Paukenschlag am Donnerstag
No. 33/2009
vom 20. August 2009

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Auf dem Rummel

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Leserbriefe
 
Paukenschläge 2009 (ältere)
1 Steinbrück, Peer
2 Die Würde des Menschen ist nicht mehr ertastbar
3 Asymmetrisches Treiben
4 Wenn Banken baden geh'n - Bad Bank
5 Schuldenbremser
6 Die Liquiditätsblase
7 Abwrackprämie für Bänke
8 Bankenkrisenprotektion
9 Währungskrieg gegen die Eurozone
10 Opel, zum Beispiel
11 Billionen- und Konsonantenverdoppelung
12 Im falschen Film -
Die Krisen-Illusion
13 Wie aber soll eine neue Welt entstehen?
14 Schokohasen - Opium fürs Volk
15 Zwischenhirnwesen
16 System-Relevanz-
Syndrom
17 Komm, lieber Mai, und mache
18 Rentner und Milliardäre
19 Die gestärkten Rechte des EU-Parlaments
20 Gute Banken, schlechte Banken 
21 Eine Zensur findet nicht statt
22 Staatsbank
23 Deutschland geht unter
24 Gesunde Unternehmen retten
25 Oasen Peer
26 Geld in der Krise Kreislauf des Irrsinns
27 Bundestagswahl
28 Rentenpolitische Paradoxien
29 Der ungerechte Lohn
30 Der gerechte Lohn

31 ist ausgefallen
32 Vom Unterschied zwischen der Schweine-
grippe und Karl Theodor zu Guttenberg
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Auf dem Rummel
 
 
 


Draußen, vor der Kasse, läuft einer herum und schreit aus vollem Halse:

     
    Kommen Sie rein,
    kommen Sie ran!
     
    Meine Damen, meine Herrn,
    kommen Sie rein,
    kommen Sie ran,
    bei uns werden Sie genauso
    - wenn nicht noch besser -
    beschissen, wie nebenan!
     
     
     
    Kommen Sie rein,
    kommen Sie ran
    !
 
Rummel ist Rummel. Da muss man sich gehen und von den anderen mitreißen lassen.
Wer anfängt, nachzudenken, wer beginnt sich zu fragen: "Was mache ich da eigentlich?", wird schnell zum Spaßverderber.
 
Also,
kommen Sie rein, kommen Sie ran,
bei uns werden Sie genauso beschissen, wie nebenan.
 
Die Marktschreier der etablierten Parteien sind in ihren Aussagen weniger selbstkritisch.
Sie betitulieren sich zwar heroisch als Wahl-Kämpfer, bestreiten jedoch nichts anderes als einen Wettbewerb der Markt-Schreier - Stimmenfang mit allen Mitteln, bis zur finalen, stimmlosen Heiserkeit am Vorabend des Wahltags.
 
Bis dahin wird es einen gesteigerten Austausch persönlicher Schmähungen und Beleidigungen geben, wir werden das Anwachsen von Lügen und Verleumdungen, das stolze Schwellen von Brüsten und Hahnenkämmen zu beobachten haben. Es wird zu neuen Rekorden im breitmäulig hämischen Grinsen kommen, das Blaue am Himmel wird verblassen gegenüber jenem Blau, das als künftiges Himmelblau versprochen und garantiert auch geliefert wird, falls der geschätzte Wähler am Wahltag nur mutig sein Glück in die Hand nimmt und der richtigen Partei den Regierungsauftrag erteilt.
 
Ach Gottchen!
 
 
Der Versuch, aus den Bemühungen der sog. "Wahlkämpfer" auf den Geisteszustand der von ihnen umworbenen Wähler zu schließen, scheitert in großem Erschrecken.
Es ist mir schon nicht möglich, mir nur eine Ansammlung von 60 Volltrotteln jener Bauart vorzustellen, von denen die Parteistrategen offenbar annehmen, es lebten 60 Millionen als Wahlberechtigte Bürger in Deutschland.
 
Also muss wohl die Frage anders gestellt werden. Nicht nach dem Geisteszustand der Wähler, nach den Motiven der Parteistrategen, ist zu fahnden:
 
 
Wie kommt es wohl, dass die Verantwortlichen der politischen Parteien eine Wahlpropaganda betreiben, die sich nicht an den verständigen und verantwortungsbewussten Bürger wendet, sondern versucht, mit einfachsten, holzschnittartigen Schwarz-Weiß-Kontrasten jene reflexartige Reaktion beim Wähler auszulösen, die bewirkt, dass er, sobald ihm das Konterfei desjenigen Politkaspers vorgesetzt wird, auf das er in früher Jugend wie eine Graugans geprägt wurde, spontan und unwillkürlich sein Kreuzchen an der richtigen Stelle malt, gerade so, wie der Pawlow'sche Hund seinen Speichel fließen lässt, sobald das vertraute Glöckchen erklingt?
 

 

Wie es kommt?
Weil es wirkt!
 
Die Marktschreier auf dem Politrummel vertrauen darauf, dass die umworbenen Wähler mit ganz bestimmten Reflexen auf ganz bestimmte Schlüsselreize reagieren, die man ihnen nur oft genug vorsetzen muss, damit sie am Wahltag bedenken- und gedankenlos ihre Stimme dort abgeben, wo man sie haben will.
 
Und solange die anderen Marktschreier, die ja im Grunde mit den gleichen Reizen arbeiten, in der Formulierung soweit variieren, dass ihnen ein eigener, bei den jeweiligen Anhängern vertrauter Stallgeruch anhaftet, solange kommt man sich nicht wirklich in die Quere.
 
Kommen Sie rein, kommen Sie ran,
hier werden Sie genauso beschissen, wie nebenan!
 
Die Kampagnen, an deren Ende einfachste und dümmste Parolen stehen, sind mit großer Intelligenz durchdacht, sie sind getestet, am repräsentativen Querschnitt und vor allen an den Anhängern und Sympathisanten der eigenen Partei ausprobiert, man hat Augenbewegungen und Mundwinkelzucken bei jedem ausgesprochenen Schlüsselwort mit Hochgeschwindigkeitskameras aufgenommen und analysiert und am Ende jenen Mix an Blödheit zur Wahlkampfmunition erwählt, mit dem man uns jetzt pausenlos bombardiert.
 
Alle haben nur vor einem Angst:
Davor, dass eine größere Zahl von Wahlberechtigten anfangen könnte, zu denken.
 
Deshalb bedienen Sie uns mit hübsch hergerichteten Vorurteilen, mit erschreckend furchteinflößenden Feindbildern und versprechen in wolkigen Worten, sie - und nur sie alleine - könnten uns Sicherheit bieten.
 
  • Viele sichere Arbeitsplätze,
  • viele videogesicherte Straßen und Plätze,
  • einen stabilen, sicheren Geldwert,
  • todsichere Pässe am Hindukusch,
  • blümig sichere Renten und
  • die anästhesierende Sicherheit, dass für das medizinisch Notwendige immer gesorgt sein wird.
 
Dazu kommt mit Sicherheit die Versicherung der hehrsten aller Ziele, begonnen damit,
 
  • dass Bildung und Ausbildung mit Sicherheit auch in Jahrzehnten noch unsere Zukunft sein und allen am Herzen (ich bin ja so klein, mein Herz ist so rein) liegen werden,
  • dazu der Wohlstand für alle, der durch die Versicherung der Chancengleichheit gewährleistet wird (mustergültige Chancengleichheit herrscht z.B. beim Lotto. Alle zahlen, alle haben die gleiche Chance - und wer regelmäßig 10 Tippreihen abgibt, der kann nach etwa 1 Million Jahren damit beginnen, sich begründete Hoffnung auf den Jackpot in der ersten Gewinnklasse zu machen).
  • Hinzu kommt regelmäßig die Versicherung der Sicherheit der Gentechnik und der Schweinegrippeschutzimpfung,
  • wie auch die Versicherung, dass auch die Finanzierung der nächsten Diätenerhöhung ohne Neuverschuldung gesichert sein wird, zum Wohle des Fortbestands der real existierenden Demokratie in der deutschen Bundesrepublik.
  • Nicht unerwähnt bleiben auch die Sicherheit, im geeinten Europa nach den Regeln von Lissabon gemaßregelt zu werden und
  • die Sicherheit der gemeinsamen europäischen Währung und
  • die Sicherheit des transatlantischen Bündnisses - und natürlich die Sicherheit der Globalisierung und
  • des ungehinderten Austauschs von Waren und Dienstleistungen und
  • die Sicherheit der Freiheit des Kapitals und
  • die garantierte Unkaputtbarkeit der systemrelevanten Banken.
 
Und bei all diesen Versicherungen sind sie ständig nur von einer Furcht gepeinigt und von einem Willen beseelt, dass sie nämlich - koste es, was es wolle - alle miteinander, jedes eigene Denken der Wähler verhindern müssen, wenn sie, alle miteinander, ein Chance haben wollen, nach den Wahlen wieder in den Bundestag einzuziehen.
 
Ich möchte Sie ermuntern, der Versuchung, sich von unhaltbaren Versicherungen einlullen zu lassen, zu widerstehen.
 
Entwickeln und nutzen Sie das,
was die Wahlkämpfer fürchten wie die Beulenpest,
entwickeln und nutzen Sie Ihre Fähigkeit,
selbständig zu denken!
 
Hier ein paar Fragen, die zum Einstieg hilfreich sein könnten:
 
1. Frage
 
Stellen Sie sich vor, Ihr zugegebenes Jahreseinkommen beläuft sich - nach Abzug der Steuern - auf rund 400.000 Euro. Ihr Vermögen bewegt sich im Bereich von 30 Millionen Euro und jedes Jahr werden es ein paar Hunderttausend mehr. Welche Partei würden Sie wählen?
 
a) CDU (in Bayern CSU)
b) FDP
 
2. Frage
 
Stellen Sie sich vor, Sie sind außertariflicher Mitarbeiter einer deutschen Waffenschmiede und machen sich Hoffnung, in drei oder vier Jahren zum Direktor befördert zu werden. Welches Parteibuch wird Ihnen dabei von größerem Nutzen sein?
 
a) CDU (in Bayern CSU)
b) FDP

3. Frage
 
Stellen Sie sich vor, Ihr Vater, Chef und Eigentümer eines namhaften Medienkonzerns, wird Sie als Alleinerben einsetzen. Welche Partei würde Ihre Familie mit Spenden besonders unterstützen, um das Erbrecht noch rechtzeitig zu Ihren Gunsten zu verändern?
 
a) CDU (in Bayern CSU)
b) FDP
 
 
Das war nicht schwierig, oder?
 
Wer sich vorstellen kann, reich zu sein, der kann sich auch ohne Schwierigkeiten vorstellen, dass er mit FDP oder CDU auf jeden Fall die richtige Wahl treffen wird.
Wer jedoch im Umkehrschluss FDP oder CDU wählt, weil er meint, FDP oder CDU zu wählen, mache unweigerlich reich, der tut gut daran, noch einmal gründlich nachzudenken.
 
Es folgen zwei schwierigere Fragen:
 
4. Frage
 
Stellen Sie sich vor, Ihr Arbeitgeber, ein Windkraftanlagenbauer, wurde vor sechs Monaten von einer Heuschrecke übernommen. Sie stehen vor der Wahl, per Änderungskündigung auf 30% Ihres Einkommens und auf die betriebliche Altersversorgung zu verzichten, oder freiwillig zu gehen. Von welcher Partei erhoffen Sie sich Unterstützung im Kampf um den voll bezahlten Arbeitsplatz?
 
a) CDU (in Bayern CSU)
b) FDP
c) SPD
d) Grüne
e) Linke
 
 
5. Frage
 
Stellen Sie sich vor, Sie sind im August 2009 arbeitslos geworden, erhalten also nach heutiger Rechtslage bestenfalls bis in den August 2010 ALG I und müssen anschließend Ihr Vermögen (abzüglich eines geringen Schonvermögens) aufbrauchen, bevor Sie in Hartz IV fallen. Welche Partei gibt Ihnen heute die Hoffnung, auch im August 2010 Ihren Lebensstandard noch einigermaßen halten zu können?
 
a) CDU (in Bayern CSU)
b) FDP
c) SPD
d) Grüne
e) Linke
 
Hatten Sie ein Problem sich vorzustellen, in eine solche Situation zu geraten?
Ja, reich zu sein, ist leichter vorstellbar, als arm zu sein, obwohl die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit wohl nirgends so groß ist, wie hier.
Wer sich dennoch vorstellen kann, seine Existenz zu verlieren und ins Hartz-IV-Prekariat abzurutschen, und natürlich auch, wer es sich nicht mehr erst vorstellen muss, sondern bereits Erfahrung mit 1-Euro-Jobs und Hartz-IV gesammelt hat, der spürt Angst, hält Ausschau nach der Rettung und wird leichtgläubig. So leichtgläubig, dass er das von allen Parteien lautstark gegebene Versprechen, in der nächsten Amtsperiode aber wirklich und garantiert Wachstum und Arbeit zu schaffen, auch allen Parteien in hoffnungsfroher Naivität mehr oder minder unterschiedslos abnimmt.
 
Wer aber erst einmal glaubt, dass alle Parteien das gleiche Ziel mit gleicher Intensität und gleicher Intention anstreben, der kann, ganz unabhängig davon, wie beschissen es ihm geht und wer ihm die Suppe eingebrockt hat, einfach wieder das wählen, was schon der Großvater und der Vater gewählt haben.
 
Die Demoskopen sprechen dann, in der Projektion auf den Wahltag, vom Einfluss langfristiger Bindungen...
 
 
Fakten?
 
SPD und Grüne
 
haben die Hartz-Gesetze beschlossen und gleichzeitig milliardenschwere Steuergeschenke an die Wirtschaft verteilt. Und weil die so - zu Lasten der Arbeiter und Angestellten, zu Lasten der Rentner und Arbeitslosen - gemästete Wirtschaft (von wenigen noch nicht privatisierten Resten abgesehen) weder in den alten noch in den neuen Bundesländern dem Staat gehört, sondern sogenannten Investoren, Anteilseignern, Shareholdern, Finanzinvestoren, Heuschrecken, Spekulanten und Hochstaplern, hat sich - wie beabsichtigt - die Schere zwischen Arm und Reich ein großes Stück weiter aufgetan.
 
CDU/CSU und FDP
 
haben die Hartz-Gesetze als erste Schritte in die richtige Richtung bezeichnet und gefordert, man müsse tiefere und auch schmerzhaftere Schnitte wagen. Sie haben die Entlastung der Reichen und die Öffnung der Märkte als erste Schritte in die richtige Richtung, aber als längst noch nicht ausreichend angesehen.
 
Erinnern Sie sich noch an Frau Merkel, wie Sie mit fiebrig glänzenden Augen in der Vorstellung schwelgte, die Regierung vor sich herzutreiben?
 
 
Die LINKE,
 
entstanden aus Teilen der ehemaligen Politkader der ehemaligen DDR,
und zwar aus jenen Teilen, die sich nicht, wie viele andere, der West-CDU/CSU, der West-SPD, der West-FDP und den Grünen in die Arme geworfen haben, wo sie heute in den hohen und höchsten Staats- und Parteiämtern eine antisozialistische Politik treiben,

 

 
und aus Teilen der SPD,

und zwar aus jenen Teilen, die als Sozialdemokraten in der SPD mit Schröders Agenda heimatlos geworden waren,
 
diese LINKE hat seit ihrer Gründung genau das bekämpft, was in den letzten 10 Jahren von CDU/CSU, SPD und Grünen in wechselnden Koalitionen unter dem klammheimlichen Beifall der FDP angerichtet worden ist.
 
Ist es so schwer, sich das bewusst zu machen?
 

Glücklicherweise gibt es Menschen, die der Auffassung sind,
 
  • es könne gelingen, demokratische Prinzipien besser zu vertreten als es die Christlich Demokratische Union tut,
  • es könne gelingen, das Sozialstaatsprinzip besser zu realisieren, als es durch die Christlich Soziale Union und die real existierende Sozialdemokratische Partei realisiert wird,
  • es könne gelingen, einen umfassenderen Freiheitsbegriff zu formulieren und zu verteidigen, der weit über Schäubles Überwachungsstaat und das neoliberale Credo der Freien Demokratischen Partei hinausgeht.
 
Aber mit der Vorstellung "es könne gelingen" ist es noch nicht getan.
 
Wer sich ein Mehr an Demokratie, ein Mehr an sozialem Ausgleich, ein Mehr an Freiheit vorstellen kann, aber keine Veranlassung sieht, sich auch dafür einzusetzen, weil er
glaubt, er sei intelligent genug, auch in der größten Katastrophe noch seinen ganz persönlichen Weg zu finden, um sich mit den herrschenden Umständen und den unter diesen Umständen Herrschenden zu arrangieren, der hat mit dem eigentlichen Nachdenken noch gar nicht angefangen.
 
Vorausschauendes Denken begnügt sich nicht damit,
die Ergebnisse der Analyse zur Kenntnis zu nehmen,
ihm muss nachhaltiges, verantwortungsbewusstes Handeln folgen.
 
Und wenn die Analyse ergibt, dass nicht überall die reine, unverschnittene Demokratie drin ist, wo Demokratie draufsteht, dass nicht unbedingt sozial sein muss, was Arbeit schafft, dass zwischen Freiheit und Faustrecht ein Unterschied gemacht werden sollte, schon alleine, damit die Demokratie und das Soziale nicht unter die Räder kommen, dann kann man es doch nicht bei dieser Erkenntnis bewenden lassen.
 
Auf der Weltbühne gibt es keine Zuschauer, die nach der Vorstellung einfach auf einen Drink davongehen können. Wir alle haben in diesem Theater ein lebenslanges Engagment - und wir alle haben unser Leben lang die Chance, unsere Rolle zu suchen, sie anzunehmen und auszufüllen.
 
Nur wer diese Chance nicht wahrnimmt, muss erleben, dass er von der Regie als Statist nach Belieben herumgeschubst wird.
 
Doch die eigene Rolle zu finden, sie anzunehmen und auszufüllen, ist ohne einen sicheren Standpunkt und ein klares Ziel nicht möglich. Standpunkt und Ziel setzen aber voraus, sich von fremden Meinungen zu emanzipieren, sich selbst und dem eigenen Denken zu vertrauen.
 

 
Dass das selbständige Denken für den Anfänger eine äußerst unbefriedigende Angelegenheit sein kann, darf nicht verwundern. Dem Erfolgserlebnis des Denkers haben die Götter eine Reihe von Hindernissen in den Weg gelegt. Aus eigenem Erleben und aus vielen Zuschriften weiß ich, wo die Hauptursachen für Entmutigung und schwindendes Selbstvertrauen liegen:
 
 
  • Man hat lange nachgedacht, aber es kommt immer etwas ganz anderes heraus, als das was die anerkannten Experten dazu von sich geben.
  • Man hat lange nachgedacht, seine Erkenntnisse stolz weitererzählt, und wurde von Freunden und Kollegen ausgelacht.
  • Man hat nachgedacht, nachgedacht, nachgedacht, aber die Gedanken haben sich ums Verrecken nicht widerspruchslos verknüpfen lassen.
  • Man hat nachgedacht, ist darüber erst zornig geworden, dann wütend, dann depressiv - Endstation Resignation
 

Dazu ein paar aufmunternde Anmerkungen
 
Ex- und Drecksperten
 
Die Profession des Experten besteht nur zu 10% darin, sein Fachgebiet einigermaßen zu beherrschen. Das können viele - und diese vielen nennt man nicht Experten, sondern "Fachleute".
 
Um Experte zu sein, muss man weit über das Fachgebiet hinauswachsen, hoch hinauf in die Sphäre der elitären Arroganz, und bereit sein, jedwede zweckdienlich-manipulative Behauptung - und sei sie noch so blödsinnig - mit dem Brustton der Überzeugung so lange zu vertreten, bis die Anweisung kommt, mit Verweis auf die gleichen Statistiken das genaue Gegenteil zu beweisen.
Die Fähigkeit des mühelosen weil rückgratlosen Verbiegens macht 90% der Kunst der Experten aus.
 
Dafür gibt man den Professoren und ihren Instituten die großen Etats, die großen Forschungsaufträge und das öffentliche Podium in den Medien.
 
Wenn das, was solche Experten verbreiten, mit dem, was Sie sich denken, nicht übereinstimmt, dann ist das zwar noch kein Beweis dafür, dass Sie richtig gedacht haben, aber ein Beweis dafür, dass Sie falsch gedacht haben, ist es auf gar keinen Fall.
Also lassen Sie sich von Experten niemals einschüchtern!
 
 
Die erheiterten Mitmenschen
 
Wenn ein Freund oder Bekannter Sie auslacht, hat das mit tatsächlicher Überlegenheit in aller Regel nichts zu tun.
 
Sie können davon ausgehen, dass in 8.888 von 10.000 Fällen gelacht wird, weil Ihr Gesprächspartner ihr Selbstbewusstsein nicht allzu hoch einschätzt und hofft, auf diese Weise das ihm fremde Thema schnell (und zu Ihren Lasten) wechseln zu können.
In weiteren 1.111 von 10.000 Fällen beruht das Lachen darauf, dass Ihr Partner glaubt, sich im Thema auszukennen, weil er täglich die Schlagzeilen der WELT, der FAZ und des Rheinischen Merkurs überfliegt, wöchentlich in der Zeit blättert und regelmäßig mindestens eine Polit-Talk-Show im Fernsehen verfolgt.
 
Nur in einem von 10.000 Fällen dürften Sie auf einen Menschen treffen, der tatsächlich selbst zu denken gewohnt ist und dabei womöglich zu einem so viel besseren, schlüssigeren Ergebnis gekommen ist, als Sie, dass er Ihre Ausführungen mit einem gutmütigen Lächeln quittiert, um Ihnen dann darzulegen, zu welchen Schlüssen er gelangt ist.
 
Der Denker, seiner Fehlbarkeit bewusst, neigt dazu, bescheiden zurückzutreten und neu nachzudenken, wenn er ausgelacht wird. Doch dafür besteht kein Grund, solange der Spötter über den Spott hinaus keine Argumente vorzubringen hat.
 
Der lachende Tor fühlt sich als Sieger und der Notwendigkeit eigenen Nachdenkens auch weiterhin enthoben. Hämisches Grinsen, schadenfrohes Gelächter, breites Lächeln mit abschätzig verzogener Miene, arrogantes Hohnlachen, die mit leicht angezogener Braue und einem kurzen Spitzen der Lippen hervorgebrachte Andeutung, dass man sich, unter Wahrung der Etikette, im Grunde köstlich amüsiere - das alles sind mimische Verrenkungen von mehr oder minder elitär gebildeten Toren, hinter denen sich Unwissen und Lüge gleichermaßen verstecken.
 
Achten Sie in den Wochen bis zur Wahl auf die Mimik der Bewerber um Amt und Würde, aber lassen Sie sich von Spöttern niemals einschüchtern!
 
 
Die unlösbare Aufgabe
 
Denken, ohne zu einem Ergebnis zu kommen, ist furchtbar - aber nicht schlimm.
Meist liegt es einfach an der Aufgabenstellung!
 
Suchen Sie also den Fehler nicht immer wieder in Ihrer eigenen Logik, suchen Sie ihn da, wo er mit hoher Wahrscheinlichkeit zu finden ist.
 
Gehen Sie Ihre Ausgangsinformationen noch einmal durch und eliminieren Sie alles, was sich bei genauerem Hinsehen als vorweggenommene Wertung oder Interpretation oder gar nur als kritiklos übernommene Meinung entpuppt. Ihr Arbeitsfeld wird so übersichtlicher. Versuchen Sie gleichzeitig herauszufinden, ob womöglich wichtige Einflussfaktoren noch gar nicht berücksichtigt wurden - und prüfen Sie alle relevanten Fakten nach.
 
Führt Ihr Nachdenken weiterhin zu keinem brauchbaren Ergebnis, dann überprüfen Sie Ihre Fragestellung und formulieren Sie das Problem lösungsorientiert um.
Wenn Sie sich fragen:
 
"Warum leben in Deutschland 8 Millionen Menschen in Armut, obwohl Deutschland Exportweltmeister ist?",
 
werden Sie kaum in der Lage sein, darauf eine befriedigende Antwort zu finden.
 
Fragen Sie allerdings, nachdem Sie Ihre eigenen Absichten geklärt haben, lösungs- und handlungsorientiert:
 
"Was muss getan werden, um dem Ziel "Wohlstand für alle" wieder näher zu kommen?",
 
dann werden Sie mehr Lösungsansätze finden, als sie bearbeiten können.

 

 
Wer sich von Experten und Spöttern nicht einschüchtern lässt, sein Denken auf gesicherten, vollständigen Fakten aufbaut und sich handlungs- und lösungsorientierte Fragen stellt, hat die Gefahr, am eigenen Denken und seinen Ergebnissen zu resignieren oder depressiv zu werden, weitgehend gebannt.
 
Wer seiner Fähigkeit, selbst zu denken vertraut und sie zielgerichtet einsetzt,
 
  • hat das Rüstzeug, Probleme zu lösen
  • kann Unwesentliches von Wesentlichem, Wichtiges von nur Dringendem unterscheiden,
  • verzweifelt nicht, wenn Entwicklungen Ihre Zeit brauchen und kann sich über jeden echten Fortschritt freuen.
 
Wer seiner Fähigkeit, selbst zu denken vertraut und sie zielgerichtet einsetzt,
 
  • wird auch die eigene Lebenssituation richtig einschätzen,
  • die eigenen Lebensziele vernünftig beschreiben und anstreben können,
  • wird zwischen Worten und Taten, zwischen wahren Freunden und verlogenen Heuchlern unterscheiden und sich nicht weiß machen lassen,
    • dass ein Dienstwagen mit Fahrer in Spanien ein so aufregendes Thema ist, dass man darüber eine ganze deutsche Armee in Afghanistan getrost vergessen darf,
    • dass ein Politiker, der vor zehn Jahren in Ablehnung einer falschen Politik vom Amt zurückgetreten ist, weit weniger Vertrauen verdient, als jene, die diese Politik mit allen ihren negativen Folgen für die Menschen zehn Jahre lang rücksichtslos durchgezogen haben,
    • dass man um eine geringfügig bessere Bezahlung von Kindergärtnerinnen viele Monate lang hart und unbarmherzig feilschen muss, dass es aber vollkommen alternativlos war, hunderte von Milliarden Euro zur Rettung von Bankaktionären und Bankgläubigern praktisch über Nacht aus dem Fenster zu werfen,
    • dass man,

       

     

    • ... ach was, was soll ich weiter aufzählen?
    Sie denken ab jetzt selbständig weiter.
     
     
    Viel Spaß und Erfolg dabei
       

     

     



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  • Reaktionen auf diesen Paukenschlag
    Sehr geehrter Herr Kreutzer,

    wie war das noch mit dem besten Staat?

    Pittakos: „Wo es weder möglich ist, dass die Schlechten herrschen, noch dass die Guten nicht herrschen.“ Dass hier die Schlechten herrschen, kann jeder Tag für Tag aufs Neue erkennen.

    Wo sind die Abgeordneten, die ihre Rechte aus Artikel 38 Abs. 1 des Grundgesetzes in Anspruch zu nehmen wagen?

    Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut. Und die absolute Macht basiert auf der Stimmenmehrheit der Dummen, die laut Einstein sowohl unendlich sei, als auch die Mehrheit der Menschen dieser Gruppe zugehörig sind. "Die Herrschaft der Dummen ist unüberwindlich, weil es so viele sind, und ihre Stimmen zählen genau wie unsere."

    Das interpretiere ich ein wenig anders - die Herrschaft derer, die sich der Dummen bedienen, ist unüberwindlich.

    Und so dumm sind eben die Politiker nicht, dass sie sich ihre große Basis an Dummen zerstören. Deswegen ist Bildung ja auch nicht für alle nötig. Demokratie ist doch nur die Diktatur der Stimmenmehrheit. Und wenn, wie schon erwähnt, die Abgeordneten nur dem Fraktionszwang folgen oder wegen des Koalitionsfriedens gegen ihr Gewissen abstimmen. So in einem Artikel in der örtlichen Zeitung:

    Auf einer Wahlveranstaltung am Ort, als der Kandidat der Linken sich für einen Mindestlohn ausgesprochen und dafür eine große Zustimmung erzielte, sagte dieser Abgeordnete (Anm.: einAbgeordneter der SPD), er sei auch für den Mindestlohn, habe aber dagegen abstimmen müssen, dabei sei ihm das "Messer in der Hose" aufgegangen!

    Brauchen wir solche Abgeordnete - NEIN. Dann kann nach jeder Wahl der "Parteiführer" ein Stimmenpaket in Höhe des Anteils bekommen und dann sind alle Abgeordneten überflüssig. Dann hätten wir die propagierte "Deutschland AG". Die Bürger treten ihr Stimmrecht an die Abgeordneten ab, diese an den "Führer" ihrer Partei und dann können die auch, wie die Wähler, wieder nach Hause gehen. Dadurch kann dem Bürger viel Geld gespart werden. Keine langen Sitzungen mehr. Und das System wäre transparent, jeder könnte das Gemauschel erkennen. Eventuell sogar die Dummen, denn nicht alle Dummen sind auch noch blöde.

    Am 24.9.09 findet hier bei der VHS eine Diskussionsrunde statt. Mit allen Kandidaten. Ich werde jedenfalls dort erscheinen und die gemachte Aussage als einen Verstoß gegen das Grundgesetz durch diesen Kandidaten der SPD bezeichnen.

    Mit freundlichem Gruß


    Lieber Herr Kreuzer,

    mal wieder ein großartiger PaukenSCHLAG, der so eigentlich in einer der großen Tageszeitungen stehen sollte...nein, stehen MUSS!!!

    Stattdessen werden dem Leser der vermeintlich unabhängigen und objektiven Presse beinahe täglich ominöse Zwischenstände um die Ohren gehauen, die eine mögliche Wunsch-Regierung etablieren wollen. So daß auch dem letzten noch unentschlossenen Wähler klar werden muss, dass er mit seinem Kreuz nichts wird bewirken können...

    Eine möglicherweise katastophale Wahlbeteiligung wird dann in den Nachrichten mit einem Nebensatz abgehakt, nur um gleich danach alle Sieger des Wahlabends zu feiern. Schöne Aussichten für den September. Aber, es gibt noch ein wenig Hoffnung: wenn man sich die Leser-Kommentare auf den Webseiten der großen Zeitungen so anschaut, wird das eigene Denken scheinbar wieder populär...

    Eine kleine Anmerkung noch zu den Linken: aktuell bin ich von dem laufenden Untersuchungsausschuss zur HRE sehr enttäuscht. Vor allem das zahnlose Auftreten des Hrn. Troost lässt meinen Glauben an die Linke arg wanken.

    Liebe Grüße aus Franken

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