Paukenschlag am Donnerstag
No. 18/2009
vom 7. Mai 2009

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Renter und Milliardäre - die bevorzugten Bevölkerungsgruppen

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Leserbriefe
 
Paukenschläge 2009 (ältere)
1 Steinbrück, Peer
2 Die Würde des Menschen ist nicht mehr ertastbar
3 Asymmetrisches Treiben
4 Wenn Banken baden geh'n - Bad Bank
5 Schuldenbremser
6 Die Liquiditätsblase
7 Abwrackprämie für Bänke
8 Bankenkrisenprotektion
9 Währungskrieg gegen die Eurozone
10 Opel, zum Beispiel
11 Billionen- und Konsonantenverdoppelung
12 Im falschen Film -
Die Krisen-Illusion
13 Wie aber soll eine neue Welt entstehen?
14 Schokohasen - Opium fürs Volk
15 Zwischenhirnwesen
16 System-Relevanz-
Syndrom
17 Komm, lieber Mai, und mache
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Rentner und Milliardäre
die bevorzugten Bevölkerungsgruppen
 
 

"Es kann ja wohl nicht sein, dass in der Krise eine Bevölkerungsgruppe bevorzugt behandelt wird."

Dieser Satz, der auf breite, allgemeine Zustimmung hin formuliert ist, gehört zu der Propaganda-Munition, mit der schon wieder auf die Rentner geschossen wird, bevor die sich überhaupt selbst zu Wort gemeldet haben.

Da wird eine Show abgezogen, deren Dramaturgie sich

  • von der wahlkampfrelevanten Rentenerhöhung im Sommer dieses Jahres, über
  • die wahlkampfrelevanten Zusicherungen von SPD und CDU, diese Erhöhung würde im Jahr 1 nach der Wahl nicht sofort wieder weggestrichen,
  • hin zu der trivialen Erkenntnis erstreckt, dass nur durch die formelgerechte Renten-Leistungs-Kürzung ab 2010 die fest eingeplante Renten-Beitrags-Senkung gewährleistet werden könne,
  • um dann die Rentner mit dem Knüppel
    "Bevorzugte Bevölkerungsgruppe"
    soweit einzuschüchtern, wie es zur Wahrung des Sozialen Friedens erforderlich scheint.
Sehen Sie sich das Filmchen an, das vom ZDF-Morgenmagazin mit großer Raffinesse zusammengeschnitten wurde, um genau diese Botschaft zu transportieren (wobei ich auch annehme, dass man lange gesucht hat, bis auch bei Frau Künast die zum Film passende Aussage gefunden wurde).
Drei Minuten und 11 Sekunden raffinierter Propaganda.
 

 ZDF - Propaganda

Danach lesen Sie hier weiter, zum Abreagieren:

 

Schmierenkomödie!

Wenn es in dieser Republik eine bevorzugte Bevölkerungsgruppe gibt,

dann sind das nicht die Rentner, nicht die Arbeiter und Angestellten, auch nicht die - mit großer Perfidie so genannten - "Besserverdienenden".

Es ist eine ganz andere Bevölkerungsgruppe, eine mikroskopisch kleine Bevölkerungsgruppe, es ist die Gruppe der Superreichen.

Das ManagerMagazin hat ihnen im letzten Jahr ein Spezialheft gewidmet "Die 300 reichsten Deutschen".

Die 300 reichsten Deutschen verfügten zum Zeitpunkt der Recherche des ManagerMagazins über ein geschätztes (anders geht das nicht) Vermögen von rund 470 Milliarden Euro.

In dieser Bevölkerungsgruppe hält man sich Vorstände und Aufsichtsräte, so wie sich kleine Leute Kanarienvögel und Wellensittiche halten, und lässt diese auf der großen Bühne der Aufgeregtheiten als Sündenböcke für Verluste und Stellenabbau, genauso wie für Gewinne und Stellenabbau geradestehen, ja man freut sich sogar darüber, wenn Volk und Politik fordern, die Gehälter dieser Manager zu deckeln und ihre Verantwortung zu erhöhen, denn letztlich steigert auch das nur wieder den Gewinn jener bevorzugten Bevölkerungsgruppe, die in der Öffentlichkeit, von wenigen Ausnahmen abgesehen, weitgehend unbekannt ist.

Vorneweg rangieren in Deutschland die Albrecht Brüder Karl und Theodor. Die Herren von Aldi Süd und Aldi Nord, kommen gemeinsam auf ein Vermögen von annähernd 35 Milliarden Euro.

Weitere deutsche Milliardäre heißten Porsche, Schwarz, Otto, Reimann, Klatten, Würth, Oetker, Hopp, Plattner, Herz, Wobben, Tschira, Schaeffler, Braun, Knauf, Beisheim, Liebherr, Quandt, Finck, Flick, Herz, Haub, Jacobs, Wacker, Oppenheim, Ullmann, Mohn, Kühne, Rethmann, Voith, Bosch, Schmidt-Ruthenbeck, Springer, Kipp, Baus, Schleicher, Broermann, Weisser, Jahr, Bauer, Strüngmann, Engelhorn, Burda, Wirtz, Riegel, Thiele, Happel, Diehl, Benteler, Schörghuber, Pohl, Claas, Leibinger, Stihl, Schwarz-Schütte, Viessmann, Haindl, Holtzbrinck, Bechtolsheim, Bruch, Mann, Engelhorn, Finck jr., Hector, Kärcher, Deichmann, Schlecker, Blickle, Fielmann, Helmig, Loh, Dachser, Wild, Oberwelland, Dohle, Ströher, Großmann, Schickedanz, Weiss, Schaub, Müller, Simon, Schnabel, Unger, Scheid, Scheufele, Hagenmeyer, Wagner, Fuchs, Pohl , Hellmann, Gauselmann, Behr, Roßmann, Holy, Müller, Boquoi, Kohm, Claussen, Roth, Buchmann, Dräxlmaier, Möhrle

und denen folgen dann noch rund 200 Namen mit Vermögen von 350 bis 950 Millionen Euro.

Diese Bevölkerungsgruppe ist extrem bevorzugt.
  • Zu deren Gunsten hat man aufgehört, Steuern auf Vermögen zu erheben,
  • zu deren Gunsten wurde die Erbschaftssteuer reformiert, mit dem Zweck, Unternehmen ohne lästige Erbschaftssteuer zu vererben.
  • Zu deren Gunsten wurde die Abgeltungssteuer auf Kapitalerträge eingeführt, deren Steuersatz von 25% für "gewonnenes Geld" deutlich unter dem Satz von 42 Prozent für "erarbeitetes Geld" liegt, der den sogenannten Besserverdienenden am Ende der Lohnsteuerskala ab 52.552 Euro Jahreseinkommen zugemutet wird.
  • Zu deren Gunsten werden die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung, zur Rente, zur Krankenversicherung gesenkt, gedeckelt, begrenzt und die Arbeitgeberanteile eingefroren, denn was als Arbeitgeberanteil nicht an die Sozialkassen abgeführt werden muss, fließt als Gewinn an die Aktionäre.
  • Zu deren Gunsten wurden die Hartz-Gesetze erlassen, denn was der Staat nicht an die Sozialkassen überweisen muss, dass kann man per Steuergesenk an die Unternehmen und deren Eigentümer durchreichen.
  • Zu deren Gunsten werden Banken gerettet, denn es sind ihre Vermögen, die erhalten werden, wenn der Staat wertlose Schrottpapiere ankauft und dafür Schulden aufnimmt, für deren Zinsen am Ende das ganze Volk in alle Ewigkeit durch mehr Arbeit für weniger Geld aufkommen muss, solange nicht eine hilfreiche Inflation daherkommt.
  • Zu deren Gunsten fährt die EZB eine strikte Anti-Inflations-Politik, denn Inflation vernichtet große Vermögen, Deflation erhöht ihren Wert.
  • Zu deren Gunsten stehen deutsche Soldaten wieder in aller Welt im Einsatz, um den Zugriff auf die Ressourcen zu sichern, von denen sie glauben, sie hätten ein angestammtes Recht darauf (und dabei tun sie nichts anderes, als alle Ressourcen innerhalb kürzester Zeit in Schrott und Müll zu verwandeln und sich goldene Nasen daran zu verdienen).
  • Zu deren Gunsten wird die Abwrackprämie ausgeschüttet, denn es sind ihre Fabriken, die erhalten werden, damit sie trotz der bestehenden Überkapazitäten weiter gut daran verdienen können.
  • Zu deren Gunsten ist Deutschland Exportweltmeister und produziert Exportüberschüsse. Was hat die werteschaffende Bevölkerung denn davon, dass mehr exportiert wird, als importiert wird?
    Absolut nichts. Was über die Grenze in den Export geschickt wird, kann im Inland niemand nutzen - und was nicht importiert wird, kann auch niemand nutzen. Die Differenz ist der pure Gewinn für die Eigentümer der Exportwirtschaft. Was im Inland benötigt wird, wäre auch ohne Exportüberschuss verfügbar - man könnte sogar die Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich reduzieren.
  • Zu deren Gunsten ist Deutschland in den "Standort Deutschland" verwandelt worden,
  • Zu deren Gunsten wurden und werden öffentliche Einrichtungen und Unternehmen privatisiert, oft zu Spottpreisen verhökert,
  • Zu deren Gunsten wird per PPP (Privat-Public-Partnership) die Beteiligung von Privatpersonen an allen staatlichen Aufgaben ermöglicht und vorangetrieben
  • Zu deren Gunsten ist die Schuldenbremse vereinbart und Gesetz geworden, damit der Staat sich künftig aus reinem Geldmangel nicht mehr selbst zu helfen weiß und von den eigenen Gesetzen gezwungen wird, immer noch mehr Aufgaben in die Hände gewinnorientierter Unternehmer zu legen.

Und da stellen sie sich hin, und lassen im ZDF herumlabern, dass man die Rentner in der Krise nicht dadurch bevorzugen dürfe, dass man ihnen in Aussicht stellt, die Renten nächstes Jahr nicht zu kürzen.


Es wäre zum Totlachen,

aber offenbar nimmt die Komik dieser Argumentation schon gar niemand mehr wahr.

Und wenn Georg Schramm in der Anstalt dann losdonnert, und seinem Zorn über die Zustände freien Lauf lässt, dann erntet er Beifall für seine kabarettistische Leistung. Aber wie viele der amüsierten Zuschauer kommen wohl auf die Idee, dass der Mann auf der Bühne nicht der arme Irre ist, für den er sich ausgibt, sondern womöglich nur versucht, ihnen ganz nüchtern, aber voller Zorn, die Wahrheit zu sagen?

Viele können es nicht sein.
Es wird ja immer noch gesendet.

 


Ich füge noch eine Leseprobe an.
Aus Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre, Band IV - Aggressives Eigentum:

Kapitalgesellschaften und ihre Anteilseigner

Die Anteilseigner gestatten dem Vorstand bzw. den Geschäftsführern eines Unternehmens -- unter tatkräftiger Mithilfe der von diesen angestellten und angeleiteten Mitarbeiter -- produktiv tätig zu sein.

Das können die Anteilseigner dem Vorstand ebenso gut auch wieder verwehren, wenn ihnen danach ist. Das Gesetz sieht hier zwar vor, dass die Aktionäre im Rahmen der Hauptversammlung nur sehr begrenzte Möglichkeiten haben, direkten Einfluss auf das Unternehmen zu nehmen, doch die Praxis kennt nicht nur Großaktionäre, die sich mühelos selbst zum Aufsichtsrat wählen können - und es auch tun, die Praxis kennt auch die smarten Harvard-Absolventen, die als Herren von US-Pensionsfonds die Vorstände - auch deutscher Aktiengesellschaften - antanzen ließen und lassen, um ihnen klar zu machen, welche Renditevorstellungen sie hegen - und vermutlich auch, welche Fusionen sie befürworten und welche Ausgliederungen sie erwarten.

Die offizielle Bühne, auf der Hauptversammlungen veranstaltet, Aufsichtsratssitzungen zelebriert und Geschäftsberichte vorgelegt werden, verbirgt dem Publikum mehr, als sie zeigt. Wesentliche Entscheidungen werden hinter den Kulissen getroffen und den Vorständen im kleinen Kreis, ohne Protokollführer, zur Durchführung anempfohlen.

Der Anteilseigner ist Nutznießer der kompletten Organisation des Unternehmens, die ohne ihn ganz genau so, womöglich noch besser arbeiten könnte. Das Unternehmen hätte ohne ihn am Markt bessere Chancen, weil es nicht gezwungen wäre, über entsprechend erhöhte Preise das zu erwirtschaften, was er als seinen Profit ohne jede Gegenleistung aus dem Unternehmen herausziehen will.

Besonders anschaulich lässt sich die Problematik am Beispiel der börsennotierten Aktiengesellschaft darstellen:

Jeder, der ein paar Euro in der Tasche hat, kann sich jederzeit einen Anteil an einem börsennotierten Unternehmen kaufen. Er muss dazu keine Ahnung haben, muss weder wissen, was dieses Unternehmen herstellt, noch wo es sitzt, welche Verfahren genutzt werden oder wie viele Mitarbeiter es beschäftigt. Er legt einen bestimmten Geldbetrag auf den Tisch des Vorbesitzers und ist fortan berechtigt, am Gewinn dieses Unternehmens beteiligt zu werden.

Der kleine Aktienbesitzer wird dabei kein großes Unheil anrichten, die Gefahr geht vom raffinierten, mit allen Wassern gewaschenen Investmentbanker aus, der für sich - oder seine Hintermänner - ganze Aktienpakete erwirbt und dann dafür sorgen muss, dass die Kurse steigen. Schließlich will er die Aktien schnellstmöglich mit Gewinn wieder losschlagen.Was muss er dazu tun? Im Grunde nicht viel. Es genügt, am Markt die Hoffnung zu erwecken, dass dieses Unternehmen in naher Zukunft noch höhere Gewinne abwerfen wird als bisher schon. Das gelingt regelmäßig wenn man sich von möglichst vielen Mitarbeitern trennt und nur diejenigen behält, die man braucht, um das Produkt zu verkaufen. Der Umsatz muss stimmen - und die Kosten müssen runter.

Dass dies immer wieder perfekt funktioniert, ist ein sehr klares Indiz dafür, dass die Vorstände nur als Kutscher fungieren und die Pferde dahin dirigieren, wo die Passagiere ihren Vorteil wittern. Ist das gelungen, wittert die Zunft der Spekulanten ein Geschäft, die Kurse der wenigen noch am Markt befindlichen Aktien steigen, weil sich viele darum reißen, und wenn der Kurs richtig schön oben ist, gehen die Aktien des ausgehöhlten Unternehmens in kleinen Paketen an kleine Anleger, die sich immer noch weitere Kurssteigerungen und hohe Dividenden versprechen. Doch bald stellt sich heraus, dass das Unternehmen in einer Krise ist. Die Produktpalette stimmt nicht mehr, weil an der Entwicklungsabteilung gespart wurde. Die Qualität stimmt nicht mehr, weil die Kontrolleure entlassen wurden. Die Kunden ziehen sich zurück. Der Umsatz bricht ein. Jetzt muss wirklich ein Sanierer ran. Oft ist das schon der Insolvenzverwalter. Der zerlegt das Unternehmen in handliche Stücke, verkauft das, was noch gute Zahlen schreibt an den nächsten gierigen Investmentbanker und macht dicht, was sich nicht mehr lohnt.

Dieses Spiel ist ausschließlich destruktiv. Je mehr sich die Mitarbeiter der betroffenen Unternehmen bemühen, eine gute Leistung abzuliefern, desto eher werden sie Opfer gewissenloser Spekulanten. Je mehr sie sich in die Riemen legen, während das Unternehmen von Kostensenkungsprogrammen heimgesucht wird, desto größer wird die Gier der Anteilseigner, sich einen noch größeren Brocken herauszubeißen, bevor sie die Reste der Beute den Aasgeiern überlassen.

Das geflügelte Wort von den Heuschrecken, die ganze Landstriche kahlfressen, hat weit mehr Berechtigung, als es sich Franz Müntefering hat träumen lassen, als er es in den Mund nahm, um sich für ein paar Tage den Anschein zu geben, er verfolge eine soziale Politik.Und wenn man genau hinsieht, dann stellt man entsetzt fest, dass viele dieser Fressattacken mit geliehenem Geld in reiner Abzockermanier vorfinanziert werden, dass es oft genug die vielgelobten "ausländischen Investoren" sind, die in nichts anderes investieren, als in Anteilsscheine, mit keinem anderen Ziel, als ein Unternehmen nach dem anderen bei lebendigem Leibe auszuwaiden.

Und mittendrin steht der Vorstand - dem nichts übrig bleibt, als den Wünschen und Vorschlägen der Anteilseigner zu folgen, ihre "Politik" umzusetzen, mit nur einem Ziel: Das Vermögen der Anteilseigner - speziell das des jeweils aktuellen Hauptaktionärs - zu mehren.

Die "Kapitalgesellschaft", ursprünglich als Instrument der Gründungs- und Erweiterungsfinanzierung konzipiert, ist zum Spielball internationaler Spekulanten geworden, die Börsen zu Spielcasinos, bei denen es längst nicht mehr um die Ertragskraft von Unternehmen geht, sondern nur noch darum, aus dem Steigen und Fallen der Kurse, spielerisch Gewinne zu realisieren. Wer in Aktien investiert - und dabei Papiere wählt, deren zu erwartende Gewinnausschüttung, bezogen auf den Kurswert ungefähr bei der Verzinsung eines Sparbuches mit gesetzlicher Kündigungsfrist liegt - der ist ein Spekulant, den einzig die Kursentwicklung interessiert -- und der volkswirtschaftliche Nutzen von Spekulanten ist, soweit ich weiß, auch nach vielen Jahren neoliberaler Indoktrination, zumindest noch umstritten.

Dass sich inzwischen ganze Heerscharen von "Finanzdienstleistern" darauf spezialisiert haben, gesunde Unternehmen aufzukaufen und auszuplündern, weil damit - unter Verlust der Lebensfähigkeit des Unternehmes - kurzfristige Profite ermöglicht werden, ist eine, die einfache Spekulation noch übersteigende, Perversion, wie sie vergleichbar nur im illegalen Organhandel zu beobachten ist.

Auch dort kommt es nur auf den Gewinn an, der mit Spenderorganen zu erzielen ist. Das Schicksal der lebenden Spender, die aus nackter Not heraus gezwungen sind, eine Niere oder andere Organe für vergleichsweise lächerliche Beträge zu verkaufen und sich dafür "ausschlachten" lassen, ist dabei nicht von Interesse.

Es ist natürlich wahr, dass eine Reihe von Unternehmen überhaupt nicht anders hätten entstehen können, als durch das Zusammenlegen des freien Kapitals vieler Menschen, um davon erst die notwendigen Investitionen bezahlen und dann die anfänglichen Ausgaben so lange bestreiten zu können, bis das Unternehmen Einnahmen erzielt und einen ersten Gewinn abwirft. Es sieht auf den ersten Blick sogar so aus, als sei nur die Kapitalgesellschaft - und hier speziell die Aktiengesellschaft, überhaupt in der Lage, die wirklich großen Aufgaben unserer Zeit in Angriff zu nehmen - soweit es nicht solche Aufgaben sind, derer der Staat sich annehmen sollte.

Ja. Das ist so. Gar kein Widerspruch. Für die Gründung eines Unternehmens ist die Aktiengesellschaft eine ganz patente Einrichtung. Leider wurden diesem "Gründungsnutzen" inzwischen so viele Neben- und Zusatznutzen aufgepfropft, die nicht mehr dem Unternehmen, sondern nur noch der Spekulation dienen - dass ernsthaft die Frage gestellt werden muss, ob es nicht höchste Zeit ist, das Recht der Kapitalgesellschaften vollkommen neu zu schreiben.

Eigentum an Produktionsmitteln, das losgelöst von jeglicher Verantwortung für angerichtete Schäden nur in Höhe des eingesetzten Kapitals haftet, ist der Auslöser für jene Perversionen des Wirtschaftens, die Bilanzfälschung, Steuerhinterziehung, Umweltzerstörung, Massenentlassungen und Lohnkürzungen hervorbringen, um den Renditezielen von Spekulanten zu genügen, die drohen, den Laden sonst erbarmungslos zu zerschlagen oder dicht zu machen.

Es ist doch nicht zu übersehen, dass es Unternehmer, die sich zum Ziel gesetzt haben, bestehende Bedürfnisse bestmöglich zu befriedigen und vorhandenen Bedarf mit hochwertigen Erzeugnissen und Dienstleistungen zu decken, in unserer Zeit praktisch nicht mehr gibt. Sie wurden verdrängt von den großen Kapitalgesellschaften, deren Anteilseigner ihre Vorstände anhalten, irgendetwas zu unternehmen, Hauptsache, dass es überdurchschnittlich gewinnversprechend erscheint.

Anteilseigner von Kapitalgesellschaften sind die "Großgrundbesitzer" der Industrienationen.

Keiner braucht sie wirklich, und wäre es nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Unternehmensentwicklung erforderlich gewesen, Geld zu investieren, das die Banken, deren Job es gewesen wäre, nicht bereitstellen wollten, es gäbe auch keine.

Mit dem deutschen Mitbestimmungsrecht wurde vor langer Zeit bereits ein wesentlicher Schritt unternommen, um Unternehmen, die eingebunden in einen funktionierenden volkswirtschaftlichen Regelkreis als Arbeitgeber vernünftige Löhne zahlen und sinnvolle Produkte und Leistungen - primär für den Binnenmarkt - erzeugen, vor der zerstörerischen Willkür des eigentümelnden Kapitals zu schützen. Nur ist dieser Schritt nie vollendet worden. Stets behielt das Kapital die letzte entscheidende Stimme - und alles Reden und Argumentieren, alles Bitten und Betteln hat nichts geholfen.

Einigen Kleinkram haben die Betriebsräte und die Arbeitnehmervertreter in den Aufsichträten für die Belegschaften gestalten dürfen - aber im Großen und Ganzen stehen sie bei jeder Auseinandersetzung von vornherein als Verlierer da. Wen wundert es, wenn die Resignation bei dem einen oder anderen Arbeitnehmervertreter dazu geführt hat, dass er sich, des lieben Friedens willen, die beschleunigte Einsicht in seine Ohnmacht vom Kapital vergolden lässt?

Dass man Betriebsräte und Personalverantwortliche dafür vor Gericht zerrt, die wahren Nutznießer aber laufen lässt, ist ein leicht zu durchschauendes Possenspiel, aber keine Lösung.

Der gangbare Ausweg liegt in der Änderung des Rechts der Kapitalgesellschaften.

Die Rechtsnormen für die Gesellschaftsformen GmbH und AG sollten grundlegend geändert werden; beginnend damit, dass jeder Anteilseigner gesamtschuldnerisch für alle Schulden und Haftungsfälle des Unternehmens herangezogen werden kann. Natürlich muss der Anteilseigner im Rückgriff auch die Möglichkeit haben, die tatsächlich Ausführenden (das wäre dann zuerst der Vorstand) in Regress zu nehmen, soweit diesen ein vorsätzliches schuldhaftes Handeln nachgewiesen werden kann. Es ist anzunehmen, dass sich Vorstände ihr Handeln dann nicht mehr im stillen Kämmerlein anempfehlen, sondern explizit von den Anteilseignern beauftragen bzw. genehmigen ließen.

Was ist nun aber mit denjenigen Eigentümern, denen eine solche Haftung zu weit geht? Nun, auch für diese ist eine einfache und befriedigende Lösung denkbar:

Jeder Anteilseigner sollte ganz selbstverständlich seinen Anteil am Unternehmen in ein Darlehen umwandeln können, das mit festgesetzten Zins- und Tilgungsraten über einen festgesetzten Zeitraum (z.B. zehn, oder zwölf Jahre) zur Rückzahlung fällig wird, wobei wiederum alle verbleibenden Anteilseigner mit ihrem gesamten Geschäfts- und Privatvermögen dafür haften, dass diese Darlehen auch tatsächlich zurückgezahlt werden.

Der aus dieser Regelung resultierende, schlagartige Zusammenbruch der Aktienbörsen wäre von der Volkswirtschaft ebenso mühelos zu verkraften, wie die Schließung aller Spielcasinos zu verkraften wäre. Für die Unternehmen selbst erwächst daraus keine Gefahr.

Die produktive Organisation als solche ist, auch wenn das in unserer Gesellschaft insbesondere von den Besitzenden ganz anders gesehen wird, ein schützenswertes Gut.

Insbesondere ist sie vor den negativen Folgen der Ausübung so genannter Eigentümerrechte zu schützen. Mit welcher sachlichen Begründung (juristisch gibt es Begründungen zu Hauf) soll ein Eigentümer, oder die Mehrheit der stimmberechtigten Eigentümer, die Aufgabe eines Unternehmens oder eines Unternehmensteils beschließen dürfen und damit, ganz nebenbei, die Existenzgrundlage der Mitarbeiter vernichten können?

Sind Unternehmer denn gottgleiche Wesen, die das Unternehmen für ihre Schöpfung halten, mit der sie nach Belieben umgehen können, wie Kinder am Strand mit ihren Sandburgen?

Nein, das sind sie nicht.

Und bloße Anteilseigner, die allenfalls den Verlust ihres Einsatzes riskieren, aber für nichts haften, was von "ihrem" Unternehmen angerichtet wird, sind erst recht keine Götter - nur Spekulanten.

Aber solange unsere Rechtsordnung den Einfluss der Spekulanten nicht beschneidet, solange werden Vorstände, denen ihr Job lieb ist, den Interessen der Spekulanten dienen müssen.Sachzwang, nennt man das, glaube ich.


Bei Dr. Wo (Dr. Harald Woszniewski)
findet sich die komplette Liste der 300 Superreichen, einschließlich der Unternehmen, die ihnen gehören - und einschließlich der Stundenlöhne, die man verdienen müsste, um ein solches Vermögen in 40 Berufsjahren aufhäufen zu können.

 http://www.meudalismus.dr-wo.de/html/stundenloehne2008.htm


... und wenn Sie noch einmal jemanden sagen hören, man dürfe keine Bevölkerungsgruppe bevorzugen, dann stimmen Sie ihm darin zu.

Und dann forden Sie ihn auf, die Ernsthaftigkeit seiner Forderung zunächst einmal an den Privilegien der Superreichen zu demonstrieren, bevor er mit der gleichen Begründung Renten kürzen oder Pendlerpauschalen streichen will.

 

Herrschaftszeiten!



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Reaktionen auf diesen Paukenschlag
Sehr geehrter Herr Kreutzer,

Ich bin soeben durch über die Nachdenkseiten auf Ihre Seite gestoßen.

zu Ihrem vortrefflichen Kommentar :
Rentner und Milliardäre,die bevorzugten Bevölkerungsgruppen; könnte man auch die sog. Besitzstandswahrer erwähnen,die von der (Polit)elite immer wieder angeprangert werden.
Gemeint ist damit natürlich das "gemeine" Volk, welches sich seine Löhne, Rente, Pendlerpausch., Sozialhilfe usw. bewahren will, nicht etwa die kleine Gruppe derer,die selbst in der Finanzkrise ihre Pfründe zu sichern, zu mehren suchen.

freundliche Grüße,


Mein Eindruck: Weniger wäre mehr gewesen. So aber kommt mir nur ein schönes, kleines, altes, voll Imbrunst geschmettertes Liedchen in den Sinn: Völker hört die Signale . . . :-))

Sehr geehrter Herr Kreutzer,

mit Freude lese ich, daß Sie langsam so richtig wach werden - ich hoffe übrigens, daß Sie auch genauso wütend bleiben. Dieses Land braucht Ihre laute (wenn auch einsame) Stimme mehr als die Wahlvieh-Stimmen bei den diversen Schlachtbänken dieses Jahr bei dem die dummen Kälber mal wieder ihre Schlächter selber wählen dürfen.

Georg Schramm ist einer der besten Realisten im ZDF und im deutschsprachigen Fernsehen überhaupt und ja, allzuviele lachen nur über seine Witze und eben, genau deshalb darf er vermutlich noch gesendet werden. Nach dem Motto: eh wurscht, wir haben die Sache sowieso gut im Griff.

Abgesehen davon lernt man in der Abteilung Agitation und Propaganda schnell, daß man diverse Witze durchgehen lassen muß - einfach deshalb weil sie wie Ventile wirken und Druck ablassen (wenn man drüber lacht tut's nicht so weh - tut's nicht so weh regt man sich nicht so drüber auf - regt man sich nicht so drüber auf....)


Mit freundlichen und dankbaren Grüßen



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