenbei offenbar wurde, wird oft übersehen:

Wikipedia hat bewiesen, dass die konstruktiven, gewissenhaften, unentgeltlich arbeitenden Menschen, deren Gemeinschaftswerk Wikipedia ist, jenen bezahlten, destruktiven Manipulateuren, die versuchen, die Bibliothek des Wissens der Menschheit zu sabotieren, überlegen sind. Wikipedia ist zuverlässig und irgendwie selbstheilend.

Ist das nicht toll!

Ist das nicht der Beweis dafür, dass WIR doch etwas ändern, bewegen, erreichen können, dass wir doch nicht zu klein, zu ohnmächtig, zu wehrlos sind, um unsere Ziele zu erreichen?

Ist das nicht der Beweis, dass WIR, wann immer wir uns einig sind, die Mehrheit sind?

 

Allerdings verbirgt sich hinter der Erfolgsgeschichte von Wikipedia doch auch ein Problem. Wer für Wikipedia schreibt, recherchiert und redigiert, ist auf eine Einkommensquelle außerhalb von Wikipedia angewiesen.

Ehrenamtliche Tätigkeit beansprucht Zeit. Sie bringt Dank, Lob und Ehre - aber kein Geld ein. Der Umfang ehrenamtlicher Tätigkeit wird durch den Umfang der für den Lebensunterhalt erforderlichen Erwerbstätigkeit begrenzt - und wo das Ehrenamt zur Obsession wird, leidet womöglich der Beruf.

Die grauenhafteste Situation entsteht, wenn ein leistungswilliger Mensch, die Arbeit, die seinen Kenntnissen und Fähigkeiten entspricht, nicht - noch nicht einmal ehrenamtlich - ausführen kann, weil er seinen Job verloren hat und von der Arbeitsvermittlung gezwungen wird, seine Zeit stattdessen mit dem Wahrnehmen von Arbeitsgelegenheiten zu verbringen oder Praktika zu absolvieren, Umschulungskurse zu belegen und immer wieder einmal ein Bewerbungstraining zu besuchen.

Das Beispiel aus Teil 1, das schadhafte Dach und der arbeitslose Dachdecker, wächst hier zu bizarrer Schönheit heran. Selbst wenn er die Reparatur unentgeltlich ausführen wollte, er müsste in der Nacht aufs Dach, weil er tagsüber in einer Art "Arbeitsdienst" zu überwiegend sinnlosen Aktivitäten verpflichtet ist, die er nicht verweigern kann, weil ihm sonst die Todesstrafe droht.

Ja. Die Todesstrafe. Oder ist die Verweigerung des Existenzminimums, also das bewusste und gezielte "Aushungern", letztlich etwas anderes als eine besonders infame Art der Todesstrafe? Natürlich, der renitente Mitbürger mit Leistungssperre könnte jederzeit nachgeben. Vollkommen richtig. Könnte er. Das ändert aber nichts daran, dass man das Nichteinlenken mit dem Entzug des Existenzminimums bestraft.

Auch wenn weder der elektrische Stuhl noch die Giftspritze drohen, der Ausweg besteht nur darin, sich selbst vom höchsten Menschenrecht loszusprechen und auf die Unantastbarkeit der eigenen Würde zu verzichten. Nur Kriecher, die sich der Willkür unterwerfen, Gebrochene, die bettelnd von Haus zu Haus ziehen, und Kriminelle, die sich nehmen, was anderen gehört, entgehen der Vollstreckung.

Was den Menschen daran hindert, sich wie Regenwurm und Ringeltaube, wie Rotstirnmaki und Rückenschwimmender Kongowels das Existenzminimum selbst zu verschaffen, sind zwei Errungenschaften der Zivilisation, nämlich Eigentumsrecht und Gewaltmonopol.

Das Eigentumsrecht gewährt dem Eigentümer von Nahrungs-, Wasser- oder Ölquellen, von Wiesen, Wäldern, Schafherden und Pharmazeutischen Unternehmen das eigentümliche Recht, seine Mitmenschen verhungern, verdursten, erfrieren oder an heilbaren Krankheiten zugrunde gehen zu lassen. Das deutsche Strafgesetzbuch mit seinem Paragraphen 323 "Unterlassene Hilfeleistung" greift nicht, wenn Frau Müller in ihrer ungeheizten Wohnung erfriert - jedenfalls nicht gegenüber den Ölmultis, den Stromkonzernen und den Großgrundbesitzern.

Das darf sein, und das ist Recht. Eigentumsrecht.

Wollte Frau Müller sich hingegen schlicht dort nehmen, wo ist, was sie zum Überleben braucht, so wie der Regenwurm im Kompost, die Ringeltaube auf dem Feld, der Rotstirnmaki in seinem Baum und der Rückenschwimmende Kongowels im Kongo, sie geriete sehr schnell mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt.

Auch das ist Recht.

Und wollten sich alle hungernden Müllers zusammenrotten und mit Gewalt nehmen, was ihr Überleben erfordert, der Staat würde seine Gewalt einsetzen, um das Eigentum der einen vor dem Überlebenswillen der anderen zu schützen. Darauf hat der Staat das Monopol. Darum brauchen sich die Eigentümer nicht zu kümmern. Der Staat schützt ihr Eigentum, auch vor seinen hungernden, frierenden und verdurstenden Bürgern.

Eigentumsrecht und Gewaltmonopol reichen in der Despotie und im Feudalismus vollständig aus, um die Herrschaft zu sichern. Wer nicht spurt, verhungert. Wer aufmuckt, wird weggesperrt oder gleich umgebracht.

In der Demokratie bleibt das Eigentumsrecht unangetastet. Die Regierung und mit ihr die Inhaber des Gewaltmonopols wechseln zwar - je nach Wahlerfolg - gelegentlich und sind nicht immer mit den Eigentümern identisch, bleiben aber - unabhängig davon - dem Gesetz und damit dem Schutz des Eigentums - also den Eigentümern - verpflichtet. 60 Jahre Grundgesetz, 60 Jahre freie Wahlen, 60 Jahre Parlamentsdebatten und Gesetzgebung haben daran in der Bundesrepublik Deutschland nichts geändert.

Geändert hat sich die Interpretation des Sozialstaatspostulats in Art. 20 GG. , das - als eigentliches Gegengewicht zum Eigentumsrecht in Verbindung mit Art. 14, Abs. 2 (Eigentum verpflichtet), jedem Bürger von Staats wegen ein Lebensrecht garantieren sollte, damit er, selbst wenn er nichts besitzt und niemand ihm Arbeit und Brot gibt, als armer Wicht mitten im Reichtum der anderen nicht verhungern, erfrieren, verdursten oder jämmerlich an heilbaren Krankheiten verrecken muss.

In Zeiten leerer Kassen - die nicht zuletzt durch die steuerliche Entlastung von Vermögen und hohen Einkommen - geleert wurden, bleibt für die materielle Ausgestaltung des Sozialstaatspostulat immer weniger übrig, mit der Folge, dass das Antlitz des demokratischen Staates dem Antlitz der Despotie und des Feudalismus zunehmend ähnlicher wird.

"Leere Kassen" heißt aber doch nichts anderes als fehlende Liquidität - Geldmangel.

Die Ursachen für Geldmangel sind vielgestaltig. Am wenigsten hat Geldmangel damit zu tun, dass jemand - oder eine ganze Gesellschaft - über ihre Verhältnisse gelebt hätte.

Meistens ist Geldmangel die direkte Folge davon, dass jemand - oder eine ganze Gesellschaft - übervorteilt, über den Tisch gezogen, betrogen und/oder ausgebeutet wird.

Um mit aller Brutalität auf den Punkt zu kommen: Ein Sklave kann noch so fleißig und noch so bescheiden sein ...

Eine Kolonie kann für ihre Kolonialherren noch so reiche Ernten und Bodenschätze hervorbringen ...

Eigentumsrecht und Gewaltmonopol können aber nur dann als perfekte Instrumente der Ausbeutung genutzt werden, wenn das Recht des Eigentums auch das Monopol zur Herstellung und Inverkehrbringung von Geld einschließt.

Wo Handel und Wandel, selbst jede Form von Schwarzarbeit, zu 99,9 Prozent davon abhängen, dass für die zu tätigenden Transaktionen ausreichende Mengen des von Privatunternehmen hergestellten und gegen Zinsanspruch in Umlauf gebrachten "gesetzlichen Zahlungsmittels" aufgetrieben werden können, sind die besten Voraussetzungen für die Perfektion der Ausbeutung gegeben.

Der verschwindend kleine Anteil von Transaktionen, die über Tauschbörsen, in Nachbarschaftshilfe oder unter Verwendung aller möglichen Regional- und Komplementärwährungen abgewickelt werden, hat das Monopol des gesetzlichen Zahlungsmittels nicht ins Wanken bringen können.

Werden wir also weiter in der Abhängigkeit von Bankengeld leben und wirtschaften müssen, wird die Dienstleistungsgesellschaft auf der Basis von Gemeinsinn und heiterer Gelassenheit auf unabsehbare Zeit ein Traum bleiben müssen?

Ich meine, die Regeln lassen sich ändern.
Sie ändern sich nur nicht von selbst.

Die Grenze zwischen der ehemaligen Bundesrepublik Deutschland und der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik ist gefallen. Wessis wissen wenig darüber, und das meist nur vom Hörensagen, was diese Veränderung auslöste. Ja, wir - ich auch - haben uns erst darüber gefreut, wie die Besoffenen, und uns dann allmählich damit eingerichtet.

Wie es aber dazu kam, dass 17 Millionen Menschen hinter Mauer und Stacheldraht die alten Regeln überwinden konnten, das gehört nicht zum Standard-Inventar des Wessi-Erfahrungsschatzes.

 


Was ist das Ziel, was ist zu tun?

 

Das Ziel - die ideale Dienstleistungsgesellschaft

Die ideale Dienstleistungsgesellschaft steht auf dem Sockel einer effizienten Produktionswirtschaft, deren Erzeugnisse in Menge und Qualität ausreichen, jedermanns Bedürfnisse zu befriedigen und soviele Güter für den Export zu erzeugen, wie für eine ausgeglichene Handelsbilanz erforderlich sind.

Darüberhinaus bietet sie die Möglichkeit, alle Fähigkeiten, Erfahrungen, alles Wissen und alle Kenntnisse ihrer Mitglieder zum Wohle der Gesellschaft einzubringen, selbstverständlich auch - aber nicht nur - zur Verbesserung der Prozesse der Produktionswirtschaft.

Beides, die Erzeugung der notwendigen Waren und Leistungen in der Produktionswirtschaft und das Einbringen von Fähigkeiten, Erfahrungen, Wissen und Kenntnissen im gesellschaftlichen Dienstleistungs-Überbau, wird angemessen honoriert, so dass alle durch ihre Arbeit das Maß ihrer Teilhabe am gemeinschaftllich erzeugten Wohlstand beeinflussen können.

 

Der Veränderungsprozess

Der Veränderungsprozess, hin zu dieser Utopie mit Charme vollzieht sich in drei, parallel und nahezu unabhängig voneinander umsetzbaren Teilprozessen.

 

Prozess 1 Liquiditätsbereitstellung

Prozess 2 Eigentumsbildung

Prozess 3 Bewusstseinsentwicklung

 

Liquiditätsbereitstellung

Kurze Darstellung der IST-Situation

Liquidität wird von Banken durch Kreditgewährung hergestellt und durch Tilgung von Bankkrediten wieder vernichtet. Durch "Sparen" wird der Realwirtschaft Liquidität temporär oder dauerhaft entzogen, je nachdem, ob für für größere Anschaffung bzw. für die Altersversorgung angespart wird oder ob "Überschüsse" dauerhaft in die reine Finanz- und Spekulationssphäre verlagert werden.

Je weiter die Akkumulation der Vermögen fortschreitet, in desto geringem Maße fließt die durch Vermögenserträge (Zinsen, Mieten/Pachten, Unternehmensgewinne, Lizenzgebühren, usw.) gewonnene Liquidität als Konsum- oder Investitionsausgabe wieder in die Realwirtschaft zurück.

Tilgung und Hortung von Vermögenserträgen mindern also permanent die verfügbare Liquidität, was eine ständig wachsende Neuverschuldung erforderlich macht.

In den Bilanzen der Banken bilden die wachsenden Schulden der Kreditnehmer das Gegengewicht zu den wachsenden Guthaben der Einleger.

Zielszenario

Ungeachtet der Tätigkeit der Banken, die als Liquiditätsschöpfer per Kreditgewährung weiterhin fungieren, wird zusätzliche Liquidität - ohne Kredit, also als "Geschenk" - in die Realwirtschaft eingebracht.

Die sich unmittelbar und gleichzeitig aufdrängenden Fragen

          • Wie geht das?
          • Wer veranlasst, wer genehmigt das?
          • Wer soll die Liquidität erhalten?
          • Welche Folgen hat das für das Geldsystem?
          • Wie wird Inflation vermieden?
          • Welche positiven Folgen hat das für die Gesellschaft?
          • Wem schadet das?
 
können leider nur nacheinander beantwortet werden, aber sie können beantwortet werden.
 
 
Wie geht das - Liquidität als Geschenk bereitstellen?

Technisch ist der Vorgang so einfach, dass es schon wieder vollkommen unverständlich erscheint. Es geht genau so, wie die Liquiditätsbereitstellung bei der Kreditgewährung durch Banken auch vorgenommen wird: Dem Girokonto des Empfängers wird der entsprechende Betrag gutgeschrieben. Fertig.

Die Gegenbuchung, nämlich die Eintragung einer Schuld auf einem Darlehenskonto, wie sie bei Bankkrediten unvermeidlich ist, entfällt.

Wer veranlasst, wer genehmigt das?

Die Verteilung von Geldgeschenken birgt die Gefahr von Korruption und Betrug und weckt kriminelle Energien. Die vollkommen ungeregelte Liquiditätsbereitstellung würde zu Liquiditätsüberschuss und Inflation führen.

Um das zu vermeiden ließe sich ein dreistufiges System installieren, in dem eine wissenschaftliche Instanz die im Markt verfügbare Liquidität beobachtet und die Entwicklung mittelfristig prognostiziert. Auf dieser Basis wird der Umfang der dauerhaften Liquiditätszufuhr für vorherbestimmte Zwecke und Empfängerkreise festgelegt und regelmäßig fortgeschrieben. Treten dennoch Liquiditätsmangelsituationen auf, werden Empfehlungen ausgesprochen, in welchem Umfang und an welcher Stelle (Verwendungszweck/Empfängerkreis) zusätzliche Liquidität eingeschossen werden sollte.

Die zweite Instanz, eine politische Instanz, berät und beschließt über die tatsächliche Verteilung der Mittel an die Empfänger, selbstverständlich kann hier - je nach Sachlage - auch ein mehrstufiges System (Bund, Länder, Kreise, Kommunen) greifen.

Die dritte Instanz ist die monetäre Instanz, also eine spezielle Abteilung der Zentralbank, die auf Basis der vorliegenden Genehmigungen der Politik die von der Wissenschaft vorgegebene Liquiditätsmenge den Konten der Empfänger gutschreibt.


Wem soll die Liquidität zufließen?

Der stete Abfluss von Liquidität durch Tilgungs- uns Sparvorgänge ermöglicht es, die Liquiditätsschöpfung der Geschäftsbanken permanent durch Liquiditätsschöpfung auf dem hier beschriebenen Wege zu substituieren.

Allerdings wird die Vergabe der zins- und tilgungsfreien Liquidität stets daran gebunden, dass damit der gesamtgesellschaftliche Nutzen gemehrt wird. Es wird kein geschenktes Geld für einen Hedge-Fonds geben, und es wird kein geschenktes Geld für konventionelle Hähnchen- oder Schweinemastbetriebe geben.

Die ideale Dienstleistungsgesellschaft erfordert es jedoch, allen, die ihre Fähigkeiten, ihr Wissen, ihre Kreativität in den Dienst der Gesellschaft stellen wollen, zumindest eine Anschubfinanzierung zu gewähren, um ihr Angebot überhaupt "auf den Markt" bringen zu können. Dafür sollte ein mittelfristig festgelegter Etat zur Verfügung gestellt werden.

Dabei könnten, mit geringem Umdenken, die Gründungsberater der Kammern und die Spezialisten der Förderbanken sowohl den Nutzen eines Projekts wie auch dessen Finanzbedarf feststellen und förderungswürdige Vorhaben mit den entsprechenden Mitteln ausstatten - und sie könnten selbstverständlich auch verhindern, dass sich 20 von 500 Einwohnern einer oberbayerischen Gemeinde eine Bauchtanzschule finanzieren lassen.

Weitere "Einfüllstutzen" für permanente Liquiditätszufuhr könnten z.B. im Gesundheitswesen, in der Bildungsförderung, im Naturschutz usw. gefunden werden.

Zusätzliche Liquiditätsspritzen bei deflationären Entwicklungen sind fallweise unter Berücksichtigung der aktuellen Situation und ihrer Ursachen als einmalige oder befristete Unterstützung festzulegen.

Welche Folgen hat das für das Geldsystem?

Direkt und unmittelbar wirkt die Bereitstellung von Liquidität als Geschenk im Geldsystem auf die Kreditnachfrage. Dies aber nicht nur in Bezug auf die Empfänger der Liquiditätsspritze sondern tiefer in die Kette der arbeitsteiligen Leistungserstellung hinein, weil das Geld vom Empfänger ja eben nicht gehortet, sondern ausgegeben, in Umlauf gebracht wird.
Dies führt zwangsläufig auch zum Sinken der Kreditzinsen der Banken.

Indirekt und mittelbar wirkt die Bereitstellung von Liquidität aber auch auf das Gefüge der Bankbilanzen. Wo alte Schulden nicht mehr permanent durch Neuverschuldung ersetzt werden müssen, sinkt - durch die Tilgung von Bankkrediten mit unbelastetem Geld - der Umfang der Forderungen, während die Höhe der Einlagen zumindest gleich bleibt. Dies führt zum Sinken der Gewinne der Banken - langfristig zu einer "Abwertung" der Einlagen.

(Damit wird - die Anhänger der Freiwirtschaftslehre mögen das prüfen - ein Automatismus hergestellt, der in die gleiche Richtung wirkt, wie eine Umlaufsicherungsgebühr, nur eben ohne jeden administrativen Aufwand, und immer genau an der richtigen Stelle!)


Wie wird Inflation vermieden?

Solange das System der Liquiditätszufuhr seitens der wissenschaftlichen Instanz einigermaßen korrekt gesteuert wird, kann durch den damit bezweckten Ersatz von abgeflossenem Schuldgeld durch frisches, unbelastetes Geld keine Inflation ausgelöst werden.

Die Inflation droht von einer ganz anderen Seite - nämlich von den Banken und deren Einlegern. Die unter der vorherigen Fragestellung aufgezeigte "Abwertung" der Einlagen könnte dazu führen, dass Einlagen vermehrt aufgelöst werden um mit der daraus gewonnenen Liquidität Sachwerte aufzukaufen. Dieses Verhalten ist zwar kontraproduktiv, weil mit der dadurch erzeugten Inflation die Entwertung der Vermögen nur beschleunigt wird, liegt aber dennoch im Bereich dessen, wozu Menschen in Flucht und Paniksituationen fähig sind.

Der Umwandlung von Einlagen in Liquidität stehen allerdings schon heute Hindernisse im Wege, die dort auch stehen bleiben. Einerseits sind Einlagen an Anlagefristen gebunden, was die direkte Auszahlung verzögert. Andererseits wird die Aktiva der Banken durch die Schöpfung unbelasteter Liquidität belastet, so dass die Umwandlung von Einlagen in Liquidität in vielen Fällen nur über den Weg der Beleihung der Einlagen gangbar wäre.

Dennoch: Die Gefahr besteht.

Daher ist ergänzend zur Liquiditätsschöpfung auch eine Liquiditätsabschöpfung erforderlich.

Dazu sind Vermögens- und Erbschaftssteuern auf hohe und höchste Vermögen sowie Transaktionsteuern, ähnlich der Tobin-Steuer, wirksame Mittel, deren Freigrenzen und Steuersätze bedarfsgerecht festgelegt werden können. Außerdem könnten Kapitalverkehrskontrollen und Einschränkungen im Devisenhandel als Notmaßnahmen für den akuten Krisenfall in Erwägung gezogen werden.


Welche positiven Folgen hat das für die Gesellschaft?

Die Befreiung der positiven Kräfte der Gesellschaft von den Fesseln des Liquiditätsmangels führt dazu, dass vieles verwirklicht werden kann, was unter dem Regime von Gewinnstreben und Profitgier niemals eine Finanzierung erhalten hätte.

Schädliche Projekte (wie die oben angesprochene Massentierhaltung) müssen weiter über Kredite der Banken finanziert werden, während Projekte, deren Initiatoren auf artgerechte Tierhaltung setzen, gefördert werden, also einen erheblichen Kostenvorteil verbuchen können, der natürlich am Markt weitergegeben werden kann (und soll), so dass BIO nicht mehr unbedingt teurer sein muss, als die Erzeugnisse der sogenannten "konventionellen" Landwirtschaft.

Die Veränderung der Geldströme führt so auch zu einer Veränderung der Warenströme!

Das wird sehr schnell auch den letzten Landwirt motivieren, seine Produktionsweise umzustellen. So lange alles, was der Gesellschaft nutzt, gefördert wird, wird sich auch der Egoismus des Einzelnen, der ja nicht durch Veränderungen im Geldwesen erlischt, dem zuwenden, was der Gesellschaft nützt. So haben wir, mit der Veränderung der Geldströme auch dem Egoismus eine neue Richtung gegeben.


Wem schadet das?

Das Kreditgeschäft der Banken wird, bei vernünftiger Steuerung der Liquiditätsschöpfung einen allmählichen und im Grunde sehr sanften Rückgang erleben. Die Renditen der Bankaktionäre und der Einleger werden sinken.

Vermögen wird weniger in Finanzanlagen gehalten werden als in Sachanlagen. Geld, das für die Realwirtschaft verloren schien, findet wieder zurück. Damit verringert sich die Notwendigkeit zusätzlicher Liquidität, der Prozess der Auflösung der Geldvermögen verlangsamt sich, kommt aber nicht zum Stillstand, solange es "gute Projekte" gibt, die keine private Finanzierung finden.

So bekommt auch hier der Egoismus eine altruistische Komponente.

Gleichzeitig verringert sich die Gesamtverschuldung. Frische, unbelastete Liquidität tilgt Altschulden, ohne dass deshalb neue Kredite aufgenommen werden müssen. Das führt endlich dazu, dass Kreditzinsen auf das Maß von Verwaltungskosten und Kreditverlust beschränkt werden, während Guthabenzinsen nicht mehr gezahlt werden, womit eine Quelle nicht leistungsadäquater Einkünfte versiegt.

Ob das ein Schaden ist, mag jeder für sich selbst entscheiden.

 

Die Fortsetzung dieses Aufsatzes
mit dem Schwerpunkt "Eigentumsbildung"
finden Sie nächste Woche als PaD 5 /2011


Für den tieferen Einstieg in die Thematik der Liquiditätsbereitstellung ist "Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band III - Über das Geld" gut geeignet.

Die eher wirtschaftsphilosophischen Begründungen für das Versagen des Kapitalismus bei der Erfüllung seiner Verheißung vom "Wohlstand für alle" und für die Idee einer idealen Dienstleistungsgesellschaft, unter der Fragestellung, wie es gelingen kann, dem Egoismus neue Ziele zu geben, füllen Band II - Globale Konzepte.

Samirah Kenawis Buch "Falschgeld - Die Herrschaft des Nichts über die Wirklichkeit", zeigt auf, dass die heutigen Geld- und Kreditgesetze, die unser Geldwesen bestimmen, aus einer Vielzahl kurzfristiger Entscheidungen hervorgegangen sind, von denen sich viele als fatal falsch herausstellen. Dem stellt sie Ihren hochinteressanten Entwurf eines neuen Geldsystems gegenüber, das auf dem Prinzip der Schweizer WIR-Banken aufsetzt und ihm zur allgemeinen Alltagstauglichkeit verhilft.

Alles hier zu finden:

EWK-Verlag
Sachbuch Wirtschaft

Warum ist das so?

Der auf vier Paukenschläge aufgeteilte Text "Dienstleistungsgesellschaft - Utopie mit Charme" hat nicht bei allen Besuchern dieser Seite und nicht bei allen Beziehern des Newsletters Anklang gefunden. Die Daten für diese Grafik zeigen jeweils die Besucher innerhalb der ersten beiden Tage ab Veröffentlichung in Prozent von den durchschnittlichen Besucherzahlen aller Paukenschläge.

Da ist also letztlich nur ein Drittel dran geblieben. Schade.
Ich hatte mir mehr Resonanz erwartet.

Auch die üblichen "Content- und Linkverbreiter" haben längst nicht alle zugegriffen und den Text übernommen bzw. verlinkt - und an der Front der Kommentatoren ist es verhältnismäßig still geblieben.

Ich gehe in mich.

Und Sie könnten mir sagen, was Ihrer Meinung nach Schuld daran war.

Hier können Sie abstimmen 
 

 

 

 

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Reaktionen auf diesen Paukenschlag


Hallo Herr Kreutzer,
herzlichen Glückwunsch zu diesem Paukenschlag und zu Ihrer großen Professionalität bei der Ausarbeitung Ihres Vorschlags!

Jetzt erhoffe ich mir Ihre Auftritte in den TV-Talkshows, damit die 90% der Nutznießer einer solchen Liquiditätsbereitstellung endlich wach werden! Der NDR hat ja vor kurzem einen kleinen Schritt gewagt, (oder war es eine mutige Einzelaktion von Echart von Hirschhausen?), mit der Einladung von Margrit Kennedy zum Thema Komplementärwährungen. Vielleicht trauen sich ZDF und ARD auch irgendwann, wenn die "Träger" es denn zulassen...

Gestern habe ich eine entsprechende Petition beim Senat und bei der föderalen Kammer Belgiens eingereicht. Siehe im Anhang. Bestimmt könnte eine solche Petition auf der Basis der Aussagen Ihres Paukenschlages auch im Deutschen Bundestag eingereicht und die Einreichung dann publik gemacht werden?

Herzliche Grüsse,
Joseph Meyer

Anmerkung von Egon W. Kreutzer

die Petition von Dr. Meyer ist auf französich geschrieben. Sinngemäß wird darin vorgeschlagen, der belgische Staat möge seine Ausgaben (teilweise) mit selbstgeschöpftem Geld (als Staatsanleihen bezeichnet) bezahlen und diese Anleihen dann auch selbst wieder als Zahlungsmittel akzeptieren. Auch das ist eine Möglichkeit, Liquidität zu schaffen, wenn die Banken in der Erfüllung dieser Aufgabe versagen.

der Text der Petition 


Werter Hr. Kreutzer,
(...)
Ich habe lange für mich nach einem Weg für eine bessere Version der wirtschaflichen Grundlagen für die Gesellschaft gesucht, abe nie das theoretische Rüstzeug in Händen, das volkswirtschaftlich argumentieren zu können. Sie können es!

Ich bin ein Fan von ihren Aufätzen geworden um habe mir selbstverständlich ihr Gesamtwerk zugelegt.

Bitte weiter so! Danke.

Jeder muss seinen Beitrag durch HANDELN und nicht nur durch reden leisten.

Ar cienu / Mit freundlichen Grüßen / Best regards




Hallo Herr Kreutzer,

Sie müssen, glaube ich, für Ihre Standardwerke, mal wieder massiv die Werbetrommel rühren. Mir scheint dass einige Ihrer Stammreaktionäre Ihre dargestellten Alternativen noch nicht kennen…

Das tue ich doch glatt! Hau'n Sie drauf, mit der Maus, auf die Blechtrommel!

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Suchmaschinenoptimierung mit Ranking-Hits