Paukenschlag am Donnerstag
No. 23 /2010
vom 10. Juni 2010

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Worum geht es?

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Leserbriefe
 
Paukenschläge 2010 (ältere)
1 Angela Merkel
2 Innere Angelegenheiten
3 Werbung ist Krieg
4 Werbung ist Krieg - und wer geht hin?
5 Zwischen Schmerzgrenze und Hemmschwelle
6 Die Sache mit dem Zins
7 Schluss mit Lustig
8 Zins und Wachstumszwang
gehören zusammen
 9 Bananenrepublik
10 Dr. Petschow
Geld und Demokratie
11 Die freie demokratische Kopfpauschale
12 Progressive Benzinsteuer
13 nicht belegt
14 Volkswirtschaftlicher Gesamtschaden
15 Griechenland als Chance verstehen
16 Kurzarbeit - der Kombilohn durch die Hintertür
17 Die Mär vom gefährdeten Euro
18 Muttertagswahl
19 Europhrenie
20 Extremsparer - wie vom wilden Affen gebissen
21 Über den Verhältnissen
22 Die Würde des Amtes
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Worum geht es?
Der amtierenden Regierung wird vorgeworfen, sie habe nicht nur keine Vision, keine erkennbare Gestaltungsabsicht, sie habe nicht einmal einen vernünftigen Plan.
 
Ich will das nicht so platt übernehmen. Es könnte ja doch sein, dass es eine Vision, eine Gestaltungsabsicht und einen dazu passenden Plan gibt, nur gelingt es der Regierung offenbar sehr gut, dies alles vor dem Großteil der Menschen in diesem Lande zu verbergen.
 
Das ist aber nicht erst seit Merkel/Westerwelle so, es war schon bei Merkel/Steinmeier so - und bei Schröder/Fischer, wo uns mit der Agenda 2010 zwar ein Plan präsentiert wurde, die Gestaltungsabsicht und die Vision hinter vorgeschobenen Begründungen jedoch vollkommen unsichtbar blieben. Müßig noch anzuführen, dass es sich auch bei 16 Jahren Kohl, samt der ihm dazwischengekommenen Wiedervereinigung, allem Anschein nach um eine Kombination aus zwangsläufigen Reaktionen und reflexhaftem Aussitzen gehandelt hat, nicht aber um die geradlinige Verfolgung einer übergeordneten politischen Zielsetzung.
 
 
 

 

 

 

 


Angela Merkel ist also nicht die erste Sphinx im Kanzleramt - sie führt die Tradition nur besonders beflissen weiter, und Guido Westerwelle und Horst Seehofer achten strikt darauf, dass die so quasi "invertierte Richtlinienkompetenz" von der gesamten Regierungsriege akzeptiert wird.

 
Wer wissen will, worum es geht, darf also nicht den Sirenengesängen aus dem Kanzleramt, nicht den polternden Tönen aus der Höhle des Kyklopen in München lauschen, noch sich von den Zaubersprüchen der Circe zum Anhänger Milton Friedmans machen lassen.
 
Wer wissen will, worum es geht, muss eine Gerade ziehen, vom Zustand der Republik vor 50 oder 60 Jahren, zum Zustand der Republik heute - und dann diese Linie schlicht in die Zukunft verlängern.
 
Das erscheint so pauschal kaum möglich, doch wenn man den "Zustand" in "Einzelzustände" zerlegt, sich deren Entwicklung, die bereits durchlaufene und die absehbar zukünftige, vor Augen hält und am Ende die Einzelteile wieder zu einem Ganzen zusammenfügt, werden Vision, Gestaltungsabsicht und Plan erkennbar.
Die Auswahl der hier dargestellten "Einzelzustände" ist willkürlich und folgt meiner persönlichen Prioritätenreihe, daher ist es jedermann unbenommen, die Darstellung zu ergänzen, zu erweitern, zu vertiefen. Ich stelle diese Ergänzungen gerne online.
 
 
1. Die Verfassung
 
Vor einem halben Jahrhundert war unsere Verfassung noch fast jungfräulich.
Die Grundrechte waren Grundrechte, wenn auch schon 1954 die erste wesentliche Grundgesetzänderung durch die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik Deutschlands erforderlich geworden war. 1955 trat die Bundesrepublik der NATO bei und musste dafür das Grundgesetz erneut ändern, insbesondere, um die Grundrechte der Soldaten so zu beschneiden, dass der drohende Konflikt zwischen den Grundrechten der Staatsbürger in Uniform und dem Prinzip von Befehl und Gehorsam damit vorsorglich aufgelöst wurde. Aber das Wissen darum, dass Deutschland nicht ewig unbewaffnet bleiben konnte, und die Einsicht der Verfassungsdesigner, dass die Rechte von Soldaten beschnitten werden müssen, wenn sie funktionieren sollen, verletzte das schöne Gesamtkonzept "Grundgesetz" noch nicht wirklich - damit konnte man sich arrangieren.
 
Erst 1967 wurde im Grundgesetz die Ermächtigung des Gesetzgebers festgeschrieben, Maßnahmen zur Abwehr des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zu treffen und die Regierung zu konjunkturpolitischen Maßnahmen zu ermächtigen. Damit wurde - in bester Absicht - der Startschuss für die bis heute nicht gebändigte Staatsverschuldung abgefeuert.
 
1968 wurden die verfassungsrechtlichen Grundlagen für die Notstandsgesetzgebung geschaffen und damit erhebliche Eingriffe in die Rechtspositionen aller Bürger vor dem Hintergrund eines "Notstands" ermöglicht. Der Widerstand der Intellektuellen im Lande und der Studenten auf der Straße war gewaltig, wurde jedoch ignoriert. Teile der außerparlamentarischen Opposition verfielen auf die Idee, die Republik nur noch aus dem Untergrund und nur noch gewaltsam verändern zu können, was sich als Irrtum erwies.
 
1972 wurde der Weg zur Umwandlung des Bundesgrenzschutzes in eine Bundespolizei geebnet, indem die Unterstützung der zuständigen Landespolizei durch den Bundesgrenzschutz ermöglicht wurde. Heute verfügt der Innenminister wieder über eine gar nicht so kleine Privatarmee, die mit Schild, Helm und Knüppel, Tränengas und Wasserwerfern, aber auch "richtigen Schusswaffen" ausgerüstetet ist und die Nachfolge des ehemaligen BGS angetreten hat. Seither ist es BGS bzw. Bundespolizei im Verein mit der ggfs. zur Amtshilfe herbeigerufenen Bundeswehr stets gelungen jede "Demonstration" - vom Wendland über die Startbahn West bis zur WAA Wackersdorf, vom G7-Gipfel in München bis zum G8 Gipfel in Heiligendamm - unter Kontrolle zu halten, um nur einige wenige Einsätze der Friedenstruppe zu erwähnen.
 
Ab 1976 ist der Gesamtvolksentscheid (Artikel 29 Abs. 5 Satz 3 GG) im Grundgesetz nicht mehr vorgesehen.
 
1990 mit der sog. "Wiedervereinigung" sind erhebliche Änderungen des Grundgesetzes vorgenommen worden, u.a. wurde im Grundgesetz die Vollendung der Einheit als Tatsache festgeschrieben.
 
1992 wird privaten Unternehmen per Grundgesetzänderung die Übernahme der Flugsicherung erlaubt, und ebenfalls 1992 erfolgt die freiwillige Unterwerfung Deutschlands unter die Rechtssetzung der EU. Der Vertrag von Maastricht darf ratifiziert werden, die europäische Integration wird zum Staatsziel und die Abgabe hoheitlicher Rechte an die EU wird zum verfassungsmäßigen Recht der Regierung, womit der Staat beschlossen hat, seine staatliche Identität Schritt für Schritt aufzugeben. Zudem wird die bisherige Bundesbankaufgabe, Geldmenge, Konjunktur und Währungsstabilität zu koordinieren aufgegeben und die EZB einzig der Währungsstabilität verpflichtet.
 
1993 erfolgt die De-facto-Aufhebung des Asylrechts per Drittstaatenklausel, im gleichen Jahr wird die Privatisierung der Bahn grundgesetzlich erlaubt.
 
1994 wird die Privatisierung des Post- und Telekommunikationswesens ins Grundgesetz geschrieben. Dass gleichzeitig ein neuer (untauglicher) Anlauf zur Förderung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern genommen und die Benachteiligung Behinderter per Grundgesetz verboten wurde, war demgegenüber ein genauso substanzloses Beruhigungspflaster wie die Selbstverpflichtung des Staates zum Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen, bei der vorsorglich versäumt wurde, deren Privatisierung zu verhindern.
 
1998 wird mit dem Großen Lauschangriff die Unverletzlichkeit der Wohnung endgültig als schützenswertes Rechtsgut aufgegeben.
 
2000 wird das generelle Auslieferungsverbot Deutscher an fremde Justiz ausgehöhlt. Deutsche dürfen jetzt an internationale Tribunale oder an die Justizbehörden anderer EU-Mitglieder ausgeliefert werden, genießen also nicht mehr den Schutz, nach deutschem Recht von deutscher Gerichtsbarkeit behandelt zu werden. Ebenfalls 2000 wird Frauen der Dienst an der Waffe in der Bundeswehr gestattet.
 
2006 kommt es zur hinlänglich bekannten und beklagten Föderalismusreform mit der Festschreibung des zersplitterten Schulsystems.
 
2009 wurde die Schuldenbremse ins Grundgesetz geschrieben, und dies nur mit dem Ziel, den Staat weiter zu schwächen, Sozialleistungen abzubauen und die Privatisierung zu forcieren - sonst hätte nämlich neben der Schuldenbremse auch die unveräußerliche Substanz staatlicher Aufgaben und die Pflicht zur Steuerfinanzierung dieser Aufgaben in das gleiche Grundgesetz aufgenommen werden müssen, was nicht geschehen ist.
 
Soweit die wichtigsten der insgesamt 57 Änderungen des Grundgesetzes seit 1949.
 
 
Zusammengefasst:
 
Grundrechte wurden aufgeweicht, Volksvermögen privatisiert, eine Bundespolizei installiert und hoheitliche Aufgaben in einem Maße an die EU abgegeben, dass die eigene Staats- und Rechtsordnung dadurch ganz erheblich beschädigt wurde. Der Bundestag setzt infolge dieser Grundgesetzänderungen ganz überwiegend nur noch EU-Recht in nationales Recht um - und der Rest der eigenständigen Gesetzgebung wird zu einem großen Teil von Lobbyisten vorgeschlagen und ausgearbeitet.
Erschwerend hinzu kommt die merkwürdige Rechtssprechung des Verfassungsgerichts. Vieles, was dem Normalbürger bei verständiger Würdigung der Texte des Grundgesetzes als grundgesetzwidrig erscheint, hat das Verfassungsgericht letztlich doch gebilligt - und wenn es um das Verhältnis zwischen Deutschland und der EU geht, zieht es seine Zuständigkeit gerne selbst in Zweifel.
 
Und die Extrapolation?
 
Wenn der Entwicklung nicht Einhalt geboten wird, geht das komplette Grundgesetz sang- und klanglos in den Regelungen des EU-Vertrags unter. Regelungen, zu denen das Deutsche Volk weder gehört noch gefragt wurde. Regelungen, deren Weiterentwicklung fernab demokratischer und parlamentarischer Kontrolle von Kommissaren und Räten betrieben wird.
Der Boden der Verfassung, auf dem die junge Bundesrepublik stand (auch wenn schon 1963 der damalige Bundesinnenminister Hermann Höcherl zu einer Abhöraffäre erklärte, er könne nicht den ganzen Tag mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen) ist kein fester Grund mehr, auf den man bauen könnte. Die Gefahr, von einer Kommissions- und Räte-Union, die wir schon haben, in ein Europa des Kommissions- und Räte-Despotismus abzugleiten, das nur noch den Interessen des Kapitals und der Wirtschaft dient, steht als Menetekel an der Wand.
 
 
 
2. Der Wohlstand
 
"Wohlstand" ist ein schillernder Begriff, der - genauso wie der "Mittelstand" - von jedem anders gemeint und/oder verstanden wird. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen sei vorangestellt, dass hier "Wohlstand" als das Maß der verfügbaren "Kaufkraft" der Bevölkerung verstanden wird, und mit dem Bezug auf die dafür aufzuwendende Zeit (Leistung) eine Präzisierung vorgenommen wird, ohne dabei schon auf den Begriff "Lebensqualität" einzugehen. Denn "Lebensqualität" hängt um so weniger von der verfügbaren Kaufkraft ab, je höher diese ist.
 
Gehen wir noch einmal ein halbes Jahrhundert zurück, finden wir (West-)Deutschland mitten im überschäumenden Glücksgefühl des Wirtschaftswunders.
 
1960 war die Not des verlorenen Krieges praktisch überwunden. Es herrschte annähernd Vollbeschäftigung, die Löhne stiegen schneller als die Preise und die Arbeitszeiten wurden reduziert. Die meisten Haushalte verfügten bereits über Radiogerät, Staubsauger und Kühlschrank, Waschmaschinen waren auf dem Vormarsch und die Zahl der Automobile auf den deutschen Straßen wuchs, wie die Zahl der per Bausparvertrag anbezahlten Eigenheime. Jede Gemeinde, die auf sich hielt, begann mit den Planungen für ein neues Freibad oder Hallenbad, es wurde Rathäuser und Schulen errichtet, öffentliche Bibliotheken vergrößerten ihre Bestände, der Öffentliche Nahverkehr wurde zügig ausgebaut. Die Menschen waren zwar nicht wirklich reich, aber es herrschte Aufbruchstimmung, man genoss den erreichten Wohlstand, den man sich mit 42 oder 41 Wochenstunden erkaufte.
Die Gewissheit, dass es uns Jahr für Jahr nur immer besser gehen könne, hatte - bis auf wenige Bedenkenträger - die gesamte Bevölkerung erfasst.
 
1970 hatte sich die Lage verändert. Millionen von Gastarbeitern waren ins Land geholt worden. Einerseits um die aus dem In- und Ausland hereinbrechende Nachfrage nach "Made in Germany" befriedigen zu können, andererseits aber auch, um den Wettbewerb unter den Arbeitskräften zu fördern, sprich: Um die Löhne im Bereich der unteren Lohngruppen drücken zu können, was selbstverständlich nicht ohne Wirkung auf das gesamte Lohn- und Gehaltsgefüge blieb. Dennoch war der Wohlstand gewachsen. Die Arbeitszeit war verkürzt, die 40-Stunden-Woche erreicht, die 38-Stunden-Woche im Visier und die 35-Stunden-Woche stand als Vision bereits auf der Agenda.
Nun verfügte jeder Haushalt über die große Stereoanlage, mehrere kleinere Rundfunkgeräte und mindestens ein Fersehgerät. Die Waschmaschine war in allen Haushalten angekommen, die ersten Zweitwagen sorgten für die notwendige Mobilität und ermöglichten der berufstätigen Ehefrau das Familieneinkommen aufzustocken. Die jährliche Urlaubsreise ins nahe europäische Ausland war die Regel und mit 16 bekam der Filius sein Moped, mit 18 den Führerschein und die erste eigene Rostlaube.
 
1980 war der Traum ausgeträumt. Die Bundesrepublik erlebte den Übergang von der Vollbeschäftigung in die Dauer- und Massenarbeitslosigkeit. Waren es 1980 noch knapp 1 Million Arbeitsloser, so wurden im Jahr der Amtsübernahme Helmut Kohls bereits 1,8 Millionen gezählt und als Kohl 1998 die Kanzlerschaft an Gerhard Schröder abgab, zählte das Heer der Arbeitslosen bereits 4,3 Millionen Köpfe.
Gleichzeitig verschärfte sich die Situation in den Betrieben. Die Vokabel "Mobbing" wurde populär, die flächendeckende Einführung von Gleitzeit und Arbeitszeitkonten führte zur stillen Aushebelung der Arbeitszeitverkürzung. Wer nicht bereit war, das Gleitzeitkonto bis zum Rand zu füllen und Stunden über der vom Betriebsrat erkämpften Kappungsgrenze ersatzlos entfallen ließ, der musst befürchten, bei nächster Gelegenheit selbst beim Arbeitsamt vorstellig werden zu dürfen. Die reale Kaufkraft der Beschäftigten stagnierte, doch die Arbeitslosen konnten noch darauf vertrauen, mit Arbeitslosengeld und anschließender Arbeitslosenhilfe vor den gröbsten Folgen für den eigenen Wohlstand gefeit zu sein.
 
2002 trug Gerhard Schröder die Agenda 2010 vor und veränderte das Wohlstandsgefüge der Republik massiv. Am unteren Ende der Gesellschaft entstand ein bis dahin in Deutschland nicht gekanntes Prekariat, dem heute ungefähr 10 Millionen Deutsche zugerechnet werden können. Die reale Kaufkraft der abhängig Beschäftigten ist gesunken, wozu nicht zuletzt auch die inflationäre Wirkung der Währungsumstellung auf den Euro und die rigorose Ausnutzung der Wirtschaftsmacht der Oligopole im Einzelhandel und in der Energieversorgung beigetragen haben.
 
 
Zusammengefasst:
 
Nach einer kurzen Phase des wachsenden Wohlstands in der Breite der Bevölkerung brach die stabil erscheinende Aufwärtsentwicklung ab. Die Bevölkerung wurde von der Produktivitätssteigerung, vom Wachstum des Sozialprodukts und vom Wachstum der Gewinne Schritt für Schritt abgekoppelt und steht, was den Wohlstand betrifft, längst nicht mehr an der Spitze der Länder der EU. Eine hauchdünne, superreiche Oberschicht, die sich selbst als Elite versteht, rahmt ab. Ein Kader skrupelloser Manager lässt sich fürstlich für die Anwendung immer mehr verfeinerter und wirksamerer Ausbeutungsstrategien bezahlen und die Politik bemüht sich darum, dieses System am Leben zu erhalten, weil sie es vorsätzlich mit Deutschland verwechselt.
 
Und die Extrapolation?
 
Es ist nicht schwer, die Zukunft vorherzusagen. Die hunderte von Milliarden teure Rettung von Banken und Euro-Staaten wird den Verteilungsspielraum weiter einengen. Soeben wurden wir über ein auf vier Jahre gestrecktes 80-Milliarden-Sparpaket informiert, das fast ausschließlich zu Lasten des Wohlstands der Normalbevölkerung geht.
Weder wird den Gewinnerwartungen des Kapitals ein Riegel vorgeschoben, noch versucht der Staat ernsthaft, sich durch Steuern dort zu finanzieren, wo die Gewinner der Krise sitzen, im Gegenteil: Dass es Gewinner gibt, wird totgeschwiegen. Die Rede ist immer nur davon, dass Banken sich verzockt und Staaten über ihren Verhältnissen gelebt hätten.
 
Wir werden also in den nächsten Jahren einen weiteren, brutalen Rückbau des Sozialstaats erleben, wir werden weitere Privatisierungen, einen weiter schrumpfenden, nicht mehr als Korrektiv im Verteilungskampf eingreifenden Staat erleben, was uns - wohlstandsmäßig - innerhalb von 10 bis 15 Jahren auf das Niveau von 1960 zurückwerfen wird, nur mit umgekehrtem Vorzeichen - und das liest sich dann so:
 
2025 ist die breite Masse der Bevölkerung endgültig vom Wohlstand abgekoppelt. Staatliche Maßnahmen erzwingen zwar so etwas wie Vollbeschäftigung, doch die gezahlten Löhne ermöglichen nur noch einen kargen Lebensunterhalt und die nötigsten Anschaffungen. In den meisten Haushalten finden sich zwar noch Radiogerät, Staubsauger und Kühlschrank, aber selbst Waschmaschinen können sich wegen der Energiekosten nur noch wenige leisten. Immer weniger Haushalte betreiben noch ein eigenes Automobil. Die Bautätigkeit für Eigenheime und Eigentumswohnungen ist fast vollständig zum Erliegen gekommen. Die letzten Gemeinden schließen schweren Herzens ihre Frei- und Hallenbäder, Schulen und andere öffentliche Gebäude sind heruntergewirtschaftet und werden dem Verfall überlassen. Die Preise für den öffentlichen Nahverkehr sind hoch wie nie, doch die Zahl der Züge und Strecken ist massiv ausgedünnt. Die Menschen sind zwar noch nicht wirklich arm, aber es herrscht eine tiefdepressive Stimmung und man ergibt sich widerstandslos der Notwendigkeit, 50 und mehr Wochenstunden für einen Hungerlohn zu schuften.
 
 
 
Das Militär
 
Von der Wiederbewaffnung an führte die Bundeswehr das Dasein einer auf ernst geschminkten Operetten-Armee. In den Schulungen hieß es standardmäßig: "Im Ernstfall, der nie eintreten möge...", und wer eingezogen wurde oder sich auf Zeit oder gar lebenslänglich verpflichtete, konnte darauf vertrauen, niemals in wirkliche Kampfhandlungen verwickelt zu werden, denn aus der Bundeswehr selbst war schon früh die selbstkritische Erkenntnis gewachsen:
"Die Bundeswehr ist ein Verein freundlicher junger Männer, deren Aufgabe es ist, den Feind durch die Vielfalt ihrer Uniformen so lange zu verwirren, bis richtige Soldaten kommen", und die waren ja oft nur einen Steinwurf von den deutschen entfernt kaserniert.
 
Und wenn die Bundeswehr ausrückte, dann, um im Inland Katastrophenhilfe und im Ausland humanitäre Hilfe zu leisten.
 
1960 sah man Bundeswehrsoldaten im Erdbebengebiet von Agadir,
1965 flog die Bundeswehr Hilfsgüter nach Algerien,
1976 waren unsere Soldaten als Erdbebenhelfer im italienischen Friaul,
1984 schaffe die Luftwaffe Hilfsgüter nach Äthiopien,
1988 und 1989 nach Namibia und
1990 flogen Bundeswehrsanitäter zur Erdbebenhilfe in den Iran.

Doch vor 20 Jahren änderte sich ganz allmählich und schleichend die Auffassung von Regierung und Parlament über die Verwendungsmöglichkeiten der bewaffneten Verbände der Bundeswehr.
Ein gutes Jahr lang (08/90 bis 09/91) befanden sich 500 Soldaten mit 7 Schiffen auf Minensuche im Persischen Golf, und ab Januar 1991 wurden 18 Schulflugzeuge vom Typ Alpha-Jet in die Türkei verlegt, um dort einen möglichen Angriff aus dem Irak abzuwehren (militärisch eine lächerliche Option, aber psychologisch wichtig für die deutsche Bevölkerung).
Dann ging es Schlag auf Schlag: Heeresflieger brachen in den Irak und nach Anatolien auf, um flüchtige Kurden zu versorgen. UN Waffeninspekteure wurden von der Bundeswehr in Transallflugzeugen chauffiert; die Marine nahm an der Durchsetzung des Embargos gegen Jugoslawien teil. Deutsche Sanitäter betreuten UN-Angehörige in Phnom Penh, die Bundeswehr ging mit 1.700 Soldaten, 4 Schiffen und zwei Transportflugzeugen zur Stabilisierung nach Somalia.

Weitere "Übungs-Einsätze" folgten, bis die Bundeswehr 1999 in den Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien eintrat und sich aktiv an Luftangriffen beteiligte. Seitdem ist kein Halten mehr. Heute bestreitet die Bundeswehr gleichzeitig ein ganzes Dutzend unterschiedlicher Einsätze und beschäftigt damit rund 8.000 Soldaten im Ausland

Dies, wie es im Weißbuch der Bundeswehr nachzulesen ist, durchaus auch zur Sicherung wirtschaftlicher Interessen Deutschlands - was heißt: zur Sicherung der Interessen der deutschen Wirtschaft.
 
 
Zusammenfgefasst:
 
Nach 45 Jahren Frieden hat es nur 20 Jahre gebraucht, um die Bundeswehr in der halben Welt in Stellung zu bringen. Wenn auch nicht jeder dieser Einsätze als Krieg bezeichnet werden kann, so ist die internationale militärische Präsenz Deutschlands doch ganz klar als ein Zeichen dafür zu verstehen, dass der Krieg, als die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, auch in Deutschland wieder ebenso akzeptiert wird, wie die hirndeformierende und verrohende Brutalo-Sportart Boxen, die nach langen Jahren der Verachtung wieder ihren festen Platz im Programmschema der öffentlich rechtlichen Fernsehanstalten gefunden hat.
 
Und die Extrapolation?

Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass die Entwicklung der Bundeswehreinsätze so weitergehen wird. Es ist aber ebenso schwer, sich vorzustellen, Deutschland könne sich so einfach wieder aus allen Einsätzen, Bündnisverpflichtungen und den militärischen Zielvorstellungen der EU heraushalten. Es muss wohl akzeptiert werden, dass wir auf lange Sicht nicht mehr unter den jetzt erreichten Stand des Auslandsengagements unserer Streitkräfte zurückfallen werden, sondern uns darauf einstellen müssen, dass es sich mit der von Deutschland ausgehenden Beteiligung an Kriegen jeder Art ähnlich verhalten wird, wie mit der Arbeitslosigkeit. Die Stabilisierung auf hohem Niveau, begleitet von statistischen Tricksereien zur Verschleierung des wahren Ausmaßes und der wahren Kosten, wird in den nächsten Jahren zur fixen Größe werden.
 
 
 
Die Gesellschaft

1960 war die Gesellschaft prüde, in großen Teilen (nicht nur nach außen hin) auf äußerste Ehrbarkeit bedacht. In Schulen, Vereinen und Betrieben wurde der Geist der Gemeinschaft gepflegt, es herrschte ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, Feste wurden gefeiert, wie sie fielen und das gesellschaftliche Gefälle drückte sich mehr in der offen und selbstbewusst zur Schau getragenen Zugehörigkeit zu Parteien und Vereinigungen aus, als in mannigfachen Statussymbolen und Willkürakten. Jugendkriminalität war, wie Ausländerkriminalität und Kinderpornografie, ein weitgehend unbekannter Begriff. Die Mehrzahl der Deutschen waren Mitglieder in einer der zwei großen Kirchen - und alle miteinander waren in dem zuversichtlichen Streben verbunden, alles zu tun, damit es ihren Kindern und Enkeln einmal besser gehen wird.
 
Die Prüderie erregte Oswald Kolle, der sich bemühte, das Verhältnis der Deutschen zum Sex zu entkrampfen. Ihm folgte Beate Uhse und kommerzialisierte den Sex der Deutschen. Die Zahl der Nachahmer ist Legion und die Zahl pornografischer (damals sagte man: "unzüchtiger") Darstellungen in Wort und Bild, die sich heute im Aushang eines einzigen Zeitungskiosks zeigt, hätte Anfang der 60er Jahre durchaus noch gereicht, um Hundertschaften der Sittenpolizei auf den Plan zu rufen, dem Betreiber den Gewerbeschein zu entziehen und ihn monatelang einzusperren, von der zwangsläufig folgenden Exkommunikation ganz abgesehen.
 
Die Ehrbarkeit ist heute fast ausschließlich noch Fassade. Der Wahlspruch einer ganzen Generation heißt: "Ich bin doch nicht blöd!" und bringt zum Ausdruck, dass erlaubt und gut und richtig ist, was dem eigenen Vorteil dient. Legal oder illegal sind nicht mehr Kategorien, die das Handeln bestimmen, sondern nur noch Aspekte der Risikoabwägung. Dieser weit fortgeschrittene Mangel an Ehrbarkeit belastet den gesellschaftlichen Zusammenhang, denn obwohl keiner mehr blöd (also ehrbar) sein will: Der Erfolg ist weniger davon abhängig, wie riskant einer beim Setzen auf die erkennbaren Chancen vorgehen will, sondern sehr viel mehr davon, wie hoch der Einsatz ist, der gesetzt werden kann.
Mit gleicher krimineller Energie erreichen die einen dabei mit ihren kleinen Möglichkeiten nicht mehr als ein paar hundert Euro im Monat, während andere an einem Tag Millionen einsacken, ohne sich dafür besonders bemühen zu müssen.
 
Der Gemeinschaftsgeist in Schulen, Vereinen und Betrieben ist geschwunden und zu den schalen Schau-Ritualen einer künstlichen "Corporate Identity" verkümmert. Die Jüngeren können sich das gar nicht mehr vorstellen, dass es vor 50 Jahren gang und gäbe war, dass die Abteilung eines Betriebes mit 30, 40 Mitarbeitern von sich aus einen gemeinsamen Vatertagsausflug organisierte, bei dem aber nicht einer fehlte (Krankheit ausgenommen), dass sich diese Leute einen Tag lang miteinander köstlich amüsiert haben und dass sich am Abend immer welche gefunden haben, die den, der so viel über den Durst getrunken hatte, dass er nicht mehr alleine nach Hause fand, bis zu seiner Haustür eskortierten.
Dass solche Abteilungen aber nicht nur beim Vergnügen, sondern auch bei der Arbeit zusammenhielten, dass der Schwächere nicht weggemobbt wurde, sondern sich auf Hilfe und Unterstützung verlassen konnte, solange er dies nicht ausnutzte, gehört heute längst nicht mehr zur Selbstverständlichkeit kollegialen Umgangs.
Genauso war es in den Schulen und in den Vereinen. Konkurrenz gab es natürlich auch. Jeder wollte im Sportverein die beste Leistung erbringen, aber keiner der Kollegen neidete dem wirklich Besten den Erfolg. Gut, von Ausnahmen abgesehen, die es immer gab, aber es waren eben die Ausnahmen, wo es heute die Regel ist, sich - ich bin doch nicht blöd - um den Preis von Freundschaft und Kollegialität zum eigenen Vorteil mit allen Mitteln durchzusetzen. Das hätte das damalige Gerechtigkeitsempfinden gar nicht zugelassen.
 
Das gesellschaftliche Gefälle hat sich verstärkt und wird offen zur Schau getragen. Die "ganz oben" tauchen in den Niederungen der Normalsterblichen gar nicht mehr auf. Ein jovialer Ernst von Siemens, der noch in den 50er Jahren eine Technische Zeichnerin als neue Mitarbeiterin des Hauses Siemens persönlich begrüßte, gibt es nicht mehr. Dass man dafür heute - trotz aller Arbeitserleichterungen - einfach keine Zeit mehr hat, ist vorgeschobene Begründung. Die Wahrheit ist schlichte Missachtung. Menschen sind als kostenintensive "human ressources" in die Kalkulation der Betriebswirtschaftler eingegangen - und dort stecken sie fest.
Am Boden des Gefälles hat sich ebenfalls ein Pol der Unsichtbarkeit herausgebildet. Wie die indischen Parias meidet das Prekariat die Öffentlichkeit. Man bleibt unter sich, in den eigenen vier Wänden, und wenn man sich hinaustraut, dann bestmöglich verkleidet, um ja nicht aufzufallen. Nur wenige outen sich als ALG-II Empfänger. Das weiß man bestenfalls in der näheren Familie, unter besten Freunden - aber wer hat die noch, nachdem ihn die aufgezwungene Mobilität entwurzelt hat?
 
Betrachten wir den Volkssport Nummer 1, den Fußball. Ranghohe Alphatiere fliegen mit Firmen- oder Bundeswehrjets zu den Spitzenbegegnungen, wo sie in der VIP-Lounge unter sich sind. Schon um sich den stinknormalen Stadionplatz leisten zu wollen, muss man überzeugter Fan sein, und um ihn sich leisten zu können, muss man gut verdienen, denn ein Fan erscheint nicht einmal jährlich im Stadion, sondern 10, 20 Mal, wenn nicht öfter - und da sind 1.000 Euro schnell verpulvert.
Für die, die draußen bleiben müssen, bleibt als Gemeinschaftserlebnis das öffentliche Glotzen (public viewing) und wer sich in der Masse nicht wohlfühlt, z.B. weil er sich die Bratwurst und das Bier beim public viewing von Hartz-IV nicht leisten kann, der hockt zuhause bei Leitungswasser vor dem Fernseher und hofft, die GEZ kommt ihm nicht auf die Schliche.
1960 verdiente ein Spitzenfußballer nicht sehr viel mehr als ein Facharbeiter, aber da waren Fußballvereine auch noch mehr, als nur die offizielle Hülle für ein profitorientiertes Wirtschaftsunternehmen, das mit Fernsehrechten, Eintrittsgeldern und Fanartikeln dem großen Reibach nachjagt. Da hat man Fußball hauptsächlich gespielt, um Spaß zu haben.
War früher die Mitgliedschaft im Fußballverein noch ein Teil gemeinschaftlicher Verbundenheit, ist sie heute nur noch Teil der Statussymbole, aus denen sich der Mensch der Gegenwart seine Identität zusammenbastelt, so viel wert, wie das Modelabel, das außen am Ärmel das Sakkos getragen wird.
(Furchtbar! Etiketten sind Dreck, der ein Kleidungsstück verschandelt, nicht ziert, aber das begreift heute keiner mehr. Heute erscheint das schönste Kleidungsstück, wenn das Logo des Designers abgefallen ist, nur noch als billiger Schund).
 
Ob sich an der gemeinen Kriminalität der Diebe und Räuber viel geändert hat, weiß ich nicht. Ob sich die Zahl der Morde aus Habgier und Eifersucht maßgeblich verändert hat, weiß ich auch nicht. Dass es keine Ausländerkriminalität gab, lag daran, dass es kaum Ausländer gab, ist also auch keine relevante Veränderung, aber dass es so gut wie keine Jugendkriminalität gab, obwohl es deutlich mehr Jugend gab als heute, das kann nicht wegdiskutiert werden.
Der Zusammenhang zwischen Jugendarbeitslosigkeit, der daraus folgenden Perspektivlosigkeit und der Jugendkriminalität liegt auf der Hand, der Zusammenhang zwischen verrohenden Medien- und Spieleangeboten, die hauptsächlich von Jugendlichen angenommen werden, wird auch nur von den Herstellern und Vertreibern dieser Produkte und den von ihnen honorierten Experten bestritten.
 
Die Kirchen haben für einen Großteil der Deutschen keine Bedeutung mehr. Kirchliche Feste, an denen nicht beschenkt wird, werden nur noch als freie Tage wahrgenommen. Hochzeit, Taufe, Konfirmation und Kommunion werden kirchlich gefeiert, weil das "so schön" ist - und beerdigt wird mit geistlichem Beistand, weil das so tröstlich ist. Aus der Kirche tritt man aus, weil man die Kirchensteuer sparen will, nicht etwa, weil man sich in intensiver Auseinandersetzung mit den Glaubensinhalten dazu durchgerungen hat.
 
An dem Streben, dass es den Kindern und Enkeln einmal besser gehen soll, hat sich nichts geändert, wohl aber an der Strategie, dies zu erreichen. Aus einem gemeinsamen Streben ist ein Konkurrenzkampf geworden. Dem eigenen Nachwuchs das Beste, der Rest kann sehen wo er bleibt.
 
Zusammengefasst:
Bei wohlwollender Wortwahl könnte man sagen, die Gesellschaft hat sich von gemeinschaftsorientierten Idealen weg, hin zur Erfüllung egoistischer Individualbedürfnisse entwickelt. Doch dies wäre eine Lüge. Eine Gesellschaft bewegt sich nicht, sie zerbricht allmählich, wenn sich der Individualismus als Lebensmotto durchsetzt - und der Zerfall ist bereits weit fortgeschritten.
 
Und die Extrapolation?
 
Setzt sich die Entwicklung fort, wird sie vor allem auch in den Gemeinschaftsaufgaben tiefe Schneisen hinterlassen, weil der Egoismus kein Geld dafür bereitstellen will.
Wir werden erleben, dass die öffentlichen Schulen und Bildungseinrichtungen noch mehr verkommen und durch privat organisierte Eliteschulen und privatwirtschaftlich organisierte Ersatzschulen verdrängt werden.
Wir werden weitere Entlastungen bei der steuerlichen Behandlung großer Einkommen erleben. Wir werden die weitere Erosion der Rentenversicherung erleben, weil der individuelle Egoismus glaubt, auf die Gemeinschaft nicht angewiesen zu sein, ihr daher auch nichts zu schulden. Gleiches gilt für Kranken- und Pflegeversicherung, für Kindergärten und Horte, Senioren- und Pflegeheime.
Öffentliche Parkanlagen werden aufgegeben und als Baugrundstücke für Luxus-Villen verhökert, Freiwillige Feuerwehren werden aufhören zu existieren, die großen und wichtigen Vereine verlieren Mitglieder - und die Menschenmassen hasten von einem Hype zum anderen.
Heute Lena, morgen Nela... Namen und Gesichter sind austauschbar. Es muss nur einer kommen, eine Story dazu in die Medien heben - und schon stimmt die Kasse.
Nein. Dieser Gesellschaft ist der sinnstiftende Konsens abhanden gekommen. Es fehlt ein allseits anerkanntes Ziel gemeinsamer Anstrengungen - und es wird sich in den nächsten 20 Jahren nicht finden lassen.
Wer selbst die große Chance der Wiedervereinigung, wie geschehen, per Treuhand und Solidaritätszuschlag verschludert, der wird so leicht auch kein anderes Ziel finden, für das es zur Mobilisierung gemeinsamer Kräfte kommen könnte.
 
 
 
Worum geht es also?
 
Mit den hier vorgetragenen Überlegungen zu den Trends in den Bereichen Verfassung, Wohlstand, Militär und Gesellschaft ist hinreichend erkennbar geworden, wohin Deutschland sich bewegt:
  • Die ursprünglich fast als ideal zu bezeichnende Verfassung, das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, wurde im Laufe der Jahre mit den notwendigen Mehrheiten der Parlamentarier so verändert, dass sich das Verhältnis zwischen Bürgern und Staat immer mehr zu Gunsten des Staates veränderte. Bürgerrechte wurden eingeschränkt, die Staatsmacht nach innen und außen verstärkt, privater Gewinn über gemeinschaftliches Wohlergehen gestellt.
  • Die Wohlstandsentwicklung, die anfänglich positiv aussah, hat sich - folgerichtig - schnell verändert und ist derzeit für die Breite der Bevölkerung massiv rückläufig.
  • Das Militär ist aus dem reinen Verteidigungsauftrag mehr oder minder unbemerkt hinausgewachsen und steht inzwischen, wenn auch nur umgangssprachlich, nach Bekunden des Verteidigungsministers im Krieg.
  • Der gesellschaftliche Zusammenhalt zerfällt, es fehlt am gemeinsamen, sinnstiftenden Ziel. Divide et impera? Geteilt ist wohl schon...
 
 
Zufall, oder Absicht?
 
Dass sich ein Staat über einen langen Zeitraum in allen hier betrachteten Aspekten rein zufällig in die gleiche Richtung entwickelt, mit dem erkennbaren Ziel, die Allmacht des Staates und die Ohnmacht der Menschen herzustellen, ist unwahrscheinlich.
 
Dass es "die Menschen" so gewollt haben und ihnen ihre demokratisch gewählten Vertreter den Staat schlicht nach ihrem Willen gestaltet haben, ist
 
  • erstens nicht wahr. Gerade in jüngster Vergangenheit arbeitet die Regierung in nahezu allen Fragen gegen den bekannten Willen der Mehrheit der Bevölkerung, und es wäre
  • zweitens ein Armutszeugnis für die intellektuellen Fähigkeiten der gewählten Volksvertreter, würden sie sich hier als die unschuldigen Erfüllungsgehilfen eines dumpfen Volkswillens darstellen, wo sie sich doch zugleich brüsten, dem irrenden und wankelmütigen Volk nicht erlauben zu dürfen, in Volksentscheiden selbst über wichtige Fragen zu entscheiden.
 
So, wie die Supermärkte bestimmen, was in die Regale kommt, und erst danach die Kunden auswählen, was sie davon kaufen, so bestimmt auch die politische Kaste zuerst, welche Veränderungstendenzen angeboten werden, und erst danach wählt der Wähler daraus das für ihn kleinere Übel.
 
Politikverdrossenheit ist nicht Ausdruck fehlender Mitwirkungsbereitschaft, sie ist Ausdruck fehlender Mitwirkungsmöglichkeiten!
 
 
Wagen wir die zunächst noch ungeheuerlich anmutende Schlussfolgerung:
 
Deutschland, so wie es heute beschaffen ist,
ist in jedem Detail das Ergebnis bewusster politischer Entscheidungen.
 
Nicht jede Entscheidung hatte den nun erreichten Zustand zum Ziel, aber der erreichte Zustand ist das Ergebnis politischer Entscheidungen.
 
Unser bemerkenswert schlechtes Abschneiden bei der Pisa-Studie, das Millionenheer der Arbeitslosen und Hilfeempfänger, die Strom- und Benzinpreise, die sonderbaren Diktate der EU, denen wir uns beugen, 5.000 Mann unter Waffen in Afghanistan - ja ist das denn alles vom Himmel gefallen?
 
Ein Staatsschuldenberg von nun schon fast 1,8 Billionen Euro, genmanipulierte Pflanzen auf den Äckern, die katastrophale Lage im Gesundheitswesen, das alles ist über die Jahre von der Politik auf den Weg gebracht worden.
 
Die Öffnung der Grenzen, für Waren, Dienstleistungen und Kapital, war uns doch nicht ins Grundgesetz geschrieben. Das war gewollt!
Die Deregulierung der Finanzmärkte, die miserable Kontrolle, das war uns doch nicht ins Grundgesetz geschrieben. Das war gewollt!
Die Privatisierung weiter Teile des Volksvermögens, das war uns doch nicht ins Grundgesetz geschrieben.
Die Vernachlässigung der Schulen und Hochschulen, die Einführung von Studiengebühren - das war doch gewollt, genauso wie die steuerliche Entlastung der Unternehmen und vor allem der Anteilseignern der Unternehmen gewollt war. Dass dadurch eine Reihe von Staatsaufgaben nicht mehr finanzierbar sind, das ist doch nicht vom Himmel gefallen. Das war doch gewollt!
 
Dass wir nun ein gigantisches Sparpaket ertragen müssen, das war doch gewollt. Schon als im Schweinsgalopp über noch gigantischere Banken- und Exportsubventionen (denn was ist die Euro-Rettung anderes als eine Exportsubvention?) entschieden wurde, war es das Ziel, die breite Masse der Bevölkerung mit den damit aufgenommenen Schulden zu belasten, weil die Gläubiger dies verlangten.
 
Jeder Missstand, den wir heute sehen, ist Ergebnis einer langen Reihe politischer Entscheidungen.
 
Natürlich gibt es auch Positives, das aus politischen Entscheidungen hervorgegangen ist, aber der Bestand dieses Positiven schwindet. Die Politik korrigiert gute Entscheidungen im Eiltempo und zerstört, was in langen Jahren aufgebaut wurde.
 
Wo sind die von den Gewerkschaften erkämpften und durch politische Entscheidungen in Kraft gesetzten Arbeitnehmerschutzrechte geblieben? Sie wurden aufgeweicht und abgebaut, und wer heute darauf besteht, den noch bestehenden Rest wahrnehmen zu wollen, dem wird als Betriebsrat die Pistole auf die Brust gesetzt. Arbeitsplätze gegen Schutzbestimmungen!
 
Was ist aus dem einst weltweit vorbildlichen Bildungssystem geworden? Es produziert haufenweise nicht ausbildungsreife Schulabgänger - und es produziert haufenweise Abiturienten, die mit Orthografie und Interpunktion überfordert sind und die Grundrechenarten ohne Taschenrechner nicht mehr anwenden können.
 
...und was ist mit dem Ausstieg aus der Atomenergie, der in diesen Tagen wieder zur Disposition steht?
 
 
Natürlich gab es Einflüsse von außen.
Das will niemand bestreiten.
 
Unsere Nachbarn in Europa, unsere Verbündeten, der Rest der Weltgemeinschaft, sie haben Forderungen an uns gerichtet, vielleicht auch Drohungen - aber nachgegeben hat die Politik!
 
Die Wirtschaftskapitäne, die Anteilseigner der global agierenden Unternehmen, sie haben Forderungen an uns gerichtet, vielleicht auch Drohungen - aber nachgegeben hat die Politik!
 
Die Beschäftigten, die Rentner, die Arbeitslosen, die Schüler, die Eltern, die Studenten, die Umweltschützer, alle haben Forderungen an die Regierung gerichtet - aber die Politik ist ihnen gegenüber hart geblieben!
 
Es ist doch ein Wahnsinn, wenn sich deutsche Politiker hinstellen und mehr oder weniger offen bekennen, die Banken hätten sie erpresst!
 
Es ist doch ein Wahnsinn, wenn sich deutsche Politiker hinstellen und mehr oder weniger offen bekennen, dass sie gegenüber der EU machtlos sind.
 
Es ist doch ein Wahnsinn, wenn sich deutsche Politiker hinstellen und mehr oder weniger offen bekennen, dass sie gegen Spekulanten nichts anderes unternehmen können, als ihnen Milliarden Euro in den Rachen zu werfen.
 
Was sind das denn für Memmen?
Ist das ihr Auftrag?
 
Nein!
Aber es sind Menschen, wie Du und ich.
Menschen, die es sich nicht schwerer machen, als nötig.
Menschen, die mit Vorliebe den Weg des geringsten Widerstandes wählen.
 
 
Aber dafür haben wir sie nicht gewählt.
Wir, die wir unsere eigenen Interessen nicht mehr selbst verteidigen, weil wir das Gewaltmonopol an den Staat abgetreten haben, erwarten, dass er dieses Gewaltmonopol nutzt, um Verbrecher, Betrüger, Schwindler, Wucherer, Spekulanten, Lügner, Brunnenvergifter und Irrlehrer unschädlich zu machen - statt sich, dem Weg des geringsten Widerstandes folgend, lieber zu deren Sachwalter zu machen.
 
Wir, die wir unsere Altersicherung, unsere Gesundheitsvorsorge, die Ausbildung unserer Kinder dem Staat anvertraut haben, erwarten, dass er die ihm damit übertragenen Aufgaben treuhänderisch wahrnimmt, statt sie, und damit uns, nach und nach - gegen unser Interesse - an private Unternehmen zu verhökern.
 
Die Politik, die der Sachwalter des Volkes sein sollte, hat sich zum Sachwalter der Gier gemacht und scheut sich nicht, selbst die Gierigsten noch als "unsere Eliten" darzustellen.
 
Die Politik, die weiterhin alle Entscheidungen trifft, auch die Entscheidung darüber, die Mehrzahl der Entscheidungen fernen Räten und Kommissaren in Brüssel zu überlassen, macht doch durch ihr Handeln ganz überdeutlich, worum es geht. Schritt für Schritt nähern wir uns dem Zustand, der als langfristig angestrebtes Ziel angenommen werden muss:
 
Die Erschaffung des perfekten Untertanen.
 
 
Hochgerüstete und durchtrainierte paramilitärische Einsatzgruppen zur Aufstandsbekämpfung im Inneren stehen Bürgern gegenüber, die sich schon strafbar machen, wenn sie ein Spielzeug-Luftgewehr mit lächerlicher Geschoss-Energie außerhalb ihres eigenen Grundstücks mit sich führen (Waffengesetz), die sich schon strafbar machen, wenn sie zur Pudelmütze eine Sonnenbrille tragen (Vermummungsverbot), und die sich strafbar machen, wenn zwei an einer Ecke zusammenstehen und politisieren, ohne diese Versammlung ordnungs- und fristgemäß angemeldet zu haben (Bayerisches Versammlungsgesetz).

Technisch hochgerüstete Spitzel, die jedes Telefonat, jede Internetverbindung überwachen und mühelos den Standort jedes Mobiltelefons feststellen, können jeden Versuch, den Widerstand der Bürger zu organisieren erkennen und im Keim ersticken. Ob wohl jemals ein Richter die Erlaubnis zur Telefonüberwachung verweigert hat?
 
Die Strukturen des totalitären Staates sind gelegt, die Machtbasis ist installiert.
 
Dass sie kaum sichtbar werden, nur selten und immer nur kurz und punktuell zum Einsatz kommen, liegt daran, dass diese kleinen Machtdemonstrationen vollauf genügen, um die Untertanen untertänig zu halten.
 
Die Frage heißt doch gar nicht mehr: "Worum geht es?"
Inzwischen kann man nur noch fragen: "Worum ging es?"
 
 
 
 

Rien ne va plus - nichts geht mehr.
 
 
 



 
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Reaktionen auf diesen Paukenschlag


Mein lieber Herr Kreutzer,

neben den NachDenkSeiten und Telepolis gehören egon-w-kreutzer.de, Ihre Paukenschläge und die wahnwitzige Wirtschaftslehre zu meiner Standardlektüre. Als Mann von 28 Lenzen, zur Wende 8 Jahre alt, politisch sehr interessiert, links-orientiert trotz meines Berufes, trage ich eine unbändige Wut gegen dieses System in mir. Die FDP spricht von Mittelstand - eine Säule der Gesellschaft die seit Jahren nicht mehr existent ist.

1972 schrieb Rio Reiser das Lied "Der Traum ist aus". Die wohl krasseste Aufnahme stammt von einem Live-Auftritt in der Seelenbinder-Halle/Ost-Berlin aus dem Jahr ´88. Das gesamte Publikum schrie den Hass auf das System an der Stelle: "Gibt es ein Land auf der Erde, Wo dieser Traum Wirklichkeit ist? Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur eins und da bin ich mir sicher: Dieses Land ist es nicht. Dieses Land ist es nicht."

 Mitschnitt von diesem 88er Auftritt, Leider ohne Bild

mit Bild, etwas später entstanden

 

Das Lied ist heute moderner denn je!

Ich hab geträumt, der Winter wär vorbei
Du warst hier und wir waren frei.
Und die Morgensonne schien.
Es gab keine Angst und nichts zu verlier´n,
Es war Friede bei den Menschen und unter den Tier´n.
Das war das Paradies.

Der Traum ist aus.
Aber ich werde alles geben, daß er Wirklichkeit wird.

Ich hab geträumt, der Krieg wär vorbei.
Du warst hier, und wir waren frei.
Und die Morgensonnen schien.
Alle Türen waren offen, die Gefängnisse war´n leer.
Es gab keine Waffen und keine Kriege mehr.
Das war das Paradies.

Gibt es ein Land auf der Erde,
Wo dieser Traum Wirklichkeit ist?
Ich weiß es wirklich nicht.
Ich weiß nur eins und da bin ich mir sicher:
Dieses Land ist es nicht.
Dieses Land ist es nicht.

Der Traum ist ein Traum zu dieser Zeit.
Doch nicht mehr lange, mach dich bereit.
Für den Kampf um´s Paradies.
Wir hab´n nichts zu verlier´n außer unser Angst
Es ist uns´re Zukunft, unser Land.
Gib mir deine Liebe, gib mir deine Hand.

Wir sind an einem Punkt angelangt, den meine Eltern schon `87 in der DDR gespürt haben: "Es geht nicht mehr weiter. Alles vorbei, Aus, Schluss, Feierabend." So wie damals merken viele Menschen heute, dass dieses Land nicht wirtschaftlich sondern politisch und vor allen Dingen gesellschaftlich
vor dem Ruin steht. Heute empfinde ich meine Generation als beliebig, austauschbar und langweilig. Die Generationen ab ´90 sind noch viel mehr angepasst, jedoch bekommen diese jungen Menschen es nicht mehr mit.

1989 haben viele DDR-Bürger versucht das Land zu reformieren, demokratische Verhältnisse einzuführen, das System lebenswerter zu machen. Aber Helmut Kohl hat in weiser Voraussicht ob der wirtschaftlichen Lage der BRD die DDR am Kragen gepackt. Ich selbst war ein Kind, habe mir später aber gewünscht, dass meine Eltern, ja die reformistische Generation eine Chance zur Veränderung gehabt hätte. Vielleicht haben wir diese Chance diesmal gemeinsam.

Ihr Paukenschlag ist für mich die wohl sauberste Analyse unserer Zeit - die Wahrheit wird auf den Punkt gebracht. Danke für Ihre Arbeit und Ihr Engagement!

Liebe Grüße


Mein lieber Herr Kreutzer,

da ist es wieder, mein zwiespältiges Gefühl. Das gute, das mich beruhigt, weil es noch andere gibt, die meine Gedanken teilen, aber auch das schlechte, dass verursacht wird von der Gewissheit, in Ihrem Paukenschlag keinen utopischen Zustand beschrieben zu sehen.

Einige Paukenschläge zuvor habe ich Ihnen geschrieben, dass ich mich vor jenem Paukenschag gefürchtet habe, da ich ahnte, er würde eines Tages kommen. Er handelte von einem ähnliche Thema wie der aktuelle und beschrieb unter anderem die Gefahr der Eskalation von Gewalt durch das Volk.

Mittlerweile habe sich die Ereignisse dergestalt überstürzt, dass ich mich nicht mehr fürchte, sondern den Tag herbeisehne, an dem dieser Albtraum zu Ende geht. Trotzdem hoffe ich weiterhin, es findet ohne Gewalt statt.

Ich denke, wir werden in diesem Jahr noch einiges erleben. Man munkelt, Frau Merkel und die Union erwägen unmittelbar nach der Wahl des Bundespräsidenten am 30. Juni, umfangreiche Steuererhöhungen. Wie abzusehen ist, werden auch diese sozial äußerst unausgewogen und die Binnennachfrage belastend sein. Ich finde, das wäre dann ein guter Zeitpunkt, den Teilenden und Herrschenden erinnernd mitzuteilen, wer ihr Souverän ist.

So ein Generalstreik mag vordergründig gesetzeswidrig sein, aber wer fragt danach, wenn er erst stattgefunden hat? Im besten Fall wird er im Nachhinein sogar legalisiert und ist von da an ein ausdrücklich gewolltes Mittel des Volkes, seinen politische Willen auszudrücken. Ich merke gerade, ich gerate wieder ins Träumen...

Mit besten Grüßen und den Wünschen für ein erholsames Wochenende


Hallo Hr. Kreutzer,

ich habe lange keine so realistische Beschreibung des Zustandes unseres Landes gelesen. Schade eigentlich und sehr deprimierend. Stellt sich nur noch die Frage wie man darauf reagieren kann ... soll: den Ernst-August oder den Hape machen ?
Was mich immer wieder irritiert ist - wieviel sich die Menschen bei uns gefallen lassen. Aber so lange man noch ein paar Cent mehr als der Nachbar hat ist man ja was Besseres...

mit besten Grüßen


Lieber Herr Kreutzer,

Respekt, Hochachtung und tiefen Dank für diesen Zustandsbericht!

Für mich ist dieser Paukenschlag ein Juwel, welches in die Geschichte eingehen könnte. Ich schließe mich der Meinung an, dass alle lesekundigen Deutschen ihn und die Kommentare verinnerlichen sollten – besser noch alle Menschen dieses Planeten. Dann könnte doch noch ein Ruck durch viele Menschen gehen und genügend große Massen zu der Erkenntnis gelangen, dass es mindestens fünf vor zwölf ist – und die Ärsche hochkriegen.

Warum wir uns das gefallen lassen ist ja mittlerweile schon genügend analysiert worden. Das Hauptproblem ist, dass zwar immer mehr Menschen die Realität und deren Folgen erkennen können, sich aber nur sehr schwer untereinander austauschen und helfen können. Eine Lösung dieses Problems könnte einiges bewirken.

Was uns ja gar nicht weiter hilft ist eine Einstellung, die darauf hofft, dass es ja vielleicht doch zum Guten enden wird. Was uns Menschen vom Tier unterscheidet, ist unser Gehirn, welches uns ermöglicht Tatsachen und Trends zu erkennen, logische Schlussfolgerungen zu ziehen und dementsprechend zu handeln. Wenn wir definitiv feststellen, dass eine Entwicklung unzweifelhaft negativ und gefahrvoll, gegen den Willen eines Großteils der Bevölkerung ist, und wir diese Entwicklung nicht stoppen können, dann können wir uns mit Tieren gleichstellen – dann sind wir nur eine große Schafherde.

Ich persönlich bin sehr tierlieb und achte alles Lebende, möchte aber doch lieber ein freier Mensch sein.

Liebe Grüße


Hallo Herr Kreutzer,

es gibt nicht viele Dinge und schon gar nicht Texte, die mich den Tränen nahe bringen. Ein Gedicht vielleicht, wie schon mal erwähnt, John Maynard. Wo sich ein Mensch opfert, um vielen anderen das Leben zu retten.

Doch eben las ich diesen Paukenschlag…und ich habe geweint…ich weiß nicht, war es nur ein kurzes Schwelgen in Nostalgie oder der blanke Irrsinn dieser heutigen Realität, den Sie wieder mal brillant zum Vortrage bringen!?

Ich bin sicher nicht der einzige, der bei diesem Paukenschlag in Versuchung gerät zu sagen, dass dies doch genau die Gedanken sind, die auch mir im Kopf herum schwirren. Doch offensichtlich gibt es nicht genug von uns.

Wird dies also ein Schrecken ohne Ende?

Wie haben es die Menschen in der Geschichte geschafft, gegen eine dekadente Obrigkeit aufzubegehren? Mit Revolution? Nein, nein dafür hat der Deutsche viel zu viel Angst. Ja die Angst! Wovor eigentlich, frage ich mich ständig? Offensichtlich sind wir geradezu dafür prädestiniert, einen leidensvollen Opferweg für unsere Herren zu beschreiten. Angst! Was wäre der Deutsche ohne seine Angst!? Ja, richtig, ein Franzose!

Man stelle sich nur vor, wir wären nur etwas mutiger und würden sogar wählen gehen oder so etwas! Man könnte innerhalb von 2 -3 Legislaturperioden wieder alles rückgängig machen.

Die IG-Metall, oder wie das im Augenblick heißt, würde den Generalstreik, trotz Verbot ausrufen und alle würden mitspielen. Wir würden wieder monatelang streiken und verhandeln. Wir würden tatsächlich die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich und jährlich 6 – 8% Lohnerhöhung unter gleichzeitigem Schröpfen der entsprechenden Anteilseigner einführen. Man stelle sich vor wir hätten nur einen Tropfen von dem Mut der iranischen Bevölkerung, als diese sich gegen den Schah und gegen das eigene Militär gestellt hat. Man stelle sich vor, die Kommunen hätten, wie von Ihnen vorgeschlagen, kostenloses Geld zur Verfügung, mit dem sie marode Schwimmbäder und Schulen sanieren könnten und damit die entsprechenden Firmen mit Aufträgen und Arbeits- und Ausbildungsplätzen versorgen. Ja, man stelle sich nur einmal vor, wir würden nur das tun und voran bringen, was jedem von uns gerade als das Nötigste einfällt, um unsere Gesellschaft wieder dahin zu bringen, wo wir sie eigentlich haben wollen. Halt und Sicherheit in der Gemeinschaft. Ohne jede Gewalt und ohne jede Angst. Ja, man stelle sich vor, in den Schulen würden unsere Kinder zu gebildeten Menschen erzogen und nicht zu wirtschaftskonformen Fachidioten, die ängstlich und rücksichtslos ihren Vorteil suchen.

Ja, ängstlich und rücksichtslos ist diese Welt geworden.

Man stelle sich vor, wir würden Entscheidungen treffen, die auf Ihren Erkenntnissen beruhen und danach auch Handeln. Was würde dann passieren?

Wir würden erkennen und Mitleid haben. Wir würden helfen und aufbauen. Wir würden geradebiegen und zurechtrücken. Wir würden nicht nur unseren Nächsten lieben sondern auch an den Übernächsten denken. Und vielleicht hieße am Ende, Twix sogar wieder Raider und auch meine Welt wäre wieder in Ordnung!

Doch all das wird nicht passieren. Denn wir sind Deutschland! Wir sind Papst! Wir sind Weltmeister! Wir sind sogar Europameister im Singen! Wer ist denn schon dieser durchgeknallte Freak da, der seine Frau und seine 2 Kinder des Nachts erdrosselt hat, weil er keinen Ausweg mehr wusste? Ach, Harz IV Empfänger war der? Ja, ich sag’s doch! Ist doch wider mal typisch! Die sollte man doch alle, ha! Die sollte man doch!!! Nein, trauriges Einzelschicksal! Da kann man nichts machen! Das kommt schon mal vor!

Da kann man nichts dran ändern!
Da kann man nichts dran ändern?

Wieso eigentlich nicht?

Ich denke WIR sind Deutschland? WIR sind das Volk???

Sorry, ich krieg die Kurve nicht…

Ich weiß bald gar nichts mehr. Die Wut kocht wieder hoch in mir, doch es gibt kein Ventil. Und die Enttäuschung wächst von Wahl zu Wahl! Man möchte schreien! „Hört endlich auf uns zu foltern!“ Wie lange noch? Es tut weh…mein Deutschland…in Einigkeit und Recht und Freiheit…es zerbricht mein Land, und nichts darin, was sich erhebt und aufbegehrt? Spürt ihr denn gar nichts mehr…?

„Tränen und Wut,

Wut und Tränen!

Ich zittere, ich bebe…“


Sehr geehrter Herr Kreutzer,

dieser Paukenschlag bringt es auf den Punkt, wie es in diesem unserem ? Lande zugeht, ausschaut und leider weitergehen wird, wenn nicht Mahner wie Sie zur Wachsamkeit aufrufen.
Menschen, ich nehme mich da nicht aus, auf- und wachrütteln aus der FußballWM Euphorie in den brutalstmöglichen Alltag mit Aufsätzen wie dem ihren katapultieren...

Ja so scheint es nicht nur zu stehen um unser schönes Land, es ist leider der Istzustand und ich kann mich den Vorkommentatoren nur anschließen; warum haben wir dies zugelassen und was können, müssen wir jetzt tun ???

Ich habe keine Idee außer jener es unseren Mitmenschen aus den östl. Bundesländern gleichzutun, als diese 1989 auf die Straßen zogen und skandierten : Wir sind das Volk

ansonsten bleibt mir nur auf ein Lied hinzuweisen was aktueller denn je ist: Reinhard Mey - Sei wachsam (live)

http://www.youtube.com/watch?v=BU9w9ZtiO8I


Lieber Herr Kreutzer,

Sie sind mir ja ein ganz Böser! Denn wie soll ich das wohl anders nennen: Mit für jedes Mitglied unserer Gesellschaft verständlichen Worten analysieren und bilanzieren Sie Entwicklung und Zustand in dieser merkwürdigen Republik.

Ja, ich bin erschrocken über die Fülle der zusammengestellten Verbrechen gegen die Menschen durch die politischen Entscheidungsträger. Selbst habe ich festgestellt, dass insbesondere seit 1990 eine hektische Betriebsamkeit in der Politik diesen Prozess immer mehr beschleunigt.

Was soll ich tun? Eine Hasspyramide aufbauen? Daran denken, Gewalt gegen Politiker auszuüben? Mich tot stellen und hoffen, dass ein Wunder geschieht?

Es ist deprimierend…

Vielen Dank und herzliche Grüße


Hallo Herr Kreutzer!

Gut gebrüllt, Löwe!

Die von Ihnen beschrieben Zustände sieht mittlerweile auch der dümmste Bürger. Aber er tut nichts dagegen - sondern hält weiter brav den Kopf unter die allgemeine staatswirtschaftliche wie privatwirtschaftliche Guillotine!

Fragen:

  • Wieso gehen die Menschen nicht auf die Strasse?
  • Warum demonstrieren von den 82,6 Mio Bundesbürger nicht mindestens 75 Mio gegen diese Regierung und Ihr Treiben?
  • Wieso jagt man diese parteiübergreifenden Politverbrecher denn nicht (...) zum Teufel?
  • Wann wählen die Bürger (wieder) eine Regierung, die die Interessen der Bürger vertritt ...und die nicht ständig mit dem Kopf im A*** der Finanz-Mogule und Großkonzerne steckt?
Aber auch Sie, Herr Kreutzer...
Sie leben verdammt gefährlich, möchte ich schlussendlich hier mal anmerken. Noch jeder, der in der Demokratur BRD bisher die Wahrheit sagte - oder sagen wollte - hatte seltsame "Unfälle"
Siehe Barschel, siehe Möllemann, siehe, siehe, siehe...

Sie könnten der nächste sein - weil Sie es wagen...

Falls Sie Mitstreiter brauchen - ich bin dabei!

mit respektvollen und anerkennenden Grüßen

Hallo Herr Kreutzer,

ich mag Ihre Art zu schreiben, diese Art mit "der Feder als Schwert". Nun bedenken wir allerdings die Situation nicht nur aus der engstirnigen Perspektive des Opfers "Bundesbürger". Wir leben in einer
Informationsgesellschaft. Viele haben noch nicht verstanden, was das für sie bedeutet - für jeden einzelnen, Eltern haften in dem Fall für ihre Kinder. Es bedeutet, jeder darf Informationen frei auswählen und wenn er es nicht tut, dann bekommt er irgend etwas serviert. Und dann darf oder
muss er daran glauben - je nachdem, wie man es betrachtet.

Letztendlich ist es der Glauben, um den es geht - Sie schreiben es selbst zum Thema "Schulden", der Glauben an die Einlösung der Schuld.

Ich sehe die Welt nicht so wie Sie, so schwarz/weiß. Es mag naiv sein, an das Gute zu glauben. Aber nicht zufällig sind Kinder so naiv, weil sie noch nicht von der Welt enttäuscht wurden. Enttäuschung haben aber auch mit Erwartungen zu tun. Hatten Sie so große Erwartungen an den Menschen, an das Leben oder an sich selbst? Und stellen Sie deswegen jetzt diese gesellschaftliche Entwicklung derart dramatisch und düster dar?

Wenn ja, dann halten Sie einen Moment inne und schauen Sie. Worum geht es? Es geht um Veränderung. Das Leben ist ständige Veränderung. Auch ein politisches System und ebenso ein Wirtschaftssystem verändern sich. Aber ist das denn schlimm? Halten Sie nicht zu sehr an Altem fest, auch nicht an altem Denken.

Was ich nämlich sehe, im Zusammenhang mit unserer Gesellschaft und ebenso mit der Wirtschaft - zusätzlich zu ihrern Schilderungen - ist eine ungemeine Polarisierung. Einerseits gibt es diese Entwicklung, die vielen - auch Ihnen? - Furcht einflöst. Andererseits entstehen immer bessere Chancen für die Entwicklung von Individuen, immer mehr Erkenntnis ist möglich, das "Buch des Lebens" öffnet sich.

Leider ist Angst die Ursache weiteren Übels. Polarisierung an sich ist kein Übel. Es ist uns in dieser Zeit möglich, ich vermute zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte, die Gegensätze absolut klar zu sehen. Ausweglosigkeit, besonders beim abstrakten Extrapolieren, einerseits und die Erlösung durch Loslassen andererseits. Erlösung geschieht, wenn man verinnerlicht, dass man eben nicht voraussagen kann, was morgen passiert. Im konkreten zumindest nicht. Der Trend, den man scheinbar
erkennt, hängt widerum vom eigenen Weltbild ab. Erlösung ist allein schon die tiefe Erkenntnis, dass man da ist. Man lebt, man fühlt und man atmet. Es ist als ob das Tier "Mensch" die Chance erhält, über sich hinauszuwachsen.

Ich sehe im Gegensatz zu Ihren eher düsteren Ausmalungen die Welt von Tag zu Tag freundlicher. Ich weiß von meiner eigenen Schaffenskraft und von meiner Wahlfreiheit. Wahlfreiheit zum Bespiel in die kleinen Geschäfte zu gehen, die biologisch weertvolle, schmackhafte Nahrung verkaufen. Der Supermarkt existiert nur deswegen, weil die Mehrheit der Bevölkerung immer nur noch mehr sparen will. Also wundern wir uns nicht, wenn diese Märkte irgendwann plötzlich verschwinden. Nämlich dann, wenn jeder einzelne begriffen hat, das er selbst die Ursachen für sein Leben setzt. Wenn man allerdings argumentiert, man müsse essen, was auf den Tisch kommt (oder kaufen, was der Supermarkt anbietet), dann bescheinigt man sich selbst die eigene Ohnmacht. Ich vermute, genau das ist das Problem, welches Sie auszudrücken versuchen.


Bedenken Sie, wir leben im Krieg. Ich meine nicht den Krieg "in der Welt", in dem Sie die Armee dieses Landes sehen. Ich meine den Krieg, den unsere Vorfahren erlebten, der das Leid und den Hunger zur Folge hatte. Der es notwendig machte, sparsam zu sein. Aber, bis zum heutigen
Tag, 65 Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges, leben die meisten Menschen dieses Landes immer noch in der "Nachkriegszeit". Sie horten und sparen. Die schlechten Zeiten könnten ja zurückkehren. Wie sie es im übrigens nach guten Zeiten immer tun. Dahinter sehe ich Angst und unbewusstes Verhalten.

Angst kann man nur loswerden, indem man sich mit deren Ursache konfrontiert. Woraus widerum Bewusstsein zwangsläufig entsteht.

Ich freue mich, dass Sie, Herr Kreutzer, mit Ihren Aufsätzen zur Aufklärung beitragen. Das halte ich für ausgesprochen nützlich. Sie können die angeblich so komplizierten Zusammenhänge sehr gut
veranschaulichen. Das ist ein Grund zum Freuen. Denn so etwas gab es vor 50 Jahren noch nicht. Damals zählten Ideologien mehr als Meinungen. Dies wandelt sich nun mehr und wir werden erleben, dass die Menschheit sich erhebt. Nicht im Kampf, im Krieg, im Außen, sondern im Bewusstsein.
Dafür steht dieses Zeitalter der Information. Denn Bewusstsein kommt von Wissen. Wissen ist Voraussetzung für Bewusstsein. Aber Bewusstsein entsteht erst, wenn man Wissen bereitwillig ablegen kann.

Insofern möchte ich noch einmal betonen: Sie wissen nicht, wie sich alles entwickelt. Sicher gibt es eine gewisse Wahrscheinlichkeit. Aber genau weiß man es vorher nie, deswegen lege man sich nicht mit Vermutungen über die Zukunft fest. Ich denke, die Wiedervereinigung wurde von mindest 80 Millionen Bundesbürgern 1988 noch nicht vorausgesehen. Ebenso wurde 1993 vom "Durchschnittserdenbürger" die weltweite Vernetzung auch nur ansatzweise für möglich gehalten.

Zwei schöne Beispiele für Unvorhersehbarkeit, wie ich finde. Ein anderes, nicht so schönes Beispiel aus jüngster Vergangenheit ist die verheerende Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko. Wir können gerade in diesen Wochen erleben, wie hilflos diese angeblich "Superreichen" doch in Wirklichkeit
sind.

Ist es bedauernswert, dass trotz der aktuellen Ereignisse der einzige Sinn des Lebens für den Großteil der Bevölkerung im Streben nach materiellem Wohlstand besteht?

Nein! Die überwältigende Mehrheit der Menschen lernt auf geistigem Gebiet ebend erst das Laufen. Ich finde, das ist ein Grund zur Freude. Wir alle wissen, dass man am effektivsten durch Versuch und Irrtum lernt.

Also lassen Sie uns die Irrtümer dieser Zeit mit Freude betrachten und mit Geduld.
Man bedenke "Erstens: kommt es anders, zweitens: als man denkt." :)

Mit besten Grüßen und ein schönes Wochenende,


Ja Herr Kreutzer,

jetzt fehlt nur das, was unsere Eltern und Großeltern schon anfangs der 30-er Jahre erlebt haben. Einen machtgierigen Knallkopf namens Hitler, der in all seiner inszenierten Unbeholfenheit eine Weltverschwörung aufdeckt und sie "den Juden" zuschreibt.

Wenn ich mir ihr - leider sehr realistisches - Szenario in diesem Zusammenhang vorstelle, dann war Hitler und sein Regime wohl eher ein Betriebsunfall, sonst wären wir auf dem Weg in die
Sklavenhaltergesellschaft schon ein ganzes Stück weiter. Hitler hat die vorhandenen Strukturen für seine eigenen, zweifellos verwerflichen Ziele genutzt und sie damit offen gelegt.

Glauben Sie nicht dass ich Sympathien für diesen Menschen hege, aber wenn man die Geschichte Deutschlands und Europas weiter zurück verfolgt, werden sich immer wieder die gleichen
Tendenzen fest stellen lassen. Ein Kaiser hat für die Fugger Kupferbergwerke erobert und die haben ihm dafür die Kanonen für den nächsten Krieg geliefert. So lange bis dieses "alte Reich" einfach implodiert ist.

Davor ist das "echte" römische Westreich einfach implodiert, als es sich nicht mehr lohnte die Sklavenhaltergesellschaft aufrecht zu erhalten. Auch dort sehen wir die zunehmende Entrechtung der Bevölkerung, den Menschen als Ware, als Verbrauchsgegenstand, dazu das ganze dumme
Elitengeschwätz, die schleichende Vergiftung der Gesellschaft durch die Unterminierung eines durchaus anerzogenen Gerechtigkeitsempfindens.

Wer also ist denn nun diese selbsternannte Elite, auf die man sich stürzen und die man mit Mistgabeln aus ihren Palästen verjagen kann? Auch der Prager Fenstersturz hat zwar die Politiker entmachtet, aber nicht die Strippenzieher dahinter.

Wo gibt es da eine Lösung die über nationalistisch verschwiemelten Unfug (der "ewige Jude", die
Rosenkreutzer, die bösen Hedgefonds etc... hinausreicht. Lässt sich so ein Haufen egomanischer Idioten, denn nichts anderes sind sie, überhaupt entdecken und identifizieren? Oder müssen wir vielmehr, mal wieder zu religiösen, psychologischen oder schamanischen Bildern greifen um dem
"Guten im Menschen" ein greifbares Gegenüber zu präsentieren?

Ich bin echt ratlos und so sehr ich sehe dass Sie Recht haben, so sehr ich die intelligente Art und Weise, in der Kabarettisten die selbe Wahrheit unters Volk bringen, bewundere, so sehr verbittere ich ob der Perspektivlosigkeit jeden Anfangs, der doch nur erfolgreich sein kann wenn er sich den selben
menschenverachtenden Regeln unterwirft, die für alle Projekte einer solchen Gesellschaft gelten.

Hier ein soziales Gemeinschaftsmodell im kleinen Maßstab zu entwerfen, ein selbstgenügendes, bewusst gegen die herrschenden Strukturen sich entwickelndes und trotzdem erfolgreiches Kleinstutopia, überall mit wenig Aufwand installierbar und so in Massen eine Entwicklung anschiebend wie es die frühen Klöster konnten, wird wohl der Anfang eines menschlichen, sozialen und gesellschaftlichen Neuanfangs nicht nur für Europa oder Deutschland, sondern ebenfalls für Afrika, Amerika und Asien sein müssen.
So eine Kerngesellschaft zu entwickeln, mit den dazu gehörenden Lebensformen und dem Kontakt zur Natur und Umgebung, mit einem sozialen inneren und einem ökologischen äusseren Habit.

Warnen reicht nicht,
bekämpfen führt nur dazu, die Vernichtungsstrategie weiter zu tragen,

neu anfangen in aller Konsequenz ist das einzige was mir hierzu einfällt...


Lieber Herr Kreutzer,

Sie haben sehr schön beschrieben, worin das entscheidende Bollwerk gegen die Barbarei eines bedingungslos auf die optimale Kapitalverwertung ausgerichteten Wirtschaftssystems besteht: Ein funktionierendes Gemeinwesen, dass sich dem Schutz und der Verteidigung von Anstand und Menschenwürde verpflichtet sieht.

Leider ist jedes Wort wahr, dass sie darüber schreiben, wie dieses Gemeinwesen (absichtsvoll) vor die Hunde geht und ich wünschte, ihr Text fände 80 Mio. Leser in diesem Land. Der Teil, der mit offenen Augen durch die Welt geht würde wohl aus dem zustimmenden Nicken nicht herauskommen und vielleicht würde dem ein oder anderen, der zwischen stiller Verzweiflung, Wut und Trotz vor sich hin lebt durch die Lektüre ein Licht aufgehen. Wenig Zustimmung dürfte von dem Teil der Oberschicht zu erwarten sein, der fest davon überzeugt ist, dass ihre Privilegien "auf ihrer eigenen Hände Arbeit und Leistung" beruhen und die Tellerwäscher, denen der Glaube an das bevorstehende Millionärsdasein abhanden gekommen ist, noch nie ausstehen konnten.

Mittlerweile teilt sich die Gesellschaft in drei Klassen auf: Eine dünne Oberschicht, die hauptsächlich provitiert, eine Mittelschicht, die hofft, die Brosamen mögen noch lange reichen und eine Unterschicht, die nur noch zum Durchfüttern und als Drohkullisse für die Mittelschicht taugt -eigentlich aber nur "menschlicher Müll" (Baring,INSM) ist, den niemand braucht.

Das Spiel funktioniert erschreckend gut und wenn man Politiker in den Talkshows davon schwafeln hört, dass wir ja zu den reichsten Ländern der Welt gehören - was ja in gewisser Hinsicht sogar stimmt - und die sich dann später zur feierlichen Eröffnung der 100. oder 1000. Suppenküche ablichten lassen, nicht ohne soviel "Eigeninitiative" lobend zu erwähnen, könnte man man einfach kotzen.

Trotzdem mag ich die Hoffnung nicht ganz aufgeben und es beim "rien ne va plus" belassen, denn eines scheint mir auch klar: ein beachtlicher Teil jenseits derer, die tagelang vor den Läden campieren, um zu den Ersten zu gehören, die das neue I-pad/pod, oder was für ein I- auch immer, bekommen, weiß oder ahnt, dass es so nicht weitergeht.

Danke für den großartigen Text. Ich grüße Sie ganz herzlich und hoffe, dass ich Recht behalte.


Danke, Herr Kreutzer, für die ausführliche Aufklärung!
Es sei mir gestattet zu vermerken, daß unsere Damen und Herren Regierenden sehr wohl im Auftrage ihrer Wählerschaft schalten und walten. Daß das nicht die Masse der Bevölkerung ist, sei dahingestellt. Die haben diese Regierung ja auch nicht gewählt.

Was willl ich damit sagen: In Deutschland gibt es immerhin noch etwa 20% der Bevölkerung (Tendenz sinkend), denen etwa 60% der nationalen Reichtümer gehören (Tendenz steigend, und bitte keine Haarspalterei!). DAS ist die Wählerschaft, die in der Hauptsache diese Regierung, insbesondere den finsteren Anteil davon gewählt hat. Sie reden von "Politikverdrossenheit", Herr Kreutzer - ja, kapiert denn niemand, daß sein Nicht-Wählen automatisch den Prozentsatz derjenigen, die von der geführten Politik profitieren, in die Höhe jagt??? Wenn 50% der Bevölkerung nicht zur Wahl geht, dann wird der Prozentsatz der Schwarzen automattisch auf 40 hochschnellen! Da können sich die übrigen Parteien abmühen, so viel sie wollen, sie werden diese Partei nicht übertrumpfen!

Genauso schlimm ist die Politikblindheit: Nicht wenige meiner BekanntInnen haben sich dazu durchgerungen, eine Partei zu gründen... Was soll das? Je mehr Parteien es gibt, umso weniger können diese gegen die Schwarzen ankämpfen, und desto stärker werden diese Kräfte, abgesehen davon, daß die "Sozial"demokraten in Deutschland dieses Label nur noch als Feigenblatt tragen, zersplittert! Noch gibt es systemrelevante Parteien ... eine systemrelevante Partei, die etwas bewirken könnte, aber die wird leider sogar von denen verteufelt, die selbst Nutznießer von deren Politik sind bzw. sein könnten, sofern man von so etwas reden kann, sind eh alles nur Worte. Und würde sich mal jemand, der noch von der guten Schule profitiert hat, wie Sie das darstellen, auf den Hintern setzen, könnte er (oder sie) mit einfachen Mitteln nachrechnen, daß der maximal erreichbare Prozentsatz, den diese Partei erreichen kann, nicht annähernd dafür ausreicht, in der Regierung die Oberhand zu gewinnen!

Dann gibt es noch die Traditionswähler, die schon immer schwarz gewählt haben oder das, was sie für Rot halten. Dabei ist das nur zartrosa, wenn überhaupt! Es kann für uns Kleinen doch nur einen Grundsatz geben: "Grün denken, Rot (richtig Rot!) wählen, Schwarz arbeiten" - alles andere ist kalter Kaffee und dient denjenigen, die von der seit Jahrzehnten in der BRD geführten Politik profitieren und weiter profitieren werden!

Also, abschließend: Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland betreibt eine Politik eindeutig im Sinne ihrer Wählerschaft, die aber keinesfalls gleichzusetzen ist mit der Masse des Volkes! Das ist aber dem geschuldet, daß ein großer Teil dieses Volkes sich nie ernsthaft mit dem Wahlsystem in der BRD und mit Grundsätzen der Mathematik befaßt hat.

Möge es denn nützen.

Mit herzlichen Grüßen


Hallo lieber Herr Kreutzer,

ich weiss nicht, wie lange ich Ihre Kommentare, Leserbriefe und Paukenschläge schon "konsumiere", es mögen sicher mind. 6 Jahre sein.
Bis dato war ich nach dem Lesen in einem Zustand der eher positiven, freudigen Zustimmung, verbunden mit einem genüsslichen Gefühl ob Ihrer vorgetragenen Worte.
Vieles habe ich auch lange später wiederholt gelesen und mit meinem Wissen, meinen Erfahrungen, meinen Erwartungen abgeglichen.

Nach dem heutigen PaD aber lassen sie mich verstört zurück.
Es wäre vermessen zu behaupten: "Ich habs gewusst/geahnt", die Deutlichkeit Ihrer Worte wird mich sicher noch länger begleiten.
Es ist schlimm mit ansehen zu müssen, was hier passiert und ich bin entsetzt, wenn ich mich (aus Hilflosigkeit) sogar im PaD wiederfinde:
EWK: "Aus einem gemeinsamen Streben ist ein Konkurrenzkampf geworden. Dem eigenen Nachwuchs das Beste, der Rest kann sehen wo er bleibt."
Bis dato gab es in all Ihren Ausführungen immer DEN berechtigten Hoffnungsschimmer. In der heutigen Ausgabe ist mir dieser abhanden gekommen.
Wenn es mir dabei mulmig wird und ich könnte laut schreiend vor die Wand laufen, frage ich mich, wie Sie nach solchen Paukenschlägen Ihren Tag verbringen.

Beste Grüße


Sehr geehrter Herr Kreutzer,

Mit jedem Wort, das Sie zur Beschreibung der Misere verwenden, haben Sie vollkommen recht. Es fehlt sogar etwas: die demographische Katastrophe, die Überfremdung mit ihren Begleiterscheinungen (Stichwort Kreuzberg oder Offenbach) und die zunehmende Kontrolle über alle Lebensäußerungen des Bürgers. Und schuld ist die Politik, wer könnte das bestreiten? Haben die Wähler schuld?

Sicherlich ist auch richtig, daß die Politiker entweder verbrecherisch inkompetent sein müssen, um alle diese abnickenden „Entscheidungen“ zu treffen, verbrecherisch korrupt oder fremdgesteuert, das heißt, zwingend verpflichtet, nicht nach dem „Nutzen des Deutschen Volkes“ zu entscheiden, sondern nach dem Willen von Instanzen, die im GG nicht genannt sind.

Ein Beispiel für eine solche Zwangslage war die Entscheidung von Helmut Schmidt, die weitere Überfremdung „sofort“ zu beenden. Er konnte es nicht, durfte er es nicht?

Es ist auch allzu einfach, die Defizite der Politik mit dem Allzumenschlichen zu erklären.

Man wird anerkennen müssen, daß die nahezu ausweglose Misere, in die uns die fehlenden richtigen Entscheidungen der Politik gefahren haben, im System begründet sind, wie Entscheidungsträger ausgewählt werden: Es ist die „repräsentative Demokratie“, die nicht funktioniert, oder nicht mehr funktioniert oder, die unter den heutigen Prämissen nicht funktioniert.

Was wir zunächst brauchen, ist eine revolutionäre Systemänderung, eine grundlegende Demokratiereform. Ich kenne kein Gremium, keinen Verband, keine Planungsgruppe, die sich mit diesem Thema beschäftigt.

Mit freundlichen Grüßen


Lieber Egon Kreuzer,

wieder einmal in´s schwarze getroffen würde ich sagen und deckungsgleich mit meinen Ein- und Ansichten.

Einen wichtigen Punkt vermisse ich allerdings, der auch die gar nicht so "ungeheuerliche" Schlussfolgerung fast zwingend untermauert, den eklatanten Verfall unseres Bildungssystems in unserem Lande nämlich.

Den gut gebildeten, intelligenten " perfekten Untertan" gibt es nach meiner Auffassung nicht. So dürfte es nicht von ungefähr dazu gekommen sein, dass ein Abschluss 8. Klasse Volksschule mehr lebensverwertbares Wissen beinhaltet hat, als heutzutage das Abitur.


Sehr geehrter Herr Kreutzer,

ich war bis vor 2 Jahren der Ansicht, daß das, was Sie im Paukenschlag beschrieben, mit völliger Absicht der Politik geschehen ist.
Danach kamen mir Zweifel, da ich der Ansicht war, daß die Politiker einfach nur überfordert oder schlicht zu dumm waren, um den Überblick zu behalten.

Heute bin ich der festen Überzeugung, daß da ein Rad gedreht wird, in dessen Zentrum wir stehen, das so groß ist, daß wir nicht einmal die Nabe sehen.

In dem Sinne mal wieder vielen Dank für Ihren Schlag auf die Trumm
Lieber Herr Kreutzer,

Sie haben vermutlich Recht. Nun aber die Mutter aller Fragen: Was tun?
Dazu wünsche ich mir (und viele, viele andere auch) den nächsten Paukenschlag.

Mit freundlichen Grüßen


Hallo Herr Kreutzer,

Sie müssen, glaube ich, für Ihre Standardwerke, mal wieder massiv die Werbetrommel rühren. Mir scheint dass einige Ihrer Stammreaktionäre Ihre dargestellten Alternativen noch nicht kennen…

Das tue ich doch glatt! Hau'n Sie drauf, mit der Maus, auf die Trommel!

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