Paukenschlag am Donnerstag
No. 49 /2009 vom 10. Dezember 2009
Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer
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Die TümerQ!u
- Die Tümer
- Vollkommen abseitige Gedanken im Advent
- Der 'Althochdeutsche Bedeutungsbaukasten'
(den gibt es tatsächlich!)- - zusammengestellt von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des PS Althochdeutsch im Wintersemester 2000/2001 an der Universität Tübingen (Dozentin: Dr. Henrike Lähnemann) -
verzeichnet in der Abteilung 2. Suffixe,- in der Schublade 2.12.
- die Nachsilbe "tum"
- dort lassen die Baukastenzusammensteller wissen, dass es sich beim Tum ursprünglich um ein selbständiges Substantiv gehandelt habe.
- Dies wiederum war mir Ansporn genug, das Tum als selbständiges Substantiv neu zu beleben, womit endlich auch für Sie, geschätzte Leserschaft, klar wird: Bei den "Tümern" handelt es sich um nichts anderes als um den Plural von "das Tum".
- Schön, aber ist das schon einen Paukenschlag wert?
- Natürlich nicht. Die Tümer sind lediglich der Schlüssel, der benötigt wird, um sich den Zugang zum Paukenschlag zu eröffnen. Hier zunächst eine Aufzählung der wichtigsten bekannten und noch in Gebrauch befindlichen Tümer in alphabetischer Reihenfolge.
Christentum Eigentum Fürstentum Heidentum Heiligtum Heldentum Herzogtum Irrtum Judentum Reichtum Rittertum Wachstum
Beim Lesen dieser Begriffe beschleicht einen leicht ein ungutes Gefühl. Da stehen geballte Macht, Sturheit, Selbstgewissheit, Unantastbarkeit, Fanatismus und Fatalismus erschreckend dicht beieinander, überschneiden sich, bilden hier Koalitionen, da unerbittliche Feindschaften, vereinen hier zu ihrem Zwecke für kurze Zeit selbst Unvereinbares unter einer Fahne und säen dort Zwietracht und Hass auf Ewigkeit.- Das Wissen um die ursprüngliche Bedeutung von Worten, Silben, Lauten ist uns verloren gegangen, aber irgendwo, tief im ererbten Wissen um das Wesen der Welt und ihrer Erscheinungen, regt sich Unbehagen.
- Hilft der Bedeutungsbaukasten weiter?
- Ja. Wenn es auch mühsam ist, aus den dort zusammengetragenen semantischen Erkenntnissen ein Bild von der wahren Natur des Tums zu erschaffen, es lohnt sich - und es macht Spaß.
- Der Bedeutungsbaukasten erklärt:
Das germanische Wort beruht auf der indogermanischen Wurzel *dhê- (setzen, stellen, legen) und wurde wie das griech. thô-mós (Haufen, Schober, Stapel) mit mo-Suffix gebildet (>im Sinne von das Gesetzte, die Satzung, vgl. dazu auch altindisch: dhâma: Sitz, Gesetz).- Es geht also um das Sammeln, das Anhäufen, das Horten (auf den Haufen setzen, in den Schober stellen, auf den Stapel legen), mit dem Ziel, Kraft des größten Haufens das Gesetz bestimmen zu können. Raffgier und Macht sind der Kern des Tums - und der Volksmund weiß, wer den Tümsten der Tümer dabei hilfreich zur Seite steht, wenn er sagt: "Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen."
- Im Bedeutungsbaukasten geht es dann so weiter:
Im Nord- und Westgermanischen bildet es Komposita (mit Adjektiven und Substantiven), die "Würde" bzw. "Stand" (...) ausdrücken.
- So ist es. Reichtum schafft Macht, Macht schafft unterwürfige Untertanen, unterwürfige Untertanen ersinnen allerlei Gesten und Rituale, mit denen sie die Macht und den Reichtum ehren, woraus dem erfolgreichen Raffgierigen wie von selbst ein Anschein von Würde erwächst, der die Selbsterhebung in den (hohen) Stand nachträglich zu rechtfertigen scheint.
- Werfen wir noch einen Blick in den Bedeutungsbaukasten:
- Im Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen kommt es als Kompositionsglied wie auch als selbständiges Wort vor:
tuom: Urteil, Gericht, Ruhm und Macht, Stand, Würde, Lebensverhältnisse, eigentümlicher Zustand etc.; vgl. dazu engl. doom: Schicksal, Verhängnis, Jüngstes Gericht,
- Der Wesenskern der Tümer wird immer deutlicher: Dem Mächtigen reicht es nicht, das Gesetz zu sein, er will und muss selbst über dem Gesetz stehen, ungestraft Schicksal spielen dürfen. Er will seinen Mitmenschen ein Verhängnis sein und sie selbstgefällig zu ewiger Verdammnis verurteilen, beim Jüngsten Gericht.
- Was der Bedeutungsbaukasten abschließend am Beispiel IV so ausführt:
- IV. alle die mir rietun den unrehton rihtuom (XXXVIII, Psalm 138):
- zu althochdeutsch rîchi-tuom (Reichtum, Herrschaft, Macht) aus rîhhi, Adj. = reich, mächtig, herrlich und tuom = Stand/Würde oder einen Zustand betreffend.
- Um dann dem Trugschluss zu unterliegen:
- Im Neuhochdeutschen (=unsere Gegenwartssprache) ist in Reichtum die Bedeutungskomponente Herrschaft/Macht verschwunden.
- Der Ausflug in gemeinhin unbekannte Bereiche der Sprachforschung war nützlich, die Ursache unseres Unbehagens, den Tümern gegenüber, zu erkennen. Tum ist ein sprachliches Warnsignal. Wo Tümer sind, verbirgt sich hinter Glanz und Würde nur nackte Macht und Willkür. Verhängnisvoll ist es, den Tümern zu nahe zu kommen!
- Ist es nicht schön, zu wissen,
- dass die Friedensbewegung sich weiterhin nicht als
Friedenstum bezeichnen will,- dass auch niemand auf sein "Nächstenliebetum" stolz ist,
- dass unsere Nationalhymne Einigkeit und Freiheit preist,
statt Einigtum und Freitum,- dass wir zu Weihnachten nicht singen müssen
"Freue dich, oh Christentum!",- dass Arme nicht vom Armtum sprechen, wie Reiche vom Reichtum?
- Ist es nicht hochinteressant, dass wir im Lichte unserer frisch gewonnenen Erkenntnisse über die Tümer gewiss sein können,
- dass Fehler und Versehen, die uns unterlaufen,
einen grundsätzlich anderen Charakter haben als der Irrtum,
der - wenn überhaupt - erst ganz am Ende eingesehen wird,- dass Mut und Tapferkeit nicht automatisch zum Heldentum führen,
- dass das jährliche Wachsen des Getreides auf dem Acker
mit dem angestrebten Wachstum des BIP nicht
in ursächlichem Zusammenhang steht?
- Wäre es nicht allgemein erhellend, wenn es auch die folgenden Wortbildungen mit tum gäbe:
- Berlusconitum
- Bertelsmannstiftungstum
- Springertum
- Staatschuldentum, Schuldenbegrenzertum,
- Antiterrortum,
- Schweinegrippetum, Vogelgrippetum, BSE-Tum,
- Lobbyistentum
- Parteispendentum
- Bankentum
- Bankenrettungstum
- Bankstertum
- ...tum?
- Bitte melden Sie weitere Tümer über den Button "Kommentar schreiben", und schreiben Sie auch, was Ihrer Meinung nach von einer Regierung zu halten ist, die gegen den Rat aller Experten, ja sogar gegen den erklärten Willen eigener Parteigänger, mit aller Macht ein Tumsbeschleunigungsgesetz auf den Weg bringen will?
- Nur ein Irrtum?
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Reaktionen auf diesen Paukenschlag
Allen vorangestellt die Reaktion der Initiatorin des 'Althochdeutschen Bedeutungsbaukastens', Fr. Prof. Dr. Henrike LähnemannLieber Herr Kreutzer,
es freut mich, dass die Bastelarbeit der Tübinger Proseminaristen so weiterlebt! Ihre Adventsbetrachtung zu modernen Tümern fand ich einen netten Denkanstoß; es ist immer gut, wenn Sprache zur Reflektion einlädt. Wenn Sie die -tum-Bildungen noch weiterverfolgen wollen: eine höchst anregende Wortquelle ist der rückläufige Index des Grimmschen Wörterbuchs. Ich hänge Ihnen einen Screen-Shot der ersten Seite an Ergebnissen zur Eingabe "tum" an. Natürlich sind dort auch "falsche" Tümer wie "Datum" zu finden, aber auch noch weiteres Material für Ihre Liste (wie das Gottesgnadentum).
Schönen Gruß aus Newcastle,
Henrike Lähnemann
Sehr geehrter Herr Kreutzer,
in "Armut" ist "tum" gar wohl enthalten, nur eben umgekehrt als "mut", wahrscheinlich damit die Betroffenen denselben nicht verlieren, und sei es auch nur in der Bezeichnung für ihre Situation. Sehr treffend bemerken Sie, dass Fehler und Irrtum einen grundsätzlich verschiedenen Charakter haben, denn Fehler macht man (nur), im Irrtum hingegen befindet man sich. Deshalb kann man aus Fehlern lernen, vorausgesetzt, sie entspringen nicht einem tieferliegenden Irrtum. Ist letzteres der Fall, dann begeht man denselben Fehler immer und immer wieder.
Nun habe ich für mich herausgefunden, dass Egoismus eigentlich ein Irrtum ist, eine grundsätzliche Fehlinterprätation des eigenen menschlichen Lebens. Dieser weitverbreitete grundsätzliche Irrtum führt zu den vielen Fehlern, die uns das Leben so verdammt schwer machen und die darüber hinaus, da sie ja einem Irrtum entspringen, immer und immer wieder gemacht werden - und das in immer krasserer Form. Dabei drängt sich die Erkenntnis auf, dass Egoismus ein die Vernunft außer Kraft setzendes Element ist. Egoismus und Vernunft schließen sich nämlich gegenseitig aus. Deshalb braucht man sich auch über die Unvernunft von Politikern nicht zu wundern, da sie ja egoistische Interessen verfolgen, indem sie egoistische Interessen vertreten. Per Definition bleibt die Vernunft dabei außen vor.
Und nun zu einem weiteren "tum" für Ihre Liste: Wegen eines immer markanter werdenden Egoismus erleben wir gleichzeitig ein fortschreitendes Siechtum der Vernunft.
Alles Gute!
Hallo Herr Kreutzer,
einfach Klasse. Als Hausverwalter muss ich natürlich gleich an meine lieben EigenTümer(innen) und noch schlimmer an die lieben WohnungseigenTümer(innen) denken. Ihr Paukenschlag ist in Zukunft bei mir für jedes Exemplar dieser Gattung per Link oder pdf-Datei zugänglich, ich hoffe sehr auf Ihr Einverständnis (Link hier).Liebe Grüsse aus Brandenburg
Vorab möcht ich kundtum:),dass ich den Paukenschlag wie auch Ihre Internetseite sehr gerne und interessiert lese. Erhellend und informativ...Was das Brauchtum des politischen, monetären Herrschertums anbelangt, weiterhin solch irrsinnige Tume zu beschließen bzw. aufzuerlegen, so sehe ich den Weg zurück ins Präteritum.
Welche Art von Filztum (...) in diesem Beschleunigungswachstumsgesetz (bwg) steckt, vermögen nicht mal
die Herren Verfasser zu überschauen.
Dieses Lügentheatertum wird immer grotesker , schwingt der Auserkorene des Wallstreetdooms in der einen Hand den Friedensnobelpreis und in der anderen den Aufruf zum Waffentum.
Und draußen vor der Tür: TUMultenTUM
Synapsenhopfer:Virtualwertetum, Zinsentum, Daxtum, Klimawandeltum, Panikmachertum, NatotumJedenfalls danke ich für diesen geistreichen Ausflug zu den Ursprüngen des Sprachtums 'klasse'.
Schönes Wochenende allen und Grüße aus der Trollingerebene
Hallo Herr Kreutzer,
angesichts Ihrer - wie immer erfrischenden - etymologischen Betrachtung des Tums wurde mir schlagartig bewusst, dass die meisten Tümer eher Tumore unserer Gesellschaft sind. Huch, noch ein Tum, aber vorn. ;-)
Liebe Grüße und ein besinnliches Adventswochenende
Das Politiker-Tum oder Beamten-Tum und Experten-Tum sei nicht zu vergessen bei dem ganzen Irrtum "grins" ;-)man sollte ein "Entlassungsbeschleunigungsgesetz" für das Parteien-Regierungstum zum Schutz der Bürger auf den Weg bringen. ich lese täglich auf ihrer Seite, und sage DANKE für ihren ehrgeizigen Fleiß, der Welt ein wenig die Augen zu öffnen.
mfg
Hallo Herr Kreutzer,
ich bin mir sicher, dass Sie eines Tages über das Beamtentum und das Siechtum der Deutschen sowie über die Raubtümer des sich breitmachenden Verbrechertums einen Extra-Paukenschlag schreiben werden.
Viele Grüße aus Leipzig
Danke für die Info zu den Tümern. Wie wärs mit 'Arrogantentum des Herrschtums?'
Grüsse,
Wir haben unter anderem noch das Griechentum, das Römertum, das Unternehmertum. Sie haben anderen Tümern Tür und Tor geöffnet. Die ersten Bistümer waren griechisch-römischem Unternehmertum zu verdanken.
Gruß
Köstlich! ... oder kostümlich? Eigentümlich. Noch gar nicht drüber nachgedacht!Irgendwo habe ich Kriechertum gelesen, in Verbindung mit noch einem Wort, das mit A anfängt. Oder ist das A...kriechertum eher A...kriecherei, was da gemeint sein soll? Oder ist das eine das, was die Herrschaften tun, und das andere das, was das Gesinde tut? Wer sich in der Politik und vor allem vor den Wahlen dem Volke ergibt, der volkstümelt, Volkstümelei. Ist das nun der Reichtum des Volkes oder Völkerei? Volkstümelei?
Mal sehen, was bei den anderen Wörtern rauskommt: Christentum -> Christenheit, Christenei ist mir zumindest nicht bekannt.. Dafür aber Volkstum... völkisch gesehen... aber da wieder keine Volksheit, oder Eigentum -> Eigenheit, aber Eigenei? Aber: Eigentümelei! Brauchtum... Volkstümliches Brauchtum... Eigentümlich volkstümliches Brauchtum... Ich glaube, das ist es, was unsere Damen und Herren Paradepolitiker auszeichnet, wenn sie in a...kriechertümelnder Manier vor den Wahlen dem Volke zum Munde reden, und die dann hernach das Plaudertum ihres Spruchtums von gestern nicht mehr interessiert...
Lohnt sich doch, mal über unsere Muttersprache nachzudenken!
Danke, Herr Kreutzer!
Hier noch etwas aus meinem "Spielzeugtum":
Alevitentum / Altertum / Arboretum / Argentoratum / Batum / Bürgertum / Bildungsbürgertum / Bistum / Brauchtum / Carnuntum / Christentum / Datum / Eigentum / Faktotum / Fürstentum / Gottesgnadentum / Grundeigentum / Heidentum / Heldentum / Herzogtum / Hypokaustum / Kalenderdatum / Khartum / Königtum / Luthertum / Misstrauensvotum / Mönchtum / Notum / Papsttum / Pluraletantum / Postum / Präteritum / Priestertum / Quäkertum / Reformjudentum / Reichsfürstentum / Schrifttum / Skrotum / Sondereigentum / Tetum / Titularbistum / Urchristentum / Volkseigentum / Weltjudentum / Wirkungsquantum / Wirtschaftswachstum / Wittum / Wohnungseigentum
Gruß
Sehr geehrter Herr Kreutzer!herzlichen Dank für diese Ausführungen, Sie gehen die Übel an der Sprachwurzel an! Aus dem Stand zwei Anmerkungen:
- wie bemerkte Brecht? das Volk sei nicht tümlich. Den Gedanken weiterspinnend könnte man sogar auf den Gedanken kommen, die als volkstümlich verkaufte Retortenkitschkollektion aus schlechter Musik und Übergrößenkleidung gehöre zu einem Herrschaftsanspruch. Aber zu welchem bloß?
- Judentum - stammt als Ausdruck womöglich gar nicht aus den Reihen der Juden selbst und klingt schon sehr nach dem berüchtigten Weltjudentum. Luther und seine Zeitgenossen schrieben noch von der Jüdischkeit oder Judenheyt; noch Leo Baeck wandte sich in den dreißiger Jahren beschwörend an die deutschen Gemeinden ob des Unheils, das die deutsche Judenheit betroffen hatte.
- im 19. Jahrhundert gab es Ausdrücke wie Landstreichertum. Künstlertum kommt womöglich auch aus der frühwilhelminischen Zeit.
Als Gedankenspiel kann man auch die institutionalisierend-erhebende Nachsilbe -tum durch das abwertene -ei ersetzen. So war Landstreichertum die behördliche Dämonisierung eines Verhaltenskonglomerates, das in der Umgangssprache Landstreicherei hieß. Gleiches gilt für Sektierertum = Sektiererei. Als Kind hörte ich einen Bauern fragen, was der Staat denn egal mit seiner Wachstümelei habe.
Das könnte man heute wieder fragen.
Mit freundlichen Grüßen aus Berlin,
u