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Paukenschläge
2007 |
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Weitere Kommentare |
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Leserbriefe |
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Paukenschläge
2008 (ältere) |
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1
Knut Beck |
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2
Bürgerkriech |
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3
Estate, real estate |
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4 Nur Börsencrash? |
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5
Unsere Freiheit 1 |
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6
Unsere Freiheit 2 |
|
7
Zumwinkel, Klaus |
|
8
Unsere Freiheit 3 |
|
9
Begrüßenswertes Urteil |
|
10 Zur Schandtat
unfähig |
|
11 Feuer frei! |
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12
Die Welle |
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13
Fröhliches Aufsichtsraten |
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14 Über
den Untersch. zwischen Privatisierung |
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15
945 Mrd. US$ Spurlos verschwunden |
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16
Zuvermismus |
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17 Christlich
Soziales Versammeln |
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18
Narrenschiff - Narrenbahn |
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19 Frühjahrsmüdigkeit |
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20
Manneszucht |
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21
Verfassungsgut Kapitalismus |
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22
Protagonisten der Pataphysik |
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23
Straubinger, Max, Sprecher |
|
24 Naomi Klein |
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25
Tswaansig-tswaansig |
|
26
Blitzkrieg, Schweins- galopp, Gesetzgebung |
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27
Nun spart mal schön |
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28
Antides lebt |
|
29 Nine/twenty-eight |
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30
Von allen guten Geistern verlassen |
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31
Nicht einfach zur Flasche greifen |
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32
Sommerliche Erfrischungen |
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33 Toll,
doller., Dollar |
|
34 Der SPD ins
Stammbuch |
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35 Das
Wunder der gekleinten Zahl |
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36
gemeinsam austreten |
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37 fehlt noch |
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38
Stilles Wasser |
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39 Harte
Landung |
|
40 Die Häuser
stehen doch noch |
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40a
Das letzte Aufgebot |
|
41 Ein Garten
voller Böcke |
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42
Die Billionenflut |
|
42a Die Ursache
des akuten Geldmangels |
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43
Ackermanns Liquiditätsvernichtungsplan |
|
44 Mein Gott,
ist das aufregend |
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45
Schwalben im Herbst |
|
46 Eine Welt
- eine Währung? Ein Wahnsinn! |
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47
Wer unter dem Schirm |
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48
Albrecht Müllers Frage |
|
49
Ich zahle, also bin ich |
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50
Wachstum herbeisparen |
|
51 Das machtpolitische
Vakuum |
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Antides |
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Volkszornindex |
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Der aktuelle Wert |
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- Gedanken zum Jahreswechsel
2008 / 2009
-
-
- Wechsel
(Change. Yes, we can.)
-
-
- Mir kommt es vor, als hätte
man alle Nachrichten und Zeitungsmeldungen vor ihrer Verbreitung
vorsorglich dick in Watte gepackt. Mir kommt es vor, als säßen
die Will und der Plasberg mit ihren Gästen hinter dicken
Schallschutzfenstern, wo die Talker lautlos die Lippen bewegen
und die zahlende Schar der Studiogäste aufs verabredete
Zeichen hin die Hände geräuschlos zum Applaus bewegt.
Ich höre nichts Neues mehr. Nur ewig Gleiches, eintönig
aufgeregtes Gerede, wie das ewig gleiche, eintönig-aufgeregte
Plätschern und Gurgeln des Wassers über einem Kiesel
im Bach.
-
- Müde und matt kriechen
die letzten Tage des Jahres 2008 aus dem Kalender. Die Zukunft
wartet auf den ihr gesetzten Erscheinungstermin. Die Gegenwart
schrumpft auf ein Nichts zusammen. Es wird eng.
-
-
- Wechsel
- Wechsel ist ein anderes Wort
für Veränderung. Anders als die "Reform",
die ja, auch wenn das in letzter Zeit so nicht gelungen ist,
eine Veränderung zum Besseren bringen soll, ist der Wechsel
nicht mit einer Wertung verbunden. Nach dem Wechsel ist es anders.
Nur anders.
- Gewechselt wird üblicherweise
das Fluchtfahrzeug, Geld, die Unterwäsche oder die Regierung.
- Der Wechsel ist also die Veränderung.
Das Wechseln ist das Verändern.
-
- Zur Verwechslung
kommt es, wenn man - aus welchen Gründen auch immer - nicht
genau genug zwischen Ähnlichem unterscheidet. Der einfachen
Verwechslung folgt die Täuschung immer dann, wenn ein vorsätzlich
herbeigeführter Irrtum im freiwilligen Tausch mündet,
weil dem Getäuschten Wertloses so präsentiert wird,
dass er es allzu leicht mit Wertvollem verwechselt, so dass er
selbst sich aus dem Tausch einen Vorteil, zumindest einen Nutzen,
verspricht.
Mathematik und Buchführung*) haben die Verwechslung zum
Prinzip erhoben und in Formeln und Regeln gepresst. Gleichung
und Bilanz heißen die Instrumente, mit denen zum Verwechseln
ähnlich Dargestelltes - da mit Hilfe von X, dort mit Hilfe
des Periodensaldos - dem erstaunten Publikum als Gleiches dargestellt
wird.
*) Mathematiker und Buchhalter
mögen mir diese Aussage abseits der reinen Lehre verzeihen...
-
- Doch die Kunst des Verwechselns,
des Gleichsetzens, des Täuschens, ist auch unabhängig
von Mathematik und Buchführung weit verbreitet.
-
-
- Eine der bekanntesten Gleich(setz)ungen
dieser Art lautet
-
-
- Zeit ist Geld.
-
-
- Entkleidet man Zeit und Geld
von allen Attributen, mit denen sie im Alltag erscheinen, nimmt
man der Zeit die Uhren und Kalender, Jahre, Tage, Stunden und
Sekunden, dem Geld die Banknoten und Münzen, die Währungseinheiten,
Wechselkurse und Preise, dann kommt man an den Kern von Zeit
und Geld.
-
- Beide sind ein Ausdruck für
Veränderung. Soweit stimmt die Gleichsetzung, damit beginnt
aber auch die Täuschung über die Unterschiede.
-
- Mit der Zeit
verändern sich die Eigenschaften der Dinge
und ihr Ort im Raum.
Mit dem Geld
verändern sich das Eigentum
und die Freiheit der Menschen.
-
- Obwohl die Zeit viel unerklärlicher
und rätselhafter erscheint als das Geld, ist die Veränderungswirkung
der Zeit den Sinnen leichter zugänglich, als die Veränderungswirkung
des Geldes. Eisen rostet mit der Zeit. Berge türmen sich
mit der Zeit auf und werden mit der Zeit von der Erosion wieder
abgetragen. Das Wasser der Ozeane verdunstet, Wolken ziehen übers
Land, Regen fällt, Bäche und Ströme führen
Wasser in die Ozeane. Menschen setzen Stein auf Stein, errichten
Mauern, Häuser, Straßen - die mit der Zeit wieder
vergehen. Alles Veränderungen, die sich mit zwei einfachen
Begriffen zueinander in Bezug setzen lassen:
-
- Vorher und Nachher
- Aus vorher und
nachher können unendlich lange Ketten gebildet
werden, die sich in Knoten treffen, wieder auseinanderstreben,
neu zusammenlaufen und so die vollständige Geschichte aller
aufeinanderfolgenden und nebeneinander laufenden Veränderungen
erzählen, soweit ein dokumentierender Beobachter in der
Lage ist, sie zu erfassen. Zwischen vorher und nachher liegt
die Zeit.
-
-
- Zeit ist nichts
als eine Bezeichnung
für den Unterschied zwischen zwei Zuständen.
-
-
- Erst dadurch, dass man der Zeit
ein Maß gegeben hat, konnte das Denken in Zeitmengen entstehen
und wiederum daraus wurde es möglich, zeitabhängige
Begriffe wie Geschwindigkeit oder Leistung zu entwickeln. Von
Mittag bis Mittag vergeht ein Tag, von Vollmond bis Vollmond
ein Mond, von Wintersonnwende bis Wintersonnwende ein Jahr. Das
Tagwerk und die Kilowattstunde, der Akkordlohn und die Goldmedaille
im 100 Meter Lauf wären ohne Methoden zur Zeitmessung unmöglich.
Dabei misst man die Zeit, die ja selbst nicht greifbar ist, nur
indirekt. Unterschiedliche und offenbar regelmäßig
wiederkehrende Veränderungen - vom Lauf der Planeten um
die Sonne über die Schwingung von Pendel und Unruh bis zur
Schwingung von Kristallen in den modernen Uhren und den Taktgebern
der Computer - werden beobachtet, gezählt, aufeinander bezogen
und in ein Schema gezwängt. So misst und beziffert man Zeit.
-
- Den unendlich langen Ketten
aus vorher und nachher wird mit der
Zeitmessung ein Raster aus Schwingungen unterlegt. Gleichzeitigkeit
und Parallelität von Geschehnissen und Prozessen werden
dadurch ebenso sichtbar, wie unterschiedliche Geschwindigkeiten
der Veränderung - aber Zeitmessung und Zeitzählung
verhindern, dass die Ketten zum Kreis geschlossen werden könnten.
Kein Nachher kann mehr in ein Vorher münden, jede Periode
ist für sich abgeschlossen und alle Perioden liegen auf
dem gedachten Zeitpfeil, der nur die eine Richtung kennt, die
sich ergibt, weil beständig 1 zu 1 addiert wird.
- Gemessen und gezählt werden
die Schwingungen der Materie, nachdem sie vollendet, also vergangen
sind. Weil unsere Erfahrung keinen konkreten Zweifel an der einigermaßen
kontinuierlichen Fortsetzung der Gleichförmigkeit der Schwingungen
der Materie nahelegt, gehen wir davon aus, dass sich das Zeitraster
der Vergangenheit in schönem Gleichmaß auch in die
Zukunft hinein fortsetzen wird.
- Das Jetzt, als
der Augenblick des Lebens, als der einzig mögliche Moment,
in dem tatsächlich Veränderung stattfindet, haben wir
in dieser Betrachtung zu völliger Bedeutungslosigkeit schrumpfen
lassen. Vier oder fünf Milliarden Jahre Vergangenheit glauben
wir, hätte unser Universum gesehen, und eine schier unendlich
erscheinende Ewigkeit an noch bevorstehender Zukunft erwarten
wir. Unvorstellbare Zeitmengen, viel zu groß, als dass
die in Milli-, Mikro- und Nanosekunden zerlegte Gegenwart daneben
noch bestehen könnte. Sie geht bedeutungslos im Meer der
gemessenen und noch zu messenden Zeit unter.
-
- So hat die Zeitmessung die
Gegenwart entwertet.
-
-
- Statt die Gegenwart aktiv zu
leben und das in uns angelegte Veränderungspotential einzusetzen,
nutzen wir unsere Gegenwart einerseits dazu, unser zukünftiges
Handlungspotential durch Vor-her-sicht zu beschränken und
uns dann darüber zu beklagen, dass wir nach versäumter
Tat das Nachsehen haben.
Wer nach intensiv durchgeplantem Urlaub beim Betrachten des Urlaubsvideos
staunend feststellt, wie schön der Urlaubsort war, hat seinen
Urlaub planmäßig verbracht - nicht erlebt. Doch diese
Haltung muss inzwischen fast als normal gelten. Eine Geburtstags-
oder Hochzeitsfeier, die nicht vollständig durchgeplant
ist, bei der die Gäste nicht von Anfang bis Ausklang beschäftigt
und unterhalten werden und ihnen mit allerlei Kurzweil die Zeit
vertrieben wird, gilt von vornherein als misslungen. Eine bis
auf den letzten Handgriff vorbestimmte Erwerbsarbeit wird als
angenehm empfunden, weil die Ausführung einer fremdbestimmten
Tätigkeit der Sorge enthebt, womöglich der eigenen
Gegenwart ziel- und hilflos gegenüberzustehen, die sich
bietenden Chancen für Veränderung weder zu erkennen,
noch zu nutzen und daher am Ende für das eigene Leben selbst
verantwortlich und an Versäumtem selbst schuld zu sein.
-
- So wird Freizeit für viele
zur zermürbenden Leere, in der mit mehr oder minder exclusiven
Vergnügungen immer mehr Gegenwart mit dem Konsum zeitloser
Konserven vertrieben wird. Manche ziehen von Festspielort zu
Festspielort, andere von Disco zu Disco, die meisten zappen allerdings
mangels Vermögen nur von Fernsehprogramm zu Fernsehprogramm.
-
- Die Zeit wird mit der Betrachtung
bereits vollzogener Veränderung verbracht.
-
- So vergeht das Leben.
Vorher gezeugt, nachher tot.
Wenig dazwischen -
-
- - und rückwärts
geht nicht.
-
-
- Die moderne Physik ist in ihrem
Welterklärungsmodell zu der Erkenntnis gelangt, dass der
Unterschied zwischen zwei Zuständen auf der Ebene der Elementarteilchen
mit unseren klassischen Vorstellungen von Zeit nicht in Einklang
gebracht werden kann. Die Quantenmechanik kann von ihren Quanten
nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob, beziehungsweise wann, sie
Teilchen oder Welle sind, auch nicht, wo sie sich gerade befinden;
all das lässt sich nur noch mit gewissen Wahrscheinlichkeiten
annehmen. Letztlich scheint es den Elementarteilchen möglich
zu sein, die scheinbar unumstößliche Abfolge von vorher
und nachher zu durchbrechen, denn manche Experimente
weisen deutlich darauf hin, dass Teilchen am Zielpunkt beobachtet
werden können, bevor sie den Ausgangspunkt verlassen oder
überhaupt erreicht haben. Gekrönt werden diese Erkenntnisse
von der begründeten und ernstzunehmenden Vermutung, dass
die Erwartung des Beobachters maßgeblich darüber entscheidet,
was das Teilchen den Beobachter beobachten lässt.
-
- Wechsel, Change, Veränderung
ist also offenbar möglich, ohne dass ein Zeit beanspruchender
Veränderungsprozess durchlaufen werden muss.
-
- Möglicherweise ist genau
das das eigentliche Wesen der Zeit. Eine ausdehnungslose Gegenwart
voller Veränderungspotential, die als Übergang zwischen
dem Vorher und dem Nachher steht.
-
- Und weil die ganze Welt - und
vermutlich das komplette Universum - aus nichts als Elementarteilchen
besteht, die unserem Verständnis von Zeit als einer unumkehrbaren
Abfolge von Zuständen in Zeit und Raum vollständig
widersprechen, könnte es sein, dass wir eine Reihe von Annahmen
über die makroskopische Welt ebenfalls in Frage stellen
müssen.
-
-
- Eine dieser Annahmen lautet
zweifellos:
-
- Seit dem Urknall hat sich eine
unheimliche Menge "Gegenwart" in Vergangenheit verwandelt.
Die Vergangenheit wächst also ständig, dehnt sich jede
Sekunde um eine Sekunde, jedes Jahr um ein Jahr, jedes Jahrtausend
um tausend Jahre aus.
Stattdessen wird man annehmen müssen, dass eine hinter uns
liegende Vergangenheit, als ein noch existenter und theoretisch
per Zeitreise besuchbarer Abschnitt von Veränderungen gar
nicht existieren kann.
Vergangenheit ist lediglich Erinnnerung, die uns in der Gegenwart
bewusst wird. Wobei unser Wahrnehmungs- und Bewusstseinsapparat,
weil seine biologische Basis ihn etwas träge reagieren lässt,
notgedrungen ein eigenes Abbild von "Gegenwart" schafft,
das uns einen kleinen, sehr engen, aber keineswegs scharf umrissenen
Zeitraum von wenigen Sekunden als Gegenwart vorspiegelt.
-
- Unser Wissen um die Vergangenheit
ist auf die in der Gegenwart noch existenten Spuren des Vorherigen
beschränkt. Erhaltene Spuren - ob im menschlichen Gehirn,
auf Filmspulen oder als Bearbeitungsmerkmale an Steinen - sind
das Einzige, was von der Vergangenheit bleibt.
-
- Die Welt von vorhin existiert
schon jetzt nicht mehr.
-
- Die Vergangenheit hat keinen
eigenen Ort, keine eigene Ausdehnung - und schon gar kein eigenes
Veränderungspotential. Die Zeit funktioniert nicht wie eine
Sanduhr. Es gibt kein Potential Zukunft, das in
kleinen Körnchen durch das Nadelöhr Gegenwart
rinnt, um sich dann im Lager der Vergangenheit
aufzuhäufen.
Es gibt immer nur die Sanduhr als Ganzes. Sie ist in ihrem jeweiligen
Zustand als Ganzes Gegenwart und unterliegt in dieser Gegenwart
der Veränderung.
- Und wie die Sanduhr existieren
auch wir immer nur in diesem einen Augenblick, der uns als kleinste,
mit unseren Sinnen wahrnehmbare Veränderungsspanne als "Gegenwart"
zugänglich ist.
-
- Der Rest ist Illusion. Nur
Erinnerung.
-
- Diese Erinnerung jedoch ist
nicht nur lückenhaft, und bis zur Unkenntlichkeit komprimiert
sie ist oft auch verfälscht. So wie Spuren an alten Steinen
falsch gedeutet werden können, deutet auch unser Gegenwartsbewusstsein
die Inhalte unserer Gehirnwindungen immer wieder anders, immer
wieder neu. In Wahrheit erinnern wir uns gar nicht an unser Leben,
sondern unsere Erinnerung ist nur die Vorstellung, die sich unser
Bewusstsein gegenwärtig von dem macht, was wir als unsere
persönliche Vergangenheit ansehen.
-
-
- Was bleibt nun übrig,
von der Gleichung
Zeit ist Geld?
-
-
- Stimmt es, dass auch Geld nur
ein Synonym für Veränderung ist? Ist es richtig, dass
Geld Eigentum und Freiheit der Menschen verändert?
- Vielleicht muss man sich klarmachen,
dass Geld, also das bedruckte Banknotenpapier, die Ziffern auf
dem Kontoauszug, ihren Wert nur dadurch erhalten, dass sie ein
gewisses Veränderungspotential darstellen. Geld kann den
Einkauf oder Leihgebühren bezahlen und damit Eigentumsverhältnisse
oder Nutzungsrechte verändern. Geldbesitz stellt ein Potential
dar, das in die Lage versetzt, Geld ausgeben zu können.
-
- Aber erst das ausgegebene
Geld verschafft den von Gelderwerb und Geldbesitz erhofften Nutzen.
-
- Geldvermehrung, der nicht ein
vermehrtes Geldausgeben folgt, ist ein törichtes Unterfangen.
Niemand bäckt ein Brot nach dem anderen, nur um viel Brot
zu besitzen.
- So wie die Zeit zwischen vorher
und nachher in der Gegenwart Veränderungen bewirkt, so steht
das Geld, als wirksame Veränderungskraft, zwischen Schuld
und Guthaben.
-
- Geld ist nichts
als eine Bezeichnung
für die Veränderung von Guthaben und Schulden.
-
- Wächst ein Guthaben, so
verzehrt es dafür Geld, schrumpft ein Guthaben, so wird
dabei Geld freigesetzt. Mit den Schulden verhält es sich
sinngemäß. Wächst die Schuld, so wird Geld freigesetzt,
schwindet die Schuld, schwindet auch das Geld.
Die Betrachtung der Zeit lehrt uns, dass Veränderung nur
in der Gegenwart vollzogen werden kann. Folglich ist auch das
Geld, als Liquidität und unmittelbar veränderungswirksames
Zahlungsmittel, an die Gegenwart gebunden.
-
- Ein wesentlicher Unterschied
zwischen Geld und Zeit liegt darin, dass die Einteilung der Zeit
in Maßeinheiten anhand relativ präzise definierter,
wiederkehrender Veränderungen vorgenommen wird, was beim
Geld absolut nicht der Fall ist. Die für das Geld verwendeten
Maßeinheiten tragen größte Ungewissheiten in
sich. Es ist nicht gelungen, dem Geld ein beständiges Maß
zu geben. Man nutzt im Umgang mit Geld Einheiten, denen jegliche
Definition fehlt. Niemand kann Auskunft darüber geben, woran
sich ein Dollar bemisst, wie sich ein Euro definiert, was dagegen
ein Yen ist.
-
- Der Geldwert spiegelt sich
lediglich in Preisen.
Preise sind zwar zum Teil von der verfügbaren Menge nachfragenden
Geldes abhängig, viel mehr aber werden sie von psychologischen
Faktoren, von Wissen und Bildung der Käufer und Verkäufer,
von den charakterlichen Eigenschaften der handelnden Personen,
vor allem aber von den Machtpositionen der Beteiligten bestimmt.
-
- Ein realer, messbarer und
dokumentierbarer Wert, der allem Geld der gleichen Währung
zu einem beliebigen Zeitpunkt zugemessen werden könnte,
existiert nicht.
-
- Der Wert des Geldes wird letztlich
in jeder einzelnen Transaktion zwischen den Beteiligten - unter
Ausnutzung ihrer Machtpositionen - frei festgelegt.
Der Benzinpreis schwankt nicht nur an jeder Tankstelle im Verlauf
der Zeit, er ist zur gleichen Zeit auch von Tankstelle zu Tankstelle
verschieden.
- Nur in dem Augenblick, in dem
ein konkreter Kauf bezahlt, eine konkrete Arbeit entlohnt, ein
konkretes Recht gewährt wird, steht dem dafür aufgewendeten
Geld ein konkreter Wert gegenüber, der jedoch nur in diesem
Moment der Gegenwart gilt. Der Empfänger des Geldes wird
den Wert dieses Geldes bei der nächsten Transaktion mit
dem nächsten Anbieter neu vereinbaren müssen.
-
- Geld und Zeit treffen sich
also ausschließlich in der Gegenwart - und immer nur an
einem einzigen Punkt.
-
- Guthaben und Schulden, seien
sie nun lächerlich gering oder irrsinnig hoch, sind keine
realen Vorteile oder Belastungen, die aus der Vergangenheit in
die Gegenwart und in die Zukunft transportiert werden könnten.
Es sind lediglich Erinnerungen, Spuren, die wir verständig
lesen, überrascht bestaunen oder belustigt zur Kenntnis
nehmen können. Es liegt einzig in der Macht der Gegenwart
und der gegenwärtig agierenden Menschen, wie sie diese Spuren
deuten, welche Schlüsse sie daraus ziehen und wie sie ihr
Handeln davon beeinflussen lassen wollen.
-
- So wie ein verheerender Meteoriteneinschlag
urplötzlich alle Schulden tilgen und alle Guthaben löschen
würde, sind auch Menschen in der Lage, mit einem einzigen
Federstrich alle Schulden zu tilgen, alle Guthaben zu löschen.
- Im kleinen Maßstab kommt
das in der Realität immer wieder vor:
bei der Privatinsolvenz zum Beispiel, oder beim Schuldenerlass
für ein ganzes Entwicklungsland.
Es sind immer nur die gegenwärtig wirkenden Beharrungs-
und Veränderungskräfte, die über den Wert von
Guthaben, über die Last von Schulden, über die Kaufkraft
des Geldes entscheiden.
-
- Doch haben Jahrzehnte und Jahrhunderte
der Anhäufung von Besitztümern und Guthaben auf der
einen Seite, und eine rein mathematisch tatsächlich ins
Unendliche ragende Last an Zins und Zinseszins auf der anderen
Seite dazu geführt, dass die kleine, in der Gegenwart verfügbare
Geldmenge daneben verblasst und allen, die nicht als große
Gläubiger dastehen, ein Gefühl von ewiger Ohnmacht
und Knechtschaft vermittelt.
Das Jetzt, als der Augenblick des Lebens, als der
Moment, in dem die Veränderung - die Bezahlung mit Geld
- stattfinden sollte, schrumpft in dieser Betrachtung zu weitgehender
Bedeutungslosigkeit.
-
- So hat die Zeitmessung nicht
nur die Gegenwart,
sondern auch das Geld entwertet.
-
- Menschen, die mit Guthaben und
Forderungen umgehen, sind mehr damit beschäftigt, die Verwendung
zukünftigen Reichtums zu planen oder über die Möglichkeiten
nachzusinnen, wie das für Zins und Tilgung erforderliche
Geld auch in Jahren noch sicher zu beschaffen sein könnte,
als sich in ihrer Gegenwart ihr gegenwärtiges Handeln bewusst
zu machen und die Veränderungskraft des Gegenwartsgeldes
zu nutzen.
- Zwischen dem Abschluss der Kapitallebensversicherung
und ihrer Auszahlung liegen zwanzig, dreißig oder noch
mehr Jahre des - oft entbehrungsreichen - Ansparens. Und wenn
am Ende die vereinbarte Summe samt Überschuss- und Gewinnanteilen
ausbezahlt wird, können sich viele gar nicht mehr vorstellen,
wie ihnen die Summe von 50.000 DM, die jetzt mit 25.000 Euro
ausbezahlt werden soll, vor zwanzig oder dreißig Jahren
so gewaltig erscheinen konnte, dass sie glaubten, sich damit
einen langen Lebensabend finanzieren zu können.
-
- Geld hat einen konkreten Wert
eben immer nur, wenn es in der Gegenwart zum Bezahlen verwendet
wird.
-
- So vergeht das Geld.
Vorher gespart,
nachher nichts wert -
- rückwärts geht nicht.
-
-
- Womit wir wieder an einen Punkt
gelangen, an dem sich Geld und Zeit sehr ähnlich sind. So
wie sich Elementarteilchen der Abfolge des vorher
und nachher entziehen und in einem diffusen Sowohl-als-auch
die Gegenwart verbringen, bewirkt auch die moderne Geldwirtschaft
auf der elementaren Ebene der Kreditvergabe Zustandsveränderungen,
die mit unseren herkömmlichen Vorstellungen von Geld nicht
mehr in Einklang gebracht werden können.
-
- Geld ist nicht einfach da.
- Geld entsteht - und es vergeht
wieder. Es scheint, dass auch dem Geld das Sowohl-als-auch,
die Gleichzeitigkeit von Guthaben und Schuld, möglich ist.
Hinzu kommt die Tatsache, dass Geld in der Lage ist, die scheinbar
unumstößliche Abfolge von vorher und
nachher zu durchbrechen. So wie das Elementarteilchen
schon am Ziel beobachtet werden kann, bevor es am Start auftauchte,
kann der Verkäufer einer Ware das Geld des Käufers
bereits erhalten, bevor dieser es besessen hat.
- Zuletzt gilt auch für das
Geld die durch allerlei Indizien begründete, ernsthafte
Vermutung, dass allein der Standpunkt des Beobachters darüber
entscheidet, als was das Geld sich dem Beobachter zu erkennen
gibt. Der eine erwartet Geld und sieht Geld; der andere erwartet
und beobachtet Kapital, ein dritter wiederum beobachtet ein Fluktuieren
zwischen Schuld und Forderung. Das gleiche Quantum Geld kann
also offenbar gleichzeitig unterschiedliche Eigenschaften haben,
die nicht in einer zeitlichen Abfolge nacheinander auftreten,
sondern ausschließlich vom Standpunkt des Beobachters abhängen.
-
- Und weil die ganze Wirtschaft
von nichts als Geld angetrieben wird, einem System, in dem unser
Verständnis von Soll und Haben auf eine harte Probe gestellt
wird, bis wir erkennen, dass Soll und Haben sich auch zur Null
ergänzen können, könnte es sein, dass wir eine
Reihe von Annahmen der Volks- und der Betriebswirtschaftslehre
in Frage stellen müssen.
-
- Eine dieser Annahmen lautet
zweifellos:
- Mit dem Urknall ist neben Materie
und Antimaterie auch Geld und Antigeld entstanden. In den ersten
Milliardstel-Sekunden nach dem Urknall haben sich Materie und
Antimaterie bis auf eine kleine, seither unveränderte Menge
Materie gegenseitig eliminiert - und auch Geld und Antigeld haben
bei ihrem Zusammenprall eine gewisse Menge Geldes hinterlassen,
die seitdem unveränderlich ist, aber permanent, mal schneller,
mal langsamer, den Besitzer wechselt.
Eine Annahme, in der jegliches Wachstum der geldgestützten
Transaktionen eine Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit erfordert,
weil die Geldmenge als solche im Rang einer Naturkonstante steht,
die einem einmaligen, unwiederholbaren Schöpfungsprozess
entsprungen ist.
-
- Stattdessen wird man nun annehmen
müssen, dass Geld keineswegs beim Urknall in die Welt gekommen
ist, sondern erst sehr, sehr, sehr viel später.
- Doch gleichzeitig wird sich
bestätigen, dass die Entstehung des Geldes der Entstehung
des Universums nach der Urknalltheorie auf's Haar genau entspricht.
-
- Zuerst ist gar nichts.
Nicht nur leerer Raum, sondern gar kein Raum.
Ein ausdehnungsloser Punkt steht am Anfang.
-
- Dann tritt der gottgleiche Banker
auf - oder der Urknall, je nach Standpunkt des Beobachters -
und aus einem einfachen Willensakt entstehen Geld und Antigeld.
Guthaben und Schuld.
- Da der gottgleiche Banker dieses
Spiel für sich alleine spielt, lösen sich Guthaben
und Schuld bald vollkommen rückstandslos wieder auf, wie
Materie und Antimaterie sich gegenseitig wieder zu nichts auflösen,
wenn sie nicht sorgfältig voneinander getrennt werden. Keine
Spur bleibt davon zurück.
-
- Anders der Versucher. Er beherrscht
das Spiel genauso wie der gottgleiche Banker, doch spielt er
nicht gerne alleine. Er tritt er an die Menschen heran, verspricht
ihnen die sofortige Erfüllung aller Wünsche, hält
das Versprechen auch, für jedermann werbewirksam sichtbar,
und verlangt nur eine winzigkleine Gegenleistung:
Alle, die Geld von ihm nehmen, müssen ihm unterschreiben,
dass sie irgendwann, zu festgesetztem Zeitpunkt in ferner Zukunft,
bereit sein werden, das im Tresor verwahrte Antigeld, ihre Schuld,
wieder zu vernichten, indem sie mit gleicher Münze zurückzahlen
was sie erhalten haben - und den Zins, als einen kleinen Lohn
dazu.
-
- Woher der kleine Lohn kommen
soll?
- Ach was. Noch lange hin! Kommt
Zeit, kommt Rat. Das Nichts, aus dem das Geld entsteht, ist unerschöpflich.
Wird sich schon einer finden, der sich's leiht. Dem musst du
es dann abgewinnen. Mit Fleiß und Geschick, mit List und
Betrug, mit Raub und Mord - das liegt bei dir, ganz nach Belieben,
da redet dir niemand drein.
-
- So verkauft der Schuldner
sein Leben an den Gläubiger.
Man könnte es auch Seele nennen, als Gläubiger.
-
- Kaum hat der Schuldner seine
Wünsche mit dem ihm überlassenen Geld erfüllt,
schon ist sein Leben eingeengt von der und manchmal
auch auf die Notwendigkeit, Jahr für Jahr
das Geld für die Zinsen und zum Ende des Vertrags die geschuldete
Summe selbst wieder herbeizuschaffen.
-
- Es ist ein Trick. Eine Illusion.
-
- Doch sie ist dicht gewoben,
diese Illusion, dichter als des Kaisers neue Kleider.
Selbst dem kleinen und noch unverdorb'nen Kinde erscheint das
Geld real, wo's doch so fröhlich im irdenen Sparschwein
klappert und klimpert.
-
- Dennoch ist es eine Illusion,
zu glauben, es gäbe eine kontinuierliche Existenz des Geldes,
die aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft
ragt. Geld funktioniert nicht wie eine umgedrehte Sanduhr. Es
sieht nur so aus, als gäbe es ein Potential des in der Vergangenheit
angesammelten Geldes, das ständig in kleinen Kreditbeträgen
durch das Nadelöhr Gegenwart gepresst wird, um sich im Lager
der Zukunft als vorausgeschickte Wegzehrung aufzuhäufen.
-
- Geld ist ein Phänomen
der Gegenwart.
-
- Doch so, wie sich mit der Zeit
die Eigenschaften der Dinge und ihr Ort im Raum verändern,
so verändern sich mit dem Geld das Eigentum und die Freiheit
der Menschen.
-
- Freiheit
-
- Wenn alle Menschen gleich sind
und gleiche Rechte haben, dann sollten auch alle lebenden Menschen
in ihrer Gegenwart den Veränderungsprozess aktiv und nach
ihrem Willen mitgestalten können.
-
- Die Realität enttäuscht.
- Die einen wollen und verändern
viel.
Die anderen wollen ebenso. Doch fehlt ihnen die Freiheit zur
Tat.
Viele kompensieren den Mangel an Freiheit mit der Wunschlosigkeit
ihrer Resignation oder mit der Hoffnung auf ein ewiges Leben
im Paradies.
-
- Eines muss den Überlegungen
zur Freiheit als selbstverständlich vorausgeschickt werden:
-
- Je mehr Menschen den Planeten
bevölkern, desto kleiner das Maß an Freiheit, das
der Einzelne für sich in Anspruch nehmen darf, wenn alle
Menschen gleich sein und ihnen das gleich Maß selbstverantwortlichen
Handelns innerhalb der Grenzen eines allgemein akzeptierten,
persönlichen Freiraums zugestanden sein soll.
-
- Doch lässt sich auch dies
nur realisieren, wenn dem handlungswilligen Menschen dieser persönliche
Freiraum tatsächlich zugestanden wird. Wie sieht es damit
aus?
-
- Robinson, der aufgrund eines Schiffbruchs zum Bewohner
einer einsamen Insel vor der Mündung des Orinoko wurde,
hatte als persönlichen Freiraum die gesamte Insel samt allen
Pflanzen und Tieren für sich, sowie das Material und die
Gerätschaften, die er vom Wrack seines Schiffes noch bergen
konnte, bevor es die See endgültig verschlang.
- Er war frei, auf diesem Eiland
zu tun und zu lassen was er wollte. So sehr ihm seine Lage auch
missfiel, so sehr er sich nach menschlicher Gesellschaft sehnte
und sich in seiner Einsamkeit wie im Kerker fühlte, stand
ihm doch die wesentlichste Voraussetzung für die Wahrnehmung
seiner Freiheit zur Verfügung, nämlich ein ordentliches
Stück Grund und Boden, eine ganze Insel, die er alleine
bewohnen, bearbeiten und bebauen durfte, wie er es für richtig
und nützlich hielt.
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- Wir leben in einem Land,
in dem die bloße Existenz jedes einzelnen Menschen nur
durch regelmäßige "Gebührenzahlung"
gesichert werden kann.
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- Selbst Robinson müsste,
läge seine Insel in Deutschland, dafür mindestens Grundsteuer
entrichten. Er wäre zudem gezwungen, eine Krankenversicherung
abzuschließen. Seine Möglichkeiten, die Insel zu bearbeiten
und zu bebauen wären durch das gültige Baurecht, und
kostenpflichtige Genehmigungsverfahren, durch Naturschutzbestimmungen
und unter anderem auch durch die Kleinfeuerungsanlagenverordnung
beschränkt, wobei letztere ihn auch zwingen würde,
regelmäßig einen Kaminkehrer auf die Insel zu holen,
der den ordnungsgemäßen Zustand von Herd und Schornstein
sowie die zulässige CO²-Menge im Rauchgas gegen Gebührenrechnung
kontrolliert und bestätigt.
Vermutlich müsste er seine Insel auch für eine Weile
zur Ableistung des Wehr- oder Ersatzdienstes verlassen. Die GEZ
würde alljährlich einmal anfragen, ob er denn immer
noch kein Rundfunk- oder Fernsehgerät anzumelden hätte
und mit martialischen Strafen drohen, sollte er beim Schwarzsehen
erwischt werden.
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- Ein ganz normaler Sterblicher
hierzulande,
Arbeitnehmer mit mittlerem Einkommen, verheiratet, ein Kind,
kann sich keine Insel leisten - er wohnt, mit seiner Familie,
zur Miete. Daran verdient ein Haus- und Grundbesitzer, und wenn
nicht der, dann dessen Bank.
Ein ganz normaler Sterblicher hierzulande, dem kein Grundstück
zur Verfügung steht, kann weder Kartoffeln noch Getreide
anpflanzen, er kann in seiner 3-Zimmer-Küche-Bad-Bleibe
auch kein Rind oder Schwein halten - und wenn er es versuchte,
würde ihm gekündigt. Also kauft er, was er zum Leben
braucht ein.
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- Die Befriedigung des Bedarfs
an lebensnotwendiger Nahrung wird von der Wirtschaft zur Quelle
unvermeidlicher Gewinne, für den Staat zur Quelle unvermeidlicher
Steuern. Wer Aldi, Lidl, Schlecker, Karstadt, Quelle, Neckermann
- und wie sie alle heißen - nicht an seinem Überleben
verdienen lassen will, wer dem Finanzminister nicht mindestens
7% seines notwendigsten Bedarfs an Lebensmitteln zukommen lassen
will, muss verhungern, oder sein Leben von Mundraub zu Mundraub
fristen.
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- Dass Menschen essen und trinken
müssen, dass sie sich waschen und kämmen wollen, dass
sie Kleidung und Schuhe, Schrank, Tisch und Bett brauchen, zwingt
die Heerscharen der normalsterblichen Arbeitnehmer dazu, einen
großen Teil ihrer Zeit damit zu verbringen, für den
Gewinn von Vermietern und Lieferanten zu sorgen. Von ihren Wohnungen
dürfen sie sich selten weit und nie für lange Zeit
entfernen, denn der Arbeitsvertrag zwingt dazu, sich an fünf
Tagen in der Woche pünktlich am Arbeitsplatz einzufinden.
Außerdem setzt der - nach Abzug aller notwendigen Kosten
verbleibende - Rest des Lohnes enge Grenzen für die Freizügigkeit
des Reisens. Meistens reicht es gerade einmal für drei Wochen
Pauschalreise im Sommer. Bei vielen nicht einmal mehr dafür.
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- Politiker nennen diese Menschen
gerne unsere "Leistungsträger" und versprechen,
sich für diese besonders einzusetzen.
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- Dabei genießen diese Leistungsträger
genau jenes Maß an Freiheit, dass denjenigen "Menschen
im Lande", die für die Gewinnerzielung der Eigentümer
der Wirtschaft nützlich sind, zugestanden wird, damit sie
friedlich bleiben.
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- Was der Staat an Überwachungssystemen
betreibt, um in groben Rastern abzugleichen, ob sich jedermann
so verhält, wie man das von einem guten Deutschen erwartet,
oder ob der eine oder andere in irgendeinem Punkt auffällig
von jener Norm abweicht, die für Untertanen insgeheim für
verbindlich erklärt und laufend fortgeschrieben und verschärft
wird, das ist den "Leistungsträgern" im Lande
ziemlich egal. Sie wissen, sie haben nichts zu verbergen - und
sie haben keinen Anspruch an den Staat, den sie - gegen alle
Ausforschung - belegen müssten.
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- Würden sie Eier legen,
dürfte auf der Packung mit "Freilandhaltung" geworben
werden.
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- Dass diese Menschen nicht nur
in Sonntagsreden als "Leistungsträger" gelobt
werden, sondern tatsächlich die Leistung erbringen, von
deren Früchten nicht nur die komplette deutsche Bevölkerung,
samt allen Kindern, Rentnern, Strafgefangenen, Polizisten, Bankvorständen
und Politikern lebt, sondern von der per Exportüberschuss
auch noch eine ordentliche Zahl von Ausländern versorgt
wird, ist nicht zu bestreiten.
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- Das kleine Maß an Freiheit,
das diesen Leistungsträgern zugänglich ist, macht deutlich,
dass man sich als Normalsterblicher Freiheit nicht "erleisten"
(früher: "erdienen") kann. Und wenn wir die Wortschöpfung
"erleisten" wieder streichen, dann bleibt der Satz
übrig:
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- Der deutsche Normalbürger
ist zwar nach dem Gesetz frei -
- - aber leisten kann er sich
das nicht.
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- Freiheit ist zwar rein theoretisch
höchstes Grund- und Menschenrecht, faktisch ist Freiheit
jedoch ein Teil des Eigentumsrechts und wird gegen Geld auf Zeit
gewährt.
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- Großgrundbesitzer, von denen es auch in Deuschland etliche
gibt, von Thurn und Taxis und anderen Adelshäusern auf der
weltlichen Seite, bis hin zu den Diözesen und Erzdiözesen
auf der kirchlichen Seite, geben die Freiheit auf ihrem Land
zu arbeiten und in ihren Häusern zu wohnen stets dem, der
- langfristig gesehen - am meisten dafür bezahlt.
- Kleingrundbesitzer eifern den
Großgrundbesitzern nach Kräften nach, bleiben jedoch
meist hinter deren Effizienz zurück.
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- Großarbeitgeber, von denen es in Deutschland nicht wenige
gibt, von den Bundesländern auf der staatlichen Seite bis
hin zu VW oder der Telekom auf der privaten Seite, geben die
Freiheit, sich in die Reihe der normalsterblichen Arbeitnehmer
einzureihen stets denen, die langfristig gesehen die höchste
Leistung erbringen, deren Beschäftigung also die höchste
Rendite für die Eigentümer verspricht.
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- Kleinarbeitgeber eifern den
Großarbeitgebern nach Kräften nach, bleiben jedoch
meist hinter deren Effizienz zurück.
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- Großbanken, von denen es in Deutschland etliche
gibt, von der Deutschen Bank auf der ganz privaten Seite bis
zu den großen Sparkassen und Raiffeisenbanken auf der kommunalen
und genossenschaftlichen Seite, geben die Freiheit, sich mit
Geld zu versorgen, stets denen, die langfristig gesehen die erwarteten
Zinserträge mit größter Sicherheit einbringen
werden.
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- Kleinere Banken haben inzwischen
faktisch aufgehört zu existieren.
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- Es gibt kein Recht auf Arbeit
in Deutschland,
sonst hätten alle Arbeit, die arbeiten wollen.
- Es gibt kein Recht auf einen
ausreichenden Lohn in Deutschland,
sonst könnten alle, die arbeiten, vom Lohn ihrer Arbeit
leben.
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- Es gibt kein Recht auf eigenen
Grund und kein Recht auf Kredit,
um auf eigenem oder fremdem Grund eine Chance wahrnehmen zu können,
so realistisch, gut und nützlich die Idee auch sein mag.
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- Und wo es in einem Rechtsstaat
kein Recht auf etwas gibt, da endet die Freiheit
im aussichtslosen Bemühen oder im freiwilligen Verzicht.
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- Die Republik ist zugestellt
mit Eigentumsrechten,
die den Freiheitsrechten im Range vorgehen.
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- So wie Zeit und Geld für
austauschbar gelten, sind auch Eigentum und Freiheit austauschbar
geworden. Das beginnt ganz trivial beim Umgang mit dem Freiheitsentzug
im Strafrecht.
- Kleine Ganoven, auch wenn sie
nur Schäden von wenigen Tausend Euro anrichten, landen nach
kurzem Prozess hinter Gittern, große Eigentümer hingegen
sind gegen derartige Unbill gefeit. Selbst mittelgroße
Eigentümer, wie zum Beispiel Klaus Zumwinckel, sind durch
ihr Eigentum wenigstens noch so weit geschützt, dass sie
sich trotz öffentlichkeitswirksamer Verhaftung immer noch
vor rechtzeitiger, verjährungsausschließender Verfolgung
ebenso sicher fühlen können, wie vor übereifrigen
Staatsanwältinnen.
Die Parallelen zum Fall "Max Strauß", wo die
Beweis-Festplatte im Nirwana verschwand und der übereifrige
Staatsanwalt versetzt wurde, sind unübersehbar. Und weil
Politiker für solche Freiheiten verantwortlich sind, dürfen
sie auch selbst davon profitieren. Schäubles Köfferchen
und Kohls Ehrenwort sind hoffentlich noch nicht vergessen.
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- Doch zurück zu den Eigentumsrechten.
- Wo einige Wenige an fast allem,
was in einem Lande steht und liegt, ein Eigentum beanspruchen,
muss dem gegenüber zwangsläufig eine große Zahl
von Menschen stehen, deren Freiheitsrechte noch deutlich unter
den Durchschnitt dessen abgesenkt werden, was der normalsterbliche
Leistungsträger, der Arbeitnehmer mit durchschittlichem
Einkommen, an Freiheiten genießen darf.
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