Paukenschlag am Donnerstag
No. 36/2008
vom 28. August 2008

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Gemeinsam austreten

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Leserbriefe
 
Paukenschläge 2008 (ältere)
1 Knut Beck
2 Bürgerkriech
3 Estate, real estate
4 Nur Börsencrash?
5 Unsere Freiheit 1
6 Unsere Freiheit 2
7 Zumwinkel, Klaus
8 Unsere Freiheit 3
9 Begrüßenswertes Urteil
10 Zur Schandtat unfähig
11 Feuer frei!
12 Die Welle
13 Fröhliches Aufsichtsraten
14 Über den Untersch. zwischen Privatisierung
15 945 Mrd. US$ Spurlos verschwunden
16 Zuvermismus
17 Christlich Soziales Versammeln
18 Narrenschiff - Narrenbahn
19 Frühjahrsmüdigkeit
20 Manneszucht
21 Verfassungsgut Kapitalismus
22 Protagonisten der Pataphysik
23 Straubinger, Max, Sprecher
24 Naomi Klein
25 Tswaansig-tswaansig
26 Blitzkrieg, Schweins- galopp, Gesetzgebung
27 Nun spart mal schön 
28 Antides lebt
29 Nine/twenty-eight
30 Von allen guten Geistern verlassen
 31 Nicht einfach zur Flasche greifen
 32 Sommerliche Erfrischungen
 33 Toll, doller., Dollar
34 Der SPD ins Stammbuch
 35 Das Wunder der gekleinten Zahl
 
 
 
 
 
 Antides
 
 Volkszornindex

Der aktuelle Wert
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


Gemeinsam austreten

Der immer schneller ablaufende Prozess der Zerstörung einer Partei von innen heraus, den wir als Zeitzeugen seit ungefähr fünf, sechs Jahren beobachten dürfen, gehört zu jenen apokalyptischen Schreckensbildern, die jedem nachdenklichen Menschen die Frage aufzwingen, ob die Demokratie denn wirklich schon der Weisheit letzter Schluss sein kann.

Ja, es gibt die platonische Idee der Demokratie, jenes Ideal, das Schulkinder begreifen lernen, um als Erwachsene dann - nach längerem verwunderten Augenreiben festzustellen, dass das Ideal längst nicht erreicht ist, dass hinter dem Mäntelchen demokratischer Rituale eine ganz andere, vollkommen undemokratische Wirklichkeit herrscht.

Wenn der Begriff "Feindliche Übernahme" bisher auch immer nur im Zusammenhang mit der Eroberung von Wirtschaftsunternehmen gebraucht wurde - das was der SPD im Augenblick widerfährt, sieht um keinen Deut anders aus.

Hier wie da fällt eine funktionierende Organisation in die Hände einer einflussreichen und mächtigen Gruppierung, wird vollständig umgebaut, ihrer Werte und Ziele beraubt und den Interessen der neuen Herren untergeordnet. Und wer nicht spurt, kommt unter die Räder.

Ein großer Unterschied zwischen dem Mitarbeiter eines feindlich übernommenen Unternehmens und dem Mitstreiter einer entkernten und zweckentfremdeten Partei besteht jedoch, und zwar im Maß der Abhängigkeit.

Für den Mitarbeiter eines Unternehmens (und seine Familie) kann es von existentieller Bedeutung sein, sich anzupassen und sich zu bemühen, auch den neuen Herren zu gefallen.

Für den Großteil der Mitglieder der SPD besteht eine derart existentielle Abhängigkeit nicht.

Soweit es in der SPD noch Sozialdemokraten gibt, woran ich keinen Zweifel hege, ist nun die Zeit reif, gemeinsam auszutreten. Spannend wird sein, in ein paar Wochen nachzuzählen, wie viele es am 7. September 2008 noch waren.

Was ich dazu noch zu sagen habe, habe ich bereits gesagt.

Mit dem
 Paukenschlag No. 1 /2008 "Knut Beck",
habe ich Aussichtslosigkeit Becks und das Scharren Steinmeiers in den Startklötzen dokumentiert.

Mit dem
 Paukenschlag No. 10 /2008 "Zur Schandtat unfähig",
bin ich auf das Verhältnis zwischen SPD und die LINKE eingegangen und habe erneut vor Steinmeier gewarnt.

Vor zwei Wochen erst, mit dem
 Paukenschlag No. 34 /2008 "Der SPD ins Stammbuch"

habe ich die Zuspitzung der aktuellen Entwicklung zum Anlass genommen, die Mitglieder der SPD aufzurufen, ihre Partei auf eine klare Linie festzulegen.
Die eindringlichen Sätze vom Schluss dieses Paukenschlags wiederhole ich hier gerne noch einmal:

 

Ihre Partei, liebe SPD-Mitglieder, ist in der Krise.

Sie ist nicht in der Krise, weil sich eine Partei "die LINKE" gegründet hat. Sie ist in der Krise, weil Schröder und Müntefering, Eichel, Steinbrück und Steinmeier, Ulla Schmidt und eine ganze Reihe weiterer Führungsfiguren Ihrer Partei, die "Zweckenfremdung" der Sozialdemokratie betrieben, Wähler und Mitglieder getäuscht - und damit die Entstehung einer neuen linken Kraft praktisch heraufbeschworen haben.

Sozialdemokratische Wählerstimmen zu benutzen, um den verheerendsten Schlag gegen die soziale Sicherheit der deutschen Bevölkerung zu führen, den es - abgesehen von Kriegsfolgen - jemals gab, seit Bismarck die ersten Sozialgesetze auf den Weg brachte, das war - begleitet von großzügigen, reichtumsfreundlichen Änderungen in der Steuergesetzgebung - ein Coup, der dem Kapital in Deutschland direkt und indirekt großen Segen beschert hat - direkt durch Milliarden und Abermilliarden ersparter Steuern und Personalkosten, indirekt durch die auf lange Sicht kaum mehr zu revidierende massive Schwächung der großen Arbeitnehmerorganisationen, nämlich der Gewerkschaften und der SPD.

(...)

Wenn heute von Flügelkämpfen in der SPD die Rede ist, dann ist deren Ausgang für den außenstehenden Beobachter niemals wirklich offen. Der wirtschaftsliberale Flügel der Partei, der zudem außenpolitisch jedes bewaffnete und unbewaffnete EU- und US-Abenteuer kritiklos mitzugehen bereit ist, hat in den Führungspositionen der SPD nach wie vor eine unschlagbare Übermacht inne - und ein Nachwachsen sozialdemokratischer Sozialdemokraten in Führungspositionen ist nicht zu erkennen.

Kurt Beck windet sich und wendet und windet sich noch einmal und wendet sich wieder, nur um sich gleich darauf noch einmal zu winden und zu wenden. Eine klare Richtungsvorgabe ist von diesem Manne nicht mehr zu erwarten - und Frank Walter Steinmeier steht in den Startlöchern um die Zweckentfremdung der SPD solange wie möglich fortzusetzen.

Dass der Bogen jedoch schon längst überspannt ist, dass es die SPD als nennenswerte politische Kraft in Deutschland schon bald nicht mehr geben wird, diese Vision ist über das Stadium des Albtraums längst hinaus und beginnt in rasender Geschwindigkeit zur Realität zu werden.

Diese Republik braucht keine vierte Wirtschaftspartei
neben FDP, CSU und CDU.

 

Eine Partei, die nicht mehr die Kraft findet, eine Figur wie Wolfgang Clement notfalls einfach abzuschütteln, hat abgewirtschaftet. Sie taugt vielleicht gerade noch für eine Legislaturperiode als Juniorpartner in der nächsten Regierung Merkel...

Was danach kommt, ist Schweigen.

Liebe Mitglieder der SPD,

(...)

Wenn Sie als Sozialdemokraten die SPD retten wollen, dann sollten Sie jetzt endlich beginnen, Ziele zu beschreiben und dazu Termine zu setzen, die den Weg der SPD, zurück zur Sozialdemokratie klar markieren - und Sie sollten sich überlegen, wie sie reagieren wollen, wenn Jahr um Jahr ins Land geht, Termin um Termin verstreicht, und der Kurswechsel ausbleibt.

Was ist eine Partei noch wert,
wenn die Mehrheit der Mitglieder ihren Anspruch,
den Kurs der Partei tatsächlich mitzubestimmen, resignierend aufgegeben hat?

Im Augenblich schwenkt das Pendel der Wählergunst um.
Soziale Positionen gewinnen an Wertschätzung.
Die Zeit für eine neue sozialdemokratische Politik ist da.

 

... aber die SPD kann nur vermelden,
sie stünde dafür nicht zur Verfügung?

Wenn dem so ist, dann ist die LINKE der einzige Weg, über den sozialdemokratische Politik noch möglich ist. Sind ja auch schon viele Sozialdemokraten dabei, bei der LINKEn.

 

Wenn das jetzt weh tut, liebe Mitglieder der SPD,
dann lassen Sie Ihren Zorn bitte nicht an mir aus.

Fordern Sie Ihren Parteichef auf, sich und die Partei klar zu positionieren.
Wenn er das tut, haben Sie eine gute Basis für Ihre Entscheidung.
Und wenn nicht, dann auch.

Nun, Kurt Beck hat sich jetzt endlich eindeutig positioniert.

Worauf warten
Sie noch?


Eine letzte Anmerkung:

Wenn man eine Jagdgesellschaft und einen Tierschutzverein miteinander vergleicht, dann wird einem klar, dass die Jäger, die alle das gleiche Ziel haben, nämlich zu ihrem eigenen Vergnügen eine möglichst große Zahl jagdbarer Tiere zur Strecke zu bringen, sehr leicht hinter dem Vorsitzenden des Jagdvereins zu vereinen sind, wenn es darum geht, ihr Recht auf die Jagd und die Jagdbeute zu vertreten.

Der Vorsitzende des Tierschutzvereins hat es da nicht so einfach. Ein Teil seiner Mitglieder hat gute Gründe dafür, vorzutragen, dass der Mensch überhaupt nicht in die Natur eingreifen, und überhaupt am besten gleich als Vegetarier leben sollte, andere wiederum gestehen dem Menschen zu, sich auch von Fleisch zu ernähren, lehnen jedoch Zootiere ab, noch andere wollen lediglich die Tierversuche der Pharma-Industrie einschränken und noch andere sehen im Pelzmantel die schlimmste aller menschlichen Verfehlungen. Der ewige Streit um das richtige Maß des Tierschutzes scheint unvermeidlich - wahre Einigkeit herzustellen wird daher schon kaum noch angestrebt, und während der Tierschutzverein seine Jahreshauptversammlung abhält und seine Mitglieder sich im zähen Ringen um das Wohl der Kreatur die Köpfe einschlagen, bläst der Hornist des Jagdvereins zur Hatz und eine Schar wilder Jäger knallt alles ab, was ihnen vor die Flinte kommt, selbst tote Treiber werden als Kollateralschaden billigend in Kauf genommen.

So, und nun fragen Sie:

Was hat denn diese Abschweifung noch mit dem platonischen Ideal von Demokratie zu tun?

Gute Frage. Nichts.

Aber genau dieses Theater wird uns als Demokratie vorgeführt. Nur dass es beim Ringen um Mehrheiten und um die von den Mehrheiten eroberten oder zugestandenen Rechte nicht um Rehe und Fasanen, nicht um Kaninchen und Nerze geht, sondern um Menschen und den Ertrag ihrer Arbeit.

Diejenigen, die Beute machen wollen - und als Beute gilt dabei der größtmögliche Anteil am Sozialprodukt, also die vermehrte und beschleunigte Umverteilung von unten nach oben - die sind sich schnell einig und organisieren ihre gemeinsame Jagd - bevor sie sich hinterher und hinter den Kulissen mit Klauen und Zähnen um ihre Anteile streiten.

Diejenigen, die sich ernstlich bemühen, die Dinge zu verstehen, gerecht abzuwägen, auszugleichen und auch die Interessen der Jäger zu berücksichtigen, die können sich gar nicht einig werden.

Die können sich gar nicht einig werden?
Wirklich nicht?

Weil es schließlich immer noch einen Aspekt gibt, der unbedingt berücksichtigt werden muss, bevor man sich festlegen kann?

Oh ihr armen Linken!

Sie könnten sich natürlich einig werden.
Sie müssten nur endlich aufhören, immer wieder auch Jäger in ihren Verein aufzunehmen.

Und die Basis, auf die man sich einigen könnte, gegen jeden noch so aufgeputzten Jagdverein, das können ganz einfach die Menschenrechte sein. Die sind schon festgeschrieben. Da muss man gar nicht mehr diskutieren - man muss sie nur noch durchsetzen - und das ist fürwahr der Mühe wert.



Eine kleine Anleitung dazu habe ich in diesem Jahre auch schon geschrieben, in den Paukenschlägen No. 2, 5, 6 und 8 /2008, oder gleich in der Zusammenfassung in dem Buch "Unsere Freiheit".

 "Unsere Freiheit"


Denken Sie heute, trotz aller aktuellen Aufgeregtheiten, wieder einmal weit über den Tag hinaus!

 

Mit besten Grüßen
Egon W. Kreutzer

 

 

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Reaktionen auf diesen Paukenschlag

An dieser Stelle werden Leser-Reaktionen in der Reihenfolge des Eingangs (jüngster Beitrag oben) veröffentlicht.
Ich behalte mir dabei Kürzungen vor und veröffentliche Reaktionen zum Schutz der Absender grundsätzlich anonymisiert.


Lieber Herr Kreuzer,

Analyse hundertprozentig gelungen und besonders gut auf den Punkt gebracht.

Ich denke schon mein Leben lang darüber nach, wie man die Verhältnisse (in dem von Ihnen beschriebenen Sinn) verbessern könnte, und komme immer wieder zu dem gleichen Ergebnis: Es geht nicht.

Den allermeisten Menschen mangelt es an jedweder Fähigkeit, die politischen Verhältnisse verändern zu können und zu verbessern.
Ich nenne ein paar Details: mangelnder Wille (mir geht es gut); mangelhafte Kenntnisse, wie ein Staat funktioniert; kaum eine Vorstellung, wie er funktionieren sollte; keine Ahnung, wie man etwas ändern könnte; fehlende Prioritätenliste im eigenen Kopf (verhindert dass man sich einigen kann); kaum vorhandene Solidarität; tiefe Überzeugung, dass man sowieso nichts ändern kann, gepaart mit einem kindlichen Glauben, dass "die da oben" es schon richten werden. Intelligenz gehört interessanterweise nicht zu den ganz großen Mängeln (nicht dass genug davon vorhanden wäre, aber gegenüber den anderen Mängeln tritt sie eher in den Hintergrund).

Sehr geehrter Herr Kreutzer,

wus? Die SPD ist eine Volkspartei? interessante These.... Jedenfalls hat diese kleine Randpartei sich jetzt gleich zwei ziemliche Läuse in den abgeknuddelten Pelz gesetzt.

Eine geschichtliche Anmerkung: wir berufen uns auf die Demokratie nach griechischem Vorbild - Super, stimmt doch auch. In den griechischen Demokratien hatten auch nur die wenigen freien Herren eine Stimme und 50.000 Sklaven (ohne Stimme) haben dafür gearbeitet, das diese Herren sich zusammenfinden konnten um ihre Stimme abzugeben und (meist wirtschaftliche und politische) Beschlüsse zu fassen. Die Zahl 50.000 ist jetzt natürlich etwas wahllos - gemeint ist: die Masse der Bewohner, wieviele auch immer es jeweils gerade waren und die meisten waren nun einmal Sklaven. Auch freie Händler und normale Leute, etc. hatten keine Stimme außer sie haben diesen besonderen Bürgerrechts-Status verliehen bekommen - und diesen Status hatte man nicht unterhalb einer bestimmten Einkommensgrenze. Wir idealisieren da ein bißchen die alten Griechen den hie wie da lief es darauf hinaus, daß lediglich vielleicht 2% wirklich ihr Stimmrecht hatten und der Rest hieß Schweigen (um nicht zu sagen "Schnauze halten"). Perikles hätte an unserer Variante seine helle(nistische) Freude gehabt - kleiner Scherz...

Also ich finde, daß wir in einer perfekten Demokratie nach griechischem Vorbild leben: 2% Fettschicht reißen ihr Maul auf und der Rest ist Schweigen - und Sklaven haben wir (nicht nur) im übertragenen Sinne auch genug die dafür arbeiten, daß die wenigen Herren sich das alles leisten können. Und unsere Sklaven sind etwas billiger und austauschbarer als im alten Griechenland da dort Sklaven wenigstens verhältnismäßig gut genährt waren, da sie teuer waren. Damals konnte übrigens ein Sklave auch, wenn es dem Herrn beliebte, den Freibrief bekommen der ihn aus seinem Sklavenstand befreite... bisher die einzige Abweichung die ich feststellen konnte, denn so eine nette Einrichtung haben wir nicht :-)

mit freundlichen Grüßen


PS: ein kleine private Anmerkung zu dem "wus?" - das ist kein Tippfehler sondern im Internet und Chat-Bereich eine Art "was?" auszudrücken und gleichzeitig einen verblüfften Unterton mit anzubringen.

Lieber Herr Kreutzer,
die Dinge nehmen also ihren vorhersehbaren Lauf.
Bleibt nur zu hoffen, dass es den Demokraten im Land gelingen möge, das Volk davon zu überzeugen, dass die SPD, die Partei der Clements und Müllers, niemals WIRKLICH die Interessen des Volkes vertreten hat und dies auch in Zukunft nicht tun wird.
Ob die LINKE dies jemals tun wird, darf mit Recht bezweifelt werden, aber im Moment (noch) steht sie vor der historischen Chance, dies beweisen zu können.
Dafür wäre allerdings neben Klugheit und Weitblick ein schier übermenschliches Mass an Korrumpierbarkeitsimmunität vonnöten. Aber wo soll es herkommen?

Gruss

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