Paukenschlag am Donnerstag
No. 3/2009
vom 22. Januar 2009

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

keine
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Asymmetrisches Treiben

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Asymmetrisches Treiben
 
 
Die Symmetrie wird gern als
"die Ordnung der Primitiven"
bezeichnet.
 
 
Bezeichnend, dass Militärs und Politiker ihren Wählern gerne erklären, sie würden asymmetrische Konflikte verabscheuen.
 
Allerdings versäumen sie es selten, schon im nächsten Satz zu erklären, dass sie ihrer Verantwortung trotz dieser Abneigung gerecht werden und sich darauf einlassen müssten.
 
Diese argumentative Kurvenfahrt hat ihre Ursache darin, dass unter dem mehr oder minder demokratisch legitimierten Führungspersonal, das sich gerne als "Elite" inszeniert, die Auffassung weit verbreitet ist, die Mehrzahl der "Nichteliten", also das Wahlvolk, habe sich noch lange nicht von jenem primitiven Symmetriebedürfnis emanzipiert, das sich schier unausrottbar immer wieder in wehleidig vorgetragenen Forderungen nach Fairness und Gerechtigkeit ausdrückt.
 
Dass im Grunde nahezu alle Konflikte asymmetrisch sind, geht dabei leicht im Krachen der Explosionen unter, lässt sich aber mit zwei einfachen Überlegungen leicht belegen:
 
Erstens würden die meisten Auseinandersetzungen nicht vom Zaum gebrochen, hätte nicht mindestens eine Partei nach genauem Wiegen, Zählen und Messen die Überzeugung gewonnen, aufgrund manifester Ungleichheiten so weit im Vorteil zu sein, dass Sieg und Beute sicher sind, und
 
Zweitens kann am Ende nahezu jeden Konflikts wegen wirksam gewordener Ungleichheiten in Größe, Ausrüstung, Ausbildung und Organisation der "Truppen" eindeutig nicht nur zwischen Siegern und Besiegten, sondern ebenso auch zwischen (von vornherein) Über- und Unterlegenen unterschieden werden.
 
Diese - allen Konflikten eigene - Asymmetrie wird jedoch solange nicht thematisiert, solange die Unausgewogenheit der Kräfteverhältnisse nicht so offenkundig zu Tage tritt, dass das Handeln des Überlegenen als Akt reiner Willkür erkennbar wird und der besonderen Bemäntelung als "asymmetrischer Auseinandersetzung" bedarf, weil nur dann glaubhaft versichert werden kann, die Wahl der Mittel sei leider vom Gegner aufgezwungen.
 
Asymmetrie ist überall.
Die Frage ist, wie man damit umgeht.
 
In den letzten Wochen fand wieder einmal ein solches asymmetrisches Kräftemessen statt -- und in einem Waffenstillstand ein vorläufiges Ende.
 
Dieses vorläufige Ende - und seine "Gestaltung" wollte ich abwarten, denn Israel steht mit seiner asymmetrischen Auseinandersetzung mit der Hamas im Gaza-Streifen schließlich absolut nicht alleine da, es hat nur den jüngsten Anlass geboten, erneut darüber nachzudenken, warum das Faustrecht, das mit der Gründung der Vereinten Nationen eingedämmt und zurückgedrängt werden sollte, nach wie vor ein sehr relevantes Element für das Zusammenleben der Völker auf diesem Planeten ist.
 
Kann, muss, darf
 
das "Gleichgewicht des Schreckens"
aus der Zeit des Kalten Krieges tatsächlich als positive Alternative zu den
 
"Schrecken der Ungleichgewichte"
angesehen werden? Gibt es wirklich keinen "Dritten Weg" des friedlichen Zusammenlebens? Zum Einstieg in diese Frage habe ich eine knappe Betrachtung einiger relevanter Asymmetrien angestellt:
 
 
Asymmetrie, das Treffen betreffend
 
Um treffen zu können, ist ein Ziel erforderlich.
Zielen hilft beim Treffen, ist aber nicht zwingende Voraussetzung.
 
Pistolenschießen ist olympische Disziplin.
Streubombenwerfen nicht.
Treffer werden hier wie da erzielt.
 
Streubombenwerfer, Cruise-Missile-Starter, Bunkerbrechbombenabwerfer, Artilleristen und selbst Maschinengewehrschützen vollbringen weitaus beachtlichere Leistungen, als der olympische Pistolenschütze, der nie mehr schafft, als ein paar winzige Löcher in einen Pappkarton zu stanzen. Doch nur für diese scheinbar unscheinbare Leistung gibt es die Goldmedaille.
 
Offenbar hält das Internationale Olympische Komitee kleine Löcher in Pappkärtchen für viel anerkennenswerter, als jene großen Löcher, die mit militärischen Mitteln Menschen, Häuser oder ganze Stadtviertel verschwinden lassen.
(...und das, obwohl auch bei Olympia der Amateurstatus abgeschafft worden ist, weil Leistung sich schließlich auch für denjenigen lohnen soll, der als Pistolen-Athlet in langen entbehrungsreichen Jahren die Herstellung kleiner Löcher in Pappkärtchen trainiert hat.)
 
 
Asymmetrie, die Rüstung betreffend
 
Die Beschaffung von Handfeuerwaffen, Panzerfäusten und jenem Raketenspielzeug für Amateure, bei dem die Streuweite in etwa auch der Reichweite entspricht, ist weltweit geächtet und mit Strafe bedroht. Partisanen, Widerstandskämpfer und Terroristen, die sich solche Rüstungsgüter trotzdem beschaffen wollen, werden dies daher unter größter Geheimhaltung auf gefährlichen Schmuggelpfaden, zu Lande, zu Wasser und in engen Schmuggeltunneln bewerkstelligen, weil sie im Falle der Entdeckung zumeist im gleichen Augenblick auch schon verurteilt und hingerichtet sind.
 
Der Handel mit Kampfflugzeugen, Panzern, Minen, Drohnen, richtigen Raketen, Cruise Missiles, Kriegsschiffen und U-Booten ist international üblich und gehört zum Geschäft ehrenwerter Staatsmänner und Industriekapitäne genauso, wie die Einweihung von Schulen und Kindergärten, die Eröffnung von Autobahnteilstücken und die pathetische Rede anlässlich des nationalen Gedenktages für die Gefallenen aller symmetrischen Auseinandersetzungen der Vergangenheit.
 
Niemand, der hoch genug aufgerüstet hat, um den potentiellen Gegner mit überaus abschreckendem, vielfachem Overkillpotential in die Schranken weisen zu können, wird beim weiteren Ausbau seiner Rüstung in die Verlegenheit geraten, des Waffenschmuggels bezichtigt zu werden - und vor Strafaktionen braucht er sich auch nicht zu fürchten.

Unter den Großen und Starken ist völlig normal, was den Kleinen und Schwachen als unterträgliche Missetat angekreidet wird.
 
 
Asymmetrie, die Taktik betreffend
 
In asymmetrischen Auseinandersetzungen steht die reguläre Armee stets vollkommen hilflos und immer wieder vollkommen überrascht einem Feind gegenüber, der sich nicht an die Spielregeln hält, nach denen der Schwächere sich als Ziel gut sichtbar zu präsentieren hat.
Stattdessen wird die Asymmetrie soweit getrieben, dass aus dem Hinterhalt heraus feige Attentate verübt werden, wobei die Attentäter, so sie nicht dabei ums Leben kommen, bemüht sind, schnellstmöglich wieder unterzutauchen.
 
 
Die Gegner hingegen kämpfen ritterlich mit offenem Visier.

Sie schrauben sich mit ihren Flugzeugen in schwindelerregende Höhen und lösen dort Bomben und Raketen aus, bevor sie schnellstmöglich zu ihren Stützpunkten zurückkehren.
Von Schiffen, fernab der Küsten, für den Gegner unerreichbar, feuern sie schwere Granaten und Lenkwaffen, um sich anschließend wieder dem normalen Dienstbetrieb zu widmen.
Unerschrocken steuern sie stählerne Kolosse von höchster Feuerkraft mitten durch die Mauerrestkulissen der sturmreif geschossenen Dörfer und Städte und kehren am Ende einer jeden Dienstfahrt sicher in die Stützpunkte zurück.
 
 
Asymmetrie, die Moral, die Ethik und Menschlichkeit betreffend
 
Asymmetrische Auseinandersetzungen werden nicht begonnen, ausgelöst oder wie jeder normale Krieg erklärt,
 
sondern ausnahmslos aufgezwungen.
(...und zwar ausnahmslos dem Stärkeren!)
 
Den Schwächeren steht dazu eine
Vielzahl vortrefflicher Erzwingungsmittel zur Verfügung.
 
Sie können in den von ihnen beherrschten Massenmedien weltweit Lügen verbreiten.
Sie können - siehe oben - gegen den Willen des Stärkeren heimlich
aufrüsten.
Sie können in öffentlichen Reden ernstzunehmende
Drohungen ausstoßen.
Sie können
Löcher in die Mauern und Zäune sprengen, hinter die man sie gesteckt hat.
Sie können gegen Akte des Stärkeren
demonstrieren.
Sie können auf vermeintliche Rechte
pochen.
Sie können Gewalt gegen Sachen und gegen Menschen ausüben und dies als
Vergeltung für Gewaltakte des Gegners hinstellen.
 
Das alles nimmt der Stärkere gewöhnlich solange geduldig säbelrasselnd hin, bis es ihm zu dumm wird. Dann ist der Konflikt unausweichlich erzwungen. Wer wollte dem bei rechter Würdigung Moral und Menschlichkeit absprechen?
 
Dass die Stärkeren durch ihr Verhalten, nämlich
 
das Verbreiten von Wahrheit in den von ihnen beherrschten Massenmedien,
das ständige, zielgerichtete Aufrüsten,
das Ausstoßen ernstzunehmender Drohungen in öffentlichen Reden,
das Errichten von Mauern, Zäunen, Sperrzonen, Kontrollpunkten,
die Organisation von Demonstrationen gegen die Gräueltaten der Schwächeren,
das Pochen auf vermeintliche - und durch Stärke gesicherte - Rechte und
die Ausübung von Gewalt gegen Menschen und Sachen, die sie als Vergeltung für Gewaltakte des Schwächeren darstellen,
 
maßgeblich zum Ausbruch von Konflikten beitrügen, ist eine Mär.
Durch die Demonstration von Stärke wird der Frieden durch Abschreckung gesichert. Nur wer Schwäche zeigt, ermutigt den Gegner, einen Konflikt zu erzwingen.
 
 
Asymmetrie, den Mantel der Geschichte betreffend
 
Ungleiches zu vergleichen ist unzulässig.
Besonders unzulässig sind Vergleiche, bei denen die Ungleichheit der Vergleichsobjekte so groß ist, dass sie geeignet sind, zu verunglimpfen.
So ist jede asymmetrische Auseinandersetzung einzigartig und unvergleichlich.
So unvergleichlich, dass es müßig wäre, daraus Lehren ziehen zu wollen.
 
Es lebe die Asymmetrie.
 
 
 
Zurück zum Anfang
 
Das Gleichgewicht des Schreckens, das man versuchte, während des Kalten Krieges aufrecht zu erhalten, hat wohl mit dazu beigetragen, die große Auseinandersetzung zwischen den Blöcken zu vermeiden.
 
Gleichheit scheint also dem Frieden nützlicher zu sein, als Ungleichheit.
 
Die hermetische Abschottung der beiden Blöcke während des Kalten Krieges hat dazu geführt, dass Ost und West in ihren jeweiligen Vormachtsgebieten ihre Vorstellungen von der Gestaltung der Gesellschaft frei entwickeln konnten. Man hat sich zwar kritisiert, aber beide Seiten waren in ihren Entscheidungen auf ihrem Territorium frei.
 
Freiheit scheint also dem Frieden nützlicher zu sein, als die Unfreiheit unter fremder Vorherrschaft.
 
Was im Kalten Krieg fehlte, war jenes Maß an Brüderlichkeit, das auch nach heftigem Streit die Versöhnung ermöglicht, das trotz aller unterschiedlichen Strebungen Hilfe und Unterstützung - nicht nur in der Not - sondern ganz selbstverständlich immer dann anbietet und gewährt, wenn einer zurückbleibt, wenn also Gefahr besteht, dass die Gleichheit verloren geht.
 
 
Wenn ein gewaltsam ausgetragener Konflikt die Asymmetrie nicht behebt, sondern verstärkt, weil er die Ungleichheit in den Kräfteverhältnissen und in den Freiheitsgraden der Konfliktparteien vergrößert, dann wächst die Spannung.
 
Das ist egal, sagen die Befürworter, und berufen sich auf die Elektrotechnik:
Spannung (Volt) alleine, und sei sie noch so hoch, bringt außer ein paar kleinen Funken nichts hervor. Wir müssen die Fähigkeiten, die Kraft, die Ressourcen zerschlagen. Erst wenn kein nennenswerter Strom (Ampere) mehr fließt, werden wir wieder ruhig schlafen können.
 
Sie vergessen oder verdrängen, dass jede Spannung nach Entladung strebt.
Sie vergessen oder verdrängen, dass der Hass, den sie säen, die Spannung immer höher treibt - und sie ignorieren vollkommen, dass ein einziger Funke genügt, um ein Pulverfass explodieren zu lassen.
 
Dabei ist das in der Region aufgestellte Pulverfass nicht zu übersehen.
 
Es umfasst - neben Israel und Palästina - auch Ägypten, Syrien, Jordanien, den Libanon, Irak und nicht zuletzt den Iran.
 
 
Vermittlungsbemühungen im Krisengebiet werden nur erfolgreich sein, wenn sie nicht nur auf lange Sicht, sondern vom ersten Augenblick an darauf abzielen, die Störung der Symmetrie von Freiheit und Gleichheit zu beheben und das Heranwachsen von Brüderlichkeit zu unterstützen, statt die bestehende Asymmetrie durch unterschiedlichste Unterstützungsaktionen zementieren zu wollen.

Die Absichten unserer Regierung, Hilfe zur Sicherung der Grenzen zu leisten und mitzuhelfen den Schmuggel zu unterbinden, geben daher einigen Anlass zu skeptischen Fragen.
 
Fragen, die den Fragenden allerdings schnell in Misskredit bringen könnten. Schließlich wird die Symmetrie nach wie vor als die Ordnung der Primitiven ausgegeben.
 
... und wer will sich schon gerne als Primitivling outen?
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Reaktionen auf diesen Paukenschlag

An dieser Stelle werden Leser-Reaktionen in der Reihenfolge des Eingangs (jüngster Beitrag oben) veröffentlicht.
Ich behalte mir dabei Kürzungen vor und veröffentliche Reaktionen zum Schutz der Absender grundsätzlich anonymisiert.
Hallo Herr Kreutzer,

Gruß und Dank an Alexander Czerny, der in seinem Beitrag wunderbar beschrieben hat, wie die "Finanzkrise" aussieht, wenn man mal die Nebelmaschine ausstellt und sich ganz in Ruhe anschaut, was der Fall ist. Kompliment, was Klareres zu diesem Thema habe ich noch nicht gelesen, auch wenn Sie lieber Herr Kreutzer immer wieder sehr nah dran waren;-).
Herzliche Grüße


Guten Tag, Herr Kreutzer,

herzlichen Dank für Ihren Artikel "Asymmetrie" und vor allem auch für den Link zu Alexander Czernys Analyse der momentanen Finanzkrise.

Den Ökonomienobelpreis 2005 erhielt der aus Israel stammende Amerikaner Robert Aumann für spieltheoretische Untersuchungen wirtschaftlichen Handelns.

Vor einigen Tagen las ich ein Interview mit diesem Herrn in der Aachener Zeitung. Bemerkenswerterweise ging dieser ebenfalls von der Voraussetzung aus, dass ein Gleichgewicht (Zitatweise auch das des kalten Krieges) den Gegner davon abhalte, kriegerische Angriffe zu unternehmen. Interessanterweise erkannte er die Assymetrie zwischen Israelis und Palästinensern nicht.

Er argumentierte nämlich etwa so, dass die hamas nur von ihren Raketenangriffen auf Israel abgehalten
werden könne, wenn Israel zeige, wie soeben geschehen, dass es derartige Angriffe doppelt bestrafe. Verbunden damit war die irrwitzige Hoffnung, die Hamas dadurch abschrecken zu können. Er verkannte die bestehende Asymmetrie völlig und ging von einer Symmetrie aus. Es ist erschreckend, dass logisches Denken selbst bei Nobelpreisträgern Glücksache zu sein
scheint.

Mfg


DIE
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