Paukenschlag am Donnerstag
No. 51/2008
vom 18. Dezember 2008

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

keine
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Das machtpolitische Vakuum

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Leserbriefe
 
Paukenschläge 2008 (ältere)
1 Knut Beck
2 Bürgerkriech
3 Estate, real estate
4 Nur Börsencrash?
5 Unsere Freiheit 1
6 Unsere Freiheit 2
7 Zumwinkel, Klaus
8 Unsere Freiheit 3
9 Begrüßenswertes Urteil
10 Zur Schandtat unfähig
11 Feuer frei!
12 Die Welle
13 Fröhliches Aufsichtsraten
14 Über den Untersch. zwischen Privatisierung
15 945 Mrd. US$ Spurlos verschwunden
16 Zuvermismus
17 Christlich Soziales Versammeln
18 Narrenschiff - Narrenbahn
19 Frühjahrsmüdigkeit
20 Manneszucht
21 Verfassungsgut Kapitalismus
22 Protagonisten der Pataphysik
23 Straubinger, Max, Sprecher
24 Naomi Klein
25 Tswaansig-tswaansig
26 Blitzkrieg, Schweins- galopp, Gesetzgebung
27 Nun spart mal schön 
28 Antides lebt
29 Nine/twenty-eight
30 Von allen guten Geistern verlassen
 31 Nicht einfach zur Flasche greifen
 32 Sommerliche Erfrischungen
 33 Toll, doller., Dollar
34 Der SPD ins Stammbuch
 35 Das Wunder der gekleinten Zahl
 36 gemeinsam austreten
 37 fehlt noch
 38 Stilles Wasser
 39 Harte Landung
40 Die Häuser stehen doch noch
40a Das letzte Aufgebot
41 Ein Garten voller Böcke
42 Die Billionenflut
42a Die Ursache des akuten Geldmangels
43 Ackermanns Liquiditätsvernichtungsplan
44 Mein Gott, ist das aufregend
45 Schwalben im Herbst 
46 Eine Welt - eine Währung? Ein Wahnsinn!
47 Wer unter dem Schirm
48 Albrecht Müllers Frage
49 Ich zahle, also bin ich
50 Wachstum herbeisparen
 
 
 
 Antides
 
 Volkszornindex

Der aktuelle Wert
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Das machtpolitische
Vakuum

 

Abheben von den drängenden Problemen des Augenblicks, von einer erhöhten Warte aus die Suche nach dem Ausgang des Labyrinths aufnehmen - das ist ein gutes Rezept, für gute Problemlösungen - so man sich denn tatsächlich von den Fesseln der Tagesprobleme befreien kann.

Die Probleme ändern sich zwar nicht, wenn man eine größere Distanz zu ihnen einnimmt, aber das Sichtfeld vergrößert sich. Was aus der Nähe als unverrückbare Rahmenbedingung erscheint, lässt sich schon mit geringem Abstand deutlich besser erkennen. Vieles entpuppt sich als eine Anhäufung überkommener und unreflektiert fortgesetzter Gewohnheiten, anderes wird als willkürlich und boshaft gesetzte Schikane erkennbar, wieder anderes stellt sich als Täuschung oder Selbsttäuschung heraus. Das Hindernis, das wir im Alltagstrott sorgsam umgehen, ist oft nichts als Illusion, ein Taschenspielertrick, kunstvoll aus Expertenschweiß und Druckerschwärze, aus Talkshowgestammel und Politikernebel zusammengerührt und dem gläubigen Publikum als Markstein und Denkzettel vor die Nase gesetzt.

Vor ein paar Tagen erreichte mich eine kurze Zuschrift, die mich sehr stark beeindruckt hat.

Ich gebe sie hier vollständig und ungekürzt wieder:

 

 Sehr geehrter Herr Kreutzer,

seit geraumer Zeit verfolge ich Ihre fundierten Darlegungen "rund ums Geld".

Was mich irritiert:

Dass aus diesen Tatsachen keinerlei machtpolitische Ableitung sichtbar ist.

Zu allen Zeiten, wenn "die Kacke am Dampfen" war,
gab es Gestalten, die politische Lösungen skizzierten.

Nahezu nichts könnte die Verhaltnisse doch so zum Tanzen bringen, wie diese machtpolitisch begründete Forderung:

"Frisches Geld. Unverzinstes Geld. Geld, das nicht als Darlehen, sondern als Geschenk, als verlorener Zuschuß in den Markt gegeben wird. Geld das zinsfrei im Umlauf ist und zinsfrei im Umlauf bleibt, weil ihm keine Schuld, kein Kredit gegenübersteht. Warum sollen nicht die Eltern jedes Neugeborenen von der EZB ein Geschenk in Höhe von 10.000 Euro bekommen?"

Haben Sie eine Idee woran es liegen kann, dass eine solche heute vollständig ausbleibt?

Viele Grüße


Ja. Da hat jemand Abstand gewonnen, von oben auf das Labyrinth geblickt - und angefangen, sich zu wundern, warum die Horde Schafe, die da zwischen meterhohen Hecken herumirrt, den Ausgang nicht findet, der doch so klar und deutlich zu erkennen ist.
Die hier knapp zitierte Lösung finden Sie etwas ausführlicher
hier 


 

Das ist die Frage

Eine Frage, die sich sicherlich schon viele gestellt haben, die den Vorschlag zum Umbau des Geldsystems, der hier zitiert wird, verstanden haben - und sich nun wundern, weil der klar erkennbare Weg nicht gegangen wird.

Doch die in dieser Zuschrift gestellte Frage geht tiefer.

Es geht darin gar nicht mehr darum, warum die Herde den Weg nicht findet, sondern darum, warum sich kein Schäfer findet, der die Herde in die richtige Richtung treibt.

Warum ist es bis heute für keinen Politiker mit ausgeprägtem machtpolitischem Instinkt lukrativ gewesen, diese sehr einfache und sogar einfach zu erfüllende Forderung zu vertreten und damit die Massen hinter sich zu versammeln?

Es gibt eine ganze Reihe möglicher Ursachen dafür.

Es wäre bequem und entspräche durchaus dem Stand der Kunst, das weitere Nachdenken mit dieser Erkenntnis einzustellen und sich dem nächsten Thema zuzuwenden.

 

Wo schon beim ersten Hinsehen eine ganze Reihe möglicher Ursachen zu erkennen ist, lohnt die Mühe nicht, sich weiter damit zu befassen. Mindestens eine dieser Ursachen wird schon zutreffen. Da haben doch schon Klügere darüber nachgedacht und sind nicht weitergekommen.

Wer sich damit zufriedengibt, ist Teil des Problems.


Lassen Sie uns also unerschrocken darangehen, die möglichen Ursachen näher zu beleuchten, den Grad ihrer Relevanz abzuschätzen, um zuletzt zu einer begründeten, eigenen Meinung zu gelangen, auf der ein Plan für das notwendige und erfolgversprechende Vorgehen aufgebaut werden kann.


Das sind die möglichen Ursachen

 

Ursachenbündel 1

Unzureichende Verbreitung der Lösungsidee

Politiker mit großer Verantwortung können sich nicht um die Weisheiten jedes dahergelaufenen Hobby-Weltverbesserers kümmern. Was gut ist, muss den Weg über die Analysen und Lösungsvorschläge der anerkannten Forschungsinstitute (von Sinn bis Straubhaar und zurück) genommen haben, oder von den Großlobbyisten und deren Think-Tank-Stiftungen mit Nachdruck vorgetragen werden, damit es Gehör findet.

Wer kennt schon Egon W. Kreutzer, seine Internetseiten und die von ihm verfassten Bücher, speziell "Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre"?

 

Was ist von dieser Begründung zu halten?

Nun, die Site egon-w-kreutzer.de ist - im Vergleich zur Macht und Reichweite der großen Mainstream-Medien - ähnlich auffällig wie ein einzelner Fliegenschiss auf einem Fußballfeld.

Aber sie ist im Laufe der Jahre von vielen interessierten Mitbürgern entdeckt worden. Wer bei google schlicht nach "kreutzer" sucht, findet diese Seite als ersten Eintrag von rund 1,2 Millionen Fundstellen. Täglich kommen durchschnittlich 750 "eindeutige" Besucher auf diese Seite, die wiederum durchschnittlich pro Besuch 6 bis 7 Einzelseiten aufrufen. Der Newsletter-Verteiler umfasst inzwischen rund 1.200 Adressen - und wenn ein neuer Paukenschlag per Newsletter annonciert wird, wird der innerhalb der ersten Woche bis zu 7.000 Mal angeklickt.

Zu den Newsletterabonnenten und zu den Kunden des EWK-Verlags gehören nicht nur einfache Mitglieder der unterschiedlichsten politischen Parteien, sondern auch eine ganze Reihe von Mandatsträgern in Kommunen und Ländern und auch einzelne Abgeordnete des Deutschen Bundestages.

Meine Publikationen werden in einer großen Zahl von Foren diskutiert, von einer ganzen Reihe von Bloggern und anderen Seitenbetreibern übernommen und weiterverbreitet (wofür ich an dieser Stelle allen, die sich als Multiplikatoren, als Kritiker und Befürworter einbringen, meinen ganz herzlichen Dank sagen möchte).

Die verkaufte Gesamtauflage meiner im eigenen Verlag erschienen Sachbücher ist - obwohl ich außer auf meinen Internetseiten keine Werbung dafür mache und diese Bücher in keiner Buchhandlung im Regal liegen - inzwischen in eine Größenordnung geraten, die mich stolz macht. Es sind echte "Longseller" geworden, die für mich die Erfüllung eines Traumes darstellen, denn endlich kann ich Beruf und Broterwerb optimal mit dem verbinden, was mir als "Weltverbesserer" am Herzen liegt.

Die Lösungsidee ist also eigentlich weit genug verbreitet.


Würde es sich um eine Rezeptur für eine neue, nebenwirkungsfreie Schlaftablette oder um das Konstruktionsprinzip einer neuartigen Wuchtwaffe für Polizei und Spezialeinheiten handeln, die Idee wäre längst geklaut und realisiert. So durchlässig ist das Internet.

 

Ursachenbündel 2

Die Materie ist zu kompliziert,
die Lösung ist unter Experten umstritten

 

Es ist wahr, wer sich mit der Lösung gedanklich auseinandersetzt, sollte in der Lage sein, einen komplexen Sachverhalt zu überblicken. Das ist jedoch eine Fähigkeit, die ich bei jedem Politiker, der sich in Deutschland (nach der Vorauswahl innerhalb seiner Partei) für irgendein Amt zur Wahl stellen darf, schlicht voraussetze.

Das Geldsystem ist nicht komplexer, als das Entsorgungssystem, über das der Bürgermeister jeder kleinen Gemeinde zu entscheiden hat.

Müllabfuhr, Straßenreinigung, Abwassernetz und Kläranlage technisch zu verstehen, dem momentanen und künftigen Bedarf anzupassen, Baukosten und Investitionen zu finanzieren und dabei die Zuschüsse der übergeordneten Körperschaften optimal auszunutzen, das Gesamtsystem dann vernünftig und kostenoptimal zu betreiben, ggfs. in Kooperation mit einer oder mehreren Nachbargemeinden, das traut jede Partei (samt ihren Wählern) dem von ihr aufgestellten Bürgermeisterkandidaten zu.

Aber für einen Bundesfinanzminister und seinen Stab, für einen Wirtschaftsminister, für den Kanzler soll "das Geld" zu kompliziert sein, um sich mit Optimierungsmöglichkeiten zu befassen?

Das darf ja wohl nicht wahr sein.

 

Die Thematik ist zwar komplex - aber mit gesundem Menschenverstand und ein bisschen Sachverstand durchaus zu beherrschen.

Und dass die Lösung umstritten sei, ist schlicht erfunden.

Es gibt einen nicht enden wollenden Streit, den die Vertreter der Freiwirtschaftslehre immer wieder aufleben lassen, wenn sie bei mir lesen, dass es die Geschäftsbanken sind, die das Geld in die Welt setzen, weil sie, würden sie dies zugeben, ihr "Goldenes Kalb", die Umlaufsicherungsgebühr, schlachten müssten.

Eine Diskussion über den eigentlichen Lösungsvorschlag findet jedoch praktisch nicht statt. Es gibt viele, die sich mit diesem Vorschlag angefreundet haben - und es gibt kaum einmal jemanden, der ernsthaft dagegen argumentiert.

Ich wünsche mir diese Diskussion seit Jahren und würde mich liebend gerne mit den Experten dazu austauschen.

Doch da kommt nichts.

 

 

Ursachenbündel 3

Die Lösungsidee ist ja gut und schön, aber das zugehörige Problem existiert doch gar nicht.

Augen zu und den Kopf tief in den Sand. Nein, wir haben kein Problem mit der Geldversorgung der Realwirtschaft.

Das konnten die großen Vögel mit den strammen Schenkeln und den kleinen Köpfen bis vor ungefähr einem Jahr behaupten. Inzwischen aber ist der Sand, in dem ihre Köpfe steckten, längs verblasen, in gigantischen Blasen verblasen, und diejenigen, die merken, dass ihnen plötzlich der Wind um die Ohren weht und daher verwundert die Augen öffnen, die sehen ein Problem.

Leider halten sie die Anwesenheit der Wanderdüne der internationalen Finanzwirtschaft für den Normalzustand und streben als Lösung nur an, möglichst bald wieder genug Sand im Kasten zu haben, um im Zweifelsfall erneut den Kopf darin versenken zu können.

Deshalb werden in affenartiger Geschwindigkeit überall auf der Welt
(in Deutschland zunächst ziemlich zögerlich - aber das Gründliche kommt noch, darauf kann man sich verlassen, kein Vorurteil gegenüber den Deutschen ist begründeter, als das der Gründlichkeit),
die Schleusen geöffnet, die Wirtschaft mit dem Finanz-Sand geflutet, dessen plötzliches Fehlen als Sand im Getriebe empfunden wurde, damit ja recht bald alles wieder seinen kapitalistischen Gang geht.

Dabei ist das Problem so offenkundig, dass es ein williger Blinder mit seinem weißgestrichenen Stock ertasten könnte:

Wenn die Reichtümer dieser Welt erst einmal
vollständig in wenigen Händen versammelt sind,
lohnt es sich einfach nicht mehr, Kredite zu vergeben
und neues Geld in die Welt zu setzen.

Man hat ja schon alles.

Man hat sogar schon viel mehr Geld in Reserve als noch benötigt wird, um die letzten Reste privaten und staatlichen Vermögens aufzukaufen, die noch frei herumlaufen.

Man muss weder Bergwerke betreiben um Erz und Kohle zu fördern, noch braucht man Saatgut zu züchten. Man muss seine Ländereien nicht mit Baumwollfeldern und Kartoffeläckern verunstalten, man braucht weder Webereien noch große Textilfabriken, man muss nicht Jahr für Jahr zig-Millionen Autos produzieren - man braucht nur noch so viele Sklaven, wie erforderlich sind, um das kleine bisschen Luxus für den eigenen Bedarf herzustellen, auf das man nicht verzichten möchte. Der Rest ist überflüssige Überbevölkerung.

Politiker und Experten, die sich diesem Gedankengang verschrieben haben, können das Problem natürlich gar nicht sehen:

Wenn "der Mensch" erst beim Multimillionär anfängt, wenn der ganze Rest nur noch als Humanressource begriffen und damit juristisch nahe an den Begriff der "beweglichen Sache" herangerückt wird, mit welcher der Eigentümer nach Belieben verfahren kann, dann gibt es das Problem tatsächlich nicht.

Wer jedoch immer noch den Gedanken vom "Wohlstand für alle" hochhält, der kann das Problem erkennen, das durch den Geldmangel in der Realwirtschaft ausgelöst wird - und der kann auch ermessen, wie die Lösung wirken würde. Ganz ohne Revolution und Währungsreform, ohne Guillotine und ohne entschädigungslose Enteignung.

 

 

Ursachenbündel 4

Die Lösung ist schon gut, aber der Staat
hat keinen Einfluss auf die Finanzwirtschaft

Deutschland hat tatsächlich nur einen sehr mittelbaren Einfluss auf die Finanzwirtschaft, denn Deutschland hat die Hoheit über das eigene Geld ohne Not aus der Hand gegeben.

Der Einfluss des deutschen Staates auf die Geldversorgung seiner Wirtschaft und seiner Bürger ist leicht beschrieben. Für alle Ausgaben müssen die erforderlichen Mittel beschafft werden. Mehr Ausgaben erhöhen den Geldumlauf um so kräftiger, je mehr sich der Staat dabei verschuldet, weniger Ausgaben mindern den Geldumlauf um so kräftiger, je mehr der Staat dabei Schulden abbaut.

Der Staat kann also entweder gasgeben und die Schulden in die Höhe treiben, was nicht optimal ist, oder tilgen und bremsen, was in einem auf Wachstum gegründeten System sehr schnell noch viel verheerendere Folgen hat.

Die Chance dafür:

"Frisches Geld. Unverzinstes Geld. Geld, das nicht als Darlehen, sondern als Geschenk, als verlorener Zuschuß in den Markt gegeben wird. Geld das zinsfrei im Umlauf ist und zinsfrei im Umlauf bleibt, weil ihm keine Schuld, kein Kredit gegenübersteht. Warum sollen nicht die Eltern jedes Neugeborenen von der EZB ein Geschenk in Höhe von 10.000 Euro bekommen?"

besteht nicht.

 

Blödsinn. Natürlich besteht sie.

Man müsste nur wollen. Nichts von den Vereinbarungen um die EU und den Euro steht im Range eines Naturgesetzes. Alles sind Vereinbarungen, die von Menschen ersonnen und von Menschen unterschrieben wurden.

Man könnte sie, aus gutem Grund, auch wieder lösen oder nach dem jeweiligen Bedarf verändern. Wenn es ums Grundgesetz geht, ist die Politik ja auch nicht so zimperlich.

 

 

Ursachenbündel 5

Es ist nicht opportun

Was übrig bleibt, ist die Frage nach den Zielen und Motiven der Verantwortlichen. Gedanken und Diskussionsbeiträge, die Eingriffe in den Kern des kapitalistischen Geldsystems zum Gegenstand haben, sind offenbar hochgradig karriereschädlich.

Wie viel einfacher ist es, wohlfeile fremdenfeindliche Parolen zu verbreiten, wenn man Wählerstimmen von rechts einsammeln will.

Wie viel einfacher ist es, Steuersenkungen zu versprechen, wenn man Wählerstimme aus dem Mittelstand einsammeln will.

Wie viel einfacher ist es, Mindestlöhne und die Abschaffung von Hartz IV zu versprechen, wenn man Wählerstimmen von links einsammeln will.

Niemand muss sich beim Stimmenfang mit den wirklich Reichen im Lande anlegen und deren im Eigentumsrecht angelegtes Ausbeutungsprivileg antasten, wenn er in den Bundestag einziehen und Politik "zum Wohle des Deutschen Volkes" betreiben will. Zwischen den neuen Feudalherren, die in unserer Gesellschaft immer lauter und immer öffentlicher hervortreten, und der Tatsache, dass es mit Erhards Sozialer Marktwirtschaft immer schneller und immer weiter bergab geht, besteht unbestreitbar ein sehr direkter Zusammenhang.

Dass dieser Zusammenhang nicht thematisiert wird, dass seine Ursachen nicht ermittelt und analysiert, seine Wirkungen nicht bekämpft, seine Folgen kaum noch gelindert werden, ist ein Zeichen für jenes machtpolitische Vakuum, das diesem Aufsatz den Titel gab.

Wieder werden viele das Vakuum nicht sehen wollen. Die Macht ist doch ganz klar von oben nach unten durchstrukturiert, behaupten sie - und dass sich jedermann den bestehenden Machtverhältnissen beugen muss, sei zwar unbequem, aber doch niemals ein Indiz für ein Machtvakuum.

Eine solche Einschätzung kann allerdings nur bei jenen aufkommen, die sich schon gar nicht mehr daran erinnern, dass unser Staat - nach Sinn und Wortlaut seiner Verfassung - eigentlich als Demokratie gedacht war.

Wenn die Macht des Souveräns - und das ist in der Demokratie nun einmal das Volk in seiner Gesamtheit - nicht mehr so weit reicht, dass seine von ihm in die Parlamente entsandten Vertreter auch seine Interessen vertreten, sondern sich in vielen wichtigen Fragen, auch unter dem Bruch eigener Wahlversprechen, klar und ohne Scham gegen den von Meinungsforschern gewissenhaft erfragten und von vielen mutigen Bürgern einzeln und in Gruppen vorgetragenen Willen dieses Volkes stellen, dann gibt es ein ganz klar erkennbares Machtvakuum.

Dieses Machtvakuum beginnt gleich hinter der Wahlurne.
Es ist die vollständige Ohnmacht des Souveräns.

 

Ohne dieses Machtvakuum gäbe es keine deutschen Soldaten in Afghanistan, es gäbe keine Ratifizierung des EU-Verfassungsvertrages durch Deutschland, es gäbe keine Rente mit 67 und die Bahn würde nicht privatisiert, auch nicht zum Teil. Diese Liste ließe sich lange fortsetzen.


 

 

Das ist die
vorläufig gefundene Antwort

 

Die Mechanik der parlamentarischen Demokratie in Deutschland ist zerstört.

Wo eigentlich das Volk am langen Hebel großen Einfluss auf das kleine Grüppchen seiner gewählten Vertreter nehmen sollte, findet de facto keine Kraftübertragung statt. Der Hebel ist kein Hebel, denn da, wo sich beim Hebel die Drehachse befinden sollte, ist in der deutschen Demokratie ein Scharnier zu finden.

Das Volk kann an seinem langen Ende ziehen und hebeln wie es will, als Antwort bekommt es nur das höhnische Quietschen des Scharniers. Die Mächtigen am kurzen Ende bewegen sich deswegen um keinen Millimeter. Sie führen auf ihrer Seite des Scharniers vollkommen eigenständige Bewegungen aus und halten das für ganz normal und von den Vätern des Grundgesetzes so gewollt.

 

 

Ist das auch Ihre Antwort?

 

Das Internet ist interaktiv. Sie haben hier die Gelegenheit, Ihre Einschätzung zum Zustand der Demokratie abzugeben. Das Ergebnis werde ich im Neuen Jahr veröffentlichen.

Die Frage, wie groß der Anteil des umgesetzten Volkeswillens an der Gesamtheit der Entscheidungen ist, die aus der parlamentarischen Demokratie hervorgehen, sollte jedoch nicht vorschnell beantwortet werden.

Wir sprechen von der Gesetzgebung und wir sprechen von dem, was als Regierungshandeln bezeichnet wird. Wir betrachten aber nicht nur den Bund, sondern auch die Länder, die Landkreise und die Kommunen.

Wir achten nicht nur auf das, was uns gegen Strich geht, sondern versuchen auch zu bewerten, was uns ganz selbstverständlich und normal und richtig erscheint.

Kindergärten und Schulen fallen ins Gewicht, Verkehrswesen und die Gestaltung öffentlicher Flächen, Versorgung und Entsorgung, Arbeitsagentur und Finanzamt, Elterngeld und Entwicklungshilfe, Kampfeinsätze und Piratenjagd, Mehrwertsteuer, Einkommensteuer und Ökosteuer - erst alles zusammen ergibt die Wirkung, der man den originären Willen des Souveräns vergleichend gegenüberstellen soll.

Sagen Sie also ganz einfach in Prozent, wie viel von dem, was Politik tut, mit dem übereinstimmt, was Sie ganz persönlich sich von der Politik wünschen.



hier ein neuer Zwischenstand vom 19. Dezember mittags

 

Die parlamentarische Demokratie

 setzt meine Wünsche zu 100% um

 0,9 %

 Gewinner 7,5 %

jeder Dreizehnte fühlt sich in der Demokratie noch angemessen vertreten
 setzt meine Wünsche zu über 80 % um

 0,0 %

 setzt meine Wünsche zu über 50% um

 1,5 %

 setzt meine Wünsche unter 50% um

5,1 %

 setzt meine Wünsche unter 30% um

 21,5 %

Zwischen Baum und Borke 21,5%
 ein gutes Fünftel schwankt
 setzt meine Wünsche unter 10% um

 32,8 %

 Verlierer 71 %

mehr als zwei Drittel halten sich für übergangen
 setzt meine Wünsche gar nicht um

38,2 %



Anmerkung zu den Anmerkungen:
In der Demokratie gibt es, so wie sie bei uns angelegt ist, nicht ein gemeinsames Ringen um den besten Weg, sondern einen Kampf um die Durchsetzung der eigenen Vorstellungen. Wer sich darauf einlässt, muss auch mit Niederlagen rechnen, und weil meist auch die Regierungspartei mit einem Koalitionspartner Kompromisse schließen muss, entspricht es zumindest rechnerisch der durchschnittlich berechtigten Erwartung, sich nur in etwas weniger als 50% durchsetzen zu können.

Wer jedoch in weniger als 10% der Fälle erlebt, dass die Demokratie das tut, was er für richtig hält, darf sich zu Recht als unbeachtet und ohne Einfluss ansehen.

Diejenigen, die zu dem Schluss kommen, dass ihre Stimme in der Demokratie in mehr als 10, jedoch weniger als 30 % der Fälle Beachtung findet, sind offenbar eine zu gefährliche, kritische Masse, um sie völlig zu vernachlässigen, aber mehr als unbedingt nötig, gesteht man ihnen auch nicht zu.


 

 

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Reaktionen auf diesen Paukenschlag

An dieser Stelle werden Leser-Reaktionen in der Reihenfolge des Eingangs (jüngster Beitrag oben) veröffentlicht.
Ich behalte mir dabei Kürzungen vor und veröffentliche Reaktionen zum Schutz der Absender grundsätzlich anonymisiert.
Sehr geehrter Herr Kreutzer ,
meiner Ansicht nach würde ein "Politiker " , der versuchen sollte "diese sehr einfache und sogar
einfach zu erfüllende Forderung zu vertreten und damit die Massen hinter sich zu versammeln" ,gnadenlos diskreditiert , kriminalisiert und falls als nötig erachtet , liquidiert .
Mal davon abgesehen , daß meines Erachtens kein Politiker seine Programmierung aufheben kann .Die "Forderung" würde der hirnlosen Masse der Wähler , die ja bis jetzt gut funktioniert hat, zur verordneten Aburteilung - nicht nach eigenem Urteil , sondern nach verordneter Meinung - idiotengerecht entstellt in die Köpfe geprügelt .

Der bevorstehende Kollaps wird zeigen , daß demokratische Strukturen - wenn überhaupt - nur in kleinen Organisationseinheiten möglich sind .Eine Monarchie zu errichten, wäre allerdings meiner Ansicht nach durchaus bedenkenswert . Ich möchte Ihnen nicht Ihre Zeit stehlen , daher abschliessend ein
Gedanke zur " Zeit " :

Denkbar ist die Unterscheidung zwischen der "messbaren Zeit " und der "Zeitqualität " .
Ernst Jünger hat darüber geschrieben , ich erinnere mich nicht an den
Titel.

Ich möchte übrigens nicht , daß Sie den Eindruck haben ich wollte sie belehren. Nehmen Sie dies bitte als spontane Reaktion auf , wie sie vielleicht in einem Gespräch entstanden wäre.


Mit freundlichen Grüßen ,


Sehr gehrter Herr Kreuzer,

vielen Dank für den interessanten Paukenschlag. Vieles ahnte und fühlte ich schon, doch jetzt kann ich es auch in Worte fassen. Manchmal tut es gut, wenn man merkt, das es Menschen gibt, die die Dinge ähnlich erleben.

Das "Ursachenbündel 3" ist neu für mich. So hatte ich die Dinge noch nicht betrachtet. Eine sehr interessante Betrachtungsweise.

Die Umfrage zur "Parlamentarischen Demokratie" hat in mich sehr nachdenklich gemacht. Bisher war ich immer diffus, pauschal unzufrieden. Doch durch die Frage mußte ich es konkret machen. Als mir dann klar wurde wie sehr ich unzufrieden bin, da bin ich echt erschrocken.

Sie schreiben:

Anmerkung zu den Anmerkungen:
In der Demokratie gibt es, so wie sie bei uns angelegt ist, nicht ein gemeinsames Ringen um den besten Weg, sondern einen Kampf um die Durchsetzung der eigenen Vorstellungen.

So ganz habe ich das nicht verstanden. Unter einer Demokratie verstehe ich ein gemeinsames Ringen um den besten Weg. Der Kampf um die Durchsetzung der eingenen Vorstellungen ist doch keine Demokratie sondern eine Tyrannis bzw. Oligarchie?

Mit freundlichen Grüßen

Sehr geehrter Herr Kreutzer,

um mit Karl Jaspers zu sprechen ( Karl Jaspers: Wohin treibt die Bundesrepublik? 1965 ):

Die Deutschen sind, so wenig wie andere Völker, was sie sind, sondern was sie werden kraft der in ihnen liegenden Freiheit. Das bedeutet: Sie sind verantwortlich für ihre Regierung. Es ist ungerecht, alles Unheil auf Politiker, Parteien und Regierung zu schieben.

Diese Regierung wäre nicht da, wenn die Deutschen sie entschieden nicht wollten. Ein Volk , sagt man, hat die Regierung, die es verdient. Wie alle Deutschen dafür haften, daß Hitler herrschte, und wie jeder einzelne mitschuldig ist, soweit er nicht vorher getan hat, was er konnte, um diese Herrschaft zu verhindern , und soweit er nachher nicht das Mögliche getan hat, um diese Herrschaft zu sabotieren, so ist es heute.

Wir das Volk, tragen die Verantwortung für die Politiker, auch wenn wir sie verwerfen. Wir müssen, jeder nach seinem Können, öffentlich sagen und tun, was die Möglichkeit zum Bessern fördert. Wir dürfen uns nicht für verantwortungslos halten, indem wir sagen, die Deutschen seien nun einmal so.

Würde man sagen, das ganze deutsche Volk sei politisch unreif und nicht mündig für die freie parlamentarische Demokratie, so ist das eine durch nichts zu verantwortende These. Wäre es so, was nie zu beweisen ist, dann blieben nur Resignation und für die Wenigen, die anmaßend genug sind, zu meinen, sie wüßten es, Anlaß, die Dummköpfe und die Brutalen und die von Gott Verlassenen, die die politischen Wege bestimmen, zu verachten und sich in ihren engen Bereich zurückzuziehen, bis das Verhängnis auch sie vernichtet. Wer aber die Verantwortung der Freiheit erfährt, der gibt nicht auf, solange noch andere ihm begegnen, die auf gleichen Wegen den Mut nicht verlieren.


In diesem Sinne,
Frohe Weihnachten, ein erfolgreiches Neues Jahr


mit Gruß


Vielen Dank für den klaren und besonders eindringlichen Paukenschlag. Es gibt eine relativ einfache Formel, das Ausmaß demokratischer Funktionsweisen abzuschätzen:

Das Ausmaß einer Demokratie wird durch die Funktion aus aktiver Teilnahme seiner Bürger an den gesellschaftlichen Lebensprozessen, und an der Möglichkeit zur machtfreien, horizontalen Meinungsvernetzung bestimmt.

Noch ist uns die horizontale Meinungsvernetzung möglich!

Wie sieht es mit unserer aktiven Teilnahme aus?

Mit freundlichen Grüßen


Hallo, lieber Herr Kreutzer,

danke für den neuen Paukenschlag.

Gestern Abend lief im Deutschlandradio eine "Diskussionsrunde" mit Teilnehmern, von denen mir nur die Attack-Sprecherin und Hr. Henkel in Erinnerung geblieben sind. Der Rest: so was von kalter Kaffee.

Nun, die "Attacke" war fix im Denken und Sprechen und gar nicht übel, wurde, wen wundert's, jedoch immer an genau den richtigen Stellen massiv abgewürgt.

Beeindruckend war Olaf Henkel, der langsam zum Kabarett wechseln sollte. Strohtrocken meinte er eingangs, daß man wohl weiß, daß gewisse Dinge nicht richtig gelaufen seien und gewisse Dinge nicht in Ordnung sind, aber wie bei einem Kranken braucht man ja erstmal eine richtige Diagnose. Denn so "Schnellschüsse" wie in GB und F, da sei ja wie.....na, wie einem Kranken Medikamente geben, ohne ZU WISSEN, was er genau hat. Und, so fuhr Henkel fort, so stehen nun viele Ärzte im Krankenzimmer herum und forschen danach.

Hält der uns NUR für blöde ?!
Oder kommen die bei den meisten mit diesem grauenhaften Quark weiter durch ?

Anscheinend ja. Siehe Klima, siehe Autoindustrie und pipapo. Sie machen einfach weiter, diese (...).

Nun wieder artig.

Herzliche Grüße !


Werter Herr Kreutzer,

zunächst einmal Ihnen und dem zitierten Vorlagengeber ein ernst gemeintes "Chapeau" und meinen nicht weniger aufrichtigen Dank. Und dann noch in aller Kürze: Es sind zwar nicht "meine Worte", aber doch eindeutig meine Gedanken, denen dieser Frage - Antwort - Lösung - Komplex aus Ihrer Feder den Raum zur Entfaltung erweitert hat. Ich hoffe sehr, dass möglichst viele Menschen lesen und verstehen, was Sie hier gemeinsam mit der inspirierenden Frage der zitierten Zuschrift aufzeigen und wirklich leicht begreifbar machen ... so weit es mir möglich ist, werde ich meinen bescheidenen Beitrag zur Erfüllung dieser Hoffnung beitragen.

Ich hoffe aber auch, dass diese Idee nicht einfach zu genial oder zu genial einfach ist, um in die Hirnwindungen der in die gegensätzliche Richtung getriebenen und trabenden "Herde" vorzudringen?! Schauen wir halt mal, nicht wahr.

In diesem Sinne und mit besten Grüßen

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