Paukenschlag am Donnerstag
No. 3 /2010
vom 21. Januar 2010

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Werbung ist Krieg

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Werbung ist Krieg
Eine Frau,

vielleicht Mitte 30, versucht seit Jahren, immer in der Erkältungszeit, vor fast jeder Nachrichtensendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, uns weiszumachen, sie habe sich infiziert: "Spätestens Morgen hat es mich dann voll erwischt!", sagt sie mit krächzender Stimme - und ist doch wunderbarerweise am nächsten Tag immer noch nicht krank - sie fühlt sich nur weiterhin und unermüdlich, Tag für Tag "Voll erwischt."
 
Ein quietschfideler Herr
 
im prostatarelevanten Alter träumt nur noch davon, nachts weniger müssen zu müssen - doch dann, oh Schreck, platzt bei ihm die Blase. Tagtäglich.
Ekelhaft, auch wenn es nur eine Spruchblase ist.
 
Ein Schwiegervater in spe
 
hält den Fahrer eines großen Autos, das die Umwelt nach Herstellerangaben um einen Deut weniger belastet als die anderen ganz großen Autos, für einen Hippie, dem er seine Tochter unter keinen Umständen anvertrauen möchte.
 
Eine Bank
 
quatscht uns nimmermüde zu, mit ihrem Slogan von der Leistung aus Leidenschaft, und verspricht dem umworbenen Anleger sagenhafte 2,5 % Sparzinsen, ohne auch nur mit einer Silbe zu erwähnen, dass höhere Sparzinsen nur deshalb nicht gezahlt werden können, weil diese das Renditeziel der Eigentümer der Bank, nämlich eine Kapitalrendite von 25 Prozent jährlich zu erreichen, gefährden würden.
 
Käse
 
mit besonders runden Ecken und besonders aromatischer Käse sowie besonders leichter Käse und besonders besonderer Käse wetteifern mit allerlei natürlichen und artifiziellen Brotaufstrichprodukten aller Art um unsere Gunst.
 
Teewürste,
 
Kräuterliköre und eingelegte Gurken, alles nach uralten Geheimrezepten, und Gefriertorten, von denen - nicht zu Unrecht - die Sage geht, keine schmecke so wie diese, wollen gekauft und verzehrt werden.
 
Zahncremes,
 
wohlschmeckende wie antibakterielle, antiplaquetuelle und antiverfärbuelle, dazu unlösbar haftende Haftcremes, unendlich zarte Handcremes, extrem faltenglättende Tag- und Nachtcremes, versprechen gesunde Schönheit und schönste Gesundheit.
 
 
Papiere von der Rolle,
 
reiß- und ribbelfest, wunderweich-sanft, holzfrei und chlorfrei gebleicht, verwöhnen die zarteste Haut ebenso wie 6-fach-federnd gelagerte, tiefergelegte und hinter Gittern eingesperrte Rasierklingen.
 
Spül- und Waschmaschinenchemie
 
als Tabs, als Perls und als Liquids, für die rückstandsfrei radikale und zugleich absolut schonende, ja sogar Farbe, Form und Glanz regenerierende Schmutz- und Fleckentfernung bei allen Temperaturen zwischen 15 und 95 Grad Celsius, versprechen - gender-mainstreamend - sowohl höchstes Hausmanns- als auch höchstes Hausmänninnen-Glück.
 
Im Briefkasten
 
vermehren sich die Wurfsendungen der ortsansässigen Filialen aller großen Handelsketten wie von selbst, dazwischen finden sich die Hochglanzprospekte der billigsten Optiker aller Zeiten und der schärfsten Sexshops zwischen Hildesheim und Wanne-Eickel, obendrauf, füllig und jede Woche dreimal neu, die aktuellen Sonderangebote der drei oder vier großen Supermärkte im Umkreis von 15 Kilometern - und irgendwo zwischendrin der immer wieder originelle Flyer des Pizza-Homeservices mit dem Knüller der Woche: Zur 128x96 cm Mega-Leichenschmauspizza gibt es diesmal - so lange der Vorrat reicht - eine 3-Liter- Flasche Lambrusco Landwein, garantiert europäischen Ursprungs, gratis.
 
Im World Wide Web
 
unterwegs, zwischen blinkenden, aufpoppenden, plötzlich aus den Lautsprechern losdröhnenden, der Maus impertinent ausweichenden Werbebotschaften, und zu versuchen, dennoch zum eigentlichen Ziel zu navigieren, ist eine hohe Kunst. Wer sie nicht beherrscht, wird sich immer wieder aufs Neue im Nirwana der Internetwerbung verlieren.
 
 
 
Werbung ist überall.
 
Im Fernsehen, im Rundfunk, in den Tageszeitungen, auf Plakatwänden und Litfaßsäulen, sie kriecht aus den Werbebildschirmen an den Bahnhöfen, springt uns von den Werbebildschirmen in den Wartezimmern der Arztpraxen ebenso an, wie von den als Bande benutzten Werbebildschirmen in den Stadien - und wenn gerade Saison ist, wuchern an allen Straßenecken die Plakatständer der Parteien und lassen die daraufgeklebten Kandidaten hoffnungsfroh ins Volk grinsen.
 
Die allermeiste Werbung ist dabei einfach nur doof, zielt mit dem Holzhammer auf archaische Triebe und niedere Instinkte, versucht die Eitelkeit des Kunden auszunutzen und wird, damit sie auch ankommt, bis zum Erbrechen wiederholt.
 
Ein kleiner Teil der Werbung bemüht sich, den potentiellen Käufer mit Humor zu überlisten. Ein winziger Teil appelliert sogar an die Intelligenz der Zielgruppe, beziehungsweise an das, was die Kreativen in den Agenturen und ihre Auftraggeber dafür halten.
 
Werbung, die wahre und vollständige Informationen über das beworbene Produkt transportiert, die neben seinen Vorteilen auch die Nachteile anspricht, die nicht nur den attraktiv erscheinenden Preis, sondern auch die Betriebs- und Folgekosten nennt und einem potentiellen Kunden auch einmal vom Kauf abrät, wenn das Produkt nicht für ihn passt, ist so selten, dass mir lange keine mehr unter die Augen gekommen ist.
 
 
Fakt ist, dass auch noch die fieseste und blödeste Werbung,
die man uns zumutet, funktioniert.
 
Warum das so ist, hat Vance Packard schon 1957 in seinem vielbeachteten Buch
 
"Die geheimen Verführer - der Griff nach dem Unbewussten in jedermann"
 
beschrieben. An den wesentlichen Prinzipien, mit deren Hilfe die Werbung den Verstand der Konsumenten ausschaltet oder austrickst, hat sich seitdem nichts geändert. Der gravierende Unterschied zu 1957 ist, dass heute die Reaktionen der Kunden sehr viel schneller, sehr viel besser und präziser erfasst und ausgewertet werden können, als das damals der Fall war, was eine schnelle und gezielte Optimierung der Marketingstrategie und der Werbemaßnahmen ermöglicht.
 
  • Plakatwände hinter denen Kameras montiert sind, die die Gesichtszüge der Passanten beim Wahrnehmen der Werbung aufnehmen und ihre Bilder an Computer senden, die diese Reaktionen auswerten,
  • Kundenkarten jeder Art, die dem Einzelhandel verraten, wer sich regelmäßig mit welchem Mix aus Joghurt, Müsli, Frischgemüse und Präservativen oder aus Fertigmenüs, Pralinen, Cognac und Erotikmagazinen versorgt, und wie sich das Einkaufsverhalten der Karteninhaber infolge neuer Werbebotschaften verändert - oder nicht,
  • Cookies und Consorten, die jeden Internetuser begleiten, seine Suchanfragen protokollieren, seine Interessen erforschen, seine Einkäufe im Netz protokollieren und festhalten, auf welche Reize er anspricht,
  • Raffinierte Instrumente zur Erfolgsmessung von Werbebotschaften in Testmärkten,
  • usw.
  • usw.
 
alles das ermöglicht heute eine Feinsteuerung der Werbemittel, die jedem, der sich dieser Mittel und Methoden bewusst ist, gespenstisch erscheinen muss - denn der Versuch, der allgegenwärtigen Werbung zu entkommen, ist - will man nicht auf eigene Kosten zum Eremiten umschulen - aussichtslos.
 
Doch die Erscheinungsformen der Werbung, denen wir tagtäglich unentrinnbar ausgesetzt sind, sind nur die Spitze des Eisbergs, die Blüten der Verlockung. Sie lassen von dem Dschungelkrieg hinter den Kulissen, von dem unerbittlichen Zwang zu immer mehr Werbung, dem fast alle Unternehmen unterliegen, nichts ahnen.
 
 
Werbung ist Krieg.
 
Die Sieger in diesem Krieg gehen als Marktführer vom Schlachtfeld und verdienen sich ab dann dumm und dämlich.
 
Die Verlierer gehen in Insolvenzen und Übernahmen, in Geschäftsaufgaben und Totalausverkäufen unter.
 
 
Die Größenordnungen
 
Rund 30 Milliarden Euro fließen in Deutschland jährlich in die Werbewirtschaft. Das scheint, gemessen am BIP nicht viel, gerade einmal 1,25 Prozent. Kann dieses bisschen Geld tatsächlich zur kriegsentscheidenden Größe werden?
 
Oh ja. Doch zunächst einmal gilt es, die wahren Relationen aufzuzeigen.
 
Mit den 30 Milliarden, die in Deutschland jährlich von der Werbewirtschaft verbraten werden, zielen die Wirtschaftsunternehmen nicht auf die volkswirtschaftliche Gesamtleistung, sondern fast ausschließlich auf jenen Teil, der den Konsumenten davon als Kaufkraft zur Verfügung steht. Das ist weit weniger.
 
Die Arbeitnehmerentgelte, einschließlich der Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung machen brutto gerade einmal die Hälfte des BIP aus. Wenn Steuern und Sozialversicherungsbeiträge sowie die zurückfließenden Transferleistungen aus dem Steuersäckel und aus den Sozialkassen berücksichtigt werden, bleiben davon als freie Kaufkraft der Konsumenten noch etwa 800 Milliarden zur Verfügung.
 
Feststehende Ausgaben, wie Miete und Nebenkosten, Zins und Tilgung, langfristig laufende Versicherungsverträge mindern das per Werbung erreichbare Nachfragevolumen weiter, während es durch die Vergabe neuer Kredite erweitert wird.
Ich gehe in meinen Abschätzungen davon aus, dass sich die Gesamtaufwendungen der Werbewirtschaft in Deutschland auf ein Kaufkraftvolumen von rund 600 Milliarden Euro jährlich beziehen. Mag sein, dass es 50 oder 100 Milliarden mehr oder weniger sind - das ist gar nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass das Volumen der Massenkaufkraft von nur zwei Faktoren abhängt, nämlich von den Lohnabschlüssen und vom Kreditgebaren der Banken, und durch Werbung allenfalls marginal beeinflusst werden kann.
 
 
Werbung kann folglich
- mangels Einfluss auf die verfügbare Kaufkraft -
kein Wirtschaftswachstum hervorbringen.
 
Die Theorie, Werbung alleine könne Mehr-Umsätze generieren, die zu Wirtschaftswachstum führen, ist irrig.
 
Werbung zielt einzig darauf ab, den Umsatz des werbenden Unternehmens und damit seinen Marktanteil zu Lasten der Konkurrenten zu erhöhen oder zumindest zu halten. Die betriebswirtschaftliche Begründung dafür ist vielschichtig. Ein wesentlicher Ansatzpunkt findet sich in der sogenannten Fixkostendegression. Das klingt kompliziert, und ist eigentlich ganz einfach.
 
Fixkosten sind jene Kosten, die unabhängig vom Umfang der Produktion bzw. des Umsatzes in unveränderter Höhe dauerhaft anfallen. Das Gegenteil sind die variablen Kosten, die jedem einzelnen erzeugten Produkt, hauptsächlich in Form von Material- und Lohnkosten, direkt zugerechnet werden können.
 
 
Die verheerende Wirkung der Werbung auf den Markt.
Dargestellt an einem fiktiven Beispiel:
 

Hat ein Unternehmen einen Investitionskredit von 5 Millionen Euro aufgenommen und muss dafür jährlich 300.000 Euro Zinsen zahlen, dann handelt sich bei den Zinsen um Fixkosten.

Auch die Abschreibung für die Investitionen, die 10 Jahre lang jährlich 500.000 Euro ausmacht, gehört zu den Fixkosten, die vollkommen unabhängig davon anfallen, wie viel produziert und verkauft wird.

Nehmen wir an, dieses Unternehmen verkauft hochwertige Regenschirme zum Preis von 15 Euro pro Stück an den Fachhandel,
nehmen wir weiter an, das Unternehmen muss pro Regenschirm Material- und Energiekosten in Höhe von 2 Euro sowie Lohnkosten in Höhe von 3 Euro aufwenden.
 
So bleibt (wenn wir alle anderen Kosten ausklammern) pro Schirm ein sogenannter "Deckungsbeitrag" von 10 Euro. Diese 10 Euro pro Schirm müssen nun zunächst verwendet werden, um die Fixkosten in Höhe von 800.000 Euro jährlich zu decken.
 
Das wiederum bedeutet:
  • erst wenn 80.000 Schirme verkauft sind, sind die 800.000 Euro Fixkosten von den "Deckungsbeiträgen" gedeckt.
  • Bis zum Schirm Nummer 79.999 macht das Unternehmen Verlust.
  • Erst mit Schirm Nummer 80.000 schreibt das Unternehmen eine schwarze Null.
  • Doch ab Schirm Nummer 80.001 wirft jeder weitere verkaufte Schirm 10 Euro Gewinn ab.
Nehmen wir nun an, unser Schirmproduzent könnte - aufgrund der Qualität seiner Produkte, die ihnen den Platz in den Regalen der Schirmfachgeschäfte sichert - ohne jeden Werbeaufwand pro Jahr 120.000 Schirme absetzen, so ergibt sich ein Jahresgewinn von 400.000 Euro.
 
Damit ist unser Schirmfabrikant recht zufrieden, er legt die Hände in den Schoß und freut sich seines Daseins.

Da schlägt er eines Tages, es ist Ende Oktober, seine Lieblings-Illustrierte auf.

Und was springt ihm ins Gesicht?

Eine ganzseitige Farbannonce der fernöstlichen Konkurrenz, mit der die neuen, modischen Modelle der Herbst- und Winterkollektion angepriesen werden.

Das macht ihn unruhig.
 
Für eine angemessene Reaktion sei es bereits zu spät, erklärt der stellvertretende Direktionsassistent einer namhaften Werbeagentur. Die Kampagne der Konkurrenz, die sich ja nicht auf diese eine Illustrierte und diese eine Ausgabe beschränkt, erreiche gut und gerne 70 bis 80 Prozent der Zielgruppe, meint er, und diese Zielgruppe sei eine modebewusste Zielgruppe, die auf neue Trends schnell reagiert und sich von der gut gemachten Kampagne sicherlich beeinflussen lässt - für heuer sind die Schirme verkauft.
Aber für nächstes Jahr könne man miteinander eine eigene Kampagne entwickeln, um dem Verlust an Marktanteilen, der sicherlich zu erwarten ist, kraftvoll und kreativ entgegen zu treten.
 
Tatsächlich geht der Schirmabsatz unseres Herstellers in diesem Krisenjahr auf knapp unter 80.000 Stück zurück. Statt 400.000 Euro Gewinn schreibt er einen kleinen, aber dennoch schmerzhaften Verlust.

Die Agentur entwickelt ein Konzept - und stellt dafür 60.000 Euro in Rechnung.

Für die Realisierung der Kampagne, die über vier Wochen lang, von Mitte Oktober bis Mitte November mit vielen intelligenten, viertelseitigen Farb- und Schwarz-Weiß-Anzeigen in ausgewählten Printmedien laufen soll, werden rund 340.000 Euro veranschlagt.

Die Bank des Schirmfabrikanten bewilligt einen auf ein Jahr Laufzeit begrenzten Kredit über 400.000 Euro - und weil das Risiko hoch ist, werden 10% Zinsen vereinbart.
 
Die Folge ist:
 
Die Fixkosten steigen von bisher 800.000 Euro auf 1.240.000 Euro.
 
Es müssen nicht mehr 80.000 sondern 124.000 Schirme verkauft werden, um die stückzahlunabhängigen Kosten, die jetzt auf 1,24 Millionen Euro gestiegen sind, bezahlen zu können, und
 
um den ursprünglichen Jahresgewinn von 400.000 Euro wieder zu erreichen, müssen 164.000 Schirme verkauft werden.
 
164.000 Schirme entsprechen aber einem Marktanteil von beinahe 20 Prozent im Segment höherwertiger Markenschirme, die zu Ladenpreisen zwischen 39 und 89 Euro zum Verkauf kommen. Das ist in einem Markt, den sich ein rundes Dutzend in- und ausländischer Hersteller teilen, ein verdammt großer Happen, um den hart gekämpft wird.

Aber lassen wir unseren Schirmfabrikanten mit Hilfe seiner Werbeagentur die Schlacht dieses Herbstes gewinnen.

Besser als erwartet werden seine Schirme nachgefragt, insgesamt werden sogar 194.000 Schirme verkauft.
 
Der Gewinn ist gestiegen,
 
allerdings nicht um 300.000 auf 700.000 Euro, wie erwartet, sondern nur um rund 150.000 auf 550.000 Euro. Es mussten neue Mitarbeiter eingestellt werden, die in der Anlernzeit noch nicht die volle Leistung erreichten, es gab Engpässe in der Materialversorgung, die durch teure ad hoc Einkäufe bei unbekannten Lieferanten überbrückt werden mussten, die Umstellung auf den 2-Schicht-Betrieb hat den Wartungsaufwand für die Maschinen erhöht und die Standzeiten der Werkzeuge verkürzt - und, was besonders schmerzt, der Anteil der Schirme, die wegen fehlerhafter Verarbeitung als Ausschuss entsorgt werden mussten, ist von 0,3 Prozent auf über 4 Prozent gestiegen. Trotzdem kam es zu einem Anstieg der Reklamationen und der Garantieleistungen.
 
Was hat die Werbung bewirkt?
 
Eine Hinwendung der Zielgruppe zu den Schirmen des Herstellers X - und die Abwendung der Zielgruppe von den Produkten der Hersteller A, B, C, ... bis Y.
 
Die Konkurrenz hat insgesamt 74.000 Schirme weniger verkauft als in normalen Jahren und damit etwa 740.000 Euro weniger verdient.
Der Hersteller X hat 74.000 Schirme mehr verkauft, als in normalen Jahren und damit etwa 150.000 Euro mehr verdient.
 
Insgesamt hat die Branche ein schlechteres Geschäft gemacht als in den normalen Jahren vor dem Beginn des Werbungskrieges.
 
Der eigentliche Gewinner ist die Werbewirtschaft, die ein Umsatz-Plus von 400.000 Euro erzielen konnte.

Der Zwang zum Weiterwerben
und weitere Zwangsläufigkeiten

Ein Wettbewerber, dessen Schirme zwar von hoher Qualität waren, aber fern aller modischen Strömungen seit Jahrzehnten in den gleichen Varianten von grau-uni, grau-gewürfelt, anthrazit-uni und anthrazit-fischgrät produziert und vermarktet wurden, hat aufgegeben. Das entspannt den Markt ein bisschen.
 
Drei weitere Wettbewerber hoffen einfach darauf, dass sich der Markt in der nächsten Saison normalisieren wird.
 
Sechs Wettbewerber beschließen, mit massiven Preissenkungen in den Markt zu gehen - und die asiatische Konkurrenz verdoppelt ihren Werbeetat und senkt die empfohlenen Ladenpreise um durchschnittlich 30 Prozent.
 
Unser Schirmhersteller hat dies von seiner Werbeagentur über deren Buschfunk erfahren, außerdem muss er ständig Anfragen von Fachhändlern nach seiner Preisliste für die neue Saison beantworten, da man seine Schirme nur noch ins Sortiment nehmen könne, wenn er sich den veränderten Marktpreisen einigermaßen anpasse.
 
Die Lage ist bedrohlich.
 
Letztlich wird beschlossen, die erfolgreiche Kampagne des Vorjahres mit leichten Modifikationen zu wiederholen, was wiederum 400.000 Euro + 40.000 Euro Zinsen kosten wird, und den Abgabepreis der Schirme um 20 Prozent von 15 auf 12 Euro zu senken, um den Handel nicht zu verprellen.
 
Das heißt, der Deckungsbeitrag pro Schirm sinkt von 10 auf 7 Euro.
 
Um die Fixkosten von 1,24 Mio Euro zu decken, müssen also 177.143 Schirme verkauft werden.
Selbst wenn der Rekordumsatz des Vorjahres mit 194.000 Schirmen wieder erreicht werden sollte, sinkt der Jahresgewinn von 550.000 auf 118.000 Euro.
 
Da eine weitere Steigerung des Werbeetats nicht möglich ist, schon alleine weil die Bank sich weigert, die Kreditlinie auch nur um einen Cent zu erweitern, wird ein Kostensenkungsprogramm beschlossen.
Die Personalkosten, die im Vorjahr eine Höhe von 582.000 Euro erreichten, müssen um 200.000 Euro auf 1,97 Euro pro Schirm sinken, die Materialkosten von zuletzt 398.000 Euro sollen um mindestens 82.000 Euro auf 1,63 Euro pro Schirm fallen, so dass ein Deckungsbeitrag von 8,40 Euro pro Schirm verbleibt und bei unverändertem Umsatz wenigstens wieder mit einem Gewinn von 400.000 Euro gerechnet werden kann.
 
Man beschließt, die Materialkosteneinsparung durch Materialeinsparung zu realisieren. Die Schirmflächen werden um 10 Prozent reduziert, das wiederum ermöglicht eine Verkürzung wesentlicher Teile der Aufspannmechanik, kleinere Schirmhüllen usw., und es wird eine leichtere Stoffqualität gewählt.
Durch Vereinfachung der Fertigungsprozesse, insbesondere durch den Wegfall von Prüfschritten während der Herstellung, wird es möglich, die Produktivität der Mitarbeiter soweit zu erhöhen, dass insgesamt 6 Arbeiter und ein Qualitätskontrolleur freigestellt werden können.
 
Die Kostenziele werden erreicht.
Die Umsatzziele nicht.
 
Trotz aller Anstrengungen können nur 120.000 Schirme verkauft werden.
Dem Gesamtumsatz von 1.440.000 Euro stehen Personalkosten von 382.000 Euro, Materialkosten von 316.000 Euro, Werbeaufwand von 400.000 Euro, Abschreibungen von 500.000 Euro und Zinslasten von 340.000 Euro gegenüber.
Es ergibt sich ein Verlust von 498.000 Euro - und im Lager stehen 74.000 unverkäufliche Schirme.
 
Im nächsten Sommer wird das Unternehmen an einen großen, international agierenden Konkurrenten verkauft. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart.
 
 
 
 
Werbung ist Krieg.
 
Den Konsumenten fällt dabei die Rolle von Bomben, Minen und Sprengfallen zu, und die Werbung liefert die Zünder, mit denen diese Sprengsätze zur Explosion gebracht werden.
 
Die Konsumenten, denen man einredet, blöd zu sein, wenn sie nicht den Sirenengesängen der Werbung folgen, sind natürlich auch dann nicht blöd, wenn sie ihnen folgen. Sie sind nur kurzsichtig.
 
Und so zerstören sie in ihrer Kurzsichtigkeit, mit dem guten Gefühl, eine gute, preiswerte Wahl getroffen zu haben, den Markt, die Vielfalt und den Wettbewerb.
 
Erst sind die Tante-Emma-Läden gestorben, dann die kleinen, kompetenten Fachhändler, jetzt kracht es bei den Großen. Baumärkte und Möbelhäuser, Drogeriemarkt- und Buchhandelsketten, Lebensmittelgroßverteiler, Schuh-Discounter, altmodische Kaufhäuser und Versandhändler sind angetreten, um die letzte große Schlacht um den Markt Europa auszutragen - im realen und im virtuellen Laden.
 
Von den Werbekampagnen der schon übergroßen Anbieter willenlos getrieben, wählen die Kunden - wie die dümmsten Kälber den Metzger - ihren künftigen Monopolisten selber.
 
Machen Sie endlich die Augen auf!
 
Großer Werbeaufwand ist kein Qualitätsmerkmal!
 
Schauspieler, die in Werbefilmen beglückt die Augen verdrehen,
wenn sie sich das beworbene Produkt in die Haare schmieren,
werden für diese Rolle engagiert und bezahlt.
Die nehmen das nicht selbst!
 
Sportler, die sich vor den Karren der Werbung spannen lassen,
haben womöglich ihr ganzes Leben lang hart trainiert,
um auf dem Umweg über die Goldmedaille zum
bestbezahlten Werbeschauspieler
mutieren zu dürfen.
 
 
Gute, nützliche und preiswerte Produkte verkaufen sich von selbst, solange sie nicht mit Hilfe aggressiver Werbung von schlechten, unnützen und überteuerten Produkten verdrängt werden, von Produkten die sich ohne massive Werbung gar nicht verkaufen ließen.
 
 
Versuchen Sie doch einfach einmal,
 
beim nächsten Einkauf nur solche Produkte in den Wagen zu legen, die Ihnen noch nie in der Werbung begegnet sind.
 
Und dann schreiben Sie einen Erfahrungsbericht über die Produkte, die Sie neu für sich entdeckt haben - beleben Sie die Mund-zu-Mund-Propaganda im Internet.
Ich werde - solange ich nachkomme - alles online stellen.
 

Zum Schluss eine wahre Geschichte:
 
Es war einmal eine Vertreterversammlung einberufen worden.
 
Der Vertriebsvorstand und seine Außendienstler mussten sich vom Vorstandsvorsitzenden der Gesellschaft übel beschimpfen lassen, weil sie die Verkaufsziele weit verfehlt hatten.
 
Da fingen die Vertreter an zu klagen:
  • Wenn wir gute Produkte hätten, die einen klaren Vorteil gegenüber der Konkurrenz bieten,
  • wenn wir Produkte hätten, deren Qualität anerkannt und durch Garantien abgesichert ist, oder
  • wenn wir wenigstens Produkte hätten, die nur so gut sind, wie die der Konkurrenz, aber entschieden billiger -

 

 

 
dann könnten wir die Verkaufsziele erfüllen.
 
Da erhob sich der Vorstandvorsitzende, trat ans Rednerpult und sprach:
Sie sollten dankbar sein, dass Sie die Gelegenheit haben, genau die Produkte zu verkaufen, die wir im Angebot haben.
 
Hätten wir die Produkte im Angebot, die Sie sich wünschen, meine Herren, dann bräuchte ich Sie nämlich nicht.

 

 

 

 

 

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 Information
(Oder doch auch nur wieder Werbung?)
Der EWK-Verlag, Kühbach-Unterbernbach, hat Bücher im Programm, deren Besonderheit darin besteht, dass es diese Bücher mit diesen Inhalten von anderen Verlagen nicht gibt.
Um diese Bücher möglich machen und auch in kleinsten Auflagen zu noch vertretbaren Preisen anbieten zu können, hat der EKW-Verlag einerseits auf jedwede Werbung außerhalb der eigenen Webseiten verzichtet und andererseits mit einem eigenen, einfachen und preiswerten Produktionsverfahren Taschenbücher hergestellt, deren handwerkliche Qualität jedoch eher als ausreichend, denn als befriedigend zu bezeichnen war. Doch von Anfang an kam es dem Verlag und seinen Kunden mehr auf den Inhalt der Bücher an, als auf Äußerlichkeiten.

Der Erfolg dieser Strategie war und ist ein allmähliches, gesundes Wachstum. Dieses Wachstum hat uns an die Grenzen unserer Möglichkeiten gebracht, weiterhin alle Bücher selbst zu produzieren.
Im letzten Jahr haben wir begonnen, Neuerscheinungen und die laufende Nachproduktion von "Longsellern" an professionelle Buchdruck- und Buchbinderbetriebe zu übertragen, was uns ermöglicht hat, neben den traditionellen EWK-Taschenbuchausgaben, einzelne Titel auch in Hardcover-Ausführung herauszubringen. Wir werden damit auch in diesem Jahr fortfahren.

 Unsere lieferbaren, professionell produzierten Titel im Überblick

Nicole Engbers

Der Hase Donnerstag
und die anderen Tiere aus dem Wäldchen hinter dem Mond

Ein Kinderbuch zum Vor- und Selberlesen für Vier- bis Achtjährige

120 Seiten, farbig illustriert, Hardcover, geb. Ladenpreis: 15,95 €

 

Michael Brückner

Exzellenz in der Nische
Ein Buch über die Menschen, die in kleinen, aber feinen
Manufakturen Meisterwerke der Uhrmacherkunst hervorbringen?

148 Seiten, farbige Abbildungen, Hardcover, geb. Ladenpreis 17,50 Euro

 

Samirah Kenawi

Falschgeld - Die Herrschaft des Nichts über die Wirklichkeit
Ein Buch über das moderne Geld, über die Probleme die es zwangsläufig erzeugt und über einen Weg zur Lösung dieser Probleme.

312 Seiten, viele Tab. und Abb., ausführliches und sehr nützliches Literaturverzeichnis,
Softcover, geb. Ladenpreis 18,80 Euro

 Egon W. Kreutzer

Zeitgemäße Gemeinschaftsverpflegung, Lösungen für Kantine, Cafeteria und Co.
Ein für den Praktiker geschriebener, betriebswirtschaftlich fundierter Ratgeber für Träger und Betreiber von GV-Einrichtungen.

240 Seiten, viele Tab. und Abb., Checklisten und Anleitungen, Softcover, geb. Ladenpreis 18,80 Euro

(Dieser Titel befindet sich aktuell in Produktion, wieder lieferbar ab 27. Januar 2010)

 

Isabel Horstmann

Im Dschungel der Maßnahmen

Die Autorin, die selbst als "Bewerbungstrainerin" tätig war, übt begründete Kritik an den "Arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen"

202 Seiten. Softcover, geb. Ladenpreis 11,90 Euro

(Auch dieser Titel befindet sich noch in Produktion, wieder lieferbar ab 27. Januar 2010)

Egon W. Kreutzer

Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre

Band I, Unternehmer und Marktwirtschaft, 275 Seiten, Softcover, geb. LP 24,90 Euro
Band II, Globale Konzepte, 321 Seiten, Softcover, geb. LP 27,90 Euro
Band III, Über das Geld, 249 Seiten, geb. Ladenpreis 21,90 Euro
Band IV, Eigentum und Teilhabe, 193 Seiten, 18,90 Euro

Gesamtausgabe, alle vier Bände, geb. LP 78,50 Euro

 

Mirco Bohmeyer

Zeitwandel

Dr. Mirco Bohmeyer, der Anästhesist, bietet hilfreiche Gedanken zu vielen Veränderungsprozessen an, denen der Mensch im Laufe des Lebens unterworfen ist.

163 Seiten, Softcover, geb. Ladenpreis 9,80 Euro

 

 

Egon W. Kreutzer

Paukenschläge 2003 - 2008

Die besten Aufsätze aus 6 Jahren, ausgewählt von den Lesern der Online-Fassungen.

371 Seiten, Hardcover, geb. Ladenpreis 28,00 Euro

 
 
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Reaktionen auf diesen Paukenschlag


Sehr geehrter, stets gern gelesener Herr Kreutzer,

vielen Dank für Ihren »Paukenschlag« bezüglich der »Werbung«, die Sie als »Krieg« verstanden wissen wollen. Nach anfänglichem Zögern, kann ich Ihnen jetzt gerne folgen, möchte aber dennoch einige Überlegungen hinzufügen dürfen:

Keiner von uns kommt auf die Welt und kann bereits Lesen und Schreiben. Diese Fähigkeiten können von allen Menschen und oft viel später erst mehr oder weniger mühsam erlernt werden. Was wir aber schon viel früher als diese erlernbaren Fähigkeiten vermögen, ist »Abschauen« und spielerisches »Nachahmen«, eben »Ausprobieren«. Und wie Sie in Ihren »Gedanken zum Jahreswechsel 2009-10«, an dem Beispiel mit den Hühnerküken und dem Raubvogel, aus dem Buch von Hoimar von Ditfurth - »Der Geist fiel nicht vom Himmel« - sehr treffend zitierten, kommt es auf die erkennbaren »Unterschiede« dabei an, ob uns etwas auffällt oder nicht, ob wir einfach 'weiterfressen' oder besser 'flüchten'.

Wenn aber dem so ist, daß jeder Denkprozeß eines Gehirns hauptsächlich darin besteht, Vergleiche zu ziehen und zu versuchen, Unterschiede zwischen dem einen oder anderen, durch unsere Sinne »Erkennbarem«, zu entdecken, stellt sich logischerweise auch die Frage, welche Maßstäbe uns dabei als 'Beurteilungskriterien' in Erinnerung sind. Und diese basieren zumeist auf früheren Wiederholungen und eigener Erfahrungen. Nicht von ungefähr, spricht man auch von 'Vertrauen', weil gut bekannt, oder 'fremd', weil noch nicht oft genug 'gesehen', 'erlebt' oder 'begriffen' bzw. generell 'geübt'.

Kaum jemand würde ein neues, technisches Gerät kaufen wollen, wenn er nicht, außer einer ansprechenden Verpackung, auch noch eine Gebrauchsanweisung mitbekommen hätte. Und dennoch tendieren die meisten Menschen zunächst erst einmal dazu, das neu erstandene Gerät auszuprobieren, noch vor der Lektüre der Gebrauchsanweisung. Frühestens dann, wenn wir beim »Ausprobieren« keinen persönlichen Erfolg erzielen können, werden wir uns dem Studium einer oft genug kompliziert gestalteten Gebrauchsanweisung widmen wollen. Der anzunehmende Hintergrund: das 'Ausprobieren' geschieht spielerisch und verbraucht im Gehirn weniger Energie als das konzentrierte Studieren einer Gebrauchsanweisung. Bei einem Roman hingegen könnte es aber durchaus auch umgekehrt sein.

Ganz anders dagegen verfahren diejenigen, die sich nicht selten und gerne (demokratisch bestimmt) als unsere 'Eliten' bezeichnet wissen wollen. Sie nutzen jede der ihnen zur Verfügung stehenden Quellen, um dann die gewünschten »Funktionen« erwarten zu können, die sie zu ihrem eigenen Vorteil auszunutzen gedenken. Nicht umsonst war der ehemalige Propagandaminister des »Dritten Reichs«, Joseph Goebbels, total hingerissen, als er das Buch von Edward Bernays - »Propaganda« - in die Finger bekam und gelesen hatte. Spätestens da wußte er, was alles getan werden konnte, um das deutsche Volk seinen Wünschen entsprechend zu 'gebrauchen' und ihm die größtmögliche »Funktionalität« abverlangen zu können.

Natürlich ist es durchaus verständlich, daß sich der Mensch in der Schmeichelei suhlt, er sei das Ebenbild Gottes, der irgendwann später auch einmal Lesen und Schreiben bzw. Rechnen zu erlernen vermag, was wohl – außer seiner Spezies – keiner anderen Kreatur vergönnt sein dürfte. Um so beklagenswerter empfinde ich es, daß eben diese 'Spezies' es für völlig 'normal' und im wahrsten Sinn des Wortes auch für 'bedenkenlos' finden, daß jeder von ihr naturbedingt ein Gehirn besitzt. Könnte es vielleicht daher kommen, daß einem selbst dieser Besitz eines eigenen Gehirns einfach als 'unbegreifbar' gilt?

Dabei handelt es sich bei unserem Gehirn vor allem um eine biologische 'Alarmanlage', ohne die wir als Spezies erst gar nicht hätten weiterexistieren können. Diese weltweit populär-absurde Ignoranz gegenüber unserem überlebenswichtigsten Organ, formulierte der 1951 in Cambridge verstorbene, österreichisch-britische Philosoph Ludwig Josef Johann Wittgenstein einmal, wie folgt: "Seltsamer Zufall, daß alle die Menschen, deren Schädel man geöffnet hat, ein Gehirn hatten."

Als ich vor Jahrzehnten beauftragt wurde, um in einer Werbeagentur eine neue »Abteilung für Marktforschung« aufzubauen, nahm ich dieses zum Anlaß, um mich auch mit den bereits damals anerkannten, psychologischen Gesetzmäßigkeiten und deren Auswirkungen bei einer jeweils anvisierten Zielgruppe vertraut zu machen. Daher weiß ich heute nicht nur, daß Sie, lieber Herr Kreutzer, mit Ihrer Feststellung »Werbung ist Krieg« gar nicht so unrecht haben. Insbesondere eben auch deshalb, da es sehr ausgefeilte Erkenntnisse und Möglichkeiten gibt, um diese 'Unantastbarkeit' unserer biologischen 'Alarmanlage' - zumindest durch deren jeweilige(n) Besitzer(in) selbst – für andere 'ausnutzbar' zu machen. Und so sind (wahrscheinlich) nicht nur einige der seit einigen Jahren weltweit medientechnisch verbreiteten »NEWS« und die ständig - wenn auch in unregelmäßigen Abständen - wiederholten Schlagwörter unserer Neuzeit nichts anderes als die an ihren Verkaufszahlen schon jahrzehntelang ermüdend festgestellte, werbetechnische 'Qualitätsbekundung': "Das beste Persil, das es je gab!"

Es wäre daher für unsere Zukunft und unsere 'Funktionssicherheit' m.E.n. dringend erforderlich, wir würden bereits in der Schule nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen erlernen, sondern auch etwas mehr über die naturgenialen, arterhaltenden Fähigkeiten unseres Gehirns. Dann würde es unseren selbst er- und sogenannten 'Eliten' weit schwerer fallen, diese hocheffizienten Schutzfunktionen und Notprogramme in unseren Köpfen derart verächtlich und vorrangig zu ihrem eigenen Vorteil rigoros und in manipulativer Weise auszunutzen.

Vielleicht ist es aber für viele von uns viel einfacher, einen anderen Menschen kurzerhand zu bekriegen statt sich endlich einmal auch über sich selbst und seine biologische 'Alarmanlage' etwas bewußter zu werden!? Man muß wissen: unsere 'Eliten' und deren 'Spindoctores' wissen schon lange, wie wir notfalls funktionieren werden und handeln auch längst danach, seit nunmehr fast achtzig Jahren. Edward Bernays, ein Neffe von Sigmund Freud, veröffentlichte sein Buch »Propaganda« nämlich bereits 1928 in New York. Und zu bedenken wäre auch: lateinisch »Pro« = für; lateinisch »paganus« = Landmann bzw. Dorfbevölkerung. Wir sollten es besser doch bezweifeln, wenn es vom 'Schloß' mal wieder herabtönt: "Alles Gute kommt von oben?" – Wir könnten uns noch ganz empfindlich darüber wundern müssen, wenn wir unser eigenes 'Gehirn-Manual' weiterhin derart ignorieren: "Wie in der Vergangenheit, so (nicht) auch im »Jetzt«!"

Nochmals Dank für Ihre 'denkanstoßenden Paukenschläge'!
Mit sympathischen Grüssen aus Hamburg


Sehr geehrter Herr Kreutzer,

herzlichen Dank zuerst einmal für Ihre schwungvolle Zusammenfassung all der Gründe, weshalb Werbung nur dazu genutzt werden sollte, das Beworbene nicht zu kaufen.

Jetzt brauche ich aber noch einen Ansatz, wie ich diese Erkenntnis an Otto Normalverbraucher vermitteln soll. Das gelingt mir nämlich seit zwanzig Jahren nicht. Ich scheitere sogar bereits im Ansatz, wenn ich versuche, das Mehrheitsverhalten um mich herum überhaupt zu erklären.

Hunderttausende zahlen ein Leben lang für überteuerte Reihenhäuser irgendwo in der Pampa, “leasen” sich alle drei Jahre ununterscheidbar häßliche Autos, Millionen kaufen jedes Vierteljahr Berge giftiggefärbter Chinaklamotten und “leisten” sich all das durch konsequentes Fressen von Lebensmittelzusätzen in bunten Verpackungen, deren jeweiliger Absatz mit “Points” und “Miles” und ähnlichem überflüssigem Krempel gemessen und gefördert wird.

Andererseits - wenn mich mein Vermieter mit anteiligen Nebenkosten für die Gartenpflege am Vorstandsgebäude belastet, ist es für mich ganz nützlich, wenn ich ab und zu über die Kleinanzeige “Vor und nach Mietvertragsabschluß - zum Berliner Mieterverein” gestolpert bin.

Übrigens: Zahnpasta “Ajona”. Werbefrei.

Grüße aus Berlin,

Anmerkung von Egon W. Kreutzer:
Danke für den Hinweis auf die Ajona - ich benutzt sie seit vielen Jahren selbst. Es gibt nicht nur keine aufdringliche Werbung für Ajona - es handelt sich auch um ein sog. Zahncremekonzentrat, was heißt, in einer kleinen Tube (Müllvermeidung) ist mehr "Zahnputz" als in mancher anderen großen, weil man immer nur eine "linsengroße" Portion davon braucht - und gut ist sie auch.

Mehr Informationen dazu hier:
http://www.ajona.de/ajona.php 


Sehr geehrter Herr Kreutzer,
es gibt einige einfache Regel bei mir.

Regel eins:
sobald für ein Produkt geworben wird, wird es nicht mehr benutzt. In wenigen Fällen geht das leider nicht aber dann handelt es sich um Produkte die ich stur seit vielen Jahren benutze.
Regel zwei:
ich akzeptiere keine Ausweichprodukte im Fall es ein Produkt nicht mehr gibt. Aus diesem Grunde bade ich z.B. seit Jahren in klarem Wasser (mein Badezusatz wird einfach nicht mehr hergestellt).
Regel drei:
wenn es ein gewünschtes Produkt nicht gibt und der Verkäufer sagt: benutzen Sie doch anstelle des Gewünschten dies-oder-jenes Produkt, verlasse ich kommentarlos den Laden und gehe nicht mal mehr dann in den Laden, wenn nachweislich der Besitzer gewechselt hat.
Regel vier:
jedes Produkt welches mir einen Spielfilm "spendiert" wird selbst dann nicht mehr gekauft, wenn ich dieses Produkt davor benutzt haben sollte. Das hat seinen Grund allerdings darin, daß sie offenbar nicht genug bezahlen, um mir auch ein sauberes Schwarzbild vor und nach der Sendung zu gönnen - und auf Sendungen die fließend ineinander übergehen reagiere ich äußerst allergisch.
Regel fünf:
sämtliche Werbung im Briefkasten landet direkt draußen im Flur - der Hausmeister wird sich schon zu wehren wissen wenn von dem immer gleichen Produkt irgendwelche Flyer im Haus rumfliegen - not my Problem.
Regel sechs:
ich schaue niemals irgendwelche Kabelsender (genaugenommen seit rund 15 Jahren nicht mehr)
Regel sieben:
sitze ich bei Freunden und Bekannten und der Fernseher läuft, verlasse ich automatisch das Haus sobald derjenige auf einen Kabelsender umschaltet. Beim 3. Vorgang dieser Art betrete ich dessen Wohnung nie wieder.
Regel acht:
ich genieße die besonders lustigen Werbeplakate von der Tabakmarke Lucky Strike ohne jemals Lucky Strike geraucht zu haben (obwohl starker Raucher). Ich persönlich bevorzuge eine Marke, für die ich noch nie außerhalb eines Tabakgeschäftes eine Werbung gesehen habe.
Regel neun:
solange ich das Geld verdiene, auf das alle scharf sind, verweigere ich jedwelche Manipulation meiner Ansichten über den Kauf von Marken oder Produkten. Ich bin mir bewußt, das mit subtilen Geruchs- und Geräuschmanipulationen in Geschäften auf mich Einfluß genommen werden soll - wunderbar... wenn der Laden sich das leisten kann ist es nicht mein Problem: ich kaufe ausschließlich und exakt das, was auf meinem Einkaufszettel steht.
Regel zehn (obwohl Tatsache ein Scherz, extra wegen Ihnen Herr Kreutzer):
Ich habe noch niemals Regenschirme verwendet und gekauft und dabei bleibts auch. Das bißchen Wasser bringt mich nicht um im Gegensatz zu dem Chemiedreck der unsichtbar und unriechbar überall in der Luft, im Wasser und im Boden ist und mein Leben vergiftet.
(eigentlich wäre Regel 10: ich decke mich soweit es irgendwie geht mit meinem Bedarf nach Möbeln, Geschirr, Essen, Getränke, Badezimmer-Artikel... auf Mittelalterfesten, bei Bauern, Wochenmärkten und dergleichen ein, bei denen ich meine Produkte direkt vom kleinen Hersteller am Stand kaufe - hier lohnt auch eine Mehrausgabe und nach einiger Zeit, wenn man bekannt ist, bekommt man auch schon mal sowas wie Sympathie-Rabatte und zahlt letzlich nicht sooooo wahnsinnig viel mehr - eine lohnenswerte Investition in die Zukunft)

und irgendwie reizt es einfach....

Loriot (Vicco von Bülow) deutscher Super-Humorist, Zeichner, Regisseur… * 12.Nov.1923
„ein perfekter Werbeblock verfehlt im Fernsehen seine Wirkung, wenn er alle paar Minuten von einem unverständlichen Spielfilmteil unterbrochen wird“ (Sep.2000, bei der Eröffnung des Deutschen Filmmuseums Berlin)

Stanislaw Lem, polnischer Essayist und Autor * 12.Sep.1921 - † 27.März 2006
„Ich würde sehr gerne diese ganzen TV-Werbespots ausblenden können. Das ist entsetzlich! Sie sehen eine Katastrophe, ein Erdbeben - und plötzlich hören Sie eine Stimme, die Ihnen erklärt, mit welchem Toilettenpapier sich die Bären ihren Arsch abwischen“


Sehr geehrter Herr Kreutzer,

Ihr Enthüllungsartikel über Art und Unart der Werbung ist einfach genial! Ich möchte dazu einen Doppelkommentar abgeben:

1. Vor vielen Jahren, als unser Fernsehapparat den Geist aufgab und somit eigentlich der Kauf eines neuen Modells fällig war, traf ich die Entscheidung, keinen mehr anzuschaffen. Meine Töchter fragten mich verwundert (und gar wohl auch enttäuscht) nach dem Warum, und ich erklärte Ihnen: “Ich sehe nicht ein, dass ich von meinem Geld einen Apparat kaufe, der von anderen dazu benutzt wird, mir ihre Werbung ins Haus zu schicken. Wenn diejenigen, welche ihre Werbung an den Mann (also an mich) bringen wollen, auch den Fernsehapparat dafür kostenlos bereitstellen, dann können wir nochmal darüber nachdenken, ob wir das Angebot annehmen oder nicht…” Seitdem leben wir ohne Fernsehapparat und niemand vermisst ihn.

2. Ihre betriebswirtschaftlichen Betrachtungen sind zweifellos richtig. Allerdings, so finde ich, nur innerhalb des herrschenden Geldsystems. So habe ich schon bei Helmut Creutz gelesen, dass unserem geltenden Geldsystem ein Wachstumszwang innewohnt, aber noch nirgendwo habe ich gelesen, dass ihm auch ein Wettbewerbszwang innewohnt. Der ergibt sich ja schlicht daraus, dass bei Krediten die Zinsen nicht mit in den Geldkreislauf gegeben werden. Rein mathematisch können deshalb nicht alle Kreditnehmer ihre Kredite zurückzahlen und es muss immer eine gewisse Zahl von Wirtschaftsakteuren Pleite gehen. Die reale Zahl hängt davon ab, ob es ein signifikantes Wirtschaftswachstum gibt oder nicht und/oder ob die Banken genügend neue Kredite ausgeben, zumindest in der Höhe, wie Kredite (inkl. Zinsen) zuvor zurückgezahlt wurden. Firmenpleiten sind also systembedingt und es trifft nicht unbedingt Firmen, welche ein schlechtes Produkt erstellen oder grundsätzlich unproduktiv arbeiten. Viele sind schlicht nicht gerissen genug, zu ehrlich und zu seriös – weshalb eigentlich sie es sein sollten, denen wir das wirtschaftliche Überleben wünschen dürften. So führt ein perverses Geldsystem zu weiteren Perversitäten wie z.B. Wettbewerb und Werbung.

Das Problem ist ein grundsätzliches:

Arbeitsteilung, die produktive Kraft unserer heutigen Wirtschaft, beruht auf dem Prinzip der Kooperation, welches auf Vernunft gründet, weil es die Überwindung egoistischer Interessen voraussetzt.

Dieses, ich möchte sagen: gnadenbringende, Prinzip wird durch ein gegensätzliches Prinzip wieder ausgehebelt: durch Wettbewerb - zwecks schlichten Überlebens, einerseits, und Gewinnerzielung, also Erlangung von Reichtum, andererseits. Reichtum ist individueller Natur und ist nur auf der Basis von Wettbewerb möglich, während Wohlstand kollektiver Natur und nur durch Kooperation möglich ist.

Deshalb schliessen Reichtum und Wohlstand sich gegenseitig aus, ebenso wie egoistisches Interesse und Vernunft.

Vor diesem Hintergrund scheint es mir angebracht, den Mythos, Wettbewerb sei fortschrittsfördernd, auf seine Gültigkeit hin abzuklopfen, was ich zwar noch nicht getan habe, aber doch neue Erkenntnisse vermute. Vielleicht dürfen wir dazu bald einen Paukenschlag von Ihnen lesen.

Mit den besten Grüßen


hallo herr kreutzer,

ihre kritik an der werbung ist super: mit verve und aus einem ungewohnten blickwinkel vorgetragen.

mein problem: ich helfe firmen, ihre produkte besser zu vermarkten, erfolgreicher zu sein. tja: so ist man täter und opfer gleichzeitig. na ja: unser system ist sowieso grad am crashen; ob wohl was besseres nachkommt?

vielen dank für ihre einladung zur selbstkritik und herzliche grüsse aus jena

eine Reaktion von Egon W. Kreutzer auf diesen Kommentar:

Hallo, Herr ...,

es gibt ein Recht auf Selbstverteidigung. Dieses Recht deckt sehr vieles ab, was dem Bedrohten in seiner Not zur Rettung von Leib und Leben aber auch von Geld und Gut straffrei erlaubt ist.
Die Grenze liegt da, wo die Verteidigung zur "unangemessenen Gewaltanwendung" wird, wo also über den legalen Zweck hinaus dem Gegner ein Schaden zugefügt wird.

Im Bereich des Marketing sind solche Grenzen nicht zu erkennen, und die Grenzen, die der Gesetzgeber, z.B. mit dem UWG gezogen hat, bewirken eher das Gegenteil.
Deshalb kommt es hier darauf an, mit einem eigenen - und ich verwende bewusst diesen Begriff - 'Moralanspruch' anzutreten und diesen zu kommunizieren, durchaus auch einmal demaskierend.

Wir dürfen uns die Wahl der Mittel und Methoden nicht immer von den "Schurken" aufzwingen lassen.
Der "ehrbare Kaufmann" hat es über lange Zeit verstanden, sein Gewerbe weit über den bloßen Schein hinaus sauber zu halten. Gut, man kann die Buddenbrooks so verstehen, dass dies eine törichte Haltung sei, man kann sie aber auch als den Aufruf verstehen, diesen Ehrbegriff nicht für einen schnellen Gewinn aufzugeben.


Sehr geehrter Herr Kreutzer,

Vielen Dank für Ihren neuen Paukenschlag über das (Un)Wesen der Reklame und der ganzen damit zusammenhängenden negativen Effekte. Da ich selbst einen konsumkritischen Blog betreibe (http://konsumpf.de), in dem ich schon des öfteren über die vielen negativen Seiten des Werbetreibens berichtet habe (ich habe sogar eine eigene kleine Serie “Werbung schadet” laufen, zB: http://konsumpf.de/?p=2044 ), würde ich mich sehr freuen, wenn ich diesen Artikel auch in meinem Blog veröffentlichen könnte – natürlich mit voller Namensnennung, Verlinkung etc.
Auf jeden Fall ist es zu wünschen, dass möglichst viele Menschen diesen Artikel zu Gesicht bekommen, vor allem auch diejenigen, die selbst in der Reklamebranche arbeiten und sich für große Künstler halten, wobei sie sich in Wahrheit doch nur für den Abverkauf irgendeines Plunders prostituieren...

Herzliche Grüße aus Kiel,


Lieber Herr Kreutzer,
ich persönlich habe noch NIE Produkte gekauft, für die teure Werbung gemacht wird! Das ist für mich ein Ausschlusskriterium. Ich bin doch nicht blöd.
Und wenn ich einen Markenschirm brauche, weil der alte kaputt ist, kaufe ich den gebraucht für ein Euro (plus Porto, Hermes verdient sich eine goldene Nase) bei ebay. Dank der gigantischen Überproduktion (und dank ebay, die das clever organisieren) gibt es alles gebraucht in guter Qualität und wenn es etwas nicht gibt, wird es eben nicht gekauft. Basta. Gut leben mit wenig Geld, denn weniger ist mehr!

Gruss

u
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