Paukenschlag am Donnerstag
No. 16 /2010
vom 22. April 2010

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Kurzarbeit - der Kombilohn durch die Hintertür

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Paukenschläge 2010 (ältere)
1 Angela Merkel
2 Innere Angelegenheiten
3 Werbung ist Krieg
4 Werbung ist Krieg - und wer geht hin?
5 Zwischen Schmerzgrenze und Hemmschwelle
6 Die Sache mit dem Zins
7 Schluss mit Lustig
8 Zins und Wachstumszwang
gehören zusammen
 9 Bananenrepublik
10 Dr. Petschow
Geld und Demokratie
11 Die freie demokratische Kopfpauschale
12 Progressive Benzinsteuer
13 nicht belegt
14 Volkswirtschaftlicher Gesamtschaden
15 Griechenland als Chance verstehen
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Kurzarbeit - der Kombilohn durch die Hintertür
 
 
Kritisches zum hochgelobten Kurzarbeitergeld
 
Es lohnt sich nicht, auf Details einzugehen, die werden sowieso ständig verändert.
Wer als Unternehmer Kurzarbeit einführen will, mag sich ebenso selbst über die jeweils aktuelle Gesetzeslage informieren, wie der Gewerkschafter, der sich gezwungen sieht, der Kurzarbeit zuzustimmen, weil der Arbeitgeber droht, dass er sonst Entlassungen aussprechen müsste oder gar in die Insolvenz schlittern könnte.
 
Der Unternehmer wird herausfinden,
dass er sich per Kurzarbeit Kosten ersparen kann.
 
Der Gewerkschafter wird herausfinden,
dass er sich per Kurzarbeit Ärger ersparen kann.
 
Wer von Kurzarbeit betroffen ist, wird schnell merken,
dass er nicht nur weniger Arbeitsstunden zu leisten hat, sondern auch, dass er am Ende des Monats weniger Geld zur Verfügung hat. Viele werden aber froh sein, dass sie wenigstens noch Kurzarbeitergeld beziehen und nicht schon von Arbeitslosengeld abhängen und sich den Anweisungen von ARGE oder Jobcenter zu fügen haben.
 
Wer ein Volk regiert, das unter rückläufiger Beschäftigung leidet,
wird schnell merken,
dass er seine Wirtschaft irgendwie unterstützen muss, damit er nach der Krise nicht vor einem - nach allen Regeln der Betriebswirtschaft angerichteten - gesamtwirtschaftlichen Trümmerfeld steht. Wenn die Unterstützung noch dazu die sensible Zahl der "statistisch erfassten Arbeitslosen" positiv beeinflusst, dann gibt es kaum noch Zweifel daran, dass der Königsweg zum Erhalt der volkswirtschaftlichen Potenz und des Vertrauens der Wähler darin liegt, das Instrument der Kurzarbeit zum Einsatz zu bringen. Da wird niemand arbeitslos, da werden den Arbeitgebern Lohnlasten abgenommen und Sozialversicherungsbeiträge erlassen - und die Beschäftigten bleiben beschäftigt und erhalten ein Netto-Gehalt, das irgendwo zwischen dem gewohnten Netto und dem ALG I - Netto liegt.
 
Seit dem Ei des Kolumbus
gab es wohl keine so frappierend einfache und schöne Lösung für ein für unlösbar gehaltenes Problem wie das deutsche Kurzarbeitergeld und die in der jüngsten Vergangenheit dazu erlassenen, quantitativen und qualitativen Ausweitungsregelungen, wie die Verlängerung der Zahldauer von 6 auf 24 (18) Monate und die Regelungen zur Übernahme der Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung durch die BA.
 
Ich kann es keinem deutschen Michel verdenken, wenn er angesichts einer solchen arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Großtat trunken vor Dankbarkeit das eigene Denken einstellt.
 
Doch möchte ich daran erinnern, dass das Ei des Kolumbus nur deshalb auf der Spitze stehenbleiben konnte, weil Kolumbus es zerschlagen hat. Es war nachher nicht mehr heil, es war kaputt, die Spitze plattgemacht. Und um wie viel Spitze plattgemacht werden muss, damit ein gekochtes Ei auf der (dann nicht mehr vorhandenen) Spitze stehen bleibt, das können Sie mit dem nächsten Frühstücksei einmal ausprobieren. So einfach ist das nämlich gar nicht.
Die EU würde ein solches Ei als nicht mehr verkehrstauglich bezeichnen und es aus dem Angebot des Lebensmittelhandels verbannen.
 
Egal.
 
 
Fakt ist, dass sogenannte "Patentlösungen", vor allem, wenn sie nicht von seriösen Forschern und Wissenschaftlern, sondern von Politikern und deren "Experten" ersonnen werden, sich regelmäßig als fatale Fehlleistungen herausstellen, wenn nicht gar, wie man vermuten könnte, wenn man den Korruptionsbekämpfer Uwe Dolata*) hört/sieht/liest, die am Ende erkennbare Fehlleistung als der eigentliche Zweck der Übung angenommen werden muss.
 
*) googeln, bei youtube gibts aktzuelle Videos aus der letzten Sendung von Pelzig unterhält sich - Dolata spricht so was von Klartext, das glaubt man nicht...
 
 
Kümmern wir uns also um das
Massenphänomen Kurzarbeit
 
Im letzten Jahr waren im Mittel rund 1 Million Beschäftigte "auf Kurzarbeit".
Wie das der BA angegliederte "Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)" ermittelte, sind die jährlichen Arbeitsstunden pro Beschäftigtem von 1352,5 Stunden 2008 auf 1309 Stunden 2009 gesunken. Dies sei hauptsächlich auf folgende Einflussfaktoren zurückzuführen:
 
Rückgang
geleisteter Stunden 2009
Ursachen
durchschnittlich pro Beschäftigtem Anteil an gesamt geleisteten Stunden 2008
  Kurzarbeit

  - 15,5 Stunden
(Vorjahr 1,8)

 1,1 %

 Abbau von Zeitguthaben

 - 9,3 Stunden

 0,7 %

 Weniger bezahlte Überstunden

 - 13,0 Stunden

 1,0 %

 andere

 5,7 Stunden

 0,4 %

 Summe

 43,5 Stunden

 3,2 %


Der Arbeitszeitrückgang um durchschnittlich 43,5 Stunden pro Beschäftigtem, bzw. 3,2 Prozent habe 1,2 Millionen Jobs gerettet hieß es vom IAB. Daraus lässt sich die vom IAB angesetzte Basis ermitteln, nämlich 37,5 Millionen Beschäftigte, und die Zahl der insgesamt angefallen Kurzarbeits-Ausfall-Stunden, nämlich 581 Millionen.
Die "geleistete" Arbeitsstunde kostete 2009 in Deutschland durchschnittlich 30,90 Euro, davon waren 23,40 Euro Brutto-Lohn, 7,50 Euro die sog. Lohnnebenkosten. Da in der "geleisteten Arbeitssstunde" anteilig auch die Kosten für die bezahlten "Freistunden", also im wesentlichen Urlaub, bezahlte Feiertage, bezahlte Fortbildungszeiten und bezahlte Krankheitstage enthalten sind, kann davon ausgegangen werden, dass das tatsächlich vereinbarte Entgelt im Mittel über alle Arbeiter und Angestellten aller Branchen bei etwa 18 Euro und 70 Cent pro Stunde lag.
Für die 581 Millionen ausgefallenen Stunden hätten die Arbeitgeber also 10,9 Milliarden Euro Brutto-Lohn und weitere 2,3 Milliarden Euro Arbeitgeber-Beiträge zur Sozialversicherung zahlen müssen, um die Belegschaft auch ohne Beschäftigung halten zu können.

Diese 10,9 Milliarden wurden den Arbeitgebern vom Gesetzgeber und der amtierenden Regierung erlassen.
 
 
Inwieweit auch die 2,3 Milliarden Sozialversicherungsbeiträge entfallen sind, konnte ich nicht herausfinden, doch die Türen dazu wurden geöffnet, einerseits über die Qualifizierungsklausel (§ 421t Abs. 1 Nr. 2 SGB III), andererseits, unabhängig von Qualifizierungsmaßnahmen über die allgemeine Fristenlösung ab dem 7. Monat (§ 412t Abs. 1 Nr. 3 SGB III), so dass davon ausgegangen werden kann, dass 2009 mindestens ein Drittel der Sozialversicherungsbeiträge die der Arbeitgeber zu tragen hätte, von der BA übernommen werden.
 
Somit ergibt sich für das Jahr 2009 eine Gesamtentlastung der deutschen Wirtschaft per Kurzarbeit von rund 11,6 Milliarden Euro.
 
 
Die Arbeitnehmer
 
deren Arbeitsverhältnis dank Kurzarbeit bestehen blieb, obwohl sie gleichzeitig auf Anforderung auch der Arbeitsvermittlung zur Verfügung zu stehen hatten und neben dem regulären Job ggfs. auch einen Zweitjob annehmen mussten, erlitten im gleichen Zeitraum einen Lohnverlust von rund 1/3 des Netto-Entgelts für die 581 Millionen Ausfallstunden.

Man kann davon ausgehen, dass die 10,9 Milliarden Brutto-Lohn, um welche die Arbeitgeber 2009 entlastet wurden, nach Abzug von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen einem Netto-Lohn von ungefähr 7 Milliarden Euro entsprochen haben. Davon hat nun die BA in einem pauschalisierenden Verfahren etwa 2/3 als Kurzarbeitergeld an die Kurzarbeiter ausgezahlt, die
 
hatten demzufolge netto ungefähr 2,3 Milliarden Euro weniger zur Verfügung, was für den einzelnen Kurzarbeiter einen Einkommensverlust von monatlich rund 200 Euro bedeutete.

Soweit die direkte Folge für die betroffenen Arbeitnehmer.
 
Wer aber trägt die indirekten Lasten der Kurzarbeit?
indirekte Lasten der Kurzarbeit

 Höhe

Kosten trägt
Lohnersatzleistung Kurzarbeitergeld

 4.700.000.000 €

 Bundesagentur für Arbeit

Sozialversicherungsbeiträge der Arbeitnehmer

 2.300.000.000 €

 Bundesagentur für Arbeit

Sozialversicherungsbeiträge der Arbeitgeber

ca. 733.000.000 €
ca. 1.567.000.000 €

 Bundesagentur für Arbeit
Arbeitgeber

 Lohnsteuerausfall

 ca. 1.600.000.000 €

 Fiskus / Steuerzahler

 Summe

 10.900.000.000 €

 


Doch das ist nur der erste Verteilungsschritt. BA und Fiskus finanzieren sich selbst wiederum aus Beiträgen und Steuereinnahmen.
 
Berücksichtigt man diesen Umverteilungsschritt wird klar, wer tatsächlich welchen Anteil der Lasten trägt:
 
Die Leistungen der BA,
 
insgesamt ca. 7,7 Milliarden Euro, tragen zur Hälfte (3,85 Mrd.) die Beschäftigten über ihre Beiträge zur Arbeitslosenversicherung, zur anderen Hälfte die Arbeitgeber.

Den Lohnsteuerausfall,
 
insgesamt ca. 1,6 Mrd. Euro, tragen letztlich alle Beschäftigten über die Steuern vom Lohn und alle Konsumenten über die vielfältigen Konsumsteuern (Mehrwert-, Mineralöl-, Öko-, Strom-, Bier-, Branntwein-, Tabaksteuer), um nur die wichtigsten zu nennen, zu mindestens 75 % - also mit 1,2 Mrd. Euro. Das restliche Viertel kommt aus Einkommens-, Körperschafts- und Gewerbesteuer, wird also im wesentlichen von Unternehmen Anteilseignern getragen.

Die Masse der Beschäftigten und ihrer nicht berufstätigen Angehörigen, die Rentner und die Bezieher von Lohnersatzleistungen werden also - zusätzlich zu den 2,3 Milliarden Einkommensverlust der Kurzarbeiter, mit rund 5 Milliarden zur Finanzierung der Sozialkassen und der Steuerausfälle herangezogen.

Direkte und indirekte Belastung der breiten Masse der Bevölkerung addierten sich2009 also auf 7,3 Milliarden Euro.
 
Die Wirtschaft, die direkt um 11,6 Milliarden entlastet wurde, wird indirekt mit 4,3 Milliarden Euro belastet (3,85 Mrd. AG-Beitrag zur Sozialversicherung und 0,4 Mrd aus Steuerzahlungen),
 
so dass per Saldo die Wirtschaft exakt um jene 7,3 Milliarden entlastet wird, die von den Beschäftigten und Konsumenten eingefordert werden.

 
 
Die Kritik
Kurzarbeit dient den Interessen der Wirtschaft.
Durch das Instrument der Kurzarbeit können die Lohnstückkosten konstant gehalten werden, ohne dass dafür ein Mitarbeiter entlassen werden müsste.
Das bedeutet:
Es fallen beim Rückgang der Auslastung keine Kosten für Sozialpläne, Abfindungen und Streitigkeiten vor den Sozialgerichten an, es entstehen beim Wiederhochfahren der Produktion keinerlei Aufwände für Personalbeschaffung und es gibt keine Leistungseinbußen während der Einarbeitungszeit neu eingestellter Kräfte.
Ohne Kurzarbeit stünden die Arbeitgeber vor der Entscheidung:
Entweder erst Personal zu entlassen und eventuell später neue Mitarbeiter einzustellen, oder die Löhne und Gehälter trotz Auftragsmangel in voller Höhe weiterzuzahlen.
Um diese Entscheidung zu treffen würde man unterschiedliche Szenarien durchrechnen, die Kosten vergleichen und sich für die günstigere Variante des wahrscheinlichsten Szenarios entscheiden. Das Unternehmen würde entweder die Kosten für Entlassungen und Wiedereinstellungen oder die Kosten für die volle Weiterzahlung der Löhne und Gehälter, übernehmen. Vermutlich würden viele Unternehmer auch Strategien anwenden, bei denen ein Teil der momentan nicht benötigten Mitarbeiter freigestellt wird, während ein anderer Teil mit Sonderaufgaben, z.B. im Wartungs- und Instandhaltungsbereich, mit Weiterbildungsmaßnahmen und ggfs. mit "negativen Salden auf den Arbeitszeitkonten" bei vollem Lohn weiterbeschäftigt wird.
Mit dem Instrument der Kurzarbeit enthebt die Regierung die Wirtschaft jedoch jeder diesbezüglichen Entscheidung und aller Kosten, die zwangsläufig aus solchen unternehmerischen Entscheidungen folgen.

Kurzarbeit stellt also eine indirekte Subvention dar, die prinzipiell jedem Unternehmen gewährt wird, dessen Kapazitäten vorübergehend nicht vollständig ausgelastet sind, auch dann, wenn diese Subvention mehr oder minder vollständig als Gewinn an die Eigner des Unternehmens ausgeschüttet wird, weil die wirtschaftliche Situation des Unternehmens, trotz Minderauslastung, immer noch gut genug ist, um Gewinne ausschütten zu können.
Kurzarbeit ist die Subvention, die es der Wirtschaft erlaubt, sich kostenlos ein "stehendes Heer" von Mitarbeitern zu halten, die bei Bedarf jederzeit, von einem Tag auf den anderen reaktiviert und in den Produktionsprozess eingebunden werden können.

Dient Kurzarbeit aber nicht auch den Interessen der Beschäftigten?
Nein, sicher nicht.
(Auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht.)
 
Unter den einzelnen Beschäftigten, die glauben, man hätte sie entlassen, gäbe es das Instrument der Kurzarbeit nicht, befindet sich mehr als jeder zweite im Irrtum.

Die durch Kurzarbeit ausgefallenen 581 Millionen Stunden von durchschnittlich 1 Million Kurzarbeitern ergeben rechnerisch lediglich 400.000 "gefährdete" Arbeitsplätze.
600.000 Kurzarbeiter hätten also das ganze Jahr 2009 über für vollen Lohn arbeiten können und damit - bei durchschnittlich 200 Euro Kürzung pro Monat per Kurzarbeitergeld - um die 1,4 Milliarden Euro netto mehr nach Hause tragen können.
400.000 Kurzarbeiter hätten über die in den meisten Fällen unabwendbaren Sozialpläne Übergangsbeihilfen und Abfindungen erhalten können, die - selbst wenn man pro Person durchschnittlich nur 5.000 Euro ansetzt - die stolze Summe von 2 Milliarden Euro eingebracht hätten.

Zudem hätten diese 400.000 Kurzarbeiter im ersten Jahr der Arbeitslosigkeit mindestens 60 Prozent ihres Netto-Lohns von der Arbeitslosenversicherung erhalten, was in unserem Zahlenbeispiel durchschnittlich 1.100 Euro pro Person und Monat, in Summe also 5,3 Milliarden Euro eingebracht hätte.
Die Summe der Beschäftigten hätte 2009 also 8,7 Milliarden Euro mehr zur Verfügung gehabt, wenn es statt 1 Million Kurzarbeiter 400.000 Kündigungen gegeben hätte.

Die Arbeitgeber
hätten davon 3,4 Milliarden direkt und 2,7 Milliarden über die AG-Beiträge zur Arbeitslosenversicherung aufzubringen gehabt, hätten also das unternehmerische Risiko, mit dem in guten Zeiten die hohen Gewinne gerechtfertigt werden, mit insgesamt
- 6,1 Milliarden Euro schultern müssen.

Die Arbeitnehmer,
die weder die Bankenkrise ausgelöst, noch die in der Krise schädliche Exportabhängigkeit der deutschen Wirtschaft zu verantworten haben, hätten sich mit lediglich 2,6 Milliarden Euro (zusätzlichen) Arbeitslosenversicherungsbeiträgen zu beteiligen gehabt, unter dem Strich also gegenüber der Kurzarbeit in Summe
+ 6,1 Milliarden Euro gewonnen!

Dass sich die Arbeitgeber zudem die Kosten für die Rekrutierung und Einarbeitung von Mitarbeitern sparen, die ohne Kurzarbeit fällig werden, wenn die Konjunktur wieder anzieht, ein Aufwand, der sich leicht mit weiteren 2 bis 3 Milliarden Euro beziffern lässt, sei hier nur am Rande erwähnt.
 
Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit in der Verteilung der Lasten ist aber nur ein Aspekt der fatalen Nebenwirkungen des Patentrezepts "Kurzarbeit".
 
Kurzarbeit verzerrt die Wettbewerbsbedingungen, im Inland, wie im internationalen Wettbewerb.
Binnenmarkt:
Ein Unternehmen, das aufgrund von mangelnder Qualität, zu hohen Preisen und unzureichendem Service Aufträge verliert, wird durch das Instrument der Kurzarbeit dem Unternehmen gleichgestellt, das Aufträge aufgrund der allgemeinen Wirtschaftslage verliert - ja das schlechtere Unternehmen wird bei stärkerem Auftragsrückgang sogar verhältnismäßig höher subventioniert als das eigentlich wettbewerbsfähigere.

Das im Vorfeld zu prüfen und zu berücksichtigen, wird man sagen, ist nicht möglich.
Und das stimmt auch. Aber es spricht nicht für die Kurzarbeit.

Weltmarkt:
 
Unternehmen in einer Volkswirtschaft mit Kurzarbeitsregelung sind gegenüber Unternehmen in Volkswirtschaften ohne Kurzarbeitsregelung klar im Vorteil, weil sie die Kosten und das Risiko schwankender Auftragseingänge sozialisieren, also auf die Beschäftigten und den Staat abwälzen.
Dieser Kostenvorteil wird, so weit erforderlich, in der Akquisition in Form von Dumpingpreisen an den Weltmarkt weitergegeben, während der verbleibende Überschuss den Eignern zufließt.
Die sich daran anschließende (egoistische) Überlegung, dass damit ja schließlich zusätzliche Auslastung generiert wird, die wiederum zum Abbau von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit führt, ist vom Ansatz her richtig.
Sie macht aber deutlich, dass sich die Volkswirtschaften, auch unter der Gloriole der Globalisierung einen unerbittlichen Verdrängungswettbewerb liefern, bei dem - irgendwo auf der Welt - letztlich doch die Beschäftigten die Zeche dafür zahlen müssen - durch niedrigere Einkommen und höhere Abgabenlasten.

Sie macht zugleich deutlich, dass eine Abkehr vom System der Kurzarbeit unmittelbar zu niedrigeren Unternehmensgewinnen und schlechteren Absatzchancen auf den Exportmärkten führen würde, weil das Risiko einer nicht permanent vollen Auslastung der vorgehaltenen Kapazitäten aus Liquiditäts- und Ertragsgründen in den Preisen weitergegeben werden müsste.

Die jüngste Verlängerung der quantitativ und qualitativ massiv ausgeweiteten deutschen Kurzarbeitsregelung ist zwar kein Beweis, aber doch ein starkes Indiz für die Richtigkeit dieser Argumentation.
 
 
Kurzarbeit senkt das Lohnniveau
Dieser Nebeneffekt wird im Freudentaumel über die künstlich niedrig gehaltenen Arbeitslosenzahlen kaum wahrgenommen. Doch ist es unzweifelhaft so, dass in der Rangordnung der arbeitswilligen Arbeitsfähigen zwischen den "normal" bezahlten Festangestellten und den im Arbeitslosengeldbezug Befindlichen eine zusätzliche Stufe eingefügt wurde, die nicht nur die Einkommen der direkt Betroffenen tangiert, sondern auch den so oft bemühten Abstand (wer arbeitet, soll mehr haben, als der, der nicht arbeitet) zwischen Lohn und ALG I bzw. Hartz-IV-Leistungen weiter verringert.
Wer aus der Arbeitslosigkeit heraus will, sieht sich inzwischen vermehrt jenen Angeboten gegenüber, die Einkommen und Arbeitsbedingungen der Kurzarbeiter als Richtschnur für neu einzustellende Vollzeitkräfte hernehmen.
 
Ein Personalchef, der nicht zu dem Schluss fähig ist, dass die Bedingungen, die von
1 Million Kurzarbeiter akzeptiert werden (Hauptsache ich behalte meinen Job), auch von den allermeisten Arbeitslosen (Hauptsache ich bekomme einen Job) akzeptiert würden, und der nicht realisiert, dass die arbeitsfähigen Hartz-IV-Empfänger per Gesetz bei Androhung der Leistungskürzung verpflichtet sind, jede Zumutung zu akzeptieren, wird in den allermeisten Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern nicht mehr lange Personalchef bleiben können.

Damit sind natürlich auch alle noch "normal" Beschäftigten bei jeder Gehaltsverhandlung, bei jeder Tarifrunde automatisch in der schwächeren Position.
Die Folge: Der Abstand in der Entwicklung der Löhne, der zwischen Deutschland und den anderen großen EU-Ländern inzwischen evident geworden ist, wird weiter wachsen, statt abzunehmen, weil die Kurzarbeit eben nicht nur ein Mittel zur Senkung der Personalkosten in den kurzarbeitenden Unternehmen, sondern auch ein Mittel zur Senkung des allgemeinen Lohnniveaus einer Volkswirtschaft ist.
 
 
Kurzarbeit schwächt die Binnenkonjunktur
Weil der Nutzen der Kurzarbeit, der, wie vorstehend erläutert, ausländischen Importeuren und den Eignern der inländischen Exportwirtschaft zugute kommt, durch Kaufkrafteinbußen der Beschäftigten finanziert wird, führt Kurzarbeit zu spürbaren Kaufkraftverlusten im Binnenmarkt.
Statt also wegen der Exportschwäche die Binnenkonjunktur zu stützen, wird per Kurzarbeit versucht, um jeden Preis die Exporte zu stützen und dabei ein weiteres "Aushungern" der inländischen Bevölkerung billigend in Kauf genommen.
Und wer meint, "Aushungern" sei ein übertriebener Begriff, es handele sich dabei um komfortables Gejammere auf hohem Niveau, der hat immer noch nicht begriffen, dass die Forderung "den Gürtel enger zu schnallen" in Deutschland absolut nicht mehr nur als abgedroschene Metapher angesehen werden kann.
Natürlich schwächt eine nachlassende Binnenkonjunktur ihrerseits den Arbeitsmarkt und trägt so mit dazu bei, dass das Instrument Kurzarbeit auch weiterhin auf geeignete "Anwendungsfälle" trifft.
 
 
Kurzarbeit ist Kombilohn durch die Hintertür
Nachdem es nicht gelungen ist, die deutsche Wirtschaft auf breiter Front mit Kombilohnmodellen von Personalkosten zu entlasten, wie es im Zuge der Agenda 2010 propagiert und probiert wurde, wird der gewünschte Effekt inzwischen über die erweiterte Kurzarbeit zur vorläufigen Zufriedenheit der Wirtschaft erreicht.
2009 wurden die deutschen Arbeitgeber insgesamt und per Saldo durch die Kurzarbeit um rund 7,3 Milliarden Euro entlastet, während Beschäftigte und Konsumenten mit diesem Betrag belastet wurden.

Anders ausgedrückt:
Im letzten Jahr verbesserte die deutsche Wirtschaft ihr Gesamtergebnis um 7,3 Milliarden Euro, während die Kaufkraft der Bevölkerung um 7,3 Milliarden Euro gemindert wurde.
(Dass ein Teil der Kaufkraftminderung ggfs. über Neuverschuldung des Staates im Fiskaljahr 2009 kompensiert wurde, ist zwar ein schwacher Trost, aber keineswegs ein Ansatz für eine nachhaltige Lösung des Problems.)
 
Und so, wie man von einem Kombilohn, hat man ihn erst einmal etabliert, kaum wieder herunterkommen kann, kann man auch die Kurzarbeit, hat man sie erst einmal so massiv etabliert, kaum wieder zurückfahren.
Die Unternehmen werden - wenn sie nicht schon damit begonnen haben - ihre Kapazitäten noch härter an der Nachfrage orientieren, aber nicht mehr über den mühsamen Prozess betriebsbedingter Kündigungen, sondern so:
In guten Zeiten Personal aufbauen,
in schlechteren Zeiten in die Kurzarbeit flüchten.
Weil es ja nichts kostet!

(...und weil mit der Kurzarbeit ganz nebenbei auch noch die lästigen Kündigungsschutzklauseln den letzten Rest an Relevanz verloren haben.)
 
Die Diskussion um eine aus der Produktivitätssteigerung und dem Exportüberschuss direkt ableitbare, allgemeine Arbeitszeitverkürzung ist damit ebenfalls gestorben, weil dem Einzelnen vorgegaukelt wird, er behalte ja seinen Job, selbst bei "Kurzarbeit 100", während in Wahrheit Hunderttausende faktisch arbeitslos sind.
Dass die Arbeitslosen nicht gezählt werden, o.k., daran haben wir uns inzwischen gewöhnt und es macht auch keinen Spaß mehr, darauf hinzuweisen, dass die offiziellen Zahlen zur Arbeitslosigkeit höchstens die Hälfte des wahren Ausmaßes angeben,
 
aber dass diese Arbeitslosen nicht wirklich arbeitslos sein dürfen,
dass sie weiterhin an ihren Arbeitsvertrag und damit praktisch auch in der Arbeitslosigkeit weiterhin an die Weisungen ihres Arbeitgebers gebunden sind, das ist es, was fatal an Zeiten der Leibeigenschaft erinnert.
 
Die betriebsbedingte Entlassung von 400.000 Beschäftigten wäre 2009 für die 37,5 Millionen Beschäftigten aus 2008 (also einschließlich der 400.000 2009 frisch Entlassenen) bei Anwendung der gültigen Gesetze um 6,1 Milliarden Euro günstiger gewesen, als durchschnittlich 1 Million Beschäftigter in Kurzarbeit zu halten.
 

Was also ist so toll an der Kurzarbeit?
Dass Deutschland auf diese Weise seine Bevölkerung weiterhin dazu bewegen kann, zum Wohle der Anteilseigner der Exportwirtschaft bei sinkender Binnenkaufkraft Exportüberschüsse zu produzieren?

Für wen ist das denn toll?
 


Anmerkung:
Dass von offizieller und offiziöser Seite ganz andere Zahlen über die Kosten der Kurzarbeit verbreitet werden, kann ich leider nicht beeinflussen, vor allem aber kann ich es nicht nachvollziehen.
 
Falls Sie dazu Aufklärung erwarten, müssten Sie sich fragend an die Politiker und Experten wenden, die nur von 1 Milliarde Kosten aber 1,2 Millionen geretteten Arbeitsplätzen sprechen, oder, wie Frau von der Leyen jüngst, die Kosten der Verlängerung der ausgeweiteten Kurzarbeitsregelung um 15 Monate bis März 2012 mit nur 800 Millionen Euro angeben.
(800 Millionen Euro von Januar 2011 bis März 2012, das sind pro Monat 53,3 Millionen. Geht man davon aus, dass sich die Rahmenbedingungen nicht nennenswert ändern, also im Durchschnitt pro Kurzarbeiter 40% der Soll-Stunden entfallen und die Lohndifferenz zu 2/3 von der BA übernommen wird, so bleibt auch in diesem Zeitraum die durchschnittliche Leistung der BA pro Nase und Monat bei 400 Euro. Das reicht dann für durchschnittlich 133.250 Kurzarbeiter. Da sehe ich sehr viel blindes Vertrauen in den Aufschwung - und keinerlei Bewusstsein für die tatsächlichen Lasten der Kurzarbeit, die ja mit den Leistungen der BA alleine längst nicht vollständig erfasst sind.)
 

Lese-Empfehlungen

Bitte beachten Sie auch die Titel in der linken Spalte - man kann sie anklicken, um mehr darüber zu erfahren. Zum Beispiel finden Sie dort Thomas Koudelas Buch "Entwicklungsprojekt Ökonomie" oder Artur P. Schmidts "Unter Bankstern",

Falschgeld
Die Herrschaft des Nichts über die Wirklichkeit
Samirah Kenawi kritisiert mit profundem Fachwissen die Mechanismen der Geldversorgung und skizziert ein eigenes, besseres Modell.
Link zum Verlag 
Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre
Band II
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Egon W. Kreutzer erklärt den Kapitalimus in der Globalisierung, seine leeren Versprechungen und seine wahren Ziele. Dem stellt er ein Credo der Vernunft entgegen.
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Reaktionen auf diesen Paukenschlag


Sehr geehrter Herr Kreutzer,

besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Die Wirklichkeit bestätigt Ihre Berechnungen übrigens: Inzwischen ärgert sich die Arbeitsverwaltung in Nürnberg darüber, daß ihnen verschiedene große Unternehmen gemeldet werden, die zur gleichen Zeit Kurzarbeit laufen haben UND in großem Umfang Billigleiharbeiter “durchschleusen”. - Anstand bzw. gesellschaftliche Verantwortung ist anscheinend nur was für die werktätigen Massen, die sich gefälligst mit ihren Lohnforderungen zurückzuhalten haben.

Grüße aus Berlin,


"Kurzarbeit entlastet die Wirtschaft um Milliarden - und belastet damit alle Beschäftigten und Konsumenten.Kurzarbeit fördert den Export - und schadet der Binnenkonjunktur."


Stimmt! Das System steht vor dem Kollaps (Banken- und Finanzen, Gesundheit, Justiz, Kirchen, Politik, Krieg). Ein Loch ist im Eimer, doch noch ist er erst halb leer!

Mit freundlichen Grüßen


Hallo Herr Kreutzer,

Sie müssen, glaube ich, für Ihre Standardwerke, mal wieder massiv die Werbetrommel rühren. Mir scheint dass einige Ihrer Stammreaktionäre Ihre dargestellten Alternativen noch nicht kennen…

Das tue ich doch glatt! Hau'n Sie drauf, mit der Maus, auf die Trommel!

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