Paukenschlag am Donnerstag
No. 1 /2010
vom 7. Januar 2010

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Angela Merkel

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Leserbriefe
 
Paukenschläge 2009 (ältere)
1 Steinbrück, Peer
2 Die Würde des Menschen ist nicht mehr ertastbar
3 Asymmetrisches Treiben
4 Wenn Banken baden geh'n - Bad Bank
5 Schuldenbremser
6 Die Liquiditätsblase
7 Abwrackprämie für Bänke
8 Bankenkrisenprotektion
9 Währungskrieg gegen die Eurozone
10 Opel, zum Beispiel
11 Billionen- und Konsonantenverdoppelung
12 Im falschen Film -
Die Krisen-Illusion
13 Wie aber soll eine neue Welt entstehen?
14 Schokohasen - Opium fürs Volk
15 Zwischenhirnwesen
16 System-Relevanz-
Syndrom
17 Komm, lieber Mai, und mache
18 Rentner und Milliardäre
19 Die gestärkten Rechte des EU-Parlaments
20 Gute Banken, schlechte Banken 
21 Eine Zensur findet nicht statt
22 Staatsbank
23 Deutschland geht unter
24 Gesunde Unternehmen retten
25 Oasen Peer
26 Geld in der Krise Kreislauf des Irrsinns
27 Bundestagswahl
28 Rentenpolitische Paradoxien
29 Der ungerechte Lohn
30 Der gerechte Lohn

31 ist ausgefallen
32 Vom Unterschied zwischen der Schweine-
grippe und Karl Theodor zu Guttenberg
33 Auf dem Rummel
34 Allegorisches zum Gewähle
35 Deutschland darf OPEL nicht retten
35a Resonanz - Räsonanz
36 Banker und Boni
37 Pandora, die mit der Büchse
38 Reichtum bleibt tabu
40 Die Ruhe vor Schwarz-Gelb
41 Die Tücken des Wahlrechts
42 Per Saldo 2009
43 Galgenhumor ist immer nur vorher
44 Am Beispiel BMW
45 Keine Garantie
46 18.000 Sächsinnen und Sachsen
47 Wo bleibt die Hyperinflation?
48 Das unheimliche deutsche Jobwunder
49 Die Tümer
50 Rettet die Landesbanken
51_52 Gedanken zum Jahreswechsel
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Angela Merkel
 
Als das Grundgesetz verfasst wurde, war der Begriff "Moderation" in der deutschen Sprache noch nicht angekommen. Information und Unterhaltung fanden in den spärlichen Ausgaben der von den Besatzungsmächten lizenzierten Printmedien statt, und als der Rundfunk allmählich wieder zum Leben erwachte, wurden Sendungen auch nicht moderiert, sondern angesagt - und dann gesendet.
 
Als man begann, dem entnazifizierten Deutschland eine - vom Willen zum Konsens getragene - Diskussionskultur zu vermitteln, hießen die "Worterteiler" immer noch nicht Moderator, sondern Gesprächsleiter. Ein Begriff, aus dem heute noch ableitbar ist, dass die Absicht bestand, ein Gespräch zu führen, und dass dieses Gespräch ein Ziel hatte, zu dem der Gesprächsleiter die Gesprächsrunde führen sollte -- und meist auch wollte.
 
Der "Moderator",
 
dem nur noch die Aufgabe zufällt, den zufälligen Strom aus
 
  • sinnleeren Interviews mit Fußballtoren,
  • Darbietungen zweifelhafter Gesangskünstler,
  • Welterklärungen selbsternannter Experten,
  • Wettervorhersagen,
  • Werbebotschaften und
  • Meldungen über die neuesten Absurditäten aus aller Welt
  •  
mit einem marktschreierischen, bis zur Begeisterung anschwellenden, jedoch ganz und gar geheuchelten Interesse anzukündigen, damit das Publikum glaubt, es bekäme etwas für sein Geld, statt zu erkennen, dass man ihm nicht nur Geld, sondern auch Zeit stiehlt,
 
hat sich als Begriff in der deutschen Sprache erst eingebürgert, nachdem Helmut Kohl Helmut Schmidt abgelöst hatte, das Privatfernsehen die Wohnzimmer eroberte und aus Gesprächsrunden Talkshows wurden, in denen es nicht mehr darum ging, ein Gespräch zu führen, sondern nur noch darum, unter Vernachlässigung aller Regeln des Anstands und der Gesprächskultur die eigene Meinung, so oft, so laut und so glatt über den Sender gehen zu lassen wie irgend möglich.
 
 
Von Angela Merkel heißt es nun, sie führe,
indem sie moderiere.
 

 Ergänzende Begriffsklärung:

Als - schon vor Kohl -
 
der Begriff der Moderation in den Führungsetagen großer deutscher Unternehmen diskutiert wurde, wenn Unternehmensberater vorschlugen, interdisziplinäre Expertenteams mit neutraler Moderation in Kreativitäts- und Problemlösungstechniken zu unterweisen, um sie dann zum Wohle des Unternehmens und seiner Aktionäre neuartige Produkte, Verfahren und Geisteshaltungen entwickeln zu lassen,
 
war der kluge Moderator derjenige, der die in Teamtechniken unerfahrenen Fachleute mit Hilfe seines Methodenwissens und einer reich bestückten psychologischen Trickkiste geschickt und skrupellos dahin trieb, wo sie der Auftraggeber haben wollte.

Moderatoren, die in naiver Gläubigkeit tatsächlich versuchten, sich neutral zu verhalten und echte Teamergebnisse "entstehen" zu lassen, wurden in diesem Metier nicht alt. Zum Glück herrschte damals noch Vollbeschäftigung und wer es hier zu nichts brachte, konnte immer noch als Systemanalytiker oder Leasingberater versuchen, sein Glück zu machen.

 
Als Angela Merkel mitsamt der DDR der Bundesrepublik Deutschland beitrat, verstand es die CDU bestens, Kohls Mädel in jeder Beziehung als die vollkommene Unschuld aus dem Lande der Brüder und Schwestern dastehen zu lassen.
 
Und Helmut Kohl, der angetreten war, der Republik die geistig-moralische Wende zu bringen, gelang mit der Zusammenführung von CDU und Angela Merkel ein Kunststück, das im Reich der Physik als die Vereinigung von Materie und Antimaterie gefeiert würde, gelänge sie denn: Eine Frau, geschieden, evangelisch, nicht nur aus dem Osten, sondern von den Eltern als Kind erst aus dem Westen in den Osten verbracht, Physikerin zudem - das hob sich von der alten, grauen in ungetrübter Ehe lebenden katholischen Männergarde aus den ehemaligen drei westlichen Besatzungszonen derart ab, dass man mit der Implantation dieses Vorzeige-Fabelwesens in die Partei den Eindruck erwecken konnte, die CDU befinde sich tatsächlich auf dem Weg der inneren Erneuerung.
 
Dass Angela Merkel diese Rolle so perfekt wahrzunehmen verstand, lag aber nicht alleine an den äußeren Merkmalen ihrer Andersartigkeit, es lag, so meine ich, an einer ganz anderen, eher im Verborgenen blühenden Fähigkeit:
Der Fähigkeit,
sich nicht festzulegen und sich nicht festlegen zu lassen.

 

 
Während Helmut Kohl, ihr Ziehvater, sich in vielen entscheidenden Fragen noch festlegte, und aller Kritik und allen Bemühungen, ihn zu einer Änderung seiner Position zu bewegen, durch stures "Aussitzen" begegnete, ließ Angela Merkel schon früh erkennen, dass sie von Festlegungen wenig hielt und lieber darauf vertraute, mit einem Höchstmaß an Flexibilität, wie der Igel in der Fabel, immer schon triumphierend da angekommen zu sein, wo der Hase, Augenblicke später, nach höchster Kraftanstrengung erschöpft zusammenbrechen wird.
 
Der Versuch, einen Wackelpudding an die Wand zu nageln, ist zum Scheitern verurteilt.
Der Versuch, Angela Merkel einen festen politischen Standpunkt zu unterstellen, scheitert ebenfalls.
Frühe Äußerungen dieser Flexibilität finden sich bereits in der Schulzeit. Wohl vom Vater, einem eher als regimetreu zu bezeichnenden evangelischen Pfarrer, motiviert, war sie zwar Mitglied der Pionierorganisation Erst Thälmann und der FDJ (Freie deutsche Jugend), doch ließ sie sich lieber konfirmieren, als an der Jugendweihe teilzunehmen.
Während ihres Studiums blieb Merkel in der FDJ aktiv. Obwohl sie weder der SED noch einer der Blockparteien angehörte, erhielt sie nach dem Studium eine Anstellung am Ost-Berliner Zentralinstitut für Physikalische Chemie und promovierte 1986. Der Nachweis, dass sie die während ihres Studiums erworbenen, marxistisch-leninistischen Kenntnisse inzwischen wesentlich vertieft und erweitert habe, der nach der damaligen Promotionsordnung zu erbringen war, gilt heute als verschollen.
 
Aber Merkel war nicht nur nicht Mitglied einer der DDR-Parteien, sie tat sich auch nicht durch Mitarbeit in Opposition hervor, die sich sowohl in kirchlichen als auch in bürgerlichen Kreisen zu formieren begann. Sie war in dieser kritischen Situation mit hohem Veränderungspotential zunächst praktisch unsichtbar.
Dass sie an ihrem Institut als FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda geführt wurde, woran sich ihr zuständiger FDJ-Gruppenleiter zu erinnern glaubt, kann durchaus sein. Ohne diesen einen einzigen, aus Sicht der Partei "positiven" Aspekt ihrer Personalakte, hätte sie sich beruflich wohl etwas schwerer getan. Dass sie dieses Amt je ausgeübt hätte, darf getrost bezweifelt werden. Nicht nur, weil sie es selbst so genau auch nicht mehr weiß, aber glaubt sich zu erinnern, eher Kultursekretärin gewesen zu sein, vor allem, weil es nicht zu ihr gepasst hätte, sich in einer solchen Position zu exponieren.
Erst als die Wende in der DDR die Wände wackeln ließ und klar wurde, dass sich das Regime so nicht mehr lange halten konnte, wandte sich Merkel einer Gruppierung Namens "Demokratischer Aufbruch" zu. Ganz vorsichtig, erst nur ehrenamtlich als EDV-Administratorin, dann, ab Anfang 1990 als festangestellte Sachbearbeiterin in der Ost-Berliner Geschäftsstelle, suchte sie die Nähe zur Politik. Es dauerte nicht lange, und sie wurde zur Pressesprecherin ernannt und gelangte in den Vorstand des DA.
Der "Demokratische Aufbruch" hatte den Vorteil, dass ihm das Odium der linken Bürgerrechtsbewegung noch anhaftete, als sich die Gruppierung schon längst auf ein Wahlbündnis mit der CDU zubewegte.

Welch ein Glücksfall für Angela Merkel, dass der Vorsitzende des Demokratischen Aufbruchs wenige Tage vor der Wahl aus der Gruppierung ausscheiden musste, weil Informationen über seine Stasi-Vergangenheit an die Öffentlichkeit kamen.
So konnte sie - mit großem Bedauern und tiefer Betroffenheit - als Mitglied einer Mini-Minderheitsgruppierung, die bei der Wahl ganze 0,9 Prozent der abgegebenen Stimmen erhielt, aufgrund der vor der Wahl getroffenen Absprachen mit dem großen Koalitionspartner, als stellvertretende Regierungssprecherin Lothar de Maizieres in den engsten Kreis der Macht eindringen.

Als Sprecherin.
 
Wieder ein Amt, in dem man auf jegliche Erscheinungsform eines eigenen Standpunktes leicht verzichten kann - ja eigentlich sogar muss.
Merkel konnte jedoch, ohne sich dabei selbst festlegen zu müssen, an vielen wichtigen Gesprächen, Verhandlungen und Entscheidungen teilnehmen. Dabei hatte sie engere Kontakte zu zwei Politikern, die später unrühmlich Schlagzeilen machten. Das war einerseits Günther Krause, der damalige Staatssekretär beim Ministerpräsidenten der DDR, jener nette junge Mann, der später als Bundesverkehrsminister nach einer Reihe von sog. "Affären" zurücktreten musste - und andererseits Wolfgang Schäuble, der mit Günther Krause gemeinsam den deutsch-deutschen Einigungsvertrag unterschrieb - und letztlich mit 100.000 DM im Köfferchen, nach dem (von Angela Merkel zumindest mit in die Wege geleiteten) Rücktritt Helmut Kohls vom Ehrenvorsitz der CDU, im Februar 2000 selbst den Vorsitz der CDU aufgeben musste.
Wenn man die Politiker aufzählt, die im Zuge von Angela Merkels Aufstieg beschädigt auf der Strecke blieben, darf auch der schon früher beschädigte Bundesumweltminister Klaus Töpfer nicht vergessen werden. Wiewohl seine Anstrengungen für den Umweltschutz - samt des demonstrativen Schwimmens in den sauberen Fluten des Rheins - von Linken und Grünen seinerzeit als "erbärmlich" und eher "kontraproduktiv" angesehen wurden, waren sie dem konservativ-liberalen Lager doch immer noch um Einiges zu progressiv. Als Kohl das Umweltministerium Ende 1994 an Angela Merkel übertrug, um die eigenen Parteigänger und den Koalitionspartner FDP zu beruhigen, war Töpfers politische Karriere faktisch beendet.
 
Mit dem Rücktritt Schäubles vom Parteivorsitz Anfang 2000 stand Angela Merkel urplötzlich als Generalsekretärin der CDU mit einer derartigen innerparteilichen Machtfülle an der Spitze, dass es die damaligen Rivalen im Kampf um die CDU-Spitze, insbesondere Roland Koch, Jürgen Rüttgers und Christian Wulff vorzogen, erst einmal eine sichere Warteposition zu beziehen. Nur Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber wollte es wissen und ließ sich 2002 - mit Einverständnis von Angela Merkel - zum Kanzlerkandidaten der Union ausrufen.
Das war seine Chance, und es war alleine sein Risiko, denn Schröder war - vor Verkündung der unseligen Agenda 2010 noch beliebt und saß, trotz aller Angriffe von Seiten der Union, sicher im Sattel.
 
Als es 2005 - aus immer noch vollkommen ungeklärten Gründen - zu vorgezogenen Neuwahlen kam, war Angela dran. Auch das war wohl so abgesprochen worden - Stoiber musste klein beigeben, und Wulff und Rüttgers und Koch waren seit dem legendären Frühstück in Wolfratshausen sowieso ausgebootet.
Die erste Amtszeit Merkels bot ihr allerbeste Voraussetzungen, mit ihrem größten politischen Pfund, der ihr wesenseigenen Flexibilität zu wuchern. Sie hat praktisch alle Problemministerien mit SPD-Politikern besetzt und sich als Moderatorin geschickt und unangreifbar in Szene gesetzt.
Als fände die Regierungsarbeit im Fernsehstudio bei Sabine Christiansen oder Maybrit Illner statt, ließ sie ihre Minister aufeinander los, stellte sich mal hinter jenen, mal vor diesen, schwadronierte hier von Sachzwängen, da von Koalitionsvereinbarungen und machte - insbesondere im Ausland - eine gute Figur, oft genug, wie schon Vor-Vorgänger Kohl, zu Lasten des deutschen Steuerzahlers.
 
 
Dass CDU, CSU und FDP bei der Bundestagswahl 2009 die Mehrheit gewannen und sich auf einen Koalitionsvertrag einigten, der, kaum dass die Tinte trocken war, von beiden Seiten öffentlich so unterschiedlich interpretiert wurde, wie es nur irgend möglich ist, stellte Angela Merkel vor eine Aufgabe, der sie offensichtlich eben so wenig gewachsen ist, wie sie ihr durch einfaches Ignorieren nicht ausweichen kann.
Die von der Springer-Presse losgetretene Kundus-Affäre diente meines Erachtens vor allem dem Zweck, Angela Merkel zu zeigen, dass sie sich Zögerlichkeiten bei den von der FDP zugesicherten Steuergeschenken nicht leisten kann und darf.
So musste sie, wieder besseres Wissen, den Landesfürsten nachgeben und sich die steuerliche Entlastung von Hoteliers, Erben, Unternehmen und nicht im ALG-II-Bezug stehenden Eltern kindergeldbezugsberechtigter Kinder im sogenannten "Wachstumsbeschleunigungsgesetz" durch entsprechende Ausgleichsleistungen des Bundes erkaufen.
Dies war die massivste Niederlage der CDU-Vorsitzenden innerhalb ihrer eigenen Partei.
 
Dass es ihr nicht mehr gelungen ist, die Granden von CDU und CSU auf das festzulegen, was alle im Koalitionsvertrag mit unterschrieben hatten, dass man sie stattdessen in der Auseinandersetzung mit Guido Westerwelle ganz alleine im Regen stehen ließ, dass man ihr unmissverständlich klarmachte, dass es einzig an ihr hinge, ob die FDP die Koalition, bevor sie richtig begonnen hat, platzen lassen würde - und dass Angela Merkel sich dazu herabließ, sowohl der FDP als auch den eigenen Partei-"Freunden" zu Willen zu sein, kann nur als der Anfang ihres politischen Niederganges angesehen werden.

Dass sie zugleich in keiner Weise in die Kundus-Debatte eingriff, nicht einen Hauch von Führung erkennen ließ, sich weniger noch als der ebenfalls von Enthüllungen bedrohte Frank Walter Steinmeier zur Situation und zum eigenen Mitwissen äußerte, sondern sich stattdessen in ein Schweigen hüllte, das andere Politiker selbst dann nicht zustande bringen, wenn sie in abgeschiedenen Gebirgsregionen ihren Jahresurlaub verbringen, kann nur als tiefste Unsicherheit bezüglich der weiteren Entwicklung gedeutet werden.
Dass sie, zum Jahreswechsel, vom eigenen Parteifreund Lammert, wegen des - von ihr durch ihren Kotau vor Carstensen erst ermöglichten - Wachstumsbeschleunigungsgesetzes mehr oder minder genüsslich durch den Kakao gezogen wurde, und dass - nach dem Jahreswechsel - die CSU lautstark nach einem eigenen Vizekanzler rief, kann nicht mehr nur als champagnerseliger Nachhall der Silvesteraufführung des Chiemgauer Bauerntheaters angesehen werden - es ist der Ausfluss eines ungenierten Amüsierens über die Hilflosigkeit der gestürzten Herrscherin der christlich-sozialen Union.

Ihr Thron stand seit jeher auf wackligen Füßen.

Ihre Tätschel-Anhänglichkeit gegenüber George W. Bush, die sie in vollkommener Fehleinschätzung der Situation mit der Brüskierung des - damals noch - Präsidentschafts-Kandidaten Barack Obama auf die Spitze trieb, als sie ihm die Rede vor dem Brandenburger Tor verweigerte, hat sich nicht ausgezahlt, im Gegenteil: Um gut Wetter für sich zu schaffen, müsste Deutschland in den fast noch vier Jahren dieser Legislaturperiode vielen Forderungen der USA nachgeben.
Da war es doch ein deutliches Signal der Schuldzuweisung, als Guido Westerwelle tönte, zu einem reinen Truppenstellergipfel würde er nicht anreisen.
Westerwelle weiß, dass Merkel Obama nachgeben muss. Er wäre zwar nicht skrupellos genug, sie ohne Außenminister nach London reisen zu lassen, aber er hat es genossen, ihr seine Macht zu zeigen - und es wäre eher verwunderlich, wenn sein Abrücken von dieser Drohung nicht mit einem weiteren Zugeständnis an FDP-Forderungen erkauft worden wäre.
Angela Merkel steht vollkommen ohne Deckung da.
 
Auf allen Feldern der Politik schwimmen ihr die Felle davon.
  • Der Umweltgipfel, für den sich Deutschland fast so stark gemacht hatte, wie die vom Untergang bedrohten Inselstaaten im Pazifik, ist kläglich gescheitert.
  • Der Krieg in Afghanistan, in dem deutsche Soldaten kämpfen, ohne dass man ihnen sagen könnte warum und gegen wen, geht weiter und wird zusätzliches Geld und weitere Opfer kosten.
  • Der nicht ausgestandenen Finanzkrise mit ihren verheerenden Folgen für die Haushalte der nächsten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, hat Merkel nicht den Hauch einer Idee entgegenzusetzen.
  • Das Ausbluten der Sozialsysteme begleitet sie immer noch mit dem hohlen Gedöns von der Senkung der Lohnnebenkosten, obwohl es inzwischen auch hierzulande dem einen oder anderen Experten dämmert, dass der von Schröder eingeschlagene Weg spätestens jetzt verlassen werden muss, weil die Exportorientierung Deutschlands, die über Jahre fette Gewinne für die Industrie und das dahinter stehende Kapital abwarf, sich in der Krise als fatale Fehlentwicklung erweist.
  • Dass die Versprechen für mehr und bessere Bildung nicht eingehalten werden können, und dass daher mit "buchhalterischen Tricks" reale Minderausgaben als Mehraufwand verkauft werden, weil plötzlich alle möglichen staatlichen Aufwendungen als Bildungsausgaben deklariert werden, pfeifen inzwischen die Spatzen von den Dächern.

Angela Merkel, die Frau, die glaubte, jedem Anlass alleine durch die Wahl der Stimmlage gerecht werden zu können, indem sie bei Interviews und in Talkshows mit einer ganz normalen, unaffektierten Stimme den Anschein erweckt "ein ganz normaler Mensch" zu sein, indem sie bei ihren Partei- und Bundestagsreden mit schneidend scharfer, bis an die Grenze zum Diskant erhobener Stimme den politischen Gegner lautstark angreift und, indem sie mit säuselnd lispelnder Märchenerzählerstimme ihre Ansprachen an ihr Volk hält, ließ auch in ihrer jüngsten Neujahrsansprache nicht erkennen, dass sie eventuell beabsichtigen könnte, in nächster Zukunft von ihrer Richtlinienkompetenz Gebrauch zu machen. Im Gegenteil.
Mit dem Abschluss ihrer Rede:
"Die Kraft der Freiheit und die Erfahrung des Miteinanders, 60 Jahre Grundgesetz und 20 Jahre wiedervereintes Deutschland - das zeigt: Unser Land hat schon ganz andere Herausforderungen bewältigt. Deshalb können wir auch die Herausforderungen unserer Generation meistern",

hat sie lediglich ein entschiedenes "Weiter so - bloß nicht festlegen!", zum Ausdruck gebracht.
Doch dieses "Weiter so!" wird in CDU, CSU und beim Koalitionspartner FDP längst nicht mehr akzeptiert. Man will endlich wieder wissen, woran man ist, wo es langgeht und wo die Reise hinführen soll.
Seit ein paar Wochen ist klar:
 
Angela Merkel wird die Antworten darauf nicht geben.
Sie hat sich in eine klassische Zwickmühle hineinmoderiert, in der sie verzweifelt um nichts anderes mehr kämpft, als um das eigene politische Überleben.
Sie hätte es darauf ankommen lassen müssen.
Sie hätte ihrem Finanzminister zur Seite stehen und dessen Verweis auf den Finanzierungsvorbehalt bei Steuergeschenken aller Art gegenüber Westerwelles FDP vertreten müssen.

Das hat sie nicht getan.

Sie hätte ihren Landesfürsten gegenüber fest bleiben und ihnen den Ausgleich der Lasten des Wachstumsbeschleunigungsgesetzes versagen müssen. Das konnte sie jedoch nicht, weil sie vorher, der FDP zuliebe, den Finanzierungsvorbehalt aufgegeben hatte.

Nun muss sie sich vom Bundestagspräsidenten aus der eigenen Partei ihr zügig durchgepeitschtes Wachstumsbeschleunigungsgesetz um die Ohren hauen lassen.
 
Sie hätte es darauf ankommen lassen müssen.
Sie hätte die neue, härtere Afghanistan-Strategie von Bundesregierung und Bundeswehr in die öffentliche Debatte, vor allem aber in den Bundestag hineintragen und sich das erforderliche Mandat dafür in aller Deutlichkeit holen müssen.

Das hat sie nicht gewagt.

Sie hätte die Folgen des Bombardements von Kundus sofort klar benennen und klar dazu Position beziehen müssen.

Nun hat sie einen Minister, einen Staatssekretär und einen Generalinspekteur verschlissen und hat es doch nicht geschafft, selbst aus der Schusslinie zu kommen.
Ich bin überzeugt, es ist nur eine Frage der Zeit, bis jene immer noch zurückgehaltene Information auftaucht, die belegt, dass Angela Merkel und das gesamte schwarz-rote Kabinett, wenige Stunden nach dem Bombardement von Kundus über den kompletten Sachverhalt, einschließlich der zivilen Opfer Bescheid wussten und aus wahltaktischen Gründen beschlossen haben, den Mantel des Schweigens darüber zu legen.
 
Bis zum 31.12.2010 müssen noch mehr als 50 Wochen vergehen.
 
50 Wochen, von denen jede einzelne die letzte Woche von Angela Merkels Kanzlerschaft sein könnte.

Dabei ist die Frage, ob der Befreiungsschlag der CDU noch vor dem 8. Mai 2010 erfolgt, oder ob Jürgen Rüttgers erst noch die Wahl in NRW hinter sich bringen will, vollkommen offen.
 
Ich bin überzeugt, dass der Bundeskanzler am Ende des Jahres 2010 nicht mehr Angela Merkel heißen wird.
 
 
 
 
 
 

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Reaktionen auf diesen Paukenschlag


Sehr geehrter Herr Kreutzer,

ich teile Ihre Einschätzung, dass Frau Dr. Merkel zum Jahresende womöglich nicht mehr Kanzlerin ist. Meine Vermutung ist, dass Roland Koch sie beerben wird. Auch wenn Sie und Ihre Leser diesem Umstand keine entscheidende Bedeutung beimessen dürften, war Roland Koch vergangenen Sommer, im Vorjahr seines möglichen Amtsantritts, erstmals Gast bei der
Bilderberger Konferenz (2009 nahe Athen), ebenso wie die letzten vier Kanzler vor ihm...

Beste Grüße


Sehr geehrter Herr Kreutzer,

eine treffendere Charakterisierung habe ich bisher noch nirgendwo gelesen. Bravo!

Auf das in Ihrem letzten Satz Geschriebene, die Ablösung des „Wackelpuddings“ Merkel, hoffe ich zwar einerseits, andererseits stünden dann zwei Fragen im Raum. Erstens: Wer soll es dann machen? Zweitens: Was hätten wir dann zu erwarten?
An eine Änderung der Grundrichtung, an eine Abwendung vom Neoliberalismus, wenigstens seiner schlimmsten Auswüchse, vermag ich beim vorhandenen Personal nicht zu glauben.

Mit freundlichen Grüßen

Anmerkung von Egon W. Kreutzer:
Leider sind Ihre beiden Fragen nur zu berechtigt. Es kann durchaus noch schlimmer kommen.


Sehr geehrter Herr Kreutzer,

scheinbar mit einem Donnerknall im Katastrophenjahr 2010 angekommen, wie? Ich kann nur sagen: wow! Und: weiter so. :-)

herzliche Grüße

Lieber Herr Kreutzer,

(...) Wer die Nachrichten aufmerksam liest, vor allen Dingen zwischen den Zeilen, der wird auch bemerkt haben, dass Angela Merkel ein sehr rauher Wind entgegenbläst!

(...) Die Ministerpräsidenten kämpfen um ihr eigenes Überleben und wollen ihre Macht ausweiten, ja eigene Ziele durchsetzen. Sie bewegen sich zwischen dem Durchsetzen ihrer Wahlversprechen und ihrem finanziellen Überleben im Lande! Sie verlangen jetzt Unterstützung von Angela Merkel - die also zu dem Zweck weitere Schulden machen soll. Es wird damit gedroht, ihr die Durchsetzung im Bundesrat zu versagen, geht es um neue Gesetze.
Ja, Frau Merkel hat sich in eine Zwickmühle begeben. Nun hat sie ihren Wunschpartner FDP, der aber die Gunst der Stunde entdeckt hat und ihr Knüppel zwischen die Beine wirft. Man sollte sich mal alle wie ein Rudel von Wölfen vorstellen, wo das Leittier Schwäche zeigt! (...)
Doch es geht ja nicht nur um Deutschland. Innerhalb der EU ist ihr Glanz ebenfalls erloschen. In der Welt nimmt man nur noch Notiz von ihr, wenn sie mit dem Scheckbuch antanzt, und das tut sie, obwohl sie nichts mehr zu verschenken hat!

(...) Herzliche Grüsse

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