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Q!u |
- Normal und nicht normal
- Gedanken zum Jahreswechsel
2009 - 2010
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- Die Vorrede
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- Es ist schwer, herauszufinden,
was normal ist.
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- Das "Normale" ist
keine Konstante. Das "Normale" ist das nicht vorherbestimmbare,
weil unvorhersehbaren Einflüssen unterworfene Resultat statistischer
Mittelwertsbetrachtungen.
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- Normal ist, was überwiegt.
Normal ist, was den meisten anderen Vergleichsexemplaren ähnlich
ist - Normalität ist jedoch stets auf den begrenzten Zeitraum
der jeweiligen Gegenwart bezogen.
- Seit wann ist es normal, ein
Mobiltelefon bei sich zu tragen und permanent für Jedermann
erreichbar zu sein - und wie lange wird es noch normal bleiben?
- Bis wann war es noch normal,
belichtete Filme aus dem Fotoapparat zu nehmen und zum Entwickeln
zu bringen?
- Seit wann ist es normal, dass
Männer, auch solche in hohen Stellungen, bei vielen Gelegenheiten
in Freizeitkleidung in der Öffentlichkeit auftreten?
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- Drei einfache und vollkommen
harmlose Beispiele zum engen Gegenwartsbezug der Normalität
reichen vollkommen, um die Normalität als eine der wechselnden
Erscheinungen der Zeit zu erkennen.
Diese Beispiele sollten auch ausreichen, um den elementaren Unterschied
zu erkennen, der zwischen "normal" und "richtig",
zwischen "normal" und "vernünftig",
zwischen "normal" und "sinnvoll", zwischen
"normal" und "gut", zwischen "normal"
und "ausreichend", zwischen "normal" und
den vielen weiteren Adjektiven besteht, die im täglichen
Sprachgebrauch gedanken- und bedenkenlos durch "normal"
ersetzt werden.
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- Dass etwas "normal"
ist, heißt nur, dass es gegenwärtig so üblich
ist.
- Mehr nicht.
Mit zunehmendem Lebensalter wächst der Abstand zu den kleinsten
und kleinen Einheiten der Gegenwart. Nicht mehr Tage, Wochen
oder Monate sind es, die wir als "unsere Zeit" empfinden,
sondern Jahre, Jahrzehnte bis hin zur gesamten Lebensspanne.
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- Mit zunehmendem Alter wächst
daher auch die Gefahr, dem früher als gut und gleichzeitig
als normal Wahrgenommenen nachzutrauern, gleichgültig ob
in Bezug auf Ernährungsgewohnheiten, auf Kleidung, Tischsitten,
politische Anschauungen oder auf die Formen der Altersvorsorge,
um nur einige Bereiche erheblicher Veränderungen der letzten
50 Jahre anzusprechen.
- Wenn es früher normal war,
dass Präsidenten und Minister, Kanzler und Premiers ausschließlich
krawattentragend in dunklen Anzügen auftraten, bei vielen
Anlässen mit Fliege in Smoking oder Frack, so kennen wir
heute Präsidenten und Minister, Kanzler und Premiers aus
fast aller Herren Länder eher als in lockerer Freizeitkleidung
lässig posierende Mitmenschen, denn als steife, unnahbare
Regenten.
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- Was früher normal war,
ist heute nicht mehr normal.
Aber kann daraus von den Jüngeren abgeleitet werden, dass
es sich um einen (positiven) Fortschritt handelt, gibt das den
Älteren das Recht, der guten alten Zeit nachzutrauern?
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- Nein. So einfach ist das nicht.
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- So hilfreich das "Normale" ist, wenn es
darum geht,
- den Zusammenhalt einer Gesellschaft
durch normale Rituale und Verhaltensweisen (Begrüßung,
Höflichkeitsformeln, Kleiderordnung/Dresscode, Feiertagsbegängnisse
etc.) zu festigen,
- in arbeitsteiligem Wirtschaften
durch Vereinheitlichung und Normung Ressourcen zu sparen und
sich auf das Wichtige zu konzentrieren,
- Gesetze und andere gesellschaftliche
Vereinbarungen zu formulieren und ihnen zur Durchsetzung zu verhelfen
und - last, but not least,
- die zweckdienliche Unterscheidung
zwischen Bekannten und Fremden, zwischen Freunden und Feinden,
zwischen Schützenswerten und Vogelfreien, aber auch zwischen
Herren und Knechten, Reichen und Armen zu treffen,
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- so kontraproduktiv ist das Normale, wenn es sich dem Guten
und dem Besseren erfolgreich in den Weg stellt, wenn es wertvolles
Überliefertes leichtfertig verwirft und sich, infolge der
Möglichkeit der massenhaften Reproduktion gleichartiger
Waren, Gedanken, Meinungen und Ideen nicht mehr im breiten Strom
der Zeit allmählich den Bedürfnissen der Menschen anpasst,
sondern der Menschheit aus Raffgier, Machthunger und Größenwahn
von einigen Wenigen, gemeinsam mit der Gewissheit, dafür
dankbar sein zu müssen, aufgedrückt wird.
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- Der erste Hauptteil
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- In einer Phase der Schnelllebigkeit,
wie sie mit Beginn der Industrialisierung über die Menschheit
hereingebrochen ist und inzwischen auch die letzten Winkel der
Welt erreicht hat, ist der aus langsameren Entwicklungsperioden
gewohnte Prozess, der aus dem Neuen das Bewährte und aus
dem Bewährten nach und nach die Normalität erwachsen
ließ, beschädigt worden.
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- Unser Bewusstsein hinkt dem
Tempo der Zeit hinterher.
- Unreflektiert lassen wir zu,
dass uns alles, was in großer, überwiegender Zahl
in Erscheinung tritt, als normal gilt, und verleihen damit schon
der reinen Masse den Qualitätsaspekt des Bewährten.
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- Ein Verhalten, das zur Täuschung
geradezu einlädt.
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- Albrecht Müller hat mit seinem Buch "Meinungsmache"
und vielen Artikeln in den "Nachdenkseiten"
an konkreten Beispielen aufgedeckt, wie von Politik und Wirtschaft
mit gezielten Veröffentlichungen und Verlautbarungen, die
von einem bestimmten Zeitpunkt an plötzlich und mit dem
gleichen Tenor aus unterschiedlichsten Quellen in schier unendlichen
Wiederholungen sturzflutartig über uns hereinbrechen, mit
Erfolg eine allgemeine Gehirnwäsche betrieben wird.
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- Alleine diese Beispiele zeigen,
dass die Einladung zur Täuschung angenommen wird.
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- Um sich dieser Täuschung
unmittelbar bewusst zu werden und sich ihr wirksam entziehen
zu können, bedarf es jedoch einer Betrachtungsebene, die
sich von den konkreten Beispielen loslöst und einzig das
Prinzip beleuchtet, nach dem sich die Täuschung:
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- Masse = normal =
bewährt = gut = Freund
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- vollzieht.
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- Es handelt sich auch hier um
ein Prinzip der Evolution, das uns hilft, unter "normalen"
Umständen blitzschnell überwiegend richtige Entscheidungen
zu treffen.
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- Hoimar von Ditfurth hat in seinem Buch "Der Geist
fiel nicht vom Himmel" Experimente geschildert, aus
denen hervorgeht, dass schon Hühnerküken einen Raubvogel
am Himmel erkennen und die Flucht ergreifen, dass dieses Erkennen
jedoch nicht über die Form, die Flugweise, den Schrei oder
sonstige, spezielle Eigenschaften erfolgt, sondern ausschließlich
dadurch, dass die Silhouette des Raubvogels seltener am Himmel
erscheint, als die harmloser Vögel.
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- Hühnerküken registrieren
die Masse, das Übliche, als normal, die Abweichung, die
Besonderheit, als "nicht normal" und reagieren auf
"nicht normal" mit Flucht.
- Ein ebenso einfaches wie wirkungsvolles
Verhaltensmuster, das bis auf den heutigen Tag zum Überleben
der Hühnervögel mit beigetragen hat.
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- Ditfurth beschreibt in diesem Buch jedoch mit
gleicher Eindringlichkeit, dass alles, was die Evolution in den
frühen Stadien der Entwicklung jemals erfunden hat, auch
heute noch in den Schaltplänen unseres Gehirns funktionsfähig
enthalten ist - und häufig schneller und zuverlässiger
funktioniert als das verhältnismäßig junge Großhirn
mit seiner Fähigkeit zu bewusster Wahrnehmung und vernunftbegründeten
Entscheidungen.
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- Masse = Normal
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- Diese Gleichsetzung ist ein
entwicklungsgeschichtliches Erbe, das in seinen Wirkungen so
falsch nicht sein kann, hat es doch auch den Menschen in seiner
Entwicklung bis in das Jahr 2009 unserer Zeitrechnung begleitet.
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- Doch so einfach wie zu Zeiten
der Entstehung des Fluchtreflexes der Hühnerküken ist
die Welt heute nicht mehr.
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- Zwar haben es die Raubvögel bisher nie geschafft,
die rein zahlenmäßige Luftüberlegenheit zu erringen,
was zunächst fatal für die Hühner und alle anderen,
genauso reagierenden Beutetiere wie Mäuse, Kaninchen und
Hamster gewesen wäre, kurz darauf aber auch eine verheerende
Hungersnot unter den Raubvögeln ausgelöst hätte,
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- doch unter den Menschen gelingt es einigen - unter
Nutzung der Fähigkeiten ihrer Großhirnrinde - mit
der Gleichsetzung Masse = Normalität, mitten in dem "friedlichen
Hühnerstall" vertrauensseliger Mitmenschen ungestört
Beute zu schlagen.
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- ... und dabei sind sie raffiniert
genug, die Population nicht schwinden zu lassen. Im Gegenteil:
Mit dem massenhaft vorgetragenen Auftrag, Kinder in die Welt
zu setzen, haben sie mit dazu beigetragen, die gegenwärtige
"Normalität" von fast 7 Milliarden Menschen auf
der Erde zu schaffen - und erhalten sich damit ein schier unerschöpfliches
Potential pflegeleichter, weil nur untereinander um Nahrung,
Wasser und Lebensraum konkurrierender Untertanen, die für
den kleinsten Hauch einer Vergünstigung bereit sind, ihre
ganze Leistungskraft dem fremden Willen unterzuordnen.
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- In allen Kriegen der Weltgeschichte
töteten und starben die Kämpfer, weil ihnen, in der
Analogie zu den Hühnerküken, nur die Silhouetten der
eigenen Landsleute vertraut waren und man sie mit voller Absicht
in jener instinktiven Furcht bestärkte, die es vermag, in
einem neuronalen Kurzschluss, am Großhirn vorbei, aus Fremden
Feinde und aus Feinden Ziele zu machen.
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- In allen Kriegen der Weltgeschichte
unterstützten die nicht kämpfenden Frauen, Kinder und
Greise ihre Soldaten nach Kräften, weil man sie mit voller
Absicht in ihrer instinktiven Furcht bestärkte. Zeichner
mussten entsetzliche Bilder der abscheulichen Feinde herstellen,
damit die Zuhausegebliebenen wussten, gegen welche Ungeheuer
die tapferen Helden angetreten waren.
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- War ein Krieg gewonnen, gewöhnte
man sich an den Anblick der Angehörigen des ehemaligen Feindvolkes,
weil man nur dadurch, dass man ihre Gegenwart zur Normalität
erklärte, ihre Sklavendienste in Anspruch nehmen konnte.
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- War ein Krieg verloren, gewöhnte
man sich an den Anblick der Angehörigen des ehemaligen Feindvolkes,
weil man nur dadurch, dass man ihre Gegenwart als Normalität
akzeptierte, sein Weiterleben, wenn auch als Sklave, sichern
konnte.
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- Befindet sich
eine große Zahl Feinde im eigenen Land,
wird das alsbald als normal angesehen.
Gleichgültig, ob man Sieger oder Besiegter ist.
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- Man muss also die Menschen einander
nahebringen, wenn die Bestrebungen, Frieden zwischen den Völkern
zu schaffen, eines Tages Erfolg haben sollen.
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- Schüleraustausche und Auslandssemester
sind gut geeignet, den Raum der eigenen Normalität auch
auf Ausländer auszudehnen. Selbst Urlaubsreisen, die den
Touristen die Möglichkeit geben, die Einheimischen kennenzulernen,
tragen noch dazu bei, obwohl die Intensität geringer ist.
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- Urlaub im Touristenghetto, in
abgeschotteten Clubanlagen, wo Gäste allenfalls in einer
organisierten Brauchtumsschau von Schauspielern dargestellte,
geschmäcklerisch abgeschliffene Relikte der Landeskultur
zu sehen bekommen und dann glauben, sie hätten Mexiko, die
Türkei oder die Malediven gesehen, verstärken die Furcht
eher, weil man sich dort - noch mehr als zuhause - hinter den
Mauern der Clubs vor der fremden Kultur verschanzt. Schließlich
will man sich erholen...
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- Alle Bestrebungen, Frieden zwischen
den Völkern zu schaffen sind aber langfristig zum Scheitern
verurteilt, wenn es nicht gelingt, die Menschen, auch wenn man
sie einander nahegebracht hat, auch rechtlich, wirtschaftlich
und sozial einigermaßen gleichzustellen.
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- Polnische Erntehelfer auf den
Spargelfeldern, russische und tschechische Estrich- und Fliesenlegerkolonnen,
aber auch Asylbewerber ohne Arbeitserlaubnis haben keine Chance,
die Deutschen, die sie während ihres Aufenthaltes im Lande
kennenlernen in ihren "Raum der Normalität" zu
integrieren.
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- Zu Ungleich sind die Rahmenbedingungen,
unter denen sie aufeinandertreffen.
Obwohl der unterprivilegierte Ausländer seine Rolle im fremden
Land für sich als normal akzeptieren wird, weil er nicht
alleine ist, weil er dieses Schicksal mit vielen seiner Freunde
und Bekannten teilt, wird er die aus seiner Sicht privilegierten
Inländer nur dann als normal ansehen können, wenn er
bereit ist, das Risiko der Immigration bzw. Emigration auf sich
zu nehmen, wenn er gewillt und bereit ist, anders zu werden als
er war - ganz anders.
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- Das Problem, das wir mit
unseren sogenannten Migranten haben, ist ein Problem, das real
existiert und das, ganz unabhängig von allen ideologischen
Brillen durch die man es betrachten mag - von blanker Ausländerfeindlichkeit
bis hin zu fröhlicher Multi-Kulti-Naivität - so lange
nicht gelöst werden kann, wie es nicht gelingt, die volle
rechtliche, wirtschaftliche und soziale Gleichstellung der Migranten
herzustellen.
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- Selbst der integrationswilligste
Migrant wird seine heimatliche Normalität immer nur so weit
aufgeben können, wie er ausreichend Anteil an der Normalität
des vorläufigen Gast- und letztlich erhofften Heimatlandes
haben kann.
- Integration ist ein Prozess
der nur mit weitgehender Gegenseitigkeit erfolgreich vollzogen
werden kann. Es gehört der Wille des Migranten dazu, seine
alte Identität aufzugeben - und es gehört der Wille
der gesamten Gesellschaft dazu, die alte Identität des Migranten
zu vergessen.
Normalität ist das Verhalten der überwiegenden Mehrzahl
der Individuen in der überwiegenden Mehrzahl der vergleichend
betrachteten Kriterien.
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- Wo in einem bayrischen Dorf
dreißig Prozent der Männer am Sonntag in die Kirche
gehen und sich siebzig Prozent der Männer, wenn die Kirche
aus ist, beim Wirt zum Frühschoppen treffen, ist das dort
das normale Verhalten.
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- Da sind die drei Muslime des
Dorfes mit ihren Gebetsteppichen bestenfalls Zielscheibe gutmütiger
Spötteleien. Schlimmstenfalls werden sie Opfer einer im
Nachhinein für alle Beteiligten vollkommen unerklärlichen
Prügelei.
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- Aber auch wenn in einer Großstadt
in NRW die Türme der christlichen Gotteshäuser plötzlich
vom Minarett einer Moschee Konkurrenz bekommen sollen, ist die
erste Reaktion die Unterscheidung in "Regel" und "Ausnahme",
in "normal" und "nicht normal" in "Freund"
und "Feind".
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- Was aber steht den Bestrebungen,
Frieden zwischen den Völkern zu schaffen, die Menschen sich
nahezubringen und sie rechtlich, wirtschaftlich und sozial einigermaßen
gleichzustellen, eigentlich im Wege?
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- Die Antwort fällt nicht
leicht. Die Realität kennt millionenfache Gründe, zumeist
mit scheinrationalen Argumenten untermauert, die zumeist beginnen
mit Formulierungen wie:
- " Was wir geschaffen haben..."
- "Was wir gewohnt sind..."
- "Was zu unserer Identität
gehört..."
Und die regelmäßig enden mit der Kampfansage:
- "... das lassen wir
uns doch von denen nicht nehmen!"
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- Eine Argumentation, die wir
aber nicht nur aus der Migrations-Debatte kennen. Es ist eine
Argumentation, die wir so oft hören, dass sie uns als vollkommen
normal erscheint - es ist die Argumentation der sich von oben
nach unten, Etage für Etage abschottenden Klassengesellschaft.
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- Wer behauptet, es gäbe
in Deutschland keine Klassengesellschaft, träumt einen krass
realitätsfernen Traum!
Ein Traum, der sich aus den ersten Tagen der Nachkriegszeit,
aus den Tagen des allgemeinen Zusammenrückens, der scheinbaren
Gleichheit aller in der Not eines zerbombten Landes in manchen
Köpfen noch heute erhalten hat.
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- Es ist ein Traum, den wir natürlich
alle träumen sollten, aber als den Traum von einem erstrebenswerten
Ziel, nicht als das Resultat von soviel Bier und Korn wie es
braucht, bis die Realität schöngesoffen ist.
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- Die Klassen in der deutschen
Gesellschaft sind annähernd so zahlreich wie die Kasten
Indiens - und die unterste Klasse der deutschen Bevölkerung
ist mindestens ebenso unberührbar wie die Parias auf dem
Subkontinent.
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- Auch wenn es nicht normal ist,
ausländische Schwarzarbeiter, die im Auftrag ausländischer
Subunternehmer von den deutschen Subunternehmern deutscher Subunternehmer
international tätiger Baukonzerne gnadenlos ausgebeutet
werden, zur deutschen Bevölkerung zu zählen - sie gehören
dazu, wie die Sklaven Athens zur Athener Bevölkerung gehörten
und die Sklaven Roms zur Bevölkerung des alten Roms gezählt
werden müssen - denn: Sie sind ein Teil des Fundaments,
auf dem der Wohlstand, der unserer Gesellschaft nachgesagt wird,
errichtet ist.
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- In Wahrheit lebt unsere Gesellschaft
nicht in Wohlstand. Unsere Gesellschaft lebt in weiten Teilen
in Armut, in großen Teilen in sogenannten "ordentlichen
Verhältnissen", die im Grunde nur moralisch von der
Armut zu unterscheiden sind, weil man sich darin einrichten kann,
ohne betteln zu müssen oder auf Transferleistungen angewiesen
zu sein. Ein kleiner Teil unserer Gesellschaft lebt in Verhältnissen,
die man als bescheidenen Wohlstand bezeichnen kann, ein viel
kleinerer Teil in Verhältnissen, die man mit Fug und Recht
Wohlstand nennen darf und ein winziger Bruchteil lebt in sagenhaftem
Reichtum.
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- Die Klassengrenzen verlaufen
ungefähr so:
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- Knapp oberhalb der ausländischen
Schwarzarbeiter rangieren einheimische Obdachlose, darüber
erwerbsunfähige Sozialhilfeempfängerinnen und Sozialhilfeempfänger,
darüber deren Kinder, darüber die nicht erwerbstätigen
ALG II - Bezieher, darüber die ALG I - Empfänger mit
niedriger Qualifikation, darüber die geringfügig Beschäftigten,
die Teilzeitjobber, die Leiharbeiter, darüber die ALG I
- Empfänger mittlerer Qualifikation, darüber die vollzeitbeschäftigten
Dienstleister, wie Friseure, Verkäufer, Krankenschwestern
und Polizisten darüber die Maurer, Industriearbeiter, Kfz-Mechatroniker,
und ähnliche, darüber ALG I Empfänger hoher Qualifikation,
darüber die kleinen kaufmännischen und technischen
Angestellten in den Büros, darüber die Gruppenleiter,
darüber die Abteilungsleiter, darüber die Manager,
die Top-Manager und ganz oben diejenigen, die es als ihre Aufgabe
ansehen, Top-Manager zu heuern und zu feuern.
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- Alle Angehörigen jeder
Klasse sind strikt bemüht, sich das, was sie geschaffen
haben, was sie sich erarbeitet haben, was ihre Identität
ausmacht, nicht von anderen wegnehmen zu lassen.
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- Auch nicht auf dem Wege der
Umverteilung über den Staat.
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- Die Normalität des Sozialhilfeempfängers
und die Normalität des Abteilungsleiters unterscheiden sich
so eklatant, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich in Beruf
oder Freizeit irgendwo begegnen, äußerst gering ist,
und der Wunsch, sich zu begegnen auf beiden Seiten de facto nicht
vorhanden ist.
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- Die Normalität des Eigentümers
einer großen Handelskette, eines internationalen Schraubenimperiums
oder einfach nur eines international agierenden Großaktionärs
unterscheidet sich von der Normalität eines Abteilungsleiters
in einem ihrer Unternehmen so eklatant, dass die Wahrscheinlichkeit,
dass sie sich in Beruf oder Freizeit je begegnen, äußerst
gering ist und der Wunsch, sich zu begegnen, allenfalls beim
noch hoffnungsvollen Jungmanager vorhanden ist.
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- Das alles ist normal.
- Denn es ist massenhaft zu beobachten
- und was massenhaft auftritt, das macht uns keine Angst, da
sind wir dämlich wie frisch geschlüpfte Hühnerküken.
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- Der zweite Hauptteil
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- In unserer Welt, in der es normal
ist, dass eine Amsel von einem Garten zum anderen fliegt, dass
sie hier ein paar Grassamen abzupft, dort einen kleinen Käfer
frisst, im nächsten Garten an Kirschen oder Weintrauben
nascht und beim nächsten Nachbarn, hoch vom Baum herunter,
schamlos auf den Kopf des Hausherrn kackt,
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- in dieser unserer Welt ist es
gleichzeitig normal, dass Menschen an andere Menschen Gebühren
entrichten müssen, wenn sie unter einem Dach schlafen, wenn
sie einen Acker bearbeiten, einen Laden betreiben wollen, ja
selbst wenn sie in der Innenstadt ihr Auto parken wollen oder
ihre Notdurft verrichten müssen.
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- Nichts ist umsonst, überall
stehen Eigentümer und Rechteinhaber und verlangen Geld,
bevor sie die Nutzung ihres Eigentums gestatten.
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- Es ist in der Geschichte wahrscheinlich
sehr viel öfter und mit sehr viel größerem Erfolg
auf Menschen geschossen worden, weil sie Eigentumsrechte verletzten
oder verteidigten, als auf Vögel. Alle herrschaftlichen
Jagdvergnügen eingeschlossen.
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- Die Freiheit des Vogels, sich
niederzulassen, wo es ihm gefällt, respektiert man. Die
Freiheit des Menschen, einen Platz einzunehmen, an dem er sich
entfalten kann, existiert nicht.
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- Das Recht, einen Platz einzunehmen
ist kein allgemeines Freiheitsrecht, sondern ein an das Eigentumsrecht
gebundenes Privileg.
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- Ein Privileg, das durch Miet-
und Pachtverträge auf Zeit gegen Entgelt abgetreten werden
kann, aber nicht muss.
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- Dass es in dieser Welt "normal"
ist, dass jeder jedes Stückchen Eigentum, das er oder seine
Vorfahren jemals ergattert haben, mit Klauen und Zähnen
gegen jedermann verteidigt - und, dass es ebenso "normal"
ist, dass viele andauernd auf Mittel und Wege sinnen, das Eigentum
anderer an sich zu bringen, darf nicht verwundern.
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- Schließlich gewährt
Eigentum, egal ob es erarbeitet, ererbt oder gestohlen wurde,
ob es dem Eigentümer durch Betrug, durch Mord, durch Krieg,
durch Lüge oder Hinterlist in die Hände fiel, das Recht,
von jedermann, der es nutzen will, Zinsen oder Gebühren
zu fordern.
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- Das erachten wir sogar als ganz
besonders normal, weil es schon seit Jahrhunderten, vielleicht
seit Jahrtausenden so üblich ist. Die Einteilung der Welt
in Eigentümer und Habenichtse, die wir von Kindesbeinen
an als die Regel wahrnehmen, erachten wir für so normal,
dass uns jegliche Ausnahme erschreckt.
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- Ein Habenichts, der sich anmaßt,
sich in Kleidung, Auftreten und Gehabe wie ein Reicher zu verhalten,
gilt als Hochstapler.
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- Ein Reicher, der - mit welcher
Absicht auch immer - inkognito unter die Armen geht, wird, sobald
er erkannt wird, als Spinner oder Spanner angesehen und verjagt,
und falls sein Verhalten in seinen Kreisen ruchbar wird, wird
man sich auch dort gegen ihn abschotten.
-
- Ein Reicher, der sein Vermögen
den Armen vermachen will, muss damit rechnen, eiligst entmündigt
zu werden; ein Armer, der unverhofft zu einem Vermögen kommt,
wird von den Reichen als Neureicher ausgegrenzt und von den Armen,
aus deren Mitte er stammt, nicht mehr angenommen - es sei denn,
er verschenkt alles innerhalb kürzester Zeit.
-
-
-
- Die Frage, die es ob soviel
Normalität zu beantworten gilt, heißt:
-
- "Ist immer alles
gut, was normal ist?",
-
- und die Antwort lautet:
-
- "Nein".
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- In einer Welt, in der nicht
mehr die einfachen Gesetze der Natur gelten, in der nicht in den jeweiligen Artengemeinschaften
die geschicktesten, stärksten, zuweilen auch die schönsten
Exemplare jeder Art ihre Reviere abstecken, ihr Futter oder ihre
Beute suchen, sich fortpflanzen und der nächsten Generation
das Feld überlassen, damit sich die Jungen aufs Neue ein
Revier abstecken, Futter oder Beute suchen, sich fortpflanzen,
und so weiter,
-
- in einer Welt in der stattdessen
von Geburt an für
jeden Menschen nahezu unverrückbar feststeht, ob er sein
Leben lang zu den Ausbeutern oder zu den Ausgebeuteten gehören
wird, in der die Rede von der Chancengleichheit aller Menschen
ein schlechter Witz ist, dessen Pointe durch die andauernde Wiederholung
so verbraucht ist, dass er gar nicht mehr als Witz erkannt wird,
-
- in einer solchen Welt kann
nicht alles gut sein, was normal ist - im Gegenteil, in einer solchen Welt muss das
Meiste, was als normal angesehen wird, weil es die Regel ist,
eher schlecht sein als gut.
-
- Die Unterscheidung in gut, nützlich,
sinnvoll und hilfreich einerseits, und schlecht, unnütz,
sinnlos und schädlich andererseits, gelingt am besten, wenn
die Begriffe normal und Normalität überall da, wo sie
einen wertenden Charakter annehmen, vermieden werden.
-
- Wer sagt und denkt:
- Es ist üblich - aber ist
es deshalb auch sinnvoll?
- Es ist zur Gewohnheit geworden
- aber ist es deshalb auch nützlich?
- Es ist die Regel - aber wem
ist damit gedient?
- Es ist in den meisten Fällen
so - aber ist das auch gut so?
-
- verschafft sich die Freiheit,
Sachverhalte selbst zu bewerten, die sonst, geschützt vom
Etikett "Normal" nicht hinterfragt werden. Dabei kann
die Wertung durchaus auch oft positiv ausfallen, ja warum denn
nicht?
- Aber es ist eben ein Unterschied,
ob der Wert des Üblichen, der Nutzen einer ungeschriebenen
Regel an einem tatsächlichen Nutzen oder Schaden bemessen
wird, oder, wie beim Hühnerküken, nur von der Anzahl
gleichartiger Beobachtungen bestimmt wird.
-
- Wer sich diese Freiheit erarbeitet
hat, wird bald auch erkennen, welchen Wert Argumente haben, die
sich auf nichts anderes stützen, als auf die Macht der Gewohnheit.
Welche Erkenntnis, welcher Sinngehalt steckt in Argumenten, wie
den Folgenden?
- Das haben wir schon immer so
gemacht.
- Das hat noch niemand versucht.
- Das entspricht nicht unserer
Praxis.
- Sie werden es schon auch noch
einsehen.
- Bekanntlich ist es doch ganz
anders.
- Dafür gibt es doch gar
keinen Markt.
- Das passt nicht in unser Programm.
- Wollen Sie sich damit lächerlich
machen?
-
- Bei näherem Hinsehen sind
das alles nur Hervorbringungen von Hühnerhirnen.
-
- Für jede Erscheinung, die
im Gesichtskreis auftaucht, gibt es nur zwei Interpretationsmöglichkeiten:
-
- bekannt, also ungefährlich
oder
unbekannt, also gefährlich
-
- Die fürchterliche Konsequenz
der Einstufung als "bekannt, also ungefährlich",
ist, dass auch uns Menschen beim Auftreten bekannter/üblicher
Phänomene keine weitere Reaktion erforderlich scheint.
-
- Dabei vergessen wir nur zu oft,
dass es heutzutage ein Leichtes ist, Erscheinungen "bekannt"
zu machen.
-
- Wir schalten das Fernsehgerät
ein - und von der Regie wird das Bild derjenigen Kamera ausgewählt,
die gerade die meisten fähnchenschwenkenden Menschen zeigt.
Schon erscheint uns das Schwenken von Fähnchen, das bei
einem einzelnen Menschen in einer großen Menge lächerlich
wirken würde, als angemessenes Verhalten - und schwupps
hatten wir, als Weltmeister der Herzen, in Deutschland mehr schwarz-rot-goldene
Fähnchen, Wimpel und Flaggen an Autos, in Fenstern, auf
Balkonen und in Vorgärten, als Menschen.
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- Wir schalten das Fernsehgerät
ein - und wir werden darauf aufmerksam gemacht, dass im Abendprogramm
eine als Sport bezeichnete Schlägerei übertragen wird.
Das ist seit ein paar Jahren wieder üblich, auch bei den
öffentlich rechtlichen Sendern, die Gewaltsportart Boxen
zu übertragen.
-
- Wir schalten das Fernsehgerät
ein - und sehen, was uns bekannt vorkommen soll, damit wir uns
nicht ängstigen, vor allem aber, damit wir nicht darauf
reagieren.
-
- Vieles, was wir heute - um das
Wort noch einmal zu gebrauchen - als "normal" ansehen,
war zuerst nur "Fernsehen".
-
- Fernsehen an sich ist bekannt,
also ungefährlich.
- Was im Fernsehen gezeigt wird,
ist allgemein bekannt und kann daher ignoriert werden.
-
- Das Fernsehen - in seiner Massenwirkung
- hat sich zur obersten Instanz der "Normalität"
entwickelt. Was das Fernsehen zeigt, ist normal, auch wenn der
Tenor der Sendung kritisch ist. Man zeigt uns, wie den Hühnerküken
im Experiment viele Raubvögel und erklärt dazu in scheinbar
bester Absicht, dass wir uns vor Raubvögeln vorsehen sollen
- doch das kommt gar nicht an. Uns genügt die große
Zahl, um uns in Sicherheit zu wiegen. Wenn viele Raubvögel
üblich sind, ist alles in Ordnung.
-
- Kommt jedoch einmal ein Jahr
ein Singvogel ins Programm, sind wir irritiert und schalten ab.
Bitte, ein paar Beispiele gefällig?
- Dass Politiker lügen, ist
normal. Das Fernsehen zeigt es uns täglich, warum darüber
aufregen?
- Dass Nahrungsmittel mit Schadstoffen
belastet sind, ist doch längst normal, das Fernsehen berichtet
immer wieder darüber.
- Dass die Reichen immer reicher
und die Armen immer ärmer werden, das ist doch nur normal.
Ruhig bleiben.
- Dass es haufenweise Sozialschmarotzer
gibt und dass schärfer kontrolliert werden muss, das hat
uns das Fernsehen oft genug gezeigt.
- Dass die Banken systemrelevant
sind und mit hunderten von Milliarden Euro gerettet werden müssen,
ist doch normal. Das Fernsehen erzählt es uns oft genug.
- Gegeeltes Haar am Ministerkopf:
Ganz normal, wir haben es oft genug gesehen.
- Aber
- Dass die Linken auch gute Ideen
haben, das ist ausgeschlossen.
Davon war im Fernsehen nie die Rede.
- Dass die Schulden des Staates,
auf die wir Steuerzahler Zinsen bezahlen müssen, gleichzeitig
Guthaben irgendwelcher Gläubiger sind, und unsere Zinszahlungen
deren Einkommen, das mit 25% niedrigst besteuert wird, das kann
nicht sein. Die hätte man ja im Fernsehen mal sehen müssen.
- Und dass der Priol und der Schramm
sich im Fernsehen alle vier Wochen einmal für ein Stündchen
aufregen dürfen, das ist sonderbar. Normal sind die nicht!
-
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- Das Internet ist in Gefahr,
den gleichen Weg zu gehen. Einerseits, weil die Massenmedien
in breiter Front dort eingebrochen sind und den Surfern mit ihren
"normalen" Inhalten und höchstem Google Ranking
den Weg zu den abweichenden Fakten und Meinungen verstellen,
andererseits, weil diejenigen, die versuchen, sich dem "Normalen"
mit ihren eigenen Wertungen entgegenzustellen, umso erfolgreicher
sind, je mehr sie sich in Form und Inhalt dem Bekannten, dem
Normalen anpassen.
-
- Insofern wandeln gerade die
bekanntesten Vertreter vom Mainstream abweichender Meinungen
auf einem schmalen Grat:
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- Links droht der Absturz in
die Bedeutungslosigkeit,
- rechts der unmerkliche Untergang
in der Beliebigkeit des Normalen.
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- So entsteht letztlich auch beim
Medienkonsum die Notwendigkeit der Abkehr von der liebgewonnenen
Gewohnheit,
- einfach das, was man oft genug
gehört hat, zu glauben - und
- abweichenden Meinungen großräumig
auszuweichen.
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- Blogs und Foren tragen einen
nicht unerheblichen Teil zur Verbreitung von Meinungen und Informationen
bei. Doch nur, weil der Blogger oder der Forenposter es vorzieht,
auf einer halbprivaten, oft auch anonymen Ebene zu arbeiten,
nur weil hundert Foren und hundert Blogs - inzwischen über
weitgehend automatisierte Prozesse - die Inhalte der wenigen
aktiven Schreiber gleichzeitig übernehmen und damit eine
nicht zu verkennende "Gegennormalität" schaffen,
ist das, was in hundert Blogs gleichzeitig und gleichlautend
auftaucht, noch lange nicht als gut, nützlich, sinnvoll
oder hilfreich einzustufen! Masse ist kein Qualitätsmerkmal.
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