Paukenschlag am Donnerstag
No. 3/2011
vom 20.1.2011

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Dienstleistungsgesellschaft - Utopie mit Charme

 
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1 Angela Merkel
2 Innere Angelegenheiten
3 Werbung ist Krieg
4 Werbung ist Krieg - und wer geht hin?
5 Zwischen Schmerzgrenze und Hemmschwelle
6 Die Sache mit dem Zins
7 Schluss mit Lustig
8 Zins und Wachstumszwang
gehören zusammen
 9 Bananenrepublik
10 Dr. Petschow
Geld und Demokratie
11 Die freie demokratische Kopfpauschale
12 Progressive Benzinsteuer
13 nicht belegt
14 Volkswirtschaftlicher Gesamtschaden
15 Griechenland als Chance verstehen
16 Kurzarbeit - der Kombilohn durch die Hintertür
17 Die Mär vom gefährdeten Euro
18 Muttertagswahl
19 Europhrenie
20 Extremsparer - wie vom wilden Affen gebissen
21 Über den Verhältnissen
22 Die Würde des Amtes
23 Worum geht es?
24 Wahre Wirtschaftskriminalität
25 Au weia - Wohin mit dem Gold
26 Problematisches Goldverständnis
27 Woran man eine gute Regierung erkennt
28 Von Frau zu Frau Eva Scherrer
29 Ungarn - Irland - Deutschland ...
30 Alles Verbrecher
31 Das Staatsziel in drei Sätzen
32 Aktion Staatsziel
33 Die Geld-Hirn-Schranke
34 nicht belegt
35 Entschuldung per Vermögensabgabe
36 Besinnungslos fürs Grundeinkommen
37 Be- und Verdrossenheit
38 Schlagzeilen eines Tages
39 Die 10 Gebote, Nachtrag 2, Lohnabstandsgebot
40 Währungskrieg
41 Welt-Währungskrieg II
42 Auf dem Wachstumspfad
43 China - Macht und Ohnmacht
44 S21 und die aristotelische Lehre von der Handlung
45 Die Zeit der Narren
46 nicht belegt
47 Too big to fail
48 nicht belegt
49 Warum es fast allen immer schlechter geht
50 Jahresumbruch
1/2011 Rettung einer Illusion
2/2011 internes
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Dienstleistungsgesellschaft

Utopie mit Charme (Teil 1)

 

Vorbemerkung

Wo von Politikern und ihren Experten öffentlich vom Umbau des Landes zur Dienstleistungsgesellschaft gesprochen wird, handelt es sich um eine kleine Mogelei. Der Umbau, um den es geht, ist der Umbau von einer überwiegend industriell geprägten Produktionswirtschaft zu einer Dienstleistungswirtschaft.

Die Verwerfungen, die dies in den gesellschaftlichen Strukturen hinterlässt, nimmt man als Kollateralschaden in Kauf. Das Ergebnis ist eine stark veränderte, vor allem ärmere Gesellschaft.

Die wahre Dienstleistungsgesellschaft, wie ich sie in diesem Aufsatz als "Utopie mit Charme" zu skizzieren versuche, ist es etwas ganz anderes. Ebenfalls eine stark veränderte, vor allem aber eine glücklichere Gesellschaft.

Um den Unterschied deutlich machen zu können, muss eingangs auch die Beschaffenheit der öffentlich diskutierten "Dienstleistungsgesellschaft der Makroökonomie", wie ich sie im Folgenden bezeichne, beleuchtet werden.

 

Die Dienstleistungsgesellschaft der Makroökonomie

Die Dienstleistungsgesellschaft der Makroökonomie ist die zwangslogische Folge von Produktivitätssteigerung und Marktsättigung.

Wo zur Erzeugung der lebensnotwendigen Güter,

als da sind Energie, Nahrung, Kleidung, Wohnungseinrichtung und Wohnraum,
und der zum normalen Lebensstandard zu zählenden Güter,
als da sind, Verkehrsmittel, Kommunikationsmittel sowie Spiel- und Sportgerätschaften,

nur noch ein geringer Teil der erwerbsfähigen Bevölkerung benötigt wird - sagen wir 20% - bliebe - ohne die Dienstleistungsbranche - der Rest vom Erwerbsleben ausgesperrt und erzielte kein Erwerbseinkommen. Das wiederum würde - mangels Absatzmöglichkeiten - zum schnellen Zusammenbruch der hochgezüchteten Industrie führen.

Nun sind wir soweit, dass die Warenproduktion und das etablierte Dienstleistungsgewerbe samt öffentlichem Dienst nicht mehr in der Lage sind, die erwerbsfähigen und erwerbswilligen Personen in vernünftig entlohnte Beschäftigungsverhältnissen zu bringen.

Den Weg, die vielleicht noch 25 Millionen wirklich Beschäftigten (also ohne unfreiwillige Teilzeitarbeiter, ohne Mini-Jobber und Ein-Euro-Jobs, ohne Aufstocker und andere prekär Beschäftigte) so gut zu bezahlen, dass von ihren Einkünften - einerseits direkt innerhalb der Familie, andererseits darüber hinaus indirekt über Steuern und Beiträge auch die Alimentierung der übrigen (vermutlich) 55 Millionen Menschen in Deutschland ermöglicht würde, will man aus verschiedenen, zum Teil sogar nachvollziehbaren Gründen nicht länger gehen, obwohl dadurch Binnennachfrage wegfällt und die Auslastung der Produktionskapazitäten sinkt.

Die wichtigsten Gründe dafür seien hier kurz angesprochen:

  • Einesteils will man - und das ist nur im Kontext einer dem Kapitalismus frönenden Gesellschaft nachvollziehbar - nur diejenigen von der Produktivitätssteigerung profitieren lassen, die das Geld dafür investiert haben.
    Dies gelingt am besten dadurch, dass weite Teile der Produktion exportiert werden, was den Wegfall der Binnennachfrage leicht überkompensieren kann, denn:

    Umsätze im Binnenmarkt bedürfen der Binnenkaufkraft. Umsätze im Export gelingen, ohne dass die Kaufkraft durch gewinnschmälernde Lohnzahlungen erst geschaffen werden muss.

  • Andererseits will man - und das ist unter Gerechtigkeitsaspekten nachvollziehbar - denjenigen, der eine Leistung erbringt, stärker am Ergebnis dieser Leistung teilhaben lassen als den, der keine oder nur eine geringere Leistung erbringt.

 

Allerdings wird bei der Begründung für die daraus folgenden Maßnahmen gelogen. Wenn die Produktivität ausreicht, um mit einem Beschäftigten im produzierenden Gewerbe vier nicht in der Produktionswirtschaft Tätige (z.B. Kinder, Ehepartner, Rentner, Politiker, Soldaten, Lehrer, Wirtschaftsweise usw.) zu versorgen, muss niemand die Rente mit 67 verlangen, weil die Prognosen sagen, 2050 müssten zwei Erwerbstätige für einen Rentner aufkommen …

Es geht immer nur darum, wie die geschaffenen Waren unter der Bevölkerung verteilt werden, egal, wie viele Beschäftigte für ihre Herstellung benötigt werden.

Die reine "Umverteilungsgesellschaft" erscheint ungerecht. Sie ist es auch, solange sie ungerecht organisiert und zur Steigerung des Ungerechtigkeitsempfindens auch noch falsch dargestellt wird.

Gerechtere Organisation einer Umverteilungsgesellschaft entstünde, wenn man damit aufhören würde, die Umverteilung fast ausschließlich auf der Einkommensseite stattfinden zu lassen, sondern stattdessen versuchen würde, die Umverteilung auf die Beschäftigungsseite zu verlegen, wie es durch eine allgemeine Verkürzung der Arbeitszeiten und das daraus folgende Anwachsen der Beschäftigtenquote durchaus bewerkstelligt werden könnte.

Dass dies heute (vorgeblich) nicht funktioniert, dass (vorgeblich) ganz im Gegenteil trotz Massenarbeitslosigkeit viele Arbeitsplätze unbesetzt bleiben, weil die entsprechend qualifizierten Mitarbeiter fehlen, hat weniger mit den genetisch vorbestimmten körperlichen und geistigen Fähigkeiten der Menschen zu tun als mit den seit vielen Jahren grob fahrlässig und zum Teil wohl auch vorsätzlich angerichteten Mängeln im Schul-, Bildungs- und Ausbildungssystem.

So sucht man heute also für die vom Produktionsprozess nicht benötigten Menschen mehr oder minder zwanghaft nach Möglichkeiten, sie irgendwie anderweitig zu beschäftigen - und weil bei allen diesen Beschäftigungen weder Lebensmittel noch Wohnungen, weder Kleider noch Mobiltelefone entstehen, davon schaffen schließlich schon die in der Produktion Beschäftigten mehr als genug, zwingt man sie in immer neue Dienstleistungen.

Der Wechsel zur Dienstleistungsgesellschaft in der Lesart der Makroökonomie ist daher zwangsläufig mit der Ausweitung des Dienstleistungssektors in immer produktionsfernere Dienstleistungszweige verbunden. Dazu gleich mehr.

Vorab muss aber noch ein anderer Gedanke in die Überlegung eingeführt werden, nämlich die Frage der Finanzierung der Dienstleistungen.

Man muss dem Lehrer, der als Dienstleister antritt, Scharen von Schülern auf das Leben vorzubereiten, für seine Arbeit Geld in die Hand drücken. Erst damit wird es ihm möglich, die Produkte der industriellen Erzeugung abzunehmen, also eine Wohnung zu mieten, Möbel zu kaufen, sich zu kleiden und zu ernähren, sich dann ggfs. ein kleines Auto zuzulegen, ein Notebook und ein Handy, sowie das Fahrrad, samt Helm und Schutzbrille, zur körperlichen Ertüchtigung.

Das ganze Geheimnis der "Dienstleistungsgesellschaft der Makroökonomie" besteht also darin, die Kaufkraft der Volkswirtschaft so zu verteilen, dass sowohl die Beschäftigten im produzierenden Gewerbe wie die Beschäftigten im Dienstleistungsgewerbe ihren Anteil der Produkte und Dienstleistungen erwerben können. Dies erfordert zwingend die Bereitstellung einer ausreichenden Geldmenge.

Werden so viele Dienstleistungsjobs geschaffen, dass Vollbeschäftigung herrscht, dass also alle Erwerbsfähigen auch erwerbstätig sind, muss die übers Jahr verfügbare Kaufkraft aus Löhnen und Gehältern, Steuern und Sozialausgaben ausreichend groß sein und immer wieder neu so verteilt werden, dass die insgesamt erbrachte Leistung aus Produktion und Dienstleistungen vollständig abgenommen werden kann.

Unter diesem Aspekt unterscheidet sich die "Dienstleistungsgesellschaft" in keiner Weise von einer reinen Produktionsgesellschaft, denn auch wenn alle Erwerbsfähigen unter den Bedingungen der Vollbeschäftigung ausschließlich damit befasst wären, Waren und Güter zu produzieren, müsste doch wiederum die gesamte Kaufkraft aus Löhnen und Gehältern ausreichen, um diese Waren und Güter abzunehmen.

Diese Übereinstimmung ist nicht verwunderlich, denn auch der Begriff "Dienstleistung" ist vom Begriff "Produktion" kaum zu unterscheiden. Ein paar einfache Fragestellungen sollen das verdeutlichen:

  • Ist ein Marktforscher im Vertrieb eines Konsumgüterherstellers in der Industrie tätig?
    Ja?

    Dann sollte ein Marktforscher, der im Auftrag des Konsumgüterherstellers in einem externen Marktforschungsinstitut arbeitet doch auch der Industrie zugerechnet werden - der wird jedoch zu den Dienstleistern gezählt.

  • Ist ein Unternehmen, dessen Geschäftszweck die Arbeitnehmerüberlassung ist, ein Dienstleistungsunternehmen? Ja?

    Sind seine Mitarbeiter, wenn sie in der Produktion eingesetzt werden, immer noch im Dienstleistungssektor tätig?

 

Die abstrakt gezogenen Grenzlinien zwischen Industrie und Dienstleistung lassen sich in der Realität nicht auffinden. Nur an den äußersten Rändern des Dienstleistungssektors, wo Horoskope erstellt und käufliche Liebe feilgeboten wird, wo fremde Hunde gegen Stundenhonorar ausgeführt und mehr oder minder hoch subventionierte Theater bespielt werden, findet "echte" Dienstleistung statt.

Schon Fahrlehrer und Verkehrspolizisten dienen - überspitzt gesagt - im Grunde doch nur der Automobilproduktion, Lehrer und Ärzte versorgen die Produktion mit qualifizierten, arbeitsfähigen Mitarbeitern und erhalten die Konsumfähigkeit - bei wechselndem Produktspektrum - bis ins hohe Alter.

Es ist spannend, diesen Gedanken weiter zu spinnen und die Frage zu stellen, wem letztlich was nutzt …

Als Zwischenergebnis gilt es hier festzuhalten:

Die "Dienstleistungsgesellschaft" der Makroökonomie ist im Grunde eine inhaltsleere Spruchblase.

Eine Blase, die nur deshalb noch nicht geplatzt ist, weil bisher niemand hineingestochen hat. Überall wo "Dienstleistungen" für die Produktion und den Absatz der Produktion benötigt werden, werden sie auch angeboten und bezahlt. Ob die Dienstleistungen in den Produktionsbetrieben "inhouse" erbracht oder ob spezielle Dienstleistungsanbieter eingeschaltet werden ist dabei ohne Belang. Es ändert nichts daran, dass nahezu alle Dienstleistungen letztlich Produktion und Konsum unterstützen. Damit sind übrigens, wie der wegen dieser Aussage zurückgetretene Bundespräsident Köhler und der mit dieser Aussage Furore machende Verteidigungminister zu Guttenberg bestätigen, selbstverständlich auch die Soldaten der Bundeswehr gemeint.

Die Ausweitung des Sektors in den Bereich weniger wichtiger oder gar vollkommen überflüssiger Dienstleistungen führt automatisch dazu, dass dieser Teil der Dienstleistungswirtschaft im Niedriglohnsektor angesiedelt wird, weil solche Dienstleistungen nicht dazu beitragen, Werte bzw. Konsumschrott zu schaffen, sondern lediglich dazu, eine freiwillige Umverteilung von Kaufkraft zu bewirken.

Man gönnt sich eine Dienstleistung, lässt sich im übertragenen Sinn "Federn in den Hintern blasen*)", und holt mit dem dafür gewährten Entgelt einen Menschen aus den unwürdigen Bedingungen von Hartz IV um ihn in die unwürdigen Bedingungen des Hartz-IV-Aufstockers zu überführen.

*) Zitat aus dem Seligenstädter Löffelbuch von 1768

 

Die Dienstleistungsgesellschaft als Utopie mit Charme

Die Dienstleistungsgesellschaft die mir vorschwebt, ist nicht die Folge von Produktivität und Marktsättigung, sondern das Ergebnis von Gemeinsinn und heiterer Gelassenheit.

Gemeinsinn und heitere Gelassenheit kennzeichnen die Situation einer intakten Familie. Man steht füreinander ein, teilt das verfügbare Einkommen, plant gemeinsame Unternehmungen, toleriert kleine Eigenheiten, auch Schwächen, und freut sich am gemeinsam Erreichten.

In einer Familie bringt jeder ein, was er einzubringen vermag, und alle partizipieren. Das schließt gelegentliche Meinungsverschiedenheiten, auch Streit und Rangordnungskämpfe nicht aus, im Gegenteil, es ist normal, denn so eine Familie ist ja nichts Statisches. Geburten und Todesfälle, Heiraten und Scheidungen mischen die Familie immer wieder neu durch, schaffen neue Strukturen, verändern die Rollen.

Dass Familienmitglieder ausgeschlossen oder verstoßen werden, ist jedoch die seltene Ausnahme. Das Wissen um die Chance, wenn es ganz hart kommt, in "den Schoß der Familie" zurückkehren zu dürfen, ist seit Menschengedenken der Rettungsanker für verlorene Töchter und Söhne.

Sobald unsere Gesellschaft jedoch Gruppen bildet, die über die Größenordnung von Familien hinausgehen, begibt sie sich allerdings auf den Weg zum absoluten Gegenteil von Gemeinsinn und heiterer Gelassenheit. Dabei ist sie bereits weit vorangekommen. Man steht nicht füreinander ein und teilt nur ungern mit anderen. Egoismus, Hektik und Getriebenheit dominieren überall das Bild. Das Schaffen hier und das Raffen da führen an anderer Stelle zu erzwungener Untätigkeit und Armut. Zusammenarbeit wird von höheren Instanzen angeordnet und organisiert, um die gemeinsam errungene Beute wird brutal und unfair gekämpft, Eigenheiten und Schwächen einzelner werden erbarmungslos ausgenutzt, gemeinsame Unternehmungen dienen letztlich stets geschäftlichen Interessen - ansonsten geht man sich - wo man kann - aus dem Weg. (... und alle Ausnahmen bestätigen nur die Regel.)

 

Ist eine Umkehr möglich, und wenn ja, wohin?

Das Gesetz von der Trägheit der Masse, das besagt, dass jedwede Veränderung von Geschwindigkeit und Richtung einer Masse einen entsprechendem Energieeinsatz erfordert, wirkt auch im nichtphysikalischen Raum. Gesellschaftliche Veränderungen erfordern hohen Kraftaufwand und einen langen Atem, für beides sind Einsicht und Veränderungswille unbedingte Voraussetzung.

 

Unterstellen wir zunächst,
Einsicht und Veränderungswille seien bei der Mehrheit der Bevölkerung vorhanden, eine Regierung würde gewählt, die sich die Stärkung des Gemeinsinns in einem Klima heiterer Gelassenheit auf die Fahnen geschrieben hat.

Was könnte am volkswirtschaftlichen Mechanismus der Leistungsgesellschaft so verändert werden, dass sich nach und nach eine Gesellschaft herausbildet, die von Gemeinsinn und heiterer Gelassenheit geprägt ist?

Eines der größten Hindernisse, die diesem Ziel im Wege stehen, ist die sogenannte "Allokationskraft des Zinses"; will heißen, das Geld (Kapital) wird zuverlässig immer da eingesetzt, wo es sich - unter Berücksichtigung von Gewinnerwartung und Verlustrisiko - am besten rentiert.

Dies impliziert, dass es für sinnvolle, nützliche aber nicht gewinnversprechende Projekte kein Geld gibt, es sei denn, jemand geht mit der Sammelbüchse herum und appelliert an das soziale Gewissen seiner Mitbürger, oder der Geldgeber erhofft sich von seinem Entgegenkommen einen Vorteil, der weit über diesen Aufwand hinausgeht. Letzteres ist regelmäßig die Ursache dafür, dass Wahlversprechen, die Geld kosten, gelegentlich - und stets rechtzeitig vor der nächsten Wahl - tatsächlich in Angriff genommen werden. Aber eben längst nicht alle wünschenswerten Projekte kommen auf diese Weise der Realisierung näher.

Eine von Einsicht und Veränderungswillen beseelte Regierung wird natürlich versuchen, für wünschenswerte, nicht gewinnorientierte Projekte, das benötigte Geld zur Verfügung zu stellen. Ihr stehen dafür im herrschenden System drei Wege offen:

a) Steuererhöhungen
b) Kürzungen bei anderen Etatpositionen
c) Neuverschuldung

Steuererhöhungen mindern die verfügbare Kaufkraft der Bevölkerung, Kürzungen bei anderen Etatpositionen wirken negativ auf die Beschäftigung und damit auf die Kaufkraft der Bevölkerung, und Neuverschuldung zwingt zu höheren Zinszahlungen, was entweder Steuererhöhungen oder Kürzungen oder neuerliche Neuverschuldung erforderlich macht.

Ein Teufelskreis.

Ein weiteres großes Hindernis liegt in der rätselhaften Eigenschaft des Staatsbudgets, niemals alle wünschenswerten Aufgaben finanzieren zu können.

Selbst die Tatsache, dass in einer Volkswirtschaft ausreichend viele erwerbsfähige und erwerbswillige arbeitslose Personen vorhanden sind, um alle gewünschten Projekte realisieren zu können, hilft nicht aus dieser Falle. Schließlich ist zu jedem Zeitpunkt gerade genug Geld in den öffentlichen Kassen, um das Arbeitslosengeld bezahlen zu können - da sprechen wir derzeit von Aufwendungen in der Größenordung von durchschnittlich 1.200 Euro pro Person und Monat, vorausgesetzt, man dividiert der Einfachheit halber den Etat der BA für das Jahr 2011 durch die Zahl der für 2011 im Jahresdurchschnitt prognostizierten Arbeitslosen.

Würden diese Menschen in der Wirtschaft beschäftigt, entstünden daraus Wirtschaftsleistungen im Wert von rund 5.200 Euro pro Person und Monat, vorausgesetzt, man bezieht hierfür das für 2011 erwartete BIP auf die im Jahresdurchschnitt erwartete Zahl der Beschäftigten.

Statt 42 Milliarden BA-Etat für 2.944.000 durchschnittlich als arbeitslos gemeldete Personen müssten für die von diesen erzeugte Wirtschaftsleistung rund 182 Milliarden, also 140 Milliarden mehr ausgegeben werden.

Dafür ist aber kein Geld da.
(Dafür ist nie Geld da, aber das steht auf einem anderen Blatt)

Selbst wenn man unterstellt, dass aus der Mehrwertsteuer, den Ertragssteuern der Unternehmen, dem Aufkommen der Lohn- und Einkommensteuer der Beschäftigten und den Beiträgen zur Sozialversicherung etwa 70 Milliarden an den Staat zurückfließen, bliebe immer noch eine Deckungslücke von 70 Milliarden. Nur 15 Milliarden davon macht die Steigerung der Netto-Einkommen (nach MwSt.) der Beschäftigten aus, 55 Milliarden fließen in Kapitalerträge (= Allokationskraft des Zinses!) und Unternehmensgewinne (nach Steuern).
(Anmerkung: Vorleistungen/Material aus dem Binnenmarkt lassen sich mühelos auf blanke Lohnkosten und Kapitalkosten/Gewinne herunterbrechen, Vorleistungen/Material aus dem Ausland sind im BIP bereits berücksichtigt)

 

Natürlich kann der Staat auch nicht hergehen, und zur Realisierung seiner Projekte lauter gemeinnützige Unternehmen beauftragen. Die gibt es in dieser Zahl und in den benötigten Branchen gar nicht - und ins Leben rufen könnte sie der Staat auch nicht, weil sich alle übrigen Unternehmen (zu Recht) beschweren würden - einmal darüber, dass man ihnen die Aufträge wegnimmt, zum anderen darüber, dass ihnen nicht die gleiche steuerliche Behandlung zuteil wird.

Wir stehen also ratlos vor der Erkenntnis, dass der Staat sich in einer Lage befindet, die dem Problem Alexanders des Großen mit dem Gordischen Knoten ähnelt.

Wo auch immer man einen einzelnen Faden zu fassen bekommt und daran zieht, wird die Situation nur noch kritischer und verworrener.

Kreativitäts- und Problemlösungsfachleute raten in solchen Situationen dazu, den Betrachtungsrahmen zu erweitern, das Problem auf eine Meta-Ebene zu heben, neue unkonventionelle Ideen zuzulassen.

Alexander nahm sein Schwert und beendete damit die Existenz des tückischen Knotens. Kolumbus stellte das Ei auf, indem er das Oval zu diesem Zwecke mit geringem Kraftaufwand einseitig abplattete.

Beide besannen sich darauf, dass ihnen mehr Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, als die in den jeweiligen Problemstellungen üblicherweise zur Anwendung kommenden.

Um die "Utopie mit einem gewissen Charme" in eine reale, auf Gemeinsinn und heiterer Gelassenheit beruhende Dienstleistungsgesellschaft zu überführen, ist es eben auch nicht genug, sich darauf zu beschränken, mit den althergebrachten Werkzeugen die immer gleichen untauglichen Versuche bis in alle Ewigkeit zu wiederholen.

Weder Steuererhöhungen noch Ausgabenkürzungen oder Neuverschuldung lösen das Problem nachhaltig, welches - am Beispiel dargestellt - darin besteht, dass der arbeitsfähige und arbeitswillige, aber arbeitslose Dachdecker und das schadhafte Dach der Schule gleichzeitig, am gleichen Ort nebeneinander existieren, ohne dass es - wie in der Elektrotechnik - zu einem Überspringen des Funkens und zu einem Ausgleich der Potentiale käme.

Abstrakt betrachtet heißt das Problem schlicht "Geldmangel".

Hätten wir eine goldgedeckte Währung, ließe sich dem Goldmangel abhelfen. Man könnte die Arbeitslosen auf Goldsuche schicken - entweder mit Sieb und Schaufel an die Flüsse, mit Hacke und Pickel, Bohrer und Dynamit in die Bergwerke, oder mit Gewehr und Panzerfaust, Drohne und Stealth-Bomber über die Grenze zum Nachbarn, wo Gold in den Safes und Schmuckschatullen zu finden sein soll.

Haben wir aber nicht.

Unsere Währung kommt ohne Golddeckung aus. Das ist gut - und das ist schlecht. Gut, weil das Vorhandensein von Liquidität nicht durch die vorhandene Goldmenge begrenzt ist, schlecht, weil das Vorhandensein von Liquidität nun ausschließlich auf reinen Willkürakten beruht, auf die der Staat zwar keinerlei Einfluss hat, die er aber dennoch mit seiner ganzen Autorität und Macht verteidigt und schützt.

Wenn der Gott der Geldschöpfung streikt, wenn die sengende Sonne den letzten Rest Liquidität verdunsten und als Zins und Tilgung aufsteigen lässt, so dass die Felder verdorren, das Vieh verdurstet und die Menschen hungern, dann erklärt sich der Staat außerstande, selbst Regen machen zu können und legt die Hände schicksalsergeben in den Schoß.

Dabei gehört nicht viel dazu.

Papier bunt bedrucken, Konten führen, Kredite gewähren, das alles ist keine Hexerei. Das könnte jeder Staat selbst in die Hand nehmen. Mit ein bisschen Einsicht und gutem Willen gelänge das dem Staat weit effektiver als jedem Banker. Der Staat muss nämlich keine Gewinne bei seinen Aktionären abliefern.

Man könnte die gleichen Menschen damit befassen, dieselben Maschinen verwenden, man müsste nur die Regeln verändern, geringfügig, um gewaltige Veränderungen auszulösen.

Regeländerung 1

Geld sollte nicht mehr länger vorrangig der erhalten, dessen Vorhaben die größte Verzinsung erwarten lässt, sondern derjenige, dessen Vorhaben den größten Nutzen erwarten lässt.

Nutzen dabei verstanden als Wohlstandmehrung für die gesamte Gesellschaft, nicht als Geldvermehrung für einige wenige, wäre ein brauchbares Kriterium für Forschungs-, Investitions- und Betreiberförderung.

Regeländerung 2

Geld sollte nicht länger ausschließlich als rückzahlungspflichtiger Kredit in die Welt kommen, Geld sollte hin und wieder auch als "Geschenk" geschaffen und vergeben werden.

Zum Beispiel dann, wenn damit eine Leistung ermöglicht wird, die nützlich ist, ohne dass jemand da wäre, der dafür bezahlt, die ermöglicht werden soll, ohne dass dafür Steuern erhöht, andere Ausgaben gekürzt oder Schulden aufgenommen werden müssen.

Nur ein Beispiel von Tausenden denkbaren:

Wir erleben in diesen Tagen einen peinlichen Rekord an Schlaglöchern auf allen deutschen Straßen, vom Flurbereinigungsweg bis zur Autobahn - und wir erleben die totale Unfähigkeit, diese Löcher mehr als notdürftig zu stopfen, weil kein Geld dafür da ist.

Ja sind wir denn wahnsinnig?

Drei Millionen Menschen gezählt arbeitslos - aber die Schlaglöcher können nicht repariert werden, weil die Liquidität abgeflossen ist?

Dann machen wir sie uns halt, die Liquidität.

Warum soll nicht allen betroffenen Straßenbaubehörden zugesichert werden, dass ihnen das Geld für die Bezahlung der Reparaturrechnungen von der Bundesbank püntklich überwiesen werden wird?

Angst vor Inflation?

Eine unbegründete Angst.

Mehr dazu nächste Woche in PaD 4 /2011

 

 


Erinnerung - Fristablauf 31. Januar 2011

Als Verleger habe ich praktisch keine realistische Möglichkeit, meiner "treuen Stammkundschaft", den Newsletterbeziehern und Besuchern meiner Website einen Nachlass auf den Ladenpreis zu gewähren. Es lebe die deutsche Buchpreisbindung!

Die einzige gangbare Ausnahme besteht darin, ein Subskriptionsangebot zu unterbreiten, das während einer kurzen Zeit vor dem Erscheinen zu einem besonders günstigen Subskriptionspreis angeboten werden darf.

Davon möchte ich in Zukunft öfter Gebrauch machen. Begonnen habe ich damit:

 

Abbildung: Entwurf Schutzumschlag

 

 

 

Marion Bialloblotzky

hat mit ihrem wunderschönen Roman "Mein friedliches Vietnam" vor nunmehr fast sieben Jahren den Reigen der "fremden" Autoren des EWK-Verlags eröffnet. Das 2004 in der Erstausgabe als Taschenbuch veröffentlichte Werk, mit vielen kunstvoll verfremdeten schwarz-weiß-Fotos einer realen Vietnam-Reise, war seinerzeit mit 14,80 Euro sicherlich recht hochpreisig kalkuliert, aber das entsprach durchaus auch dem Aufwand, den ich mit der Eigenproduktion der Bücher damals hatte.

Es sind denn auch vom Taschenbuch deutlich weniger Exemplare verkauft worden, als es das Buch verdient hätte.

Nun habe ich beschlossen, diesem Titel zu neuen Ehren zu verhelfen - und, weil es mir nun möglich ist - den ganz großen Schritt zu tun, und

 

"Mein friedliches Vietnam"

als Ganzleinen-Ausgabe mit Schutzumschlag
neu herauszubringen.

 

Und das zum gleichen Preis, wie er einst für die Taschenbuchausgabe zu berappen war - ganze 14,80 €.

Allerdings nur für Subskriptionsbesteller - und die Subskriptionsfrist läuft am 31. Januar 2011 ab. Also, nicht mehr allzulange überlegen!

Hier ist der Link

schnell und direkt zur Subskriptionsbestellung.

 

Vorher zu Buchvorstellung und Leseprobe?
... und die Allgemeinen Geschäftsbedingungen finden Sie hier



Nach dem 31. Januar 2011 verteuert sich der Titel im regulären Verkauf um volle fünf auf 19,80 Euro.


Warum ist das so?

Der auf vier Paukenschläge aufgeteilte Text "Dienstleistungsgesellschaft - Utopie mit Charme" hat nicht bei allen Besuchern dieser Seite und nicht bei allen Beziehern des Newsletters Anklang gefunden. Die Daten für diese Grafik zeigen jeweils die Besucher innerhalb der ersten beiden Tage ab Veröffentlichung in Prozent von den durchschnittlichen Besucherzahlen aller Paukenschläge.

Da ist also letztlich nur ein Drittel dran geblieben. Schade.
Ich hatte mir mehr Resonanz erwartet.

Auch die üblichen "Content- und Linkverbreiter" haben längst nicht alle zugegriffen und den Text übernommen bzw. verlinkt - und an der Front der Kommentatoren ist es verhältnismäßig still geblieben.

Ich gehe in mich.

Und Sie könnten mir sagen, was Ihrer Meinung nach Schuld daran war.
Hier können Sie abstimmen 

 

 

 

 

 

 

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Reaktionen auf diesen Paukenschlag


Hallo Herr Kreutzer, und vielen Dank für dieses Thema!

Die suche nach „Alexanders Schwert“

Ihren Gedanken folgend gerät man wieder mal leicht ins Schwärmen. (übrigens auch beim „Sätze bauen“! Da haben Sie ja wieder ein paar Abschnitte „rausgehauen“…dass ist einfach nur Spitze!)

Mich fasziniert dieser Gedanke, mit diesen einfachen Regeln eine Gesellschaft umzubauen. Natürlich ist es meist der einfache und offene Weg, der zum größten Erfolg führt. Im Gedanken durch Ihre einfachen Ansichten inspiriert, baue ich bereits seit Jahren an einer Zukunft für dieses komische Gebilde der Menschheit. Die Familie, die ich wie viele andere auch, selbstverständlich und mit der von Ihnen erwähnten heiteren Gelassenheit lebe, ist für mich einer der wesentlichen Eckpfeiler und Antriebe.

„In einer Familie bringt jeder ein, was er einzubringen vermag, und alle partizipieren. Das schließt gelegentliche Meinungsverschiedenheiten, auch Streit und Rangordnungskämpfe nicht aus, im Gegenteil, es ist normal, denn so eine Familie ist ja nichts Statisches. Geburten und Todesfälle, Heiraten und Scheidungen mischen die Familie immer wieder neu durch, schaffen neue Strukturen, verändern die Rollen. Dass Familienmitglieder ausgeschlossen oder verstoßen werden, ist jedoch die seltene Ausnahme. Das Wissen um die Chance, wenn es ganz hart kommt, in "den Schoß der Familie" zurückkehren zu dürfen, ist seit Menschengedenken der Rettungsanker für verlorene Töchter und Söhne.“

Die Familie als Hort der Gesellschaft…

Aber wie vielen ist dieser Hort bereits der einzige und letzte Grund überhaupt noch bei diesem Spiel mitzuspielen!? Wie Viele reiben sich vergebens Tag für Tag auf um diesen Hort zu retten und verzweifeln daran? Das Umfeld, die Gesellschaft, hat sich/wird längst in eine andere Richtung bewegt. Wo ist das Spiel „Vater – Mutter – Kind“ geblieben? Vater und Mutter müssen arbeiten und das Kind kommt in die KiTa., sonst reicht das Geld nicht mehr. Wovon werden die KiTas denn bezahlt? Die Einsicht auch hier, dass alles und jedes in dieser Gesellschaft von eben den 25 Millionen wirklich Beschäftigten bezahlt wird, muss erst noch reifen. In der Zwischenzeit reißt man die bewährten Systeme weiter auseinander und packt die einzelnen Komponenten in Schubladen. Flexibler Arbeitsmarkt, „Geiz ist Geil“ Mentalität, erlösgetriebener Wachstum und viele andere, sind in Stahl gemeißelte Etiketten auf den Schubladen der Archive. Bei Bedarf wird die entsprechende Schublade aufgezogen, der Inhalt auf den Boden geworfen und neu sortiert. Dabei passiert es immer wieder, dass einzelne Seiten zertreten und weggeworfen, andere wiederum falsch einsortiert werden. Somit muss dieses riesige Archiv der Gesellschaft, dieser unförmige Berg an Wissen und Nichtwissen lückenhaft und ständig falsch interpretiert werden. Das ist aber genau das, was ein kleiner Teil dieser Gesellschaft auszunutzen weiß. Das Lenken in eine vorgegeben Richtung, ist für die Seilschaften der Herrschenden nur ein weiterer Hammerschlag nach links oder rechts auf den nächsten Anker. Alle folgenden Seile laufen durch diesen Anker und die Aufsteiger klammern sich fest an den Nächsten und den Nächsten…bis sie selbst den Gipfel erklimmen und ihren Vorkletterer den Berg hinunter stoßen.

Wo liegt die Krux? (ein schönes Wort haben Sie da wieder eingebracht…)

Die Familie ist eine der Komponenten und Kompetenzen in der Gesellschaft, die noch weiter auseinander gerissen werden soll. Meines Erachtens ist dies ein wesentlicher Bestandteil der Strategie.

Die grundlegenden Sozialkompetenzen werden in der Familie geschaffen. Alles was folgt, ist nur noch schwer vermittelbar und muss durch intensive Einflussnahme in Kindergärten oder Schulen in jahrelanger Kleinarbeit eingetrichtert werden. Gab es jedoch schon vorher wesentliche Versäumnisse in der Erziehung, die während der Schulzeit meist aus Zeitgründen eh nicht mehr korrigiert werden können, bleibt meist nur noch das verzweifelte Bemühen einer mehr oder minder engagierten Lehrerschaft, denjenigen irgendwie durchzubringen. (ich möchte eigentlich, ausdrücklich keine Klischees anwenden, trotzdem bleibt diese Darstellung aus Platzgründen natürlich einseitig). Das Niveau fällt in diesem Teufelkreis natürlich stetig und die Menge an begabten Menschen, die ohne zu Pauken durchkommen, weil es ihnen einfach gegeben ist, wird auch immer geringer.

Darüber wachsen der Unmut und die Wut in der Gesellschaft. Doch die fehlende Kompetenz sorgt wiederum dafür, dass die Ventile an den falschen Stellen geöffnet werden. Die Sinnlosigkeit, die Unerreichbarkeit gepaart mit der Überflutung von Reizen ist allgegenwärtig. Der Kreis schließt sich.

Um das alles zu kompensieren bauen wir uns virtuelle Welten. Einfach und unschuldig ausgedrückt: wir führen zwei Leben gleichzeitig. Aber wir wissen nicht mehr, welches der Wirklichkeit entspricht.
Unsere Persönlichkeit wird mit wachsender Begeisterung öffentlich zur Schau gestellt. Die Persönlichkeitsrechte, erreichen eine immer niedrigere Schwelle. Meistens ist diese Persönlichkeit aber nur das Bild, das wir selbst von uns generieren und nicht das, was wir tatsächlich sind. Ob es nun der Teenager ist, der glaubt er habe jetzt 1250 Freunde oder Herr Ackermann, der glaubt, er habe jetzt mit seiner x Prozent Dividende tatsächliche Werte geschaffen. Die Beispiele scheinen so verschieden und doch, es ist beides nicht real. Real sind leider nur die Auswirkungen, die diesem Verhalten folgen.

Die Regeländerungen, die Sie beschreiben, sind meiner Meinung nach schon der zweite Schritt. Aber vielleicht müssen wir diesen zweiten Schritt zuerst gehen, um sicher zustellen, dass die grundlegenden Komponenten in dieser Gesellschaft nicht einfach aus Gründen der Liquidität zertreten und unauffindbar abgelegt werden. Für die Herrschenden ist das kein Problem. Die können ihre Archive nach 10 Jahren entsorgen. Offiziell, ganz ohne Folgen.

Doch was sind schon 10 Jahre, für eine Gesellschaft, die seit Jahrtausenden nach dem richtigen System sucht?
_____________

Herrje! Die Götter lachen sich doch tot wenn sie auf uns herabschauen und sehen, dass wir uns aus Gründen selbst auferlegter Sachzwänge, das bisschen Glück, das bisschen Leben versauen!
_____________

Der Ansatz, diesen bedruckten Zetteln endlich reelle Werte gegenüber zu stellen begeistert mich natürlich ebenso. Ich hoffe wir finden alle den Mut, an den richtigen Stellen die entsprechenden Vorbereitungen zu treffen!

Ich bin gespannt auf den nächsten (Pauken-) Schlag ins Kontor!
Ansonsten sach ich noch, dat et mich widderma gefreut hat!

Grüße aus Bottrop!


Sehr geehrter Herr Kreutzer,
ja, prima, gut gelungen.

Den Teil mit der Produktivität und dem besonders in Wahljahren grassierenden Vollbeschäftigungswahn predige ich schon seit Jahren. Interessant die Reaktionen darauf. Nicht selten erntet man erst mal hochgradig irritierte Blicke, wenn man nur den leisen Zweifel an der Notwendigkeit der Vollbeschäftigung anmeldet - besonders wenn diese Vollbeschäftigung durch ganz offensichtlich nutzlose Arbeiten und nur um ihrer selbst Willen erzeugt werden soll.

Als besonders schlimm empfinde ich die Zeitgenossen, die aus einer gestiegenen Produktivität und daraus resultierendem Minderbedarf an insbesondere mechanischer, stupider und körperlich anstrengender Arbeit die glorreiche Schlußfolgerung ziehen, daß man, um wieder Vollbeschäftigung zu erreichen dann eben die Produktivität wieder absenken müsse.

Daß man durch eine gestiegen Produktivität frei werdenden Kapazitäten auch anders nutzen könnte, beispielsweise indem man sich kreativeren Tätigkeiten widmet, scheint dabei irgendwie keiner zu bemerken. Aber es heißt ja bekanntlich "Du sollst Dein Brot im Schweiße deines Angesichts verdienen!". Von Kreativität oder gar Freude an einer anderweitig sinnstiftenden Tätigkeit steht da schließlich nichts geschrieben.

Bin gespannt auf Teil 2.

Mit freundlichen Grüßen,

Ein sehr interessanter Artikel.

Ich habe mir über dieses Thema auch schon meine laienhaften Gedanken gemacht.

Leider bin ich zu dem Schluss gekommen, dass man, wenn man etwas an diesem System verändern will, weltweit oder zumindest zusammen mit den wirtschaftlich stärksten Ländern anfangen muss. Als kleines Land (D) hat
man keine Chance. Man wird unweigerlich von den anderen sanktioniert. Und dann ist wieder alles im Eimer. Leider.

Mit freundlichem Gruß

Anmerkung von Egon W. Kreutzer:
Nur keine falsche Bescheidenheit. In Europa sind wir wirtschaftlich die No. 1, den Rang des Exportweltmeisters werden wir womöglich an China abgeben, aber immer noch ganz vorne dabei mitmischen - und zu den bevölkerungsreichsten Ländern der Welt gehören wir auch (Platz 15 von ungefähr 200).


Lieber Herr Kreutzer,

immer noch sehr richtungsweisend und nachdenklich machend, dieser dritte Paukenschlag ins neue Jahr. Danke sehr!

offensichtlich entscheiden im heutigen Geld- und Banken-System einzig und alleine die Investitionen der Unternehmerwelt darüber, inwieweit die realen Bedürfnisse der Bevölkerung versorgt werden dürfen. Der reale Bedarf selbst wird dabei gar nicht berücksichtigt. Das ist schon etwas mehr als merkwürdig:

Die Profiterwartungen der Investoren bestimmen heute darüber, inwieweit der reale Bedarf der Bevölkerung versorgt
werden darf oder eben auch nicht versorgt werden darf! Dabei müsste es doch umgekehrt sein: Der reale Bedarf der Bevölkerung müsste doch die Aktivität von Produktion und der dazu notwendigen Investition steuern! Oder?

Um dies aber (wieder) in die richtigen Reihenfolge zu bekommen, müssen die Haushalte (privat oder öffentlich) auf irgend eine Weise, die Information, über den jeweils bestehenden Bedarf der Haushalte, an die Produktionsstruktur übermitteln können. Das wäre dann der Fall, wenn sich die genannten Haushalte im Voraus für ihren Bedarf "verschulden" und mittels dieser Kreditinanspruchnahme die notwendigen Konsummittel (oder öffentliche Investitionen in die Infrastruktur) kaufen würden. Dieses "Verschulden" der Haushalte übernimmt dann dabei, sozusagen, die Aufgabe einer "Warenbestellung" an die investierenden Unternehmen.

Die Kreditinanspruchnahme der Haushalte, welche den genannten Konsum finanzieren soll muss aber unbedingt gewinn- und zinsfrei organisiert werden, da nur so die gewinnwirtschaftliche Produktionskette vom Rohstoff bis zum Endprodukt, immer wieder, finanziell, ein nicht-eskalierendes Ende finden kann. Das bedeutet, dass die Infrastruktur für die Produktion, zwar verzinslich sowie kollateral- und termingebunden finanziert bleiben kann, dass aber die nun hinzukommende
Selbstfinanzierung der Haushalte unbedingt unverzinslich organisiert sein muss. Dies kann durch ein zusätzliches Buchungssystem namens "Übertragbares (umlaufendes) Zahlungsmittel" bewerkstelligt werden. Hier sei auch noch erwähnt, dass man mit dieser Anordnung sogar dem bisherigen Wachstumszwang aus dem Wege gehen kann.

Entscheidend ist dabei auch noch, dass man für die Finanzierung der Bedarfsdeckung der Haushalte tatsächlich keine Banken benötigt. Ganz einfach deshalb, weil übertragbares, gebuchtes oder auch bares, "Umlaufendes Zahlungsmittel" selbst schon ein Kreditvergabesystem darstellt. Zahlungsmittel ausgeben bedeutet hier "sich verschulden" und
Zahlungsmittel einnehmen "sich entschulden". Gläubiger dieses, bisher kaum explizit erkannten, Kreditsystems ist dabei immer die Gemeinschaft.
"Umlaufendes Zahlungsmittel" ist ein Freikreditsystem. Immer wieder ist es gerade das Trivialste, was nicht richtig erkannt wird...

Bin wirklich gespannt, wie es am nächsten Donnerstag weitergeht!

Beste Grüße...



Hallo, Herr Kreutzer!
Der Paukenschlag hat in seiner Qualität nichts eingebüßt, eher im Gegenteil.

Allerdings kann ich Ihrem Argument nicht folgen: Natürlich MÜSSEN die Steuern erhöht und streckenweise eingeführt oder wieder eingeführt (Vermögenssteuer) werden, allerdings dort, wo Geld zu holen ist, dann hat der Staat Mittel zum
Wirtschaften!

Mit dem berühmten Bedrucken von Papierschnipseln allein ist es nicht getan. Es geht doch im Endeffekt darum, wer die bekommt, ohne daß sich die Gesamtmenge an Geld erhöht. Egal, wieviel Tonnen Tausendeuroscheine die EZB rauswirft, sie werden nach den gehabten Modus verteilt und gehen an der Masse der Menschen (also rund 80%) vorbei und landen dort, wo sie jetzt schon liegen, wo sich dann wirklich eine Katastrophe anbahnt, denn mit der Masse an Geld kann kein neuer Mehrwert erzeugt werden, solange dieser nicht auch abgenommen wird. Somit wird es einfach buchstäblich totes Kapital.

Also, meine Meinung: Hoch mit den Steuern! Her mit Erbschafts- und Vermögenssteuern!
Und eine Solidaritäts-Sondersteuer i.H.v. 16% auf alle Vermögen über 100 Mio. Nennwert (analog zum antiken Rom), und eine Nettorenditesteuer von 80% bei einem Freibetrag von 1 Mio. Jahresrendite - ich denke, da brauchen wir kein Geld zu drucken, es ist da! Unsere Obrigkeit sollte sich mal mehr Gedanken darum machen, wie sie das holen
kann! Liquide Mittel sind dafür da, wie sie heißen: Sie müssen fließen!

Mit besten Grüßen!

Anmerkung von Egon W. Kreutzer:

Danke für Ihre Reaktion auf diesen Paukenschlag,
Sie wissen, dass ich durchaus seit vielen Jahren unverändert für die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, für die Erhöhung der Steuern auf höchste Einkommen und für eine Transaktionssteuer eintrete. Daran hat sich natürlich nichts geändert.
Allerdings, und das ist die Crux mit den Aufsätzen unterhalb von 200 Seiten, man kann nicht immer auf alles eingehen, was man erläuternd noch zu sagen hätte.

Einfach auf dem Stand der realen Staatlichkeit unseres Landes gesehen, führen Steuererhöhungen (und da wird ja nur noch an die Mehrwertsteuer gedacht!) zu Kaufkraftverlusten. Wenn höhere Einkommen und Vermögen besteuert werden, könnte (muss nicht, aber könnte) ebenfalls eintreten, dass die Betroffenen ihre Sparleistungen in gleicher Höhe halten und lieber den Konsum einschränken. Zudem muss leider immer noch damit gerechnet werden, dass die Steuerpflichtigen die Steuerplicht einfach ablegen. So wie der Raucher die Tabaksteuer nicht entrichtet, wenn er keine versteuerten Zigaretten mehr kauft, wird auch der Vermögende in Deutschland keine Steuern auf sein Vermögen zahlen, wenn er es in ein Steuerparadies verlegt.

Sie sehen, alle diese Argumente, die ich im Kopf hatte, aber nicht hingeschrieben habe, würden wieder neue, umfangreiche Diskussion auslösen, warum das so ist und wie man es verhindern könnte/müsste/sollte. Damit aber rutsche ich so weit vom eigentlichen Thema weg, dass ich den Fallstrick gar nicht erst erwähnt habe ...

Die Sache mit den Papierschnipseln wird Ihnen sicherlich nach der Lektüre des zweiten Teils eher einleuchten.
Ich gehe da noch darauf ein.




Hallo Herr Kreutzer,

Sie müssen, glaube ich, für Ihre Standardwerke, mal wieder massiv die Werbetrommel rühren. Mir scheint dass einige Ihrer Stammreaktionäre Ihre dargestellten Alternativen noch nicht kennen…

Das tue ich doch glatt! Hau'n Sie drauf, mit der Maus, auf die Blechtrommel!

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