Paukenschlag am Donnerstag
No. 17/2009
vom 30. April 2009

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Komm, lieber Mai, und mache

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Leserbriefe
 
Paukenschläge 2009 (ältere)
1 Steinbrück, Peer
2 Die Würde des Menschen ist nicht mehr ertastbar
3 Asymmetrisches Treiben
4 Wenn Banken baden geh'n - Bad Bank
5 Schuldenbremser
6 Die Liquiditätsblase
7 Abwrackprämie für Bänke
8 Bankenkrisenprotektion
9 Währungskrieg gegen die Eurozone
10 Opel, zum Beispiel
11 Billionen- und Konsonantenverdoppelung
12 Im falschen Film -
Die Krisen-Illusion
13 Wie aber soll eine neue Welt entstehen?
14 Schokohasen - Opium fürs Volk
15 Zwischenhirnwesen
16 System-Relevanz-
Syndrom
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Komm, lieber Mai, und mache
 
Früher schlugen im Mai wenigstens noch die Bäume aus.
 
Morgen, am 1. Mai 2009, werden die beiden letzten noch nicht vollständig aus der öffentlichen Aufmerksamkeit entfernten Dinosaurier der Arbeiterbewegung, Berthold Huber, das grundlos tiefe und ebenso stille Wasser der IG Metall und Michael Sommer, der wackere Talkshowheld mit dem Nimbus des mild-resignativen Aufbegehrers, vor einigen Tausend Mitgliederinnen und Mitgliedern bestreiten, jemals die Gefahr sozialer Unruhen befürchtet zu haben und stattdessen wonneweiche Teppiche wohlgesetzter Worte ausbreiten.
 
Man sollte überholte Rituale aufgeben, bevor sie ins Peinliche abgleiten.
 
 
Wenden wir uns also mit leichter Schamröte im Gesicht von den Gewerkschaften ab und dem wirklichen Aufreger des nächsten Monats zu.
 
 
Es ist Wahlkampf!
 
Am 7. Juni geht es ums Ganze. Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier des EU-Parlaments mobilisieren die Massen, füllen Säle und Plätze mit kämpferischen Reden. Die einen fordern eine völlig neue Agrarordnung, die anderen tragen ihre Ideen über die Zukunft der europäischen Währung vor, manche wollen für den europaweiten Mindestlohn eintreten. Die Italiener fordern, dass Berlusconi sich jederzeit und uneingeschränkt per Handy in die Debatten des Parlaments einschalten können sollen darf, die Franzosen möchten die Marseillaise zur Europa-Hymne machen, die Deutschen fordern, dass Deutsch an allen Schulen der Union, auch an den deutschen, als zweite Fremdsprache zum Pflichtfach wird ...
 
Vergessen Sie es. Wo nichts ist, greift auch die Persiflage ins Leere.
 
Man sollte überholte Rituale aufgeben, bevor sie ins Peinliche abgleiten.
 
 
 
Wenden wir uns also mit leichter Schamröte im Gesicht von diesem laienhaft gespielten Schaukampf der europäischen Zwergtitaninnen und -titanen ab und einem wirklich heiklen Thema zu.
 
 
Wir haben einen Untersuchungsausschuss

Ein Untersuchungsausschuss, den die große Koalition zwar nicht verhindern konnte, den sie aber nichtsdestowenigertrotz - nach guter parlamentarischer Gepflogenheit - mit acht von elf ordentlichen und acht von elf stellvertretenden Mitgliedern so mehrheitlich dominiert, dass es schon mit dem Teufel (bei mir war Religion eben noch Pflichtfach!) zugehen müsste, wenn die dem Untersuchungsausschuss mögliche Aufklärung das übertreffen sollte, was im Biologieunterricht als Aufklärung bezeichnet wird, wenn das Gleichnis von den Bienchen und den Blümchen bemüht wird.
 
Unser vom Spar- ins HRE-Ministerium gewechselter Finanzprofi, jener Mann, der die Schieflage der ehemaligen BadBank der Hypo-Vereins-Uni-Credito-Italiano-Bank ausgerechnet am Tag nach Ablauf der Haftungsfrist der ehemaligen Mutter erkannte und sodann stracks mit staatlichen Hilfen zur Seite eilte, hat also gute Chancen, noch ein Weilchen im Amt bleiben zu dürfen.
 
Sein Ministerium hat er zum Untersuchungsgegenstand wie folgt Stellung nehmen lassen:
 
Fakt ist:
(Fakt ist - niemand müsste untersuchen, was unbestritten Fakt ist)
Die Rettung und nachhaltige Stabilisierung der Hypo Real Estate war und ist ohne Alternative.
(Die HRE ist weder gerettet, noch nachhaltig stabilisiert - und dass es zu dem, was Steinbrück und Merkel da unternommen haben, keine Alternative gegeben hätte, zeugt von stolzer Beschränktheit im Geiste)
Kein verantwortungsvoller Beobachter stellt dies in Zweifel.
(Voller Verantwortung - wofür? Für die Aktionäre der Uni-Credito-Italiano? Oder für den Amtserhalt des amtierenden Bundesfinanzministers? Nur verantwortungslose Beobachter kommen nicht auf die Idee, die Alternativlosigkeit des staatlichen Handelns in Zweifel zu ziehen.)
Nur so konnte eine gefährliche Zuspitzung der Finanzmarktkrise verhindert werden, mit unverantwortbaren Auswirkungen für unsere Wirtschaft und die Menschen in diesem Land.
(Nur so? Nur so???)
Dies wird der parlamentarische Untersuchungsausschuss zur HRE-Rettung, wenn er die Fakten objektiv analysiert, auch feststellen.
(So wie der Ausschuss besetzt ist, könnte diese Prognose zutreffen.)
In diesem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur HRE-Rettung darf es nicht um politische Agitation gehen, sondern Ziel muss seriöse Information und Aufklärung sein. Darin werden wir den parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur HRE-Rettung konstruktiv unterstützen.
(Mein Gott! Wie selbstlos!)
 
Man sollte überholte Rituale aufgeben, bevor sie ins Peinliche abgleiten.
 
 
 
Wenden wir uns also mit leichter Schamröte im Gesicht von diesem aussichtslosen Unterfangen ab und einem wirklich relevanten Thema zu.
 
 
Die Renten sind sicher

Olaf Scholz übt sich schon jetzt als Wiedergänger des noch putzmunteren Vorvorgängers und verspricht, die Renten würden weder 2010 noch danach gekürzt.
 
Da war uns doch bei Blüm schon das Lachen vergangen.
 
Außerdem hat uns der Parteichef von Scholz, mit der von ihm ganz alleine durchgezogenen Verlängerung der Lebensarbeitszeit auf 67 Jahre, gerade erst gezeigt, wie man Renten wirksam kürzt, ohne sie zu kürzen.
Hinzu kommt, dass die Sozialsysteme, und das pfeifen die Spatzen inzwischen von allen Dächern, im Herbst ohne besondere Anstrengungen bis auf den Grund ihrer Kassen sehen können werden.
 
Da ist es keine große Kunst, vorherzusagen, dass der dann zuständige Finanzminister in aller Unschuld erklären wird, dass eben die Beitragszahler ein Opfer bringen müssen, wenn eine Rentenkürzung tabu sein soll.
Bei der HRE-Rettung, wird er dann wahrheitsgemäß weiter ausführen, sei eine solche staatliche Zurückhaltung nicht möglich gewesen, weil es bei der HRE, wie jedermann weiß, im Gegensatz zu den Sozialkassen gar keine Beitragszahler gäbe - nur Shareholder, und Shareholder wären nun einmal die Leistungsträger, die man nicht vergraulen darf, während sich die Leistungsempfänger, für die Olaf Scholz jetzt sein Versprechen abgibt, sich bisher eher durch Leistungsmissbrauch, als durch Leistungsträgerei hervorgetan hätten.
Wäre doch gelacht, wenn Scholz in der nächsten Legislaturperiode noch an sein Versprechen gebunden wäre. Die Mehrwertsteuer sollte seinerzeit ja auch tabu bleiben...
 
Man sollte überholte Rituale aufgeben, bevor sie ins Peinliche abgleiten.
 
 
Wenden wir uns also mit leichter Schamröte im Gesicht von diesen fragwürdigen Versprechungen ab und dem wirklich wichtigen Thema im Mai zu:
 
 
Eine Diätenerhöhung ist dringend erforderlich
 
Da stellt sich unser HRE-Minister hin, erklärt sowohl der WELT am Sonntag, wie auch den Kinderreportern der WELT-Online, dass er in diesem Jahr mindestens 50 Milliarden neue Schulden machen muss (und das ist so ziemlich die größtmögliche Untertreibung, die man sich in diesem Zusammenhang vorstellen kann), dass aber - ob trotzdem oder deswegen sei dahingestellt - Politiker mehr verdienen müssten. Seine 9.000 Euro netto im Monat seien ihm zu wenig. Wörtlich führte er aus:

"Ich finde, auch Abgeordnete des Bundestages müssten mehr verdienen. Denn dann wäre der Beruf des Politikers auch für Bürger interessant, die woanders viel mehr verdienen können. Zum Beispiel für Medizinprofessoren, Handwerksmeister oder Unternehmer. "
 
Dass er damit implizit auch den Gedanken nähren könnte, auch er sei lediglich das Beste an Finanzminister, was seinerzeit für 9.000 Euro netto zu haben war, ist ihm womöglich gar nicht aufgefallen.
 
Dass sich daran die Frage anschließen muss, ob es denn überhaupt etwas hülfe, ihm das Gehalt zu erhöhen, ist ihm offenbar auch entgangen.
Wenn die Qualität des Stelleninhabers tatsächlich von der Höhe der Bezüge abhängen sollte, dann müsste man die höher dotierte Stelle nämlich neu ausschreiben, statt zu hoffen, mit einem Zuschlag eventuell noch vorhandene Leistungsreserven mobilisieren zu können.
 
Aber die Diätenerhöhung wird kommen - und wenn Steinbrück Gas gibt, kommt sie noch vor der Sommerpause.
 
Tröstlich ist, dass es sich dabei zwar um ein altbekanntes und auch peinliches, aber keineswegs überholtes Ritual handelt.
 
 
Man muss sich deshalb nicht mit Grausen abwenden, man kann noch einen Augenblick in stiller Betrachtung verweilen.
 
Kabarett
 
Neulich, als ich in einem Gespräch begann, mich ganz schrecklich über Peer Steinbrück aufzuregen, meinte mein Gesprächspartner, ich sollte genauer hinschauen und besser hinhören. Dann würde auch ich herausfinden, dass Steinbrück eigentlich kein Politiker , sondern Kabarettist ist. Der coolste Kabarettist der ganzen Regierung sogar - und wenn ich das endlich begriffen hätte, könnte ich getrost aufhören, gespannt darauf zu warten, bis ich alle vier Wochen einmal über die Späße von Urban Priol und Georg Schramm lachen dürfe - ich könnte von da an bei jeder Tagesschau und jeder Heute-Sendung in der Steinbrück auftritt, spontan in befreiende und langanhaltende Lach- und Schreikrämpfe fallen. Selbst Steinbrück-Konserven aus der Mediathek würden ausreichen, die erwünschte Wirkung immer wieder hervorzurufen.
 
Ich habe sofort mit einer Reihe von Experimenten im Selbstversuch begonnen.
Doch die Vorstellung, von einem Kabarettisten regiert zu werden, macht mir bei meinen Versuchen so schwer zu schaffen, dass das wirklich befreiende Lachen immer noch auf sich warten lässt.
 
 
Einen schönen Mai, weit über den ersten hinaus!
 
Egon W. Kreutzer
 
PS
Zum 1. Mai 2009 habe ich übrigens schon einmal einen Artikel geschrieben.
Und zwar am 1. Mai 2003 - als vorausschauenden Rückblick.
Es ist nicht alles so gekommen.
 Hier ist der Link
 

Der EWK-Verlag plant eine Art "best of"-Auswahl aus allen Aufsätzen und Paukenschlägen der Jahre 2003 bis 2009 als Hardcover-Ausgabe herauszubringen. Die Auswahl der besten Aufsätze überlassen wir Ihnen.

 

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Reaktionen auf diesen Paukenschlag

Guten Tag, sehr geehrter Herr Kreutzer...,

...gewiß, ich lache über Herrn Priol und auch über unsere Polit-Steuerungs-Elite. Ich lache nicht weil ich fröhlich bin, sondern weil es mir ohnmächtig ernst ist... so eine Art verhaltenes Wut-Ohnmachts-nicht steuerbares geheimes Aufbegehr-Lachen...

Da bin ich kein Bombenleger, kein links oder rechts einfältiger Radikaler! ...nein, ich suche die Wege der Machbarkeit, der Regelbarkeit und der natürlichen Beständigkeit... ich habe sie noch nicht gefunden!

Ich finde nicht, dass alle Menschen schlecht sind. Die meisten haben einen positiven Handlungsdrang... viele suchen nach Lösungen und stehen vor einem "Berg von alten und neuen Problemen" Die schlimmen Katastrophen werden durch noch schlimmere abgelöst und wieder vergessen. Das ist die manipulierte Regel!

Auch wenn es populistisch klingt. Um etwas zu verändern benötigen wir einfache und verständliche Lösungen. Lösungen müssen mehrheitsfähig sein, nicht überreden sondern innerlich überzeugen. Selbst das Gründen einer neuen "Partei oder Gruppe" die 95% aller guten Ansätze vereint bleibt eine Träumerei.

Was hilft, sind Lösungsvorschläge mit Dokumentencharakter, nachvollziehbar, geschwätzsicher, zukunftstragend, vorteilsbringend für alle, wenig manipulierbar und ehrlich... ich habe da aber nicht sehr viele Projekte!

...nun, denn das würde Spaß machen, Lösungen zu finden und zu publizieren... (wie zB das bedingungslose Grundeinkommen)

Ich finde ihre Texte wirklich sehr gut...

mit freundlichen Grüßen
u
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