Paukenschlag am Donnerstag
No. 48 /2009
vom 3. Dezember 2009

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Das unheimliche deutsche Jobwunder

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Leserbriefe
 
Paukenschläge 2009 (ältere)
1 Steinbrück, Peer
2 Die Würde des Menschen ist nicht mehr ertastbar
3 Asymmetrisches Treiben
4 Wenn Banken baden geh'n - Bad Bank
5 Schuldenbremser
6 Die Liquiditätsblase
7 Abwrackprämie für Bänke
8 Bankenkrisenprotektion
9 Währungskrieg gegen die Eurozone
10 Opel, zum Beispiel
11 Billionen- und Konsonantenverdoppelung
12 Im falschen Film -
Die Krisen-Illusion
13 Wie aber soll eine neue Welt entstehen?
14 Schokohasen - Opium fürs Volk
15 Zwischenhirnwesen
16 System-Relevanz-
Syndrom
17 Komm, lieber Mai, und mache
18 Rentner und Milliardäre
19 Die gestärkten Rechte des EU-Parlaments
20 Gute Banken, schlechte Banken 
21 Eine Zensur findet nicht statt
22 Staatsbank
23 Deutschland geht unter
24 Gesunde Unternehmen retten
25 Oasen Peer
26 Geld in der Krise Kreislauf des Irrsinns
27 Bundestagswahl
28 Rentenpolitische Paradoxien
29 Der ungerechte Lohn
30 Der gerechte Lohn

31 ist ausgefallen
32 Vom Unterschied zwischen der Schweine-
grippe und Karl Theodor zu Guttenberg
33 Auf dem Rummel
34 Allegorisches zum Gewähle
35 Deutschland darf OPEL nicht retten
35a Resonanz - Räsonanz
36 Banker und Boni
37 Pandora, die mit der Büchse
38 Reichtum bleibt tabu
40 Die Ruhe vor Schwarz-Gelb
41 Die Tücken des Wahlrechts
42 Per Saldo 2009
43 Galgenhumor ist immer nur vorher
44 Am Beispiel BMW
45 Keine Garantie
46 18.000 Sächsinnen und Sachsen
47 Wo bleibt die Hyperinflation?
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Das
unheimliche
deutsche Jobwunder
 
 
In dieser Woche war es wieder einmal so weit. Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlichte ihren Monatsbericht November 2009.
 
Die
- weniger wegen der grassierenden Schweinegrippe, mehr wegen der allüberall grassierenden Redaktions-Abspeck-Kuren -
an den Rand der Arbeitsunfähigkeit gedrängten Redaktionen unserer unabhängig und neutral berichtenden Medienkonzerne stürzten sich verzweifelt auf des Pudels hübsch geschorene Fassade und vermeldeten in großen Überschriften:
 
 
Handelsblatt, 1. 12. 2009
 
Sinkende Arbeitslosenzahl:
Deutsches Jobwunder hält auch in der Krise an

 Der Artikel zur Schlagzeile

 
Süddeutsche, 1. 12. 2009
 
Robuster Arbeitsmarkt
Trotz Krise steigt die Zahl der Jobsuchenden nur leicht

 Der Artikel zur Schlagzeile

 
Deutsche Welle, 1.12.2009
 
Zahl der Erwerbslosen im November leicht gesunken
 

 Der Artikel zur Schlagzeile

 
Focus, 1.12.2009
 
Deutscher Arbeitsmarkt überrascht
auch im November positiv

 Der Artikel zur Schlagzeile

 
und so weiter, und so weiter, usw.
 
Das Gleiche findet man auf der hochoffiziellen Website der schwarz-gelben Koalition:
 
 
Die Bundesregierung, 1.12.2009
 
Weniger Arbeitslose im November
 

 Der Artikel zur Schlagzeile
 

So viele Stimmen, so wenig Wahrheit
 
Es ist ja nicht keine Wahrheit, wenn man den Arbeitsmarkt als einen "robusten" bezeichnet. Schließlich könnte jeder wissen, dass "robust" seit einiger Zeit bedeutet, dass man, wenn man sich, wie die Bundeswehr, in einem kriegsähnlichen Zustand befindet, dort angemessen zurück und auch präventiv zuschlägt. Das (!) ist robust.
 
Da haben wir doch ein Adjektiv gewählt, das die Lage auf dem Arbeitsmarkt zutreffend beschreibt.
 
Ein bedauernswert unbedarfter Medienkonsument, wer anderes dabei denkt.
 
Es ist ja ebenfalls nicht keine Wahrheit, wenn man vermeldet, das Jobwunder halte auch in der Krise an. Wir kennen das doch vom Autofahren.
 
Das Anhalten ist der Vorgang, der dem Stillstand vorangeht.
 
Ein anhaltendes Jobwunder ist also ein Jobwunder, das zum Stehen kommt, und wenn geschrieben wird, es halte auch in der Krise an, so heißt das doch nur, dass es auch vorher schon angehalten hat, dass es auch schon vor der Krise nicht mehr recht vorwärts gekommen ist, das deutsche Jobwunder.
 
Ein bedauernswert unbedarfter Medienkonsument, wer anderes dabei denkt.
 
Es ist ja zudem auch nicht keine Wahrheit, wenn man fabuliert, der deutsche Arbeitsmarkt überrasche auch im November positiv. Wer einer Volkswirtschaft die Diagnose stellt, sie sei "arbeitsmarktpositiv", der erklärt doch damit nach allgemeinem Sprachverständnis, dass sie vom hochgefährlichen Arbeitsmarkt befallen ist. Wer das überraschend findet, der muss davon ausgegangen sein, dass die Volkswirtschaft im November von der Infektion mit dem Arbeitsmarktvirus genesen werde, dass der Arbeitsmarkt in der Krisis vollends überwunden werden könnte und die fieberhaft aufgeheizten Lohnstückkosten endlich zügig ins Bodenlose fallen können.
 
Ein bedauernswert unbedarfter Medienkonsument, wer anderes dabei denkt.
 
 
Ein bedauernswert unbedarfter Medienkonsument, wer glaubt, es hätte irgendjemand unter den Schlagzeilen-Textern sich der Mühe unterzogen, den fast 100 Seiten starken Monatsbericht der Bundesagentur für Arbeit ernsthaft durchzuarbeiten.
 
Sonst hätten die Schlagzeilen anders lauten müssen. So, zum Beispiel:
 
 
 

BALT am Dienstag, 1.12.2009

Explosion der Leistungsempfänger

Wie die Bundesagentur für Arbeit berichtet, erhielten im November schon 5,9 Millionen Menschen Leistungen nach SGB III und SGB II.

Das ist ein Zuwachs von 361.000 in nur einem Jahr und das bedeutet, dass täglich rund 1.000 hungrige Mäuler hinzukommen, die vom Steuerzahler gestopft werden wollen.

 
Der KOMET, 1.12.2009
 
Sozialversicherungspflichtig beschäftigt?
Nein danke!
 
Immer mehr Menschen entziehen sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung, einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit nachzugehen. Alleine in den letzten 12 Monaten haben sich erdrutschartig 202.000 Personen aus der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung zurückgezogen. Ein großer Teil davon nur, weil eine absolut egoistische Denkweise vorherrscht, die glauben macht, wer jahrelang eingezahlt habe, in die Arbeitslosenversicherung, habe auch ein Recht darauf, seine Beiträge vor dem Renteneintritt zurückzubekommen - und zwar mit Zinsen.
 
Wie lange werden die verbliebenen 27,79 Millionen Sozialbeitragszahlerinnen und Sozialbeitragszahler die Last noch alleine tragen können?
 
Es ist doch heute schon erkennbar, dass nicht nur der Totalausstieg, sondern auch der klammheimliche Teilausstieg aus der Sozialversicherungspflicht immer beliebter wird.
220.000 Personen haben im letzten Jahr ihr Heil in der Teilzeitbeschäftigung gesucht und damit ihre persönliche Beitragslast zu Lasten der Allgemeinheit und des Steuerzahlers gesenkt.
 
Da darf man als mündiger Bürger nicht mehr länger wegschauen. Wer so handelt, gehört an den Pranger!
 
 
 
 
 
Der Reflektor, 1.12.2009
 
Ein Augiasstall voller Drückeberger

 Arbeitsmarktpolitik als Füllhorn der Wohltaten zu betreiben, das sollte im Zeichen der Krise schlicht unmöglich sein, dennoch verbergen sich hinter der - wenn auch immer noch viel zu hohen - so doch "gefühlt niedrigen" Zahl von 3,215 Millionen Arbeitslosen immer noch Heerscharen weiterer, untätiger Erwerbsfähiger.

Man darf den Frosch nicht fragen, wenn man den Sumpf trockenlegen will, heißt es.

Aber niemand regt sich darüber auf, dass im Monat November alleine 1,66 Millionen Frösche im Sumpf arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen munter herumquakten.
Die lassen sich nicht auf das Niveau gemeiner Arbeitssuchender herunterdrücken, die werden noch nicht einmal offiziell als Arbeitslose gezählt, die tun so, als würden sie einen nützlichen Beitrag für das gesellschaftliche Wohlergehen leisten, dabei liegen sie dem arbeitsamen Bürger gleich doppelt auf der Tasche: Sie lassen sich ihren Lebensunterhalt und eine zusätzliche Ausbildung bezahlen - und das, während die Finanzminister von Bund und Ländern nicht wissen, wo sie das Geld für Kindergärten, Schulen und Universitäten hernehmen sollen.
 
Aber das sind noch nicht alle, ein weiterer großer Haufe lässt sich für einfachste Arbeiten, die andere gerne ehrenamtlich verrichten würden, eine Aufwandsentschädigung, oft einen vollen Euro pro Stunde bezahlen, das waren im Oktober immerhin fast 300.000, die glaubten, sich auf diese Weise aus der Zahl der Arbeitslosen herausschleichen zu können.
 
Von den ausschließlich geringfügig Beschäftigten (unter 400 Euro pro Monat) wollen wir gar nicht reden. Fast 5 Millionen Menschen (Stand Sept. 09) tun so, als würden sie arbeiten, kleckern aber für weniger als 400 Euro vor sich hin, statt ordentlich ranzuklotzen - und lassen sich den Rest aufstocken.
 
Die neue Arbeitsministerin wird aufhören müssen, die Frösche zu fragen. Es sind zu viele - und die Zeit drängt.
 

 
 
Pekunia non olet, 1.12.2009
 
Kurzarbeit - Boom oder Bumerang?

 Wenn ein Land im Laufe von 12 Monaten eine Million Kurzarbeiter dazugewinnt, dann kann ohne Frage von einem echten Kurzarbeitsboom gesprochen werden.

Da jeder Kurzarbeiter ungefähr 2/3 der Arbeitsleistung eines Vollzeitbeschäftigen erbringt, steht uns mit den Kurzarbeitern neben den regulär Voll- und Teilzeitbeschäftigten ein massives zusätzliches Leistungspotential zur Verfügung, das - umgerechnet in BIP - etwa 60 Milliarden ausmacht.
 
60 Milliarden volkswirtschaftlicher Leistung, die es ohne Kurzarbeit nicht gäbe!
 
Dass diese zusätzliche Million Kurzarbeiter keineswegs verheerende Spuren im Arbeitsmarkt hinterlässt, ist schon alleine daran zu erkennen, dass die Zahl der offenen Stellen im gleichen Zeitraum nur um 74.000 auf 465.000 abgenommen hat. Am Verdacht, Kurzarbeiter würden den anderen Arbeitslosen mit massiver staatlicher Förderung die offenen Stellen wegschnappen, ist also nichts, aber auch überhaupt nichts dran. Selbst Neider müssen zugeben: Der Zuwachs der Kurzarbeiter um über eine Million ist der unübersehbare Wachstumserfolg dieser und der letzten Bundesregierung.
 
Es ist inzwischen ja eher so, dass der Zuwachs der Arbeitslosigkeit kaum ausreicht, um die Nachfrage nach Kurzarbeit befriedigen zu können.
 
Dass im November 2009 227.000 Arbeitslose mehr registriert wurden, als ein Jahr zuvor, liegt ja nicht daran, dass die Nachfrage nach hochqualifizierten Kurzarbeitern nicht ausgereicht hätte - es liegt daran, dass Kurzarbeitergeld immer noch nur befristet bezahlt werden darf.
 
Und wenn diese Regelung nicht endlich aufgeweicht oder besser ganz abgeschafft wird, könnte sich das Mittel "Kurzarbeit" am Ende doch noch als Bumerang entpuppen. Was, wenn die Million, die im letzten Jahr hinzugekommen ist, spätestens 2011 wieder in die Arbeitslosigkeit gedrängt wird?
 
Mit den paar Neueinsteigern, die aus den geburtenschwachen Jahrgängen jetzt auf dem Arbeitsmarkt ankommen, ist die Million nicht zu ersetzen. Schon gar nicht jährlich.
 
Hier sind neue Rezepte gefragt!
 
Diese zynisch-sarkastisch-satirischen Anmerkungen, die ich frei erfundenen Medien unterschoben habe, beruhen - bei aller Angreifbarkeit der Kommentierung - dennoch nur auf den Fakten, die von der Bundesagentur für Arbeit im Monatsbericht November 2009 dargestellt worden sind.
 
Leider muss man befürchten, dass ein kleiner Wink aus der richtigen Ecke genügen könnte, um den derzeit gepflegten Jubel über ein geringfügiges Sinken der gezählten Arbeitslosen gegenüber dem Vormonat abzuwürgen und zu einer Berichterstattung zurückzukehren, die nach den Schuldigen unter den Arbeitlosen sucht und propagiert, es gäbe nirgends ein Gesetz, in dem ein Recht auf Faulheit verankert sei
.
Es ist ja nicht so, dass wir diese Tendenz nicht schon erlebt hätten ...
 
 
Dringende Empfehlung:
 
Nehmen Sie sich die Zeit, den BA-Bericht einmal gründlich durchzuarbeiten. Es steht schon vorne in der Zusammenfassung sehr viel Erhellendes - und hinten, im Tabellenteil, kann man vieles sehr schön nachvollziehen.
 
Er ist öffentlich zugänglich. Hier:

 Monatsbericht November 2009 der BA
 

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