Paukenschlag am Donnerstag
No. 19 /2010
vom 13. Mai 2010

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Europhrenie

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Paukenschläge 2010 (ältere)
1 Angela Merkel
2 Innere Angelegenheiten
3 Werbung ist Krieg
4 Werbung ist Krieg - und wer geht hin?
5 Zwischen Schmerzgrenze und Hemmschwelle
6 Die Sache mit dem Zins
7 Schluss mit Lustig
8 Zins und Wachstumszwang
gehören zusammen
 9 Bananenrepublik
10 Dr. Petschow
Geld und Demokratie
11 Die freie demokratische Kopfpauschale
12 Progressive Benzinsteuer
13 nicht belegt
14 Volkswirtschaftlicher Gesamtschaden
15 Griechenland als Chance verstehen
16 Kurzarbeit - der Kombilohn durch die Hintertür
17 Die Mär vom gefährdeten Euro
18 Muttertagswahl
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Europhrenie
 
Eurorettung und Wahnsinn
 
Absolut Grundsätzliches über eine Währung,
leicht verständlich aufbereitet
 
 
 
Vorweg, zur Einstimmung:
 
 
Der Notarzt rettet Menschenleben.
Die Feuerwehr rettet häufig Nachbarhäuser.
Der Seenotrettungskreuzer rettet Schiffbrüchige.
Der gute Hirte rettet verirrte Schafe.
Immer geht es darum, eine lebens- bzw. existenzbedrohende Gefahr von etwas oder jemandem abzuwenden.
 
Wenn jetzt versucht wird, den Euro zu retten, stellt sich doch zunächst einmal die Frage: In welcher Gefahr schwebt der Euro eigentlich?
 
Eine Frage, die nicht zu beantworten ist, fragt man nicht vorher:
Was ist der Euro eigentlich - und was macht ihn verletzlich?
 
Der Euro ist, wer hätte das gedacht, eine Währung.
 
Der Euro ist die Währung der Länder der Euro-Zone. Er ist in Deutschland, in Italien, in Frankreich, in Österreich und in zwölf weiteren Ländern der Europäischen Union gesetzliches Zahlungsmittel. In der gesamten Euro-Zone werden Löhne und Gehälter, Steuern und Abgaben, Lebensmittel und Textilien, Benzin und Strom in Euro bezahlt. Wer in der Euro-Zone Handel treibt, muss den Euro als Zahlungsmittel akzeptieren.
 
Es gibt den Euro in Form von Bargeld, also als Münzen und Banknoten, und es gibt den Euro als Giralgeld, also als Sichtguthaben auf den Konten der privaten Haushalte, der Unternehmen und der öffentlichen Hände.
 
Hat man sich klar gemacht, was der Euro ist, ist zugleich klar geworden, dass der Euro als solcher gar nicht verletzlich ist.
 
  • Zwar kann Bargeld physisch zerstört werden, doch niemand hat ein Interesse daran, so dass der Untergang von Euro-Bargeld durch unglückliche Umstände niemals ein Ausmaß erreichen kann, das für die Währung selbst auch nur den Hauch einer Gefahr darstellen könnte.
  • Zwar kann Giralgeld durch Manipulationen an den Bankcomputern verschoben, durch Fehler in den Programmen eventuell sogar verloren gehen, doch sind die Datensysteme so weit redundant, dass solche Fehler aufgedeckt und die ursprüngliche Zustände mit geringem Aufwand rekonstruiert werden können. Auch der Untergang von Euro-Giralgeld kann also niemals ein Ausmaß erreichen, das für die Währung als solche auch nur den Hauch einer Gefahr darstellen könnte.
 
Der Euro, als das Zahlungsmittel der Euro-Zone, ist ebenso unkaputtbar wie ein Legostein.

Warum also sollte man ihn retten müssen?
 

Erste Überlegung

Es könnte vielleicht nötig sein,
den Außenwert der Währung zu retten
 
 
Der Euro gilt innerhalb der Euro-Zone uneingeschränkt als Zahlungsmittel.
Innerhalb der Euro Zone werden Preise in Euro festgelegt und bezahlt.
 
Außerhalb der Euro-Zone sollte der Euro daher eigentlich gar nichts wert sein.
 
Dass ihm außerhalb der Euro-Zone dennoch ein Wert beigemessen wird, ist in der Welt der realen Werte darauf zurückzuführen, dass Ausländer im Euroland "einkaufen" wollen oder müssen, und dass dazu zwischen ihrer eigenen Währung und dem Euro ein "Wertverhältnis" ausgehandelt bzw. festgelegt bzw. festgestellt werden muss, das sich sinnvollerweise stark an der Kaufkraft, bezogen auf einen "Warenkorb", bemessen sollte.
 
In der irrealen Welt der Finanzwirtschaft ist der Wert des Euros ausschließlich von spekulativen Erwartungshaltungen abhängig, die zwar bisweilen auf den Devisenbedarf der Realwirtschaft zurückgeführt werden, aber aufgrund mächtiger Hebel und unersättlicher Gier der Finanzjongleure die reale Nachfrage weit überzeichnen oder sie vollständig und ebenso überzogen ins genaue Gegenteil verkehren.
 
Unglücklicherweise muss die Realwirtschaft ihren Devisenbedarf genau da decken, wo die Finanzwirtschaft ihre Kursspekulationen betreibt, nämlich an den Devisenmärkten, so dass die angestrebte Orientierung der Devisenkurse am Kaufkraftvergleich gegen den Willen der Spekulanten kaum mehr möglich ist.
 
Die Folge ist, dass auch die Realwirtschaft gezwungen wird, sich - zumindest mit sog. Kurssicherungsgeschäften - an den Spekulationen der Finanzwirtschaft zu beteiligen.
Obwohl das primäre Ziel dabei darin besteht, das Risiko von Kursschwankungen zu eliminieren, handelt es sich auch bei Kurssicherungsgeschäften um nichts als Wetten auf die Zukunft, mit denen die Umsätze und Provisionserlöse des Casinos zu Lasten der Realwirtschaft ausgeweitet werden.
 
Dennoch gilt:
 
Der Außenwert einer Währung ist dann einigermaßen korrekt bewertet worden, wenn die Statistiker regelmäßig einigermaßen ausgeglichene Handels- und Dienstleistungsbilanzen vorlegen können.
 
Ist das nicht der Fall, und gleichen sich die Salden auch über mehrere Perioden hinweg nicht aus, ist der Außenwert der Währung falsch angesetzt.
 
Der Versuch, den Außenwert der Währung zu retten (es sollte wohl besser 'korrigieren' heißen), kann also sowohl darauf hinauslaufen, den Außenwert erhöhen, als auch darauf, den Außenwert senken zu wollen.
 
Ein Staat, der mehr exportiert als er importiert,
 
sollte versuchen, den Außenwert seiner Währung zu steigern, um für seine Lieferungen so viele Devisen zu erhalten, dass er damit im Ausland soviel einkaufen kann, wie er an das Ausland verkauft.
 
Ein Staat, der mehr importiert als er exportiert,
 
sollte versuchen, den Außenwert seiner Währung zu senken, um seine Chancen auf den Weltmärkten durch günstigere Preise zu erhöhen und so in den Besitz der Devisen zu kommen, die er benötigt, um seine Importe bezahlen zu können.
 
Leider sind die Verhältnisse in der Euro-Zone absolut nicht so, dass die Frage, ob der Außenwert des Euro nun gesenkt oder erhöht werden müsste, zu einer für alle Euro-Länder befriedigenden Lösung führen würde.
 
Exportschwache Länder müssten den Außenwert ihrer Währung dringend absenken, Länder mit massiven Außenhandelsüberschüssen müssten darauf drängen, den Außenwert ihrer Währung anzuheben. Sollte also die Rettung des Euro darin bestehen, den Außenwert der Gemeinschaftswährung stabil zu halten, wird damit nur erreicht, die Probleme der Griechen, der Portugiesen, der Iren, der Spanier und Italiener zu zementieren.
Diese Volkswirtschaften werden weiterhin Schulden machen müssen, um ihre Importe bezahlen zu können, weil sie ihre Exporte wegen des Währungsproblems (nicht wegen zu hoher Löhne!) nicht steigern können. Dabei ist es von der Wirkung her gleichgültig, ob sich die privaten Haushalte, der Staat oder die Wirtschaft in der Verschuldung besonders hervortun oder zurückhalten.
Gleichzeitig wird erreicht, dass auch die Probleme der Deutschen zementiert werden. Der für die Exportnation zu niedrig bewertete Euro wird weiterhin dafür sorgen, dass die Gewinne aus dem Export nicht ausreichen, um der Bevölkerung einen gerechten Anteil an den geschaffenen Werten zukommen zu lassen. Sind von den "währungsbedingten" Dumpingpreisen die Unternehmensgewinne abgeschöpft, bleibt kein Geld mehr für angemessene Löhne, für angemessene Sozialleistungen, für eine ausreichende Staatsfinanzierung durch Steuereinnahmen.
 
So können also auch die durch die Disparität "scheinbar" begünstigten Exportnationen nicht aufhören, Schulden zu machen. (Ist das nicht pervers?)
 
Besteht das Ziel aber nicht darin, die Währung stabil zu halten, sondern ihren Wert in die eine oder die andere Richtung zu verschieben, verstärken sich die Probleme der einen in dem Maße, in dem die Probleme der anderen nachlassen.
 
Jede Bestrebung, durch manipulative Eingriffe den Außenwert des Euros in die eine oder andere Richtung zu beeinflussen ist für die eine oder andere Ländergruppe innerhalb der Euro-Zone schädlich.
 
Das ist aber seit Einführung des Euro so. Was sich verändert hat, sind lediglich die Salden, die absoluten Schuldenstände. Die sind über die Jahre beständig gewachsen, immer in die gleiche Richtung - und nun stellen sie ein Problem dar.
Dieses Problem, das vom Euro ausgelöst oder verstärkt wurde, ist mit dem Euro so wenig zu lösen, wie ein brennendes Haus mit einem Einweg-Feuerzeug gelöscht werden kann.
Nur Anzünden geht.
 
Der Euro darf also, betrachtet man den Aspekt des Außenwertes isoliert, gar nicht gerettet werden.
 
 
 
 
 
Zweite Überlegung

Es könnte nötig sein, den Binnenwert der Währung zu retten
 
Der Binnenwert des Euro ist ziemlich stabil. Die von den Statistikern gemessene Inflation ist außerordentlich gering. Dies nimmt der gemeine Staatsbürger zwar anders wahr, weil zwischen dem Warenkorb der Statistiker und dem Konsum der Bürger doch erhebliche Differenzen bestehen, doch sind letztlich auch diese Unterschiede nur gering. Die Inflation in Deutschland war zu DM-Zeiten bisweilen sehr viel höher, als wir es heute erleben.
Dass sich die Menschen trotzdem immer weniger leisten können, liegt weniger an den mäßig steigenden Preisen als an den rapide sinkenden Netto-Einkommen, und das liegt wiederum weniger an den Steuern und Sozialabgaben als an den Einsparungen der Wirtschaft und des Staates im Personalbereich.
 
Von einer galoppierenden und bedrohlichen Inflation sind wir also weit entfernt, im Gegenteil es zeichnen sich eher deflationäre Tendenzen ab. Das Stabilitätsziel der EZB liegt bei einer jährlichen Inflationsrate von 2 Prozent. Da liegen wir doch nahe dran, eher drunter.
 
Was also gibt es hier zu retten?
 
Vor allem: Was könnte man mit hunderten Milliarden Euro frischen Geldes retten?
Die Bürger vor der Deflation?
Dafür würde weit weniger genügen.
 
Es bleibt festzustellen, dass die jetzt beschlossene 750 Milliarden Euro Flut, nach der in der letzten Woche beschlossenen 110 Milliarden Euro-Flutwelle für Griechenland, die Stabilität des Euro ganz massiv in Richtung Inflation beeinträchtigt - und keineswegs geeignet ist, den Binnenwert des Euros zu bewahren.
 
 
 
Dritte Stufe
Sich hilflos im Kreise drehende Ratlosigkeit
 
 
Die Unmöglichkeit, einen Außenwert des Euros zu bestimmen, der allen Ländern der Euro-Zone gleichermaßen nützlich ist, zeigt ganz eindeutig, dass die Rettung des Außenwertes des Euro nicht das Ziel der "Euro-Rettung" sein kann.
 
Die Tatsache, dass die Ausweitung der Geldmenge, die praktisch als alleinige "Rettungsmaßnahme" vorgesehen ist, den Binnenwert des Euro nur beschädigen, nicht aber stützen kann, zeigt ebenso eindeutig, dass die Rettung des Binnenwertes des Euros nicht das Ziel der "Euro-Rettung" sein kann.
 
Was aber dann?

Vierte Überlegung
 
Sollte vielleicht beabsichtigt sein,
die in Euro angelegten Geldvermögen zu retten?
 
Nehmen wir an, eine kleine Gruppe von Großkapitalisten hielte einen Betrag von 2 Billionen Euro in Form von mittelmäßig bis schwach verzinsten Staatsanleihen einiger europäischer Staaten.
Nehmen wir ferner an, diese Gruppe von Großkapitalisten wollte sich nach und nach, von Fälligkeitstermin zu Fälligkeitstermin, von diesen schwach verzinsten Anleihen trennen und das Geld, das ihnen von Fälligkeitstermin zu Fälligkeitstermin als Tilgung zusteht, nicht wieder neu an die gleichen Schuldner verleihen,
 
so ist zu erwarten, dass die Schuldner freiwillig etwas höhere Zinsen anbieten, um sich dennoch wieder neu verschulden zu dürfen.
 
Das hat jedoch eine fatale Rückwirkung auf die noch länger laufenden Anleihen, die weiterhin mit den niedrigen Zinsen versehen sind. Die fallen nämlich weltweit an den Finanzkasinos so weit im Kurs, bis sich zwischen dem Kurswert und dem nominalen Zins exakt das Verhältnis herstellt, wie es bei den neu emittierten, höherverzinslichen Anleihen der Fall ist.
 
Eindeutige Folge:
 
Mit der Forderung nach höheren Zinsen für einen kleinen Teil fälliger Anleihen haben die Gläubiger ihre übrigen Forderungen im Börsenhandel erst einmal abgewertet.

Dass der Schuldner am Ende der Laufzeit den vollständigen Nennwert hinlegen muss, spielt dabei im Augenblick gar keine Rolle. Es sind Bewertungsverluste zu beklagen.
Da Gier blind macht, wird - wegen der sinkenden Kurse - bei weiteren Krediten darauf gedrungen, noch höhere Zinsen zu vereinbaren. Das haut den Kurs der immer noch reichlich vorhandenen alten Papiere noch einmal kräftig in den Keller.
 
...und dann kommen die blauäugigen Jungs aus den Ratingagenturen daher, besehen sich die fallenden Kurse der Anleihen, sehen darin aber nicht die Gier der Gläubiger, sondern schwindende Bonität der Schuldner und stufen die Schuldner herab, was wiederum dazu führt, dass die Kurse der Anleihen noch weiter abstürzen.
 
Eine Anleihe, auch eine griechische, auf Euro lautende Staatsanleihe, ist aber nicht die Währung Euro, sondern ein Schuldschein Griechenlands, mit dem versprochen wird, die Schuld zur Fälligkeit in Euro zu tilgen.
 
Es ist für den Wert des Euro ganz und gar unerheblich, ob Griechenland bei Fälligkeit zahlen kann oder nicht, es geht nur um den Wert der griechischen Staatsanleihen. Mir scheint, das wird derzeit mit voller Absicht verwechselt!
 
 
Aber natürlich hat die Zinsgier der kleinen Gruppe von Großkapitalisten noch eine weitere Folge:
 
Nicht nur die in ihrem Besitz befindlichen Altanleihen, sondern auch alle übrigen Altanleihen, seien sie nun im Besitz von staatlichen, verstaatlichten oder privaten Banken, von Pensionsfonds, Versicherungen und Privatanlegern verlieren ebenfalls massiv an Wert.
Für den Augenblick, in der Quartalsbilanz. Aber das reicht.

Am Ende der Laufzeit wird zwar wieder die volle Summe fällig, die könnte dann auch bezahlt werden, wäre da nicht das inzwischen in den Keller geprügelte Rating, aber in der Hektik kurzfristiger Gewinnerwartungen werden allüberall Abschreibungen fällig und das Geschrei ist groß, weil schon wieder einmal das gesamte sogenannte ''System', rings um die systemrelevanten Banken zusammenzubrechen droht.
Das hat wieder einen sehr schönen Nebeneffekt für die Spekulanten:
 
Dadurch, dass von den Märkten in spekulativer Absicht weniger Euro-Anleihen abgenommen werden, nimmt die Nachfrage nach der Währung Euro insgesamt ab und der Devisenkurs des Euros sinkt. Eine gute Gelegenheit, sich - statt mit Euro-Anleihen - relativ zügig mit Liquidität in Euro auszustatten und sich, ebenfalls relativ zügig, jedoch ohne jede unheilige Hast, mit den im Kurs weit abgestürzten Altanleihen da einzudecken, wo diese aus Furcht vor noch größeren Verlusten vorzeitig abgestoßen werden.
 
Damit das Kalkül aufgeht, darf jetzt gerettet werden.
 
110 Milliarden für Griechenland und weitere 750 Milliarden für den Schutz der nächsten Spekulationsziele liegen auf dem Tisch.

Außerdem betätigt sich die EZB mit dem Ankauf von Staatsanleihen zusätzlich als Liquiditätserzeuger in bislang vollkommen ungeklärter Höhe. Es bedarf keiner großen Phantasie, um sich auszurechnen, dass das Gesamtvolumen der jetzt auf den Weg gebrachten Maßnahmen das vorgeblich der Rettung des Euro dient, weit über eine Billion hinausgehen wird.
 
Aber wie gelangt dieses Geld aus den Händen der EZB und der EU-Kommission in die Hände der Spekulanten?
 
 
Das ist eigentlich ganz einfach,
aber nur, wenn man die Vorgeschichte berücksichtigt:
 
Bis zum Tag der Kriegserklärung haben die Damen und Herren Spekulanten, die sich "die Märkte" nennen lassen, brav dafür gesorgt, dass die Schuldner bei Fälligkeit ihrer Anleihen genügend neue Anleihen verkaufen konnten, um damit alte Schulden zu tilgen, fällige Zinsen zu zahlen und zusätzliche Ausgaben der Staatshaushalte zu finanzieren. So haben sich die Staatsschulden überall auf der Welt - einer exponentiellen Kurve folgend - immer schneller vergrößert.
 
Die Damen und Herren Spekulanten, die sich "die Märkte" nennen lassen, haben nun beschlossen, dieses Spiel zu beenden. Man muss schließlich kein großartiger Mathematiker sein, um zu erkennen, wann der Punkt erreicht ist, an dem eine weitere Ausweitung der Schulden eines Schuldners sinnlos wird, weil sie nur noch inflationär wirkt.
Die Schulden der PIIGS-Staaten haben offenbar den Punkt überschritten, an dem diesen Schulden noch hinreichend viel übertragbares Vermögen gegenüberstand.

Wenn nun die Schulden Griechenlands, die Schulden Portugals, Italiens, Spaniens und Irlands im Laufe der nächsten Monate von der EU, der EZB und dem IWF beglichen werden, sind die Gläubiger in einem unvorstellbaren Maße liquide.
 
Die Schuldnerstaaten jedoch sind in einem unvorstellbaren Maße illiquide, zumal ihnen von EU, EZB und IWF Hände und Füße gefesselt werden, so dass sie über viele Jahre keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen, aber zugleich verpflichtet sind, die massiven Schulden, die sie vordem bei den Spekulanten hatten, nun ihren besten Freunden aus der EU-Familie zurückzuzahlen, weil man sie sonst, ausgeblutet wie sie sind, sofort ausstoßen und ihrem Schicksal überlassen würde.
 
Also machen sie genau das, was ihnen noch übrigbleibt:
Sie verscherbeln und privatisieren alles, was sich noch verscherbeln lässt - und auf der anderen Seite sitzen die Zocker, mit den von den EU-Bürgern garantierten Abermilliarden an noch einzutreibenden Steuergeldern und kaufen sich zusammen, was immer eine ewige Rendite verspricht:
 
Das Wasser, die Bodenschätze, das Land, die Straßen, die Kunstschätze.
 
So wird aus wertlosem Kreditgeld wertvolles Sachvermögen.
Rettung der Gläubiger gelungen.
 
 
Abschließende Überlegung

Es könnte sein, dass am Ende ganz Europa gerettet werden muss, und zwar jeder einzelne gottverdammte, hochverschuldete Staat.
 
Wenn die Schuldnerstaaten durch Verkäufe und Privatisierungen ausgeplündert und durch die erzwungenen Sparmaßnahmen vollkommen am Ende sind, ihre Schulden bei der EU, beim IWF und der EZB aber längst nicht getilgt haben,
 
werden die jetzt noch als Geberländer innerhalb der EU auftretenden Staaten vor dem Problem stehen, die 1,X Billionen Schulden, die jetzt von der EU an den Märkten aufgenommen werden, alleine zu tilgen.
 
 
 
...und am Dienstag Abend (11. Mai 2010), schalten wir das ZDF ein, sehen vergnügt Urban Priol und Georg Schramm zu, wie sie in ihrer Anstalt dem Irrsinn frönen, und sind doch selbst verrückt genug, uns immer noch draußen zu wähnen.
 
 

Nachtrag:

Es wird in diesen Tagen auch viel hochgestochener Unfug erzählt. Zum Beispiel, dass die Gefahr für den Euro von Leerverkäufen und Credit Default Swaps ausginge. Natürlich gibt es diese Instrumente, natürlich gibt es auch Spekulanten, die sie einsetzen, doch ist eine Währung damit alleine nicht zu ruinieren.

Im Gegenteil: Alle diese sonderbaren Instrumente sind davon abhängig, dass die Gläubiger tatsächlich aufhören, neue Kredite in ausreichendem Umfang zu erträglichen Konditionen auszureichen. Erst dann sind Wetten auf sinkende Kurse und platzende Kredite aussichtsreich.
 
Das Hauptinteresse eines solchen Angriffs besteht aber darin, die Währung, wenn sie erst ruiniert ist, billig aufzukaufen und so viel wie möglich davon vom Markt zu nehmen. Dann steigen die Kurse und die Renditen ganz von alleine.

Die Rettungsaktion versucht genau dies zu verhindern, übersieht aber, dass der damit erreichte Liquiditätsgewinn der Gläubiger und der damit ermöglichte Raubzug in die Sachwerte von vornherein als 'Plan B' ins Kalkül gezogen wurde.
 
Die Spekulanten holen sich nur dann eine blutige Nase, wenn man die Anleihen des angegriffenen Staates eiskalt platzen lässt.
 
Ist nicht einst sogar das nun so ehrenwerte, von allen Nachbarn Disziplin und Stabilität fordernde Deutschland wie ein Phönix aus der Asche aus der letzten Währungsreform hervorgegangen?
 
Was wäre denn aus Deutschland geworden, wenn man uns 1948, statt den fälligen Währungsschnitt zu vollziehen, unsere Schulden nur umgeschuldet und uns ein brutales Sparpaket verordnet hätte? Das muss man sich doch einmal ausmalen.
 
Man bedenke:
 
Wer einem Erpresser einmal nachgibt, wird immer wieder zur Kasse gebeten.
Wer nicht nachgibt, hat vielleicht (das ist gar nicht sicher) einmal einen (begrenzten) Schaden bei Banken, Versicherungen und Pensionskassen zu verkraften, wird danach aber für eine ganze Weile Ruhe haben.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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Reaktionen auf diesen Paukenschlag


Hallo Herr Kreutzer,

ich finde es außerordentlich wie sehr sie ihre Linie halten und immer wieder die Hauptprobleme ansprechen und deutlich machen. Sie gewähren uns immer wieder neue Einblicke und öffnen Fenster in die wirkliche Welt. Ich hoffe, dass irgendwann so viele Menschen in diesem Land Kenntnis und Erkenntnis davon erlangen, das die Waage wieder in die andere Richtung ausschlägt und wir endlich Türen in die Mauer brechen können.

Außerordentlich im negativen Sinn ist hingegen die Kaltblütigkeit und Feigheit mit der Politiker aller Länder die Menschen belügen und betrügen. Schade, dass von den derzeit in den Parlamenten vertretenen Parteien nur die Linke aufschreit. Als ÖDP Wähler bin ich zwar auch kein besonderer Freund der Linken. Die Forderungen die diese Partei stellt, entsprechen jedoch nach heutigem Erkenntnisstand im hohen Maße den logischen Lösungsansätzen, die uns tatsächlich aus dieser gesellschaftlichen Krise hinaus führen können.

Wieder 750 Milliarden mehr. Doch damit kann Europa nicht das Problem lösen. Damit kann Europa keinen einzigen Staat „retten“. Das ist einfach nicht das Problem! Europa ist das Problem. Europa ist kein Land, kein Staat, keine Republik (lat. res publica, „öffentliche Angelegenheit“). Es gibt nicht einmal ein föderalistisches System. Ich glaube, dieses „Europa“, war das größte Geschenk für die Gesellschafter und Anteilseigner dieser Welt, das es jemals gab. Welcher Teufel hat uns eigentlich geritten als wir da weggehört haben als sie schrieen: „Ja, lasst uns zuerst eine Wirtschaftsraum schaffen und dann erst eine Währung und danach vielleicht die passenden Gesetze!“ Toll! „Und wenn uns da der eine oder andere Staat noch zwischen funken will, heben wir einfach das Europäische Recht etwas höher….aber bis die das merken haben wir schon alle „Grenzen“ aufgehoben und keiner weiß mehr so genau was Recht ist und warum…“

Europa ist nichts als ein Gerüst zur uneingeschränkten Nutzung der vorhandenen Ressourcen. Und die Ressourcen, dass sind wir! Europa ist der nächste Schritt zu einer autonomen Herrschaftsform. Ein Schritt, der in eine viel weiter greifende Ebene als wir alle ahnen führt. Es ist nicht nur eine Hierarchie, es ist nicht nur eine feudalistisch geprägte Herrschaft. Es ist bereits viel mehr als das.

Die unbewusste Verschiebung der Realitäten in den virtuellen Raum.

Nicht wissend, nichts ahnend gleiten wir in ein anderes Bewusstsein. In eine Art Lähmung der Reizorgane. Wir driften ab, wir lassen uns treiben. „Halb zog sie ihn, halb sank er hin“ Ich weiß nicht, wie man es besser ausdrücken könnte!?

Halb bewegen wir uns selbst, halb werden wir in eine Richtung bewegt, die uns noch weit vor dem Ende des Weges rasten und einschlafen lässt. Das Handeln gegen jede Vernunft und Einsicht aufgrund falscher und manipulierter, zielgerichteter Informationen, wird nicht zum Skandal provozierenden Sonderfall sondern schlicht zum Normalfall.

Ich werde oft von Gesprächspartnern belächelt und mit nachgeplapperten Argumenten beworfen, die an mir zerplatzen wie Wasserbomben und mich langsam aufweichen. Wenn ich dann anfange dagegen zu argumentieren, stoße ich immer häufiger auf Totschlagargumente. Die Verbreitung derartiger Argumente in den Medien und Veröffentlichungen hat mittlerweile einen erheblichen Anteil eingenommen. Das ist ein deutliches Zeichen für fehlenden Widerstand. Täglich lese ich Interviews und Berichte in denen nur unkritisch triviale Fragen gestellt und beantwortet werden, die man im Grunde genommen in jedem Mickey Maus Heft nachlesen kann. Weder macht man sich die Bedeutung der Worte noch den Ursprung eines Problems klar. Man labert viel und hochtrabendes Bla bla bla…

Die einfache Einsicht, dass ich in einem begrenzten System nur mehr haben kann, wenn ein anderer weniger hat, wird überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Alle sprechen über die Krise die uns alle beherrscht und wie wir gemeinsam da 'raus kommen können. Dass aber das ganze Geld (nur um eine Einheit zu nennen) nicht weg ist, sondern in irgendeiner Form bei jemand anderem liegt, wird völlig ignoriert!

Was ist das für ein Wahnsinn!? Mit all unserer globalen Vernetzung und Mobilität und Informationsmöglichkeiten haben wir nicht erkannt, dass ein Ackermann nicht nur das griechische Volk sondern auch das deutsche über den Leisten gezogen hat? Oder kennen wir nicht die Zahlen der Deutschen Bank und seine eigenen Boni? Und die steigenden Dividenden? Und weiter, glauben wir wirklich, das ganze Geld, was nun die Gesellschafter der deutschen Bank zu ihrem Vermögen umgeformt haben, kommt nicht von uns, sonder stammt aus irgendwelchen Ansprüchen irgendeiner transzendenten Macht die sich ergießt und für die wir jetzt gemeinsam mit den Gesellschaftern zahlen müssen?

Ja, das zuletzt gesagte ist totaler Blödsinn! Es ist jedoch der gleiche Blödsinn wie die Annahmen in den beiden vorherigen Sätzen!!! Jedoch handeln und leben wir danach, brav und in voller Überzeugung der Unüberwindlichkeit dieses Irrsinns! Und wieder gehen wir entweder gar nicht wählen oder wir wählen diejenigen die all dies möglich gemacht haben…

Es geschieht uns wirklich recht, mein Lieber…es geschieht uns so was von recht!
Wie kann man das denn noch deutlicher sagen? Was soll man tun um all die Köpfe wachzurütteln und die Zäune einzureißen?

Wieder haben in NRW noch weniger Menschen gewählt. Wieder haben mehr als zwei Drittel die (...) gewählt, die den ganzen Mist erst verzapft haben. Was also, soll ich noch sagen?

Bis die Tage


Sehr geehrter Herr Kreutzer,

hiermit möchte ich Sie zu unserer BCC-Konferenz einladen. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie uns in der reichlichen Diskussionszeit kräftig einheizen würden.

Jedenfalls ich merke bei der Lektüre Ihrer Donnerschlag-Beiträge, dass ich – ich bin kein Ökonom, sondern Wirtschaftskriminologe – eine Menge lernen kann.

Es wäre sicher ein Gewinn, wenn Sie sich einmal zu unserer Fragestellung äußerten: Verursachen Wirtschaftsdelikte Wirtschaftskrisen (bei entsprechender Größe von konkreten Einzelfällen wie der Isländischen Kaupthin Bank bzw. Fälle wir Bernie Madoff oder in ihrer Gesamtheit, die freilich nur in Bruchteilen offenbar werden) Vielleicht können Sie auch ein plausible Erklärung bieten, weshalb etablierte Ökonomen, nicht nur neoliberale, auch Keynesianer des gesamten Spektrum und Marxisten aller Schattierungen dieses Problem nicht aufgreifen und untersuchen?

Auch wenn Sie nicht können, wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie potentielle Interessenten auf unsere Konferenz aufmerksam machen und sich zu meinen Fragen einmal äußern würden.

Mit freundlichen Grüßen und einem kräftigen Dankeschön für Ihre Aufklärungsarbeit

Ihr Hans See
(Vorsitzender von BCC)

 

Aufmerksam mache ich gerne. Hier die BCC-Seiten mit der Einladung zur Konferenz am 29. Mai:

http://businesscrime.de/ 


Hallo Herr Kreutzer,
vielen Dank für diese Fragen.

Als Normalbürger werden wir diese Fragen (mehrheitlich) den Nebenkerzenwerfern zwar kaum persönlich stellen können, geschweige denn beantwortet bekommen, aber es tut einfach mal gut, diese Fragen zu lesen und sie mal selbst auszusprechen.

Vor ein paar Wochen hatte ich per Email eine MdB (...) der SPD (...) nach einer evtl. heute empfundenen (Mit-)Verantwortlichkeit der SPD befragt. Immerhin hat die damalig regierende SPD mit ihrem "Ritter" Asmussen die Deregulierung vorangetrieben und damit die finanzpolitischen Massenvernichtungswaffen in Deutschland erst möglich und mit aller Macht salonfähig gemacht.

Sie reagierte auf meinen Vorwurf, dass uns auch eine mittlerweile oppositionelle SPD "ganze Wagenladungen von Sand in die Augen" kippt recht beleidigt und brach die Korrespondenz mit einem "einmaligen und kurzen Hinweis" auf ein 14-Punkte-Programm der SPD ab.

Zitat: "Bereits im Herbst 2007 hat die SPD eine Gruppe eingesetzt, die sich mit Fragen der Regulierung beschäftigt hat. Diese hat im Oktober 2008 ein 14-Punkte-Papier veröffentlicht, in dem konkrete Vorschläge - wie zum Beispiel das Verbot von Leerverkäufen - vorgelegt wurden."

Auf meine Nachfragen, was daraus geworden sei und ob man das auch ausführlicher diskutieren könne, hat mir die gute Frau nicht mehr geantwortet.

Meine Erkenntnis:
Das politische Schmierentheater wird weitergehen, ungeachtet in welcher Rolle die Herrschaften auftreten.

Mit freundlichen Grüßen


Lieber Herr Kreutzer,

herzlichen Dank diesen excellenten Bericht. Jetzt habe ich das endlich mal richtig kapiert.
Was ich schon seit Jahren ahnte, ohne direktes Wissen von Finanz- und Wirtschaftssystemen zu haben, bestätigt sich eindeutig.

Da Ihr Bericht wirklich gut verständlich ist und Aufklärung Not tut, möchte ich für die Verbreitung etwas tun. Bin bei W-K-W (wer-kennt-wen)in einigen Gruppen in denen Menschen sich finden, die etwas tun und ändern möchten.Ich bitte Sie hiermit um die Erlaubnis, Ihren Artikel dort zu verbreiten und auf Ihre Webseiten hinzuweisen zu dürfen.

Betreffend der Spekulanten, gibt es Namen?

Herzliche Grüße


Hallo Herr Kreutzer,

danke für Ihre sonnenklaren Ausführungen.

Die vierte und die abschließende Überlegung sind Volltreffer!! Eine Wucht! Dieser Paukenschlag wird bei mir eingerahmt und bekommt einen Ehrenplatz an der Wand.

Alles Gute und herzliche Grüße


Hallo Herr Kreutzer,

Sie müssen, glaube ich, für Ihre Standardwerke, mal wieder massiv die Werbetrommel rühren. Mir scheint dass einige Ihrer Stammreaktionäre Ihre dargestellten Alternativen noch nicht kennen…

Das tue ich doch glatt! Hau'n Sie drauf, mit der Maus, auf die Trommel!

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